Unterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 55. Donnerstag, den 19. März. 1914 Hplöholm. Eine L a n d a r b e i t e r g e s ch i ch t e von I. S k j o l d b o r g. Per antwortet:„Tos; wir Häusler, wenn wir auch Weib und Kind znr Hilfe nelnnen, nicht einmal die notwendigsten Nabrnngsmittei ins Hans schaffe» können, ohne bei allen Hökern des Landes ankreiden lassen zu iniisfe». iväbrend wir jung sind, und ins Armenlians wandern mnsfen. wenn wir alt werden— das ist anch des Kaniinerberrn Wille. Andere Leute können ibrc netten Kleider anziehe» und mal hier und mal dorthin gehen, um etwas zu sehe» und zu hören. Aber was können wir? Z» Hanse bleiben, denn wir haben weder Kleider noch Geld. Das ist auch des Kammerherr» Wille!" Ter Ausdruck in den Augen der Männer sagt deutlich, das-, Per im Grunde recht habe. „Es gibt kein anderes Mittel, wir müssen uns organi- sieren. Tie Grone» sind es ja.>Uir dürft nicht vergessen, das; Kaminerherren, Grafen, Barone und diese Klasse eine Art Menschen sind und wir andern eine andre. Was wir von ihnen haben sollen, das müssen wir ihnen mit Gewalt ent- reihen. Gutwillig geben sie es nicht her. Sonst hätten wir es doch wohl schon längst? Wie?" „Ja!" sagt Niels Rön fest und sieht sich um. Polle nickt. Tie anderen schweigen. Taunnes, der Vortiiecht, ist nicht dabei. Er steckt die Nase zur Türe hinaus, ziaht sich aber vorsichtig wieder zurück, da er Wohl sehen kann, was hier vorgeht. Eine Frau nach der anderen kommt auf dem Wege zum Melken an den Männern vorbei. „Findet Ihr nun, das; die hier einen Sonntag haben?" bedeutet Per.„Morgens drei Stunden melken und dazwischen waschen und scheuern? Und unsere Kinder..." Per hält plöhlich inne, als wäre er an eine traurige Be- gebenheit erinnert worden. Aber mit äuherster Anstrengung bemeistert er seine Bewegung und fährt, während ringsum lautlose Stille herrscht, fort:„Ist dies hier denn nicht ein Sklavenleben? Aber wir merken er schließlich gar nicht mehr. So wurden wir groß, so lebte» unsere Eltern, und so leben unsere Kinder— und schließlich sind wie so weit, das; wir weder hören noch sehen, noch fühlen, noch begreifen!" Per hatte mit steigender Wärme gesprochen. Sein Herz redet, und alle Häusler schweigen. Pauls Maren ist hinter den andern Frauen etwas zurückgeblieben und sagt, als sie an ihm vorbei geht:„Was habt .Ihr hier vor? Tu hast wohl den andern vergessen, Per, der fort mußte! Und Tu hast Weib und Kinder!" „Er war ein Mann, und ich danke ihm, wo immer er auch sein mag!" antwortet Per. „Aber es wäre doch wohl klüger, Per, Tu machtest Deine» Sack zu und behieltest Deinen Hund drinnen!" sagt Paul freundlich. „Ich riskiere meinen Pelzt Was ich sage, das stimmt. Und ich lasse mich, Gott verdamm mich, weder biegen noch brechen!" Es ist so etwas Unerschütterliches, beinahe Monumentales über Per Holt, wie er so Hochgewachse» und leck unter ihnen dasteht, daß die Häusler»nwillkürlich zu ihm aufblicken. 15. Per Holt erwacht allmorgendlich wie einer, der zu neuem Glauben erweckt ward. Und der Sozialismus ist seine Religion. Alltäglich bringt ihm der..Soziademokrat" Botschaft von der großen Geineinde, die sich über die ganze Welt erstreckt. Und aus diesen geheimnisvollen Fernen saugt er Lebenskraft. Es ist. als wäre er aus dichten! Nebel emporgetaucht und seine Religion hätte ihm über das tägliche Leben in Gyldbolm ein neues Licht aufgesteckt. Was er vor dem nicht sah, liegt nun in seiner heiligen, nackten Wahrheit vor ihm: das ein- tönige Grau löst sich ihm seht in klare Kontrastfarben auf. Wenn die Tamen der hohe» Herrschaften in eleganten Toiletten jenseits des Weiße» Gitters im Park zwischen färben- schillernden, duftenden Bluiueubeeten spazieren geben— und wenn die ärmlich gekleideten Arbeiter im Gänsemarsch über den Gutshof ziehe», gebeugt von der großen Last, die se tragen, dann gewahrter dies alles in Form von zwei Bildern. Wie zwei Bilder, die in schreiendem Gegensah zu ein- ander stehen. Alle Verhältnisse deS tägliche» Lebens drängen sich ihm jeht auf bei seiner verfeinerten Auffassung: die unterwürfige Art der Häusler gegenüber dein brüsken Wesen des Ver» Walters-- der elende, finstere, übelriechende Raum, in dem die Knechte wohne» und dagegen die hohen, hellen, luftigen Räume, in denen die Reit und Wagenpferde der Herrschaft untergebracht sind. Ueberall der schreiendste Kontrast. Und überall gewahrt er den Gegensah. Diesen Gegeusah predigt er, und verkündet die neue Religion, die ans Gtildholm ihren Einzug gehalten hat. Bei hundert kleinen Gelegenheiten verkündigt er sie, während der Esseuspausen und aus dem Wege von und zmu Gute. UnauSgeseht. Wie ein Gefangener, der Tag und Nacht feilt. Und wenn er in seine ärmliche Behausung zurückkehrt, wo die Armut nackt auf der Schwelle hockt, dann greift er nach dem„Sozialdemokraten" und vertieft sich in die Lektüre. Eines Abends hält er inne. lächelt vor sich hin und sagt: „Nun glaub' ich. Hab im sie endlich so weit gebracht, das; sie ansangen, wütend zu werden."