UntetfyaHüng&biatt oes vorwärts Nr. 47. Sonnabend, den 7. März. -ni4 16] EineL Hplöholm. andarbeitergeschichte von I. Skjoldborg Nachdem er so eine Weile losgelegt hat, runzelt Per die Brauen und sagt:„Eins mächt' ich Dir nur sagen: spiel' Dich nicht gar zu sehr auf, Jens!" „Aufspielen! Du weißt wohl nicht, daß Du einen Mann vor Dir hast. Per Holt! Und hol's der Teufel, einen voll ausgewachsenen Mann!" Per erhebt sich. Er schließt den Mund fest und kneift die Augen zusammen.„Nun ist's schon besser, Du nimmst Dich zusammen, mein Junge, denn ich kann, Gott verdamm mich, auch kratzbürstig werden!" „Junge!" fährt Jens auf und packt mit seinen groben. sommersprossigen Fäusten Per so fest, daß die Vorderteile der Hochzeitsweste auseinanderbersten I „In diesem Hause gibt es nur einen Mann!" ruft Per und fährt auf Jens los, der, ein fürchterliches Gebrüll aus- stoßend, im nächsten Augenblick neben dem Ofen auf der Diele liegt, mit einem Loch im Kopfe. Es erfolgt sofort ein allgemeiner Aufbruch. Im Gang flüstert Niels Ron Jakobus zu:„E r konnte ihm ordentlich eins versetzen!" Jakobus kichert und nickt und antwortet:„Ja, er konnte ihm weiß Gott eins versetzen, hihi!" Als sie auf dem Wege angelangt sind, läuft der große Paul immer weiter, wie vom Winde gejagt. „Aber wo willst Du denn hin. Du Tölpel? Menschens- kind, bist Du denn ganz verrückt? Hier wohnen wir doch!" Paul antwortet aus einiger Entfernung:„Ich weiß es wohl. Ich weiß es wohl, Maren, aber mich soll der Teufel holen, wenn ich wenden kann!" Damit ist Per Holts großes Taufgelage zu Ende, das wie ein leichtsinnig übermütiger Streich in den Annalen der Gyld- holmer Kätnerbäuser verzeichnet stebt. Gyldhotm tregr öa oraußen im dänischen Bauernland, um- geben von seinen breiten Aeckern, wie eine Insel. Dort wird ein Leben für sich gelebt. Dort verhalten sich die Jahrhunderte alten Ueberlieferungen des Schlosses, dessen Korridor mit den Bildern Gyldholmscher Besitzer vieler Generationen geschmückt ist, zu den Ueberlieferungen in Keller und Leutestube genau so, wie sich das Licht zum Schatten verhält. Dort findet man eine Gemeinschaft, die von der Unter- klaffe mit ihren krummen Rücken stufenweise hinaufsteigt bis zur obersten Sprosse— dem Kammerhern, der dort oben in erhabener Ruhe und einsamer Majestät thront. Eine Insel mit aller Tradition und Verfassung, die aus früheren Zeiten zurückgeblieben ist. Und zwischen dieser Insel und der Umwelt gibt es so gut wie keine Verbindung. j- Es ist ein Ort, wohin kein Bauer kommt, und von wo aus keiner zum Bauern geht. Es herrscht eine rege Verbin- dung zwischen Rittergut und Rittergut, zwischen der einen Insel und der anderen. Die hohen Herrschaften fahren in ihren eleganten Equi- pagen und strahlenden Toiletten wie ein Prachtvolles Schau- spiel vorbei an Häusern und Höfen, von Gut zu Gut. Und im Mai und November transportieren schwere Arbeitswagen Kisten, Kommoden. Mobilien und Gerumpel von einer Leute- stube zur anderen und einem Kätnerhaus zum andern. Doch zum Olufsmorrt und Sommerfest fahren ein paar Wagenladungen voll junger Leute von Gpldholm durch das Land gleich einem Wirbelwind. Bei dem ersten Höker, auf den sie stoßen, kaufen sie Branntwein und sind währenddem drum und dran, seinen Ladentisch umzukippen. Unter Gejohle und Geschrei zieht der Zug weiter durch friedliche Dörfer wie ein Ungcwitter. Von den Wagenbrettern aus, auf denen sie sitzen und in erhobenen Händen ihre Flaschen schwingen, rufen sie jedem unflätige Worte zu: sie überholen, wenn irgend möglich, jeden Wogen und jagen mit ihren Tieren ruhig des Weges dahinziehende Menschen in den Chausseegraben— wie ungezogene Jungen, die zum erstenmal der Zwangsanstalt entschlüpft sind und nun vor Uebermut nicht wissen, was sie anfangen sollen. Auf dem Marktplatze bewegen sie sich im Gedränge nur in einem zusammenhängeiiden Klumpen und es ist, als be- stände dieser nicht aus Einzelwesen, sondern aus einem ein- zigen kolossalen Klumptier. einein Ungeheuer mit vielen Fang» armen, vielen wilden Augen und vielen briillenden Mäulern. Die Heimfahrt ist eine wilde Jagd durch Dunkelheit und Nacht, auf Wegen, die der Bauer meidet, wenn er aus weiter Ferne den wilden Zug lrerankommen hört. Durch sausenden Peitschenschlag werden die schäumenden Pferde vorwärts ge- trieben, daß Hufe und Radachsen Funken sprühen. Und