Untetfyaltungßblatt Ses vorwärts Nr. 49. Mittwoch, den 11. März. -914 V] Hplöholm. Eine L andarbeitergesch i ch te von I. S kj o ld l> o r g. Es ist ganz spannend. Aber alle haben die Empfindung, daß es auf die Dauer nicht so weiter gehen kann. Er selber ist stets guter Laune und unbekümmert. Aber von unten her fängt die Sache an faul zu werden. Amalie ist mißtrauisch geworden, ob die neuen Leute auch verheiratet sind, wirklich verheiratet. Sic sagt es der Sows, und die Sows teilt es der Bolettc init, und Bolettc gibt die Neuigkeit weiter, und so fliegt das Gerücht hin und her in den niedrigen grauen Häusern, und es klingt wie das Ticken vieler Telegraphenapparate. Und von oben her zieht es sich über seinem Haupte zu- saminen wie eine Wolke. Der Kammerherr trifft den Verwalter.„Hält er dieses pöbelhafte Blatt immer noch?" fragt er. „Ja!" „Aber Mensch, haben Sie ihm das denn nicht verboten?" Ter Kammerherr ist ungeduldig. „Doch, aber er fragte mich nur, ob ich nicht einige Erem- plnre leihen wolle, dann würde ich sehen, daß es das einzige Blatt sei, das die Wahrheit z» schreiben wage... Das ist der schlimmste Kerl, mit dem ich je zu tun gehabt habe!" ruft der Verwalter. Der Kammerherr geht unruhig hin und her.„Ja, aber sagt ihm, daß ich es verbiete!" „Das habe ich gesagt— doch er bat niich zu grüßen und dem Kammerhcrrn zu sagen, er möchte doch auf seine eigenen Kartoffeln passen!" „Hm! Was sind das für Zeiten, Hansen, in denen wir leben! Hat mau je dergleichen gebörl!... Diese Volks- aufwiegler!" Der Kanimerherr droht mit seinem Elfenbein- stock in die Luft.„Sie müssen diesen Menschen entfernen, Hansen! Sobald als möglich! Aber"— er denkt nach— „aber nicht gewaltsam, Hansen, nicht gewaltsam. Sie Wissen, ich bin mehr für das humane Vorgehen." Dann, eines Tages tverden die großen Heudiemen ein- gefahren. Ter Kanimerherr kommt von der Fasanerie in seinem braunen, englischen Anzug mit der funkelnden Diamantnadel in dem schwarzen Schlips. Beim Umbiegen um die Ecke des Stierhauses gewahrt er seine Leute, die ganz ruhig mit ge- radcm Rücken und ohne eine Hand zn rühren, dastehen und horchen. Und der neue Mann sieht oben auf dem Diemen in seiner an den Händen ausgefransten Bluse und gestikuliert mit den Annen beim Reden. Der Kanimerherr errötet. Aber er beschleunigt trohdem nicht seine Schritte, sondern hält das langsame, würdige Tempo inne. Tie Leute fliegen an die Arbeit, als sie ihn gewahr werden. Er steht füll. „Hören Sie. mein Bester, wollen �!e so freundlich sein, mein Gut augenblicklich zu verlassen!" Tie innere Erregung zittert hinter der ruhigen Form. „Jawohl, wenn ich meinen Lohn bis Mai bekomme, wird es mir ein Vergnügen sein!" ..-sie können Ihr Geld auf dem Kontor erheben. Morgen früh soll ein Wagen Sie hinfahren, wohin Sic wollen. Aber Sic müssen sofort mein Gut verlassen!" „Ja, dies Sklavenncst ist auch nicht gerade angenehm." „Doch, aber«i? können glauben— das wird noch inuner schlimmer!" lächelt der neue Mann. Da verliert der Kanimerherr einen Augenblick seine Selbstbeherrschung. Er zittert. Bald ist er rot, bald blaß. Er erhebt den Blick, als such? er Beistand von oben:„Daß man dergleichen dulden muß! Daß mau solchen Schlingel nicht einsperren kann!" zischt er beinah? durch die zusammen- gepreßten Zähne— und entfernt sich eilig. Aber der Neue ruft ihm nach:„Ja, es ist jammerschade, daß das hölzerne Pferd abgeschafft ist!" Es gibt dem Kamnierherrn einen Ruck, aber er seht doch seinen Weg fort, ohne sich umzusehen. Per Holt sieht den Neuen an, und seine schwarzen Augen strahlen in flammender Betvunderung. Kran Sows aber sagt mitleidig:„Nun bist Du doch un- glücklich, Du armer Mann!" „Ach du lieber Himmel, Ihr guten Menschen!" ist d!« lächelnde Antwort.„Ihr glaubt wohl, Gyldholm sei die ganze Welt!— Wann werdet Ihr einmal aufwachen!" Am nächsten Tage stapelt der Neue seine Siebensachen auf einen Wagen. Es läuft ein Weg um Gyldholm herum, aber es gebt auch einer mitten durch das Gut. Der Kutscher verspricht, den letzteren zu wählen. Als dann der Wagen nrn die Giebelecke schwingt, wo ziver Gebäude zilsainmenstoßen, ergreift der Mann seine Harmonika und beginnt zu singen: „Auf, Brüder! Herbei! cS tagt im Ost...! Und zwischen den Scheunen und Ställen des alten Gutes schallt und hallt das aufrührerische Lied, daß die Leute mit der Arbeit inne- halten. Ter Kammerherr aber, der unterwegs ist, macht plötzlich Kehrt und entfernt sich in der Richtung nach dem Parke zu. Noch als der Wagen längst den Gutshof verlassen hat und die Allee hinunterfährt, kann man oben ans dem Fuder den verjagten Häusler eifrig die Harmonika ziehen sehen und noch hört man den Refrain:„Herbei drum zur Arbeit I Leben