Unterhaltungsblatt öes Vorwärts Nr. 58. Dienstag, den 24 März. iüI4 i] Im Sauernlanö. Von I o h a n S k j o l d b o r g. (Berechtigte Uebersetzung aus dem Dänischen von Laura Heidt.) Per Holt war also von Gyldholm fortgejcwt worden, um deil Giststosf zu entfernen, der sich eingeschlichen hatte. Mau ivollte nicht, dab die Leute auf Gyldholm von den modernen aufrührcrisckM Gedanken augesteckt würden? es war schlimm gemig, dab es war, wie es war. Solche Dinge zu verhüten und andere davor zu schuhen, das war eine Pflicht, die ge- bildete Menschen sowohl Gott als der Gesellschaft gegenüber hatten. Das Rittergut wollte einem solchen Unruhestifter nicht einmal einen Wagen leiten, damit er fem Eigentum fortschaffen konnte. Per hatte Mikkel Krat vom Knurrhausc mieten müssen mit seinem alten schwarzen Pferd, das genau einen solchen Buckel auf dem Rücken hatte wie Mikkel Krat selber. Als Per Holt sich am Eingange des Waldes umwendet und einen Blick auf das Schlofe zurückwirft, auf die Felder des Rittergutes, die Scheunen, Ställe und Nebengebäude, auf die ganze Welt und Atmosphäre, die bisher sein Leben aus- gemacht hat, da fühlt er, dah es mit dem Höllenleben auf dem Rittergut ein für allemal ein Ende hat. Als er zwischen den Bäumen ist und der Wald sich hinter ihm schließt, ist ihm, als sei er mit diesem Lebensabschnitt fertig. Sophie atmet tief auf und seufzt:„Gott sei Dank!" Einen Augenblick ist es, als hoben sich die dunklen Erinnerungen von ihrer Brust und flatterten davon wie eine Schar- Vögel. Der kühle, duftende Waldeshauch streicht wohltuend über ihre müden Augen und sie blickt freudig zu Per empor. Die beiden haben jetzt dieselben Etedanken. Niemals ist ihnen der Wald so frisch erschienen wie heute. Wie ein Bad wirkt er auf sie. Ter Dust ist erfrischend, er löscht manches Schwere aus dem Gemüt. Und wie stolz sich die üppigen Buchen über dem grünen Wald- boden mit dem feinen Waldmeister und den ständig wechseln- den Sonnenfleckeir wölben! Hört, wie die Insekten summen! Dort ertönen ans der Tiefe deS Waldes die dunkelklingenden Laute der Schwarzdrossel, und es wird so herrlich einsam ringsum. Per und Sophie blicken einander an, als vor- ständen sie sich besser in dieser Stille. Und lächelnd geben sie sich Trämnercien hin. Von neuen Zeiten. Von einer besseren Zukunft. Bis der Wagen über eine Brücke rasselt, die aus unebenen Steinen besteht, so daß das Fuder, das ihre armseligen Mobilicn enthält, hin und her schwankt. Ein Bach eilt unter der Brücke hin, so eilig, so eilig ins Land hinaus. Sic sollen denselben Weg. Ja, da draußen liegt also jetzt die Zukunft. Bald haben sie den Wald durchquert und sehen die Bauernsiedelungeu vor sich. Hier in diesen stillen Dörfern herrscht ein ganz anderes Leben als auf dem lärmerfülltcn Rittergut. Sie blicken sich wieder an. Per und Sophie. Sie haben beide denselben Gedanken, und in ihrem Herzen ist dieselbe Hoffnung und auch in ihren Augen. Nun aber nähern sie sich den: Fallinger Kirchhof zur Rechten, und Sophie beginnt zu weinen. Dabei ist nichts zu machen. Seit dem Unglück mit den Kindern bricht sie dann und wann in solch hilfloses Weinen ans. Per bemüht sich um sie und drückt heimlich ihre Hand. Mikkel Krat, diese Mißgestalt, redet mit den: Pferd, weil er wohl begreift, daß die anderen von ihren eigenen Gedanken in Anspruch genommen sind, und weil sein eigener Mund nicht gut stille stehen kann. Auch er blickt voll Mitgefühl auf Sophie. Beide Männer hegen den Wunsch, sie fühlen zu lassen, daß sie den Schmerz der uoch nicht vernarbten Wunde begreifen. Mikkel lenkt den Wagen auf den Fallinger Kircheusteg, und zwar auf die Seite, die zum Dorf hinausführt, und dann schreiten sie gemeinsam zu den drei kleinen Kindergräbern hin, die sie hier haben. Daß doch auch ihre kleinen Kinder so elendlich umkommen mußten, weil sie beide zur Arbeit auf dem Rittergute abwesend waren.... Das Grauen über dieses Brandunglück schlägt miede? über ihrem Haupte zusammen. Sophie beugt sich Hamb über die Gräber, die sie mit ihren Händen streichelt, als wären es die lebenden Kinder selber. Sie preßt ihre Hände ineinander, als wolle sie die kleinen Wesen um Verzeihung bitten, daß sie damals nicht zu Hause bei ihnen war. Sie schrest laut vor Verzweiflung. Per blickt sich um und versucht liebevoll sie zu beruhigen, was auch ein wenig zu helfen scheint. Aber plötzlich wirft sie sich auf die Knie, und indem sie den Kopf hin und her wirft, murmelt sie ganz unverständ- liche Dinge. Schon an dem Ton hört man, wie sehr ihr Herz gequält ist... Per hebt sie auf und küßt ihr verweintes Antlitz, und dann führt er sie vom Kirchhose fort, dorthin, lvo Mikkel Krat mit dem Schwarzen ihrer ivartet. Nach und nach versiegen Sophies Tränen, und noch bevor sie nach Serum kommen, ist sie wieder ganz ruhig ge- worden. Beim Anblick der vielen kleinen Familienhänser des Dorfes, die ihm eigentlich erst heute so recht auffallen, und als er sieht, wie frei und wie gemütlich jede Familie hinter ihrem Garten zu leben scheint, sagt er unwillkürlich: „Ja, das ist denn doch etwas ganz anderes als das Ritter- gut?" „Ja, Per," antwortet Mikkel Krat,„ich glaube auch, daß es klug von Dir war, hier hinaus zu ziehen!" Mikkel rinnt der Speichel aus dein Munde auf die Weste herab: die schwere Pfeife hängt beständig in einem Mundwinkel, und niemals nimmt er sie heraus. Mikkel räuspert sich, er ist ganz froh, daß er wieder reden kann.