Untctfyaltu ngsblatt des Vorwärts Nr. 46. Freitag, den 6. März. 1914 141 G�löholm. Eine LandarbettetgeschtchtevonZ. Skjoldborg Alle miteinander, Männer ilnd Frauen, tragen den un° vcrkennbaren Stempel ihrer Stellung als Häusler, ihre Klei- dung, ihre Hände, die Haut und der übrige Körper und ihre Augen. Die Arbeit hat sie plump gemacht- die Armut hat sie hier und da gezwickt, wie man den Schafen Zeichen in die Ohren schneidet, um sie wieder zu erkennen, die tägliche Plackerei liat sie gescheuert und geschunden und ihnen im Laufe der Jahre die Fasson gegeben, die sie haben, und Ent- behrung und Unterdrückung haben ihre Blicke so anspruchslos schlasfzufrieden gemacht. Doch ihre Zähne sind gesund und zerbeißen die Pflaumen- steine, daß die Schalenstücke nach allen Seiten springen. Per Holt steht noch in dem jugendlichen Alter, wo der Körper allein kraft seiner gesunden Säfte blüht. Er sieht verwcgen-leichtsinnig aus und geht in Hemdsärmeln hin und her, um die Gläser zu füllen. Und nach und nach kommt Leben in die toten Augen der Tischgäste, und die Freude stellt sich ein, herbeigerufen durch die Genüsse des Augenblicks. Sofort, nach beendeter Mahlzeit, müssen die Frauen zum Melken aufs Gut. Die Männer aber sehen sich an die Kaffee- Pünsche, erhiht von all dem, was in ihrem Magen zu kochen und aus allen Poren hcrauszudünsten beginnt. Der rote Jens geht an sein Lieblingsthema. Einmal, es war ini Fallingcr Krug, schlug er sich mit zwei Ziegeleiarbeitcrn und einein Schweden. „Da tvar natürlich Franenziminerhallo und Wind in den Segeln. Sie hielten gegen uns zusammen und drei schlimme Burschen waren es. Doch da gebe ich dem einen meinen Sticfelhacken grad in die Schnauze, daß er bei meiner Selig- keit auf der Stelle hinschlägt, und im selben Moment renne ich dein andern den Schädel in den Bauch, daß er aufbrüllt ivic ein Weib in Kindesnöten... ich kenne ja alle die empfind- licken Stellen des Körpers", lächelt Jens.„Aber da sticht der Schwede mir ein Messer in den Nacken iind das blieb sihcn, denn in all der Eile vergaß er, es wieder herauszuziehen... Hier könnt Ihr sehen!" Jens beugt sich vornüber, und alle imissen bin, um die weiße Narbe in dem rotgefleckten Stiernacken in Augenschein zu nehmen. „Da fahre ich wie der Blih gegen sie. packe einen Stuhl, breche das eine Bein ab, und dann, kann ich Euch sagen, haben sie's gekriegt, daß sie in allen Farben schillerten, die ihr kennt, und in noch einigen dazu. Und das Blut kam auch ganz schön!" fügt Jens hinzu, als wäre er beim Schlachten gewesen. „Aber wegen der Geschichte wurde ich notiert, hahaha!" Jens fährt sich abwechselnd durch den feuerroten Bart oder schlägt mit der sommersprossigen Hand, die zum rauhen Anfassen wie geschaffen ist, auf den Tisch. Und lächelnd schaut er sich in dem horchenden Kreise um mit seinen rotgeäderten Augen. „Ja, Du siehst aus, als wärest Tu recht stark gewesen, JenS", sagt der alte Holt interessiert. „Recht stark! Ja, das kann man wohl sagen!" Jens erzählt ein anderes Erlebnis, und allemal gießt Per einen Schnaps ein. Die Erzählung tvird dadurch unterbrochen, daß ein Frem- der eintritt, ein junger Bursche. Er bleibt an der Tür stehen und sagt etwas verlegen: „Ich soll grüßen und sagen, daß morgen abend 7 Uhr Versammlung ans der Hochschule ist, wegen des neuen Reichs- tagsabgeordneten!" „Wo dienst Du?" fragt Per. „Bei Klaus in Oerum." „Ist das nicht der, der immer vor dem Gemeindevorstand auf dem Bauch rutscht?" ruft der roie Jens. Der junge Mensch verschwindet hurtig und die andern lachen. „Es ist toll, toieviel Versammlungen die Bauern in dieser Zeit abhalten", sagt Per. „Die Bauern sind schliinmer noch, als die Gutsbesitzer." „So'n reckst geiziger alter Bauer, ja", fügt der alte Holt hinzu. „Sie hätten nicht übel Lust, die Güter zu verschlucken, aber ich glaube, sie wischen sich umsonst das Maul", sagt Jakobus und spuckt auf die Diele. Polles Unterlippe hängt soweit herab, daß sein Gaumen sichtbar wird und mit großer Anstrengung nur hebt er den Blick zu dem jeweilig Sprechenden. Klein-Lasse krächzt, hustet und spuckt aus seiner kranken Brust. „Was sind das eigentlich für Leute, diese Hochschul- männer?" fragt Per. Jakobus wackelt selbstbewußt mit dem Kopfe, als schüttle er darinnen der Menschen Dummheit durch ein Sieb, das Spreu und Weizen scheidet, und dann sagt er:„Hm, das will ich Euch sagen, Ihr Leutchen, das sind die— äh— die das mit der Muttersprache aufgebracht haben!" „Das ist Lüge!" unterbricht ihn Jens.