oder Tod!" 10. Die sozialistischen Harmonikaklänge sind über Gyldholin hingezogen wie eine Schar Wildgänse, die auf der Wände- rung sind. Per Holt hat wohl den Kopf erhoben und den vorüber- ziehenden Tönen der Luft gelauscht', aber er hat ihn wieder gesenkt. Die Töne erstarben auf dem Hintergrund dumpfer, ar- beilsharter Stunden, die zn einförmigen Tagen wurden, klanglos und nebelgrau, wie Decken von Filz. Winter und Sommer lösen sich ab. Die Arbeiter auf Gyldholm setzen ihr Jnselleben fort wie gewöhnlich. Wie Ameisen in den vielen Oeffnungen hin und her laufen und sich stets nur eine bestimmte Strecke vom Haufen entfernen, genau so kommen die Leute von Gyldholin ans den Toren, Oeffnungen und Türen hervor, um wieder dorthin zurückzukehren, wenn sie ihre Eggen und Pflüge bis zu den: bewachsenen Knick geführt haben, der nach dem Bauern- land bin die Grenze bildet. Ein Tag ist wie der andere. Das ganze Leben regelt sich nach den vergoldeten Zeigern der Schloßuhr. lind der Fußsteig zwischen dem Gutshose und den Kätner- Häusern wird tiefer und tiefer.— Ein großes, abschüssiges Feld, das sich bis zu dem tiefer liegenden Wäldchen erstreckt, ist dicht uiit jungen, blaugrünen Rübenpflanzen, mit gelbem Ackersenk und allerhand Unkraut besetzt, und alles ist kräftig emporgeschossen an den sonnen- helle» Tagen des Frühsommcrs. Auf diesem Rübenfelde kriechen Weiber und Kinder, Seite an Seite, in langer Reihe. Am Ende des Feldes haben die Mütter ihre Kinderwagen stehen, denen sie einen kurzen Besuch abstatten, wenn die Schreie von dorther gar zu heftig werden! eine einzelne Mutter schiebt ihren Wagen in der Furche vor sich her. Diese Leute verbringen ihren Tag: Erde zwischen den Händen, die glühende Sonne auf dem Rücken und die Nase dicht über den scharfen Düften, die den herben Säften der aus- gezogenen Kräuter entströmen. Alle Tage von früh bis spät, mit einzelnen Zwischen- räumen, kriecht die Reihe arbeitend weiter über den großen, grüngelben Abhang, der allmählich zu langgestreckten, erhöhten Reihen schwarzer Erde wird, ans deren Rücken schwache Rüben- pflanzen schwanken, und unten zwischen den Reihen liegt halbverwelktes, ausgejätetes Kraut, gepreßt und zerdrückt von kriechenden Knien. Währenddem sind die Kätnerhauser verlassen von jeglicher männlichen und weiblichen Arbeitskraft. Nur die kleinen Kinder sind allein zurückgeblieben in der langen, grauen Häuserreihe. Daheim in Per Holts Wohmnm sind drei. Nima. Peter Und Pcml. Ein Säugling liegt in der Wiege, M'd d-'.r größte Junge ist mit der Mutter in den Rüben. Anna, Peter und Paul sitzen auf der Steintreppe und backen Torten aus Sand. Dann steht der kleinste Junge ans und trippelt unruhig hin und her. „Addn! Addal"— mips mir Hose ans!" Er wird iminer unruhiger, packt die Hand der Schwester Und wiederholt:„Adda! Addal" Anna ist ihm behilflich. Paul entfernt sich. Die anderen spielen weiter. Als Paul fertig ist. entdeckt er eine Nute, die er hin und her schwingt und dann trippelt er los, den Weg hinab, wobei ihm die offene Hofenklappe um die Beinchen baumelt. Er legt sich hin und schlägt mit den kleinen Händen in den von der Sonne getrockneten Wcgstanb, der so sein wie Mehl ist. Je mehr Staub er aufwirbelt, desto mehr lacht er. Er selber wird von oben bis unten mit Staub bedeckt, und in der Feuchtigkeit, die ans seiner Nase rinnt, sammelt si chein kleiner Kuchen. Dann nimmt er eine Handvoll, die er sich auf den bloßen Hals unter das Hemd gießt, llnd Handvoll auf Handvoll gießt er hinein und lacht dazu über das ganze Gesicht. Die anderen beiden erheben sich von der Steintreppe, biirsten sich oberflächlich ab und blicken sich um, als über» legten sie. was jetzt anzufangen sei. ES ist. als hätte?lnna eine Idee. Sic läuft auf eine Leiter zu, die im Hofe an ein Halbdach angelehnt steht, und klettert daran empor. Sie kann das Dach auch erreichen und ist entzückt. Peter klettert hinter ihr die Leiter hinauf, und sie hilft ihm auf das Dach. Dann kriechen sie beide auf dem Bauche das geteerte Pappdach hinauf, daS weich ist von der Sonnen- wärme. Sie umklammern mit den Händen die scharfe Dach- kante und liegen nun dort und spucken über die steil abfallende andere Seite hinunter. Dabei schlagen sie Hintenaus mit den Füßen. So lange liegen sie dort, daß Peters Weste im Teer kleben bleibt. Er fängt an zu weinen und ist ganz unglücklich. Anna Hilst ihm, sich zu befreien. Aber im selben Augenblick rollt er vom Dach herunter, stiirzt über den Rand und fällt in einen Stapel Brennholz, der umstürzt und zwischen den Holzstücken rollt er in den Hof. Sofort springt er aber wieder auf und sieht ganz der- dntzt aus. Aber plötzlich bricht dieses erstaunte kleine Gesicht in