w 3 5* V • ti v- » 11 ta ■tr'"' S"d?»MS o.T.ffl 5a|&gPf3 Unterhaltungsblatt öes vorwärts Nr. 36. Freitag, den 20. Februar. NH4 *] Gplöhslm. Eine La»darbeitergeschichte von I. Skjoldborg. Daß sie ihn auslachen, ist ihm gau.', gleichgültig. Es ist, als sähe und höre er nicht, einerlei, ob sie weinen oder lachen. Er sitzt, als wäre er der einzige Mann im ganzen Zimmer. Dann klappt wieder der Deckel des Bierkrugs: mau klopft auf den Nand der geleerten Schüsseln, und das Küchen mädchen erscheint mit einer neuen Auflage. Mit ihr zugleich schlüpft ein kleiner Glinge in die Leute stube. Er scheint hier wohlbekannt zu seiil und gewohnt, bald hier, bald dorthin zu gehen, wie es ihm beliebt~ gleich Hunden und Katzen. Mit seinen rauhen Händen, seinen ge- flickten Kleidern und seinem Brotbeutel, den er wie die Er- ivachsenen in einem Schulterriemen trägt, sieht der kleine Kerl genau so aus, wie die verkleinerte Ausgabe eines Gyld- holmer Häuslers, der von seiner Arbeit kommt. Zumal ivenn er mit vernünftigem Gesicht schwerfällig und ungeschickt mit eingeknickten Knien in seinen großen Holzschuhen über die Diele schreitet. Das ist Klein-Eiler vom Schneckenhans. Er hat schon angefangen, allerlei Verrichtungen auf dem Gut auszuführen, wo sein Vater und seine Mutter ihr Leben lang gearbeitet haben. Eiler legt die Arme ans den Tischrand und stellt den rech- ten Fuß auf den linken Holzschuh, um besser die Figur be- trachten zu können, die der eine Knecht in die Tischplatte schnitzt. Er steht und schaut mit bewundernden Augen zu. Dann fragt der Knecht:„Wo ist denn Dein Vater in dieser Zeit?" „Er trinkt in diesen Tagen... Soll das Schiff nicht auch noch ein Segel haben?" Eiler zeigt mit seinem kurzen, dicken Finger, dessen Nagel ganz im Schmutz vergraben ist, auf die Schnitzerei. „Was sagt nu Deine Mutter, wenn er trinkt?" „Das weiß ich nicht—" „Haut er?" „Nur, wenn er wütend ist... Kannst Du auch einen Mann ausschneiden?" „Ja— Hai" „Was fiir'n feines Messer Du hast!" Eiler wischt sich die Nase und schnüffelt und beobachtet mit großen Augen den blanken auf dem Horngriff eingelegten Messinganker. Nach einer Weile fragt der Knecht grinsend:„Ist es wahr, daß der Verwalter koinnit und bei Deiner Mutter liegt?" „Das weiß ich nicht." Eiler trabt still nach dem anderen Ende des Tisches, wo zwei Knechte sich gegenseitig von der Bank zu schieben suchen. Jetzt, wo sie mit der Mahlzeit fertig sind, beginnen sie nämlich zu spielen. Doch Per Holt sagt— und jeder muß es hören, wenn er spricht, denn er bat eine durchdringende Stimnie:„Ich könnte meiner Seel' noch Krug und Schüssel mit auffressen, so hung- rig bin ich!" „Dann nur immerzu!" kommt es trocken und ganz lang- sam ans jiem Mund des Schweinehirten, der endlich den letzten Bissen geschluckt hat und sich nun den Mund wischt. „Was— bist Du noch lebendig, Michel!" lacht Per. Anders beißt ein Stück Kautabak ab und wirft da- zwischen:„Du kannst Dir ja ein Schweineohr hinterher leisten." „Pfui Teufel!" Per spuckt, als hätte er eine Kröte ini Munde. Einer der jungen Knechte, der schlaff und schlaftrunken dagesessen, wird plötzlich lebendig und fragt, wer ein Sch>vei»sohr mit einer Kartoffel treffen kann. Und nun wird geworfen. Schlag ans Schlag und Schlag auf Schlag klatschen die Kartoffeln gegen die Wand, die nach und nach mit Kartoffelmehl überklebt wird, während die Neste nach allen Seiten Herabriesel». Darüber lacht Klein-Eiler. Das Küchenmädchen öffnet die Tür und ruft ihn. „Kannst Du hierher kommen zu mir, Klein-Eiler?" sagt sie freundlich. „Na— sollst Du