„He, he, ich kenne jedes Haus und jeden Hof hier, von Aarbns bis nach Randers, und weiß wie der Mann heißt— he, he.— TnS ist noch von der Zeit her, als ich hier mit dein Frachtwagen fuhr. Dies hier ist Lars Thomson, und dann kommt Per Mouseu und dann Kristeu Wartcnur— ja, das ist nur so ein Beiname, verstehst Du, he, he..." Er fuhr fort zu reden. Aber Per hörte nicht ans ihn. Denn drinnen im Garten der.Hechschule, der Baueriihoch- schule, ertönte ein Lied der Mädchen, so sommerlich frisch und rein ... In den grünen Tälern zwischen Nachtigallen und den anderen Böglein klein. „Sieh, so etwas haben wir nicht gekannt," sagt Per. Sophie blickt traurig hinüber. An der Wegbiegung liegt ein ileines Fachwerkhans mit schwarzen Balken und rotgetäfelter Mauer. Die Stockrosen recken sich wie Kinder, die ans den Fußspitzen stehen, und schauen zuni Fenster herein. Im Garten sind zwei kurze Wege, der eine mit breiten Büschen eingefaßt, die von oben bis unten boll von schiveren behaarten Stachelbeeren hängen. und der andere mit sonneiidurchtränkten dunkelroten Jo- ha nni sbeertrau den. Per und Sophies Augen können sich nicht von dem An- blick dieses Hauses trennen, und sie wenden sich um und wieder um, nm es noch einmal zu betrachten.— Am Giebel standen zlixü Frauen und starrten ihnen nach. Sie steckten die Köpfe zusammen.„Jetzt sind sie fort," sagte die eine.„Waren das nicht die beide», deren Kinder drüben auf Gyldholm verbrannten?" „Ja gewiß waren es die," antwortete die andere,„ach die armen Menschen, wo die wohl jetzt hinwollen?" Ter Wagen erregte Aufsehen, wo immer er sich blicken ließ. Erst der schivarz-e abgezehrte Gaul mit dem Buckel auf dein Rücken und dann die Habe, die im Wagen lag: zerrissene Säcke, durchlöcherte Matratzen, Stühle mit zerbrochenen Beinen, zerbrochene Töpfe und KiiZel— es sah aus, als ent- halte das ganze Fuder nicht ein einziges ordentliches Stück. Auf der anderen Seite von Falling und Oerum tat sich das weite Land vor ihnen auf, und mitten hindurch fiihrte die Landstraße. Auf Jx-m Grunde der staubigen Landstrastengräben leuchtete es gelb und rot und blau. Da waren der rotblühende wilde Sauerampfer, der gelbe Rainfarn und die feinen Glockenblumen. Aber am schönsten von allen ist doch die Kornblume und der leuchtende Mohn: einzeln stehen sie zwischen den Kornähren und lächeln den Vorüberfahrenden zu. Zu beiden Seiten dehnen sich in der hügeligen Land- schast die weiten reichen Kornfelder bis ins Unendliche. Dicht über der Erde hin streicht der süße Sommerduft: hoch oben tu der klaren Lnft segeln die reizenden Sommerwolken... und wohin man blickt, liegt alles in Sonnenschein gebadet. Die Menschen ans dem Wagen wachen auf und schauen voller Freude ringsum. Sogar die Kinder reißen die Augen weit ans. Niemals vorher haben Per und Sophie eine Wagensahrt in das Land hinein gemacht. Und niemals haben sie sich träumen lassen, daß es so festlich sein würde. Der sanfte Windhauch gleicht einer freundlichen Hand ans ihrer Wange. Die Sorgen verschwinden. Sie glauben an die Zukunft... Jetzt muß Mikkel wieder etwas sagen: man kann doch nicht inier nur sitzen und schauen. Auch er freut sich über diese Fahrt: er hat sich ja auch so halb verschämt die Blumen und dergleichen betrachtet: aber von solchen Dingen kann man ja nicht reden. Dann spuckt er aus und sagt:„Es wird schon gehen, Per, wenn Du nun dort drüben hinkommst." ,,Ja," antwortet Per,„es wird schon gehen. Die Ernte steht vor der Tür, und Arbeit im Moor gibt es genug dort, wo wir wohnen sollen. Also wird es schon gehen. Mikkell" „Es war am Ende ganz gut. daß Du aus dem Leben da auf dem Gute herauskamst, Per." „Ja, es war eine Sklaverei dort. Draußen bei den Bauern wird es wohl ein anderes Leben sein. Glaubst Du nicht auch, Mikkel?" Mikkel kneift die Augen zu und blinzelt: das geschieht, wenn er sein Gehirn anstrengt und nachdenkt. „Ja, Per, ich weiß nicht recht— ja— ja doch— in gewisser Weise!" «Man ist jedenfalls ein freier Mann." Per nimmt sich ein frisches Stück Kautabak.