hinter ihnen erzittert die Lust vom Gebriill. Und vorüber zieht die wilde Jagd und verschwindet an der Gemarkung von Gyldholm, als hätte die Erde sie vcr- schlangen— bis zum nächsten Markttage. Die zum Gut gehörenden Häusler sind ständig an die Gyldholmer Scheunen, Ställe und Aecker gefesselt. Nur wem? Reichstagswahl ist, werden sie losgelassen. Sie kommen niemals zu Kommunalwahlen oder Ver« sammlungen in den Dorumer, Fallinger und Oerumer Be- zirken. Aber am Tage vor der ReichstagsNxrhl sagt der Ver- Walter zu ihnen:„Morgen sollt ihr wählen!" genau so, als wenn er sagen würde:„Morgen sollt ihr Dung fahren!" Und die Kätner vollführen die Arbeit genau so wie jed« andere, die im Dienste des Kammerherrn vorfällt. Sie fahren vorüber an den vergrößerten Höfen der Bauern und den hohen Meiereischornsteinen— und Wundern sich über die Veränderung, die hier stattgefunden hat. „Es ist toll, wie die's können!" sagt Per Holt. Der rote Jens zerrt seinen laugen Bart.„Können? Di« gehen, hol's der Satan, aber auch pleite, bevor das Jahr um ist!" „Und ihres Vaters Geld ist alle!" fügt der große Paul hinzu. „Wenn sie so fortfahren, dann glaub ich's auch!" flötet Jakobus und sckiaut tiefsinnig drein. Niels Ron verschließt da? eine Nasenloch mit dem Finger und pustet.„Ja, solange sie ihr Erbteil noch im Schranke haben, stehen sie nichts aus, dag großschnauzige Pack!" Paul zeigt auf einen Wagen:„Der da sitzt, war einer meiner Schulkameraden. Er sieht nicht aus, als lebe er nur von Magermilch. Ein aufgeblasener Bursche war er!" „Dieser hier war genau so, das glaube mir." Jens zeigt auf einen seiner Schulkameraden, der in einem flotten Bauern- wagen an dem Gutswagen vorbeifährt.„Ich Hab' ihm ein paarmal den Hintern gehörig versohlt, wenn wir aus der Schule nach Hause gingen, das könnt Ihr mir glauben, haha!" Plötzlich entblößen alle Häusler ihre Häupter. Der Baron von Löwenborg ist auf dem Wege sichtbar geworden. Bald darauf kommen Lerche von Klausholm, der Jäger« meister von Utterup, Calissen, Träholt. Eine ganze Weile sitzen die Gyldholmer Häusler fast un- ausgesetzt mit der Miitze-ün fcer'Hand.■• Paul entdeckt unter den Wegfahrenden noch einen Schul- kameraden.„Das ist einer, der mit einem Kuchen unter jedem Arm geboren wurde!" „Na, ist er von der Sorte!" bemerkt Jakobus. Paul schaut sich lächelnd um.„Ja, das Modell kennt Ihr ja wohl alle!" Sie lachen. Per Holt blickt mit erstaunten Augen um sich:„Nein, diese Menge Menschen!" Er ist zum erstenmal zur Wahl. „Für wen wohl eigentlich gestimmt werden soll, außer für den Kanzleirat?" hustet Klein-Lasse. Krän Sows spuckt über die Wagenkante hinüber:„Ja, das mag Gott wissen!" An der Wahlstelle angelangt, sehen sie den Kandidaten der Bauern auf der Rednertribüne. „Tja, das ist ja Per Stielsens Hans aus Ballerum", ruft Krän Sows.„Wie ii. aller Welt ist der da hinauf gekommen!" „Kennst Du ihn?" „He, ja, natürlich! Ich Hab ihn eines Abends in eine Kalkgrube gesteckt: er war etwas naseweis damals, als er mit der Schulthcisi-Marcn ging, hchei... Er kann sein Mund- Werk wohl gebrauchen I" Der Bauernkandidat erhält die bei weitem größte Stuinuenzahl. Tie Gyldholmer Häusler aber haben für den Kanzlcirat gestimmt wie immer— darum sind sie ja ge- kommen. Nim sorgen sie dafür, das; sie etwas zu trinken bekom- wen. Und auf der Rückfahrt kann jedermann sehe», daß es Leute vom Rittergut sind, die auf dem Wagen sitzen. So oft sie einen Bauernwagen passieren, beugt Paul sich vor und ruft:„Wir gehören zu Gyldholni." Ter rote Jens überschüttet alle und jeden mit Schimpf- Worten, und als der Wagen an der Oeruiner Hochschule vor- bcirollt, stößt er ein tierisches Gebrüll aus, das verstärkt von der roten Fassade zurückgeworfen wird. So fahren sie heim zu den kleinen, niedrigen, grauen Häuschen, dicht au der Einfahrt des Schlosses Gytdholm, das da draußen im dänischen Bauernland, umgeben von seinen Neckern und Wiesen wie eine Insel liegt.