nun die Brust haben!" bemerkt einer lachend. Doch Eiler folgt schnell dem Küchenmädchen. „Sollen wir denn jetzt zu den Mädchen raufgchen?" sagt Per Holt, zieht die Hose hoch und wiegt die Schultern. In diesem Augenblick tauchen eiu paar Knechte ans Fölling auf. Sie möchten gern mit hineinschlüpfen. Sie haben Branntwein in der Tasche, denn sie wissen ganz gut, was es einen Fremden kostet, in die Gpldholmcr Spinnstnbe hineinzngelangen. In der Spinnstube, wo schon die Ofenwärme eine ge- wisse Gemütlichkeit erzeugt, lassen die Mägde ibr Mundwerk laufen. Sie schtvatzcn und kichern. Trotzdem sitzen sie nicht fest auf dem Platze und lauschen gespannt— als erwarteten sie, die Schritte der Knechte auf der Treppe zu hören. Und als die vielen Holzschnhe wirklich zn donnern beginnen, ver- pflanzt sich der Schall weiter, wie ein elektrischer Schlag. Eins ganze Anzahl junger Knechte mit kräftigen Gliedmaßen schlüpft durch die Tür, was auf die Mädchen ungefähr ebenso wirkt, als kitzele sie jemand unterm Kinn. Ras Buus ist auch darunter. Er setzt sich an den Ofen und schaut mit seinen unruhig hin und her flackernden Augen nach Sophie. Sophie ist zierlich gebaut, eigentlich hübsch, mit regel- mäßigen Zügen, hellblond und mit guten Augen, die einen zärtlichen Ausdruck haben, als wandere sie fortgesetzt im LiebeSransch. Ihre Bewegungen sind weich, und entweder ist sie träge oder auch sie bewegt sich so, weil sie augenblicklich schtvangcr ist. Sophie gehört Per Holt, und sie verkehren miteinander wie Mann und Frau. Doch Ras kann seine Augen nicht von ihr wenden. Spricht sie mit ihm oder schaut sie ihn nnr an. dann fahren seine Augen wie wild umher, was sowohl sie. als auch alle anderen amüsiert. Und darum tut sie eS nicht so selten. Erst sind die Knechte unruhig, trippeln, stehen bald auf dem einen, bald auf dem anderen Bein, heben sich auf die Fußspitzen, schlagen ein Bein übers andere. Und namentlich die Pfeifenschläuche krümmen und drehen sie über Gebühr. Sie wiegen sich in den Hüften, wippen mit den Knien und halten die Waden straff. Dann beginnen die Augen zu blitzen und Knechte und Mägde stoßen und puffen sich gegenseitig. Und nach und nach tönt aus den Winkeln der Spinnstnbe ein Flüstern und Tuscheln und Schwatzen und Kichern mit einzelnen kleinen Schreien unterniengt, bis die Luft warm genug ist, um allerlei Worte zuzulassen. „Hör', Annakatrin!" sagt ein blondhaariger Knecht zu einer kleinen, lachenden, stumpfnasigen Dirn.„Willst Du nur nicht diesen Knopf hier festnähen— sonst helfe ich Dir ein andermal auch nicht." Sie lacht, daß ihr ganzes Zahnfleisch sichtbar wird. Er kitzelt sie am Halse, während sie näht, und sie sticht ihn dafür mit der Nadel. Annakatrin ist immer in Bewegung. Sie kneift Per Holt in den großen Zeh. Er packt sie mit seinen starken Armen und blickt sie mit den schwarzen, unter zusammen- gewachsenen Brauen funkelnden Augen an. Sie läßt es ruhig geschehen, und doch sitzt Sophie daneben und stopft Per Holt» Strümpfe. Dann läuft Annakatrin hin und setzt sich auf Ras Bims Schoß. Doch er stößt sie fort:„Du, laß das! Du. laß das!" „Willst Du gefälligst meinen Liebsten in Ruhe lassen, Annakatrin!" scherzt Sophie. Tie Leute aniüsicren sich darüber. „Nim sollst Du meiner Treu die Katze greifen, Rast" ruft Per. Ras schaut stnmpfsinniq auf und sagt nur in einem fort: „Du. laß das! Du. laß das!" lliid die ganze Spinnstube will sich ausschütten vor Lachen. Doch Stine Kolds scharfgcschnittenes, herbes Antlitz ist ohne Lächeln. Sie sitzt da. als sei sie eingehüllt in unnahbare Keuschheit. Juzwnchen wandert Annakatrin von Pand zN Hand, 1o daß ihr strähnige» Haar schließlich ein unenttvirrbarer Wust ist. Doch ste lacht unter diesem Wust hervor und endet schließ- Iroj bei dem hellockigcn Kuccht, mit dem sie bald darauf in Schlafziiiiiner verschwindet. 