Unterhaltungsblatt öes Vorwärts Nr. 41. Freitag, den 27. Februar.:'l4 * Hplöhoim. EineLa nd a rb ettergeschich te von I. S kj o l d b o r g. Er blickt sie ein Weilchen an.„Dann mach die Tür zu, zuin Teufel.„Nolens— nix— pst— fertig!" Sie schreitet wie eine Wachsfigur zur Tür hinaus. „Nolens— nix— pst— fertig!" wiederholt Per »ind lacht. „Ja, ja, einer muß wohl kommandieren, wenn's nicht schief gehen soll!— Prost Du!" Jens setzt sich.„Es ist doch, Gott verdamm' mich, heute Sonntag. Per!" Nachdem die Flasche geleert ist, geht Per— aber nur bis zum gegenüberliegenden Häuschen, wo der große Paul wohnt. Paul sitzt auf einem Stuhl und versucht, seinem Gesicht ein anderes Aussehen zu geben. Maren steht vor ihn: und schilt. Per fragt, was hier los ist.„Ach— er hat drüben beim Noten gesessen und sich vollgesoffen, der Dummkopf!" „Aber Maren— hik— ich bin doch nicht besoffen— so..." „Nein, Du bist nicht besoffen! Stimmt. Du kannst kaum auf Deinen Beinen stehen!" sagte Maren mit einer gewissen derben Gutmütigkeit. „Nolens— nix— pst— fertig!" lacht Per und schlägt mit den Armen um sich. „Na Du bist also auch nicht nüchtern!" Maren kraut sich im Haar und blickt von einem zum andern. Per grinst. „Ja, Du kannst leicht grinsen, aber ich muß sehen, wie ich mit dem großen Menschen da fertig werde!" „Aber Maren— hik..." Paul erhebt sich mühsam. Er ist fast noch einmal so groß wie seine Frau. „Na. Du Klotz! Nu fall nur nickst noch auf den Ofen!" Sie zupft und pickt an ihm herum wie ein Vogel am Baum» stamm. „Aber Maren— ich bin ja gar nicht ganz be— be— be— soffen... bin ich?" „Ob Du bist! Ja, Ihr seid mir nette Brüder!" Sie stößt ihn und zerrt an ihm herum.„Wär' der Klotz doch nur erst ausgezogen." Da steckt Tainmes seinen vornübergcneigten Oberkörper mit dem gedrückten, langnäsigen Kopf zur Tür herein. Er ist blaß und barhäuptig. „Nun hat's Amalie— wieder gepackt!" sagte er atemlos. „Sie sollte Prügel haben!" zischte Maren.„Auf ihren bloßen Hintern, das sollte si'e. Du bist viel zu geduldig, Tammes!" Tammes zuckt die in schwerer Arbeit schief gewordenen Schultern und blinzelt mit den Augen. „Ich habe hier genug mit meinem eigenen zu tun— kannst Dil Wohl sehen!" Sie deutet auf Paul, dessen un- sichere Blicke Tammes Bild aufzufangen suchen. Per tut sehr ernsthaft und sagt:„Ich kenne es vom Kloster her. Da war ein Mädchen, die hatte auch solche Krämpfe. Ich gehe mit!" Er schiebt Tammes halbwegs zur Tür hinaus und wendet sich lächelnd noch einmal um. „Hin!" meint Maren im Selbstgespräch—„das wird Wohl'n schöner Doktor werden, der!" Das Zimmer des Tammes ist gemütlicher als das der anderen. Hier steht sogar eine Kommode mit zwei Porzellan- Hunden und einer amerikanischen llhr mit Schlagwerk. Und an der Wand des kleineil Nebenzimmers, zu dem eine Tür- spalte offensteht, hängen Bilder. Hier sind keine Kinder, das sieht man deutlich. Im Zimmer herrscht eine glühende Hitze. Amalie liegt auf dem Bett und knirscht mit den Zähnen. „Zuallererst frisches Wasser!" sagt Per und knöpft ihr bke Taille auf. „Ja!" anlwortet TammeS und trippelt zwecklos hin Und her. „Aber direkt aus dem Brunnen!" Sobald Tammes draußen ist, faßt Per sie an, wie er Weiber anzufassen pflegt, bei den?» er sich einschmeicheln will. I Amalie schlägt die Augen auf; sie sind dunkel und glänzend. Ihr prachtvolles Haar hat sich gelöst. Jin erstes Äugenblick ist sie scheu, aber Per nimmt sie sanft in seine starken Arme. Sie schaut die junge, kräftige Gestalt an, wie sie sich über si'e beugt mit dein dreisten Blick unter den zu« sammengewachscncn Brauen, so grundverschieden von den? furchtsamen, zahmen Ausdruck ihres Mannes— und sie lächelt. Er küßt sie. Das Ganze vollzieht sich mit blitzartiger Geschwindigkeit. Wie Tammes mit dem Wasser erscheint, schließt sie die Augen. Amalie erholt sich gleich. Sie keucht nur noch etwas. während sie umhergeht und Kleinigkeiten im Zimmer ordnet. lieber ihrer Gestalt liegt etwas Feines, als bliebe sie von Arbeit verschont. Per muß dableiben und mit ihnen Kaffee trinken. Beim Fortgehen dankt ihm Tammes herzlich. „Ach nein— ich danke selber. Da? ist ja so ein Zufall. Und sollte es wieder vorkommen, dann... schick nur nach inir!" Als Per um die Hausecke geht, lacht er vor sich hin und tritt mit seinen neuen Stiefeln so derb in den Straßcnschimitz. daß er hoch aufspritzt. Dann pfeift er sein LieblingSlied: „Wer seinem König dienen kann Voll Tüchtigkeit und Mut..." Er komint an JakobuS Wohnung vorüber und auch hier muß er hineinschauen. Singend tritt er zur Tür herein. Jakobns, der anS- gestreckt auf dem Bette liegt, blickt auf. „Du bist wohl in der Stadt gewesen. Per!" „Jatnohl— und nun Hab ich den Kontrakt unter- schrieben!" „Das war vernünftig. Per!" Jakobus erhebt sich und entfernt Daunen und Strohhalme, die in Löchern und Flicken seiner Kleidung hängen geblieben sind. Dann wirft er sich in die Brust.