Unterhaltungsblatt des vorwärts Nr. K6. Freitag, den 2. April. lttl4 V*0 o ei Im Sauernlanö. Von Johan Skjoldborg. Sic scheint in die Breite zu toochseir, wie sie so da siht, mit einem Kind in jedem Arm. Ihre hiibschen dunklen Aulieu brauen zeichnen sich so scharf ab siwn die feine Stirn. Eine nrosie Schönbeit und Stärke und ein eiaenartiaer Glanz liegt über ihr in diesem Augenblick Das kommt dalwr. weil ibr Herz srob und stolz ist, tveil sie spürt, wie der warme Strom des Lebens durch ihre Brust rinnt.... Es ist als strahle ein Licht aus einer anderen Welt über diese kleine Gruppe. Dann fragt der kleine Per wiederum ungeduldig, ob sie jetzt nicht bald etwas zu essen bekommen. Sofort waren die Schatten wieder da. der Glanz M'r- scklwunde».— Sophie trug still das Essen auf de» Tisch. ES bestand aus einem Stück Brot, einer Kanne Wasser, einem Teller dampfender Kartoffeln und Mehltunke. Es macht kein Vergnügen, auf diese Weise den Tisch zu decken. Noch dazu in der Weihnachtszeit. Es ist so armselig— so still im Zimmer, wähnend sie essen. Die herrlichen Kartoffeln verschwinden schnell vom Teller. Und es dauert auch gar nicht lange, dann sind nur noch das Brot und das Wasser übrig. „Ach Du lieber Himmel!" ruft Sophie.„Dort kommt der Pastor? Ist das nicht der Pastor?" Per blickt hinaus.„Ja. allerdings, das ist er." Sophie fährt in die Höbe und streicht mit den Fingern glättend über daS Haar. Sie weih kaum, was sie anfangen soll. „Setz Du Dich nur ganz ruhig hin!" sagt Per.„Wir brauchen keine Geschichten zu machen, weil solch einer an- kommt!" „Guten Tag!" sagt der Pastor. Es war ein jüngerer Mann ohiie Bart. „Ein recht frohes Weihnachtsfest wünsche ich Euch." Der Pastor gibt Per und Sophie die Hand und den Kindern ebenfalls. Sophie ergreift den solidesten Stuhl, den sie einen schnellen Wischer mit der Schürze gibt. Der Pastor setzt sich vorsichtig nieder. Er räuspert sich. Er nimmt die Brille ab und trocknet die Gläser mit seinem Taschentuch. „Hm— nun ja!" beginnt er.„Hm— ja, ich bin gerade dabei, einen Gang durch meine Gemeinde z» tun.— Wie steht es denn. Per Holt?" Der Pastor starrt ihn über seine Brillengläser hinweg an. „Ach, danke schön," antwortet Per.„An Wasser und Brot leiden wir keinen Mangel— wenigstens vorläufig." „Hm— sagen Sie mir einmal— warum sind Sie so bitter. Per?" „Weil das die Wirklichkeit ist.— Reden. Worte, Lügen und Humbug, davon habe ich nun genug gehabt." Der Pastor räuspert sich: er antlvortet ruhig und über- legen: „Was reden Sie da: Sie wissen ja ganz genau, das; eS hier keinen gibt, der wirklich Not leidet!". „Gibt es nicht?" „Nein. Nicht hier in unserem Laude!" „Du lieber Hinimel! Wie wenig Sie die wirklichen Ver- hältnisse kennen. Herr Pastor! Wie können Sie es wagen. vom Leben zu reden!" Der Pastor hebt die Stimme: „Das Leben, von dem ich spreche, das ist das Laben in Gott!" „Ist denn das ein Leben, da? mit der Wirklichkeit nichts zu tun Hat?" „Hm— es gibt ja etwas, das die geistige Wirklichkeit heiht, mein bester Mann, die Wirklichkeit der Seele, das weiß ich!" „Ja, aber i ch weiß, das es hier im Lande ante Leute gibt die hungern» daß die Schviarte knackt." Der Pastor schüttelt den Kopf. „Na. na." „Und es existiert vielleicht nicht eine einzige Hütte in unserer eigenen Gemeinde, in der nicht die Not herrscht." „Ist es da nicht die Schuld der Leute selber?" „Ja, Sie können es sich ja selber ausrechnen: Sie tvissen, was wir verdienen— für das Winterhalbjahr gibt es über- lxmpt nichts zu rechnen.... Aber solche Leute wie Niels Nask vom Hoibyhofe, wie unser eigener WeuieindetKistor auch und andere große Herren hier, die. mitten zwischen uns wohnen, die kennen nicht einmal unsere Situation— sei es nun, daß sie es nicht wollen ober daß sie es nicht können.... Wir sind zwei Sorten Menschen, Herr Pastor! Zwei Sorten Menschen, die Tür an Tür wohne», in dem- selben Lande, in derselben Gemeinde. Das ist die Wahrheit!" Der Pastor räuspert sich." Er will sich beherrschen. Er will ruhig bleiben trotz Pers aufreizender Worte. „Sind Sie dessen sicher, was Sie sagen. Per? Forschen Sie einmal in Ihrem Herzen: glauben Sie nicht, daß es Neid und Haß sind, die aus Ihnen reden?" Per steht ans. „Ja, sehen Sie, Herr Pastor. Meine Frau könnte ein genau so nette Dame sein wie Ihre Frau, und meine Kinder könnten wohl ebenso gut zur Schule gehen und unterrichtete Menschen tverden, wenn»vir in besseren Verhältnissen lebten. Nennen Sie es, wie sie wollen: aber sehen Sie: wenn ich über all diese Dinge zu viel und zu oft nachdenke, dann kann ich des Nachts nicht schlafen!" Der Pastor sitzt ganz still da. Und er horcht auf jedes Wort, das Per sagt. „Ja, aber was wollen Sie denn eigentlich, das ein Pastor tun soll. Verlangen Sie wirklich, daß er alles hingeben soll, was sein ist... Nun ja, selbst wenn ich alles fortgeben wollte, was mein ist, wie wenig würde das helfen!" „Nein... Pastor Petersen—" Pers Stimme wird plötzlich weich und einschmeichelnd, fast flehend.