Unterhaltungsblatt öes vorwärts Nr. 60, Donnerstag, den 26. März. 1914 «i dm Sauernlanö. Bon I o h a n Skjoldborg. (Berechtigte Uebersetzuug aus dem Dänischen von Laura Heidt.) „Taß Tu eZ riskiertest. Per, lia ha ha," lachte Mikkcl. „Ich kann's, hol's der Satan, nicht begreifen... Du hättest ihn nur sehen sollen, den einen, der da rief und schrie, Du hättest ihm ins Gesicht sehen sollen, ha ha ha—" Mittel war dem Ersticken nahe vor Husten, Räuspern und Spucken. Per lachte iiber den ganzen Vorgang. „Aber es geschieht ihnen nur Recht, diesen Burschen, nun können sie das nächste Mal arnie. Leute in Ruhe lassen... und der Schlächter, der verlor Nase und Mund aus einmal— das tat er meiner Secl, ha hä hä." „�la, ja," sagte Per lebhaft.„Das war wenigstens immer eine kleine Aufmunterung. Nun wollen tmr einen Schnaps nehmen, Mikkel. Ich kaufte einen halben Liter. Daran können wir uns unterwegs gütlich tun. Prost!" „Ja, ja, Per, Spast muß sein und Ernst mnst sein, und es gibt keinen noch so guten Scherz, der nicht auch etwas Ernst enthielte. Nun will ich Euch von Herzen wünschen, daß es Euch gut gehen möge, und daß Du wieder ganz gesund wer den niögcst, gute Sophie." Er wandte sich um und blickte sie freundlich an. Zum ersten Male nahm Mikkel die Pfeife aus dem Mund. „Ich danke Dir, Mikkel," sagte Per,„weil T« uns so billig beim Umzug behilflich bist." „Ich will Euch was sagen. Per und Sophie, es heißt, daß die Großen zusammenhalten t aber die Kleinen halten, hol's der Satan, auch zusammen, hä hä hä." „Ich habe guten Mut für die Zukunft, Mikkel, es müssen doch einmal bessere Zeiten kommen." „Mir scheint auch," fügt Sophie hinzu. Sie seufzt. „Wenn ich nur gesund werden könnte. Es ist wohl noch weit?" „Ja, beste Sophie. Wir müssen mindestens noch durch zwei Krüge hindurch. Aber das schaffen wir auch noch, hä ha hä... ach, hol's der Satan, das schassen wir noch, hä hä hä!" O Zeitig am nächsten Morgen trat Per Holt aus der Tür seines neuen Heims im Hoibyer Moorhause. Es lagen noch einige Hütten mehr an der Westgrenze des Moores, direkt unter den steilen Hoibyer Höhen. Aber von Hoiby selber sah man nur im Süden an der Wegbiegung die ersten Höfe. Von Per Holts Häuschen aus erstreckte sich die Moor- senkung weit nach Südost bis zum Horizont. Und zu beiden Seiten dieses tiefer liegenden Landstrichs erhoben sich breite, fruchtbare, hochgelegene Felder, auf denen verstreut Höfe lagen. Dies also war der Plah, wo Per lebe» sollte. Er blickte ringsum— so viel Moor, so viel fruchtbares Bauernland, so viel Arbeit. Jetzt war er ein freier Arbeiter und kein Gesinde wie auf dem Gutshofe. Er konnte Arbeit nehmen, wo er wollte, und war nicht, wie ein Hund, an die Kette gebunden... Er dehnt seine Brust und füllt seine Lungen mit dem taufrischen Morgenwind, der vom Moor her ihm entgegen- streicht. Und der Porsth— ja das war der Porsth, der wohl- riechende Porsth. dessen Duft ihm der Morgenwind zuführte. Er lächelt vor Wohlbehage». Die Hoiby-Au da draußen und die Wiesen rings umher dampften, so daß die hölzernen Träger der hochgelegenen Brücke und das Geländer im Nebel riesenhafte Dimensionen annahmen. � In der Nähe liegt der weiße Dunst so fein wie ein Spinngewebe über den niedrigen Büschen des Moores. Aber die Sonne wärmt in dem brodelnden Morgen, so daß Nebel und der blaue Tau bald verschwinden. Und schließlich liegt die ganze Gegend in strahlendem Sonnenlicht duftend frisch und neu da. Per Holt hat früher dergleichen nicht bemerkt. Nun scheint es ihm, als hätte er nie im Leben einen so schönen Tag gesehen wie diesen. Und es ist, als streue cr wohltätig Licht und Glück über ihn aus. Jens, der große Junge, erscheint auf der Schwelle und steht still hinter seinem Vater. Bald finden sich auch Sophie und die anderen Kleinen ein. Es hat de» Anschein, als hätte die Holtsche Familie die Nacht nicht ruhig schlafen können, so zeitig sind sie alle da. um die neue Umgebung in Augenschein zu nehmen. Sie scheinen das Verlangen zu haben, etwas zu sehen und zu hören— sie sehnen sich nach etwas. Und als das kleine Mädchen, Maren, das die Mutter auf dem Arm trägt, die Sonne erblickt, streckt es die Hände danach ans und ruft laut vor Freude. Per ergreift das Kind und lächelt Sophie zu. Er muß das kleine Mädchen hochheben und küssen. Und sie lacht und ruft wieder laut vor Freude der Sonne entgegen. Einen Augenblick steht die Holt-Familie schweigend und andächtig da. während die Sonne segnend ihre Strahlen über sie ausschüttet. Dann müssen sie sich umsehen. Sie kamen erst am Abend an, als es schon dunkel war. 