„Ja, man hat sein Gewisses— und Wohnung und Feuerung I" sagt er, als bekleide er ein wichtiges Amt. Und der kleine, runde Kopf wackelt hin und her. Per steht da, als wolle er wieder fort. Es ist eine Un» ruhe über ihn gekommen, als müsse er irgendetwas erleben. Er will überall hinein und hat doch nirgends etwas zu tun. Doch da fängt Bolette an, ihr Mundwerk laufen zu lassen:„Nun hat Sophie wohl endlich den Dreck aus der Wohnung rausgekriegt, nach diesem Saumensch von Weib. das Kutscher Niels hat... Daß so eine drei Jahre auf dem Schlosse gedient hat— na, sie gehört ja zu denen, die schön tun und sich einschmeicheln können, wenn sie wollen. Aber eiee Sau wie die gibt es wohl nicht in den nächsten acht Pastoraten und zehn Gemeinden— ohje!— Gott sei Dank. nun sind wir sie los! Und nun kann sie ja im alten Forst- Hause Herumschweinigeln, so viel sie will: wir andern brauchen es wenigstens nicht mebr mit anzusehen." Wie um ihren eigenen Neinlichkeitstrieb zu veranschau- lichen, ergreift Bolette einen Hühncrflügel und fegt damit die Ofenplatte, daß Staub und Asche sie wie eine Nebelwolke ein- hüllen. Umwallt von dieser Wolke, die Hände in die Seiten gestemmt, fährt sie fort:„Und stehlen. daS konnte sie auch. Du weißt es ja. Wie ein Rabe! Dock dabei hoch heraus... Ihr Mann ist ja Materialkutstl�r. als ob das etwas Be- solideres wäre— ha! Aber unsereiner kann sich kaum neben ihr blicken lassen! Und dann dies Mundwerk! Immer daS letzte Wort— immer die Klügste, und dabei ist cS so bettcl- arm. daS Volk. Und nicht einmal ihre eigenen Strümpfe mochte sie stopfen." „Nolens— nix— pst— fertig!" fällt ihr Per in die Rede und lacht übers ganze Gesicht. Einen Augenblick hält sie iilne. wie wenn ein Wagen in voller Fahrt arif ein Hindernis stößt. Doch sie holt nur tief Atem, während sie ihn anblickt und fährt dann weiter fort: „Armer Mann, der mit so einem Weil'sbild sich rumschleppen muß. Und si'e war es ja auch gar nicht, die er eigentlich haben wollte. Stehlen tut sie und stehlen muß sie. und wäre die Gnädige nicht so gut, wie sie ist. dann säße sie jetzt iiu Znchthause, so wahr ich hier als Sünder vor Gott stehe" Plötzlich wird Bolette von einem von drmihen he rein- dringenden Gernusch unterbrochen. Alle lauschen. „Gott ini Hiuvmel, was ist denn dasl" sie stürzt hinaus, den Hühnerfliigel in der Hand. Es ist des roten Jens' Peter, der Jakobus' Schwein herausgelassen hat. In Peters Heiin ist der Schweinestall schon seit undenklicheil Zeiten leer gewesen, darum ist er hin- gegangen, um Jakobus' Schtvem mit einem Stock zu krauen, und zu öffnen. Nun fährt das Tier hin und her zwischen Kisten. Eimern Und den nudern Dingen, die in den kleinen Höfen umher stehen. Wo immer das Schwein erscheint, halten die Kinder im Spielen und Weinen inne, verfolgen es, umschwärmen es, schließen sich fester und fester um das Tier zusamme», gleich eineiil Bienenschwarm, der sich im Fliegen um einen Weidenzweig sammelt. Und sie fuchteln mit den Armen, kreischen und schreien, fallen, erheben sich und stolpern weiter, das Schwein immer voran, die Kinder hinterdrein und zuletzt Bolette, die drohend den Hühnerfliigel schwingt. Das Kreischen ihrer Stimme übertönt zuweilen das brausende Geräusch der Rufe, Schreie und Lachsalven. Hin und her geht die wilde Jagd zwischen den Gyld- holmer Kätnerhäusern. Die Frauen stürzen aus den Türen. Die Männer rewachen aus ihrem Sonntagnachmittagsschlaf, kommen ans Licht, blinzeln und schütteln sich. Krün Sotvs, Niels, Klein-Lasse. Palle... Es wimmelt von Menschen vor den Häusern und nur die Säuglinge bleiben zurück in den leeren Stuben. Doch jetzt zeigt sich ettvas, das die laute Fröhlichkeit dämpft, genau so, wie wenn, der Schulmeister in die Klasse tritt. Oben auf dem Wege erscheint ein geschlossener Wagen. Er ist mit zwei mausgrauen Pferden bespannt. Es ist der Jägermeister des Klosters Sörig. In der Ferne erblickt man noch zwei geschlossene Wagen. Auf dem Schlosse ist Mittags- gesellschaft. Das Schwein wird eingefangen. Die Kinder werden zur Ruhe ermahnt und in den Hintergrund gejagt. Die Frauen halten Ausguck hinter den Türen. Die Männer stellen sich an die Ecken der Häuser oder fangen an, an diesem oder jenem herumzubasteln. Und sie ziehen die Mützen sehr tief, als die mausgrauen Pferde gerade vor ihnen sind.