—„Pastor Petersen, wenn Sie wirklich etwas tun wollen, dann setzen Sie sich an die Spitze von uns armen Leuten, damit uns unser Recht»verde in der Gesellschaft." Und mit flammendem Blick fügt er hinzu: „Wir werden Ihnen folgen!" Es entsteht eine kleine Pause. Per beobachtet gespannt den Pastor, der dasitzt, als dächt« er angestrengt nach, als sähe er im Geiste eine Lichtung vor sich, und er blinzelt mit de» Augen. Darauf seufzt er und sagt, indem er kaum merklich die Schultern hochzieht: „Ich bin dock? kein Landarbeiter!" Per seufzt:„Ja, ich habe es inir wohl gedacht! Ich habe es mir»vohl gedacht!" wiederholte er enttäuscht, halb für sich. „Ja, aber—" der Pastor machte eine heftige Betvegung init der Hand,„Sie können doch ivohl begreifen/daß ich als Pastor...»vas würden die anderen i?i der Gemeinde sagen?..." „Ja, der Hoibykönig zum Beispiel— hahaha!" Pers Stimmung»vechselte abenuals: er lachte den Pastor höhnisch an. Pastor Petersen bückt sich und kritzelt mit dem Stock auf der Lehmdiele. „Nein, Sie sind ein armer Wicht, Herr Pastor, und haben bei uns eigentlich gar nichts zu suchen." Plötzlich wandte sich der Pastor Sophie zu: „Was sagen Sie denn eigentlich dazu, gute Frau. Wir Männer fassen die Diirge häufig so verquer an." Sophie wußte nicht,»vas sie antworten sollte. Der Pastor lächelte den Kindern zu, die rings umher standen und ihn mit großen unschuldigen Augen ansahen: er sprach in ungewöhnlich freundlicher Weise mit ihnen. Dann »vandte er sich»vieder Sophie zu. „Es sind kräftige Kinder, die Sie haben!" „Haben Sie mehr gehabt?" fragte er. Aber er merkte es Sophie an, daß er hier auf einen Wunden Punkt ncftofKn war und lenkte sofort in fmindlichem Ton das Gespräch auf ein anderes Thema, wodei er einige Worte darüber fallen lieh, dasz das, was Gott ausgehoben habe, gut aufgehoben sei.„Ja eigentlich war es auch das Jenseitige, worüber ich mit Ihnen sprechen wollte, das können Sic sich ja auch denken— namentlich jeht in der Weihnachts» zeit!—". Der Pastor erhob sich. Eine Weile stand er da ohne.zu sprechen. Tann sagte er so herzlich demütig, so sonderbar, schien es ihnen beiden: „Ich bin mir ein geringer Mann, aber der Herr, dem ich diene, der ist reich und mächtig. Ich will ihn von ganzem Herzen bitten, das; er dieses Hans, dasi er Eure prächtigen Kinder segne. Auf das; Ihr so recht in Eurem Herzen seine unendliche Güte erfassen könnt! Und das; Ihr seinen Namen preisen lernt!" Bei diesen Worten reichte er ihnen beiden warin die Hand. Seine. Stimme hatte dabei einen so eigentümlich schönen Klang, das; Sophie sofort zn weinen begann. Aber Per hielt sich steif. Als der Pastor fort war, sagte sie: „Glaubst Du nicht, Per, das; er trotzdem ein guter Mann ist?" „Ja, jawohl..., aber mau kann sich nicht auf sie ver- lassen."_ l�orts. folgt.) 4] Der Eisgang. Von M a x i in G o r k i.(Autorisierte Uebersetzung von August Scholz. Wir näherten»ns bereits der Mitte des ettva zloolshundert Schritte breiten Eisgiirtcls, als plötzlich voin Oberlauf des Flusses ein unheimliches Geräusch ertönte und in demselben Augenblick das Eis unter meinen Fähen in Bewegung geriet. Ich kam ins Schtvaukeu, verlor den Halt und sank höchst verblüfft in die Knie. Ich blickte stromaufwärts, und ein jäher Schreck schnürte mir die Kehle zu: die graue EiSrinde erschien plötzlich lebendig, sie kiuminte und wand sich, auf der glatten Oberfläche zeigten sich Schwellungen und scharfe kantige Ecke», und durch die Luft hallte ein seltsamer Laut— wie wenn jemand mit schwerem Schritt über Glasscherben hinginge. Mit leisem Zischen und Gluckern floh ringS nin mich das Wasser daher, ich hörte daS Knacken der mitgenommene» Bretter und daS Schreien der Zimmerlente. die in ihrer Angst in einen Haufen zn- fammenlicfeu, während Ossips helle Stimme, den Lärm übertönend, sie auseinandertrieb: „Was läuft Ihr aus einen Hansen zusammen?... Ausein- ander... auseinander! Bleibe jeder für sich, meine Lieben!... Das Eis ist im Gange, ja! Nur Mut, Kinderchen, nur Mut!..." Er sprang hin und her, als wenn ein Wespenschwarm ihn über- fallen hätte, und handhabte die mächtige Wasserwage wie ein Gewehr, hieb und stach damit um sich, als wenn er mit jemand kämpstc, die Stadt aber schwamm weiter und weiter an ihm vor- über. Das Eis unter mir knirschte und brach in Stücke, das Wasser floh mir über die Fühe, und ich sprang auf und stürzte blindlings zu Ossip hin. „Wohin denn schrie er mich an»nd schwang die Wasscrwage iir der Luft.