'Es ist nur ein kleines Häuschen mit vier kleinen Fenstern. Aber sie sind liier so herrlich für sich. Und das kleine Häuschen liegt im Grunde so schön dort mit den sonnenbcschienenen Fenstern. Es fehlen allerdings ein paar Scheiben, und der Kalkputz ist hier und da von der Wand herabgefallen. Auch das Dach hat schadhafte Stellen— aber all diesen Dingen kann leicht abgeholfen werden. Sie gehen umher und betrachten das Stück Gartenland. das zum Hanse gehöit. Wie es so daliegt, hat es kaum noch eine Aehnlichkeit mit einem Garten. Denn es ist vollständig mit Gras bewachsen: hier und da stehen verstreut ein paar kleine Birken, die vom Moor hier heraufgewandert zu sein scheinen. Ein Hollunderbaum ist das einzige, was davon Zeugnis ablegt, daß Menschenhände hier einmal gepflanzt haben. Aber cr steht da und kriecht jämmerlich zusammen in einer Ecke. Tan» ist noch etwas da, ein halb erstickter Stachelbeerstrauch, auf dessen moosbewachsenen Zweigen noch einige halbverfanlte Lumpen aus der Zeit der früheren Be- ivohner hängen. „Es sieht so aus, als wären die Leute, die hier vor uns gewohnt haben, sehr arm gewesen," bemerkt Sophie. „Ja, ihnen ist alles zugewachsen, wie man sehen kann," antwortet Per.„Und viele Kinder haben sie gehabt, der ganze Garten ist voller Fußspuren und zertrampelt." „Man sieht es auch an den vielen kleinen Fußsteigen, die sich gebildet haben, wenn sie hier am Wall hin und her liefen," sagte Sophie. „Aber das alles kann ausgebessert werden. Sophie. Das können wir alles ändern." Per hebt unwillkürlich die Schul- tcrn ein wenig. „Ich glaube, wir können es hier ganz nett haben. Ich bin froh, daß wir ans dem Gutsgetümmel herauskamen— wenn ich nur gesund werden könnte, Per." Sie gehen alle miteinander ein kleines Stückchen hinten um das Haus herum. Da bricht der kleine iJunge, der so wie sein Vater auch Per heißt, in ein Freudengeheul aus, denn dort stehen zwei bunte Ziegen und meckern auf dem Abhang. Mit dem Ausdruck leuchtender Hoffnung ruft Sophie: „Glaubst Du nicht auch, Per, daß wir ein paar Ziegen be- kommen können. Per?" „Das können wir leicht, hier muß ja guter Verdienst sein." „Ach, dann kriegten wir selber Milch ins Haus. Das hätte ich niemals gedacht." Der kleine Per lacht über die Sprünge der Ziegen. Aber Jens geht so ernsthaft und gravitätisch hinter dem Vater her, als fühlte er, daß sie beide es sind, die hier die Sachen in Ordnung bringen sollen. Drinnen im Hanse ist sowohl ein Wohnzimmer wie eine Schlafkammer, aber muffig ist eS hier, und die Luft ist kalt «»d feucht. Die Wände s nd häßlich, und der Fußboden besteht aus einer Lehmdiele boller Löcher. Sie haben-den Tisch und die Stühle auf die Beine gc- stellt: mehr Möbel befinden sich nicht im Wohnzimmer. Die Familie ist zur Mahlzeit versammelt, die ans Brot, einer Schweinsblase mit Fett aus einem halbzerbrochencu Teller besteht und dann aus Kaffee. Während des Essens sitzen alle schweigend da, als sei jeder in seine eigenen Gedanken versunken. Nur in langen Pansen fällt dann und wann ein Wort. Per:„Das erste, was wir hier in Ordnung gebracht haben müssen, ist die Decke. Denn es kann ja direkt hier hereinregnen." Sophie nach einer ganzen Weile:„Und Ziegenmilch ist so fett, daß wir sie mit Wasser vermischen können. Tan» gibt es mehr." Als JenS ungefähr mit der Mahlzeit fertig ist, sagt er: „Ist das nun unser Haus, Vater?" „Ja, mein Junge, solange wir leben und bezahlen, was wir sollen."(Forts, folgt.) Der Krieg gegen Dänemark. ii. Nach Abschluß des Londoner Protokolls kam die schleswig- holsteinische Frage keineswegs zur Ruhe. Zwar blieb die Thron- folgcsrage vorläufig in der Schwebe, denn der Herzog von Augusten- bürg halte sich sei»„legitimes Recht" für blanke Dukaten abkaufe» lassen und der Landgraf von Hessen, der auch auf Hinwegen irgend- wie erbberechtigt war, hatte gleichfalls verzichtet. Aber daß von Kopenhagen aus lustig eiderdänische Politik getrieben wurde, er- regte in Frankfurt doch einiges llubehagen. Im Jahre 1855 erhielt das ganze Königreich eine Verfassung, die arg die provinzielle Selbständigkeit der beiden Herzogtümer beschnitt. Als nun nach� langem Hin und Her der Bundestag mit einer bewaffneten Exekution drohte, verkündete Friedrich VII. durch Patent vom ß. November 1858 die Aufhebung der Gesamtverfassung für Holstein sowie ihren Fortbestand für Dänemark und Schleswig. Damit hatte Dänemark scheinbar den Wünschen des Deutschen Bundes Rechnung getragen, in Wahrheit aber war man dem Ziele der radikalen Nationalpartei: Dänemark bis zur Eidcr! eine gute Weg- strecke näher gerückt, denn Schleswig lvar jetzt in der Tat dem Königreich einverleibt und Holstein lvie eine eroberte Provinz autzerhälb der konstitutionellen Bürgschaften gestellt. Dieses Pro- viforium sollte durch ein königliches Patent vom 3ß. März 1868 zu einem dauernden und gesetzlichen Zustand gemacht werden. Das war ein Fanstschlag in