(Forts, folgt.) �merikanifihe Reisestizzen. fSchlnßj Von Philipp Scheidemann. Der Dl a s s e n m o r d in Chicago. Zu den interessantesten amerikanischen Städten, die ich ge- sehen, gehört Chicago. Von der Größe dieser Stadt kann man sich eine Vorstellung machen, wenn man bedenkt, daß Berlin etwa kit> Quadratkilometer in Anspruch nimmt, Chicago aber't95. Die Michigan-Avenue am gleichnamigen See, eine Prachtstraße Chica. gos, ist nicht weniger als 35 Kilometer lang! Von den vielen Denkwürdigkeiten, die Chicago aufzuweisen hat, nenne ich nur das Denkmal, das auf einem sehr gut gepflegten tißald-Friedhof den vor mehreren Jahrzehnten Hingerichteten Anar- chisten errichtet worden ist. Das Denkmal darf als ein ganz her- vorragendes Kunstwerk bezeichnet werden. Auf einem hohen Sockel liegt ein toter Arbeiter, neben dem stolz erhobenen Hauptes ein ebenso jugendschönes wie energisches Weib steht und hellseherisch in die Ferne weist. Das Denkmal, aus Bronze gegossen, ist vioii ergreifender Schönheit. Die berühmtesten Sebenswürdigkeiten Chicagos sind die söge- nannten Stockyards, die Schlacht- und Viehhöfe. Die bekanntesten sind die der Firmen Armour und Swist. Jede dieser Firmen be- schäftigt an die LOOlXI Arbeiter, deren Tätigkeit im Töten und Zu- bereiten von Hammeln, Kälbern, Schweinen und Rindern besteht. Ich habe die Armourschen Unternehmungen besucht. Es ist schwer. die Arbeit, die da geleistet wird, zu beschreiben. Ich will es trotzdem versuchen. Man stelle sich vor, daß Tausende von Ar- heitern nebeneinander stehen, durch viele Säle und Höfe hindurch. Jeder dieser Arbeiter hält ein Jnstument in Händen, mit dem er tagaus, tagein nur einen einzigen Schlag, Stich oder Schnitt zu vollführen hat. Und vor diesen Menschen wird in immer gleichem Tempo ein Tier hinter dem andern auf einer sinnreich kon- truierten Bahn vorbeigeführt. An jedem Tier macht jeder Mann mmer nur die eine Manipulation. Ich will von der Schweineschlächterei sprechen. Die Ge- schichte fängt so an: Ii einen Pferch innerhalb der Anlage wird ein Schlvein nach>em andern getrube». Ein Mann legt jedem Schwein eine HaiFschliüge um das iinke Hinterbein. An einem rlwa fünf bis sechs Meter Durchmesser haltenden massiven Rad, daö sich in immer gleichem Tempo dreht— nach Art der sogenann- ten russischen Schaukeln— befinden sich vier Haken. An den der Erde nahekommenden Haken wird stets die Schlinge, von der ich soeben sprach, befestigt, so daß ohne Unterbrechung immer vier Schweine mit dem Kopf nach unten durch die Luft gedreht werden. Rechts von dem Rade steht ein Manu, der dem ihm nahekommenden Tier einen Stoß gibt, so daß es auf eine Schiene gleitet, auf der es einen Meter weiter seinem Mörder vor das Messer kommt. Der Mann sticht das Sehwein in das Herz; er hat kaum Zeit, das Messer herauszuziehen und am Stahle zu schärfen, da ist das er« stachen e Schwein schon weiter geleitet, ein neues hängt vor ihm, um den tödliaseu Stich zu erwarten. So gehen in endloser Reihe die Tiere von Mann zu Mann weiter. Wenn sie etwa zehn Meter weiter befördert und die Bäuche bis dahin schon gänzlich auf- geschlitzt sind, kommen die Kopsschnitte. Der eine schneidet mit einem einzigen Hieb die rechte Halsseite ein, der nächste die linke. So kommen die Tiere schließlich in nahezu vollständig zerlegtem Zustande, obwohl noch alle Organe zusammenhängen, vor eine Reihe von Tierärzte». Der eine läßt seinen Blick prüfend über das ganze Tier schweifen, um eine Markierung anzubringen, wenn das Tier ihm irgendwie verdächtig erscheint. Der zweite schaut schon nach einem bestimmten Körperteil, der dritte nach einem weiteren. Der vierte schneidet ein bestimmtes Organ bezlv. eine bestimmte Muskelpartie heraus, die dann von anderen Tierärzten mikroskopisch untersucht wird. So werden die Tiere auf das ge- wissenhafteste geprüft. Bei dem geringsten Bedenken werden die Tiere mit Merkmalen versehen und bei der nächsten„Weiche" von der Hauptschicne auf ein Nebengleis abgeschoben. Von da an» geht dann das Schwein noch einmal in gründliche Spezialnnter- suchung. Zum Genuß untaugliche Tiere werden zu Seife ein- gekocht. Interessant ist auch die Art und Weise, wie die Borsten von den Schweinen rasiert werden. Alle dazu bestimmten Männer machen stets nur die ihnen vorgeschriebenen Striche. Da die Borsten an bestimmten Stellen, so in den Höhlen zloischen Körper und Beinen, in der kurzen Spanne Zeit, die sie vor dem betreffen- den Manne hängen, nicht mit dem Messer beseitigt werden können, so werden die Borsten an diesen Stellen mit einer Stichflamme abgesengt. So kann man stundenlang mit den Tieren gehen, bis man schließlich sieht, wie sie als Wurst verpackt oder als Seife eingekocht werden. Die Herstellung der blechernen jtonservenbüchsen geschieht im seiben Betriebe, ebenso die Herstellung der Holzgefäße für Schmalz und Seife. Das Abwiegen erfolgt automatisch. Ist das vorgeschriebene Gewicht an Schmalz in der Büchse oder an Seife im Holzfaß, dann hört der Zufluß von selbst auf. Der Angestellte, der mich durch den in allen seinen technischen Einrichtungen