„Bleib stehen, zum Teufel!" ES schien mir gar nicht mehr Ossip zu sein, den ich da Vor mir sah— sein Gesicht tvar so auffallend verjüngt, alles Bekannte war von ihm wie weggewischt, die blauen Augen waren grau geworden und er schien um eine ganze Elle gewachsen. Schlank und gerade wie ein neuer Nagel, die Beine straff zusammennehmend und sich gerade aufrichtend, kies er laut: „Dreht Euch nicht hin und her l Lauft nicht so zum Haufen zu- sammen— ich schlag' Euch sonst die Schädel ein!" lind Von neuem schwang er die Wasserwage gegen mich. „Wohin willst Du denn k" „slich bin so erschrocken!" „Wovor?" „Wir iverden ertrinken", sagte ich leise. „Unsinn! Halt's Maul, Junge.. Daun sah er mich jedoch an und fügte sanfter hinzu: „Ertrinken kann jeder Dummkopf..'. HerauSkrabbclu muht Du, Dich herausschlängeln..." Und eine Flut von erinuntcriidcn Worten kam über seine Lippen, tvobei er Runipf und Kopf behend hin und her wandte. Das Eis knisterte und knackte, während es allmählich zerbarst, wir aber schwebten langsam an der Stadt vorüber. ES ist, als ob irgend eine elementare Kraft im Schohe der Erde erwacht wäre und die Ufer zerrisse: während ein Teij»och unbeweglich verharrt, entschwindet der andere stromaufwärts,»nd bald muh die Erde sich spalten... Diese unheimliche, langsame Bewegung hob fast daS Gefühl des Zusammenhanges mir der Erde auf: alles entschwebte, und die Brust war beklommen, die Beine versagten den Dienst. Am Himmel zogen still rote Wolken dahin, und die Eisschollen, die sie wider- spiegelten, erschienen gleichfalls rot, als hätten sie sich ganz besonders angestrengt, mich zn erreiche». Der ganze lebendige Leib der Erde ist kreisend erwacht und reckt sich, hoch wölbt sich die von Lebenskraft erfüllte Riesenbrust, die Knochen und Gelenke krachen, und der Fluh, die mächtige Ader in dem Fleische der Erde, schwilkr über von den zuströmenden jungen Säfte». Ein bedrückendes Gefühl der eigenen Kleinheit und Ohnmacht legt sich inmitten dieser selbstsicheren, ruhigen Bewegung der Massen auf die Seele, doch schon regt sich in ihr der kecke mensch- lichc Protest— das Gelüste, den Arm auszustrecken, gebieterisch die Hand auf den Berg, das llfer drüben zn legen und zu rufen: „Halt still, bis ich zu dir hiniibergelangt bin I..." Schwermütig seufzt das tönende Erz der Glocken mir ins Ohr — doch ich weih, dah nur ein Tag wenig oder mehr vergehen wird bis zu der Stunde, da es mitten in der Nacht mit freudigem Schall die Auferstehung verkünden wird. O, möchte ich doch diese Stunde, dieses Freudengeläut er- leben I... ... Die sieben dunklen Gestalten tanzten, auf dem Eise auf und' ab springend, vor meinem Auge dahin; sie fuchtelten, die Balance suchend, mit den Brettern in der Lust hin und her, als wenn sie diese mit Harken bearbeiteten, ihnen voraus aber drehte sich wie ein Kreisel der muntere Alte, der etwas vom Wunder- täter Nikolaus hatte, und jeden Augenblick ertönte seine Ivarnende Slimnie: „Anfgepa— aatzt!" Der Fluh wurde rauh und uneben, sein lebendiger Rücken bebte und wand sich unter unseren Fühe», und immer häusiger quoll unter dein schuppigen Eispanzer sein flüssiger Leib— daS trübe, kalte, graue Wasser-- gierig unsere Fühe beleckend, hervor. ES war, als ob Menschen ans einer ganz dünnen Stange über einen gähnenden Abgrund hillschritten. DaS leise lockende Plätschern des Wassers erzeugte die Borsteklung einer bodenlosen Tiefe: uuwill- kürlich malte die Phantasie sich aus, wie der Körper lange, lange Zeit i» diese kalte, einzwängende Masse hinabsinken, wie die Seh- krast schwinden und das Herz stillstehen würde. Die Leichen Er- trunkeiier traten vor die Seele: benagte Gliedniahcn, gedunsene Ge- sichicr mit. vorquellenden, glasigen Augen, geschwollene Hände mit ausgespreizten Fingern, von denen die Haut sich löste.... Zuerst geriet Mokjej Budyrin unter's Eis; er ging vor dem Mordwinen her, schweigsam Ivie immer, wie geistesabwesend; er war der ruhigste von allen, und plötzlich, als hätte ihn jemand an den Beinen(jepackt und jäh biuabgczogen, war er verschwunden, und über dem Eise waren nur sein Kopf und die Arme geblieben, die sich krampfhaft au daS Brett anklammerten. „Helft ihm doch I" schrie Ossip,„aber drängt nicht gleich alle hin!... Einer, ztvei mögen Helsen!" Moljej aber prustete und schnaubte und sprach zu dem Mordwinen und mir, die wir uns ihm näherten: „Weg da. JungenS.. ich kriech' schon selbst heraus... hat nichts zu sagen." Er krabbelte aufs Eis hinauf und sagte, das Wasser aus seinen Kleidern schüttelnd: „Verdammt noch mal— da kann man ja ertrinken, eh' man � sich'S versieht I" t Wie er jetzt so die Zähne fletschte und mit der grotzen Zunge seinen nasse» Schnurrbart beleckte, sah er einem rnhigen grotzen . Hunde ganz besonders ähnlich. j Ich mutzte daran denken, wie er einen Monat vorher sich mit dem Beil ein Daumenglied der linken Hand glatt abgehauen hatte .