— Halb spricht er zu sich selbst und halb wendet er sich an Sophie:„Tie neuen Kätner, die gekommen sind, lassen sich eher darauf ein." Sophie aber schleicht mühsam durch das Zimmer und die Kleider schlottern ihr um den Körper, Ihre schlanke Figur ist gebengt, Sie ist schmalbrüstig und zusammenge- funken, alles hängt an ihr. Ihr Rücken bildet eine Schnecken- linie, Brüste hat sie nicht: ihre Form ist vollständig verloren gegange». Und dann hat sie einen so seltsamen Blick: es ist die- selbe Ausdruckslosigkeit, die haften geblieben ist, seit dein Unglück mit den Kindern. Per sieht nach ihr hin, wendet aber bald die Augen wieder fort. Nach einer Weile schaut er von neuem nach ihr hin, aber nur einen Augenblick, als wolle er nicht, daß sie es merke, wie er sie beobachtet. Während er so dasitzt und sie anschaut, toerde» die Furchen seines Antlitzes, die sich bis zu den Mniidwiukeln herabziehen und die die Bitterkeit solcher Stunden gegraben haben, tiefer und tiefer. „Wie geht es Dir, Sophie?" fragt er. Sie wendet langsam die Augen:„Ach, in diesen Tagen geht es mir nicht zum Besten. Mir ist jetzt immer wieder, als hätte ich eine Bleikugel hier hinten im Kopf," sagt sie müde und bewegt den Kopf, als trüge sie einen schweren Hut. „Das wird aber wohl wieder vorübergehen." Per springt ans, als stäche ihn eine Wespe, und schreitet hastig im Zimmer ans und ab, als wollte er quer durch die Wand hindurch. Lange, lange geht er so eilig hin und her. Es kocht in seinem Innern. Endlich setzt er sich und atmet aus in einem langen Seufzer, als hätte sein Körper zu atmen pergesseu, während seine Seele so sehr beschäftigt war. Tann sammelt er seine Zeitungen zusammen, ordnet sie sorgfältig in kleine Päckchen, denkt darüber nach, welche Nu»?- mecii zusammen gehören und legt sie vorsichtig auf das Bort. Tie Exemplare aber, die die Artikel über den Brand bei ihm und den Tod seiner Kinder enthalten, die verwahrt er extra. Er behandelt den„Sozialdemokraten" nicht, als seien es alle Zeitungen, sondern als wäre es die heilige Schrift selber, die die Lehrsätze seiner Religion enthält. 111. Es ist ein Toiumenucrgcu. Durch de» leichten Nebel bin- durch schimmern die vielen Gebäude von Gyldbolm: sie sehen ans wie eine ganze Ortschaft mit Lärm und Geräusch von mancherlei Arbeiten. Ten Fußsteig von den Kätnerhänsern kommen der rote Jens, IakobuS«ivb ein paar neue Häusler aeaaupen. Sic haben es nicht eilig, trotzdem die Arbeit aus dem Gute schon längst in vollem Gange ist. Sie arbeiten nämlich auf der Strandmiese im Akkord: der Tag gehört also ihnen. Daher gehen sie auch so ruhig, als wollten sie recht mit Vewußtsein geuieszeu, sich den Tag selber einteilen ,rn können. Sie lassen sich Zeit, unterwegs mit den Milchmädchen zu scherzen, die vor der Meierei scheuern, und sie rufen dein Knecht, der mit dem zweirädigen Karren und der„Lise" den Dung ans dem Stalle fährt, ein paar muntere Worte zu. Ans der andern Seite des Gntshofs kommt der Verwalter mit langen Schritten, qncr durch die Felder, auf sie zugeschritten. Er sieht netter ans als der vorige: er ist schmächti- ger, ähnelt eher einem Stnbenmenschen und könnte für einen Schullehrer gehalten werden. Sobald die Häusler ihn erblicken, fangen sie an zu murmeln. Nach einiger Anstrengung gelingt es ihnen, eine freiere Haltung und freiere Mienen anzunehmen. Man sieht, das; sie sich untereinander verabredet haben, dein Verwalter anders zu begegnen als sonst. „Findet Ihr, das; es jetzt Zeit ist, zur Arbeit zu gehen!" Visit er. „Das ist doch unsere Sache!" antwortet der rote Jens. Vei dieser Antwort in so unerlvartetem Ton stutzt der Verwalter und sieht sich die Gesichter der Männer genauer an. „Arbeiten wir nicht im Akkord?" fragt Jakobus. „Ja— al" „Na, das meinen wir doch auch!" „Tie Akkordarbeit ist aber eingerichtet worden, damit mir mehr getan kriegen und Ihr mehr verdienen könnt, und nicht, damit Ihr faulenzt. Doch das werden»vir bald ändern!" „Es wäre auch möglich, das; noch was dazwischen käme, Herr Verwalter. TaS kann so leicht geschehen!" Jakobus und die andern lachen leise und gehen weiter. Ter Verwalter bleibt am Wege stehen und sieht ihnen verwundert»ach. Nachdem er ein Stückchen gegangen, kehrt er sich nochmals nach ihnen um. wobei er vor sich hin murmelt. Er trifft den Mann mit dein Dungwagen, der nun fertig ist und eine Weile ausruht. ES ist einer der neuen Häusler, der diese Stelle bekommen hat. „Na. Sie scheinen es sich mit aller Gemütsruhe zu nehmen," sagt der Verwalter im Vorbeigehen. „Jawohl. Haben Sie etwas dagegen?" In den Augen des Verwalters blitzt es auf, als dächte er: wieder diese patzige Antwort. Aber er sagt nichts. Er geht weiter und kneift nur die Augen zu, als dächte er nach und horche vorsichtig beobachtend.