ge- radezn wunderbaren Betrieb geführt hat, erzählte mir, daß der Mann, der den Schweinen den tödlichen Stich beizubringen hat, seit mehr als dreißig Jahren Tag für Tag. Sonntags aus- genommen, durchschnitllich 15 000 Schweine tötet! Der Geruch des warmen Blutes und des frischen Fleische? stellt allerlei Anforderungen an die Nerven der Besucher, nicht minder das Geschrei der dem Tode geweihten Tiere. Dieser Schrei der Schweine ist übrigens wirklich das einzige, was in den Stock- Yards nicht verwertet wird— wenigstens bis jetzt nicht. Zwei Tage lang»ach dem Besuche dieser Riesenschlächterei vermochte ich keinen Bissen Fleisch zu verzehren. In Colorado. Ich müßte ein dickes Buch schreiben, wenn ich auch nur einen wesentlichen Teil dessen aufzählen ivollte, was ich in Amerika für mich Bemerkenswertes gesehen habe. Davon kann keine Rede sein. Deshalb müssen die Leser im Fluge mit mir durch Peiinsylvanien, Ohio, Michigan, Indiana, Wiskonsin, Illinois, Jolva und Nebraska »ach Colorado eilen, damit wir auf dem schnellsten Wege über Kansas, Missouri, Kentucki, Tennessee und Virginia wieder an den Atlantic gelangen. Ich war abends in Chicago in den Pullmannwagen gestiegen, fuhr die Nacht durch, den ganzen anderen Tag, mit einer Unter- brechung in Kansns-City, und fuhr noch eine weitere Nacht im gleichen Wagen, bis ich endlich nach nahezu 3vstündiger Fahrt in Denver(Colorado) ankam. Von allen Städten Amerikas hat Denver mir am besten ge- fallen. Es ist freundlicher gebaut als die meisten Städte, die ich gesehen, und liegt 1000 Meter über dem Meeresspiegel. Dieser Umstand war es wohl auch, der mir die Stadt besonders sympathisch machte. Kaum vier Stunden vom Felsengebirge, den Rocky Moun» tains, gelegen, war es für mich schon bei Antritt der Reise gänz selbstverständlich, daß ich da irgendeine Kraxelei würde unter- nehmen können. Auf die von mir geplante Tour mutzte ich freilich verzichten, weil ungeheure Schneemassen bis tief unten im Tale lagen, so daß die Zufuhrbahnen ihren Betrieb hatten einstellen müssen. Zu vielstündiger Talwanderung im Schnee fehlte mir die Zeit. So machte ich denn in Begleitung einiger Genossen, denen mein Beginnen zunächst sehr verrückt vorgekommen ist, einige Touren, von denen hier wenigstens eine kleine Episode erzählt sei. Wie fuhren mit der Bahn so weit es möglich war und stiegen dann führerlos und des Weges vollkommen unkundig in den „Garten der Niesen und roten Felsen" hinauf. Es ist das ein (Kcblel, t\wt(\CtClbC�«VC�W\VvÄlV\t K*\\l TCVxeeexe, o�nc Äjortiereee,' steigen gewaltige rote Felsen vor und steint Spur von Weg, aber überall Schnee i» kolossalen Masse». Dabei war es voll- kommen windstill und warm. Wir Ivaren ellva zwei Stunden lang unter groher Anstrengung allmählich aufgestiegen, einein Gipfel entgegen, der mir erreichbar gjie», als wir plötzlich, ellva 100 Meter über uns, ein kleines erüst sahen; wir waren also ans einer„richtigen" Fährte. Wir erreichten nach ettva einstündigem Iveitercn Ausstieg ein kleines hölzernes Verdeck über einem Fuhboden, der, wie sich mit absoluter Geivistheit herausstellte, im Sommer von naturfreudigen Menschen aufgesucht und— betanzt wird; denn hier oben(nach meiner Schützung etwa 2200 Meter hoch) stand, einzig und allein geschützt durch das hölzerne Dach, ein alter Blüthner-Flügel! Echt amerikanisch! Von diesem Plateau aus konnten ivir nun einen mit einem kleinen Geländer versehenen Gipfel erkennen, den wir dann auch nach weiterem einstündigem anstrengenden Aufstieg glücklich er- reichten. Im Sommer ist die Tour gewis; sehr leicht, uns wurde sie wesentlich schwerer, weil wir nicht nur stundenlang im Schnee waten, sondern zum Schlnst auch noch eine voltständig vereiste Lriteranlage in einer kaminartigen Höhle bewältigen muhten. Hoch befriedigt von der herrlichen Tour waren wir spät abends nach Denver zurückgekehrt. Wir waren noch keine fünf Minuten vom Bahnhof entfernt, als wir Zeugen einer sehr aufregenden Szene wurden. Es war soeben gelungen, einen Menschen festzu- nehmen, der an mehreren vorausgegangenen Abenden mit dem Revolver in der Faust in den Strahcnbahnwagen gesprungen war und die Passagiere gebrandschatzt hatte. Ein Komplice des Bieder- mannes war vor einigen Tagen von einem Passagier in der Strahenbahn niedergeschossen worden. Wenige Minuten weiter in die Stadt hinein stauten sich vor einem Laden große Menschcnmassen; aus gutem Grunde. In dem Schaufenster hatten die streikenden Bergleute ein Zelt ausgestellt, das von nicht weniger als 147 Flintenschüssen durchlöchert war. Tie Grubenbesitzer hatten die streikenden Arbeiter aus den„Wohl- ! Ohrtshäusern" getrieben und dadurch viele Hunderte Arbeiter- amilien gezwungen, im Gebirge Zelte zu beziehen. Die Pinker» ons der Minenbesitzer