(Forts, folgt.) Der Patriot. Di« Kais Cockcrill, St. Michel, Vau Dhck und weiter über den Stccu hinauf sind nicht gerade die Dugendstraßen von Antwerpen. Auf der einen Seite dieser Kais ziehen sich die Hafenanlagcn an der Scheide entlang. Ei» reiches Leben entfaltet sich in ihnen. Hart ringe» in schlverer Arbeit Tausende auf den Schiffen und in den gewaltigen Lagerräumen um ein karge? Brot. Auf der anderen Seite der Straßen, die sich aneinanderreilien, drängt sich Wirtschaft an Wirtschaft. Als ich an dem Sonntag vor dem Aus- bvuch des Generalstreiks an diesen Wirtschaften vorbeiging, wurde ich nicht, wie es sonst geschah, von den vor den Türen stehenden Mädchen angerufen:„Komm, Dicker, komm!" Auch Ivinkte man Mir nicht aus den Fenstern zu. Die Wirtschaften schienen, solveit die weibliche Bedienung in Betracht kam. wie ausgestorben zu fein. Ich bog in der Nähe des Stccn gegen die Scheide zu und stieg bie Treppe zu der Promenade empor, die über die Lagerschuppen des Norddeutsche» Lloyd hinwegführt. Im Hafen herrschte ein reges Leben. Es lvar sicher, daß am anderen Tage der Betrieb kvl Hafen eingestellt werden würde. Die Schiffe suchten inöglichst noch rasch mit eigener Mannschaft zu löschen und zu laden, um an diesem Sonntag noch aus dem Hafen zu kommen. So war auch die„Gneisenau" vom Norddeutschen Lloyd zur Ausreise fertig. Eine große Anzahl von Menschen hatten sich eingefunden, vnc der Abfahrt des Schiffes beizuwohnen. Fast die Hälfte davon bestand aus den Kellnerinnen der Kneipen, an denen ich vorhin vorbcigewandert war. Sie tauschten mit den Seeleuten die letzten Grüße aus. Es ging im Hin- und Widerrufen recht lebhaft zu, und manches dieser arme» Mädchen weinte auch ihrem Liebsten von einigen Tagen heiße Tränen nach. Die Schlepper hatten sich bereits vor die„Gneisenau" ge- kvannt. Die letzten Vertminngen wurde» gelöst, und unter den Klängen des ewigen:„Muaß ih denn, muaß ih denn" glitt das Schiff langsam die Scheide hinab. Ein letztes Winke» mit den Taschentüchern, bei vielen der Mädchen ein Trocknen der Augen— Hann löste sich der Menschcnknäuel auf. Als ich die Lenite an mir dorbeiströmen ließ, bemerkte ich in einer Gruppe ein Mädchen, das mir bekannt vorkam. Ich sann nach, wohin ich es tun solle. Auf einmal schoß es mir durch den Kopf: Die ist dir doch von zu Hause bekannt, wo sie in der A.E.G. arbeitetet Das Mädchen hatte sich immer für eine sehr begabte Sängerin gehalten und war öfter als Chansonette aufgetreten. Ich giny ihm daher nach und sprach es an. Das Mädchen erkannte mich sogleich; fragte mich, wie ich nach Antwerpen käme und teilte mir mit, daß »S mit einer Hamburger Sängcrinnentruppe in einem Wirtshaus in der Avenue Keyzor aufträte. Ich mußte das Versprechen geben, daß ich das Lokal gegen Abend, wenn sie spielten, aufsuchen werde. Da ich erst gegen acht Uhr nach Brüssel zurückfahren wollte, datte ich noch einige Stunden Zeit. Ich begab mich daher abends in das bezeichnete Wirtshaus. Das Lokal bestand aus einem langgestreckten Raum, an dessen Stirnseite ein Podium errichtet war. Auf diesem Podium sahen etwa zehn junge Mädchen, dar- untcr auch meine Bekannte. Die Mädchen trugen kurze Flitter- röckcheu; die Mieder waren weit ausgeschnitten und die bei allen Mädchen auffallend mageren Arme bloß. Die Gesichter der Mäd- che» waren hochrot geschminkt, die Augenhöhlen geschwärzt und auf den Köpfen hatten sie mächtige Lockcntuffs. Auf dem Anreiße- ? eitel nannten sich diese Mädchen:„Hamburger Sängerinnen- ruppe: Tic Hagebutten. Direktion: Frau Direktor Haggelmeyer." Als ich in daL Lokal trat, bemerkte mich meine Berliner Hain- bnrgcrin sofort und lächelte mir zu. Einige Zeit, nachdem ich mich gesetzt halle, trat das Mädchen an den Rand des Podiums und begann zu singen. Die Stimme klang recht hölzern. Mit den Armen macht« das Mädchen mechanische Bewegungen, die sich immer wiederholten. Der Ncfrain des LiedeS klingt mir noch heute in den Ohren: -Ich zeige gern mein schönes Bein Und auch mein rundes Knie— Aber weiter geh' ich niel" Drei Lieder von derselben Art sang daS Mädchen herunter. Den Beifall nach jedem Licde spendeten die Kolleginnen. Dann nahm es einen Teller und ging einsammeln. Das gesammelte Geld lieferte es an eine kleine, dicke Frau ab, die an der Schänke stand und Liköre trank. Das war die Frau Direktor Haggcl- meyer. Sie hatte ein recht kniffliges Gesicht, trug einen riefen- großen blauen Hut und einen Samtmantel. Als ihr meine Freundin das Geld übergab, warf sie einen geringschätzigen Blick auf das Geld und einen recht gehässigen und verächtlichen auf daS Mädchen. Ich faß eine ganze Zeitlang für mich allein und machte so meine Betrachtungen. Die Mädchen auf dem Podium sangen eincS nach dem anderen und sammelten eines nach dem