— er hob das abgehauene bleiche Stück Finger mit dem blau- gcwordcncn Nagel vom Boden auf, betrachtete es mit dem düsteren , Blick seiner miergriindlichcn Augen und sagte dann leise, in be- r dauerndem Tone: ,„Wie oft Hab' ich ihn auf den Kopf geklopft, den armen Kerl .— nicht zu zählen ist's!... Er war nämlich ausgereckt und konnte nicht recht greifen... Jetzt will ich ihn begraben..." Er umwickelte das abgehauene Stück sorgfältig mit einem Hobel- span, steckte es in die Tasche und ging dann erst daran, die ver- wundete Hand zu verbinden. Der Zweite, der ins Wasser plumpste, tvar Bojcw— es sah aus, als sei er von selbst unterS Eis getaucht; ivie wahnsinnig bc- gann er zu schreien: „O Gott, ich ert— trinke... Der Tod kommt, Brüder... o helft mir..." Er gebürdete sich in seiner Angst lvic toll, schlug um sich und zappelte krampshaft, dah cS nur mit Mühe gelang, ihn herauSzu- , ziehen. Der Mordwine stürzte bei dem Rettungswerk kopfüber ins Wasser und tväre um ei» Haar ertrunken. ,„Da wär' ich ja beinah zn den Teufeln zur Abendandacht gc- kommen I" sagte er mit verjcgcnem Lächein, als er wieder aufs Eis , heraufgellcttcrt war. i Gleich darauf siel Bojelv zum zlveitcmnal inS Wasser und begann e abermals zu schreien. ,„Halt'S Maul, Du Hasenherz I" rief Ossip ihm zu und drohte j ihm mit der Wassrrlvage.�„WaS erschreckst Du die Leute? Ich stops' Dir gleich den Rache»! Schnallt die Gürtel ab, JuugeuS, und dreht l die Taschen um, datz kein Wasser hineinläuft...'S tvird dann : leichter gehen..." � l Alle zehu� Schritte lveit gähnten uns knirschende, trüben Schaum - ausspeiende Schlünde entgegen, deren blaue Eiszacken ivie scharfe ZMne noch unsere» Fllhcn zu schnappeir schienen, als wollte der Slroin uns hinabschlingen, wie eine Schlange junge Frösche Der- schlingt. Schuhwerk und Kleider waren nast geworden, zogen uns nieder und hinderle» uns an» Springen. Unförmlich, stumm, wie beleckt Don der Flut, schritten Ivir langsam und demütig DorwärtS. Rur Ossip hatte seine Laune nicht verloren: er schien die Spalten im Eise voraus zu ahnen, und obschon er ebenso nas; war wie alle ander», sprang er doch wie ein Hase Don Scholle zu Scholle: hatte er einen Sprung gemacht, �so blieb er einen Augenblick stehen, sah sich um und rief mit heller Stimme: „Die Augen auf I Immer ausgepabt, hört Ihr V Er spielte mit dem Strome: dieser suchte ihn zu fassen, er aber wußte sich zu toinden und zu schlängeln, verstand seinen tÄriffen zu emgehen und seinen versteckten Falle» auszuweichen. Es schien fast, als ob er den ganzen Eisgang lenke und uns die größten lind be- quemsten Schollen unter die Füße schiebe. „Rur nicht verzweifeln, meine lieben Gotteskinder!" rief er uns zu. «Seht mal den Onkel Ossip!" sprach der Mordwine in stiller Begeisterung.„Das ist ein Mensch... ja, das ist wirtlich ein Mensch I Seht ihn doch mal, seht!" Fe näher wir dem User kamen, desto kleiner wurden die Eis- schollen, und desto häufiger kam es vor, daß der eine oder andere von uns ins Wasser fiel. Die Stadt>oar schon fast ganz vorüber- geschwebt— bald mußten wir an der Einmündung des Flusses in die Wolga sein, deren Eis noch nicht in Gang gekommen tvar. Wie, wenn die Strömung uns da hinunter triebe k „Wir werden wohl ertrinken.. sagte leise der Mordwine und blickte»ach links hinüber, in das bläulich-trübe Abenddunkel. Doch plötzlich blieb eine riesige Eisscholle, als ob sie Mitleid mit uns fühlte, mit einer Ecke am Ufer hängen, schob sich knirschend und krachend hinauf und blieb stehen. „Nun rennt lo— öS!" schrie Ossip ganz außer sich,„so rasch, wie ihr nur könnt I" Er sprang auf die Schollen, glitt aus und fiel hin— und so, am Rande des EiseS sitzend, ganz vom Wasser bespritzt, ließ er imS alle an sich voriiberlaufen. In drängender Hast erreichten fünf Mann das Ufer, ich aber blieb mit dem Mordwinen zurück, um Ossip zu helfen. „So rennt doch, Ihr Schafsköpfe... mm doch, vorwärts I" rief er uns zu. Sein Gesicht war ganz blau und zitterte, die Augen waren er- loschen, der Mund stand seltsam auf... „Steh doch auf T... riefen wir ihm zu. Er ließ den Kopf sinken. „Ich kann nicht... cS scheint, daß ich das Bein gebrochen habe.. Wir hoben ihn auf und trugen ihn; er hatte feine Arme um unsere Nacken gelegt und murmelte unter Zähneklappern: „Ersäuft mich nur nicht, Ihr