9fm Fenster drüben stehen ein Knecht und ein Mädchen «llei». Sie hat ihr Talglicht an die Fensterbank gedrückt und Je beugt sich über seinen kranken, geschwollenen Finger, von em sie vorsichtig den Leinwandverband löst. Er stöhnt mit verzerrtem Gesicht und flucht. Doch sie lockert den Verband immer mehr, und ihr leises Sprechen klingt beschwichtigend und beruhigend. Der bläuliche Nagel liegt ganz lose in einer gelblichen Masse, und der dicke, entzündete Finger zittert wie vor Kälte, »Iß er ihn ausstreckt, während sie den heißen Verband holt. Ningsumher im Zimmer wird gespielt und gekost. Um Maren bemühen sich zwei: Nis und«in Fallinger Knecht. Sie ist groß und blühend. Ihre Wangen glühen in «ineni seinverzweigten Netz blauroter Adern und ihre Augen funkeln in starker Sinnlichkeit. Es ärgert Nis, daß sie dem Fallinger Knecht den Vorzug gibt, und darum sagt er spöttisch:„Neulich abends warst Du weniger kihlich, als ich bei Dir war." «Du bei mir, das ist Lügel" „Was heißt das, Du Schlampe!" NiS runzelt die vrauen. „Jawohl— denn ich war ja bei Dir." Sie lacht laut ans. Das tun die anderen auch. Mit Ausnahme von Ras. Seine Augen funkeln. Denn Sophie neigt sich zärtlich über Per Holt, der in der Ecke siht und den Arm um ihren Leib geschlungen hat. Während so überall laute Fröhlichkeit herrscht, geht die Tür auf, und ein Weib schreitet durch das Zimmer. Es ist Mall«: sie befindet sich im lchtcn Stadium der Schwanger- schaff. In der Spinnstube herrscht einen Augenblick lautlose «tille. Sie uimmt etwas ans einer Kommodenschnblade und geht wieder. „Ach, das arme, dicke Ding!" sagt Sophie mitleidig. „Es kann fürwahr jede Stunde losgehen. Und dabei ist so wenig Stroh in ihrem Veit!" „Nun, dafür wissen wir Rat!" sagen ein paar junge fliinke Knechte und springen auf.(Forts folgt.) Operation. Tagebuchblättcr ans dem Krankenhaus. s Schluß j VonNobcrtNc inert. WcchfcwoNe Wochen vergehen. Körper und Acrzie bleiben Tieger.— Ans de» Spaziergängen im Garten, in den weiten, luftige» Korridoren, im GesellschaftSraum lernen sich die Kranken kennen, besuchen einander auf den Zimmern, sprechen sich au». Wieviel körperliches Elend, von dem der Gesunde draußen keine Ahnung hat, wieviel bewundernswerte ärztliche Kunst!— Der Bäckergeselle und der junge russische Fürst sind bei mir zu Gaste. Der Bäckergeselle erkundigt sich in seiner stillen demütigen Art, -sv Westfalen weit sei, ob man dort billig lebe, ob es schön sei und »d dort gute Menschen wohne». Cr hatte da einen Bcitcr und möchte i» ein paar Tagen nach seinem Austritt aus der Klinik hin. Der gute Kerl weiß noch nicht, daß er in ein paar Tagen auf dem Operationstische liegen wird. Der bereits schweroperierte junge Russe sucht uns mit übertriebenen lebhasten Gesten, die den Taub- Emme» eigen sind,— auf dem Boden knieend— die Tragödie nc» Lebens verständlich zu machen. Der Vater ermordet, seine, Z SohncS Mission, an dcni bochgcstclltcn Meuchelmörder nach dessen Freilassung aus dem Gefängnis blutige Rache zu nehmen. Tr hebt zähneknirschend acht Finger in die Höhe— in acht Jahren ist eS so weit.— Mit offenem Munde starrt der Bäcker in das unheimliche Temperament einer ihm fremden Welt. Vom Korridor schallt ptöhHch eine helle Stimme in die Zimmer und Säle.