„Ich Hab' hier lange genug gewohnt, ich lveiß daher wohl... nein, das sind Leute, die sich absolut mit den Deutschen schlagen wollen. Sie fahren an Somniertagcn in langen Reihen mit einer wehen- den Fahne und singen das Lied: Ich kämpfe für mein Land, so lange ich kann, so lange sich noch findet ein Mann." „Ja aber..." „.Halt Dein Maul, Jakobus, das verstehe ich am besten. Und ihre Mädel verschafften sich, wenn sie aus der Schule raus kommen, einen Schirm lind ein rotcS Kleid mit blankem Gürtel, und dann rennen sie von einer Versammlung zur an- deren, solange noch ein Faden davon übrig ist. So ist es!" „Ja, aber da?, was ich sage, das mit äh— mit der Muttersprache— das stimmt doch", sagt Jakobus heraus- fordernd. „Willst Du mich foppen!" ruft JenS und wird dunkelrot. Er erhebt sich— aber scheint sich doch wieder zu bedenken: „Wenn Du nicht ein alter Mann wärst, Jakobus, dann solltest Du, hol mich der Teufel, gleich Kopf stehen!" Seine Faust schlägt auf den Tisch, daß die Tassen tanzen. Es wird ganz still und Jens setzt sich, wie einer, der ge- wohnt ist, Sieger zu bleiben.-- Als nach beendetem Melken die Frauen gegen Abend zum Kaffeetrinken kommen, singen die Männer beim Punsch. Per kennt so viele Lieder und trägt sie glänzend vor. Zuerst jenes Lied, das so anfängt: „Die Mette hat mich gern, Sie macht mich liebestoll. Wenn sie nur nicht besoffen ist, Doch ist sie immer voll." Und dann: „Wenn ich einmal der Kaiser war, Ich würd' die Welt regieren: Kommers und Saufen sollte man Bis hin nach Polen spüren___" Am meisten Glück macht ein Lied mit gesprochenen Versen zwischen den einzelnen Strophen: „Ich Hab' ein Weib, ich armer Kerl— Muß mich zufrieden geben. Sie gibt mir nicht einmal'neu Schnaps, Wo ist das frohe Leben? Und komnie ich dann und wann mit einem Spitz nach Haus, dann sagt Rieke: Du bist besoffen, du Schwein! Nein, gewiß bin ich's nicht, antworte ich, nur dies geht mir immer im Kopfe herum: Sengduiljada, Sengduiljada, Scngduilja— duilja— duilja— dal" Wenn Per solche lustigen Lieder singt, gleitet über die arbeitsliartcn Züge ein lustiger Schimmer gleich der Sonne, die zwischen zwei Wolken eine ärmliche Landschaft bescheint. Auch die Frauen amüsieren sich,— sie lachen und kichern, als der rote Jens das drastische Lied von der„spröden Frau" singt. Inzwischen ist Paste der Kopf so schwer geworden, daß er ihn nur mit Mühe aufrecht halten kann, und seine Unterlippe hängt bis aufs Kinn herab. Ihm g».genüber sitzt Nielk Rön mit schweren Augenlidern. „Balle!" sagt er. Und mit schwerer lallender Zunge wieder- holt er in kleinen Zwischenräume:„Balle!— Ba— Balle!" Der schwindsüchtige Klein-Lasse steht am Ende des Tisches neben der Tür und sieht vergnügt aus; seine Augen haben einen fast unheimlichen Glanz. Ihm gegenüber steht eine Schar firofecr fingen; fic haben fidi vorsichtig hierher geschlichen. mtn zil hören nnd zu sehen. Sie reißen die Augen auf und lachen ülier Klein-Lasse. Er schlägt gelvaltig niit den Äriuen nur sich, haut auf den Tisch und slucht:„Hier sind K— r— äste I" Der kleine, schwächliche Mensch wiederholt diese Worte und schlägt zu feinem und der Jungen Vergnügen mit der Hand auf deil Tisch.„ Wieder hört man Niels Ron sagen: Balle!" Die beiden sind also noch nicht miteinander in Verlnudung getreten. Ter große Paul bringt zuweilen, wenn er betrunken ist, so eigentümliche Worte hervor, die niemand verstehen kann. .Skrusgeinakl" sagt er zu Jakvbus.„Skrusgemak!" sagt er in einem Ton, der etwas Kränkendes hat. Jakobus hebt den Arm.„Du möchtest ivohl ein paar fremde Fäuste in Deinem Gesicht haben!" droht er. Doch der große Paul senkt seinen ausgestreckten Arm, wie man die Scheide eines Taschenmessers zusammeiiklappt und sögt:„Zeuch gen Süden i» das heilige Land, so da heißt Dithinarschen, Du Sck>afSkopsI" Und dann lachen sie alle beide. Der rote Jens aber wirft sich auf alle, die ihm nahe konimen. Namentlich TanuueS, der Vorknecht, tvird mit Gchiinpfworten überhäuft.„Tu bist ein Doppelzüngiger, ein Speichellecker! Ein Speichellecker gegenüber dem Verwalter!" Tanimes sitzt geduldig da und läßt alles über sich ergehen. Und dann bist Du ein Pantoffelheld! Das sind Amaliens Hofen, die Du anhast! Du bist ein Pantoffelheld, Tamnies!" (Forts, folgt.) öem Enüe öer Eiszeit. Von W. G. N e a» d c r. Die dem Ncheul folgende Moustierperiode ist vielleicht die llLngste ilnd schwierigste, aber auch wichtigste Periode für die Fort- «itimckliiiig der Menschheit gewesen. Es ist die Periode gewaltiger Erd- und Seebeben gewesen, in deren Mitte Europa unter Eis und Schnee begraben lag. Wie diese Eiszeit zu erklären ist, deren Spuren die Natur in den Erdschichten deuilich zurückgelassen hat »nd die genau nachgeprüft werden können an jetzt»och in der Eis- Periode befindlichen Ländern, wie Grönland und andere» Ländern der kalten Zonen, ist nicht leicht anzugeben. Das Land hat sich wohl im Laufe sehr langer Zeiträume an der einen Stelle allinäh- lich stark gehoben, lind an anderer Stelle