Waldteufel... Nun, Gott sei Dank, bis jetzt ist's gut gegangen... Gebt nur recht acht... drei Mann wird's kam» tragen! Sucht die Stellen aus, wo kein Schnee auf dem Eis liegt, da ist es fester... Oder laßt mich lieber los..." Er sah mir init zusammengekniffenen Augen ins Gesicht und fragte: „Und das Buch unserer Sünden— das ist wohl ganz naß ge- worden, wie? Oder hast Du's gar verloren?" AlS wir das EiSstück verließen, das sich aiifS Ufer hinauf- geschoben und dabei eins der dort liegenden Fischerboote förmlich zertrümmert hatte, brach das auf dem Wasser liegende Ende der Scholle plötzlich ab, tauchte klatschend ins Wasser und schwamni davon. „Nim seh' einer I" sagte der Mordwine verwundert,„als ob sie's so berechnet hätte!" Durch und durch naß und erfroren, doch in heiterer Stimmung, standen ivir nun am Ilfer mitten unter den Leuten, die auS der Vorstadt herbeigeeilt Ware». Bojew und der Soldat zankten berelts mit ihnen. Wir legten Ojsip auf ein paar Balken nieder, die am Ufer lagen. „Denkt Euch, Kinder— MakarS Buch ist zum Teufel, ganz anfgeiveicht ist'S, daß man nichts mehr drin lesen kann..." Dieses Buch trug ich in meiner Brusttasche, und es drückte mich dort ivie ein Ziegelstein; nubcnierkt nahm ich es heraus und warf es Iveit in den Fluß hinein, Ivo eS wie ein hüpfender Frosch gegen das dunkle Wasser klatschte.(Schluß folgt. Techmsthe Rundschau. (Telephonic auf weite Entfernungen; d a s M u r g- >v c r 1 1 Preßkartoffeln; I ii n st l i ch e s Tageslicht.) Am 1. April wurde die ielephonische Linie zwischen Berlin und Mailand dem Verkehr übergeben. Es bereitet nun der Technik nicht geringe Schwierigkeiten, wenn sie ans eine Strecke von 1300 bis 1400 Kilometer— und um eine solche handelt es sich hier— ein deutliches Telcphoniercn möglich machen soll. Beim Telegraphieren ist die Aufgabe einer sicheren llebermittelung verhältnismäßig viel leichter zu lösen. Werden doch— wenigstens wo mit einfachen Morsezeichcn gearbeitet wird— lediglich kurze und längere Stromstöße in die Leitung gesendet, und das sind zwei Elemente, dle auch auf sehr bedeutende Entfernungen noch einiger maßen sicher und nnverwischt an, Ziel anlangen. Beim Telephonierei« müssen aber überaus schnelle und auf das mannigfachste abgetönte Wellen übermittelt werden, und es können dabei schon geringe Stö- rnngen und Verstümmelungen das Abhören erschweren. Will man mm über eine sehr lange Strecke telephonieren, so wird nian zunächst dafür zu sorgen haben, daß der Widerstand der Leitung ein möglichst geringer werde. Man wird darum nicht nur das viel besser leitende Kupfer dem Eisen vorziehen— das geschieht ja auch bei kürzeren Leitungen— sondern man nuitz auch dem Draht cinen Verhältnis- mäßig großen Ouerschnitt geben. Dann wird sein Widerstand gering, das heißt es wird seine Leistungsfähigkeit groß. Die Leitung Bcrlin-Mniland zeigt denn auch einen Knpferdraht, dessen Durchmesser nicht weniger als 4.ö Millimeter beträgt. Und ein Kilometer solchen Drahtes hat mir reichlich ein Ohm Widerstand. Nim kommt aber noch ein störender Umstand hinzu. Eine Leitung ist nämlich wie eine große Lchdener Flasche aufzufassen, oder wie ein dickes Rohr, in das Wasser gepreßt wird. Der Elektrizität— oder de», Wasser— steht also ein weiter Raum zur Verfügung, in dem sie sicki ergießen kann. Der abgehende Strom ist daher sehr kräftig. Leider ist aber Entsprechendes auf der Empfangsstation nicht der Fall. Hier kommen die Wellen vielmehr stark gcschivächt an, weil der größte Teil der Elektrizität in jenem großen Stammbehälter, den die Leitung darstellt, gefangen bleibt. lind beim Telephonieren zeigt sich dieser Miß- stand besonders darin, daß gerade die hohen Töne, die der Sprache den Charakter verleihen, stark gedämpft erscheinen. Mau hat nun hier Abhilfe mittels der. Pu pinspulen" geschaffen. ES sind dies Spulen, in denen ein Eiseukeru steckt, also Organe, die mau einfach als„Elcktromaguete" bezeichnen kann. Bei der Linie Berlin— Mailand ist z. B. alle zehn Kilometer eine Pupin» spule in den Draht eingeschaltet, indem sie am Gestänge befestigt ist. Schickt man eine» Strom durch solche Spulen, so wird er langsam anwachse», weil ja der Magnetismus, der sich im Kern entwickelt, erst aufgebaut werden muß. Die Pupinspulen wirken also gerade entgegengesetzt wie die Ladungsfähigkeit. Und es ist daher klar, daß ein geschicktes Abwägen der gegnerischen Kräfte sie scheinbar Der- schwinden lassen kann. * Eine der größten Wasserkräfte, die Deutschland aufzuweisen hat, die der M u r g im badischcn Schwarzwald, wird in diesem Frühjahr zum Ausbau kommen. Es ist ein eigenes Schicksal, daß Deutsch- land. dem die Ersindnng