„Der Stabsarzt, der Stabsarzt!" sagt einer zum anderen, als wenn er ihm etwas LiebeS, Freudiges sagte. Ein warmes Gefühl der Dankbarkeit und Freundschaft huscht über tedes Gesicht. Tie lieben ihn alle. Der Lehrer, der Tapezierer, der Elfenbeinschnitzer, der Redakteur, der Ziegeleiarbcitcr, der Doktor, der Schneider und loa» sie noch alle sind. Er hat für jeden einen guten Blick, ein freundliches Wort. Er bringt zu jeder Stunde Leben und Licht. Sein frisches, sieghaftes Lachen klingt wie Musik in der eintönigen Gcsctzmäßigkeit des SpitallebeuS. Sic wissen olle, ex«»»yezcichucier Arzt und und Operateur ist, dazu ein feinfühliger, liebenswürdiger Mensch. llird alle sprechen sie in den höchsten Tönen von ihm, so wie man von seinem Wohltäter spricht. Der junge Russe und der Böcker- geselle haben eilig mein Zimmer verlassen. Keiner versäumt die Gelegenheit, ihm zu begegnen. Ich stehe an dem übergroßen Fenster meines Zimmers und sehe, wie der Herbstwiicd schonungslos die letzten Blätter vo» den Bäumen reißt. An einem heißen Sommertage tvar ich gekommen. Und Ivie so oft in diesen Tagen— abgeschnitten von dem Toben der Welt— suche ich mein Leben zusammenzustückeln. Aber ich kann es nicht. I» diesen Mauern erhielt c8 eine Bresche. Zwischen dem Augenblick, da ich unter der Chloroformmaske das Bewußtsein verlor— bis zu dem Laut menschlicher Stimmen, der mich er- wachen ließ, ist etlvaS, das ich nicht einfügen kann. Herausgerissen auS meinem Erdendasein liegt cS— ein Edelstein von unbeschreib- lichcni Wert— stillos und fremd auf einem schlichten graue» Kleide— Meine Phantasie sucht nur zaghaft, mit einer Art ge- heimiiwvollcr Furcht, die Welt auf, der ich im Zustand der Narkose angehörte. Gleichsam, als ob es sich um einen Bereich handelte, der nicht für menschliche Dimensionen bestimmt ist. Und nur ein starker WissenStricb, unstillbare Neugierde kann die sonderbare Scheu, das Zittern in mir überwinde»— vor Jenen rätselhaften Augenblicken, die das Erhabenste meiner bisherigen Lebenseindrücke sind. Ich habe mir vorgenommen, sie, so sehr sie mich auch immer wieder erregen, einfach und schlicht— ohne jeden Ueberschtoang— zu erfassen. Nur dann können sie mir in der kristallenen Wahr- hastigkcit, der ich nicht bis ans Ende meiner Tage verlustig gehen möchte, erhalten bleiben. Denn das ist das Wunderbare dabei: nicht schemenhaft, nicht erlogen, kein Traum ivar dieser Zustand. Am Traume hängt alle irdische Beschwerlichkeit, der Traum wieder. holt Erscheinungen, Vorkommnisse auS der Wirklichkeit oder aus der Phantasie— wenn auch tausendfach variiert, märchenhaft, ver- rückt. Der Mensch, das Leben, die Welt erscheint im Traume in unerreichbarer Schönheit, Häßlichkeit, Größe— in jeder möglichen Richtung gleichsam karikiert. Wenn also auch durchaus nicht mit der Wirklichkeit identisch, geben beim Traum doch existierende, irdische GeftchlSzusammenhänge den Ausschlag, die Bedeutung. Dies hier hat nichts mit Traum oder Rausch zu tun. Neue, von: Körperlichen unabhängige Empfindungen— Gesichte von so unerhört klarer, bestimmter Eindringlichkeit, daß sie aufhören, Ge- sichte zu sein, erkannt, respektiert in voller Deutlichkeit als etwas einer anderen Wirklichkeit Angehörendes, dort mit uns, in uns Lebendes— dazu ein wundervolles Gefühl der Bewegung— mit keiner anderen Betwgung im cntferntcsteii vergleichbar. Man fliegt dahin— ins Unendliche— sicher, furchtlos, majestätisch. Körper- los— ohne jede Zeit- und Raumvorstellung. Dieser Zustand ist nicht süß, nicht paradiesisch— eher frei, groß, mächtig,— obgleich man sich dessen nicht bcloußt ist. Ohne Erstaunen, ohne Betvnnde- rung hat man plötzlich von etlvaS Selbstverständlichem, einem Zu- kommendem Besitz ergriffen!