Unterhaltungsblatt öes vorwärts Nr. 42. Sonnabend, den 28. �ebnuir. H14 10J G�löhokm. (iinc L a u d a r b c i t e r g c f ch l ch t e von I. S kj o I d l> o r g. Ter Kutscher sitzt ans de», Bock, nlv' hypnotisierten ihn die blanken Kopfsterne der Pferde: er trägt graue Livree und einen hohen Hut uiit roter und silberner Rosette. Tann komnit das glänzende Gefährt de�. Barons von Löwenborg. Hier sind die Pferde pechschwarz, wie der Bart des riesengroben.luitschers, der strannn wie ein Gardist in Pelzkragen und Biberniiitze dasitzt. Der Kutscher des Jnstizrats, der der letzte ist, trägt eine Mütze init Silberband und einen dunkelblaue» Mantel, dessen Kragen zurückgeschlagen ist, wodurch das rote Mutter sichtbar wird. Seine Pferde sind fuchsrot init weiften Düften. Bei jedem Paar blanker Pferde und bei jedem glänzen- den Wagen neigen sich die Häusler— verbenge» sich und richten sich wieder ans, daft es gleich einer dreifachen Woge die Häuserreihen entlangzieht. Dann seufzen die Männer erleichtert ans. wie wenn man einen schönen Anblick gehabt bat oder irgendetwas überstanden ist. „Was für Prachttiere— die mausgrauen!" sagt einer. Ein anderer hält es mit den pechschwarzen des Barons. „Und was sagt ihr zu dem Haarigen? Er sieht meiner Seel aus wie ein Ausländer und dabei ist es kein anderer als Schmieds Hans!" Es ist auch einer da. dem die Fuchsroten mit den weiften Fiiften am besten gefallen haben. Tann begeben sich die Frauen zum Melke» aufs Gut. Tie letzten werfen in aller Eile ein Tuch über den Kopf und rufe» den Männern zu, gut ans das Feuer und auf„das Kleine" z» achten. Und dann gehen die Frauen, eine nach der anderen, oder zwei und zwei, den ausgetreten?» Fuftsteig entlang, der die Verbindung zusischoii den Kätnerwohuungen und dein Guts- Hofe herstellt. Per steht einen Augenblick nnentschlossen da. Dann öffnet er seine eigene Tür. Sophie ist nicht zum Metken gegangen, da sie kürzlich geboren hat. Hier drinnen ist nur gerade das Notwendigste, ein Bett. eine Wiege, ein Tisch und zwei Stühle, genau das, was zum Liegen und Sitzen nötig ist, und nicht ein biftchen nietzr. „Tie Fahrt hat ja lange gedauert, ich begreife nicht, wie lange Tu..." Rolens— nir— pst— fertig!" unterbricht sie Per und nimmt eine stramme Haltung an. Sie sieht ihn an: i» seinen Augen scheint ihr cttvas Fremdes zu sein. „Kannst Tu mal TeiueS Mannes Stiefel anfassen!" sagt er freundlicher. „Uebrigens war der Schuster heute hier. Er möchte gerne bald etwas Geld bade»!" „Ja— Geld wollen sie alle haben. Man kann dock» das Geld nicht aus der Erde stanipsen. Gib mir was zu essen." Er bekommt Schmalzbrot und schwarzen Kaffee. „Nun sind die Papiere in Trdnlig!" sagt er und wirst den Kontrakt auf den Tisch, als sei es eine Obligatio» von mehrere» Taufend Kronen.„Und ei» Ferkel können wir uns halten, wann es uns beliebt. Ich will jetzt, weift Gott. Fleisch im Topfe habe»'" Nach beendeter Mahlzeit pfeift er ein Lied und wirft sich anfs Bett, in dein ein einjähriger Knabe liegt. Bald schnarcht er laut. Sophie sitzt eine Weile siiil am Tisch, der Kopf fällt vorn über. Bald schläft auw sie. Als sie erwachen, scheint der Mond ins Zimmer. Per zieht sein Hochzeitszeug ans und sie geben zu Bett. Nach einer Weile ertönt fernes Rufen. Näher und näher kommt das Geräusch und wird lauter und lauter. Trauften vor den Fenstern wächst es an zu einem brausenden Sturm von Heulen und Singen und Krähen und Miauen und rohem Gelächter, als sollte das Haus einstürzen. Er zieht vorüber rurd vertiert sich in der Ferne nach dem Gute zu. Tos sind die Knechte, die ans dem Fallinger Wirtshaus zurückkehren. Tienstbare Geister sind den Mittagsgästen behilflich beim Einsteigen und Einpacken in den geschlossenen Wagen. Ter Wächter macht ans Gyldholm die gewohnte Runde. Und damit ist dieser Feiertag zu Ende. ll. Fwiubc» den Gyldholnier Schelmen, Ställen und Läden summt und schnurrt es— als sei irgendwo ei» ricsengroftes Insekt eingeschlossen. An perschiedenen Punkten des Hofes erklingt es, hold schwächer, bald stärker. Zwischen den Kiihställen wird das Gesumm von einem Arbeitswagen übertönt, der auf dem Pflaster emherschwmiktz vor der Meierei fesseln das Au- cinanderfchlagen der Blecheimer und das Klappern der Holz- schuhe ans dem Zernentfnftboden dos Ohr: in der Nähe des Schweinestalles verliert sich jedes Geräusch in dem durch- dringenden Geschrei der Ferkel, wenn sie gefüttert werden sollen: und ganz hinten, nach dem stille» Schloßpark zu. per- nimmt man das sanfte Glucken und lockende Krähen und Rufen der Hühner und Puten. Aber all diese Geräusche tauchen auf und ersterben wieder, wogegen ei» abnehmendes und amchtvellendes Stampfen überall gehört wird, gleich einem festen Grundakkord. Ein schnurrendes Snnime»— wie von einem ein- geschlossenen riesengroftcn Insekt. Das ist die Dreschmaschine, die in der großen