ein schallendes Gelächter aus, das Anna oben auf dem Dache beantwortet. Inzwischen ist Paul, auf der Straße liegend, ringe- schlafen. Sein blondlockiges Köpfchen ruht auf seinem Arm und gleichmäßig tiefe Atemzüge heben seine Brust. (Forts, folgt.) Die Kinöerfrage. Zagend und doch von drängender Wißbegierde geleitet, tastet sich der llcine Mensch in die große, ihm fremde Welt hinein. ÄllcS, was vor ihm ausgebreitet liegt, ist Neuland, das entdeckt, erforscht und erobert sein will. Auge und Ohr schicken ganze Heere von Kundschaftern und Spähern aus. und tausend Fragen öffnen tausend verschlossene Pforten. So setzt er seine Füße vorwärts, Schritt für Schritt, der kleine Forscher und Eroberer, und macht sich allgemach zum Herrn der Welt. Die K i n d e r s r a g e steht am Anfange der bewußten Erziehung des Intellekts. Sie ist der beredte Zeuge dafür, daß daS Kind ansängt, sich zu den Dingen seiner Umwelt in ein bestimmtes Ver- haltnis zu fetzen. Der geistige Alklimatisationsprozeß kündigt sich an. Oder, ivenn»ran will: Der VcrdauungSprozeß, der nötig ist, um die Kultur, die uns umgibt und deren Erbe jeder einzelne ist, zu verarbeiten, zn verdauen und so zum Eigentum zu gewinne». Sehr frühzeitig setzt dieser Prozeß ein. Während James Sully als den Beginn des Frage alters etwa das Ende des dritten Jahres ansieht und Preyer bei seinem Knaben nach zlvci Jahren 4 Monate», Pollock bei seinem Töchtcrchcu nach einem Jahre elf Monaten unverkennbare Fragestellungen beob- achteten, konnten die Kinderpsychologe» Clara und William Stern feststellen, daß ihre Tochter Hilde mit eincin Jahre 6 Monaten„das! das oder„ishr das?", ihr Sohn Günter mit einem Jahre 7 Monaten„das? das?" in fragender Betonung rief. LindncrS Tochter fragte mit einem Jahre Monaten„ishr das?", und Major teilt mit, daß sein Knabe mit einem Jahre! 1 Monaten„eine Manie entwickelte, die Dinge zn benennen, als lvcim er anderen ihre Namen sagen wollte". Hanna Neugebaner hörte bei ihrem Sohne lltasael mit einem Jahre 7 Monaten die erste Frage nach dem Namen der Dinge auftauchen. Er zeigte voll Elser auf einen Stein, ein Buch usw. und rief„das I das i" Die Mutter wußte zunächst damit nichts auzufangc», bis sie spater erkannte, daß sie es mit lindlicheu Fragen zu tun hatte. ScupinS Sohn fragte schon mit einem Jahre einem Monat nach den» Nomen der Dinge.„In der Wohnung der Großeltern zeigte er unermüdlich auf Dinge, die ihm fremd und darum interessant waren und sagte im Fragetöh: da? da?, cö sollte wohl heißen: Ivos ist das?" Als erste deutliche Frage machte sich mit zwei Jahren eine»» halben Monat der Ruf: „War daS?" bei Geräuschen bemerkbar; kurz darauf folgten Fragen: „JS'n daS?",„kommt denn da?" Die Frage mit Was? Ivos ist? tvaS tut? ist in der Regel die erste, ivomit das Kind den kleinen Kreis seines Vorstellungs- und Wortschatzes zu erweitern strebt. Sei es, daß es von ganz»eucn Tatsachen Besitz ergreifen will, sei es, daß es ihm gilt, an bereits vorhandene bekannte Tatsachm neue anzureihen und anzuknüpfen, nm zn einem bcgrisslichei» Ganzen zu gelangen. Gleich einem eifrigen unermüdlichen Sammler greift und hascht das Kind nach jeden, Namen, eilt eS von Punkt zu Punkt, von Wort zu Wort, um sortgesetzt neues Material für seine geistige Welt zusammenzutragen, ausznspeicherii, einznordiien. Sully erzählt von einem Jungen, der im Alter von drei Jahren neun Mouaien seine Mutter mit folgenden Fragen überfiel:„Was fressen die Frösche und Mäuse und Vögel und Schmetterlinge? und was tun sie? und wie heißen sie? Wie heißen alle ihre Häuser? Wie nennen sie ihre Straßen, Plätze ustv.?" Fürwahr, ein starker Drang nach geistiger Bereicherung, ein sich fast überstürzender Eifer, eine wahrhafte Wißbegierde! Die N a m c n g e b n n g ist die erste Herrschcrtat, sagt Pcnzig. die von der mosaischen Schöpfungsgeschichte dein Menschen der Natur gegenüber zugeschrieben wird. Und in der Tat ist diese Namen- gebung auch eines Herrschers würdig. Mit dem Augenblicke, wo der Mensch sich innerlich gezwungen findet, eine zunächst doch völlig subjektive Erscheinung zu benennen, anstatt sie mit dein erstaunten und stupiden Ah! des Wilden an sich vorübergehen zu lassen, mit diesem Augenblicke erkennt er an, daß es andere fühlende, wollende und denkende Wesen neben ihm gibt, mit denen er bereit ist, sich zn verständigen; er läßt die Erscheinungen nicht unangefochten vorüber- gehen, sondern saßt sie mit seinem Worte, umspannt ihre Vielheit mit dem eisernen Reif seines Begriffes, stempelt das vorüber- flüchtende Exemplar aus der Herde der Erscheinungen mit seinem Herrschernamen. Ans die Namen- und Tatsachenfragc folgt meist die Eni» s ch e i d n n g S f r a g e, die zwischen