(Forts, folgt.) Weil's eben Zrühling war. Bon Karl M a r b u r g e r. Der Franz hatte sofort gesehen, daß die Mizi etwas auf dein Herzen hatte, lind sie hielt damit nicht zurück. Ihre Mutter hatte erfahren, daß sie mit ihm„gehe". Da war sie wütend geworden und hat es ihr verboten. Sie sei ja noch ein Fratz, kaum siebzehn Jahre. Und auch er, der Franz, habe zn derlei»och Zeit. Er sei ja noch nicht einmal militärsrei. Das könne schön werden, wenn sie sich da in etwas einlassen. Nein, es habe keinen Sinn, und wenn sie noch einmal mit ihm gehe, dann... Da hatte sie, die Mizi, geweint und gesagt, daß sie ohne ihn nicht leben könne. Doch da schimpfte die Mutter»och mehr uud auch der Vater, der dazugekommen, meinte, daß es„etwas" gäbe, wen» sie sich den Franz nicht aus dem Kopf schlägt. Und der Vater hält Wort. Mit dem ist nicht zn spaßen. Sic aber kann ohne ihren Franz nickt leben und... Sic konnte den Satz nicht vollenden. Und auch der Franz schwieg. Das war ihm zu plötzlich gekommen. Er konnte sich nicht in den Gedanke» finden, daß er nicht mehr mit der Mizi... Nein, das überlebt auch er nicht. Ja, aber was ist da zu machen? Ohne Wissen der Eltern alles beim alten lassen? Das wird nicht gehen. Jetzt werden die Eltern die Mizi knapp halten. Aber er könnte hingehen und ihnen sagen, daß er es ernst mit der Mizi meine und daß er sie heirate» wolle. Gleich im nächsten Jahre, bis er nur die Siichen init dem Militär vom Halse habe. Das sagte er der Mizi. Sie aber war dagegen, denn es nütze nichts. Sie kenne ihren Vater, und wenn der einmal„Nein" gesagt, dann bleibt es dabei. Da schwiegen sie wieder und gingen nebeneinander einher, den Blick zu Boden gesenkt. Sie hatten beide denselben Gedanken, aber Sie scheuten davor, ihn auszuspreche». Doch endlich drängte er sich >em Franz über die Lippen, und die Mizi willigte rasch ein: wenn sie nicht zusammen leben dürfen, dann wollten sie vereint sterben. Einen anderen Ausweg gibt es nicht. Und schon morgen sollte es sein. Sie möge vorgeben, daß sie zu einer Freundin gehe, er wird sich im Geschäfte freimachen, dann werden sie sich am Nachmittag begegnen und nach Weidlingau hinausfahren. Dort nehmen sie in einem Gasthofe ein Zimmer, schließen sich ei», und dann kann es an das Sterben gehen. Natürlich durch Gift... Das ist das sicherste. Der Franz wird es schon beschaffen können. Wenn nicht Arsenik, dann Phosphor.... Ja, sie iverden vereint sterben. Als sie nach einer Stunde voneinander schieden, sprachen sie kein Wort. Nur die Hände drückten sie sich innig, und in die Augen sahen sie sich lange und bedeutungsvoll. In dem Blicke lag das Gelöbnis: morgen um vier Uhr bei der HundSturmer Linie. Dann schieden sie.---- EUvas vor drei war der Franz zur Stelle. Er sah übernächtigt aus. Schlafen hatte er nicht gekonnt. Er hatte an seine Eltern gedacht und an die Zeit, da er nach Wien gekommen. Das war zwei Jahre her. Und dann gedachte er der Stunde, in der er Mizi kennen gelernt. Und wie schön die Zeit geworden. Wie sie ihm ab« gehalten vom Trinken und anderen Dingen, denen seinesgleichen ausgesetzt. Uud wie schön das alles hätte enden können, wenn... Ja, wenn! Dann hatte er noch einen Brief an die Eltern gc- schrieben. Er bat sie um Verzeihung wegen seiner Tat, aber ohne Mizi könne er nicht lebe». Wohlverwahrt trug er den Brief in der Tasche. Wie er wartend einhcrschritt, gab er sich den gleichen Gedanken hin. Ach, wie schön hätte die Zukunft werden können, wie rosig hatte er sie sich gedacht.... Ein leises„Servus, Franzi!" ließ ihn aufblicken. Da stand die Mizi vor ihm. Herrgott, wie schön sie heute war! Wie sie sich herausgeputzt hat! Dieses rosa Kleid, der lilafarbene Hut... wie gut sie das kleidete. Und um den Hals das goldene Kreuz... Er sah sie an, erst entzückt; doch bald umdüstcrte sich sein Blick. Und jetzt reichte er ihr die Hand mit einem wehmütigen„Servus". Dann gingen sie der Stadtbahn zu. Sckwcigcud, in Gedanke» versunken. Er löste die Karten, und sie bestiegen den Zug. Hand in Hand saßen sie da, ohne ein Wort zu sprechen. Der Zug sauste dahin» Schönbrunn— St. Veit— Hütteldorf— Weidlingau. Sie waren am Ziele und traten auf die Straße. Hell leuchtete die Sonne, und vom Walde herüber kam der würzige Tust aufbrechender Knospen. Ncberall, wohin sie blickten, neues, junges Leben. Frische Blätter uud Blütcnkeime auf den Bäumen, auf dem Boden kurzes, saftgrünes Gras. Ei, wie schön das war! Und sie freuten sich der Frühlingspracht, sogen sie in sich ein, und ein mächtiges Sehnen ging in ihnen auf, den Frühling z» gc» nießen. Vor Abend konnten sie ja nicht i» den Gasthof, und da wäre es wohl das beste, ein wenig in den Wald zu gehen. Dort könne man den Abend erwarten. Der Franz hatte den Vorschlag gemacht, und sie war cinver» standen. Sie gingen in den Wald, fest