hatten dann die Bergleute in der nieder- trächtigste» Weise aufgereizt. Die aber waren nicht unvorbereitet, und da sie ihre Pappenheimer von früheren Kämpfen her kannten, hatten auch sie längst für Waffen gesorgt. In heftigen Kämpfen, die vier Tage und vier Nächte dauerten, waren auf beiden Seiten mehr als dreißig Menschen erschossen worden. Die Bergleute waren, wie bereits bemerkt, die Provozierten gewesen. Auf sie und ihre Familien war zuerst ohne jeden Grund geschossen worden. Ans einem Maschinengelvehr, das auf einem Auto montiert war, war das Zeltlager der Bergleute beschossen worden, bevor die Streikenden auch nur einen einzige» Schuh abgegeben hatten. In Colorado fängt Wild-West an. Da ist es schon gut, wenn man ein Schieheisen zur Hand hat. Am Mississippi. Der Rückiveg führte, mich auch nach St. Louis, wo viele Deutsche wohne». Der Mississippi ist bei St. Louis 1070 Meter breit. Etwa sechs Stunden von St. Louis entfernt mündet der Missouri in den Mississippi. An einem wunderbar schönen Vor- mittag sind wir im Auto am Ufer des Mississippi entlang bis zur Mündung des Missouri gefahren. Zwei Pannen, die wir auf der Fahrt erlitten, gewährten uns hinreichend Zeit, die Schönheiten der Landschaft in Ruhe zu genichen. Wenn ich von landschast- licher Schönheit spreche, so will ich ausdrücklich betone», dah ich biete Naturschönheiten in den Vereinigten Staaten gesehen habe, ober nichts, das ich eintauschen möchte gegen unfern Rhein, den Harz, den Thüringer Wald, den Schwarzwald oder die deutschen Alpen. Wir haben keinen Mississippi, keinen Strom, der sich mit Ihm messen könnte. Aber der Mississippi hat keine Ufer wie der Rhein, keine rebenbewachsenen Berge und keine sagenumwobenen Ruinen. Es fehlte uns am Mississippi nicht an Zeit, um in Iugenderiunerungen zu schwelgen. Wem kämen am Ufer dieses Stromes nicht die„schönen" Indianergeschichten ins Gedächtnis, die wir Ivohl ausnahmslos mit Heihhuuger verschlungen haben. Wer würde am Ufer des Mississippi nicht aller der„Falkenaugen" und ähnlicher indianischer Helden gedenken, die wir mit Spannung und pochendem Herzen auf ihren Kriegspfaden begleitet haben! O tcinpora, o mores! Eine alte, offenbar von Gicht und Podagra geplagte Indianerin habe ich in der Zeit von zwei Monaten zu Gesicht bekomme». Die Indianer sind bekanntlich jetzt in Rcser- baten angesiedelt worden. Von St. Louis führten mich Verpflichtungen nach Springfield (Illinois). Hier stattete ich dem Grabdenkmal Abraham Lincolns einen Besuch ab. Es besteht aus einem riesigen Obelisken mit allerlei Bronzegruppen, die amerikanische Frciheitskrieger darstellen. In einem Parterrezimmcr ist ein Museum untergebracht, das zahl- lose Erinnerungen an den bei den Amerikanern in gutem Gedächt- nis weiterlebenden Präsidenten birgt. Die Heimkehr. Ueber Baltimore, Washington und Philadelphia ging es nach New L)ork zurück. Hochbcfrirdigt von dem, was ich gesehen und tzDijdÄ, lonttie ich YoXÄtx W W-ttaitt"Jeero tloxt cm. VcvVit i* •Bern Lande der"äRöftlichltiUn die nnntchtvettm Schwier'.gktiien kennen gelernt, mit denen nnsere ameritanische« Genossen zu kämpfen Häven, haltt aber als tefeenlicht Talsach» konstatieren können, dah es überall vorwärts geht, dah überall pflichteifrige Genossen unermüdlich und zielklar au der Arbeit sind» Unsere amerikanischen Freunde stehen auf Posten, die schwierig sind und deshalb den ganzen Mann erfordern. In einem Abschiedsartikel, den ich für dir New Yorker„Volks- zcitung" geschrieben habe, skizzierte ich auch die Aufgabe», di« mir gestellt Ivorden waren, und die Art und Weise, wie ich bemüht gewesen bin, sie zu lösen: „Ich habe in meinen Vorträgen die Art des Klasscnkampses geschildert, ivie er von der deutschen Arbeiterschaft geführt wird, Dabei habe ich stets betont, dah ich nicht daran denke, die schablonenhafte Uebertragnng einer Methode, die sich in einem be- stimmten Lande glänzend bewährt hat und weiter bewähren wird, auf ein anderes Land zu empfehlen. Da der Syndikalismus aber überall, wo er sich bemerkbar gemacht hat,» u r Unheil sür die Arbeiterorganisationen angerichtet hat und meines Erachtens auch niemals anderes wird zu Tage fördern können, so habe ich ihn in der schärfsten Weise bekämpft. Ebenso entschieden habe ich mich gewandt gegen den Opportunismus, der in Frankreich und Italien sich bis zum Ministerspiel ausgewachsen und unserer Bewegung die schwersten Wunde» geschlagen hat. Wir haben es da, wie ich aus- einandersetzte, mit zwei Extremen zu tun, von denen das eine, wie mir scheint, immer die Reaktion auf das andere ist. Die klassen- bewußte Arbeiterschaft soll also den„Ansängen widerstehen"— prineipiis obstat Gegen die amerikanische Spezialität der „Schwanzpolitik" brauchte ich nirgends schweres Geschütz