(Forts, folgt.) Der Silberfuchs. Kanadische Erzählung von I. L. M o t t. Die Tage lvarcn kurz. Der Wald siand entblättert da— der Herbst hatte seine Farbe» verloren und die Tannen und Fichten in Schatten gehüllt. Das Karlbn lkanadischcS Rennticr) schickte seinen Klageruf durch die Einöde, und der Biber war dabei, die Winter- Vorräte hcrcinznschassen. Sebat, der Trapper, holte die wenigen allen zusammen, die er»och nicht pcrkanst hatte, packte einigen iundvorrat ein, rollte zwei Hemden in seine Decke, hing dies alles an de» Hackensticl, den er über die Schulter warf, nahm den Karabiner und machte sich auf, um von den« Horn fort durch die Einsamkeit nach den» Roten See zu wandern. Die Nacht sank herab— ein scharfer Wind pfiff durch die hohen Beste der Bäume. „Hm!" murrte der Mensch, indem er die Schritte beschleunigte. „Der Faktor Daniel meint auch, er bckänie allcö umsonst. Bbcr nichts da. Ich gehe zu Murchi am Roten See, vielleicht ist der anständiger." lieber die alten, vom Orkan»mgcivorfenen Stämme klettern, in die Schluchten hinab- nnd die Abhänge wieder hillaussteigen, um die Seen hcrumwandem und Sümpfe und Wasicrläuse durchqueren— daran war der Jäger gewöhnt. Schleppenden Schrittes verfolgte er seinen Weg. lind noch immer seufzte und heulte der Wind... Oedc nnd verlassen war der Wald. Rur hin und wieder ein Kaninchen, das vor dem Feinde floh, ein Nenntier, das wie der Blitz flüchtete, sodas; die dürren Blätter unter seinen Schritten raschelten. In dieser Nacht kampierte der Mann am Grünen See beim Fort der Hudson Bai, doch ging er nicht bis dahin, da er lvustte, das;»ran ihn zum Bleiben zwingen würde, da es ans der Faktorei an Trappern fehlte. „Der Teufel soll sie holen, diese Gescllschasil" knurrte er, in- den» er den Tee auf einem kleinen Feuer kochte, das er angesteckt hatte.„Die Faltorcn sind zu knausrig, Ivo doch da? Geschäft so grotze Profite abwirft. Die Indianer bekommen nicht soviel, das; sie sich satt essen können, und müssen zugrunde gehen. Donner- weiter nochmal I" fluchte er hcstig.„Sebat sollen sie nicht aus- hungern l" Er beendete die Abendmahlzeit. Feine Schneeflocken wirbelten ins Feuer, als er den letzten Bissen herrnilcrschluckte. „Es fängt an zu schneien. Der Winter kommt früh." Er warf noch einige Acste in die Flammen, um sie wieder an- zufachc». nnd legte sicki dicht daneben nieder. Bald war er eingeschlummert. Kalt nnd trübselig schlich die ?!acht dahin. ES hörte auf zu schneien. Der Wind halte sich noch slärkcr ausgetan nnd fuhr mit langem, scharfem Pfeifen durch die Tannen. Beim ersten Tagcögranen stand Sebat auf, sachte das Feuer wieder an, bereitete sein einfaches Frühstück, verzehrte es, lud seine Bürde wieder auf die Schulter und brach auf. Spähenden AngeS marschierte er dahin, ohne anzuhalten. Als er gegen Abend einen kleinen Sumpf erreichte, stutzte er plötzlich— ein scharfer Geruch lcnlte seine Aufmerksamkeit ans sich. „Sollte es vielleicht ein Silberfuchs sein fragte er sich. Bei einem Baunrstnmpf, den der Sturm entwurzelt und uin« geworfen hatte, kniete er nieder und bcroch geduldig die Rinde. ..Ha'" Er halte ei» langes graues Haar entdeckt. „Haha! Teufel nochmal, das ist sicher ein Silberfuchs! Der Bursche wohnt geivis; hier in der Nähe. Vielleicht da in dem Felsenloch Er fragte und antwortete sich selbst. „Wenn der Schnee ein wcnig tiefer liegt, werde ich das schöne Tier schon fangen." In der Dämmerung erreichte er das Fort der Gesellschaft am Roten See. „Guten Abend, Michel!" sagte er, indem er die Tür einer Hütte aufstics;. Erstaunt hob der Angerufene den Kopf. „Ah, du bist es, Sebat I Ich glaubte dich da miteir am Horn!" „Ja, ich ivar dort, doch konnte ich mich nicht gut mit dem Faktor stellen. Ich will diesen Winter am Roten trappern. Brauche viel Gcid, um Acmichcu und ihre Kleinen zu sehen. Ach Gott!" Er lachte laut auf.„Du wirst ivohl begreife» I Drei JungenS und drei Mädchen!" Wie ein Echo lachte auch der andere. „DaS ist alles gut und schön, Kamerad, wenn du nur stark genug dazu bist. Man mutz fleitzig suchen, und das ist ein harte» Stück Arbeit." „Allerdings," versetzte Sebat, und sein Gesicht verfinsterte sich, doch heiterte e§ sich sofort wieder auf.