aneinander geschmiegt, immerhin auf dem wohlgepflegten Fußwege, bis an die Stelle, wo die hier oben noch seichte, niedrige Wien den Weg kreuzt. An der Böschung ließen sie sich nieder. Sie bettete den Kopf an seine Schultern, er umschlang ihre Taille, und in wehmütigem Schweigen erwarteten sie den Abend. Früh, viel zu früh brach die Dämmerung herein. Und die Zwei rissen sich von dem schöne» Flecken Erde los und gingen hin- unter nach dem Dorfe. Unten, dicht am Walde, stehe» Gasthäuser. Vor jedem ein kleines Gärtcheu. In einem derselben ließen sie sich nieder. Es war so schön im Freien. Der Kellner kam, uud sie bestellten Speise uud Trank. Aber sie rührten kaum daran. Schweigend saßen sie dort und starrten in' die Lust. Das ging so bis gegen acht Uhr. Dan» brachen sie ans. Franz ging voraus und mietete ein Zimmer im nächsten Gasthofe, das er gleich bezahlte. Dann holte er Mizi, und sie gingen hinauf in ihr Zimmer. Da waren sie nun; allein und entschlossen zu sterbe». Sic um- armteu uud küßten sich, innig uud leidenschaftlich. Dann ließen sie sich a»f das Kanapee nieder»ud saßen dort, Lippe an Lippe, in inniger Umarmung eine Stunde lang. Endlich löste sich Franz los. Es sei Zeit, an die Tat zu schreiten. Und Mizi fügte sich. Sie falteten die Hände und sprachen ei» Gebet. Das letzte I Es war kurz, aber innig. Und ohne zn zaudern, schritt Franz hin an den Waschtisch, füllte zwei Gläser mit Wasser und stellte sie auf den Tisch. Dann entnahm er der Tasche ein kleines Paket. Aufmerksam betrachtete ihn die Mizi. Jetzt frug sie leise: „Ist das's Gift?" „Ja," sagte er.„Weißt,'n Arsenik Hab' ich nicht bekommen. Aber Streichhölzeln Hab' ich g'kaust und die Köpfein abg'schabt. Dös wirkt auch." Wieder entstand eine kleine Pause. „Mizl— Mizl— daß dös so hat kommen müssen!" Sie schwieg uud sah ihn wehmütig an. Dann näherte sie sich ihm und umschlang ihn. Und die Tränen sloffen über ihr Gesicht, während sie Kuß um Kuß auf seine Lippen drückte. Und er er-- widerte die Küsse. Sie wurden erhitzt und verwirrt. Auch die duftgesättigte Waldesluft wirkte nach. Fieberhaft küßten sie sich, bis sie erschöpft und abgespannt innehielten. � Da kam auch der Franz wieder zu sich. Traurig sagte er: „'s nutzt nix!'s muß sei»! Geh'n mir's an!" Er richtete den Blick fragend auf Mizi. Die nickte mit dem Kopfe. Doch gleich sagte sie: „No ja, Franzi, aber doch nit so— im G'wand." „Ja, dös hast schon recht!" „Weißt, ich Hab' mir g'dacht, daß i'» Tod erwarten will, wie sich's g'hört, und da"— sie stockte und wurde rot. „Na, und...? Was hast denn sagen wollen, Mizl?" Den Blick zu Boden, fuhr sie leise, verschämt fort: „Na, da Hab' ich mir g'denkt, daß... Na, man kann do nit a so sich hinlegen... weißt— a so Hab' ich's g'meint... man darf sich doch ka Schand antun, auch nicht als Toter.., no, uud Ki Hab' ich mir halt die beste Wasch' ang'zogen. Und weiht, Franzi " damit die Lent' nix reden— einS von uns legt sich aufS €>pfa, und eins bin"— sie wies nach dem Bett—«nno dann trinken wir'S Gift und erwarten'n Tod." „Gut", sagte Franz mediaiiisch. „Ja aber", meint die Mizi,„da— müssen wir uns auszieh n." „Gut", sagte der Franzi.„Zieh'n mir uns anS." „Ja, aber"— stotterte die Mizi—„weiht— ich— ja ich— no, ja— Franzi— geh', Vitt' Dich— dreh' Di derweil um." Er ging zum Fenster und blickte auf die Straße. Aber irgend etwas regte sich in ihm. Er wußte nicht, was das war. Er fühlte nur die Unruhe, fühlte das Verlangen, seine Mizi zu um- armen, zu küssen, sie au sich zu drücken. Nicht beherrschen kmmte er sich, llnd er loendete sich um. Doch da stockte er. Das Blut stieg ihm zu Kopfe und die Augen blickten lebhafter. Starr blickte er nach ihr hin. Sie wurde rot und stotterte verschämt: „Aber— Franzi!" Doch er blickte beseligt nach ihr. Sein?l»ge wurde trunken u.nd wie er jcht ein staunendes, bewunderndes„Sapperlot! Sappcr- iot!" ftaminclte, da reiften die Gefühle in ihm zu einem klaren Gedanken. Und er näherte sich der Mizi, immer noch staunend und bewundernd, und dann sagte er mit einem innigen, zärt- llchcn Blick: „Weißt, Mizi— sterben müssen wir! Ja— dös muß sein. Aber— weißt—'s könnt doch auch— no i mein' halt... Mizl — schau, mir sau doch Liebeslcut'— uit wahr— Mizl— alsdann— schieben mir's auf—'s Sterben— bis in der Früh!" Er erhielt nicht gleich Antwort und fuhr fort: „Alsdann— Mizl— ja?" Sie hob langsam den Blick und kaum hörbar flüsterte sie: „Wie Du»villst." Da Uog ihr der Franz um den Hals. Er hatte sie schon oft geküßt, aber so noch nie. Mizi war es, die morgens zuerst erwachte. Sachte erhob sie sich, schlüpfte in das Kleid, eilte an das Fenster und ließ die würzige Luft in das Zimmer. Diese Luft... gierig sog Mizi sie ein. Und draußen lachte die Sonne, die Vögel saugen und jubelten, und das Laub, die Blüten, auch die hörte sie jubeln. Uebcrall um sie herum der Frcudcngesang des jungen LcbeuS. Das stimmte sie so selig, daß sie zu Franz hin- eilte, ihm umarmte und küßte, leidenschaftlich uiid innig. Und der Franz Ivachte auf und küßte sie ivicdcr und sie umschlangen stcki und lachten und jubelten. Hei, in den Wald hinaus wollten siel Ja. ja, schnell in den WaldI Und Ivic sie sich über den Frühling und die Sonne freuten, freute sich diese über die Beiden. Mild schien die Sonne, als sie den Weg zum Walde hinaufstiegen, uns als sie abseits vom Wege sich in das Gehölz schlugen, da umflutete sie der Frühling mit seinen süßesten Düften.