das Gesicht des Deutschen Bundes, und die Perücken in der Eschenheimer Gasse zu Frankfurt beschlossen denn auch flugs, soiveit es ein flugs bei ihnen gab, Dänemark ei» Ulli- matum zu stellen und ein Bundesexekntionskorps auf die Beine zu bringen. Aber da die internationale Lage Bismarck für die Ausführung seiner besonderen Pläne nicht eben günstig erschien, wußte er den Vollzug der Exekution noch hinauszuschieben. In- zlvischen hatte» dänische Regierung und Parlament eine Verfassung ausgearbeitet, die mit den Rechten Schleswig-Holsteins ähnlich umsprang wie das März-Patent, aber che er feinen Namenszug unter das Papier setzen tonnte, starb am 15. November 1868 Friedrich VII., der Letzte des königlichen Mannesstammes. Damit war auch die Thronsolgefrage aufgerollt. Denn während der Prinz von Glücksburg als Christian IX. den dänischen Thron bestieg, meldete der Sohn jenes Augusten- bnrgcrs, der sein Anrecht aus Schlcslvig-Holstein verkauft hatte, seine Ansprüche auf die Herzogtümer an. Tie Bevölkerung Ivußte zwar kaum mehr etivas von den Augusienburgern, aber weil die Anerkennung seiner Ansprüche die Lossagung von den dänischen Herren bedeutete, jubelten ihm Schlestviger und Holsteiner allent- halben stürmisch zu. Mit dem„legitimen Recht" dieses Augusten- burgers stand eS zwar nur so so, und der englische Schatzkanzler Lord Palm erst on hatte so unrecht nicht, als er höhnte: der schlcstoig-holsteinifche Handel sei so verwickelt, daß nur drei Men- scheu ihn verstanden hätten, der erste sei Prinz Albert gewesen, ber sei tot, der zweite ein dänischer Staatsmann, der sei verrückt geworden, der dritte sei er selber und er habe es vergessen. Aber das hielt die bürgerliche Masse Deutschlands nicht ab, sich in einen wahren Begcisterungsraufch für dieses Augnstenburgers„Rechte" hineinzustürzen. Alles, lvaS seit 1859 an nationalen Kräften in dieser Klasse entfesselt war und was sich auf den zahlreichen Schützen- und Turnfesten an deutscher Einigungssehnsucht kundgab, konzentrierte sich jetzt auf die schleswig-holstcinifche Frage. Wieder brauste durch ganz Deutschland das„Schleswig-Holstein, mcer- umschlungen" und ungestüm wurde an die Regierungen das Per- langen gerichtet, das Londoner Protokoll zu zerreißen und durch einen Krieg gegen Dänemark die Herzogtümer für Deutschland, das hccßt: für den Angustenburger, zu erobern. Sicher steckte hinter dieser dynastischen Ideologie ein unleugbares bourgeoises Klassen- Interesse; die Sehnsucht der handeltreibenden Klasse nach den schleS- lvig-holsteinischcn Sceküsten und Seehäfen, aber es hatte ebens« unleugbar etwas Komische?, lvie sich das liberale, ja! fast revoli;- tionäre Bürgertum dieses unter fünfunddreißig Landesvätern seufzenden Deutschlands nach einem sechsunddrcißigjtc» Landcsvaier sich die Kehle heiser schrie. Aber Bismarck hatte keineswegs Lust, in dynastischer Senti- Mentalität zu schwelgen, sondern sah in Schleswig-Holstein den ersten fetten Happen, den Preußen in seinen Schnappsack zu stecken hatte: kühlen Blickes sah er in dem schlcsivig-holsteinischcn Problem keine Rechtsfrage, sondern eine reine Frage preußischer GroßmachtSpolitik. Während denn auf Beschluß des Bundestages hannoversche und sächsische Truppen als Vollzieher der Bundes- cxekntion in Holstein einrückten, ohne dabei Widerstand zu finden, beschloß er ganze Arbeit zu machen. Mit Oesterreich in dieser Frage unter eine Decke zu kommen, war ihm ein leichtes, denn von jedem selbständigen Vorgehen Preußens befürchtete man in der Wiener Hofburg nicht zu Unrecht einen Machtzuwachs der verhaßten norddeutschen Großniacht. Den russischen Zarismus halte sich B i s m a r ck durch seine fluchwürdigen Bütteldienste bei der grausamen Niederwerfung des polnischen Ausstandes zu Dank ver- pflichtet, so daß er von dieser Seite nichts zu besorgen hatte. Mit Frankreich stand es so, daß Napoleon, der gewissenlose Ausnutzer des„Nationalitätenprinzips" nicht gut gegen eine Politik ein- schreiten konnte, die diesem„Nationalitätenprinzip" gleichfalls zu dienen vorgab und daß er zum zweiten mit gutem Instinkt in dem gemeinsamen Vorgehen Oesterreichs und Preußens eine Quelle der Zwietracht zwischen den beiden Mächten witterte. Was endlich England anging, so raffte es sich zwar auf dem Papier zu einigem Einspruch auf, hütete sich aber, wegen des Londoner Protokolls einen Krieg zu beginnen, der durch Verrammelung des wichtigen deutschen Absatzmarktes seinem Handel verderblich werden mutzte. So hatte Bismarck freie Hand, und nachdem Dänemark im Januar 1864 eine Aufforderung, sofort die von Christian IX. unterschriebene Verfassung vom November 1863 aufzuheben, in den Wind geschlagen halte, rückte am 1. Februar ein prcnßisch-öster- reichisches Korps von 70 000 Mann unter dem uralten Feldmarschall W r a n g c l in Schleswig-Holstein ein. M o l t k e s eceldzugspiaii war, die hinter dem starken Danewerk stehende dänische Armee durch Umfassung zu vernichten und so den Feldzug in Ivenigen Tagen zu beenden. Statt dessen wurde ein Frontalangriff auf' das Danewerk unternommen, der den Preußen viel Blut kostete und den Dänen die Gelegenheit gab, sich der geplanten und auch von ihnen ge- ahnten llmklaminerung zu entziehen und hinter den Düppeler Schanzen eine neue stark befestigte Stellung einzunehmen. Nach einer Reihe erfolgreicher Gefechte gelang am 18. April der Sturm auf diese Schanzen.