der elektrischen Kraftübertragung zu danken ist, fast am spätesten daran geht, seine Schätze an„weißer Kohle" zu heben. Die Murg ist ein echter Gcbirgsfluß, mit durchschnittlich wenig Wasser, aber sehr starkem Gefälle. Wenn die Kraftanlage sich mit der früher hier geschilderten am Mississippi nicht vergleichen kann, so ist sie dennoch von recht stattlicher Größe. Bei vollem Ausbau wird sie fast Ißt) 000 Pferdekräfte ergeben. Zunächst werden zwei Stufen des Gefälles ausgebaut, die zusammen 55 000 Pferdestärken liefern. Die erste Stufe nützt die aufgestaute Murg selbst aus und arbeitet mit 140 Meter Gefälle, die zweite wird erzielt durch Talsperren in den Nebentälern, die sogar 340 Meter Gefälle ergeben. Für den vollen Ausbau mußte noch eine Stauung er- folgen, die über die LaudeSgrenze hinaus ins Wiirtlembergische reicht, deshalb erfordert diese Stufe noch diplomatische Verhandlungen. DaS Kraftwerk liegt ziemlich hoch oben im Schwarz- Wald bei Forbach; infolgedessen muß die Energie sehr weit fortgeleitet werden, da Verbraucher in der Nähe kaum zu finden sind. In Betracht kommt dafür vor allein die industriereiche Nordwestecke Badens, also Mannheim und Um- gebung, wohl auch Karlsruhe. Bis Mannheim beträgt aber die Entfernmig 125 Kilometer; um die sehr große Encrgicmeuge auf diese Strecke zu übertrage», wurde die für deutsche Verhältnisse riesenhafte Spannung von 110 000 Volt gewählt. In Amerika gibt eS freilich wohl schon ein Dutzend Anlagen dieser Art, bei uns ist im allgemeinen nicht der Platz dafür, weil die Zentralen sowohl als auch die Entfernungen nicht groß genug sind. Freilich gibt es bereits zwei Aulagen, die mit 100 000 Volt arbeiten, bei beiden wurde aber diese Spannung wohl gewählt, um einmal eine 100 000» Volt-Anlage zu bauen. Beim Murgiverk ist es eine Notwendigkeit. Schwierigkeiten macht die Isolation für so hohe Spannungen, die gewöhnlichen, aufrecht auf eisernen Stützen stehenden Isolatoren reichen ja da nicht mehr aus, es kommen deshalb nur die so- genannten Hängeisolatoren in Frage, eine amerikanische Erfindung, bei der mehrere Einzelglieder aus Porzellan mit einander vcr- blinden werden, wie eine Kette hängen sie vom Mast herunter und tragen mit dein letzten Gliede den Leitungsdraht oder das Drahtseil. Diese Hängeisolatoren sind in der Anwendung sehr bequem, weil man für jede Größe der Spannung so viel Glieder aneinanderreiht, als gerade gebraucht werden. Für 110 000 Volt nimmt man z. B. 0 oder 7 Glieder, für 140 000 Volt würde liian ungefähr 10 nehmen müssen u. s. f. Vorläufig ist eine Kraftabgabe mir in Karlsruhe und Mannheim vorgesehen. Jedoch wird wohl das Vorhandensein einer solchen Kraftquelle anreizend auf verschiedene Industriezweige wirken, sich im südlichen Baden niederzulassen, wenn sie die Elektrizität genügend billig erhält. So ist ja ein industrielles Zentrum im südlichen Baden, an der Schweizer Grenze, entstanden, das auf der Kraft des Rheins basiert. Namentlich die chemische Industrie kann so leicht herbeigezogen ivcrden, besonders wenn die Verkehrsgelegenheit günstig ist.' Mit der Zeit wird wohl ber wirtsckaftlicke Schwerpunkt Deutschland« bedeutend nach Siiden Verschvbcn werden, da hier die meisten und größten Wasserkräfte vorhanden find. Rur die energische Aufschliehung der norddeutschen Moore kann ein Gegengewicht bilden. Da die nicht nur al« Nahrungsmittel siir Menschen und Tiere, foudern auch al» Rohmaterial sih die Spiritus«, Stärke- und Prefi- heiesabrikalion äufierst wichtige Rartofiel längere» Lagern nicht er- trägt, ohne zu verderben, und da fie serner beim Lagern sehr stark verliert, hat man schon seit längerem eine Reihe von Konservierung«- Methoden siir Kartoffeln zur Anwendung gebracht. Am bekanntesten und verbreitetsten dürste wohl, wie„Promethcu»" berichtet, da» Trocknen sein, das eine unbegrenzt haltbare Dauerware liefert. Neuerding» werden nun von der Berlin-Anhaltischen Maschinenbau- Altienacsellschast Kartofielkonserven nach einem neuen patentierten Verfahren erzeugt, die gegennbeer den Troclenkartoffeln nainentlich deir Borzug äugerst geringen Volumen» besitzen. Die ge- wascheuen Kartoffeln werden geschält— wenn sie als Biehsuttcr Berwendung finden sollen, kann da» Schälen nawrgcmäfi unterbleiben— und dann vorgetrocknet, wobei schon ein grofier Teil de» Wasser» ausgetrieben wird. Da» vorgetrocknete Material wird dann m geeigneten Pressen unter Druck gesetzt, der in der kurzen Zeit von etwa 2 Minuten auf über 1000 Kilogramm aus den Quadratzentimeler gesteigert wird. Auf diese Weise wird da» Boluuic» der Kartoffeln ans etwa Vg de» ursprünglichen vermindert, und da» Prefigui, da» Karlofsclbritett, zeigt eine ganz glatte, glaSbarU Obcrfläcbe, die e? auch bei längerer Lagerung beibehält, so dag Feuchtigkeit und Keime nicht eindringe» und die Fäulnis herbrisühren können.