aiiieren ein. Der Spaß wurde ziemlich teuer. Die„Hagebutten" blinzelten öfter nach mir hin; die Schenkmamsell und die Frau Direktor Warfe» abschätzende Blicke auf mich. Mit einem Male trat ein großer und dicker Mann an meinen Tisch. Er hielt mir die Hand bin und grüßte freundlichst und doch mit einer Mvissen Herab- lassung:„Der Herr ist aus Berlin?" Ich nickte. „Dann gefällt es Ihnen wohl hier? Ja, ein Familien« restaurant. wie kein zweites hier in Antwerpen," meinte er selbstgefällig. Ich antwortete mit einem:„Nal" „Ja, man bietet aber auch etwas. Man möchte»och mehr bieten. Aber die eigenen Ämdslaute unterstütze» einen nicht. Sehen Sie, ich war mit in China. Aber meinen Sic, das wird hier besonders beachtet!?" Ich dachte, da tun die Leute ganz gut daran. Er jedoch fuhr fort: „Ja, in China— Takufort— Peking— alles mitgemacht. Ich hatte sechs Ehinesenzöpfe mitgebracht. Ich habe auch die Chinamedaille. Bin hier sogar Vorsitzender, das heißt Meiter, vom deutschen Kriegerverein. Aber es ist kein Zusammenhalt da." In diesem Augenblick betrat die Direktorin das Podium. Sie entledigte sich ihres Mantels, den sie den Mädchen hinschmiß und stand dick und klein im enganliegenden blauen Trikot da. Ich hätte über diese Karikatur fast laut hinaus gelacht. Aber gleich darauf kam ein Entsetzen über mich. Die Frau Direktor sang auch. Der Ton aus einer verrosteten Gießkanne ist Sphärenmusik dagegen. Beim Singen klopfte sie auf die Schenkel, drehte sich um und klopfte auf ihre Reversscite. Dabei schrie und fauchzte sie, als wollt« sie die Welt mit ihrer Stimme ausfüllen: .Alles, was ich hob' und bin— Alles laß ich sehen!" Als da» Geschrei zu Ende war, klatschten dt».Hagebutten," wl» wahnsinnig Beifall, dann halfen sie ihr wieder in den Mantel. Auch der Wirt hatte in seine fettigen Hände geschlagen. Die Direktorin kam an unseren Tisch und sagte hochmütig: „Ich habe von allerhöchsten Herrschasten noch ganz anderen Beifall erhalten— aber hier-- Und sie warf einen ver- ächtlichen Blick in die Runde. „Sie wissen doch: Das eigentliche Publikum kommt erst später," besänftigte der Wirt. „Ach, das ist ja auch schrecklich Von den Damen ist noch nicht eine zu einem Drink eingeladen worden," antlvortete die Dirckiorin und warf mir einen sehr tadelnden Blick zu. Sie ging, und der Wirt nahm das Gespräch mit mir wieder auf: „Sie leistet etwas und reißt immer noch mit hin. Also neu- lich zum Geburtstag des Kaisers habe ich eine Extrafeier ver- anstaltct. Tadellos sage ich Ihnen! Dort oben auf der Bühne stand die Büste des Kaisers. Den künstlerischen Teil hatte die Frau Direktor übernommen. Sie trat in schlvarz-weiß-rotem Trikot auf. Die Damen halten alle schwarz-weiß-rote Schärpen um. Einfach tadellos! Ich bin ja auch auf meine Rechnung ge- kommen. Aber es hätte mehr sein müssen. Zuletzt gab'S Scham- panjer— und dann mit die Mädels-- Ich lächelte spöttisch. Aber er schien e? nicht zu merker» „Ja, Spatz hat's gegeben. Aber dazu ist man auf die bessere Bürgertvelt angewiesen. Der deutsche Arbeiter— und es gibt viel hier— na, Sie werden ja wissen, wie verhetzt und verroht der ist." „Oho!" fuhr ich auf. Sofort lenkte er ein:„Ich meine den Einzelnen. Der deutsche Arbeiter ist im allgemeinen gut. Er unterstützt nur seine Lands- lcute zu wenig. Er läuft hier in die verfluchten Volkshäuser. liest da Zeitungen, hört Vorträge an und gönnt sich keinen guten und billigen Kunstgenuß, wie ich ihn im patriotischen Interesse biete." Ich hatte wohl schon zum fünften Male an die sammelnden Mädchen meinen Obulus entrichtet und meinte daher:„Die Ge- schichte kommt ziemlich teuer." - VfsT Er\di\cn mich ictcch mi�znverVrchrv. tcnn er t\\4Ve ctwj1 no�f fl» mich heran und flüsterte mir fast in die Ohren». „Im Vertrauen gesagt: Die Truppe kostet mich keinen Pseimig. Für ihr Spiel saminelt sie. Die Mädchen— was werden die rricgcn? Kost und Schlafen und vielleicht zehn Frauken im Monat. Das Abendessen freilich geb' ich. Aber das und noch mehr kommt wieder ein. Sehen Sie, wenn die Mädchen zu einein Drink eingeladen werden, dürfen sie nur Knickebeins bestellen— das Gläschen ein Frank. Von jedem Gläschen hat die Direktorin ihre fünfuudzwauzig Centimes, und das andere ist mein. Und die Frau Haggelmeyer sieht darauf, dnh ihre Damen eingeladen werden. Unter zehn Gläschen darf ihr keine kommen. Aber sie