—--- Man hört und sieht niemand und nichts— und doch ist es, als ob einem in den unermeßlichen Weiten nichts entginge. Man ist allein— hat keine Nächsten, keine Freunde, keine Angehörigen, auch nicht die Vorstellung von ihnen— und doch ist man wie von wärmender Liebe erfüllt. Man fühlt sie aile! Sie müssen da sein, irgcndlvie mit uns vereinigt. Spreche ich von Gefühlen, die im Bereich des Pantheismus liegen? Nichts liegt mir ferner. Ich versuche redlich, meinen da- maligen Zustand in mein irdisches Begriffsvermögen zu übersetzen. Ich spüre, Ivie ich dabei jeden Augenblick auf Widersprüche stoße. Ich möchte die einfachsten Worte wählen— aber die Erinnerung reißt mich gebieterisch zu den Superlativen. Sie springen in gro- tesker Eilfertigkeit an die Erklärung dieses Unerhörten. Und jedes Bild zerrt eS auf ein abscheulich kleines menschliches Niveau.— Alle unsere Begriffe haben hier ihre Bedeuiung verloren. ES ist, als hätte man das Wesen der Unendlichkeit plötzlich er» faßt. Man ist in ihr, mit ihr, man ist selbst die Unendlichkeit. In einem Meere edelster Wonnen, gigantischer Größe, schrankenloser Freiheit— da— da— ivaS ist. das?! Em jäher Ruck, wie wenn die Gondel cincö Luftballons auf die Erde schlägt. — Ein ungewohnter Laut, mißtönend.— Jetzt höre ich cS deutlich— eine menschliche Stimme ruftl---- Ich will nicht II Laßt mich II Ich will nicht! I— Roh, aufdringlich, rücksichtslos ist dieser Eingriff. Alles in mir sträubt sich gegen die Rückkehr in das alte Leben Poll Häßlichkeit und Qual.— Noch bin ich wie von einer unsichtbaren Hand zurückgehalten— aber im nächsten Augenblicke hat mich ciwas Stärkeres in einem gclvgltigcn Sprunge her- übergerissen zu ihnen, die eben zu mir sprechen. Müde öffnen sich die Auge»— die Hände regen sich unter freundlichem Druck— und schon bin ich erdenhaft Und klein. Ein leises Glückögefühl zieht durch meinen Körper. Dies also ist das Evivachen aus der Starkose.„Glücklich überstanden." Ich werde wieder gesund! Welche Freude, daß ich wieder unter Menschen bin! Ich sehe sie erstaunt an und höre andächtig ihre Stimmen. Wie gut und edel erscheinen mir alle. Gerührt drücke ich ihnen die Händel„Glücklich überstanden!" Alle meine Lieben werde ich wiedersehen! O, und was tocrde ich leisten, jetzt, da ich meine Ge- fundheit wieder habe l Schon regen sich Hoffnungen, Pläne— der Ehrgeiz peitscht mit den ersten Hieiwil den eben dem Tode entronnenen Körper. Einem Märchen gleich ist das rätselhafte Land eines kurzen Glücke» fortgezogen. Ist\)\tc V\t �'(ovU, Vxe«.rttw loom'ic'oe VtiirwH%'u\) Schritt Auviel ciit�chcibct. Bon dcr Nchtsnmlett dcb narlottste-renbrn Nr�teS, von«in paar Tropfen Chloroform, von den Funktion«". deines HerzenS, von irgendeinem Zufall hängt es ab, od Du jemals wiederkehrst. Dil stehst an der Schwelle. Ast eö aber der Tod, dann könncn wir ihn willkommen heihen — als lieben Gast. Er ist verschrien als heimtückischer HenkerZ- knecht, bielleicht ist er in Wirklichkeit ein liebenswürdiger Rcisc- marschall. Während sie uns den Leib aufschneiden, Glieder ab- sage», Knochen ailfftemmen, Eiter auskratzen,— läßt er uns durch Wcltcnräuine wandeln.——— Der Wärter hat mir alle meine Sachen zurechtgelegt: der Tag de? Abschiedes ist da. Ich will es still und unauffällig machen. Jeder Gehende weckt trübe Gefühle in vielen Zurückbleibenden, weniger Glücklichen. Ten Koffer in der Hand schleiche ich durch den weile» Korridor.