— Ob die Preßkartofseln die rasch beliebt gewordenen Trockenkartofseln verdrängen werden, wird in der Hauptsache von den Kosten de» Prctzversahren» abhängen, die ober schwerlich geringer, wahrscheinlich sogar erheblich höher sind, al« die de? reinen Trocknens. * Man hat von den, Zeitalter, in dem wir leben, schon alle» mögliche Charakteristische zu sagen versucht, man hat vom Jahr- hundert de» DampseS, der Clcktrizität. des Weltfriedens u. a. m. gesprochen, aber noch niemand hat c» je al» das Zeitalter des Lichtes bezeichnet, und doch wäre dicie Bezeichnung vielleicht angebrachter al« irgendeine andere. Denn wenn in einem Betracht unsere Ansprüche an das Leben unendlich über die der Vor- fahren hinausgewachsen sind, so in betreff de» Lichte». In welchen engen, licht- und lustlosen Gassen und Winkeln lebten diese, und ohne das Bewufiisein zu entbehren! Während Kepler, Galilei und Newton die Gesetze de» Weltalls aufdeckten, während Elektrisier- Maschine, Fernrohr, Mikroskop, Thermometer. Barometer und Dampf- Maschine erfunden wurde, blieb die Menschheit immer noch auf die trübe Oellainpe und die klägliche Kerze angewiesen. Vor hundert Jahren seufzte Goethe:„Wiifit' nicht, waS sie besser erfinden könnten. als wenn die Lichter ohne Putzen brennten". Und wenn er seine llnterrediingcn mit Eckcrniann führte, brannten allenfalls zwei von diesen Kerzen. Wer würde wohl heute einen gern gesehenen Gast beim Scheine bon zwei— schlechten— Kerze» empfangen wollen? Wir sind also sehr anspruchsvoll geworden, lind e? ist nicht nur die rein küiistlcrische Freude an, flutende» Licht, sondern auch die ErkeimwiS seines htzgicnischcn Wertes, leiner keim- tötenden Kraft, die»nö überall, im Zimmer und auf der Etrafic nach mehr Licht berlangeu läfit. Aber wir verlangen nicht nur viel Licht, sondern auch schöne« Licht. Wir wolle» ein Licht haben, da« dem zerstreuten Tageslichte möglichst gleichtoinmt. Da« Problem, die Farbe des künstlichen LilbteS dem Tages- lichte gleich oder möglichst ähnlich zu niachen, ist schon alt. Aber »ine befriedigende Lösung hatte cS bisher noch nicht gefunden. Man wustte sich nicht ander« zu helfen, als das-, man dem künstlichen Lichte alle die Strahlen ivcgnahm, die e? mehr halte, al» das Tageslicht. Die prozentuale Zusammensetzung de? Lichte« einer elektrischen Melallfadeiiglühlampe äu« den ciiizelne» Farben ist eben eine ganz andere, als die de» Sonnenlichtes. Will iiiair also die Farbe der Lampe der des Tageslichts annähern, so muß man ihr all' die iibetschüssige Farbe wegnehmen, und damit sin'tiiatnrlichihreLelicht- kraft sehr stark. In Amerika hat man tatsächlich diesen Weg eingeschlagen, aber der Stromverbrauch solcher Lampen war denn auch sehr hoch. Er betrug über 4 Watt pro Kerze, während die gewöhnliche Wolframlampe nur etwa l—Vlx Watt verbraucht. Und das Ergebnis wäre noch viel ungünstiger geworden. tveim nicht unser Auge ein EnlpfindlichkeitSinaximuin im gclbgrün bcsäfie. Nun ist die Siemens u. Halske A.-G. mit einer Lampe an die Oeffentlichkeit getreten, die sie„Vcrico'lainpe nennt,»md die ohne künstliche Hilfsmittel da? aufweist, IvaS man so lauge sucht, die Farbe de? Tageslichts. Es ist eina einfache Metallfadenlampe, der Stromverbrauch ist nicht viel höher, als der anderer Lampen, nur zirka 1.4 Watt pro Kerze. Ihre Farbe ist der des Tageslichts so ähnlich, das) in Räumen, in denen man am Tage Verirolauipen brennt, ein Unterschied zwischen natürlicher und künstlicher Beleuch- timg gar nicht feststellbar ist. Welcher Fortschritt, lvenn man an da? bisher in solchem Falle entstehende, höchst unangenehme Zwielicht denkt I Die Lebensdauer der Verico- lampe ist ungefähr die gleiche wie die einer gewöhnliche» Wotan- kampe, und das Wertvollste ist, dost fie ihre eigentümliche Farbe bis Dcrantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u. Verlag: t Schluh beibehält. Sie wird sich wohl besonder« da einsühren. e« auf genaue Unterscheidung von Farben ankommt, also in den«»nd Konfektionsgeschäften. Papier- und Farbenfabriken usw. Kleines Feuilleton. Aus der Vorzeit. Der Rnnensteln von Narmonth. Auf der uor» wegische» Ausstellung, die diese« Jahr in Christiania stattfindet, werden die Besucher ein interessantes Dokument au« alt« skandinavischer Zeit sehen können: den berühmten grasten Runen- stein von Vannouth, der vor kurze», nicht weit bon Halifax ge» funden wurde und seine» Name» dem Fundorte Varmouth verdankt. Der Stein ist ein mächtiger Felsblock von nicht