in» Treffen zu führen. Die Methode, die Arbeiterschaft von der Bc» tätigung eigener sozialistischer Klassenpolitik fernznhalte», um sie dann den k a p: t a l i st i s ch e n Parteien— Demokraten oder Republikanern>— als Wähler zuzutreiben, ist so ungeheuerlich, dah man sie nur zu schildern braucht, um jeden verständigen Menschen zu ihrem entschiedenen Gegner zu machen. Meine Propaganda gipfelte also in diesen Forderungen: Erziehung des Proletariats zum Klassenbewuhtsein und znin Klassenkampf; demgemäh eigen» sozialistische Klassenpolitik; Ausnützung aller politischen Rechte, also selbstverständlich auch Teilnahme an den Wahlen zu allen ge- sctzgebcnden Körperschastcn; jeder Sozialist muh sür die GeWerk» schaften, jedes GeloerkschastSmitglUd für die sozialistische Partei gewonnen werden." Die ganze Tour wird von den amerikanischen Genossen als erfolgreich bezeichnet. Wenn man sich vergegenwärtigt, daß jede der!!0 öffentlichen Versammlungen, in denen ich gesprochen habe, von durchschnittlich 780 Männern und Frauen besucht worden sind, dann wird jeder, der Land und Leute auch nur einigermahen kennt, zugestehen müssen, daß dieser Massenbesuch schon für sich allein einen großen Erfolg darstellt. Die amerikanischen Genosse» wollen nach den bisherigen Erfahrungen von nun ab in jedem Jahre einen deutschen Genossen für eine größere Tour zu gewinnen suchen. Die Sonne stand hoch am Himmel, als mir eine größere An» zahl von Genossinnen und Genossen das Geleit an Bord de» Lloyd-Dampfers in New?)ork gab. Drei Tage läng war dem stolzen schiffe der Wettergott günstiA geslimnit, dann aber legte er seine Stirn in Falten und peitschte verärgert das Meer auf. Wir liehen uns Vorbauten an den Betten anbringen, damit wir des Nachts nicht ans dem Lager geworfen. wurden. Viele sah man von da ab an Bord, die nicht mehr zu sehen waren. Im Speisesaal wurde manches Gedeck aufgelegt, ohne daß es benutzt worden lväre. Unsere Tischgemcinschast erwies sich als seefest. Fröhlich und guter Dinge verbrachten wir drei„bewegliche" Tage; dann aber nahmen Wind und Wellen wieder Ver» nunst an. Und stolz wie ein Held, den« nichts geschehen kann, lief unser schönes Schiff in Bremerhaven ein. Kleines Feuilleton. Der filnfundzwanzigjährige Eiffelturm. Der Eiffelturm in Paris, der jetzt das Zentrum der drahtlosen Tclegraphie geworden ist, kann demnächst ein Jubiläum feiern: am- 2. April werden 25 Jahre verflossen sein seit dem Tage, an dem auf dem Riesenturme zum Zeichen der Vollendung der Bauarbeiten- die Fahne der Republik gehißt wurde. Bei dieser Gelegenheit fand' auf der ersten Plattform des Turms, Ivo etwa zweihundert Per» fernen versammelt waren, eine kleine Feier statt.„Etwa zwölf Personen," heißt es in einem Zeitungsbericht ans jener Zei� „hatten den Mut, bis zur dritten Plattform emporzusteigen." Hute* dem Turm saßen dreihundert Arbeiter in Arbeitskleidung und frühstückten. Der Turm, ein Werk des Ingenieurs Eissel, der sich vorher schon durch beachtenswerte Arbeiten hervorgetan hatte, war in Liedern besungen, verspottet, kritisiert und getadelt worden. Man sagte, daß er das Stadtbild von Paris verunzieren werde, da er einfach scheußlich sei; im übrigen, so sagte man, werde er nie vollendet werden. Einen Mon-ü vor der Eröffnung der Welt» ausstellung von 1880 stand der Turm fertig da. Er sollt» zum HauMtizi-chungSpiii-tt der Ausstellung werden.«lS am K5. Mai 1889 der Präsident Carnot, die Minister und die ganze Festgesell- schnft das Maröfeld betraten und der Turm, der trotz seiner Niesen- baftigkeit geradezu schlank und zierlich aussah, vor ihnen aufragte, entrang sich allen ein einziger Schrei der Betvundernng. Alle Be- sucher der Ausstellung wollten den Turm gesehen haben, und man schickte von seiner Spitze Ansichtspostkarten mit dem Bilde des Turme» in die ganze Welt hinaus. Als am K. November die Aus- stellung geschlossen wurde, wurde der Turm festlich beleuchtet, und von seiner dritten Plattform an? verliindete ein Kanonenschuß das Ende der großen Schau. Seitdem ist der Turm ständig Gegen- stand der Neugier der Paris besuchenden Fremden geblieben. Bor einiger Zeit wurde er in eine Station für drahtlose Tclegraphie umgewandelt. Zweimal täglich wird von hier aus der auf dem Meere befindlichen Schiffen die richtige Tageszeit übermittelt: man bat von hier ans auch telegraphische Verbindung mit Frankreichs Kolonien in Afrika. Der Eiffelturm ist 300 Meter hoch. Der bis zur ersten Etage reichende Unterbau hat die Form einer vierseitigen abgekürzten Pyramide, deren Grundfläche ein Quadrat von 129, W Meter Seitenlänge darstellt. An den vier Ecken dieser Grundfläche er- heben sich in Form von großen„Elcfantcnfüßen" aus Flach- und Winkelcisen konstruierte Pfeiler, die oben in einem