Ja und Nein das Richtige zu finden sucht. Aus ihr spricht noch die llnentschlossenheit der maiigelndcn Erfahrung und das starke Gefühl der Abhängigkeit vom clicrlichen Willen. Sterns Fkinder sagten mit einein Jahre zehn Monaten„chol de schinken, ja?" und mit zwei Jahren einem Monat „bist du müde?" LiiidnerS Sohn fragte mit zwei Jahren drei Monaten„di essen darf ich?" Und Hanna Neugcbaner beobachtete bei ihrem Rasael mit einem Jahre nenn, zehn und elf Monaten die Fragen„trinken kannst?",„Mutll böse?",„hasie Geld?" Eine Sache, die klar und entschieden ist. pflegt ihren besiiminten Platz z» haben. DaS kleine Gehirn schafft Ordnung in der Menge der Namen und Dinge, die es gesammelt hat, und weist jedem einzelnen Objekt seine Stelle in der Reihe zu. Da gehörst du hin I Fehlt cS au seinem Platze, so reagiert der suchende und nachprüfende Verstand mit der Frage Wo? wo ist, wo hat? Die Ortsfrage stellt sich ein und erweitert sich bald zu Woher? wohin? Preyers und LiiidnerS Sohn fragten mit zwei Jahren drei Monaten nach dem Orte, ScupinS Bubi mit zwei Jahren zwei Monaten, der kleine Neu- gcbaner mit einem Jahre neun, Hilde Stern sogar schon mit einem Jahre sieben Monaten. DaS am äußerlichen haftende Wo? wird bald ergänzt durch das mehr ins Innere eindringende W i�e? DaS Denkleben des .Kindes vollzieht damit einen weiteren Schritt vorwärts. Die Erkenntnis nimmt an Vertiefung zu.„Wie geht das?", Wie ist denn daS?" So sprudeln die Fragen in rascher' Folge hervor.„Wie geht daS Rädel abzumachen?" fragte Rasael mit zwei Jahren drei Monaten. „wie macht das?" forschen die meisten Kinder dieses Alters, nachdem sie crfabrcii haben. daßdaS Messer schneidet, daS Feuer brennt, die Nadel sticht, der Hund bellt. Eine Reihe bestimmter Wahrnehmiiiigen hat sie mit den Dingen der Umwelt und deren Eigenschaften vertrauter gemacht und den geistigen Horizont um zahlreiche Vorstellungen be- reichert, die ein„machen", ein Tun, eine Aktivität bedeuten. Für ein Kind ist nichts interessanter, sagt Sully, als die Erzeugung der Dinge. Wie viele Stunden verbringt es nicht in der Verlvuiidcrmig darüber, wie die Kiesel, die Sterne, die Vögel, die kleinen Kinder geschaffen Iverden. Dieses lebhafte Interesse an der Produktion ist in hohem Grade ein praktische?. Es ist eins der größten Vergnügen der Kinder, daß sie selbst imstande sind, Dinge zn machen, und dieser Wunsch nach Formgebung führt natürlich ans die Untersuchung über die Art des Hervorbringens. Die Frage:„Wie macht das?" kenn- zeichnet noch die Stufe, auf der das Kind alle Dinge seiner Umwelt personifiziert— eine Stufe weiter, und die Dinge sind nicht mehr Subjekte, sondern Objekte, nicht mehr Produzenten, sondern Pro» dulte, und die Frage Warum? warum ist das? ergibt sich als logische Konsequenz. Mit der Warum-Frage stößt daS Kind zum ersten Male an das Gesetz der Kausalität. Der Zusammenhang von Ursache und Wir» I«n(\ U\U ou& t>e\n XiwwttX\ä\\tS � äjluu\u\tt u�j t\\ see\io\\�\äu6 u\\q 1 wird ihm vficnbar. Das ist«in bedeutsamer Momsni in seiner Eni» Wickelung!„Am 1028. Tage", schreibt Preher von seinem Söhnchen, „wurde zum ersten Male warum? gefragt. Ich achtete mit der größten Sorgfalt auf das erste Auftreten dieses Worte?. Der Satz hieß: Warum nach Haufe gehen? ich will nicht nach Hanfe. Der Ilrfachcntrieb, welcher schon vor mehr als einem Jahre sich durch eine Art Forschertätigkeit, durch Experimentieren, und noch früher durch Aufmerken kund tat, wurde sprachlich geäußert." Bei Nafael Neugebaucr meldete sich diese theoretische Wißbegierde viel früher schon, mit zivei Jahren vier Monaten, bei Scupins Bubi mit zwei Jahre» acht Monaten durch Warmn-Fragen an, während AmentS Sohn hierzu drei Jahre l'/s Monat und Hilde Stern drei Jahre zwei Monate brauchten. Mit der Warrl»,-Frage begibt sich da? Kind, mit Pcnzig zu sprechen, aus das Gebiet de? zureichenden GrundeS für die Er- kenntuis und für da? Handeln.„Hier setzt unS also das unschuldige Kind pktzcholostische Daumschrauben an und erwartet von seinen Er- ziehern mit einem, sagen wir es nur offen, recht hochgespannten Optimismus, daß sie»hm für jedes Urteil, das dein Gehege ihrer Zähne entfloh, den zureichenden Grund, für jede Handlung das wahre Motiv aufdecken. Nichts ist darum auch unbequemer, als das ewige unerbittliche Warum eines geweckten Kindes." Unbequem oder nicht— der gewissenhafte Erzieher, der «S»nit der geistigen Forderung seines KindcS ernst nimmt, ivird all die unzähligen Fragen, die der kleine Mund an ihn richtet, zu bc- antworten versuchen, mögen sie ihm oft auch sinnlos erscheinen oder an seine Nerven und seine Geduld hohe Anforderungen stellen. ES ist eure unerläßliche erzieherische Pflicht, durch