weniger als 2000 Tonnen Gewicht. Er ist mit Runeninschrislen bedeckt. Da die Runen ansschliestlich die Schrift der nordischen Völker waren, gilt der Stein als der Beweis dafür, dast schon vor Coliimd»« Skandinavier— und zwar zu Beginn des 11. JahrhnndertS— Amerika entdeckt haben. Zu der norwegischen Ausstellung ivird der mächtige Felsblock von Kanada aus die Reise über den Ozean antreten. In diesem Zusammenhang mag an den Inhalt einer alten norwegischen Chronik erinnert werden, in der eine Ge- schichte erzählt wird, die als eine sagenhafte Ausschmückung der ersten Rmcrikasahrt gelten kann. Nach der Chronik unternahm ein Isländer namens Torfinn Karl Seine im Jahre 1002 von der Küste Grönlands o»s mit zwei Schiffen und 140 Begleitern eine groste Reife. Ihr Ziel war e», da» fagenhafte Winland, daS Land de» WeineS, zu entdecken, und die nordischen Seefahrer nahmen Kur» gen Westen. Räch einigen Tagen kam KarlSesne mit seinen Schiffen an eine Küste, die er Klippeland nannte. Man nimmt an, dast eS sich dabei um Labrador handelte. Die Seefahrer setzten ihre Reise fort und erreichten eine Küste, die sie Skopland nannten, da» Land der Wälder. DaS wäre Neusundland gewesen. Nun nahm Torfinn KarlSesne Kurs nach Süden und fand hier ein gar fruchtbares und üppige? Land, dem er den Namen Winland gab. Llus dem Pflanzcnreicli. Der Kasfeebaum. Itasieebohnen kennt jede» Kind, aber den Kaffeebamu oder«slrauch, der die geschätzten Bohnen herbor- bringt, kennen nur fehr wenige, trotzdem er in den GeivächShänsern jede« botanischen Gartens vorhanden ist. Die Pflanze, die»iiS den beliebten braunen Trank beschert, ist ein Straucb oder kleiner Baum mit immer grünen, glänzenden, dunklen Blättern, die grosten Aehnlichkcit»,it Kirich- und Lorbeerblälteni baben. Der wildwachsende Knffeestrauch wird wohl 0 bis g Meter doch, in den Kaffeeplantagen Ivird er aber zur Er- leichterung der Ernte meistens nur in 21li Meter Hohe gehalten. In ähnlicher Weise wie unsere Weidenknltiiren werden die Kaffee- sträiicher reihenweise mit Abständen von etwa 2 Metern gepflanzt) zu ihrem Gedeihen ist aber ei» schattiger Standort»»bedingt er- forderlich, infolgedeffen müssen Bäume mit schattenspendendem Laub dazwischen gepflanzt werden, wozu man mit Vorliebe Vananen nimmt. Jin Alter von 4 bis 0 Jahren beginnt nach der trockenen Zeit, wenn die ersten Regenfälle eingetreten sind, der Strauch Blüten zu treiben. Ueberall in den Blaltachscn spriesten kleine, ganz kurzgeslielte, schneeweiste Blüten hervor, die, von feinem JaSminduft, die ganze Anpflanziing in ein weisteS Blütenmeer der- wandeln. Je nach der Höhenlage der Pflanzung dauert eS nun S bis 9 Monate, bis an« den Blüten sich die kugligen, kirschgrosten Beeren zur Reife entwickelt haben. Die zunächst grünen Beeren werde» allmäblich gelblich, dann hell-»nd schliehlich violettrot. In diesen, Reifezilstande werden die trmibig ziisammenfitzenden, pflamnenarligen Früchte gepflückt, in Körbe gesammelt und dann nach einer mehrtägigen oberflächlichen Trocknung a»s trockenem oder auf nassem Wege ihre? Fruchtfleische« entledigt. Jede Frncht enthält zlvei Bohnen, die init den flachen Seiten aneinanderliegend von einer gelblichen Schale und einem feinen Silberhänlchen umschlossen sind. Von 10 Pfund frischen Früchten erhält man 2 Pfund Bohnen. Je nach dem Alter de» StrancheS und dem Klima des BodeiiS bringt ein Strauch jährlich 1 bis 5 Pfund Bobnen hervor, den letzteren hohen Ertrag aber nur die etwa 20 jährigen, in voller Kraft stehenden Bäume in dem reichgediiugten Boden Brasiliens. Der Kaffee wird überall in den Tropenländern gebaut, in Afrika und Asien ebenso wie in Südamcrila, wo Brasilien allein die bei weitem gröstte Ernle der Well liefert. Zwei Arten de« Kaffee- bäume« sind haupisächlich in Kultur, der arabische Kaffeebanm, der am weitesten verbreitet ist, aber in neuerer Zeit einen Konkurrenten gefunden hat in dem liberischen Liaffeebmrni, der bedeutend widerstandsfähiger ist und deshalb in Asien wie in Aftika, besonders auch in Deutsch-Ostaftika, vielfach angebaut wird. Wie sehr der noch zu Ende des 13. Jahrhunderts seltene Kaffee, desien Genust damals vielfach verboten wurde, in unserer Zeit zu einem unentbehrlichen Genustmiitcl der ganzen Welt geworden ist. erhellt am besten auS der Tatsache, dast jährlich über 20 Millionen Zentner Kaffeebohnen verbraucht werden, von denen allein Brq- lilie» 12 Millionen Zentner liefert. Unter den Ländern Europa ist unser Vaterland der größte Verbraucher von Kaffee, denn eS werden in Deutschland jährlich 4'/z Millionen Zentner Bohnen konsumiert. Bonoäri» Buchdruckerei n.VerlagSanstall Paul Singer ScCo.,Berlin SW.