„Dafür habe ich Kräfte gc- sammelt," fügte er vertrauensvoll hinzu. Michel Poitrin fleckte sich die Pfeife an. „Willst du zu?lbeiid essen Sie plauderten lange, denn sie waren alte Freunde. Dann be- gab sich Sebat inö Magazin. „Guten Abend, Herr Mnrcheeson!" Der Faktor an seinem Pult hinter der Theke nickte grüßend, und Sebat lies; seine» Blick durch das Innere der Hütte schweifen, die sorgfältig gekalkt war. Eine kleine Gruppe Trapper, ein oder zwei Kanadier und einige Indianer, von denen die einen standen, die anderen auf der Erde hockten, unterhielten sich mit leiser Stimme. Die Luft war dick vom Tabaksraiich, und die Kerzen erhellten dieses Bild nur mit mattem Schein. «Nun, was willst Du?" fragte Mnrcheeson, den Blick ans den Fremden heftend. Sebat reckte sich hoch auf und matz den kleinen Schotlländcr mit dem Blick: „Ich gedachte diesen Winter für Euch zu jagen." „Trapper sind uns immer willkommen," erklärte Mnrcheeson, und lächelte,»in seine Worte zu bekräjtigcn. Dann wendete er sich an seinen Gehilfen: „Dieses Jahr werden wir den grötztcn Posten Felle haben. Sie kommen alle zu uns." Der Angeredete pflichtete mit matter Gebärde bei und fuhr fort. Kolonnen kleiner Ziffern zu addieren, die beim flackernden Licht der schmelzenden Kerzen vor seinen Augen tanzten. „Willst Du Lebcnsnnltel?" „Ja", erwiderte Sebat und tat einen Schritt zur Thelc, auf die er seine mächlige Faust niederfahrcn lieh, das; es trachte.„Ja natürlich, Lebcnsmiitel, aber zum wahren Preis! Ah, Sebat kennt die richtigen Preise schon und weitz, was es für die Felle gibt." Der Faktor betrachtete ihn milsternd. TicfcS Schlueigen herrschte in der Faktorei. Rknrckceson lniff die Augen zu nnd blinzelte. Dan» wendete er sich wortlos an sein Pult. „Hm!" murrte Sebat und ging hinaus. „Dieser Mnrcheeson hat Angst vor mir!" berliindete er stolz, als er in Michels Hütte trat. „Nimm Dich nur in acht! DcrMcnsch hat auch nicht soviel Herz!" Damit hob Michel einen steinernen Hammer nnd schlug auf den Bode».„Jawohl, so ist eS I" Sebat brach wieder in Lachen au». „Nur leine Angst, tust er mich reinlegt 1 Nein, bn? bringt«ti nicht fertig 1"..1 Und sie rollten sich beide in ihre Decken und streckten sich auf das schmale Lager ans Baumzweigen. Drausten heulten die Hunde, bald einzeln, bald alle znfannuen, und das Echo ihrer Stimmen erstarb nach und»ach im Schweigen des Waldes. Eineil Moment horchten sie und nahmen dann ihr Gebell wieder auf. Lautlos flost die Flut des Sees dahin. Für Augenblicke brach sie sich mit ersticktem Murmeln an den Kiesblöckcn und vereinte dann lvicder ihre Strudel. Hinter dem Fort zeichneten sich trübselige, einsame Infelchcu nur in dunllen, verschlvomnienen Um- rissen ab. Als die Morgenröte den Osten blastgriin und rosig färbte, er- wachte der Posten. Nach dem Frühstück kehrte«ebat ins Magazin zurück. „Gebt mir zwanzig Pfund Mehl, drei Pfund Tee, drei Pfund Schwetnefleifch und ein Pfund Salz!" Der Gehilfe ivog jede Ware und trug den Betrag in sein grosteS Buch ein. „Sebat Dubai, vier Dollar zwölf Cent." Er sprach die Worte in apathischem, gelangweiltenl Tone. „WaS? Wieviel?" „Daö sind unsere Preise. ES steht Euch frei, ob Ihr die Ware nehmen wollt oder nicht." Der herkulische Trapper machte eine Gebärde, als lvolle er die Sachen zurückstosten, doch er überlegte, nahm die Pakete und brmmilte: „Nimm Dich nur in acht, Bögelchen! Fch bin lehr Indianer, der am Hungertuche nagtl" Allein der Gehilse ächtete nicht aus die Bemerkung, und Sebat ging wieder zu Michel. „Ich gehe heute loS zum Chnrchileil lliiver!" sagte er, indem er sein ganzes Gepäck in ein einziges Bündel band. „Warum denn'{" Sebat heftete den Blick auf die Landstraste. „Da gibt es eine Menge Pelze. Vielleicht sind sie für mich da! Ah, dann gibt es viel Geld, und ich reise in die Heimat zu Aeimchen und den Kleinen!" „Nun, dann aus Wiedersehen!" sagte Michel zu Sebat. Der Packer ging ganz gebückt unter dem Paket, das seine Axt, seine Jagdschuhe und Schlingen enthielt. Bon fern ivinkle er noch einntal gritstend und Verschivand dann im Tannensorst, der sich am See hinzog. Alle zwei Stunden machte er Rast, indem er seine Bürde gegen einen Baum stützte oder sie zur Erde gleiten liest. Dann rauchte er, während er die Augen forschend aus den Wald heftete und alles ausspähte. Er entdeckte schliestlich die Fährte eines Bären. Die Spuren waren sehr deutlich, doch weit anscinaudergespreizt. «Er sucht eine Zuflucht für den Winter." Ein wenig ivcitcr ans einer Anhöhe kreuzte er die Fährtc eines Elentieres, daS zum Flust hinabgestiegen ivar. Er folgte dieser Spur bis an den Wasserlauf, in