„Der Angriff geschah", schrieb Friedrich Engels über diesen Sieg,„mit vier Brigaden(24 Bataillone) gegen vier dänische Brigaden(16 Bataillone), also durchaus keine unverhältnismähige lleberzahl für einen solchen Sturm. Aller- dings waren die Dänen durch das Feuer der Artillerie sehr mürbe gemacht, indes, das waren die Russen in Sebastopol auch und noch mehr. Daß aber die Preußen in 20 Minuten die ersten sechs Schanzen nahmen, und dann in zwei Stunden— NB. ohne Befehl, denn der brave Prinz(Friedrich Karl) wollte sich damit zufrieden geben— die ganze Halbinsel inklusive des Brückenkopfes nahmen und den zirka 13 000 Dänen einen Verlust von 5000 Mann bei- brachten, ist mehr, als man den Burschen zutrauen durfte." Der Sturm auf Düppel entschied den ersten Teil des Fcldzugcö, denn jetzt bequemte sich Dänemark zu Unterhandlungen, die am 25. April in London unter Teilnähme der europäischen Großmächte be- gannen, aber genau zwei Monate später ohne Ergebnis schlössen. Erst mußte in einem zlvcitcn Fcldzug die dänische Armee durch den nächtlichen Uebergang der Preußen auf die Insel Alfen am 29. Juni zum zweiten Male entscheidend aufs Haupt geschlagen werden. Jetzt aber ging Dänemark einen Frieden auf Gnade und Ungnade ein, denn es trat bedingungslos alle feine Rechte aus Schleswig und Holstein an den König von Preußen und den Kaiser von Oesterreich ab. So waren die Herzogtümer den Dänen entrissen, aber über das Schicksal der beiden Gaue herrschte Ungewißheit und Unentschieden- heit, bis, unter gemütloser Ausschaltung des Augustenburger Prä- tendenten, der Vertrag von Gastein am 14. August 1865 Holstein unter österreichische, Schleswig unter preußische Verwaltung brachte. Bismarck hatte damit, wie er gewollt, die Lunte am Pulverfaß, denn die gemeinsame Verwaltung der Herzogtümer schuf so viele öieibungsflächen zwischen Berlin und Wien, daß es ihm fürder ein leichtes lvar, den Kriegsfall zu haben, wenn es ihm paßte. Auch die Schleswig-Holsteiner fühlten mit sehr gemischten Ge- fühlen, daß sie dem preußischen Schnappsack nicht entgehen würden, und die kühnsten Protestier sangen: Schleslvig-Holstein, stammverwandt, Schmeißt die Preußen aus dem Land! Doch das half ihnen wenig. Bismarck setzte seinen Willen durch, aber wenn jetzt das fünfzigjährige Jubiläum jenes Kriege? gefeiert Ivird, so beweist noch heute die brutale preußische Dänen- Politik in der„Nordmark", daß das Recht der höheren Zivilisation bei der Eroberung der beiden Gaue nicht auf der Seite Preußen? lvar. Tluf Rollschuhen. Groteske von L. Lwertscheuka. Ich stand an dem Büfettischchen, lehnte mich an die reiche Barriere, die den Asphaltplatz oer Nollschuhbahn nmgab, auf dem mit Lärm und lustigem Gelächter die Paare dahinflogen, und dachte bei mir: Und daS ist alles? DaS ist ja eine wahre Kleinigkeit, auf diese» Näderchen dahinzugleiten I Mir scheint, ich habe daS Ge- heimnis dieses SvortS entdeckt: man must sich nur bemühen, nicht zu fallen— n»d die Hälfte der Aufgabe ist gelöst. Und wenn man nick>t sogleich hinstürzt, so werden die weiteren Schritte keinerlei Mühe mehr verursachen... Um sich von der Stelle zu bewegen, ist es nur erforderlich, jemanden, der sich in der Nähe befindet, zu bitten, uns einen leichten Stoh in den Rücken zu versetzen. Die Nollschuhe find derart bewegliche Dinge, daß sie uns in einem Moment an die entgegengesetzte Seite des Platzes bringen werden. Es gilt einen Versuch. Ich Ivinkle einem der Diener, letzte mich auf den Diwan, streckte die Füsie aus und sagte in dem Ton eines verwegenen, tollkühnen SportSmanncs: „Ein Paar Rollschuhe! Die besten, die es gibt! und daß sie unbedingt auf Rädern sind!" „Sie sind ja sowieso alle auf Rädern," erwiderte der Diener, indem er an meinem s�uß einige Schrauben festdrehte. „So?" sagte ich ein wenig verwirrt.