Schcnne ausgestellt ist und in Bewegung gesetzt wird von einem kleinen, dranften gelegenen Maschinenhansc ans, in dem der ■Schmied zugleich Meister und Heizer ist. Tammes, Nis, der Lockenkopf und Krän bringen eine volle Wagenladung nach der andern herbei, die sie von den großen Kornhaufen oder ans den andern Scheunen holen. Ter große Paul packt regelmäßig mit seiner Gabel wie mit einer ineck'anisckien Klaue Garbe auf Garbe, die er dem Jakobns reichte, der ebenso regelmäßig ein Messer zielst, daS Garbenband durchschneidet und dem roten Jens das Korn zu- schieb, der es packt und in den offenen Schlund der Maschine wirft, die Garbe ans Garbe verschlingt: sie drischt, preßt, schüttelt und reinigt, bis schließlich ans der Oeffnung der einen Seite das Stroh und ans dem S&achte der andern Seite die Körner herauskomme». Per Holt hängt Säcke unter den Schacht, wiegt sie. wenn sie vollgefüllt sind und trägt sie fort. Ans der andern Seite steht Kleiu-Lasse, zielst das Stroh beiseite und hustet in der Staubwolke, und eine ganze Anzahl Häusler tragen das Stroh in Bündeln ans dem Kopfe fort', die Bündel sind groß wie Wollballen. Bon dein Moment an, wo die Garben zum einen Tor Isineingefalire» werksn, bis zu dem Augenblick, U>o sie als Stroh zum andern Tor wieder hinausgetragen werden, voll- liiltreii sie einen Kreislauf, und das Korn läuft in die Säcke, Stroh lind Korn, jedes gesondert für sich � wie das unreine und reine Bint zu und von den Lungen slrömt— alles bc- wirkt durch die regcliiiäßigcii Stöße der Maschine, die dem Pulsschlag gleichen. Iii diesem Kreislauf verschwindet das Ji.dividnnni: jeder Arbeiter wird in einen Maschinenteil verivandelt, der zu- sammelt mit anderen Maschineuleileu den Strom goldenen Korns hervorbringt, der von früh bis spät rinnt und nur dann aushört, wenn die Arbeiter essen oder schlafen— genau >o wie die Goldmühle der alten Sagen. Grau und schmutzig von dem umherivirbelndcu Staub. lxivegen die Arbeiter sich sininm und schlaff wie Automaten. Ihr Mund ist fest geschlossen und in dein surrenden Geräusch vermögen sie nichts zu hören, weder den eifenbeschlagenen Stock des Inspektors, noch die Stiefelhacken des Verwalters. Rur an den Augen, die de», sie beaufsichtigenden Ver° Walter folgen, sieht man. daß es lebende Wesen sind. Das Weiße in de» Augen, wenn sie verstohlen aufblicken, ist nämlich stets der Seite zngeivaiidt, wo der Verivalter sich befindet, und dieses Weiße, in den von Staub und Schmeiß verunreinigten Gesichtern, ivechselt, sobald der Verwalter den Standort ivechselt... Plötzlich geht ein nervöser Ruck durch die Schar d«r Arbeiter "V Der XTniuntciTicvi" in ciflcuct Person steht neben ibnnt. Tic schuuivinen, schwictiften Hönde ziehen die Mützen, ,md der Kaininerherr erwidert leicht den Weich. Der ManumncheiT ist von hoher Gestalt, mit kurzem Nacken, langem Hals, heradgezogenen Mundwinkeln und eingezogenem Doppelkinn', er hat eine große, gebogene Nase und stark gewölbte, etwas hervorstehende Singen. Der jiammerherr trägt einen englischen Wnzng nnd ist sorgfältig frisiert. Eine Weile steht er da nnd beobachtet, wie das Ganze funktioniert. Die klappernde Maschine, die tief in der Erde steht, nnd die geschäftige», graue» Männchen in dem halb» dunkle» Schennenranm, die an Zwerge in einem Staubberg erinner», scheinen ihn zu amiisieren. Per Holt, der wie ein Obmann der Zwerge leichthändig die schweren Säcke schwingt, erregt seine Ansinerksamkeit. Mit Wohlbehagen ruhen die Blicke des Kaininerherrn auf dem.Eornstrom, der unaufhörlich dem Schacht entrinnt, und ans den liornsäcken, die in langen Reihen ans der Tenne stehen. Hundert in jeder Reihe. Tann schreitet der.Eammerherr mit strammen Waden, langsam und gravitätisch, hinaus in de» hellen Schloßpark und in den stillen Wald. Genau so schweigsam,.wie er ge- kommen. Ter Verwalter jedoch bleibt zurück bei den Arbeitern. Der Verwalter schwebt stete über ihnen, wie eine drohende Wolke. Er folgt ihnen wie ein Schatten. Während die Hände mechanisch ihre Arbeit verrichten, hängen die Gedanken sich an den Verwalter, wo er geht und wo er steht, wenn er den Platz wechselt, und wohin er die Augen lvendet. Die Maschine schnurrt und summt. Ter Stanl� wird leicht emporgewirbelt und fällt dicht herab, und die Staub- körnchen kochen und funkeln, wenn sie in dem von der Sonne gebildeten Lichtkegel, der durch das Fenster dringt und das Halbdunkel quer durchschneidet, auf und ab steigen. Das einzige Lebenszeichen der Arbeiter scheint ständig mit dem Verwalter verknüpft zu sei». Man fühlt geradezu, wie er geniert. Die beiden Parteien stehen in demselben Verhältnis zueinander wie ein strenger Schulmeister zu de» Kindern, die er in Zucht hält... Endlich weicht der Verwalter von ihnen. Er schreitet die lange Tenne hinunter, und seine Gestalt wird kleiner und kleiner, je mehr er sich dem Ausgang nähert. Einer der jüngeren Häusler, Niels Rö», steht gerade vor einem Guckloch, durch das er, zwischen zwei Balken, den Rücken des Verwalters sehen kann. Und lvährend er dasteht und schaut, blitzt es in seinen Augen auf: ein Einfall, ein übermütiger Streich.