— An der Treppe, die zum Operationssaale führt, sehe ich noch einmal den Stabsarzt in seinem weihen Kittel. Bor ihm ein dreizehnjähriger Junge— bleich, mit schlotternden Knien. «Er fürchtet sich so vor der Operation"— sagt die Mutter weinend. Der Stabsarzt nimmt lachend die Hände des Knaben und schüttelt fle kräftig, ohne ein Wort zu sprechen. Aber sein Lachen sagt deut- ick, zu dem zitternden Kinde:„Sieh mich an! Na, sich mich doch an! Sehe ich ans, wie einer, der Dir was tut?" Er befühlt, gleich- }am mit Geringschätzung, den Schaden und lacht wieder:„Das ätzchen, das Du da hast, macht Dich furchtsam? TaS ist ja Kinder- spiel für uns beide! Das kriegen wir, mein Guter!" Ermutigt, entschlossen geht der Junge die Treppe hinan. Einen Augenblick sieht ihm der Arzt ernst, mitleidig nach, dann gibt er dem Wärter sachliche Anweisungen für das Kommende. Er erblickt dabei mich, reicht mir die Hand und wünscht mir gute Reise. Ich loeth fem Wort des Dankes mehr zn sagen— ich würde am liebsten d>e Hand, die so sicher mit Meitze! und Hammer menschliche Schädel staltet, küssen. Der verhängnisvolle /toker. Die Geschichte eines SpictzcrkriegS. Halbwegs zivischcn Trier und Koblenz liegen an der Mosel einander gegenüber zwei Städtchen: Traben und Trarbach, seit einigen Jahren zu einer Gemeinde vereinigt. Beide waren bis dahin alte gemütliche Nester, sind aber mittlerweile durch den Auf- schwung des Weinhandels und durch die Ausnutzung des heil- kräftigen Wildbades zu kleinen Hochburgen des Kapitalismus gc- worden, in denen die bekannte Mischung von reichen Besitzern und mehr oder weniger proletarisicrtei» Küfern, Tagelöhnern usw. herrscht. Es ist noch nicht anderthalb Jahrzehnte her, da wurde die bis- hcrige Art der Verbindung zwischen beiden Orlen, die Fähre— oder Parte, wie man dort sagt— durch eine grotze, schöne Brücke ersetzt. Schon vorher waren allerhand gemeinnützige Einrichtungen wie Post, elektrisches Licht und dergleichen von Traben-Trarbach gemeinsam betriebe» worden. Dann kam wie gesagt, die Brücke, und schlietzlich die langersehnte, aber i.iug bekämpfte Ein- !iemeindung Trabens— denn um eine sillche handelte es sich tat- ächlich, iveiin auch diese Bezeichnung offiziell vermieden wurde, um den Lokalpatriotismus der Trabener zu schonen. lieber die Vorteile dieser Vereinigung für beide Ortschaften ist kein Wort zu verlieren. Ebensowenig wie über den Nutzen, den schon vorher die gemeinsame Verwaltung und Unterhaltung dieser oder jener Institutionen den Bewohnern beider Orte ge- bracht hatte. Aber dennoch hatte sich im selben Niahe, wie die kommunale Annäherung fortschritt, eine gewisse Feindseligkeit ! wischen den beiden Orten entwickelt und vergrößert. Warum, ist chivcr zu sagen. Die Trabcner schoben natürlich die Schuld auf äe Trarbacher— und umgekehrt. Man gelaugte soweit, datz man Charakterunterschicde zwischen der Bevölkerung beider Ufer fest- stellte, wobei jedes Ufer seine Anwohner als die tapfereren und intelligenteren, die des anderen Ufers aber als die roheren und blöderen bezeichnete. Schon jahrzehntelang tobte ein eifersüchtiger Kampf. Die Regierung hatte oft Mühe genug, Gerechtigkeit walten zu lassen. War i» Trarbach von alterSher die höhere Schule, so bekam Traben die Eisenbahn und das Hauptpostamt. Dafür lag dann wieder die höhere Mädchenschule in Trarbacki, bis später die Trabener das Uebe--gewicht erlangten und sie zu sich herüber zogen. Die beiden höheren Schulen sind wichtige Momente für das Verständnis deS bitteren Hasses zwischen Traben und Trarbach. Denn die Führer