dem eine Furt es ihm ermöglichte, ans andere User zu geben. „DaS Elentier kemit die günstige Stelle!" knurrte er, bis an die.Knie im Wasser watend. Am nächsten Tage erreichte er den Ort am Churchill River, an dem er kampieren wollte, und schaffte sich schnell ein Obdach. Die folgenden Wochen gingen dahin, indem er die Fallen stellte und die gefallenen Tiere zusammenholte, die jedoch nicht reichlich waren, denn das Gluck war ihm nicht hold. Und dann auch hatte er weder Patronen noch Lebensmittel mehr. Er kehrte also zum Fort zurück. Michel war zum Trappern ausgezogen. Die meisten Indianer gleichfalls, mit Ausnahme von einigen gebrechlichen Alten und Squaws«Weiber»), die Mokassins nähten und Schneeschuhe her- stellten. Er trug seine Pelze auf die Faktorei: zwölf Biber, sieben Zobel, drei rote Füchse, einen Nerz und achtzehn Bisamratten. „Achtzehn Dollar!" erklärte Murcheeson barsch, nachdem er einen flüchtigen Blick aus die Felle geworfen. „Nein, zum Donnerwetter!" rief Sebat aus.„Fiinfuitdvierzig Dollar verlange ich!" Der Schotte betrachtete ihn neugierig. „Ihr seid wohl verrückt, lieber Mann!" sagte er phlegmatisch. „Ich verrückt...? Bielleicht möglich, doch unter keinen lim- ständen bekommt Ihr die Felle billiger, als ich sagte." „Dann packt sie zusammen und geht Eure Wege!" „Ich muh aber doch leben!" „Ach so! Ihr braucht dicS und braucht da§. und schliestlich alles umsonst. Scheit Euch hinaus, sage ich Euch!" Ilm sich bezahlt zu machen, behielt Murcheeson drei Biber imd den Nerz, die besten von allen. „DaS ist siir das, was ihr Euch bereits aus dem Magazin holtet!" „Domierwcttcr I Da unten kriegt matt aber.. „Ich schere mich den Teufel darum, was man da unten kriegt. Hier seid Ihr bei mir, und cs bleibt dabei, was ich gesagt habe. Berstandeit?" Sebat raffte die übrigen Felle zusammen und zog ab. (Schluß solgl.) Der �ameldt. Eine Pariser Strastcnstndie von Franz F a r g a« Pari». lieber den Pariser Camelot ist schon unzählige Male geschrieben lvorden, aber man hat über ihn stets Neues und Interessantes zu berichte». Er bildet in der Tat die bizarrste Gruppe unter den Pariser LazzaroniS, und keineswegs die tmshmpathischsic; den» dast man unter ihnen allerlei Verbrecher, angehende Langfinger und Ein- brccher sindet, gehört zu den gröstten Seltenheiten. Der Camelot ist vor allem ein".Jebrouilllud", listig, behend, mundsertig, aber im Grunde ehrlich und genügsam. Er lebt allerdings meist von der Hand in den Mund, aber dafür ist sei» Anlagekapital da? denkbar bescheidenste, denn cs genüge» ihm als morgendlicher Fonds einige Sons, damit er des Abends, sofern er einigermasten von Glück be- günstigt war, fünf bis sechs Frank als Gewinn überzählen kann. Man würde es auf den ersten Blick nicht glauben, dast die CamelotS eine imposante Armee repräsentieren. Nach dem Aus- weis der Polizciprlifekiur beträgt die Zahl der angemeldeten „papelanls" nicht weniger denn 180 000, obwohl die Zahl sich auf mehrere Jahre verteilt: dies wird dem fremden Touristen erklären, warum ihm, wenn er sich auf einer Easötcrrasse häuslich nicdcrlästt, jeden Augenblick irgend eine Spezies dieser Grostsiadttrapper unter die Augen kommt. Diese CamelotS haben ihre eigenen Gesetze, ihre Silten, ihre Hierarchie. Den untersten Rang nehmen bie„pi>pelar(ls" ein. hieraus folgt der„goualeur", der„chineur", der..postijatour* und endlich der eigentliche„oamalot". Der bekannteste ist natürlich der„papolanl11, der mich den Ohren seiner Nächsten am meisten lästig fällt, da er sich dem Einzelverschleist von„bedrucktem Papier" widmet. Falls nicht bei wichtigen Ereig- nissen die Morgeublätter»och vormittags irgend eine Extra- ausgäbe veraiistaltcu. beginnt die Tätigkeit des„papelard14 gegen mittag, Iveint das herzlich uuintcrcffante SoiiSblatt „Paris Midi" erscheint, dessen Absatz lediglich den CamelotS zu danken ist. Um drei Uhr ttachiniitagS kommt die„Patrie" an die Reihe, um fünf Uhr„Paris Sport" und„Libcriv", u»t sechs Uhr endlich„Presse" und„Jittransigeant". Wer sich au die blutvolle Schilderung des„WniiderhofeS" in Victor HngoS„Notre Dame" erinnert, kamt etwa? AehnlicheS an verwahrlosten, abschreckenden Tlweu täglich in der Rite du Croissant versaimnelt sehen. Wie schon gesagt, ist hier daS mindeste Anlagekapital zwei Sons; dafür ersteht der papolard fünf Exemplare, setzt sie im Hmidttntdrehen ab und kommt im Galopp zurück, mit siir seine siinf Sons»»»mehr ein Dutzend der Blätter eiuziitauschen, Ivelches Manöver er im Lause de« Stach-- mittags noch ciitigeiual wiederholt, so dast er sich an die Abendblätter bereits mit einem grösteren Kapital wagen kann, worauf er dann bis