(Forts, folgt.) Der Liebesttank. B o» A»! o n Fr ii d r i rfi. Tie Welt war ein Meer wirbelnder Flocken, und die Tannen fenfzteii schwer im Schneesturm. Vluch der Ankensaloina seufzte und fluchte, wenn er trotz seiner großen Selnieereisen an den Füße» hin und wieder einmal bis an den Bauch in eine Schneewehe ein. brach und der oierzigpfnndige Ankenballen den er, wohl eiuge- schlagen in Tüchern, in seiner Hotte auf dem Nucke» trug, ihn nicht mehr ans dem Loch kommen lassen wollte. Aber er tarn jedesmal wieder oben auf im U'auipf mit dem Sturm, dem Schnee und dem Nnkenballen. Wenn er dann mit gespreizten Beinen, liste es die runden Schneeteller an den Füßen nicht anders zu- ließen, lesteder weiter schritt, dann setzte sich die Ankenmarei, die während des Saiomos Ningen mit den weißen weichen Gewalten ruhig wie eine große Bildsäule stehen geblieben war, auch wieder in Bewegung, trat vorsichtig und last behaglich in die von ihrem lebenden Schneepflug gemachten Spuren, bis das nächste Ein- brechen de* Salomo ihr wieder eine willkommene Gelegenheit zum Ausschnanfe» gab. Sie selbst hatte nur zwanzig Pfund in der Hotte. Ten» zehn von den ihren trug der Salomo, der sich liste eine kleine Lokomotive durch de» Schnee vvn Hinterzarten den Feldderg hinauf bohrte, während die Mnrei gemächlich hinter ihm herkam. Als sie nach fünfstündigem Schneewaten endlich au de« Türpfosten derWirtSstube deSFeldberger Hofes die Schuhe abklopften und sich ans zwei wandelnden Schneefänlen wieder in den Ankensalomo und die Ankenmarei verwandelt hatten, da fanden die Beiden, eö sei genug für heute; die fünf bis sechs Stunden bei solchem Wetter bis hinao»ach Todina» konnien sie auch morgen mache». Das war in der ßeit, wo die allerersten Schneeschuhlanser auf den Feldberg kamen, und wo im Winter von den zwanzig Betten des Feldberger Hofes selten einmal eins Über Nacht einen Gast bekam. Die Marei wollte von dem neumodische» Kaibenzeug nichts wissen und infolgedessen der Salomo auch nicht. Nur der Jäger- »azi fubr am ganzen Feldberg als der einzige unterm Mannen- Volk aus den TüfelSbretber», und der saß natürlich akkurat wieder in der Wirtsstube, als die Zwei hereingeirampt kamen und nach Nachtquartier fragten, oblvohls noch nicht vier Ubr war., „Ha, warum niiV" sagte die Feldberger Hoswirtin, und meinte» bei solchem Wetter sei man doch am woblsten unter einem Dach. ,.Wi»» der Salomo Courage hätte, da»» hätte er sich schon laug ei» paar Bretili machen lasse» und tat in einer Stunde nach Todtnau hinabflitze»; aber nntürli, wen» einer keine Courage hat...!" To spottete der Fägernazi, strich seine» seinmell'londe», ver- rupften Sckniauz und sah mit der ihm eigenen nichtssagenden Grimmigkeit im Gesicht so vertraulich als inögiich zur Marei hinüber. Diese hatte indessen das Tuch vom Kopf genommen, den Nock mit der eingenähten Hüstcnwnlst ansgeschütlelt, die gescheitelten Haare zurechtgestrichen, das rote Gesicht mit den kleinen Aeuglein und dem ewigen Tropfe» an der langen Nase abgetrocknet»nd sich dann in der ganzen Wucht ihrer Crscheinung ans die Bank am blauen Kachelofen gesetzt. Erst nach einer Weile rnhigeii Wartens, lvährend dessen der Salomo mit seinem breiten, an eine negerhaste Abstammung erinnernde» Gesicht nnd den aufgeregten Locken auf- geregt bald zur Marei, bald zum Nazi schielte, erhob die Marei ihre Stimme und sang ei» volles Lob ans den Salomo; denn wie der sei idr noch keiner vorausgewatet; es sei eine wahre Pläsier mit ihm z' gan»»d ans den Salomo lasse sie nüt kommen. Der Belobte tat einen triumphierenden Blick zum Jägernazi hinüber und besteckte sich daiiii mit nachlässiger Geberde ein Viertel Markgräfler. Dem Kerli wollte er es schon zeigen, was es heißt, ihn bei der Marei ausstechen zi> wolle». Aber als der Jägernazi gleich nachher hinaus bors HauS ging, nm einmal nach dem Wind und dem Thermometer zn schauen, da interessierte es die Marei gerade auch, ob sich das Wetter nicht aufhellen wolle»»nd sie steckte bei der Gelegenheit dein Nazi eine neue Tabakspfeife zu nnd ein Päckli„Blauer Ritter", die sie in der Neustadt für ihn gekramt hatte. Dann weinte sie leise zu ihm, wenn er warte, bis der Winter vorbei sei, wolle sie ihr Wort halte» und ans den Herbst Hochzeit mit ib»i machen; aber bis zum Frühjahr könne sie den Salomo beim Vorauswaten nicht entbehren. Währenddem die Ankenmarei de» Jägernazi also beschwichtigte, ging der Schieber zwischen Wirtsstube und Küche häufiger auf als sonst einmal im Tag, und zwei kohlschwarze Augen sahen hinüber zu dem einsam sitzenden Salomo. Wenn der aber nicht