auf beiden Seiten waren von jeher eine Hand- voll sehr begüterter und einflutzreicher Leute, die schon wegen des Echulweges ihrer Kinder ein Interesse an der Lage der Schul- lokaliläteu hatten. In solchen Nestern, die lange Zeit von keinem frischen Luft- «ug erreicht wurden, gedeiht natürlich der ödeste Materialismus, schlecht verhüllt durch vereinzelte sogenannte Bildungsbcstrebungen, vie halb der Mode, halb dem Unlcrhaltungsbedürsnis entspringen und natürlich ganz allein den Besitzenden zugute kommen. Die Koniorarbeit dieser Weinhändler ist begreiflicherweise selbst bei den geringeren Köpfen nicht imstande, die geistigen Bedürfnisse zu befriedigen. Es bleibt der Drang, sich irgendwie auf höheren Ge- bieten zu betätigen, und da boten sich vor allem die lokalen Par- UvnvtvAe, btt SV\xvo man ihn zunächst wieder hin- geschafft hatte, nicht sicher genug schien, legte mau ihn anderen Tags� un �Rathaus nieder. .«ss, Traben passierten unterdes schlimme Dinge. Man maß dem Burgermeister die Sckuild an der gelungenen Entführung bei, 0~mCr iei!} Eingreifen wohl verhindert haben würde. Die Bo.isscele kochte über, und ein Mann versuchte den Bürgermeister 3li erschießen. Zum Glück ging die Kugel daneben; und der ber- staudige Bürgermeister sorgte dafür, daß sich die Angelegenheit vor Gericht als ein bloßer Zufall entpupptet »~ w Regtcaiiifl aber hatte die Sache satt. Patriotismus ist gut, dachte sie, aver er muß ei» würdiges Dbjekt haben. Der „lnker nuu ging erstens, im Gegensatz zu Marokko, niemanden in tD cur 1 atla no cl loa s an— und zweitens hatte er, im Gegenteil Zu Sudwcstafrita, keine Milliarde und keine Million, ja überhaupt nicht» gekostet. War der Anker also ein würdiges Objekt? Er war kein würdiges Objekt. Daher griff die Regierung energisch ein und stellte eine Ark Ultimatum Nach einigem Ileberlegeu dekreti«te der unschuldia- schuldige Berschöuerungsvereiu. daß der verhängnisvolle Anker in Stücke geschlagen und einer Gießerei übersandt werde. Und s« geschah es. Die Feindschaft aber zwischen den beiden Orten dauert noch an, und wenn die Trabener nicht das Trarbacher Sängerfest besuche», so ignorieren die Trarbackter da» Traben« Kriegerfest. R. F. Kleines Feuilleton. Die Wahrheit über die Schatzschiffe von Big». Bor einigen Tagen machte der„TempS" die Miileilung, daß zurzeit wieder ein« Expedition ausgerüstet lvird, deren Ziel es ist, die in der Bai von Vigv versunkenen spanischeii Schatzscbiffe zu suchen und die angeblich in den Tiefen des Meere? ruhende kostbare Ladung zu bergen. Be« kanutlich zerstörten die Engländer im Jahre 1702 im Hafen von Big» die große spanische Silberflolle. Nun ergreift in dieser Angelegen« heit mit einer interessanten Zuschrift der französische Konsul iii Stuttgart, Robert Armez, das Wort, um diese immer wiederkehrende und anscheinend nnailSrottbare Legende von den in der Bai von Bigover« lunkenen Millioiienschätzeii zu zerstören. Armez war jahrelang in Big» Konsul und benutzte seine Mußestuiideii, um durch ein eingehende» Studium der Archive und der noch erhaltenen zeitgenössischen Doku« mente der Frage der Schntzschisse mif den Grund zu gehen. Aus dem von dem Konsul gesammelten dolumentarischen Material ergibt es sich, daß die berühmten, aus Amerika gekominensn Silber-»nd Goldschätze längst gelandet waren, ehe George Rook« die spanische Flotte angriff. In der Tat lagen niehrere Monat« zwischen der Ankunft der Schatzschiffe in Bigo und der am 22. Sep« tember 1702 erfolgten Vernichtung der Flotte. Die ganze kostbar« Ladung war damals längst ans