richtige, klare. bereitwillige Auskunft dem Kinde zu helfen, daß es in seiner geistigcir Eutwickclung die Bahn findet, die zum sicheren Ziele führt. Ungeduld und Unwille sind hier schwere ErziehungS- fehler; sage lieber einmal„Das weiß ich nicht!", versuche cS, wenn dir ermüdest, mit der Ablenkung, oder mache, um das eigene Rachdenken des Kindes anzuregen, einen kleinen, aber recht vor- sichtigen Scherz mit einer falschen Auskunft, die freilich das Kind sogleich als solche erkennen und ans eigenem besseren Wissen— zu beiderseitiger Heiterkeit— korrigieren muß. Immer gilt es für de» Erzieher, sich dessen bewußt zu sein, daß das Kind mit den Antworte» auf seine Fragen wichtiges und wertvolles Baumaterial für seine geistige Welt erhält; die Fundamente seiner Weltanschauung werden daraus gefügt. Und überhaupt: Was? Wo? Wie? Warum?— in den Antworten auf diese paar Kinderfragcn— liegt nicht in ihnen die Summe aller menschlichen Erkenntnis eingeschlossen? Otto Rühle. Der tote Knabe. fSchluhs Bon I. P. B r o ch m a it n. In den Nächten lag ich lange wach I O, sind die Winternächtc schön I Diese kleinen, braunen Teufel, die im Sommer einem daS Blut abzapfe», bleiben dann im Holzwcrk. Ich fror nur ein wenig, sonst war eö gut. Mein Bett bestand aus einem Haufen Lumpen neben dem Ofen. Ich rollte mein Wams zu einem Kopskissen zn- sammcn, doch die durchlöcherten Strümpfe behielt ich an. So krüminte ich mich zusannueu und bohrte mein Gesicht in die Hand. Das Feuer im Ofen verlosch und der Schein, der durch die Klappe kam, verschwand. Aber der Straßenlatcrncnschein drang durch die Ritzen der Fensterläden und bildete Streifen aus der ver- räucherten Tapete. Erst wenn die Laternen ausgelöscht waren, wurde es finster. Schwere Wogen da draußen von der Ewigkeit rollten über mich. Dann kamen die Laute der Nacht. Ein betrunkener Mann fluchte; eine heiße Stimme schrie:.Geh' mit mir, ich bin hungrig I Du!"—„Halt' den Mund!" tönte es dagegeu mit dumpfer, ver- rosteter Stimme. Batcr und Mutter! Ich lag einen halben Meter von ihrem Bett, nichts Menschliches war mir fremd! Der Liebe Lust und Küsse ivechselten mit dein stillen Bitten und Weinen der Mutter I Il»d ich hörte sie flüstern über Sorgen und Hunger, die nagten. Ich schnarchte, um sie sicher zu machen. Auch mich erwähnten sie. Mehr Prügel sollte ich haben! Des Vaters rauhe Stimnic stellte sie inir in Aussicht. Er drehte sich im Bette um, als ob er allfstehen und gleich auf mich losschlagen wollte. Der inagere Arm der Mutter hing über die schwarze Bcttkante. Er schien grau in dem Dunkel der Nacht, wie ein verwelkter Zweig. Sie hob ihn langsam auf, und ich glaube, sie legte die Hand auf des Vaters Mund, denn feine Stimme lautete dumpf.— Die Nächte waren meine beste Zeit! Allein am Morgen war ich schläfrig und schwer im Kopf und gesättigt mit Bosheit I » Vier Monate lang war ich Lausbursche. Ich stahl sowohl Eß- waren als auch kleine Geldbeträge— und wurde deshalb natürlich entlassen. Darauf wurde ich Flaschcnspüler, jeden Tag sechs Stunde» in einem dunkeln, feuchten Keller, von eins bis sieben abends. Dieser Keller stank von Schmutz und Schimmel, und eine zersprungene Kloakenröhre lies unter dem Boden her. Eines TageS schlug ich dein Manne eine Flasche an den Kopf, und bckanr einen Fußtritt, so daß ich die Kellertreppe hinausflog. �ch ertjUU ernexv euVbueu'itztatz. als Vrn TsteoUt. andere Knaben mußten unter einem alten großen Tuche den Welten- schlag des Wasser« marlteren. Aber eines Abends schlug tch eine andere„Welle", lang hm ans den Boden l Entlassung l Dann besorgte ich die kleinen Ausgänge in die Stadt siir die „Mädchen" in unserer Straße, und ich verdiente gutl Aber n,elne Mutter bekam Gewissensbisse und sagte, ich würde demoralisiert. Also mußte ich die gntbelohntcn Dienste ausgeben I Eines Abends sagte ich zur Mutter:„Nun geh' ich zur See!� Ihr graucö Gesicht wurde plötzlich rot. Sie erhob die magere» Hände und sagte:„Tue es nicht, Emil!"—„Warum nicht?" fragte ich.— lind als ich sah, daß die Mutter meine Hände er- greifen wollte, lief ich fort— ans die Straße; hier tras ich Marie, die mir zehn Pfennig siir ein„Pilsener" gab. Später, als ich zn„Beil" gehen wollte, fand ich MutterS Kopf« kisie» in meiner gewöhnlichen Ecke— ein altes, fettiges, halb- gestopftes Kissen mit steifen Federn, die mich durch die graue Lein- wand in den Kopf stachen. „Du hast Dein Kopfkissen vergessen, Mutter, hier hast Du es!" Ich gab cS ihr. Ich konnte diese Art Scnlimcntalitüt nicht leiden! Was, zum Teufel, sollte ich mit einem Kopskissen für eine einzige Nacht? I • Ich wurde immer magerer, gelber, bösartiger, ich war schlimm gegen»iciue eigenen Eltern. Wir schimpften und wir