dergleichen tat, als ob er etwas merkte, fuhren nachher die Kasse- role» und Häfen so stürmisch in der Küche herum, daß die Feid- berger Hofwirtin es einmal für nötig fand, einen Blick durch die Türe zu tun und der rabiaten Köchin ihre Gegenwart warnend ins Gedächtnis zu rufen. Tie Babette war ein schwarzes Wäldler- maidli, nicht mehr gerade im ersten Flaum, aber doch auch»och nicht in den bestandene» Jahre», in welchen die Marei sich be- fand. Schaffig und husig, freundlich und fröhlich geriet die Babett nur in einen Zustand inikoiitrollierbarer Anfwallungen, wenn der Salomo mit der Marei zusammen in die Wirtsstube kam. Der Salomo war das einzige Mannsbild im Wald, das auf sie Ei»- druck machte. Denn er ivar interesiant. Tie Babett war aber von jeher für das Interessante gewesen. Tie sah es ihm»ach, daß er gern den Fitzer spielte»nd gelegentlich unvermutete Lustreislein antrat, aus denen er sein Erspartes berklopfte, kurz alles sah sie- ihm»ach, nur das»ickit, daß er mit der Ankenmarei allwöchentlich einmal über den Feldberg nnd wieder zurückging, er, der ihr das Heiraten schon vor acht Jahren versprochen hätte. Dieses Viereck übers Kreuz konnte nicht mehr lange gut tun. Das sah jedermann am Feldberg. Die Dinge waren in das Stadium der höchsten Spannung getreten, und man mutzte über kurz oder lang eine Katastrophe erwarten. Die zwei Hingehaltenen, der Jägernazi nnd die Babett sprachen sich wohl gelegentlich Trost zu und gerieten dabei selbst in ein flüchtiges Fnnkensprühen, aber bald stellte sich der alte Zustand der Gefühle wieder her, und ihre Reden über die beiden Abtrünnige» schwankten zwischen ver- haliene» Lobeserhebungen nnd nicht zurückhaltenden Prisen Pfeffer und Salz. Indessen beherrschte die Marei die Situation Volt- ständig, da sie wußte, daß alle beiden llckaniien Völker i» erster Reihe. auf ihr Büchlein auf der Todtnauer Sparkasse spitzten. Solcherlei Freier ergeben sich immer ins Warten. Das feurige Herz der Babette aber drängte z» irgendeinem Abschluß. Ta kam ganz von selbst die Stunde der Tat. Im Gefühl seines Sieges geriet der Salomo, während lang- sam die Nacht herabsank, ins Schwadronieren. Als die Lampe an- gesteckt wurde, trug die Babette für die Feldberger Hofwirti» auf einem sauberen Brett in einem porzellanen Kännlei» etwas her- ein, was der Ankensalomo noch nicht kannte. Er sei alleweil schon weit in der Welt heruingekom'iiien, bemerkte er, aber was die Herrelüt zum Vieri tränken, das Hab er noch nicht herausgebracht. Was in dem Kännlein eigentlich sei,—— so fragte der die Wirtin. Die antwortete dem Salomo, das sei Tee, der i» China wachse. Das müsse aber etwas sölli Gneies sein, weun's von so weit her lonune, meinte der Salomo und deutete in nicht»iißzuper- stehender Weise an, es gelüste ihn schon lang eiii»ial danach, so eilrta? zu t>ct�uä)cn. V- m\"btxyw yx, tcWctVe tt'v-cxw eW\ Portio» von bcm chincstichcn To« oui>«>»« Kv�tru. Vre l�otv � berger Wirtin aber antwortete, das jci ihre«od)«, sio tade dcn Salomo, tvcil er der Mord immer so»ut vorauswate, hicmit zu einem Bicritce ein und die Marci auch. Diese aber lehnte dankend ab. Denn sie war mehr für Spirituosen und bestellte gleich noch«in Vtebranntcs zu den bereits genoffenen. t'lls die Bnbctt in der.ttiiche von der Fcldbergerhofwirtin gesagt bekam, sie solle eine Portion Tee für den Salomo anrichten, gab es ihr einen«tlipf ins.Herz, ihre Beine versagten und in ihrem stopf wirbelte es von wirren Gedanken. „Der Salomo und chinesischer Der?! So ei» Lumpazi, der ihr schon vor acht Jahren die Heirat versprochen bat und nun mit einem Ankcnmcnsch durch die Welt zieht?! Anstatt drunten im Dorf bei seinem Biirstenbindergeschäft zu bleiben und sich auf ein ehrliches anständiges Familienleben zu besinnen?!" „Der und Tee?!" bös wird nie ganz zu ergründen sein, ob Rachsucht, Liebe oder ein bewußter Plan zur Errettung des Ungetreuen ans de» Fingern der Ankeninarei den Arm und die Hand Babett lenkte, als sie von dem Miicheubrett anstatt der Teebüchse eine alte Blechschachtel herab- holte, darinnen für gewisse Fälle im Haus Sennesblätter auf- bewahrt wurden, jedenfalls langte sie mit der Sicherheit, ivie sie Menschen nur in Schidsalsangenblicken eigen ist, in die Blech- schachte!, tat einen guten Griff, brühte das Ganze an, ließ es kräftiglich ziehen und schüttete den Trank von den verräterischen Blättern ab in ein schön glasiertes, init lieblichen Blumen ver- ziertes Häslcin. Dann servierte sie es dem Salomo mit Pflichthafter Gelassenheit. Neben manchen anderen menschlichen Schwächen besaß der Salomo die der Eitelkeit. Nichts tvar ihm so peinlich, als nngc bildet zu erscheinen und sich in den Gewohnheilen der Hcrrenliit unerfahren zeigen zu müssen. So überwand er denn seinen ersten Eindruck von dem»enen Getränk, den er dahin zusammen- fassen wollte, daß er schon bessere