Land gebracht; eö gab sogar langwierige Verhandlniigen mit der Stadt Eadix, die damals ein Privilegium des Handels mit der neuen Welt hatte und gegen die Ansladiing der Schiffe in Vigo protestierte. Die Angelegenheit wurde vor den Rat von Eastilieu ge- bracht und nach langeu Verhandlungen wurde dann beschlossen, die Gold- und Silberschätze sofort in Bigo zu landen; die Ladung au kostbaren Edelhölzern, die die Schiffe außer dem Metall noch an Bord führten, sollte dagegen nicht gelöscht werden: es war borge» sehen, daß die Schiffe nach der Ausladung des Goldes und de» Silbers nach Eadix gehen sollten, um dort ihre Edclholzladnng an Land zu bringen. In den Bürgermeisterämtern der in der Umgebung von Vigo liegenden kleinen Gemeinden sind noch Herne die NeguisiiionS- scheine über die Maulesel und Wagen erhalten, die damals von den Gemeinden gestellt werden mußten, um die Schätze nach Madrid zu überführen. Die Lokalchroniken berichten dann, daß die Edelmetall« transporte niemals Madrid erreichten: sie wurden ans der Reis« ausgeplündert, entweder durch die Bewohner von Redondela oder mit Hilfe der Beamten und Fuhrleute, die den Transport auszu- führen hatten. Den Räubern Ivar es höchst willkommen, daß in- zwischen die Schiffe in der Bai von Vigo untergmgen: sie machten sich diesen Umstand zunutze, um auSziistreuen, daß die Schätze noch an Bord waren und mit iu die Tiefe gesunken wären. Darau» entstand dann die Legende der versuirkenen Schätze. In Wirklichkeit kennt man die Lage der untergegangenen Schiffe sehr genau und hat sie stets gekannt: sie liegen an einer bestimmten Stelle einer schmalen Wasserstraße in einer Tiefe von nur 8—10 Metern in schwarzem Schlamme. Das Wasier ist hier nicht durchsichtig, IvaS die Arbeiten erschwert; trotzdem ist es schon mehrfach gelungen, allerlei Gegenstände aus den versunkenen Schiffen zu bergen: Anker, Kanonen, Ketten, Holzstücke und selbst einen silbernen Teller. Wenn auch vereinzelte frühere Versuche zur Ber- gung der Schatzschiffe in gutem Glauben unternommen wurden und ernsthafter Natur waren: nur allzu viele der in England und in Amerika begründeten„Bergungsgefellschaften" wollen viel weniger in der Bai von Vigo als in den Taschen ihrer Aktionäre Schätze graben. Heilkunde. Der Mann mit dem gepanzerten Schädel. Der „TempS" erzählt von einein fliegenden Blumenhändler, der sich einer gepanzerten Schüdeldecke erfreut. Vor einiger Zeit hatte er sich wegen einer Hirngcschwulst einer Operation unterziehen müssen, wobei ihm der Schädel durchbohrt wurde. Daher war eine weite Oeffnung der Schädeldecke zurückgeblieben, die nur von Haut bedeckt war und fortwährend nervöse Störungen verursachte. Auch war er im Uebermaß den Scherzen seiner Konkurrenten ausgesetzt, die seine verwundbare Stelle wohl kannten. Daher wandte« sich an die Chirurgen der Salpelrivre, die ihn operiert hatten, und diese ließen dem Unglücklichen eine neue Schädelkapscl herstellen. Ein Bildgießer nahm Maß und inittels Galvanoplastik stellte er zwei Schädelhälftcn ans Silber her, deren größte Dicke einen Millimeter betrug und die reichlich durchbohrt Ware», um Luft durchzulassen. Das ganze war überdeckt von einem Haargelvcbe, das in der Farbe den Haaren de» Blumenhändlers glickv Die beiden Halbkugel» wurden über dem Sckädcl des Unglücklichen angebracht, und abgesehen von der ästhetischen Wirkmig schützen sie das Gehirn vor möglichen äußeren _____ Verletzungen. BcranfN). Redakteur: Alfred Wietepp. Neukölln.— Druck u. V-rlag-VorwärtSBÜchdruckcrei u.VerIag«ai!staltPaulSinger«cEo..B-rlinL>V.