ist es gesunken Erdbeben haben hohe Gebirge einporgeschoben, deren Gipfel so hoch ragten, daß ewiger Schnee und Eis sie l>edeckten. Sie sandten gewaltige, kalte Wasserinnssen zu Tale, bis auch von den Gletschern herab EiSinaffen sich lösten und mit Gestein und Geröll bei inimer größe- rem Anwachsen durch die eigene Schwere die Berghänge hinab- «litten und das Land bedeckten oder ins Meer trieben. Auch dort brachteil sie Kälte und Frost au die Küste. Das gesunkene Flach- land hatte dein gierigen Meere den Zutritt geöffnet, und dieses brachte ebenfalls Frost und Eis aus den im Norden entstandenen hohen Gebirgen, so daß, ivie jetzt z. B. der warme Golfstrom für Europa ein mildes, gleichmäßigeres Klima schafft, damals die kal- ten Meeresströmungen des Nordens Europa allmählich in Jahr- taufenden der Eiszeit entgegenführten, bis wieder durch das Wachsen und Heben des Landes, durch Erniedrigung der Gebirge bei Erd- bebe» und durch andere Naturkatastrophen der Erdrinde, nach länge- rem Schwanken zwischen Eispcriode und mildem Klima mit der- Snderlichen Jahreszeiten den Sieg davon trägt. In den mensch- liche» Werkzeugen ist nur ein geringer Fortschritt der Kultur in dieser langen Periode zu verzeichnen-, nur die Form wird in den Steinwerkzeugen dieser Periode etwas geschickter für den Gebrauch; das Beil oder der Hammer erhält vielfach ein Loch oder eine Oese für den Schaft. Wohl aber werden durch das durch die Kälte bedingte. Herstellen von Schutzbauten und das engere Zusammenwohnen die Laute zu Sprachbezeichnungen geworden und das Zufammengehörigkeits- aefühl gewachsen sein. Wahrscheinlich fällt auch schon in das Ende dieser Periode mit dem Auftreten des Renntieres die erste Bekleidung, wenn auch pfrimen- oder nadelartige Instrumente, die auf ein Bearbeiten von Stoffen für die Bekleidung hinweisen, erst zwei Schichten später gesunde» werden. Ilm unseren Berg in den Alpen sieht eS unfreundlich aus. Eismassen und Schnee liegen um den Gipse!; das Rinnsal, das den Weg bis zum Fuße des Psades nach der Höhle bildet, führt eiskaltes Wasser nnd Eisblöcke zu Tal und ist den größten Teil des JahreS fest zugefroren. Rur schroffe Felsen ragen empor, Ge- Jrüpp und Bäume sind verschwunden. Das Meer ist noch mehr in as Land getreten und hat tiefe Buchten gebildet. Große Steppen, mit Moos bedeckt, ziehen sich vom Fuße der Gebirge bis an die Meeresküste hin, die bei Ebbe weite, kahle lls w zeigt, da nur an wenigen Stellen die Küste felsig ist und Fjorde tief hinein in das Gebirgslaud führen. Nur an geschützten Stellen in Vertiefungen des hügeligen Landes im Osten oder in geschützten Gebirgsschluchten zeigen sich bewaldete Stellen, die au? kleinen, verkrüppelten Fichten» und Birkenarten bestehen. An solchen geschützten Stellen wächst auch eine hohe, zähe Heide, die fast die Höhe der niedrigen, verein» zelten Bäume erreicht. Scharfe Winde und Stürme brausen über das Land. Kurze Sommer ivechseln mit langen, trostlosen Winter» zeiten, die große Kälte bringen. Zwei felsige Ausläufer unseres Berges umfassen ei» Tal. Der Berg hat seine Gletscher nach der anderen Seite, iveil sich an den senkrechten Felsivändeii über dem Plateau der Höhle keine Schnee» und Eismassen für längere Zeit nach der Talseite festsetzen können, und die Schmelzwässer des Sommers durch das Rinnsal au der Seite des Tales abgefühet werde»; hier liegt eine menschliche An- siedluiig. Sie liegt millen in einem Heidestück,»ach der offenen Seite des Tales geschützt durch niedere» Buschwald. Die Nieder» lassung besteht aus zwei langen schmalen Höhlen, die aus Steinen mit darübergelegten Torf- und Erdschichten erbaut sind. Mit MooS und Heidekraut sind die gewölbten Dächer abgedeckt und alle Oeff- nungen verstopft. Zwischen den beiden langen Höhlen liegen mehrere kleinere Höhlen, ebenso erbaut wie diese. Die Onerseiten sind durch Wände ans Stein, Torf und Lehm geschlossen. Der Eingang zu den Höhleu geschieht an einer Stelle der Längsseite; die Oefsnung ist durch große»ud schwere Felle bedeckt, die von oben und außen die Oeffnuiig schließen, und die, mit großen Steinen auf dem Dache beschwert, an dem oberen Ende festgehalten iverden. Der Fußboden im Inner» ist gegen den Außenboden erhöht und hart getreten. Die Enden nach jeder Seite sind mit MooS und Heidekraut als große Lager hergerichtet. Die höblenartigen Einzethüttcn sind ebenso eingerichtet. lim diese Höhlenbauteic zieht stch ein breiler»nd ziemlich tiefer Graben, der nach der Autzenseite steil abfällt und mit Wasser gefüllt ist. Der Aushub ist nach innen geworfen, so daß sich um die Niijiedlung eine Art Erdmauer bildet. Der Zugang über de» Graben lind die Mauer ist nach dem Talinnern, nach dem Berge zu gelegen. Es ist ei» fester Erdsteg, der