Sachen in seinem Leben genossen habe. Aber auch diese Aussprache seiner Empfindungen versagte er sich, tat ans den Rat der Fetdbergerhoflvirtin zwei Stücke Zucker mehr in jede Tasse und trank de» Tee mit der lächelnden Miene des Kenners bis auf de» Grund. Nachdem der Salomo noch einige lehrreiche Vorträge über China und die Rhinozerosse, welche dortsctbst wild herumliefen, zum Besten gegeben, nachdem die Ankeninarei über ihr achtes Schnäpslein langsam eingenickt war, und der Jägernazi sich mit der genügsamen Stille des Wissenden aller weiteren Angriffe auf den Salomo enthalte» und schweigsam verhalten hatte, gingen alle zeitig zu Bett, wie das in den Bergen im Winter der Brauch ist. Am anderen Morgen lvars die Babett einen scheuen Blick durch den Schieber in die Wirtsstube, Ivo der Salomo busper und guter Tinge beim Kaffee saß. Während der Nacht hatte es noch schwer geschneit und gestürmt. Aber seht lag draußen die weiße Welt im Staat als ob es Sonntag wäre. Alles blitzte und funkelte und zuckle und flimmerte im blanken Sonnenschein. Ein Himmel, blau wie ein Dragonerrock, stand steil über der gleißenden Welt. Weiß und blau, so sauber ist die Welt nur nach einem Winter stürm! Aber liefen, tiefen Schnee hatte es geworfen. Weg und Steg waren verweht. Das machte der Marei jedoch nüt. Sie hatte ihren Schneepflug bei sich. Als sie auf der Treppe des Feld- berger Hofs standen und„B'hüet Gott!" wünschten, sagte sie ihrem Begleiter, wie man einem Rößlein„Hü" zuruft: „Salomo, watt Du vorus!" lind der Salomo watete voraus, und die Marei stieg mit hochgerafftem Rock breit und leicht in seinen Spuren hinten nach. Wie lange das so gehen würde, das zu wissen versetzte die Babett in der Küche in einen Zustand beängstigender Aufregung. Als der Nazi, der beute hier oben Revier zu machen und deshalb im Felddergerhof übernachtet hatte, in die Wirtsstubc kam, über- nahm es die Babett, und sie bat den Jäger inständig, den beiden nachzufahren und einmal nach ihnen zu schauen. Es habe so jürchtig lief geschneit, daß ihnen wohl was passieren könnte. Ter Nazi machte zuerst ein grimmiges Gesicht, strich unwirsch seinen Schnauz, sagte dann aber zu. Nach dem Morgenejsen hing er die Flinte um. schnallte die Bretter an, stieg die leichte Anhöhe vor dem Feldbergerhof hinauf und schoß dann wie ein Pfeil gegen das Wiesental hinab. Aber an diesem Tage kam er nicht mehr zum Rcbiergang zurück. Anstatt des Salomo, der aus unerklärlichcu Gründen seiner Begleiterin alle Augenblicke zurief:„Ankemarei, watt Du vorus!" und mit der er aus den gleichen, unerklärlichen Gründen in einen unheilvollen Wortstreit geraten war, spurte jetzt der Jägernazi mit seinen Schneeschuhen der Ankcnmarci den Weg voraus bis hinab nach Todtnau. Mit der Freundschaft war es nach diesem Gang' zwischen der Ankeninarei und dem Salomo aus für immer. Sie hat nie er- fahren, wer diese Zwietracht zwischen sie gesät. Nach einem Holben Jahr waren der Salomo und die Babett einerseits und der Jägcrnazi und die Ankeninarei andererseits zwei in aller Ordnung getraute Ehepaare, lind jetzt noch frägt die Babett den Salomo, wenn er auf Abwege geraten will: „Soll i Dir öppc jetiras) Tee anbrühc?" Cxn XValut � cv\ x» 1 Von H. FaltenselS. Im Jahre IlVH jährt es sich zum siebcnbundertstcn Male, daß R o g c r B a c v n zu Jlchester in England geboren wurde, ltnd wen» schon die Kird)e, der er im Franziskanerorden angehörte, kein Wort der Erinnerung für ihn hat, und auch unsere sonst so jubilänmssüchtige Zeit seiner ganz vergaß, so wird doch wenigstens das werktätige Volk, ans dem er hervorging und sür dessen Wohlfahrt er arbeitete und litt, ihm eine Stunde des Gc- dciikenS weihen, wenn es erfährt, mit welcher Genialität Roger Bacan für den Fortschritt und ein menschenwürdiges Dasein dcS Volkes kämpfte. Sein Wesen und Schicksal mag um so mehr interessieren, als sich darin zugleich ein erschreckendes Kulinrbild spiegelt, das Liebt daranf wirft, warum das Mittelalter Jahr- hunderte brauchte zu Fortschritten, ivie sie sich heute in Jahr- zehnten, in manchem von Jahr zu Jahr vollziehen. Man hat dem zwölften und dreizehnten Jahrhundert vor» geworfen, sie seien die„düinmsten aller Jahrhunderte" gewesen» da nicht eine ncnnensloerte Lebcnsrcforin, kein wesentlicher Fort» schritt, keine Erfindung von Bedeutung sich in ihnen vollzogen habe. Daß dies nicht an dem„Voll" jener Tage lag, sondern an der Act seiner Regierung und Leitung, inag uns das Schicksal Roger Bacons locise». Er trat, nachdem er unter Entbrhrungcii sich ans kleinsten Ver» Hältnissen zum Studium emporgearbeitet, im Jahre 1240 in den Franziskanerorden ein. Man tat dies damals nicht aus Welt- flucht, aus religiösem Dünkel oder Menschenscheu, Ivie später, als dir Klöster sich im Gegensatz zur vorwärts drängenden Zeit zu Horte» des Stillstandes und der Lcbcnsabkchr