gegen ein Uhr nachts ait den Türen der KabaretS, Theater usw. hausiert. Natürlich gibt eS auch begüterte papelards, die sogleich einhundert Exemplare kaufen, hierauf in gestreckte»! Galopp oder auf irgend einem rostigen Zweirad in die eiitlegeneii Quartiere sausen, wo die Konknrreiiz minder groß ist. Aber auch int Zentrum von Paris und besonders auf den grosten Boulevards kann mait die papelards stets in keuchendem Lauf vorbcistürmen scheu, und tver die Tage dcS Steiiiheil-ProzcsicS hier miterlebt hat, dem gellen sicherlich beute noch die wütenden Schreie im Ohr wider, von denen damals diese„Goldene Woche" erfüllt war, da beispielsweise an einem Abend der„Jntraiisigeant" allein sieben Exlraattsgaben ver- anstaliete I Weiili cS bei dem papvlard mit dem Gehwerk etwas hapert, sc» wirft er sich ans den Verkauf der aktuellen Chaiisons, Ansichtskarte» und„oanards". llulet dem letzteren Namen versteht mair per- schiedenartige Flugbläticr, die meist irgend einen grosten TageS- fkandal ausbeliten oder von den diversen politischen Parteien zu her- steckten Angriffen gegen uiibequeine Gegner benutzt werden. Wenn ans irgend einem Gebiet, so betreibt hier die absolute Pressefreiheit die sonderlichsten, meist recht übel dufleuden Blüten. Ilnsanbera Koiikitrrenzinanöver sind hier an der Tagesordnung, inid der bezeich« neudste Fall ereignete sich int Vorjahre, wo eines Nachmittags vo» einem Heer eigenS dazu aiigeivorbciier EamelotS eine„Kokotten« zeitung" auSgeboten ivurde, die auf den Boulevards rcistendeit Absatz fand. Die bedeutendste» Pariser Blätter, wie„Figaro". „Gaulois",„Tcmps" ti. a. gingen in die Falle und protestierten a», nächsten Tage uiigcstüin gegen eine derart itnairstätidige Publikation» gegen die sie den Staatsanwalt anriefen. Aber"mm kam de« Theatereoup: ein eigen? zu diesem Zweck ausgegebenes Flugblatt wies nach, dast sämtliche Beiträge der„Kokottenzeitling" dein be- dcuteiidsteu unter den Pariser SouSblättcr», dem„Journal", eni- nonimen waren lind einzelne Abschnitte und Zitate an- Novelle» enthielten, die dort in den letzten Monaten veröffentlicht Wörde» waren. Die Entrüstimg Ivar so gros;, dast gegen zwei HanSpocten des„Journal", Paul Marguerilte nud Charles Henry Hirsch, Wege» Verletzimg der öffentlichen Sicherheit die Anklage erhoben ivurde. die aber schliestlich resultatloS verlief, weil sich herausstellte, dast dieser augebtiche Skandal von dem Konkurrenzblalt des„Journal" inszeniert worden Ivar. Der„goualeur- bcsastt sich init de», Vertrieb der..uomplaintos"» das heistl: GelegeiiheitSgedichten. Oden, Grabgesüngeit und Fest» liebem auf populäre Pariser Persönlichkeiten. Es ist dies eine ganh spezielle Art von Poesie, das Monopol naiver Vorstadtbarden, die i» buntem Wechsel den Tod eines Künstlers, den Sturz eines Ministers» de» Helden eines Sensasionsprozesses besingen. Nach RochefortS Tode verkanft man z. B. ans den Boulevards das„Testament di4 Bt�cforl', k» bem ber Schatten bei groben Pamphletisten bem damaligen Ministerium die derdslen Wahrheiten sagt. Der Verlauf dieser„Poesie" ist, besonders in den Arbeitervierteln, sehr ein- träglich. Den dritten Grad der b'amclotS bildet der„ohmom-", und dieser »venig schmeichelhafte Titel»vill besagen, das; sein Inhaber mit wert- loS gewordenen Dingen hausiert. ES handelt sich hier auch in der Tat nm Vtamschartikel, vergilbte AuÄngcwaren, altmodisch ge- wordenen Tand, und worauf es hauptsächlich ankommt, ist ein auf- muntcrndeS„bonimont', wie man die oft sehr witzigen Reden nennt,»nit denen der elunenr die Käufer an- loclt. UcbrigenL bedarf cS bei der bekanntlich überaus groben Neugier der Pariser keiner Kunststücke, um alsbald eine Ansammlung von Reugierigen zu bewirken. Der„chineuv'- zeichnet mit Kreide eine Karikatur aus da? Trotioir, die er dann umständlich erklärt und dabei langsam die Rede auf den Artikel bringt, den er zum Verkauf feilbietet. Da daö Pariser Holzstöckel- Pflaster alle drei Jahre erneuert werden mich, gibt eS be- ständig in jedcur Quartier abgesperrte Slnchen, die von den ambulanten Etraßensängern und CamelotS zum Stand« ort erwählt werden. Die besten Geschäfte macht der Ehincnr allerdings auf den Boulevards, wo er aber beständig mit der Polizei im Hader liegt, da Ansammlungen ver- boten sind. Hier handelt eS sich vor allem darum, die Ware flink au den Mann zu bringen, und die Zuschauer etablieren sich gern als freiwillige Wachposten, die das Naben eines Polizisten mit dem Ausruf„V'lä tu IVousm-!'