von der Grabenaußen- kante sehr schräg ansteigt und steil nach der Oberkanie der Erd» mauer führt. Hier ist eine kleine Plattform nnd mehrere große Steine liegen hier, so daß der Eingang, wenn diese vorgewälzt werden, gesperrt werden kann. Sie können, falls ein Feind durch den Zugang eindringen will, die schiefe Ebene herabgerollt iverden, so daß der Eindringling zermalmt werden kann. Der Abgang von der Maueroberkante nach dem Innern des Platzes ist sehr steil. Er führt auf den Platz zivischen den beiden langen Höhlen und unmittelbar auf die Oeftnung einer kleineren Höhle in der Mitte, hinier der noch eine Anzahl ebensolcher liegt. Auf der Plattform des Einganges nebe» den großen Steinen standen drei Männer. Gegen die früheren Menschen, die wir in dieser Gegend kennen gelernt haben, waren sie im Aeutzeren und in der Haltung wenig verschieden, nur war die Farbe der Haut viel hellfarbiger, ein rötliches Braun. Die wulstigen Lippen, die breiten offenen Nüstern, die zurückfallende niedrige Stirn, die Wulst über den tiefen Ängenhohle», das schwere Gebiß ohne vortretendes Kinn, der sehr kurze Hals, die gebogenen Arme und Beine, die rot- braune Behaarung, die noch dichter geworden war, die starken vortretenden Mnskelstränge waren geblieben. Neu war der stets aufrechte, schwere und watschelnde Gang auf platten Sohlen und die tiefen kurzen Kehllaute, die sie ausstießen, lieber den Rücken hatte jeder ein Fell hängen, das über den Schultern hing und mit Bast»in den Leib geschnürt ivar. In diesem Bastgürtel steckte ein Beil oder Hammer mit längerem Stiel. Das Beil oder der Hammer waren aus Feuerstein gesprengt und hatten die ver- fchicdcnsteii, noch plumpen Formen. Der Holzschaft war in ein Loch ani dicken Ende des Feuersteinkeiles eingelassen und war fest mit Bast und Tiersehnen verschnürt. An de» großen Steinen lehnten kurze Spieße mit Spitzen aus Feuersteinen oder scharfen Knochen, ebenfalls am eingesetzte,, Ende i»it Bast und Sehnen gebunden. Neben den großen Steinen lagen noch ausgestapelte Haufen von wnrfgerechten kleineren Steinen. Ter größere von den drei Männern hatte einen Fellgürtel, der von der Haut der Läufe eines Renntiers gefertigt ivar, denn die beiden Hufe dienten dem Gürtel als Schluß. Die drei blickte» nach dem Strande, einer tiek ins Land gehende» Meeresbucht, vor der eine Schar Kinder und Frauen emsig hin und her lief und fleißig sammelte. Sie suchten Muscheln, Seetiere und Fische, die die abfließende Flut zurückließ. In den Strand, den die Flut umspülte, waren Quer- grüben und Teiche gegraben, um darin Seetiere nach Ablauf der Flut fangen zu können. Die Beute war sehr reich auch an Fischen. Die größeren wurden über die Schultern genominen; das kleinere Getier und die Muscheln wurden entweder sofort verzehrt oder auf Felle geworf, die sackartig zusaininengefaltet wurden; die daran befindlichen Häute der Laufe dienten zum Schließen des Sackes. Schwerbepackt zog die Schar nach ihrem Höhlendorfe. Die drei Männer beobachteten die Herankommenden und unterhielten sich in wenigen Lauten, die nur Vokale ohne Konsonanten hatten. Durch die Betonung schienen sie aber den Vokalen verschiedene Bedeutung zu geben. Ein lauter, scharfer Ruf, der wie„Ai" klang, tönte aus der kleinen, niittleren Hütte, und eine große, ältere Frau erhob sich aus dein Eingange der Höhle. Eilfertig sprang der Mann mit dem Fellgürtel herab und ging zu der Frau. Auch aus der auf der linken Seite von ihr befindlichen Höhle, der Männerhöhle, kamen Männer und stellten sich um die Frau. Sie sprach einige Laute, und einige der Männer stellten niedrige Holzgerüste aus verlrüppettcm Astert onf. Sie ainft b«un an den Wav»1 eingang und wartete, biö die Frauen- und Kindcrschar«rit ihren Lasten ankam. Sie suchte die großen Fische aus, die mit Moos nnd Bast und Fellstücken an den Hölzern, die die Männer aufgestellt hatten, besestiat wurden. Diese Arbeiten wurden stumm verrichtet. Die Fische sollten an der Luft trocknen und als Wintervorrat dienen, wenn das Meer bis weit hinaus zugefroren war und Schneestürme und anderes Untvetter den Aufenthalt im Freien verwehrten. Auch große Fleischsiücke hingen zum Trocknen an der Luft. Die Anführerin wählte dann für sich von den eingebrachten Nahruugs- mittel», die ein junges Weib in ihre Höhle schaffte, und über das übrige machten sich die anderen Bewohner des Höhleudorfes her. Ein Rest wurde für die drei Männer niedergelegt, die kurze Zeit darauf von drei anderen als Posten vor dem Tore abgelöst wurden. Die Kinder tummelten sich und spielte» auf dem Platze vor de» Höhlen; die Mütter sahen den Spielen zu und hatten sich auf Eelle gesetzt, indem sie mit den Rücken gegen die Höhlenmauer hüten. Eine tlirterhaltung wurde nicht geführt; nur