schlugen uns. Mutter war bange bor mir: eines TageS packte ich sie an: Arm und sie wurde sehr bleich. Der Vater konnte mich wohl bezwingen am Morgen, aber am Abend, Ivciin er todmüde nach Hause kam, war ich der stärkste. Nach einer solchen Tour setzte» wir nnS an dem kleinen Tische einander gegenüber. Die Lampe brannte grau, u»S aber glühte das Feuer in den Augen. Mutter schlich in die Küche, sie hatte Angst, sowohl bor ihrem Manne als auch vor ihrem Sohne. Eines Abends sagte ich zum Vater:„Stell Dich nur nicht so an! Du bist verrückter als ich und Du hältst Dich mehr ans Bier als ich!" Er ballte die Hand und tch börte, ivie er mit seinen Holzschuhcn an die wackeligen Tischbeine stieß, aber geschlagen hat er mich nicht. Vor einem Monat wurde ich krank und kam ins Spital. DaS kam fo: Die Besitzerin einer Wäscherolle hatte ans dem Fenster ihrer Speisekammer einen Teller mit gebratener Leber stehen. Ich stand draußen vor dem Fenster.„Frau Hansen," rief ich,„da läuft eine große Spinne über die Leber!"—„Pst» Deixel, jag' sie fort!" rief die Frau. Ich blieb stehen, starrte hin nach der Leber und lächelte innerlich über meine Lüge.—„Hättest Du Lust zu dieser Leber?" sagte plötzlich Frau Hansen.—„Ja I"— Mich hungerte danach und meine Augen leuchteten I „So esse sie und dann kannst Du inir ein paar Stunden die Rolle drehen", sagte die Frau.—„Nur eine Stunde, denn die Leber hat einen„Stich" I" sagte ich. In dem Halbdunkeln Hofe setzte ich mich auf eine Kiste, den Teller mit der Leber und einem Stück Braten auf den Knien. Es war erstickend heiß an diesem Tage. Die schlechte Luft wälzte aus de» offenen Fenstern, die Hitze zitterte an der südlichen, sonnen- beschienenen Wand hinauf, der Kalkverputz dieser Wand schälte sich ab und fiel herunter. Kloake und Retirade stanken entsetzlich. Meine ewig zitternden Nasenflügel saugten diese Düfte ein. Aber daS schlimmste von allem: die harte, schwarze Leber roch auch I Und hier und da saß ein kleiner gelber Klecks.— Ich drehte die Stücke um. Oben ivaren sie schwarz iiud unten gran. Ich drehte sie wieder um und mein Blick wurde steif. Diese verflüchte Leber! Wenn doch der „Karo" käme und sie wegschnappte! Ich holte einen Stein, um den Teller zu zertrümmern-- stürzte mich aber— zuerst über die Leder l Gestank erfüllte die Luft! AnS offenen Fenstern, aus der Retirade nud Kloake, aus vermoderte», dunklen Ecken und Löchern! Nach jedem Bissen spuckte ich aus! * Zwei Tage danach wurde ich todkrank ins Hospital gefahren. Am Tage danach besuchte mich der Bater. Er kam gebengt und wankend in seinem schäbigen Sonntagsstaat. Eine Träne rollte über seine mageren schwarzen Backen. Aber ich stellte mich, als ob ich schläsrig wäre, und wollte ihm kaum aiiiwortcn. Ich dachte:„Du hast mich so oft geprügelt und da weinte ich! Nun ist die Reihe an Dir mit dem Weine»!" Er beugte sich über mein Bett und legte mir eine Flasche Bier rmd eine Apfelsine unter das Kissen. DaS stinrmte mich weicher. „Kommt Mutter nicht?" fragte ich.—„Vielleicht Sonnabend, wenn ich meinen Wocheulohn bekomme. Aber sie ist nicht vor die Tür zu bringen in ihrem alten, grauen Kleide." « In der folgenden Nacht verließ meine Seele ihr zerbrechliche» Gehäuse. Und nun treffe ich jede Nacht Brüder und Schwestern in, Weltenraum. Wie sie die Himmelsleiter heraufwinmreln! Gestern traf ich zehn aus der Sachsengasse. Sie waren gestorben an körpcr- lichem Schwund— abgezehrt, ausgemergelt. Diese Kinder können Lebcnsschickiale erzählen! Ich treffe eine Schar an« den Hütten der Landarbeiter! An sich gefahrlose, bei einigermaßen guter Pflege leicht zu über« tainbenbe Krankheiten haben sie bahkngerasst l Ich treffe Kinder ans Fffentliche» Pflegeheimen, aus K e i l e r lo o h n u n g e n und Hinterhäusern! Ganze Scharen aus vermoderten Wohnungen I Leidensgenosfen mit Brandivundcnl Landarbeiter» ttnder, die verbrannt sind, während die Mutter auf dem Gutshofe sronden mutz 1 Kinder, die vom krühesten Alter in giftigen Fabriken, in den kleinen Werkstätten der Ha iLiudnjtrie. wohin die Sonne nie» mal? dringen kann, beichästigt worden fiud I Kinder, die von ge wisfcnlofen, geldgierigen Pflegeeltern zu Tode gemartert sind, und' solche aus den abicheulichslen Löchert und Höhlen I Wir schweben jede Nacht in grrsien Scharen unter dem mit Sternen punktierte» Gewölbe der Miliditrage— weit umher über Stadt und Land. Aber am liebstem halten wir uns dort ans, wo der Lichterschenl der Grosistadr in den Wellenraum hineinleuchtet. Hier atmen wir den Dunst, den Staub und die Hipe, wie wir eS bei Lebzeiten gewohnt tvaren. Wir hören der Lebenden Stöhnen von unten herausdringen I Und wir singen froh:„Hallcliija! Wie gut, dasi wir dem entronnen sind