trinken mehr. Dort die Groste rechts auf dem Podium bringt eS Abend für Abend auf ihre zwanzig und fünfundzwanzig Knicke- deins." Ich wurde allmählich wütend und sagte grimmig:„Ein feines Geschäft!" Der Wirt faßte auch das wieder falsch auf. Er lachte, als wenn ich ihm ein Lob gespendet hätte. Als er antworten wollte, erhob sich an einem Tisch ein furchtbarer Lärm. Ein Gast schrie zornig die Kellnerin an: „Sie sind wohl verrückt!? Einen Franken— für so ein Wäschen SchnapS!" Aber der Wirt war schon da und die Frau Direktor mit ihm. Er brüllte den Gast an: „Wenn Sie nicht gewohnt sind in einer anständigen deutschen Wirtschaft zu verkehren, dann gehen Sie in eine Spelunke. Hier find reelle Preise, und die haben Sie zu bezahlen. Verstanden!" Die Frau Direktorin aber pipste: „Sie wollen ein Tschentlermän sind und schämen sich nicht, der Dame ihren Schnaps nicht zu bezahlen! Laden Sie keine Dame nicht ein, wenn Sie kein Kavalier sind und kein Geld nicht haben." „Hier sind fünfundzwanzig Centimes, damit ist der Fusel mehr als genug bezahlt/' schrie der Gast und warf ein Geldstück auf den Tisch. „Sie zahlen," erklärte der Wirt und griff nach dem Hute des Mastes. Der aber gab ihm einen Stoß, daß er an das Büfett flog, drückte die Frau Direktor auf einen Stuhl und schob die Kellnerin zur Seite, worauf er das Lokal verließ. Der Wirt rappelte sich wieder empor und höchster Entrüstung voll kam er zu mir: „Ist das nun nicht eine Roheit!? Und das nennt sich Lands- mann! Da opfert man sich auf für die deutsche Sache— und so wird es einem gemacht!" eiferte er erregt. Währenddem trat die Kellnerin an ineinen Tisch, um mein MlaS frisch zu füllen. Da schrie sie der Wirt an: „Sie sind ooch eine zu dumme Gans! Sehen Sie nur z», wie Sie zu Ihrem Geld kommen. Ich will unter Ihrer Dämlichkeit wicht zu Schaden kommen." Nach dieser Herzenserleichterung wollte er sich wieder mir Juwendcn. Ich hatte aber genug, stand auf und griff nach meinem >ut. „WaS, Sie werden doch nicht schon gehen wollen?" fragte er «ich erstaunt. Dann beugte er sich an mein Ohr und flüsterte mit einem Blick nach dem Podium: „Bleiben Sie doch hier. Mit der Kleinen dort oben deichsele ich die Sache schon." Am liebsten hätte ich ihm ja eine in das fette Gesicht gc- klatscht. Aber ich mäßigte mich und sagte nur: „Sie sind ein Lump!" Aber er war gar nicht beleidigt. Sehr von oben herab meinte er: „Sie kennen mich doch nicht-- China gewesen— Verdienstschnalle--. Bei mir verkehren ganz andere Leute als Sie und sind froh, wenn ich ihnen ein bißchen Kalbfleisch verschaff'. Für Sie steh' ich als'n ehrlicher Deutscher noch zu hoch." Da lachte ich laut auf und sagte im Hinausgehen: „Na, dann nehm' ich den„Lump" zurück— Sie guter Patriot!" Sepp Oerie r. wie sie starben. Von Kurt Tucholsky. Das dicke kleine Buch, um da? es sich hier handelt, ist 17&3 bei Gottlieb Friderich Jeuisch in Stuttgart. Franckfurt und Leipzig 17dg erschienen und hat einen Titel, der sich, wie es in jener Zeit üblich war, über die ganze Seite erstreckt. Man erfährt aus ihm, daß in den folgenden gllll Seiten die„Seeligen letzte» Stunden von 31 Personen" geschildert sind,„so unter des Scharfrichters Hand gestorben: Vor der Welt, als Kindes- und andere Mörder, Duellanten, Jauner, Diebe, Mordbrener, Viehisch-lluzüchtige, und Militar-Verbrechere; vor GOtt aber, als in dem Blute JEsu gerechtfertigt und abgetvaschcne, oder doch gnadenhungrige Seelen." Geschrieben haben eS die jeweiligen Seelsorger, die um die Verurteilten zuletzt bemüht waren. Wenn Ludtoig Thoma einmal gefragt hat, wie solch ein Man» es fertig bringe, die Mordtat des Staates mit den Lehren seiner Religion in Einklang zu bringen— hier würde er, wenn auch keine Antwort, so doch eine grauen- erregende Demonstration finden. Das Schema, nach dem Ueriahren voVÄ, AI iolftevOccV. dct Geistliche kommt zu der dernrieiiien Person und des ragt sie zunächst um ihre Sünden(in irdischer Beziehung), dann setzt er ihr au-» einander, daß sie mit diesen ihren Taten auch gegen die göttlichen Verbote verstoßen habe und beginnt zu beten. Zwanzig Druck« feiten, dreißig Druckseiten werden in den Berichten mit Sätzen ge, füllt, die man nicht lesen mag, weil sie in lauglveiligcr Wieder- holung göttliche Rainen, Aibeiflosteln und Psalmcnbruchstücke cnt- halten. Manchmal sind die herzigkindlichen Antworten und