„DaS ist eine ansgczeich- nete Sitte." „Fertig, mein Herr!" Ich stellte meine gesattelten Füße auf die Erde und bewegte sie behutsam hin und her... O weh, ich fühlte keinen festen Boden unter mir: meine Füße schienen in der Lust zu baumeln. „Ist daS... immer so?" fragte ich schüchtern. „Wie meinen Sie?" „So... glatt." „Gewiß, da sind doch Räder. Bitte, auf die Bahn." Ich erhob mich vom Diwan, jedoch im selben Augenblick glitt ein Fuß mit großer Schnelligkeit zur Seite und ich ließ nnch wieder auf meinen Platz nieder. Ich hatte in meinem Leben schon oft ans verschiedenen SosaL gesessen, aber noch niemals hatte ich dar- über eine so aufrichtige Befriedigung verspürt wie heute. Nie hätte ich früher geglaubt, daß man ein solches einfaches, billiges, mit Wolle ausgestopftes Kissen so lieben und eine solche Anhänglichkeit dafür verspüren könnte. Um keinen Preis wollte ich mich davon trennen. „Bitte, auf die Bahn." „Hihi," lachte ich.„Hihi... Ich will hier noch ein wenig sitzen, mein Lieber. Man wird müde so den ganzen Tag über. Hier ist es bei Euch sehr nett: warm und gemütlich." Er ging fort, und ich blieb sitzen, seufzte jämmerlich und bc- rührte von Zeit zu Zeit vorsichtig mit dem schlüpfrigen Fuß den Boden. Neben mir wurden einem Herrn Nollschuhe angeschnallt, der sich in derselben Lage wie ich befand.?lber in diesem Menschen lebte der Geist eines Helden I In der Zeit Iwans des Schrecklichen hätte er gleich Jermak Sibirien erobert, bei einer Begegnung mit einem Tiger ihm einen Faustschlag vor die Stirn versetzt und das betäubte und überraschte Tier an einem Strick nach Hause ge. schleift... Dieser Mensch hatte die Seele eines Helden! Er saß nicht halbe Stunden lang auf dem Diwan, zögerte nicht unnötig, sondern stand sofort auf, reckte sich zu voller Höhe und— plumpste auf den Büfettisch mit seiner ganzen Schwere. Wenn schlechte Beispiele ansteckend sind, so sind es die guten gleichfalls: ich erhob mich, und mich fest an den Diener lehnend, mit der ganzen stürmischen Zärtlichkeit, deren meine anschmiegende Natur fähig ist, begab ich mich zur Barriere. Und dann— blieb ich allein, klammerte mich krampfhaft an da? Geländer und gab mir den Anschein, als interessiere mich die Beschaffenheit des Plafonds auf das höchste. „Warum laufen Sie denn nicht?" fragte mich ein Herr, der an einem kleinen Tischchen in der Nähe saß, freundschaftlich. „Ich... laufe ja." „Lassen Sie doch die Barriere loSl Halten Sie sich nicht daran— dann geht es leichter." Ich befolgte den Rat. Aber meine Füße(nie hätte ich in nicinen eigenen Extremitäten so viel Schläue und Bosheit vermutet) bemerkten dieses Manöver und liefen sogleich nach beiden Seiten so weit auseinander, daß es mich große Mühe kostete, sie wieder zusammenzubringen. Dabei machte ich eine Bewegung, lvelche an die populärste Figur im Cakewalk erinnerte, und klammerte mich mit krampfhafter Hast aufs neue an das Geländer an. „Rur Mut, nur MutI" rief mir mein Gönner zu.„Schmiegen Sie sich nicht so an die Barriere wie an eine geliebte Frau. Hände frei und weg von der Barriere." Er scheint zu wissen, was man tun muß, dachte ich und löste mich vom Geländer. Und jetzt war es, als ob ich in der Luft schwebe. Die Rollschuhe fuhren selbständig auf dem Asphalt umher, als wären sie lebendig, ich warf mich nach hinten zurück, wand mich wie ein Aal und endlich, als ich sah, daß«in schmachvolles Fallen unvermeidlich sei, ergriff ich niit Blitzesschnelle einen vor» übergleitendcn Läufer an beiden Händen. .Was ist los?" fragte er erstaunt..Wa» soll das bedeuten?" Ich drückte seine Hand», schüttelte sie, wand mich hin und Herl und sagte, um mein taktlose» Borgehen zu entscyuldigen, mit zitternden Lippen: „Ah, guten Morgen I... Wie geht eS Ihnen? Sie... er« kennen mich nicht?" „Ich sehe Sie heute zum erstenmall Geben Sie meine Hände freil" Er riß sich loS. Meine Füße ließen sich die bequeme Gelegen» hcit nicht entgehen, ihrem Herrn einen Schabernack zuzufügen» rutschten nach verschiedenen Seiten aus, und ich ließ mich schwer auf den Asphaltboden nieder. „Sie sind gefallen?" fragte mich mein Gönner teilnehmend. Ich machte mir etwas an den Rollschuhen zu schaffen. „Nein, ich habe mich bloß so hingesetzt. Ich muß die Riemen fester schnallen. Sie werden vom Laufen lose." Nachdem ich an einem der Riemen herumhantiert hatte, kroch ich vorsichtig bis zum Geländer und fand in ihm aufs neue einen alten, treuen, bewährten Freund. „Sobald Sie merken, daß Sie fallen," sagte der Herr, der am Tischchen saß(jetzt vermute ich, daß es bloß ein zufälliger Zu» schauer war, der sich zum erstenmal an dem neuen Sport ergötzte), „sobald Sie merken, daß Sie falle»— so heben Sie sofort«inen Fuß auf... Das Gleichgewicht wird auf diese Weise wieder hergestellt." Aufs neue trennte ich mich schweren Herzens von der Bar- rlere... Den Rat meines Gönners zu befolgen, war u»l so leichter, als ich sogleich ausglitschte. lind ich befolgte ihn sogar auf eine zwiefache Weise. Er hatte mir geraten, ein Bein aufzu» heben, und