gestaltelcn, sondern zu Beginn des lll. Jahrhunderts blieb einem Menschen, der sich Ibissen schaftlich betätigen wollte und nicht als Herr eines Schlosses geboren war, nichts anderes übrig, als in einen Orden zu treten. Nur dort tonnte man lehren und lernen. Es ist somit wahr» daß durch die Kloster die Wissenschaften aufrechterhalten und ver- breitet wurden. Die Kirche hatte eben frühzeitig erkannt, welche Macht in ihnen liegen konnte. Darum trachtete sie bon vorn- herein, Lesen, Schreiben und tvas sich dadurch erlangen läßt, zu ihrem Privileg zu machen. Dadurch konnte sie Oberaufsicht über alles Wissen bewahrt, dieses selbst von allein„gereinigt" werden» ivas dem kirchlichen Interesse zuwiderlief; auch war damit jede Neuerung, jeder Fortschritt nntcrbundcn, die irgendwie gegen die tilchliche Wrltanschaung verstießen. Das sollte Roger Baron bald am eigenen Leibe erfahren. Nichts zog ihn so sehr an wie dir Astronomie und Phhsit. Mit Scharfsinn erkannte er bald die Mängel, die dn» Kalender, der Zeitrechnung seiner Tage anhafteten. Man rechnete damals noch so wie das römische Reich nach ägyptischem Vorbild seit Julius Cäsar(Julianischer Kalender) und hatte damit die Länge des Jahres nicht mit astronomischer Richtigkeit erfaßt. Baron setzte in einer Abhandlung auseinander, daß nach dieser Zeitrechnung je 120 Jahre um einen Tag zu groß sind(so daß schon zu seiner Zeit der Frühlingsbcginn ans de» l:!. März statt aui den 21. Marz fiel) und legte einen verbesserten Kalender vor. Aber niemand hörte auf ihn. Erst fast 250 Jahre später, als die Widersprüche der Zeitrechnung zu auffällig Ivaren, führte man seinen Kalender ein und ließ damals in der Nacht des 4. Oktober 1582 zcün Tage ausfallen, so daß die Menschen ans jener Nacht ani 15. Oktober auftvachten. Rur wurde die große Reform nicht an Bacons Namen, sondern an den des Papstes Gregors XIII. geknüpft, ob- Ivohl auch nicht der, sondern der Italiener Luigi L i l i o den noch heute gültigen„Gregorianischen Kalender" ausrechnete. Roger Bacon arbeitete in seiner einsamen Zelle zu Oxford weiter. Er erfand die Vergrößerungsgläser. Eine neue Welt hat sich dadurch dem Menschen eröffnet und die zahllosen Fort- schritte der Biologie, uanientlich die Bakteriologie, die Kenntnis der Pslanzcnkrankheiten und die gesamte heutige Medizin wären undenkbar ohne Mikroskope. Drei Jahrhunderte früher bätten diese Fortschritte ihren Segen spenden können, wenn man Roger Bacon seinem Verdienst nach gewürdigt balle. To aber erfanden erst am Ende drs 10. Jahrhunderts die Holländer neuerdings daö Vergrößerungsglas, das seitdem in Gebrauch viieb. Rur die Brille kennt man seit Barons Zeiten und wenn auch ihr Erfinder un- bekannt geblieben ist, so mag vielleicht dieses Zusammentreffen nicht zufällig sein. Baren war der erste, der im Mittelalter den Regenbogen wissenschaftlich als Lichtbrechung erklärte. Und seine Kioster- gcnosse», Oxford, England, die Knünrwelt, alle, die bisher gleich- gültig und unverständig seinem Genie gegcniibcrsianden. scheinen dadurch zuerst ans ihrer Ruhe crlvacht zu sein. Warum? Tie Regeiibogeuerklärung ging eben gegen die„Religion". In der Bibel ivar der Regenbogen nicbt pbysikalisch sondern„göttlich" er- kiärt. Und nun begann man aus die„tensiischen" Künste des offenbar gefährlichen Mannes zu achte». Als„eiocior inirabilis", als der„wunderbare Lehrer", tvar er längst verschrien, nun ivit- icrtcn die Dunkelmänner Morgenluft. Man schritt gegen den Modernismus ei« und ging nicht mit halben Maßregeln bor. Als erste Maßregel traf ihn das Verbot seines Ordens, seine teuf. tischen Künste niederzuschreiben. Baco» aber Ivar ein mutiger und aufrechter Mann. Auch er begnügte sich nicht mit halben Gc- — 103— iinnfcn, sondern traf nun mit seiner Neberzenqung lierbcr, das; solch»»Ivisscnde Geistliche!iicl>i die geeignete» Lebrer des Volkes sein können. Er eniioark de» Plan zu einer Reform der Bildung nnd forderte, das; sie auf Kenntnis der Natur»nd der antiken Schriften deruhe»»iiisse, nicht ader anf dein theologisctien Wust der Scholaslik. an deren Stelle er die Sittenlehre als Hauptiichali der Religion in den Vordergrund sicllie. ?ainit war der Bruch vollzogen. Man lies; sich nicht in einen Tisput init ihm ein— man sperrte den gefälirtichc» Denker und Forscher ein. ?er aver hatte Verbindungen mit Rom, mit dem Papst selbst, nnd schrieb zu seiner Rechtfertigung, nachdem il?ii dieser frei- gelassen, nun erst recht sein Hauptwerk. Aber nicht Einsicht in das Unrecht, daö ihm widerfahren, hatte ihn befreit, sondern nur persönliche Protektion. Kaum war also sein Gönner gestorben, lies; ilm sei» Ordeusgeneral»cuerdingö einkerkern, lind zehn Jahre lang, bis er ein aller und gebrochener Man» tvar, währte seine Gefangenschaft. Er bat durch sie gelernt, lvclch« Art von Mensche» allein dort möglich ist, Ivo die Kirche herrscht, und