Fragen des Opfers mit angegeben. Aber das ist ja alles nicht wahr: denn die armen Dienstmädchen, die ihre Kinder in die Mülleimer steckten, und die Mörder, die nach unseren Rechtsbegriffen wohl meist Totschläger waren, tverden in de» letzten zehn Tagen kaum noch gewußt haben, was sie vor Angst brabbelten. Oder sie»lögen zynisch und kalt geblieben sein bis zuletzt. Aber das ist in dem Buch nicht vermerkt. Alle sind als arme, aber von Jesu begnadigte Sünder in die selige Ewigkeit übergegangen. Amen. Was uns fesselt, ist also nicht der endlose Monolog des Geist» liehen mit einem, der schon nicht mehr zuhörte, weil er längst etwas Schlimmeres war als nur tot. lins interessiert: was haben sie ge- tan? Wie sind sie gestorben? Folgen wir den Berichten, so müssen die Verbrechen sehr un» interessant gclvescn sein. Mörder, Kindermörderinnen, Deserteure. Die Darstellung beschränkt sich darauf, kurz und aktenmäßig an» zugeben, was die Leute verbrochen hatten. Aber wie starben sie? Je nachdem man sie hinrichtete. Einer, „welcher sich in Potsdam vor dem berlinischen Thore Ivider GOtt auf eine mehr als Sodomitische Art versündiget hatte, und deß» toegen gefänglich eingezogen war, auch»ach Urteil und Recht lebendig verbrannt werden sollte", bewies bis zuletzt eine Ruhe, die man nur begreift, wenn ma» die Verlogenheit derartiger Bc» richte kennt. Dieser„herzlich und rechtschaffen betehrte Andreas Lcpsch, so um viehischer Unzucht Ivillcn das Leben lassen" mußte, hat angeblich überhaupt kein Zeichen der Furcht von sich gegeben. „Als wir nun zuletzt mit ihm an der Gerichts-Stätte gebetet hatten, und der Scharffrichtcr ihn mit gebundenen Händen zum Scheiter- Hauffc» führen wollte, fragte ich ihn: Wie ist Euch? Antw. Recht wohil Fr. Wo werdet Ihr nun hingehen? zum Leben oder zum Tode? Antw. Ich gehe zum Leben, denn Jesus Christus ist in mir. Als er nun au den Pfahl angebunden war, fragte ich ihn z» aller- letzt: Andreas, wie ist Euch? Antw. Recht sehr wohll Fr. Wer hat Euer Herz? Antw. Mein Herz ist bey dem HErrn JEsu. Darauf toar der Scheiterhauffcn angezündet, und dise begnadigte Seele ging zu Christo ihrem Erlöser." Das war der Pastor Schubert und der Todomit Lepsch, und mau soll sie niemals auf eine Stufe stellen. Und es war ani 18. September 1738, da der Soldat Christian Friedrich Ritter nach seiner Bekehrung ein herrliche? Ende nahm, maßen man ihn von unten auf räderte.„Seine Arme und Füße streckte er selbst au?. Die Augen aber tat er z», ohne Zwciffel darum, damit er fein nach der Seligkeit recht brennendes Herz desto besser für allen Zerstreuunge» bewahren möchte. Ter Scharff- richtcr mcynete er thäte solches aus Furcht, und sagte daher zu ihm, er solle sich nicht fürchten, und seine Augen nur austhun, der sel. Ritter schlug dann seine Augen ganz sröiich auf, und sprach zum Scharffrichter: O ja! ich darf meine Augen wohl aufthun: Denn ich sterbe in JEsus Nahnien. Dises tvarcn seine letzten Worte. Tarauf gieug sofort die Exekution an, mit welcher man zugleich zu singen«ufteug: Wen» ich einmal soll scheiden, so scheide nicht usw. Er empfieng etwa» 17. biß 18. Stöße mit dem Rade und gab hiermit seinen Geist auf." Mau denkt au Goya und alle Schrecken der Welt. Es ist sicher nicht Hohn, das mit den gcschlosse- nen Augen. Der Pfaffe mag immerhin geglaubt haben, daß der Mensch nicht ohnmächtig war, sonder» der Bekthrung bedurfte. Aber daß sie ei» schönes Lied sangen, das war Berechnung: denn das gräßliche Brüllen mochte wohl im Gegensatz zu den öligen Worten der Priester gestanden haben. Rührend ist der Soldat Blühdorn gewesen. Dem zerstießen sie ans dem Rad erst Arnie und Beine, WaS er„gedultig" über sich ergehen lieh und„ohne nngedultiges Schreyen". Dann wurde er, »och lebend, aufs Rad gelegt. Dann ein unglaubliches Bild:„Die Herren Prediger traten wechselweise zu ihm hinauf aus eine Leiter mit ihm zu beten»s>o. und das Rad mußle ihnen da gleichsam zur Canzel dienen, indem sie auch das Volck zu einer gründlichen Buße und rechtschaffenen Betehrung ernstlich ermahneten. Der arme Sünder betete noch immer mit lauter Stimme und sang darzivischen, da ihm bißweilen von'kein Prediger ixis Gesangbuch vorgehalten wurde, und man sähe, wie er sich darzu bequemte, indem er den Kopf in der Höhe zu halten mit dem zerbrochenen Arm bemühet war." Dann marschierten seine Kameraden