ich hob beide auf. Es war allerdings schon nach dem Fall, und ich mußte dazu mit dem Rücken den Asphalt berühren, aber ich sah doch, daß es in Wirklichkeit nicht so schrecklich war, zu fallen. An mir vorbei flog ein eleganter Herr, graziös vornüber ge- neigt und leicht, ohne Anstrengung, auf der Asphaltfläche dahin» gleitend. Ich will es ihm nachmachen, dachte ich. Falle ich, nun gut, was ist denn lveiter dabei? Die Hände auf dem Rücken haltend, stürzte ich mich wie ein Wirbelwind in die Menge der Läufer. Ich fiel nur zweimal hin, riß aber ungefähr zehn Mensche» um, warf dann einen unbe» kannten dicken Herrn rücklings auf die Barriere und lieh mir schließlich, ermüdet, aber mit mir selbst zufrieden und von ver- schieden«» Segenswünschen und Komplimenten begleitet, die Roll» schuhe abschnallen. Den nächsten Tag warf ich nur zwei Personen um und berührte die Barriere nur selten, meistenteils nur, um ihr gönnerhaft auf den elastischen Rücken zu klopfen.... Am dritten Tag riß ich niemanden zu Boden(mich dagegen hat man umgeworfen— irgendein ungeschickter Bär— der Teufel soll ihn holen— und eine unbekannte, zum Verzweifeln unbegabte junge Dame), die Barriere betrachtete ich mit Verachtung, als etwas Lächerliches, Unnötiges, und hielt mich demonstrativ in einiger Entfernung von diesem Uebcrblcibsel einer längst überwundenen Ungeschicklichkeit und Furcht... An den erschreckten, von Angst verzerrten Gesichtern vorübersliegend, rief ich ihnen gönnerhaft zu:„Nur Mut!", und jetzt— wenn man mir sogar einen Preis für das Laufen anböte» so ivürde ich ihn ohne jedes Zandern, ohne Widerspruch und falsche Bescheidenheit annehmen. Kleines Feuilleton. A»S de» Sturm- und Drangjahrcn de« deutschen Naturalismus. Johannes Schlaf, der mit seincin Genossen Arno Holz zusammen als Verfasser des„Papa Hamlet" und der„Familie Selicke" in der ersten Reihe der jungen Dichterschar des modernen deutschen Naturalismus gestanden und sich dann zum still-bchaglichen Schilderer von Dingsda entwickelt hat, berichtet in seiner Weise, gemächlich, genau und intim seine Erinnerungen anS de» Tagen der„Freien Bühne" und der Entstehung des naturalistischen Drama". In dem neuesten Aussätze dieser in der Coltaschcn Monatsschrift„Der Greis" erscheinenden Eriiinerimgörcihe erzählt Schlaf allerlei hübsche und kennzeichnende Einzelheiten aus jenen Sturm- und Drang» jähren des deutschen Naturalismus. Ist es doch höchst charakteristisch, ivenn Holz und Schlaf bei der Ausarbeitung der grotesk» schauerlichen Nachlstimmung gegen Ende des„Papa Hamlet", um den Reflex eines Nachtlichtes gegen einen darumgelegten ZeitnngS» bogen und in einem dunklen Zimmer ganz genau wiederzugeben, das Zimmer verdunkeln, in einem blauen Wasserglas ein Nacht» lichlchen anzünden und einen Zeitungkbogen darum hcrumlcgcn! Schlaf bekennt freilich, daß ihm schon damals diese„Bastelei von Milieubagalellcn' nicht recht habe gefallen wollen; und in dein Ve« dürfnis, einmal etwa« so recht au§ eine», Guß und»nd in einem Zuge ans dem vollen Drange eigensten inneren Erlebens heraus zu geben, entwarf er die„Familie Selicke", die er wesentlich alö seine Arbeit in Anspruch nimmt. ES lvar die Zeit, da die„Freie Bühne" gegründet und Haupt» maimS„Vor Sonnenaufgang" aufgeführt wurde, lieber das Schicksal, das die„Familie Selicke" in diesem Kreise fand, erzählt Schlaf das Folgend«:„Die.Familie Selicke" laZ ich gelegentlich eine? Abends bei Karl Hauptmann vor. Zugegen waren außer Karl Hauptmann und seiner Gattin Gerhart Hanpunann mit Gattin und Holz. Die Vorlesung erzielte einen ungcivöbnlich starken und unmittelbaren Er- folg. Ich entsinne mich, dah Frau Gerhart Hauptmann vor Er« schiitterung weinte, und das! er aussprang, mit erregten Schritten im Zimmer auf und ab ging und seine Ergriffenheit mehrere Male in lebhastester Weise änszerte. Es versteht sich, das; wir das Drama auf der.Freien Buhne" ausgeführt wiffen wollten. Gerbart Hauptmann schlug vor, das; wir es eines Abends bei ihm Brahm vorlesen sollten. Die Wirkung dieser Borlesung sollte aber eine recht andere sein. ES ent- spann sich, als ich meinen Vortrag beendet hatte, eine lebhafte ästhetische Diskussion, unter der Brahm indessen in vollkommenem Stillschweigen verharrte. Karl Hauptmann aber riet, ich weih nicht mehr, aus was für theoretischen Gründen, mir aller Entichiedenheit vou einer Ausführung ab. Jetzt erst, als Karl Hauptmann fertig war, sagte Brahm— ich höre noch, als wärs heute, seine leisen. farblosen, trocknen, knappen Worte:.Ich muh mich dem Standpunkt de« Herrn Dr. Hauptmann anschliehcn". Einzig Frau Gecharl Hauptmann unterbrach da? elioas peinliche Schweigen, das nach BrahmS Ablehnung entstanden war, mit der Bemerkung, dah man doch wenigstens einen