Kreuzgewölbe zusammenlaufen, das die erste Plattform, 57,03 Meter über dem Boden, trägt. Tie Plattform bildet ein Quadrat von 0ö Meter Seitcnlängc. Ter mit Skulpturen und Malereien geschmückte Raum dient als Restaurant. Ganz ähnlich, nur mit steiler auf- steigenden Eckpfeilern, ist auch die abgekürzte Pyramide der ziveiten Etage konstruiert. Der Fußboden dieser letzteren liegt 110,73 Meter über der Erde. Diese zweite Plattform hat 30 Meter Quadrat. seite. Von hier ab nähern sich die vier Pfeiler mehr und mehr und verschmelzen in 190 Meter Höhe zu einem einzigen, der das dritte Stockwerk(276,13 Meter hoch) trägt. Dieses hat eine Quadratscite von 16,50 Meter und besitzt vier vorspringende Bal- kons, von denen aus man eine Aussicht von 140 Kilometer Weite genießt. Zur Besteigung des Turmes dienen bequeme Treppen mit zahlreichen Podesten. Die Zahl der Stufen bis zur Spitze beträgt 1792. Der Bau deS Eiffelturmes dauerte vom 28. Januar 1887 bis zum 31. März 1889. Die Baukosten betrugen 6 500 000 Frank. Sehr wertvoll erwies sich der Turm als Observatorium zu wissenschaftlichen Versuchen(Fallgeschwindigkeit, Luftwiderstand, Elastizitätsgesetzc, Gas- und Dampfkompression, Pendelschwingung, Ilmdrehung der Erde usw.) und zu meteorologischen Beobachtungen. Literarisches. Bücher von Meerfabrern und Auswandern. »Abenteuer aus vier Jahrhunderten" hat Bendix Ebbell, ei» nor- wegischer Scyriststeller, unter dem Titel Nordwärts zusammen- gefaßt und O. v. Harting bat sie nunmehr in deutscher Ueberlragung (bei Georg Merseburger. Leipzig) berausgebraivt. Ebbell entrollt in plastischer Anschaulichkeit Einzelbilder großer TmdeckungSfabrtcn. Von John und Sebastian Cobot, von Nicolo de Conti, den Brüdern Cortcreal hören wir und von Cartier. Vasco de Gama und Kolumbus. Hofften sie West-, oft- oder südwärts Land zu finden, so sehen wir wieder andere nordwärts steuern. Es sind: Willvughby, Chanccllor und Dcerfouth, Stefan Burrough, Martin Frobisher, John Davis. Willem Barentz, Henry Hudson und Batfi». Jens Ma il, James Cook, Kapitmr Clark, Vitus Behling und TtcheljuSkin. Im 19. Jahr- hundert wurden die größten Expeditionen unternommen, die be- deutendsten Entdeckungen gemacht. An John Roß. Leutnant Parry muß man denken, oder au John Franklin. Auf HoyeS Polarfahrt folgte die deutsche Expedmon unter Koldcwey, die österreichische unter Payer, die der Engländer Hall. NareS und Markham, dann Nordensijölds. des kühnen Schweden. Gleich nach ihm zog der Amerikaner De Long, später sein Landsmann Greely hinaus. Beide Expeditionen sind verschollen. Die neuen Helden heißen Fritjof Nansen, Robert Peary, Otto Sverdrup. Ingenieur Andrce, der erste und einzige bisher, der eine Ballonfahrt nach dem Nordvol unter- nahm, aber zugrunde ging. Roald Amundsen, Kniid Rasinufsen, Ciliar Mikkelsen, Scott, Strantz sind die letzten. Und immer neue Expeditionen wird der Wagemut und Forschereifer in das Land des ewigen EiseS senden. De» schwedischen Erzähler John William Nylander kennen die Leser des.Vorwärts" au» einigen seiner früheren S e e v o l k- geschichten. Jetzt liegt uns(gleichfalls bei Georg Merscburger, Leipzig) deren dritte Folge vor..Signal?. II." benennt Nylander nach der EingangSerzählung dies Buch. Was bedeutet das in der Signalsprache aller Seefahrer?.?. Ib.— P iL"? Hier haben wir's:„Proviant zu Ende. Wir hungern." Nicht samtliche der zehn Erzählungen auS dem SeemannSleben sind aus diesen Schreckenshintergrund gestimmt. Lustiges. Urkomisches, Ur- wuchsiges wechselt ab mit tragischen Erlebnissen. Zum miudesten spielt der Aberglaube, wie er bei Wafferrattcn üblich ist, eine be- merkenswerte Rolle. Daß die Geschichten künstlerisch gleichwertig sind, laßt sich zwar nicht behaupten; aber wie frische salzige See- brise liegt NylandcrS Fabulierloune über allen. . �m seltsames Buch biecet Karl L a r s e n mit seinen A''!wanhcrer- schicksalen.Die indie Fremde zogen"(Erich Verlag Berlin), das A.;y. Cohn aus dem Dänischen überlegt hat. Die zii Bcrantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u. Verlag: chronologischen Schilberlingen zusammengestlmmten Briefe rflfiren von drei dänischen Auswanderern aus Amerika an ihre Angehörigen im Heimallande zwischen 1872— 1912. Larsen hat innerhalb eine? zweieinhalbjäbrigen Zeitraums an 80 Tagebücher und über 8000 Briefe von Europamüden zusammengebracht. Ihr faktischer Wert als Materlalienhäufnng über Erlebnisse und örtliche Zustände in Amerika ist zweifellos; nicht minder bieten sie dem Kulturforscher und Pshchologen tiefe Einblicke in die geistige wie seelische Ver- fassung ihrer Schreiber. Und man wird mit dem Uebersetzer völlig einer Meinung sein, wenn er in einem instruktiven Nachwort sagt: Diese Briefe von„Namenlosen"— in rein literarischem Sinne