die Kinder stießen ab und zu unartikulierte, kindliche Schreie aus. Das Leben war verhältnismäßig stumm, da der Sprachschatz äußerst gering war, und die wenigen Vokallaute nur die wichtigste» Dinge bezeichnete». Die Männer arbeiteten bedächtig und langsam an ihren Waffen; auch einige Frauen fertigten Baststreifen, die sie an die Männer abgaben. Als es dämmerte, krochen Frauen und Kinder in die echie lange Höhle und die Mehrzahl der Männer in die andere. Einige der Männer gingen zu den Posten und per- teilten sich auf die Umwallung. In der Talmulde und weiter das Tal hinab, auch draußen auf den Heidesteppen waren zahlreiche ähnliche Ansiedelungen. In der Ansicdlung nahe am Berge waren verhältnismäßig sehr viele Frauen und Kinder und wenig Männer, doch war die Hälfte der Männer zur Jagd aus. Die andere Hälfte stellte die Wachtmann- fchaft; und die anderen ruhten aus und brachten ihre Waffe» und Geräte in Ordnung. Die Jagdabteilung mußte oft tagelang wegbleiben, dir sie weit nach Osten ziehen mußte, um Wild zu Iinden, weil in der Nähe der Ansiedlung die Renntiere schon eltener wurden und ein Mammut nur durch Zufall erbeutet werden konnte, da die Waffen zur Durchdringung der dicken Haut nicht genügten, auch das angegriffene Tier den Angreifer mit dem Rüssel ergriff und ihn zerschmetterte. Es blieben zur Nahrung aber zahlreiche Nenntiere,»eben Muscheln und anderen Seetiercn und großen gischen, die die Ebbe auf den Strand warf; auch das Moos mußte im Notfalle den Magen füllen helfen. Not war nur in den langen»nd strengen Wintermonaten zu erwarten, wenn Schnee und Eis und Schneestürme das Vorwärtskommen in der Steppe hinderten. Für die Höhlen waren Schnee und Eis als Baumaterial willkommen, und der erste große Schneefall wurde benutzt, um auf und um die Höhlen Schneemassen zu werfen, die hermetisch die kalte Luft vom Innern abschlössen. Seitdem man gelernt hatte, Vorräte für den Winter aufzuspeichern, der früher ofh aus Hunger die Hälfte des Stammes forderte, waren die größten Schrecken des Winters überwunde». Vorräte wurden aber jetzt eifrig gesammelt. Wir entnehmen dieses.Kapitel einem uns vom Verlage der Schlesischen Buchdruckerei, Breslau,(vormals Schottländcr) zur Verfügung gestellten Aushängebogen des in kurzem erscheinenden Werkes:„Der Mensch und seine E» t w i ck e I u n g", dar- gestellt in archäologischen Romanen und Novelle» von W. G. R c» ander. Band 1: Die Steinzeit. Mit 81 Abbild. Brosch. M. 1,80, geb. 2.30._ Zwei Zrauen. Eine Volksparkszene von Karl Morburger. (Schluß.) Zwei-, dreimal schon hat die Junge die Lippen geöffnet. Jetzt stößt sie hervor: »DaS ist»it wahr! Immer iiltl* »Was? Waas? I Sö'tschnldigh»'S noch? Ah so... ah so..., am End' san S'... Doch die junge Frau verteidigt nun ihre eigene Sache. Sie ist völlig verwandelt; lebhast, sich überstürzend, leidenschaftlich stößt sie hervor: »Na I Na I Na I'S iS nit wahr, daß S' Madl schlecht san muß! Dumm iS s' nurl Dumml Hab'n S' denn a Ahnung, wie dös zugeht? Da sitzt ina so allein»nd verlasj'n rn d'r Welt. Mit an' Jung'n will ma nix z'tun hab'n. DöS san a nur Hallodris.''�) No, und da glaubt ma halt... No, und da kumint aner und macht si an— auSschau'n tuat er Ivie a ordentlicher Mensch. und reden tuat er Ivie a Hascherl™), und der erzählt an', daß ihm'S Leben nimmer freut, daß er's verfehlt und verpfuscht hat, daß er auS'n Haus bat müss'n, weil seine Alte a Bisgurn und a Schlamp'»™) i?, na und da tnat er an' leid, leid tuat er an', wie er so red't»nd dasteht! Und wenn er dann amal am Abend kununt und si hinschmeißt und sagt, daß er in'S Wasf'r geht, wann leichtsinniger Mensch:™) bedauernswertes Geschöpf; bissiges, boshaftes Weib;>-') nachlässig;™) verwirrt;") Gestalt, Erscheinung; � aufbegehren. u\a ihn nit bnldt, daß er ohne an' nit leb' n kann. wann er an'n Kv» ganz wirrwarrisch™) macht, daß man gar nit mehr an sich selbst Senkt und nur an ihn und an sein Elend..„ wann ma...,»» ja. wann ma ihm a so gut iS. wann ma a Herz hat für ihn... Na, was iS nacha? Weiß ma, daß'r lugt, daß'r schwindelt? Sann ina an' Mensch'» in d' Seel' schauir? Kann ma dös? Und tvennl dann schief geht, wo iS d' Schlechtigkeit vom Madl? Hm?" Die Junge schweigt erschöpft. Auch die Alte sinnt einige Augen» blicke, dann sagt sie: .Naja'S is schon wahr! Aber g'schlt iS halt do l Burkumm» soll so Ivas nötl* „Wann er aber so mit an' red't, daß ma gar nit mehr an sich selber denkt!" „Sagen S'— san S' einig'sprung'n mit so an' Lumpe»- lerl?" Die Junge schweigt, das genügt ihrer Nachbarin. „Dös is ka G'wisseir nit von an' Mann," sagt sie..DöS sch» gar»U I I bin wenigst'ns a Frau— i kam, mi d'r Welt zeig'». Mir kann niemand waS»achred'n! Mir int I... Aber bei an' Madl, bei so an' Madl... WaS iS er denn eigentli?" „Auslader in an Kohleng'schäst." „WaS?!" ruft die Alte und springt auf.