Vernich mit dem Stück machen könnte. Doch das weiter dauernde Schweigen überging diesen Vorschlag glatt- weg." Man erkennt hier schon den Kenn, der binnen kurzem zur Spaltung innerhalb der.Freien Bühne" führen sollte. Schlaf macht Brahm den Vorwurf, dah er bei allen sonstigen tüchtige» Eigenschaften doch nicht der Mann war, um einzusehen,„dah eine solche Bewegung unmöglich auf einen, Bein stehen laim." Er iah nur Hauplinaim, nicht die anderen, lind so kam es nicht gerade miS Heilerin Himmel, dah eine ganze Anzahl des alten Mitglieder- stammeö der„Freien Bühne" mit Holz, Bahr und mir ansfchied." Ja, Hermann Bahr— der war eben am literarischen Himmel von Berlin iic» anfgelaucht, frisch aus Paris zurück und er halte den Berliner Natnraliften die erste Kunde von Maeterlinck, sowie von der ganzen dekadenten und nenen symbolischen Dichtung Frankreichs mitgebracht. ES sah sich ja rechr unierhallsain mit an Bahr« Tische, weim er im Cafü.Kaiserhof" auf seiner Polsterbank lag, die -schwarze Genielocke in der Stirn, eine grellrote Krawatte um den Hemdkragen, die lange Virginia im Mundwinkel, und— wenn er nicht mit seiner perlenden Handschrist mlf emen bandlich zugeschnittenen Papicrblock mit dem Kopierstift.gleich ins Reine' seinen Pariser Dekadenzroman.Die gute Schule" oder seine Feuilletons für die„Freie Bühne" hinwarf— von Paris, der „Döcadeiicc",„Chat Noir", dein„Fi» de Siede" und dem Symbolismus erzählte und die„Ueberwindung des Raturalismus" verkündete, pointiert, mit kultiviert sensibler brillanter Nervosität, halb Pariser, halb Wiener, der geborene Fcuilletomst und Verführer.... Aber so sehr einen das interessieren konnte— ich fühlte im Stillen: daS war wohl von allem Anfang bei uns auch schon gleich das „Ende vom Liede". Heilkunde. Das durchschossene»nd geheilte Herz. Ins Herz getroffen zu fein, galt in buchstäblichein und übertragenem Sinne früher als eine unbedingt tödliche Verivundung, aber auch diese Regel hat die Kunst des Chirurgen umgestohcn. Die ärztliche Literatur hat auf ihren Ruhmesblättern schon eine beirächtliche Zahl von Fällen verzeichnet, in denen Herzwunden zu völliger Heilung gebracht wurden. Freilich sind Schuhverletzungeu begreiflicherweise noch weit gefährlicher alö solche durch einen Stich, obgleich auch bei diesen selbstverständlich die Voraussetzung zu machen ist, dah sie mehr oberflächlicher Natur sind. Der Privatdozent Dr. Finsterer hat jetzt bor der Gesellschaft der Aerzte in Wien einen beachtenswerte» Erfolg geschildert, den er an einem Selbstmordkandidaten gegen eine Schuhverletzung des Herzens er- ningen hat. ES bandelte sich um einen jungen Mann, der sich durcb einen Nevolverschuh umS Leben z» bringen versuchte und sicb auch in« Herz getroffen hatte, so dah er in einem anscheinend hoffnungS- losen Znstand der Uiisallstatiou eingeliefert wurde. Er befand sich in tolenähulichcr Bewuhtlosigkeil und der Pul« war fast völlig vcr- schwunden. Der Arzt griff infolgedessen sofort zur Kampferipritze, schritt aber nicht zur Operation, ehe er nicht die Art und den Grad der Verletzung möglichst genau festgestellt hatte. Zu diesem Zweck wurde der Verletzte auch mit Röntgenstrahlen durchleuchtet und eS ergab sich, dah die Rcvolverkugel im Herzen selbst steckte, in dessen Inneren aber beweglich war und bei der Zusammenziehnng und AuSdebnimg dc§ Organ? hin und her geivorfe» wurde. Nach Beralmig mit Professor Hochenegg wurde die Operation in der Weise ausgeführt, dah die Herzwunde von auhen zugenäht wurde, ohne da« Geschoh zu entfernen, waS ohne die äuherste Lebensgefahr nicht möglich ge- Wesen wäre. Nach 14 Tagen konnte von einem sicheren Gelingen der Ope- ration gesprochen werden, und nach weiteren 4 Wochen war die Revolverkugel derart nahe der Herz'pitze eingeheilt, dah sie nur noch verhältnismähig geringe Beschwerde» verursachte. Der gerettete Selbstmörder wird also wahrscheinlich, wenn er nicht etwa seine Absicht mit mehr Erfolg wiederholt, mit der Kugel im Herzen ganz munter weiterleben können. Vcrantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u. Verlag Kunst. Rodin über die Kunst des Bildhauers. Der greise Meister Rodin wird nicht müde, den jungen Künstlern in inimer »euer Form die Rückkehr zur Natur zu predigen, die er als die legte Wahrheit aller Erfahrung seiner langen Künstierlausbahn betrachtet.„Mein ganzes Leben war eine Art Studium," so sagt er in einem Aufsatze.