ab und am Abend gab noch einmal der Garnisonprediger eine Frcivor- stellung am Rad. Er betete ständig. Einmal brüllte Blühdorn um Wasser. Ter Pfaffe verwies ihn auf den dürstenden Heiland. Schließlich setzte man durch— ein Läufer wurde an den König geschickt— daß er erwürgt wurde. Er hat 17 Stunden auf dem Rad gelegen. Der Prediger Grothauscn,„so bey des Malisicanten Ende gewesen", hat es nns selbst berichtet. Ter Rührendste von allen aber ist der Obrist Wartmann ge- Wesen, der im Schwäbischen i5v ,io 1721 hingerichtet wurde, weil er seinen Wirt, den Herrn Zill�ardt»on Bcylstcin, mit der Pistole — 188— erschossen Ijatie. Der Mörder ging noch der Sat, so schrie? asS es seine Gichtbeine ertaubten, in das nächste Tors; er wollte über Die Grenze, nach Württemberg,— aber schon waren sie ihm auf dem Hais, fingen ihn und steckten ihn in Arrest. Er wurde zum Tode verurteilt. Der Ortspfarrer beschreibt auf den 76 Seiten genau die Wirkungen de? langwierigen Verfahrens auf den Delin- quenten, das Todesurteil, die rcgpcmsa der Juristenfakultät, und all das. Sie führten fromme Gespräche— tagelang, wochenlang. Und dann kam der letzte Nachmittag...... ficngen wir wieder an zu discourieren; der Obriste nahm mich endlich auf eine Seite und fragte mich: Ob der Scharffnchter schon hier wäre? Ich sagte: Nein! Aber er wird bald kommen. Der Obriste sprach: Ich möchte gern selber mit ihm reden, wann ich änderst Erlaubnust hätte." Dem Pfarrer schien dies mistlich,— tvas er denn von ihm wolle? Er wolle sitzend hingerichtet werden, und auf ein Zeichen,„diest Solle geschehen durch Ausruffung des Nahmen JEsu." Aber sie wachten ihn davon ab und schliestlich conzidicrte er:„Nun dann, so mag er zuhauen, wann ich den Hals über sich recke." Und dann kam die Nacht und viele Gebete, und es steht nicht in dem Bericht. dost der Obrist Wartmann weich geworden sei. Und der Himmel wurde grau und hell und„endlich so wurde es sowohl vor unserer Stuben, als auf der Gassen, ziemlich laut und die Leut fiengen an, sich zu vcrsammlen, man lieste mir auch andeuten, wir sollten uns zu dem Ausgang parat machen". Und was nun begann, ist das Merkwürdigste und Ergreifendste des ganzen Buches. Der Minder fing an, auf eine naive und täppische Art sich noch ein paar Lcbcnsminuten zu verschaffen. Er trödelte herum, er suchte nach allerhand Vorwänden, um noch 60 Sekunden weiter leben zu können.„Mein GOttl es ist noch finster und nichts zu tun, wie leicht könnte von dem Scharffrichter ein Mist-Streich ge- schehenl es hat geheisten, um vier Uhr soll es erst augchen, man wird mich ja nicht übereilen I" Er wuhte schon, dast die„Gutsche" vor dem Tor stand und wollte noch nicht einsteigen. Da war noch »it venia verbo etwas zu erledigen, und bei dieser Gelegenheit gelang es ihm, mit dein Scharfrichter zu sprechen. Sitzend und auf das verabredete Zeichen wolle er hingerichtet werden. Dann kam er zurück und fiel zum erstenmal um. Sie trösteten ihn. Darauf suchte er seine Schlafmütze zusammen, schob sie in seine Tasche und brach auf.„Behüte Euch GOtt alle miteinander!" sagte er zu den Zuschauern, die an der gegenüberliegenden Kirch- hofsmmier standen. Er wolle zu Fust gehen, aber sie schlugen ihm diesen Wunsch ab, bei dem er sicherlich seine zwölf Minuten profi- tiert hätte. Und als er im Wagen fast,„ruffte er dem Knecht selber zu, er solle ganz gemach fahren". Seine Hand war eiskalt, aber er fragte doch noch, wem der Wagen, die Pferde und die Knechte gehörten, und wo man ihn beerdigen würde. Und Menschen setzten einen Menschen auf das Stühlchen und der Name JEsu wurde öfters als in einer Kirche ausgesprochen und bevor sie ihn töteten, versprachen sie ihm die ewige Seligkeit. Den letzten Juni 1721, früh zwischen drei und vier Uhr. Iber tiefsten Stufe der Tierwelt entsprechen. Wir finden in der Tierwelt eine Reihe von Lebewesen, bei denen die Differenzierung der Organe noch in ihrem AnfangIstadium steht, noch fehlt daS Nervenstistem, aber es bleibt das reizempfängliche Protoplasma, dem die Aufgabe zufällt, Reize aufzunehmen und zu reagieren. In demselben Sinne, in dem hierbei bei den niedren Tieren von einer psychologischen Gesetzmästigkeit gesprochen wird, must auch ein- geräumt werden, dast die Pflanzen fähig sind, geloisse SinneSwahr- nehmungen zu machen und auf sie zu reagieren. Meines �suiUetsn. Sius dem