hat nichts mehr gelehrt noch geschrieben. Die Flügel des Genius waren gebrochen, wenn auch nicht sein Genie. Denn in rührender Weise findet man in seinen Werken seine letzte» Erfindungen in Rätselanagrammc gekleidet. So spricht er von Salpeter, SrMvefel »nd einem fehlenden Bestandteil, durch den man ein donncr- artiges Krache» hervorbringe!! könne, und versteckt in diesem wunderlich verschnörkelten Satz ein Auagramm, dessen Lösung lautete: Lsrbonuiu pulvere! Roger Baco» bekennt sich somit iu seinem Werk ,.l) e s e- cretis o p e r i b u s"(„Vom geheimen Arbeiten"; auch zur Er- findung des Schiesjpnlvcrs, aber erst lauge nach seinem Tode, um llUch wird diese letzte Tat fruchtbar. Unbekannt woher fdie Er- fiiidung durch Berlbold Schivarz ist sagenhaft! taucht das Schicst- pulvcr in Deutschland auf und um steht die erste Pulver- wühle zu Augsburg. Um diese Zeit lebte Brnwn nicht mehr. Mit welchem Gefühl aber mag dieser seltene Manu gestorben sei». der befähigt war, der Menschheit iu so vielem zum Fortschritt zu helfen und dessen Leben zerbrach im Kampfe wider die Mächte seiner Zeit! Kleines SeuiU&ton. Ein märkischer Messias. Sckwindler mit religiösen Fallstricken haben meistens Erfolg gehabt. Das lehrt aiilb die Geschichte eines sonderbaren Heiligen, der in Berlin sei» Unwesen trieb. So wird iu dem genealogischen Kalender auf das Jahr 173V anschaulich erzählt: Johann Paul Philipp R o s e n f e l d, lwelcher noch, itzt als Gefangener in Spandau, lebts fing im Jahre t7t>2. Ivo er 81 Jahr alt war, eine herumstreifende Lebensart a», da er immer Wohlleben, Gemächlichkeit und Ungebundenheit geliebt hatte. Wo er hinkam. brachte er das Gespräch auf Neligivnsmaterien. nannte sich einen Propheten, einen in der Bibel verlündeten groben Mann: nnd gab sich endlich für den Heiland der Weit, für den wahren Christus, für Göll selbst aus. Er fand ungemein viel Glauben und Anhang. Die? Werk trieb er, um sich futtern zu lassen, um Geschenke zu bekommen, und um Juiigfrancn zu seinem Willen zu be- schwatzen. Auch hierin fand er ungemein viel Glanben und Bereit- Willigkeit. Aeltern selbst brachten ihm ihre Kinder; und seine Anhänger liehen ihm das Recht der ersten Nacht bei ihren Bräuten; gerade wie es bei den heidnischen Indianern ihre sogenannten Heiligen haben. Seiner tollen RcligionSschwärmerei ivegen, welche die Leute verrückt machte, kam er auf zwei Jabre, von 1783 biS t77l, ins Irrenhaus zu Berlin. Aber der Glaube feiner Anhänger blieb treu. Eine Mutter brachte ihm doribin selbst ihre damals 1ö Jahre alt gewordene Tochter, in Begleitung einer anderen Frau und eines MamieS. Mau sagte dem Mädchen nntcrwegS:„sie müsse alle? glauben, was Rosenfeld ihr sage, nnd alles lhnu, was er verlange". Man kam an; er sagte: er ivolle das Mädchen itzt zur Braut Etristi machen: und thal darauf mit ihr, im Angesichte der Mutter und der übrigen gegenwärtigen Personen, was eine Mutter, die nicht ganz wahnsinnig ist. am wenigsten bei ihrer Tochter, zugeben wird, und zu dessen Bewilligung nur der höchste Unsinn des Aber- glmibenS sie bewegen konnte. Wenn ein Saniong in Indien der- gleichen auf offener Slraste begeht, so bedecken ihn die Vorüber- gehenden mit ihren Mänteln, nnd bleiben stehen, bis dos heilige Well vollendet ist; aber herrscht denn bei uns derselbe Gränel der Schwärmerei, welcher im Heidentbmn Statt findet Roscnfcld ward wieder sici. streifte noch eine Zeitlang herum, nnd kam l7,.> wieder nach Berlin, wo er sich min zur Ruhe setzen wollte. Er war jetzt 41 Jabre alt. nnd wollte seine Lust gcmäch- Inder geniehcn. Er schrieb also einen Zirlelbries an seine Anhänger. worrn er ihnen eröffnete:»Er habe die Schlüssel des Paradieses, «nid bei ihm liege das Buch deS Lebens; vicies sei mit sieben Siegeln verschlossen: um es zu entsiegeln, brauche er sieben Jung- fraucn. Wer ihm seine Tochter nicht gäbe, über den würden alle Seelen Ach und Weh schreien." Die Mädchen wurden ihm so.ileich geicknckt. aber der kaltherzige Wollüstling swie ein Scheinheiliger wohl tinmer ms behandelte sie sehr schlecht. Rur eine tvar in die'em geiiiiichen Serail die Sultane Favorite diese? Khatireu; nur bei der brachie er ganze Nächte zu; sie war von ihm schwanger nnd gebar drei Kinder. Tie andern rief er zivar auch oft genug. nach Willkür, zur Wollust auf; allein er lies; sie von, srüheri Morgen bis in die späte Nacht mit Wollspinnen aufs sauerste arbeiten hiervon zog er allen Vorteil, und lies; sich auf die Art ordentlich von seinen Mädchen ernähren. Diese sechs Mädchen prügelte er oft grausam, lies; sie hungern, nnd hielt sie überhaupt wie Gefangene und Sklaven. Er liest sie nie zusammen, noch mit ihren Eltern reden, nnd quälte sie mit Fragen und Flüchen nnd schrecklichen Drohungen. Vorzüglich die Eine, gerade die Schlvester seiner Geliebten, ein Gegenstand des Hasse« dieser letzteren, und