„Mein Ziel war niemals, Aufträge zu bekommen, sondern zu studieren: dies erklärt, warum die Ausführung mancher Werke so lange gedauert hat. WaS mich leitet, ist vor allem die grohe Liebe zur Natur; man muh sie lieben und ständig mit ihr leben. Sie ist in Wahrheit die grohe Stumme, die endlich doch redet, einen begeistert und ihre Geheimniffe ausliefert. Die Natur ist die einzige Wahr- bcit, die mau sehe» lernen nuih. Man kann es nicht. Wenn man jung ist, verschwendet man sich. Dann hat man in, Kopf einen Harnen von Phantasien, Träumen und fertigen Ideen. Man sucht die Dinge in, Kopf, man muh aber die Augen aufmachen lernen. Da« ist schwer. Ich selbst habe die Hälfte meines Leben» damit verbracht, die Kunstgriffe zu vergessen und mich von dem zu befreien. was man mich gelehrt halte." Dann geht Rodin darauf ei», lvi« ihm das Zeichnen bei der Bildhauerei zu statten kommt:.Immer nnd inimer habe ick, die Natur in ihrer Naivität nachgebildet und durch Uebertreibung der Bewegung erhalte ich zuweilen eine Geschmeidig- keit, die sich der Wahrheit nähert. Ties ist in einem Worte das. was die Alien taten: die erweiterten die Natur. Die Griechen waren reine Realisten. Die Venns von McloS ist die Nachbildung eines weiblichen Körper« nach dem Leben. Man mag sie Venns nennen oder wie man will, eö ist ein wirkliches Weib und darum ist sie schön. Die grohen Künstler des Altertums sahen die Natur mit einfältigen Augen au. Sie sahen gut. sie bildeten gut«ach, und so wurde mau von ihren Werken bewegt: in ihnen ist eine Sekunde oder eine Minute de? veränderlichen unendlichen Geheimnisses festgehalten." Weiter kommt Nodin aiif die Schönheit des nie lisch» lichen Körper? zu sprechen:„Seit den 60 Jahren, in denen ich ihn studiere, entdecke ich täglich neue Seite», die ich noch nicht kannte. Meine Modelle enthüllen mir häufig seine Schönheit, wenn sie ihre Pose aufgeben. Ich ordne nie eine bestimmte Bewegung an. sondern sage dem Modell: sei zornig, träume, bete, weine. tanze. An mir liegt cS dann, die Linie herauszugreifen mid{est- zuhalte», die ich für wahr halte. Es ist mit diese» Slelliiugeit und Belvegiingeii wie mit den Wellen des MeereS; ihre Mannig» faltigkcit ist unendlich und die ganze Schönheit de« Menschen ist in der Prometheusfabel enthalten... Im Anfange meiner Lauf- bahn fragte ich jede« Modell nach den Werkstätten, in denen cS Modell gestanden hatte und wenn eS aus der Ecole kam, merkte ich es nur zu bald: sobald eS auf de» Tisch gestiegen war, nahm das Modell eine der Bewegungen an, die sie dort lernen und immer waren diese Bewegungen falsch. Soll man sich darüber wundern? WaS lehrt man denn dort? Die Komposition, eine Theatcrivisseuschaft, die Wissenschaft der Lüge. Man nmb auf die Natur hören; sie ist die ewige Wissenschast iind die»iiierschöpfliche Onelle, durch sie können wir die Wahrheil kennen lernen, durch sie unser erworbene« Gut unaufhörlich bereichern. Sich ans die Phantasie zu verlassen heißt, seine Ohnmacht eingestehen. Was ist denn die Phantasie anders, als die Fähigkeit, Erinnerungen zusammen- zustellen? Unsere Erinnerlingeii aber sind beschränkt' und die Phantasie hat ihre Grenzen, während die unendliche Natur unauf» hörlich einen unerschöpflichen Vorgang bereit hält, dessen unendliche Fülle der Eindrücke uns anzieht." Sprachkundliches. Kosewörter. Schon in den geschichtlich für»nZ erreichbaren ältesten Zeiten unseres Volkstums sehen wir, wie an Stelle der vollen Personennamen gern Kosenamen eintreten; man denke an den Wcstgolenbischof, der den Namen Wulfila führte, eine Kose- form zu dein Vollnamen mit Wulf s— Wolf), an Wnlfhart n. a. Nach neueren Untersuchungen haben alle unsere Koseformen ihren Ursprung bei diesen Eigennamen. Auch GattungSnainen gewinnen so eben etwas den Eigennamen Verwandtes. Der Mensch rückt sich auch gewaltige Naturerscheinungen durch derartige Sprachformeir »nendlich näher und verkehrt mit ihnen wie mit seinesgleichen. So nennt der Schweizer einen mächtigen Berg ein Bergli und ein schweres Donnerwetter ein Wetterli, und der Ortler, der höchste Berg der österreichischen Aspen, heißt eigentlich Ortle, d. h. Spitzlein. Wir sehe» bei jeder Bollssprache eine ausgesprochene Vorliebe für solche Kosewörter, die immer etwas Trauliches, GemütlilbeS an sich tragen. Man denke nur an Kose« ivörter wie alemannisch: Bubi, Aetli, Tierli, österreichisch Diendl, Sckmadahüpfl, schleiße Madel, Gänseblieinel, moselsränkisch Bliem- cher, Gickelcher, westfälisch Bäckskc?, Engelkes u. a. Daher liebte auch die deutsche Bergmamissprache Ausdrücke wie Nestlein, Kliiftlein n. a. So nennt der Bergmann Körnchen von edlem Metall Aeuglein, eine lleine Sanduhr Sandseigerlem, eine Spreize, an der die Fahrt, d. h. die Leiter, mittels eiserner Bänder befestigt wird. Fröschel, das Hau?, in dem ein Bergjunge auf das Schlagen der Uhr acht geben mußte, damit rechtzeitig Schicht gemacht wurde, Horchhänsel u. a. Auch die belannten Harzer„Vogelhaisel" mit ihren Kanarienvögeln gehören hieiher,__ Vorwärts Biichdrnckereiu.Verlag«anstal: Paul SingerL-Co.,BerlmSAk.