„WaS? Auslader? Auslader?! Ah, da schaut'S her! JessaS' marand l Aufladerl Und Ferdl haßt er, Ferdl Krachingcr?" Die Junge blickt erstalint hinüber. „Woher wissen S' denn dös?" „Ah, dös is sehr guat! Woher iS dös waß? Woher i dö» waß? Ah, da schaut's her! Da schaut'S her! Da Ferdl! Da Ferdl I Und So.. Plötzlich schlägt sie einen anderen Ton an. Höhnisch ruft fi« hinüber: „Freut mi sehr, d' werte Bekaimtschast z'machcu! Freut mi sehr! Also S ö san jetzt die Fra» Krachinger! Na, wie geht's'n Herrn Geniahl? Oder is er scho lvicdcr— hui?* „Ja, was..." .IS er wieder außi g'sprung'u? San S' scho wieder Wittfrau nach an lebend',, Mann, der aner andern g'hört?" „Keimen S' ihn denn?" „Ob i ihn kenn'? Dös iS guat! DöS iS guat! lind wie i ihn kenn'! I bin d' Frau Krachinger I D'g'setzliche Frau Krachingcr I Versteh'» S' 1 Dö g'jetzliche 1" „Sö sa»...?" „Ja, ja, dös bin i I Das hält',» S' Jhna nit g'denkt I Seh'n S', a so geht's>»i Leb'»! Alles kunmit aus! Aber so a Madl! Pslii, schämen 2' Jhna! Schämen S' Jhna! Pfui! Pfui! lind weg'» so aner I Na, mei Herr und Gott I Awatsch'n sollt' ma s' auf der Stell'! Ah, da schaut's her, so a G'stcll''h— so a G'stell — und lveg'n so aner... fahr'» S' ab! Fahr'» S' ab, sag' Jhna I Sonst faßt mi da Jurn! Schau'» S', daß abfahr'n, Mist» mensch, ölendigeS!" Die Junge ist aufgesprinigen. Um ihre Lippen zuckt eS. „Jetzt san S' aber ruhig i" zischelt sie. „Ah, da schaut'S her I Ausdrah'n will s' a noch! Mistmcnsch, ölendigeS— fnrt, sag'>, fürt mit dir!" „Just iiöt!" stößt die hervor und richtet sich trotzig auf..Hab' i g'ivnßt, daß er lugt? Hab' i g'ioußt, daß er schwindelt? Hab'-i Sö g'kannt, Hab' i g'ivnßt, was dahintersteckt? Hab' i denn dös wisj'n können? A Herz Hab' i g'habt für ihn und dauert hat er mi. IS dös schlecht? IS döS schlecht?" „Ob döS schlecht iS? Siehgst ja, w!a die der Herrgott straft I" „Hab' is aber verdient? Sag'» S' dös selbst I Sag'» S' nur! Hab' is ans Schlechtigkeit g'lha»? Wann S' nur g'hört hätt'n, ivie der red't..." „— Ahja, döS weiß i— rcd'n kann er! Und schön tun kann er a! Schiilkich'ln kann er, daß a Freud' is." „No seh'n S'. Und i Hab' ihm all'S glaubt I Hab' t g'ivnßt, daß er so a... a so a..." die Junge stockt. „A so a Lump is! Sag'» S'ö nur h'nauS I" Ein Schluchzen erstickt die Worte. Ein Weinkrampf schüttelt st« und sie sinkt auf die Bank nieder. Da ist auch der Zorn der anderen verflogen. Verelendete fühlen gemeinsam allen Kummer. Und da beugt sie sich über die Weinende und flüstert ihr ins Ohr: „Na, sei g'scheidt Madl! Sei g'scheidtl WaS g'scheh'n iS, iS g'fchch'n! da kann ma nix mach'» I DöS kununt scho vur I... Und i yab's ja nit so g'meint..." Und immer eindringlicher spricht sie der Weinenden zu, immer freiiiidlicher, herzlicher und teilnehmender iverden ihre Worte, innner echter, denn der Zorn der Rivalin ist verflogen. Die Rivalin ist ja jetzt eine andere, und die ist die gemeinsame Rivalin. Die Weinende zählt ja als solche gar nicht mehr mit. Die ist ja jetzt auch nur eine Verlassene. Ganz sachte steigt»och eine andere Empfindung in der Alien auf. Eine Empfindung, deren sie sich selbst nicht bewußt ist, die aber die ganzen Jahre in ihr weiter gelebt»md sich jetzt ausbreitet und sie ganz crsüllt. Die alle, nie erstorbene, nie geminderte Zu- ucigmig zu ihren, Manne. Als diese-? Empfinden in ihr stärker wird, findet sie es allinählich wie selbstverständlich, daß>na>i ihm unterliegt, daß ihm keine widerstehen kann, seinem Wesen, seiner Gestalt. Sie ficht ihn vor sich: die gedrungene, stämmige Gestalt, die V%.-%i.% V _A. w. i'ät�r v-'�-:- vi■ — 184— offenen, ehrlichen Mgen, in denen es so oft aufßli�t, fie hört feine Stimme, den glitmütigen, schmeichelnden Ton. Die Erinnerung hypnotisiert fie. Ihr©erlangen, ihre Leidenschaft lebt wieder auf, aber sie ist gewandelt. DaS gealterte, verwitterte Weib sehnt sich etwas von ihm zu hören, sehnt sich nach jemand, mit dem sie über ihn sprechen kann. Und dieses gewandelte, ganz körperlose Ber- langen gibt ihr rührende Trostworte, und diese stillen die Tränen des Mädchens. Dann sitzen die beiden dort und sprechen leise, ganz leise, als «b sie sich selbst es nicht eingestehen wollten, ganz leise iprechen sie von ihm. Sie sind sich nicht mehr fremd. Wie es halb Neun schlügt, erheben sie sich. Schweigend gehen sie dahin. Da fastt die Alte Mut und flüstert: .Na, und wissen zu Awet'n tragt sich'« Elend leichter... und... lind wann's Jhna paßt... zieh'» S' zu mir... I werd' nii scho' umschau'n auf Sö... haben S' wenigst'ns o Hilst, wann S' in d' Wochen kommen... und dann... dann... dann «rbeit'n ma halt zst'ainin'n... zu Zweit arbeil't sich'S leichter... und ma hat halt wen... Also, ivanists Jhna paßt.. Kleines Feuilleton. Kinder als Ailnidarsteller. Ein Filmoberregisseur hat kürzlich ausgeführt, welch ungeheurer Aufwand an Arbeit, Wagemut und Geld die Herstellung eines CensationSfilmö erfordert. Er betont, daß der Begriff Unmög- lichkeit bei der Anfertigung von Senfationsfilin« vollkommen aus- geschaltet wird. Alles, was auf einem solchen Film dargestellt werden soll, müsse vollkommen praktisch ausgeführt werden.