l" Kleines Zemlletsn. Thcatcragentenkniffe. Der englische Musikschriftsteller Claude Trcvor entwirft in der„Daily Mail" ein Bild von dem Verhältnis der Opernkünstlcr zu manchen ibrer Agenten. Trevor hat die meisten seiner Beobachtungen in Mailand, dem „Stimmenmarkt" des italienischen OpernwescnS, gesammelt, hat als junger Mensch, ebenfalls in Mailand, gleiche Erfahrungeit ge- macht und meint, daß nach seiner Kenntnis der Dinge die gleichen Mißstände in allen Musikzentren Europas und Amerikas wieder- kehren. Die großen und angesehenen Agenten, die mit strenger Gewissenhaftigkeit ihren schwierigen und aufreibenden Beruf versehen, haben bitter darunter zu leiden, daß sich nur allzu viel Elemente zur Tätigkeit eines Theateragenten drängen: Elemente, die das Ansehen des Berufes schwer beeinträchtigen und die Künstler zum Gegenstand einer oft geradezu betrügerischen Ausbeutung machen. Sie greifen zu Kniffen, die, wie durchsichtig sie auch sind, von den leicht enthusiasmierten Sängern und Sängerinnen in Augenblicken der Notlage nicht erkannt werden. Natürlich wird zu solchen Raubzügen die geeignete Zeit ge- wählt: der Schluß der Saison, wenn das Gespenst der Engage- mentslosigkeit festere Formen annimmt und das Portemonnaie immer dünner wird. Da eröffnete in Mailand Herr A. seine Agentur, sorgte durch geschickte Reklame und Mittelsmännner dafür, daß man in Theaterkreisen erfuhr, er sei der Agent eines großen amerikanischen Impresarios, der drei Gesellschaften zu einer Tournee durch die Vereinigten Staaten zusammenstelle: und als- bald war das Bureau des Herrn Agenten bau ungezählten Hun- derten von Sängern und Sängerinnen belagert, von Künstlern, die mit irdischen Glücksgütern nicht gesegnet waren med mit klopfendem Herzen auf die glänzenden amerikanischen Engagements warteten. Allein, ehe man vorsingen durfte, mußten 30 Frank Subskription bezahlt werden: der. Abonnementspreis für ein von Herrn kl. herausgegebenes Theaterblatt, ferner 2 Frank für die Begleitung während des Vorsingens. Mehr braucht wohl kaum erzählt zu werden: eines schönen Tages, als die Brieftasche des Herrn Agenten genügend gespickt und geschwellt war, waren die Pforten des Bureaus geschlossen und der Mann abgereist, höchst- wahrscheinlich, um in anderen Musikstädten seinen Kniff zu wieder- holen. Die„Theaterzeitschrift" ist überhaupt ein beliebtes Mittel solcher Herren, um sich ein ansehnliches Einkommen zu schaffen. Bei ihnen wird ein cngagementsuchender Künstler niemals zum Vorsingen kommen, so lange er nicht sein Abonnement angemeldet und bezahlt hat. Die Verträge, die mit unerfahrenen oder in Notlage befindlichen jungen Künstlern und Künstlerinnen ge- schlössen werden, enthalten fast iminer Bestimmungen, über deren Tragweite die oft in geschäftlichen Dingen wenig unterrichteien Sänger— besonders Anfänger— sich selten klar werden. Dann werden kurze Saisonengagements abgeschlossen, bei Gagen, die kaum zur Bestreitung des Lebensunterhaltes in den teueren Orten reichen. Die Sängerin aber, die von diesen Lebensverhältnissen im fernen Auslände wohlweislich nichts erfuhr, sitzt dann nach vier Wochen engagementslos in der Fremde: und muß mit einemmal bemerken, daß sie nicht die Rückfahrt erhält. Denn davon steht nichts im Vertrag, und das Billett zur Hinfahrt drückte man ihr beim Abschluß des Vertrages wortlos mit der Miene der Selbst- Verständlichkeit in die Hand. Geschult, tlicheS. . Handel in, Mittelalter. Zwei der besten Kenner der chinesischen Kultur und Geschichte, Professor Friedrich Hirth an der Eoliimbia-Universität und der berühmte Forschungs reisende blockhill, haben einen wichtigen Beitrag zur - Stellung Chinas zu den anderen Ländern der Erde im Mittelalter geliefert, nämlich die Uebersetzung des chinesischen Wer» des Chanjnkua, das einen ausfiihrlichcn Einblick in den vcrantw. Redakteur: Alfred Wi-levv, Neukölln/— Druck n. Verlag:' Handel zwischen den Chinesen und Arabern während de» 12. und 13. Jahrhunderts gewährt. Die Chinesen haben einen überseeischen Handel selbst nur dann getrieben, wenn keine seefahrende Nation de» Westens ihn vermitteln wollte. Sobald fremde Seefahrer in ihren Häfen erschienen, stellten sie selbst ihre Unternehmungen zur See gern wieder ein. Die Pioniere des Westens in China waren die Araber, die erst sehr viel später, nach der Entdeckung des See- wegs nach Ostindien, durch die Portugiesen und dann auch bald durch andere seefahrende Völker ersetzt wurden. Im späteren Mittelalter war Canton der Platz, der fast aus- schließlich den Verkehr mit den Fremden beherrschte und auch von oer chinesischen Regierung um dieses Vorrangs willen unterstützt und gepflegt wurde. Die Einfuhr in Canton wurde