• anliindigen, worauf der Lhineur sein Bündel aufrafs» und das Weite sucht, um manchmal erst nach einer Weile zurückzukehren und das Geld für die unter das Publikum verteilten Artikel einzukassieren. Der..jxislijüUMi,-" steht in der Hierarchie der CamelotS an erster Stelle. Er besitzt einen behördlichen Erlaubnisschein, dag er sein Podium an irgendeiner Strastcuccke aufschlagen darf, oder er mietet auch für den Tag irgendeine leersredende Boutikc. Was er ver- kaust, sind iir tollstem Kunterbunt Waren, die von Zwangs- Versteigerungen siaunnen, die..saisicviaiTant*" der Zollbehörde und dergleichen mehr. Ein Ausrufer ist au der Tür postiert, der die Reu- gierigen in den Lade» lockt, und der Verkauf beginnt. Unnötig ist zu sagen, das', es hier, besonders in den Arbeitervierteln, sehr lustig zugeht, dasz mein da de» Pariser BolkSbumor in seiner ursprüngliche» Art sozusagen an der Quelle studieren kann, und dag sich der.guixti- sutour" täglich seine üO bis 1UO Krank; verdienen kann. Er ist natür« lich auch der Mieter der kleinen Holzbaracken, die zu Weihnachten und Qstcrn etwa zehn Tage lang auf allen Boulevard? aneinandcr- gereiht sind und deren Zahl von der Prätektur aus 3200 festgesetzt ist. Am RcujahrStag ist übrigens jedem Camclot gestattet, sich längs der OuaiS, Brückengeländer, in den Häuscrwinkelu m'w. zu etablieren, und wenn man noch dazu etliche hundert Schießbuden, ebenso viel Zuckerwarenverkäufer und fiinszig Photographen rechnet, so kann man sich leicht eine Vorstellung machen, welch' reiche Ab- wcchselung da die ohnehin belebten Straßen bieten. Einige Worte sollen auch dem Spiclzeugvcrkänser gewidmet werden, der vor den Easötcrrasseu mit dem jeweiligen aktuellen „yer aufwartet. Vor einigen Jahren noch kamen all' diese ost rugenivsen Neuigkeiten aus Deulschlrnid; aber dieser Import war dein früheren Polizeipräfelten Löpine ein Dorn im Auge und er rief den sog.„coueorn s Lepino;' ins Leben, eine Art von JahreSauSstellimg der Pariser Heimarbeiter auf diesem Gebiet, die sich iir einem Syndikat vereinigt hatten und deren Kataloge jedesmal beinahe ein halbes Tausend der verschiedensten Jnrartikcl auswiese». Natürlich haben die CamelotS auch ihren„König", wie dies nun cinnial im republi- kanischen Frankreich nicht anders ist. Auf Napoleon Hayard, der nach einen, abcntencrlickcu Leben in der Mue du Eromant ein Vcr- lagsgeschäft für aktuelle ChansouS begründet hatte, da? ihn zum reichen Mann machte, folgte Buisson, der noch beule lebt und als „liosüjateuv" auf den Jahrmärkleil nie anders als in Frack und Zhlinder„operiert". Er ist als Possenreißer und Jmvrovisator NU- übcrtrofseu und seine Rednergabe, sein„bagont" ist von solcher Komik, daß er sehr oft als Attraktion zu den Soireen engagiert »vird. Kleines Feuilleton. Tic Qnale» der Zwa»g»eriiöi>rung. Tie durch iür Attentat gegen die Venus des Velasqnez vekannt gewordene Suffragette Mary Richardso» iii auch als Schriftstellerin aufgetreten. Sie schildert in der Zeitschrift..Die Suffragette" die Qualen der Zwangseruährnng. die sie srnlier bereit? selbst erduldet bat. "T'Q zwangsweise Ernährung wird wenigstens ziveimal tag- lich im Holloivah-GefängitiS ausgeübt. Ich selbst habe diese ent- setzliche Qual erduldet und ich bitte die, die an die Macht des GeveteS glauben, jeden Tag um'ilO und nm K-ä Uhr zn beten, daß die gefangenen Fronen bald von diesem UeM erlöst werden, niib daß unser Volk dereinst Verzeihung erhalte für das große Verbrechen, das eo begeht, indem es dieses barbarische und ent- I etzliche Strafgericht an Krauen vollzieht. Einige Leute behaupte», aß die Qpfer der ZwaiigSernährung weniger leiden tvürde», tvenn sie sich toeniger wehrte». Das ist ungefähr so, tvie tvenu einem geraten wird, nicht mit der Wimper zu zucken, wenn einem Bcrantw. Redakteur: Alfred Wiclcpp. Reuköllu.— Druck u. Verlags ein Staubkorn ins Auge fliegt. Man wehrt sich, weil sich der Körper gegen das Leiden aufbäuint. Man wehrt sich auch noch aus einem anderen Grunde: die zwangsweise Ernährung ist ein abscheuliches Attentat gegen das Recht der Persönlichkeit; sich einer solchen Behandlung ruhig zu unterwerfen, wäre ein Ver- brechen. Es ist ein Kampf zunächst gegen acht bis neun Warte- rinnen. Am häufigsten tvird man, bon dieser Zahl überwältigt, gctvaltsam aufs Bett getvorsen, Ivo sich dann jede Wärterin eines deiner Glieder bemächtigt. Drei Frauen werfen sich auf deine Beine mit ihrem ganzen Gewicht, tvie wen» sie sie zerbrechen tvollte». Zwei Wärterinnen halte» dickt an den Schulter» fest. vier weitere haben deine Arme uinklammert, und von jeder Seite knien dann noch zwei auf dir, so daß du beinahe erstickst. Dann schlingt man dir ein Tuch um, das die Stirn bedeckt, und der Kopf ivird von einer Wärterin gelialten, die dir die Schläfen mit ihren Nägeln zerfleischt. In diesem