„Un- ermüdlich, durch Wind und Wetter, geht der Filmregisseur mit seinen Darstellern tagelang seinem aufreibenden Beruf nach, immer gewärtig, daß einer der tapferen Mitarbeiter auf dem Felde seiner Tätigkeit liegen bleibt. Und so mancher fiel ihr zum Opfer. Für einen Film mußte eine Mühle gekauft und in die Luft gesprengt werden. Der kühne Filmdarsteller klammert sich kurz vor der Sprengung an einen der Windmühlenflügel und läßt sich durch die Luft fliegen, ehe die Explosion erfolgt. Der Darsteller muß ungeheuren Mut, Entschlossenheit und Geschicklich- keit zeigen. Er mutz auf einem dünnen, schwankenden Brett in schwindelnder Höhe der vierten Etage von einem Haus zum anderen balancieren. Er mutz sich, von einem Lasso eingefangen, kilometer- weit hinter dem rasenden Lastenautomobil herschleifen lassen. Er mutz sich von seinem Wagen, der von einem daherrasenden V-Zug überfahren wird, mit einem kühnen Sprung im Moment der hoch- sten Gefahr auf die Lokomotive retten. Er springt von einem daherfahrenden Omnibus über einen Wagen in einen zweiten Omnibus, der sich ebenfalls in voller Fahrt befindet. Er lätzt ich auf einem Pferd sitzend von einem Luftballon in die Höhe jeben, springt aus einem fahrenden Zug, klettert aus dem Luft- chisf an einem dünnen Seil auf einen Dampfer hinab, oder pringt von einer zwanzig Meter hohen Brücke mit dem Pferd ns Wasser. Man weiß ja, datz solche Leistungen sich trickmatzig vortäuschen lassen, und mag dem Filmregisseur kaum aufs Wort glauben, wenn er ausdrücklich betont, das alles seien wirklich ausgeführte Leistungen eines Sensationsdarstellers. Aber er hängt die Frage an:„Und tvaS ist sein Lohn? Wahrlich keine Gold- berge, wie man im großen Publikum oft behauptet. Der Verdienst deS Filmschauspielers steht in keinem Verhältnis zu den Leistungen, die tagtäglich von ihm verlangt werden." Selbst wenn schwindet- erregende Vorgänge in Wirklichkeit sich weniger gefährlich ab- gespielt haben, so bleibt sicher genug übrig, was diese Feststellung rechtfertigt. Nun ist es ja gewiß schrecklich, datz Menschen ihr Leben in so waghalsiger Weise aufs Spiel setzen, nur um den Beifall deö sensationslüsternen Publikums zu gewinnen. Wir sehen ähn- liches im Zirkus und Variete und find schon so abgestumpft, daß wir bei dem Todessprung oder bei einer Dressur wilder Tiere kaum noch daran denken, welchen Gefahren der Darsteller aus- gesetzt ist. Von Zeit zu Zeit liest man, wie einer dabei ver- unglückt, wie auch Filmdarsteller ihr Leben verlieren. Aber die Sensationslust ist zu groß, als datz ernstlich gegen solchen Unfug Front gemacht würde. Es handelt sich da ja auch um erwachsene Menschen, die freiwillig einen so schweren Beruf auf sich nehmen. Die Not mutz freilich groß sein bei ihnen, wenn der Verdienst nicht einmal im Verhältnis steht zu ihren Leistungen. Es sind vielfach Ehemänner, Familienväter, die suchen, für ihre Angehörigen «uf solche Weise Brot zu schaffen. Wie steht es aber, wenn kleine Kinder ebenfalls zu solchen Darstellungen herangezogen werden? Sollten da nicht Eltern oder Vormünder verantwortlich gemacht werden dafür, datz sie ihre Kinder ständiger Lebensgesithr aus- setzen, abgesehen von der schweren Schädigung, die die Gesund- heit, die die Nerven der Kinde' erleiden, die als Filmdarsteller verwendet werden. Ich sah dieser Tage einen Film„Unter der Glutsonne In- vienS". AIS besondere Empfehlung war angezeigt, datz dieser Film dem Deutschen Kaiser vorgeführt worden war, und daß er Leranlw. Nedaktenr: Alfred Wiel-vp, Neukölln.— �Druck u. Verlag: seinen besonderen Beifall fand. Es handelt sich um einen englischen Offizier, der in Indien verschwindet. Seine Frau und sein etwa fünfiährigeS Kiicd schiffen sich in England ein, um ihn zu suchen. Das Schiff, auf dem sie die Fahrt unternehmen, gerät in Flammen. Die Mutter mit dem Kind auf dem Arm will sich aus der Kajüte flüchten, aber die Flammen dringen hinein und drohen, sie zu erfassen. Im letzten Augenblick kommt ein Matrose, trägt das Kind durch die Flammen und er wie die Mutter springen in da? Meer, in dem Ertrinkende verzweifelnd mit den Wellen kämpfen. Sie scheinen dem gleichen Schicksal verfallen, da erreichen sie einen leeren Nachen und kommen an das Land. Sie reiten nun in das Innere