eigentümlich gehandhabt. Alle Importeure sollten möglichst gleich gestellt wer- den. Deshalb blieben die Waren so lange in den Staatsspeichern, bis das letzte Schiff der Handelssaison eingelaufen war. Erst dann wurden die Güter den Besitzern zum Verkauf ausgeliefert, indem die Regierung 30 Proz. als Zollabgabe zurückbehielt. Dadurch wurde es verhütet, daß die ersten Ankömmlinge den Vorteil des Marktes zum Schaden derer ivahrnchmen konnten, die durch eine längere Reise oder durch Unbill der Witterung erst später in den Hafen gelangt waren. Die Begünstigung der Einfuhr durch die Regierung verursachte ein so starkes Zuströmen von Waren, daß sie sich bereits gegen Ende des 10. Jahrhunderts nicht immer leicht unterbringen ließen. Sogar solche Kostbarkeiten wie Elefanten- zahne, Rhinozeroshörner, Perlenschnüre, Weihrauch, aromatische Stoffe und dergleichen stiegen in wenig mehr als 100 Jahren auf das Zehnfache des Betrags. Die Regierung begnügte sich infolge» dessen auch dauernd mit dem erwähnten Anteil am Wert, ohne ihn zu steigern. Schmuggel wurde freilich aufs strengste bestraft, und wer die chinesischen Strafen kennt, wird sich nicht wundern, daß die Handelsleute die Bestimmungen nicht zu verletzen wagten. Das Werk enthält auch viele fesselnde Mitteilungen über den Zustand, die Erzeugnisse und Sitten anderer Teile des fernen Orients. So wird von dem König von Kambodscha berichtet, daß er 200» Kriegselefanten und dazu 4 große Elefanten aus Bronze besaß, die als Wächter vor einem Tempel seiner Hauptstadt standen. Sein Thron war ans sieben Stoffen verfertigt, die damals als der Inbegriff aller Kostbarkeiten galten. In Annach zeigte sich der König vor seinem Volt nur auf einem Elefanten reitend. Er war von einer Amazoncngarde von 30 Jungfrauen umgeben, die mit Schwert und Schild bewaffnet waren. Sehr kriegerisch aber kann das Volk dieses Königs kaum gewesen sein, denn es wurde für nötig gefunden, vor einer Sei, lacht die Truppen zu je fünf anein» ander zu binden. Versuchte einer von diesen die Flucht zu er- greife», so wurden alle fünf zum Tode verurteilt. Die größten Wunder werden von den Schätzen Ceylons be- richtet. Der Palast des Königs war mit Katzenaugen, blauen und roten Edelsteinen, Karneol und anderen Juwele» verziert, sogar der Fußboden. In jedem der beiden Flügel des Palastes befand sich ein Baum, dessen Stamm und Zweige aus lauterem Gold vcr- fertigt waren, während die Blätter, Blumen und Früchte wieder ans Edelsteinen gebildet waren. Der König hielt, wenn er auf dem Thron sah, einen Edelstein in der Hand, der 8 Zoll im Durch- messer hatte und selbst bei Nacht wie eine Fackel leuchtete. Er hatte außerdem die wunderbare Eigenschaft, dem König, der bereits über 00 Jahre alt war, ein jiigcndfcischcs Aussehen zu bewahren, wenn der Herrscher sein Gesicht täglich mit dem Stein rieb. Solche Wundermärchen mußten den Händlern helfen, das Interesse für ihre Waren ans fernen Ländern anzufachen. Die Dichtung hat in der Geschichte der Handelsreklaine eine ansehn- liche Rolle gespielt. Volkskunve. Arzneimittel im Volkswitz. Wie sich in Nieder- dcutschland Volksmund und Volkswitz durch Umbildungen mancher- lei Art mit den Namen volkstümlicher Heil- und Arzneimittel ab» gesunden haben, zeigte Dr. H. v. Reiche in einem amüsanten Vor- trag, den er im Hamburger Ouickborn gehalten hat. Er gab damit ein bemerkenswertes Stück Sprach- und Kulturgeschichte. Am häufigsten sind die Umbildungen volksetymologischcr Art, in denen sich der gemeine Mann die ihm unverständlichen Namen auf seine Weise„verdculsckile". Da wird z. B. liaclix Valeriana«i Bolder» oder Ballcrjahn, Digestiv zu Tick und Stieß Paenuw Graecum zu Fiue Margret, Oleum Petras zu Clen Peter, Oleum Lauri zu Alte Lore, Opodeldok zu Abedillendock. Dodillensaat zu Dulle Deerniaat, Oblate zu Abendblatt und. eine fast geniale Ilm- bildniig, Unqucntura Keapolitanuin zu Nngewcndtein Napolium. Diesen ernsthaft gemeinte» Nameugebungen gegenüber stehen die ick-erzhaflen, in denen der Volkswitz die Wirkung der betreffenden Mittel derb und drastisch bezeichnet. Es kommt heute noch vor, daß ein niederdeutscher Vauernjunge in der Dorfapotheke ein Mittel siir gewiffe Verdauungsstörungen haben lvill und sagt:„Körn Groschen Achter mi Inm fiim" oder auch:„Für tein Penn Dapper im ge- schwind". Der scharf riechende Salniiakgeist wird sehr schlagkräftig „Krabbe! de Wand rnp" genannt. In all diesen teils willkürlich perstümmelnden, teils nnwillkürlich volksetyntologischeii Neubildungen zeigt sich ein sprachschöpferischer Trieb. Dem Sprachforscher bietet sich hier ein neues, noch wenig bekanntes Arbeitsfeld._ vorwärts Buchdruckerei mVerlagzanstaltPaul Singer SrEo..Berlin SW