------ Mittags gingen sie wieder hinab in das Dorf. Sie hatten ans dem FrühlingStreiben Lebensmut und Lebensfreude gesogen. Und die Mizi war entschlossen, ganz einfach den Eltern dürchzu-, gehen, Ivenn sie ihr den Franz nehmen wollten. Ja, dazu war sie entschlossen. Das wollte sie auch den Eltern sagen. Noch einige langsame, genießende Atemzüge, dann ging eS gnrück nach Wien.... Die geängstigten Eltern fügten sich. Die Mizi behielt ihren Franz. Aber noch oft lachte ihr Bater die Beiden aus, die sterben wollten und denen hierzu der Mut fehlte. Er deutete das eben nach seiner Art. Ans Sterben denken, wenn um und in uns der Frühling treibt und alle Knospen springen? Das ist ja wider die Natur, Herr Vater! Die Knospen müssen sich öffnen, ja wohl, sie müssen!— weil eben Frühling ist. Leib unö Seele. Bon Professor Max V c r w o r n.*) Wie kommt der Mensch dazu, seine eigene Natur in einer dua- listischen Weise zu spalten in eine geistige und eine körperliche Seite, tu Seele und Leib? Wenn wir den Eutwickeluiigsprozeß dieser Vorstellung in der Geschichte verfolgen, so kommen wir nicht an seinen Anfang, denn den ältesten Kulturvölkern, von deiirn uns überhaupt die Geschichte berichtet, ist bereits die dualistische Spaltung von Leib und Tcclc bekannt. Die ältesten uns ans der Geschichte bekannten Kultur- Völker haben diese Vorstellung schon frühzeitig in ganz vollendeter Form. Ich erinnere nur an die ägvptische Seelenlvanderungslehre, an die Geschichten des Alten Testaments, an die Gesänge Homers. Hier haben wir bereits die Vorstellung, daß der Körper und die *) Die vortreffliche Schrift des Bonner Physiologen„D i e Mechanik des Geisteslebens" ist soeben in dritter Auf- läge erschienen lin der bekannten Sammlung„Aus Natur und Geisteswclt"; Verlag von B. G. Teubner. Preis geb. 1,25 M.). Aus dem Einleitungskapitel(Leib und Seele) geben wir den Abschnitt lvieder, der die Entstehung der dualistischen Vorstellung(der Vor- stellung von zwei verschiedenen Wesen) wu Leib und Seele bx- handelt. Seele trennbar sind. Leib und Seele sind zwei verschiedene Dinge, die während dcS Lebens miteinander in gewissem Zusammenhange stehen, die sich aber beim Tode vonciiiauder trennen. Und diese Vorstellung finden wir fast bei allen Völkern der Erde. ES gibt nur sehr wenige Stämme, denen dieser kbedanke einer dualistischen Spaltung des menschlichen Wesens fremd ist. Am deutlichsten und in ihren primitivsten Anfängen sehen wir die Vorstellung eines Dualismus von Leib und Seele bei den Naturvölkern, bei den„Wilden", wie wir sie zu nennen Pflegen, und wie sie in Afrika, in Amerika, in Australien, ans den Sndseeinseln usw. noch heute leben. Das Studium der„Wilden" ist iinstanoe, uns über die Entwickelimg dieser dualistischen Spaltung der menschlichen Natur einigen Ausschluß zu geben. Wenn wir das ganze Material, das uns diese Völker liefern, überblicken, so finden wir überall ein Moment, das lvir auch bei Homer und bei den historischen Kulturvölkern des Altertums beobachten, daß sich nämlich diese Vorstellung von einer im Körper wohnenden imsichtbaren Sceie immer herumkristallisicrt um einen und denselben Kern. Dieser Kern ist die Tatsache des Todes. Uebcrall Ivo wir Hinblicken, hat sich bei den Naturvölkern ein Sccleiikultiis entwickelt, der seinen Ausgangspunkt nimmt von den Tatsachen des Todes. Man beobachtet den Tod eines Menschen. Man findet, daß beim Tode das Empfinden, das Denken, das.Handeln, das Bewegen, das Sprechen plötzlich verschwindet, während der Mensch äußerlich noch ebenso, wie er immer aussah, zurückbleibt. So bildet man sich die Vorstellung, daß beim Tode etwas Unsichtbares, LnstartigcS auS dem Körper herausgeht, das vorher im Körper fühlte und dachte und sprach und handelte. Es muß etwas anderes sein als der Körper, denn man kann es nicht sehen wie diesen, Es verläßt den Körper»nd flattert davon,„Wie ein Traum" sagt Homer, und es ist zweifellos, daß die Tatsachen des Traumleben« bei der Bildung der Seclciivorstclluiig eine wesentliche Rolle mit- gespielt haben. Man fand sich im Traume in ferne Gegenden