dadurch auch des Barbaren selbst. Einst bon Verzweiflung und Hunger und Kummer überwältigt, einlief sie z» ihrer Mutter: allein auf Roienselds Drohung:..wenn sie nicht wiederkäme, gehöre ie nicht zu den sieben glücklichen Jungfrauen, sondern sei ewig ver- danmit und verloren", kam sie in der Tat ivieder, sagte aber zu einer ihrer llngUicksgciiossinnen:»Meine Schwester und Rosenfeld haben mir schon das Marl au? den Knochen gesogen: itzt gebt'« anss Herz lo«. das sie auch bald abfressen werden", lind bald tarb die Unglückliche auch bei ihm. Noch eine starb bald nach ihrer Zuhansekun't.. Drei andere konnte» es nicht mehr aushalten. sondern gingen fort. Aber nichts davon empörte die Eltern oder andre Anverwandte. Sprachwissenschaftliches. Aus der Naturgeschichte des„Maulaffen". Tie Redewendung„Maulafsen feilhalten" ist fast im ganzen deutschen Sprachgebiete bekannt und jedermann versteht ihren Sinn. Was aber ist die eigentliche Bedeutung des„Maulafsen", der de» Sprach- forscher» seit langer Zeit Kopfzerbrechen bereitet k Handelt es sich um einen tvirklichcii Assen oder um das offene Mauld Adolf Stölzel gibt liierübet in einen, seiner reizvollen„Streifzüge" in die Volts- einmologie und Volksmisthologic im jüngsten Hoste der„Grcnzboten" Auskunft. Das Wort Maiilaffe bedeutet überall offen-Manl. die Beweise, die er dafür zusamnienstelll. sind recht anziehend. In Lübeck kennt man„Mnlapcn". Es ist dies ein Name für das anderwärts „Feuerstübchcn" genannte Gerät, mit dem die Marktweiber auf dem Markte sich mit übergebreitetem Rocke wärmen, wenn sie dazu das vielleicht in prähistorische Zeit zurückgehende Gebilde an? Ton ver- wenden und nicht etwa das neuere Feuerstiibchen mit einer kleinen Tür aus Messing oder Eisenblech. Den Maulaffcn als Scheltwort kennt man dagegen in Lübeck nicht. Der„Mnlap" sin Lübeck übiigenS sächlich) besieht aus einem runden Gefäst mil breitem Deckel und kleinerem Boden: die schräg dem Boden zulausenden Seitenivände haben an einer Stelle ein oblonges ansgeschniltcnes Viereck, ein offenes Maul. Das urwüchsige Gerät ist zwar im Absterben, doch kennen es alte Lübecker noch und es ist auch noch in, Gebrauch. wenn auch iu etwas umgeänderter Gestalt: das einst breite, niedrige Tongefäst ist etivaS schmäler iiud höher geworden: seine viereckige Oeffining bat sich in ein halbkreisförmiges Segment verwandelt, der feslgeschlo!>ene Deckel ist geblieben, und oben sind daran zwei tönerne Heiikel angebracht. Nach Angaben eines Lübecker Töpfer- mcisters licisten solche Oeschen Maiilaffe»,„weil sie das Maul äffen loffcn) halfen". Sic werden in Moisling bei Lübeck hergestellt. DaS ganze Gerät in seiner neueren Form ähnelt einem mensch- lichen Kopse, bei dem die Henkel die Ohren darstellen, die Ocffnung den Mund. Einen anderen„Mulapen" findet man in Gestalt zweier gekreuzter schmaler Bretter, die in roh geschnitzte Pferdeköpfe aus- laufen, an vorder- und Hintergiebelii an de» Häusern vom Rhein bis m die Mark, von Mecklenburg, Holstein. Pomincrii bis in das Wenden- und Litaiierland bineiii. Dieje Pferdelöpfe brachten nach allem Glauben dem Hause Glück, ansterdem schützte» sie das Stroh- dach vor dem Winde. Bei einigem guten Willen erkennt man an ben primitiv gekchnivlen Pierdeköpfen auch da? offene Maul, und in Mecklenburg heistl diese-? Giebeliimmer noch allgemein„Mnlapen". Eine drille Form de? Maulaffcn schliestlich ist cm ringförmiges Gebäck, daS bis in da? IS. Jahrhundert sich(in Kiirheüenj gehalten bat. Früher kannte man zahlreiche Gcbäcke. deren Name den Affen oder das„offen" ebenfalls enthielt, lo de» Hornoff, nach Lexers miitclhochdculschcni Wörlerbuch den„Muntaffeii" und im lö. Jahr- hundert sogar einen„Asfenninnd". Der Maulaffe der Sprache wird noch bei Luther richtig verstanden, als Mensch, dem das Maul ofscn steht, und erst Leute, die verkehrterweise im Maulaffen einen Affen sahen, fühlten da? Bedürfnis, an« dem Manioffenbahen ein Feil- halten von Maulaffcn zu machen nnd so eine Nedelvendung zn schaffen, die einen PlcvnaomnS enthält. Nock vor wenigen Jahren hat F. SoehiiZ den„Maulaffen, den man feilhält" als ivirklicheii Affen zu erklären ver- sucht, das falsche Feithallen suchte er durch feil gleich veel gleich viel zu erklären und so hätte die sprachwidrige Worlstellniig für seine Erklärung gesprochen. Stölzel weist nun darauf hin. da st offen und off im engsten Zuiannnenhange stehen:»ach einer bayerischen Laildesordiiüilg vom Jahre lövl durften z. B. beim Ausschenken des SonimerbiereSnur je zivei und zwei Brauer„off" haben, d. h. seilhalten. Wenn aber„oft haben" mit„feilhoben" gleichbedeutend ist, enthält der Ausdruck„Manlaffen feilhalten" nicht« andere?, als zwei Aus» drücke für de» offenen Mund. Vcranlw. Redakteur: Alfred Wielep», Neukölln.— Druck u. Verlag: VvrivärtSBnchdrnckerei n.VerlagsaujtaltPaill Singer �Eo..BerlniL1V.