Indiens und werden unterwegs von einer Horde Ein- geborener überfallen. Schüsse knallen. Schließlich werden Mutter und Kind an Pferde gebunden und von den galoppierenden Tieren fortgerissen. Im Lager der Eingeborenen kommt das Kind in eine Bretterhütte. Plötzlich öffnet sich die Tür und herein tritt ein ungeheurer Tiger. Der Ausdruck des Entsetzens an dem armen Kinde war unbeschreiblich. Der Tiger wird natürlich im letzten Augenblick getötet. Die Eltern fliehen mit dem Kinde. Als es einen Augenblick unbewacht auf einer Wiese sitzt, wird es von einem Eingeborenen geraubt. Als er verfolgt wird, will er da» Kind in einen Abgrund schleudern. Gerade als er es hoch in der Luft wirbelt, trifft ihn eine Kugel und das Kind stürzt nur ein Stück den Berg hinunter und bleibt unversehrt. Zuletzt kommt noch eine Schlacht mit den Eingeborenen, wobei englische Truppen zu Hilfe eilen, und man atmet erleichtert auf, datz alles glücklich ausging. Ich habe die Vorgänge absichtlich genau geschildert, um zu zeigen, datz das Kind mindestens sechsmal in eine Situation, die ihm das Gefühl der Lebensgefahr geben mutz, gebracht wurde. nur damit dieser Sensationsfilm zustande kam. Wir bekommen immer mebr Gesetze, die sich gegen den Unfug der nervenaufpeitschenden Filmdarstellungen richten.' Man beginnt, den Besuch der Kinematographen streng zu kontrollieren. Man beobachtet, wie die Nerven der Kinder darunter leiden. Man bemerkt, welch schlechten moralischen Einfluß der Anblick dieser Sensationsdramen auf die Jugend hat. Er geht sicherlich weit hinaus über das Lesen der Schundromane, deren Verbreitung ja auch energisch bekämpsl wird. Wir haben auch eine Reihe von Kinderschutzgesetzen, die sich gegen Ausnützung der Kinder bei Darstellungen aller Art richten. Sollten sich aber nicht auch alle Eltern, Lehrer, alle Kinderfreunde zusammen tun und protestieren gegen die Art und Weise, wie Kinder als Filmdarsteller mißbraucht werden? Man stelle sich nur einmal vor, datz man selbst ein Kind, das man lieb hat, zu solchen schreckhaften Experimenten hergeben sollte. Es wird zweifellos viel grauenhaft Wirkendes mit harmlosen Tricks hergerichtet, aber der vorhin zitierte Filmregisseur betont ausdrücklich, die Zeiten seien vorbei, wo man die gefährlichen Situationen mit einem Trick auf- nehmen konnte, und auch das wird zutreffen.„Die Sensations» lüsternheit und die Urteilsfähigkeit des Publikums haben so riesige Fortschritte gemacht, datz man nur noch mit Darstellungen nach der Natur arbeiten kann." Ob man dahin kommen wird, das Publi- kum zu einem besseren Geschmack zu erziehen, weiß ich nicht. Vor- läufig suchen die Sensationsdarsteller einander zu überbieten im Darestellen grausiger Situationen. Dahin aber sollte man doch kommen, datz man die Mitwirkung von kleinen, willenlosen Kindern in den lebensgefährlichen oder doch auf das Kind als lebensgefähr- lich wirkenden Vorführungen verbietet. Eltern, die ihre Kinder miß- handeln oder ausbeuten, kann das Erziehungsrecht genommen wer» den. Eltern oder Vormünder, die ein Geldgeschäft damit machen, daß sie das Leben der ihnen anvertrauten Kinder in so frivoler Weise aufs Spiel setzen, sollten unter das gleiche Gesetz gestellt werden. Aber bis es soweit kommt, wird wohl noch manches arme Kind der Sensationsarbeit zum Opfer fallen? A n n a B l o s. Hauswirtschaft. Warum salzen wir die Kartoffel? Es gibt viele Dinge im täglichen Leben, die wir rein gewohnheitsmäßig tun, ohne über den Grund dazu eine klare Vorstellung zu haben. So z. B. wird jeder ein Gericht Kartoffeln salzen, ehe er dasselbe auf das Feuer bringt. Warum aber salzt man die Kartoffeln? Weil sie dann besser bekömmlich sind, lautet die Anttvort. Wie kommt daS aber? Leitungswasser kocht bei einer Erhitzung von 100 Grad, Salz» wasser erst bei 104 Grad. In der Kartoffel ist ein Stärkemehl enthalten, das sich bei einer Temperatur von 108 Grad löst. Für die Gesundheit des Menschen ist es aber durchaus erforderlich. datz da? Stärkemehl gelöst wird, da die Karloffel so bedeutend leichter bekömmlich ist, als die im Leitungswasser gekochte, die stets glasig bleibt und dadurch dem Verdaunngsapparat unnötige Schwierigkeiten bereitet. Die mehlige Kartoffel hingegen spart dem 5iörper einen Teil seiner Arbeit. Auch ist auS ihr schon zum großen Teil der Alkohol entwichen und auch das hilft den Körper vor Schädigungen schützen. Die Vorteile der im Salzwasser gekochten Kartoffel sind daher ganz beoeutende: sie wird bekömmlicher und als Nahrungsmittel hschiveriiger, da ihr die schädigenden Sioffe schon zum Teil ent- zogen werden; als Genutzmittel ist sie ebenfalls vorzuziehen, da ihr Geschmack sehr viel angenehmer isü_ Vorwärts Buchdrucksrei u.BerlagsanstaitPaiil Singer S-Co.,Berlin