zu fernen Freunden und Verwandten versetzt und doch lag der Körper, wie die Angehörigen sahen, währenddessen unverändert auf seinem Lager. Man erhielt im Traume von fernen Freunden, ja von längst Verstorbenen Besuch. Da lag der Gedanke nahe, daß im Schlafe etwas Unsichtbares den Körper verläßt und auf die Wander- schaft geht, etwas Unsichtbares, das empfindet und fühlt, das denkt und handelt, dasselbe Ding, das beim Tode entflieht. Dieses un- sichtbare Etwas, mit den verschiedensten Namen belegt, ist es, was zur EntWickelung der S e e l e n v o r st el l u n g den Anlaß ge- geben hat, und es wird sich kaum sicher feststellen lassen, ob dabei die Tatsachen dcS Todes oder die Tatsachen des Traiimlebens den erste« Anstoß gegeben haben. Sicherlich mußten beide sofort sich vereinen, sobald die Idee der Seele erst einmal gebildet war. Dieses iiiisichtl>are, unkörperlichc Etlvas, die Seele, wird gefürchtet, wird verehrt. Tie ganze Denkweise der Naturvölker ist auf diesen einen Punkt hin zentriert. Diese unsichtbare Seele, diese Ahnen- seele, sei sie diejenige der Mutter oder des Vaters, sei sie die des Häuptlings oder eines Helden des Stammes, kann, nachdem sie sich beim Tode vom Körper getrennt bat, wiederkehren, kann auch wieder in einen anderen Körper übergehen, den man als Nach- bildung des Körpers des Verstorbenen künstlich hergestellt hat. Auf diese Weise entstehen bei den Naturvölker» die Ahnenbilder, plumpe, hölzerne, steinerne, tönerne Figuren, die wir vielfach kaum als menschliche Körpcrformen erkennen. In diese Ahnenbilder aber denkt nian sich die Seele ganz besonders gern zurückkehrend. In diesen Ahnenbildern nimmt die Seele Platz. Aber die Seele ist nicht iiiibediiigt gebunden an ein solches Ahnenbild. Sie kann auch frei herumfliegen, kann sich einen beliebigen Wohnsitz, auch einen lebenden Menschen aufsuchen. So erklären sich die Natur- Völker vielfach die Krankheit, die Besessenheit. Ein Besessener hat eine Seele zuviel. Eine fremde Seele hat von seinem Körper Besitz geiioinmen und stiftet Verwirrung. Es ist daher sehr bc- preislich, daß man sich gegen die schädlichen Einflüsse fremder Seelen zu schützen versucht. Mau sucht sie zu bekämpfen, mau sucht sie zu bannen, an der Wiederkehr zu bindern, indem man die Toten begräbt, indem man einen Steinhaufen, indem man gewaltige Blöcke auf ihr Grab wälzt, indem man ihnen die Knie an den Leib bindet. Hier liegt nach neueren Forschungen die Entstehung der bekannten„Hockerstcllung", die wir namentlich in Gräbern der jüngeren Steinzeit so häufig antreffen. Bei ein- zelnen Jndiaiierstäiirmen sind noch heute die Gebräuche so grau- sam, daß man den alten Leuten, bereits wenn sie im Sterben liegen, die Beine zusammenbindet und die Arme an den Leib schnürt, so daß sie sich nicht mehr bewegen können und zugrunde gehen. Rur aus Furcht vor der Wiederkehr der Seele des Toten hat man diese gräßliche Sitte ersonnen. Und so sehen wir überall den Totcnkultus im Mittelpunkt der Scelculehre stehen. Wir sehen Opfer für die Seele. Wir sehen Gaben, die der Seele mit ins Grab gegeben werden, wie Waffen, Schmucksachen, Nah- rungsimttcl, Getränke u. dgl. Wir sehen, wie man sich gegen die«ecke zu schützen sucht, dadurch daß mau etwas an sich trägt. was die böse» Wirkungen der Seele abwehrt oder die miheil- stiftende Seele selbst fernzuhalten vermag. Natürliche Waffen der Tiere, wie Zähne, Krallen, Hörner hängt man sich um und trägt sie als apotropäische Amulette. Das alles sind nicht etwa phautasievolle Deutungen und Aus- lcgungen, sondern wohlbekannte und auf Schritt und Tritt ßu beobachtende Tatsachen der Völkerkunde. — 232— So form nrnn dcrfolsten, wie sich bei den Naturvölkern aus scbr einfachen»ud naheliegenden Gedankengängen die Seelen- lehre entwickelt, und wenn wir so sehen, wie die Leute dazu kommen, sich die Spaltung des menschlichen Wesens vorzustellen, so ist es durchaus verständlich, dah auch dein modernen Kultur- menschen diese Dedultioncn ganz plausibel erscheinen. Denken wir uns, ein Verwandter, die Mutter, der Vater, der eben noch mit seinen Angehörigen znsamniensast, stirbt. Da mutz sich ja der Gedanke dem naiven Verstand sörmlich aufdrängen, datz das, was in ihm lebte und sich bewegte, was in ihm dachte und aus ihm sprach, datz das nun heraus ist. lind das mutz sclbstt>cr- ständlich etwas sein, was nicht sichtbar ist, was unbemerkt in die Lust hinausschwebt und nicht mehr verfolgt werden kann, eben etwas Geistiges, die Seele. ES ist interessant, datz in den Vorstcllungskrciscn der Natur- Völker nicht blotz eine solche dualistische Spaltung des� mcnsch- lichett Wesens zu finden ist, sondern datz bei einzelnen Stämmen sogar eine dreifache Spaltung vorkommt. So haben die Runi-Jndiancr in der