Augenblick erscheint der Arzt und du siebit seine Hände sich über dir bewege» durch die halb- geschlossenen Augen. Er führt zuerst die Röhre mit Vorsicht in die Nasenlöcher ein, dann stößt er sie plötzlich gewaltsam durch die engen Nasenwege bis in den Schlund, was schrecklich weh tut,»ud so gebt die Röhre, die fast einen Meter lang ist, bis in de» Magen, in den dann langsam das bo» der Regierung verordnete Medi- kament binabläuft. Sich zu wehren, ist nun nicht mehr möglich; ein entsetzlicher Husteil»nd ei» furchtbarer Erstickungsansall haben . sicki deiner beinächtigt und dauert, an bis zum Ende der Prozedur. Ist die Sache zu Ende, dann reißt der Arzt die Röhre mit einem kräftige» Ruck heraus. Die Wärterinnen lasten dich endlich los, nud du bleibst schwer atmend, zitternd, erschöpft zurück. Ich habe hier die Zwangscrnähruiig durch die Nase beschrieben; die gleiche Prozedur dnrck» den Mund ist noch schmerzhafter, lind all das ge- schiebt, um„ein Leven zn retten". Weiche Heuchelei. Man tötet uns langsam, indem man uns„das Leben rettet"." Geschichtliches. D e r K ä>n in e r e r R i h. Als Fortsetzung des bon Archivrat Dr. Georg Schuster verösientlichten Werkes über die Geschichte des preußischen HofeS, tritt jetzt eine Darstellniig des Hofes der Koiiige Friedrich Wilhelm kl. und Friedrich Wilhelm lll. aus der Feder bon Dr. Erich Bleich ans Licht, in der neben den literarischen Onelleil auch die Archive reichlich benutzt worden sind. Man erfährt allerlei JntimcS aus dem Leben des preußischen Hofes daran?. Besonders über die merkwürdige Rolle, die der Kämmerer Ritz nntcr Friedrich Wilhelm II. spielte, erfährt man manche-? Reue. Der dicke Laster- könig hatte ihm bekamillich seine Mätresse Enke, die spätere Gräfin Lichtenau, antrauen lassen, um sie um so ungestörter bei sich be« hallen zit können. In dem erste» Etat des neneii Königs, der so- gleich die Gehälter sehr erhöhte, signriert der„geheime Kämmerer" Ritz bereits mit 1000 Talern Gehalt. Ritz war aus einem Gärtnerbnrschen soder Kutscher?) zum Kaiiunerdicner geworden: bei der Thronbesteigung Friedrich Wilhelms rückte er zum Tresoricr, zum Verwalter der königlichen Schatulle auf. Als solcher wies er im Austrage des Königs Gelder an, und tvie das königliche Veriraucn ihn bei der Ver- Wendung der Geldmittel zu Rate zog. so gewann er überhaupt den größten Einfluß ans den König. Eine stattliche Reihe von Briefen und kürzeren Schreibe» an-? Ritz' Feder ordnet die Verhältnisse beim Theater und bei der Qper, sofern cS dem König darauf einzuwirken beliebt. Ritz trifft ebenso gut die Borbcreitungen für ein Diner, wie er Bücher bestellt, die der Monarch zn lesen»vünscht. Der König macht ihn zum Vertrauten in Dingen der sozialen Fürsorge, in betreff deren man dahin loirkeii müsse, daß cS in Berlin nicht teurer werde, und Ritz darf auf tgl. Befehl bier Hausen Holz fordern, ohne an- zuzeigeu für wen. Viele, die beim Könige am besten durch Für- spräche auf indirektem Wege etwa? zu erreichen hoffen, wenden sich an seinen Geheimen Kämmerer.... Ein Serondelentnant im Regiment Kronprinz hofft, Ritz werde nicht zulaffe», daß der Fähnrich von Klhv de-? Regiment-? Herzog von Brmmschweig ihilen, nämlich ihm»nd den sechs anderen SekoiideleulnantS, vorgesetzt werde. Brttkober, Professor an der Akademie, will eine von ihm gefertigte Büste des König-? übersenden>md rechnet aiis Unterstützung-. er sei vier Jahre ohne Erwerb. Bicrstcdt, ein ehemaliger königlicher Diener, billet, dahin zu wirken, daß ihm seine Pension, die er seit sech-? Monaten nicht bekommen, ausgezahlt werde-, er unterzeichnet sich dreist genug als„ergebenster Freund mid Diener". Selbst ein Bischofiwerdcr, der doch gewiß da-? Qhr seines Königs besaß, wendet sich in schineichelhasten Wendungeir an seine» teuren oder gar sehr teuren Freuild Ritz, wenn c? gilt, einmal materielle Vorteile zu erringen, ckwa die königliche lliiterslützmig bei dem Ankauf eines Gute-? zu erlangen: ja, auch die Gaitin de-? mächtigen Geueraladjutanten ergreift dann die Feder, nm Ritz' Hilfe zn erlangen, lind tvie Bijchoffwerder auch um Kleineres bittet, z. B. um ein Qpernbillett für seine Frau, so bittet die Frau siir ihren Mann mit Verlängerung des Urlaubs und ist gewiß, daß Ritz, ivcuu er ihr willfahien wolle, ihren Wunsch auch werde erfüllen können. Endlich trägt mau kein Bedenken, von dem Manne, den mau so vielfältig anging, auch ansehnliche Geschenke entgegen- zunehmen. Der Kämmerer Ritz, der seinen Namen für die kgl. Blihlerci hergab. Ivar so eine entscheidende Größe im preußischen Staats- lvcscu. Vorwärts Buchdruckerei ii.VerlagsanitaltPaiil Singer LcCo..Berlin SW.