Pflanzenlcben. Die Sinnesempfindungen der Pflanzen. Der Leiter des römischen botanischen Instituts, Prof. Camilla Acqua, veröffentlicht in der neuen Nummer der„Scientia" einen inter- essanten neuen Beitrag zu der vielerörterten Frage, ob es in der Klanzenwelt psychologische Phänomene gibt. Der italienische Forscher nmt zu einer Bejahung dieser Frage. Die jüngsten Forschungen haben zwar ergeben, dast bei den Pflanzen von einem Zentralorgan oder von Zellen, die Wahrnehmungsfunktionen ausüben, nicht ge- sprachen werden kann, aber dafür hat man � Erscheinungen beobachtet, die den Gedanken nahelegen, daß die der Aussäugbng von Triebkräften dienenden Organe der Pflanzen auch der Aufnahme von Wahrnehmungen und Assoziationen dienen. Bei den Wurzel- spitzen, an denen schon Darwin seine klassischen Experimente vor- nahm, kann man Erscheinungen beobachten, die zumindest auf die Verbindung und Verschmelzung von zwei verschiedenen Triebkräften schließen lassen. Die jungen Wurzeltriebe werden in ihrer Rich- tung sowohl von der Schwerkraft als auch von der Feuchtigkeit des benachbarten Erdreiches bestimmt. Die Anreize dieser beiden Kräfte, der Schwerkraft und der Feuchtigkeit, loerden hier von dem gleichen Organ aufgenommen und verarbeitet. Prof. Acqua weist dann auf die sehr komplizierten Erscheinungen hin, mit denen ge- wisse Pflanzenarten auf das Licht reagieren; es handelt sich dabei, wie bei der Vaucheria und den Phycomyces, um Reaktionen, die sich nicht mehr rein pbysiologisch erklären lassen. Die Linaria Cymbalaria, eine kleine Pflanze, die sich mit Vorliebe an Mauern fanheftet, streckt ihre Blütenzweige dem Lichte entgegen, solange le unbefruchtet ist. Mit dem Augenblick der Befruchtung aber ver- ehrt sich das Verhalten der Pflanze in das Gegenteil, nun treibt sie ihre Zweige gegen die Mauer zurück, und die Blütenzweige, die bisher das Licht suchten, fliehen jetzt vor dem Lichte. Der Gelehrte kommt zu dem Schlüsse, daß bei den Pflanzen Sinnenwahr- nehmungen zustanden kommen, die etwa den Sinneswahrnehmungen Vcrantw. Redakteur: Alfred Wielep», Neukölln.— Druck u. Verlag: Schach. Unter Leitung von S. Alapin. Unser Turnier. Motto:„Klenia II*. 2+(BP-iPJ, N SchaSnachrichten. Der Leiter unserer Schachspalte ist vom Petersburger Komitee offiziell beauftragt, über seinen Entwurf der Satzungen für die geplante, allgemeine„Internationale Schach- union" mit deni Weltmeister zu konferieren, wozu Dr. Em. Lasker sich bereit erklärt hat. Im Falle einer Uebereinknnft soll da» Dokument im„Schackwart" publiziert werden. Die konstituierend» Versammlung der„Internationalen Schachunion* wird sich u. a. auch mit einer allgemeinen„Weltmeisterschaftsordnung* befassen, weil der betreffende Entwurf eine prinzipiclle Zuerkennung einer ständigen JahreSrente für den jeweiligen Weltmeister enthält. Damcnbaucrneröffnuug. Moskau, 6. Februar ZLII. (Anmerkungen von Bernstein: die eingeklammerten von uns.) 0. Ssriwtoln. j. Capablanca. 1.<12-64 67—65 2. Sgl— f3 Sg8— fö (Wir ziehen 2...... c6; 3. cl, de vor.) 3. o2— c4«7— eö (Auch hier dürfte 3..... oö den Vorzug verdienen. Z. B.: 4. Sc3, de; 5. ei, bö; 0. a4, b4 1; 7. Sbl, Sbd7; ß. LXc4, e6 nebst Lb7 und event. cG— c5) 4. Sbl— c3 Lf8-e7 5. Lei— go 0—0 6. e2— eS, Sb8— 67 7". Tal— cl b7— b6 8. e4X6S«6X65 0. Ddl— a4 lieblicher(und besser, ist L63. 9...... Lc8— b7 10. Lfl— aO Lb7Xa6 11. Da4Xa6 c7— c5 12. LgSXfö 13. d4Xc5 14. 0—0 15. Da6— eS Die schwarzen Sd7Xf« böXcö Dd8— b6 c5— c4 Zentrumsbauern sind so wie so schwach. Der Textzng macht wenigstens den Lbll rücküändig. 16. Tkt— 61 16...... TIS— 68 17. Sf3— 64 Le7— b4 Bezweckt LXS nebst 8f6-e4— c5— 63. 18. b2— b3... Gewagt, da Schwarz einen Frei- baucr erlangt.(In Betracht käme also 18. 8a4, Da5: 19. Dc2, Tacß S 20. ao) 18..... Ta8— c8 19. b3Xc4 d5Xc4 20. Tel— c2..... Sonst DaS, um die Turm- Verdoppelung aus der e-Relhe zu verhindern. 20..... Lb4Xc3 21. Tc2Xc3 Sf6— 65 1 22. ToS— c2..... TXc4? scheitert an So3. 22... c4— c3 23. Tdl— ol Tc8— c5 Auch sosort Tc7 ist angängig. 24. 364— b3 Tc5— cö Falls 24...... Tc7, so 25. Dd3 und der 865 Ist gesesselt. 25. Sb3— 64 Tc6— o7 26. 864— b5?. Der enlscheidende Fehler. Mit DkZ oder Ddt war die Partie noch spielbar. Wi... Tc7— cö 27. 8b5Xca Sd5Xc3 28. Tc2Xo3 To5Xc3 29. TclXcS Db8-b2I Aufgegeben. Auf Dd3 oder TeS folgt Dalfun» Mit 16. e4, 64; 17. 865, 8>