ge« dacht— seien das Leben selber..Die Masse selbst in ihren zahllosen Kategorien der Hantierung, deS Erwerbe?, der Ansässigkeit oder Beweglichkeit»neidet sich mmmehr zum Wort. Die uindüsterte Legende von der übermenschlichen Persönlichkeit,»int der die Psychologie die letzten Opfer eine? iublimierlcn Götzendienstes verrichtete, weicht dem aufdämmernden Gefühl menschlicher Solidarität auch auf diesem Felde." Und auch darin wird man A. F. Cohn beipflichten dürfen, wenn er meinte Nicht bloß die Dichtung könnte auS solchem Briefmaterial Vorteil ziehen, sondern gerade all die soziologische» Disziplinen, die bisher nur an der Außenseite scheinatisieren und zählen konnten, gewönnen nun auch einen Einblick in den inneren Mechanismus ihr» Phänomene, für den die exakten Methoden nicht zureichten. Für di« Eihnologie und Rassenlehre, soweit sie sich bisher an psychologischer Grundlegung genügen ließen, ergäbm sich gleichfalls psychologisch, Daten, welche derartige Umbildungen durch Veränderung von Klima und Wirtschaftsform hervorrufen. In Deutschland speziell träte zu dein»nternalionaien Kapitel der amerikanischen Auswanderung da? der Bestedelting nnscrer eigenen überseeischen Kolonien. Eine Brief« literawr der aus dem Osten des Reiche? in den Westen ab« wandernden Landbevölkerung wäre für die wirtschaftliche Um» Wandlung vom Industrie» zum Agrarstaat und für die Psychologi« der davon Betroffenen von größter Bedeutung. e. k. Heilkunde. Das Problem der Krebskrankheit. Nach Vev» suchen von Fibiger in Kopenhagen ist es erwiesen, daß bei gewissen Ratten ein fremder Eindringling, ein zur Gattung Spiroptera ge» hörender Rundwurm die Ursache von KrebSerkranrungen war. Zum erstenmal ist es dem Gelehrten auch gelungen, im Experiment auf Grund vorher bestimmter Bedingungen Krebs am Tier(auch an weiße» Mäusen) mi erzeugen. Damit rückt unsere KrebS» forfchnng in ein neues Stadium. Wir haben jetzt endlich einmal nach so vielen fruchtlosen Beinühungen etwas Ermutigendes, end» lich ein Fundainent, auf dem sich weiterbauen läßt. Natürlich drängt sich, wie Dr. Dekler iin„KoSmos-Handweiser" schreibt, di» Frage auf: Entsteht so auch der Menschenkrcbs? Ist auch hier ein solcher Wurm im Spiel? Darauf müssen wir antworten» Nein! Dieser Wurm hätte bei der anhaltend eifrigen Beschäftt» gung mit dem Krebs, hätte bei den vielen tausend Wissenschaft»! lichen Beobachtungen und Untersuchungen der Geschwülste nicht verborgen bleiben können. Aber es fällt uns jetzt ein, daß mehr» fach behauptet wurde, daß bei Patienten, in deren Blut der Bil- harzia-Wurm schmarotzt, auffallend häufig Blascnkred» vorkommen soll. Und weiter ist wiederholt darauf hingewiesen, daß an Trichi» »ose erkrankt gewesene Menschen, in deren Geweben sich die Tri- chine abgekapselt hat, an Krebs erkrankt seien, und zwar habe sich die Geschirmlst in der Nähe dieser Wurmherde entwickelt. E? kommt also vor, daß beim Menschen Muriner die auslösende Uv» fache sein können, es ist aber nicht die Regel. Was dürfen wir nun für die Erforschung des Krebsproblem» am Menschen aus den Versuchen deS Kopenhagcner Forschers ent» nehmen? Bei der großen Aehnlichkeit der Lebensvorgänge spricht eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür, daß ein chemischer Stoff, der in dem Körper kreist, die Erkrankung verursacht. Ein unbe» kanntcr chemischer Stoff, der fortdauernd neu erzeugt wird, sei es von den lebendigen Zellen selbst in irgend einem Organ, sei eS von einem lebenden Wesen, das in den Körper eingedrungen ist und seine Eiftstofse den Kürpcrsäftcn übergibt. Diese Stoff, im Blut nachzuweisen ist wohl die erste Aufgabe forschender Tätig» kcit. Ihr Nachtveis ist schwierig, denn es sind Stoffe, an denen heute iwck die Kunst deS Chemiker? zu schänden Ivird. Und dann handelt eS sich um eine ztvcite große Frage: woher stmnmcn sie? Fabriziert sie der Körper selbst oder ein eingedrungenes Lebe» Wesen? Ein Bakterium, ein Pilz, ein Wurm? Und eine weitere Frage: Welche Rolle spielen die äußeren Reize, Druck, Stoß, Quetschung, Röntgenstrahleneinwirkung? Diese Frage wird sich leichter erledigen lassen. Die letzte unh dringendste Frage aber, nach deren Lösung«vir sehnsüchtig der» langen, lautet: Wie beseitigen wir die gefährliche Giftbildnng, und wenn ein Schmarotzer schuld sein sollte, wie beseitigen wir ihn und bringen damit die Erkrankung zum Stillstand und zu» Heilung? Solange wir das nicht wissen, müssen wir weiter versuchen, die heutigen Mittel zur Heilung anzuwenden, die Operation, dl, mit Swmpf und Stiel alles Kranke mit dem Verdächtigen ent» fcrnt, oder das Mittel, das neuerdings anscheinend mit Erfolg ver» sucht wird, die Bestrahlung mit Radium und Mesothorium. Vorwärts Buchdruckerei u.Berlag»anstalt Paul Singer LcCo.,Berlin S W,