Pueblo-Regiou Nordamerikas die Vor- stellung, datz der Mensch zwei Seelen habe, eine rote und eine weiße. Die rote Seele ist das Blut. Bei einer schweren Vcr- wuudung fließt das Blut aus dem Körper heraus: die rote Seele, das Leben verläßt den Körper, der Mensch stirbt. Das andere ist die weiße Seele, der Atem, der Hauch, der häusig als weißes Wölkchen vor dem Munde des Menschen sichtbar wird, solange er lebt, der immerfort zu entweichen strebt und doch von den Lungen immer wieder zurückgcsogcn wird. Die weiße Seele ent- flieht beim Tode ebenfalls. So unterscheiden die Zuni-Jndianer ocn Körper, das Leben und die Seele. Wir brauchen aber gar nicht bis zu den Eingeborenen Amerikas zu gehen. Fast genau dieselbe Vorstellung hat man versucht, sogar in die moderne Natur Wissenschaft hinüberzuretten. Hier haben es einzelne Forscher unternommen, durch den Vitalismus(Lehre von einer besonderen Lebenskraft) und Äcovitalismus diese dreifache Spaltung wieder populär zu machen, indem sie zum Körper und Geist noch eine besondere Lebenskraft fügten. Das ist im letzten Gruirde derselbe Gedanke, wie in der Lehre der Zuni-Jndianer und steht etwa auf gleicher Höhe wissenschastlichcr Kritik Fragen wir uns aber endlich, sind denn alle diese Seelen- Vorstellungen, wie sie sich die Naturvölker zurechtgelegt haben, für uns noch heute begründet? Besitzen sie noch Berechtigung vom Standpunkt unseres wissenschaftlichen Denkens aus? Wenn wir uns einmal klarmachen, was uns heute eigentlich noch veranlaßt das Wesen des Menschen in diese Dualität von Leib und Seele zu spalten, so finden wir, eS find die Beobachtungen an uns selbst. Die eigene Selbstbeobachtung des einzelnen und das Vergleichen derselben mit den Beobachtungen an anderen Menschen. Dnrch Beobachtung an sich selbst macht jeder eine Summe von Wahrnehmungen, die in ihrer Gesamtheit sein„Ich" bilden. Durch Bc obachtung anderer Individuen stellt er scst, datz noch mehr der artige„Ichs" existieren, aber er überzengt sich zugleich, daß er an diesen anderen Individuen nur einen Teil der Wahrnehmungen macht, die sein eigenes„Ich" zusammensetzen, ein anderer Teil von Wahrnehmungen, die er von sich selbst kennt, läßt sich nicmal an anderen Menschen beobachten. So kann er niemals die Emp findring oder die Vorstellung einer Blume, die ein anderer hat an ihm sehen und doch zwingt ihm ein Annlogicschlutz, bei dem anderen ebcnsolche Empfindungen, Vorstellungen, Gedanken an- zunehmen, wie er sie selbst unter den gleichen Bedingungen hat Ja der andere sagt ihm direkt, datz auch er empfindet und denkt und fühlt wie er selbst So liegt der Schluß sehr nahe, daß das menschliche Wesen aus zwei fundamental voneinander verschiedenen Seiten besteht aus dem auch bei anderen Menschen sinnlich wahrnehmbaren Leib und der riicht bei ihnen sinnlich wahrnehmbaren Seele, die wie ein unsichtbarer Mieter während des Lebens im Leibe wohnt nnd ihn im Tode verläßt. Das ist der Weg, auf dem heute dcr nroderne Mensch sich immer und immer wieder zu überzeugen glaubt, daß in der Tat eine solche Spaltung des menschlichen Wesens besteht, und die Tatsachen des Schlafes und Todes, die einst auch den prähistorischen Menschen zur Trennung von Seele und Leib geführt haben, scheinen ihn in seinem Glauben auch heute noch zu bestärken, denn die Seele verschwindet beim Schlaf und beim Tode, der Körper allein bleibt zurück. Fragen wir uns aber, ist das richtig, besteht wirkli eine solche Dualität? Analysieren wir zunächst unser eigenes Seelenleben, das wir subjektiv in uns beobachten, so sin den wir da Empfindungtn, Vorstellungen, Gedanken, Komplexe von Gedanken, Gefühle. Das sind die Jichaltsbestandteile unsere Seelenlebens. Es sind die uns aus eigener Erfahrung Ivohl bekannten Dinge. Analysieren wir ferner die sogenannte körperliche Seite. Was ist unser Körper, was weiß ich von ihm, st es von meinem eigenen, sei es von einem anderem Körper? finde ich. daß ich vom Körper ebenfalls nichts weiter weiß kenne, als dieselben Jnht ltsbestandteile, die ich auch in meinem Seelenleben finde. Was!ch Körper nenne, ist eine Summe von Empfindungen. Wenn ich den Körper ansehe, so babc ich be stimmte ÄefichtSempfindungcn, also Licht- und Farben empfindungen. Ich sehe eine bestimmte Gestalt, d. i. eine Summe von Raumgrötzeiieiiipfindungen. Ich fasse den Körper an und habe eine Reihe von Druck- oder Tastempfindungen. Ich fühle die Oberfläche des Körpers an und habe eine Wärmeempfindniia und so fort. Kurz und gut, nach welchen Richtungen ich auch den Körper analysieren mag, ich finde immer nur Empfindungen. Ich kann von einem Körper, welcher Art er auch sei, überhaupt gar nichts andere? erkennen, als immer mir Empfindungen. Eine bestimmte Summe von Empfindungen in ihrer charakteristischen Vereinigung und Anordnung ist es, die das ailSmacht, was ich Mensch nenne, und daS gilt nicht bloß von meinem Körper oder dem Körper eines anderen Menschen, daS gilt entsprechend von jedem Körper, das gilt von jedem Tier, von jeder Pflanze, von jedem Stein. Wenn ich die ganze Körperwclt analysiere, so finde ich immer nur dieselben Bestandteile, wie in meiner eigenen Psyche. Wo bleibt da der Dualismus? Es sind immer nur Empfindungen, immer nur Dinge von einer Art. Hier haben wir eine Einheitlichkeit und keinen Dnalismu». Kleines Feuilleton. Da Ulld „Musen nnd Grazien in der Mark". Wenn jemand Dichter aufzählen will, die sich dnrch Perlen unfreiwilligen Humors ausgezeichnet babcn, so vergißt er dabei sicherlich»ich:, neben dem Namcn der Friederike Kempner, der berühmten.ichlesischen Nachtigall". den de? märkischen Sängers Friedrich Wilhelm August Schmidt von Werneuchen anzuführen, dessen Geburtstag am LI. März zum tbt). Male wiederkehrte. Oft genug werden noch heute zum Lobe eines saftigen Schweinebratens die folgenden Verse dieses Dichters zitiert: „Schweinebraten, ach nach dir, nach euch, gebackcne Pflaumen, Sehnt sich die Braut schon längst I ihr glänzen beide Daumen!" Nicht minder anmutig ist derBerS:„Die Frösche laichen— Ja Kalmusteichen". Doch nicht diese und andre ebenso schöne Vers« haben den einstigen Pfarrer von Werneuchen misterblich gemacht. Wenn er noch in der deutschen Literaturgeschichte weiterleben wird. so hat er dies in erster Linie Goethe zu verdanken, der ihn in seinein bekannten Gedichte.Musen nnd Grazien in der Mark" etwas un- ianft angefaßt hat. Goethe nennt zwar nicht den Namen des Tangers! e? unterliegt aber nicht dem geringsten Zweifel, daß er einzig und allein unseren Schmidt von Werneuchen meint. Das be« weist schon die Uebcrschrist seines Gedichtes; zwei Gedichtsammlungen Schmidts betiteln sich:„Kalender der Musen und Grazien" und Almnnach der Musen und Grazien". „O wie freut es mich, mein Liebchen,— Daß du so natürlich bist,— ttnsre Mädchen, nnsre Bübchen,— Spielen knnflig auf dem M...!" spottet Goethe im Sinne und Geist des DichterS vom märkischen Sande, und wer sich der Mühe unterzieht, eine An- zahl der Gedichte Schmidts durchzulesen, der wird sindeii, datz Goethe deren Ton gar nicht übel getroffen hat. Besonders schaurig sind die Balladen dieses Sängers. Eine von ihnen, die Spuk« ballade„Graf Königsmark und sein Verwalter" hebt folgender« maßen an: „Graf KönigSmark bnti' irgendwo— In Sachsen an der Saale— Ein Gut, Ivohin er gern entfloh— Der höfischen Kabale— Die Wirtschaft dort besorgt ein treuer— Verständiger und frommer Meier". Diese Probe genügt wohl, um die Art und Weise zu kennzeichnen, in der unser Schmidt von Wcrnetlchen hernmgedichlet hat. Und trotzdem hat sich ein Dichter gefunden, der gegenüber der durch Goethe unternommenen Berspoltmig Schmidts eine Rettung des märkischen Sängers ver« sucht hat. Es handelt sich um Theodor Fontane, der im vierten Bande seiner„Wanderungen durch die Mark Brandenburg" unserem Schmidt von Werneuchen eine liebevolle und feinsinnige Studie ge- widmet hat. Fontane hat sich die Mühe nicht verdrießen lassen, den Haufen von Spreu ouf das sorgfältigste nach Weizenkörnern zu dnrch» suchen, und man muß beim Lesen der zahlreichen von ihm an« geführten Proben zugeben, daß solckie Verse nur einem Man» ge» liiigcn konnten, der das Zeug zum echten Dichter hatte. So etwa die wundervolle Stelle: „Es sauste der Herbstwrno oiuch Felder und Busch,— Der Regen die Blätter vom Schlehdorn wusch,— ES flohen dt« Schwalben von dannen.— Es zogen die Störche weit über da? Meer,— Da ward es im Lande öd und leer— Und die traurigen Tage begannen."-- Trotz all der schönen und liebenswürdigen Züge, die Fontane in dem Wesen des märkischen Dichters entdeckt hat,.nutz mau aber sagen, daß gerade dieser Beurteiler in dem Falle, in dem es sich um den Verherrliärcr seiner ihm selbst ans das festeste ans Herz gewachsenen märkischen Heimat handelt, nicht als gänzlich kompetenter Richter anzusprechen ist. Um einiger Vorzüge willen hat Fontane viele nnd sehr große Schivächcn des märkischen DickitcrS übersehen oder sie in sehr mildem Licble angeschaut. Die größten Schwächen Schmidts von Werneuchen waren sein gänzlicher Mangel an Selbst« krilik und die kindlich-naive Anschauung, daß jede Art von Prosa als Poesie auzuscben sei, wenn sie nur in gereimter Form vor» gebracht tvcrde. Wegen dieser Schwächen ist er von Goethe arg verspottet worden, und man muß bei vorurteilsloser Prüfimg der Sachlage trotz Fontane zugebe», daß er diesen Spott wirklich ver» dient bat. Beranlw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u. VerlagstVortvärts Buchdruckerei u.VerlagSanstaltPaul Singer chCo., Berlin LW.