Unterhaltungsblatt ües vorwärts Nr. 70. Donnerstag, den 9. April. 1914 is] 3m Sauernlanö. Von I o h a n Skjoldborg. Per koiiilte am Ton seiner Stimme hören, daß sie nichts Böses vorhatten, und da bat er sie, Platz zu uehmen. Und im selben Augenblick verlor sich auch die Spannung in Sophies ktügen. „Hml" Der eine sieht den andern an. „Es ist schönes Wetter!" sagt Jerih „Ja," anNoortet Per. Torf-Tammes spuckt gewaltig aus. Pause. Eine Weile sitzen sie da und sehen einander an. Es ist, als müßte etwas gesagt tvcrden. Alle warten. Noch inimer kein Wort. Jerik ist Wortführer das kann man ihm ansehen. „Siehst Du, Per. hm!— ich sage, ja so mancherlei!" „Ja, das weiß der liebe Gott, daß Du das tust," lacht Torf-Tammes. Es zuckt um Moor-Christians Mundwinkel, und Hügel- Pers dünner Bart hängt schlaff herab. Per räuspert sich-, er weiß nicht recht, wo sie hinaus- Uwlleu. „Ja, aber tvenn man so viel sagt, dann kann �es nicht alles gleich gut sein!" Jerik zupft an seinem langen Schnurr- bart.„Auch nicht gleich richtig— I Nun also!" „Nein, und Du wußtest ja auch eigentlich nicht Bescheid, Aber ich wußte es, das ist etwas ganz anderes!" Torf- Tammes Mund wird doppelt so breit, als er sonst zu sein pflegt. Per entnimmt aus alledeni, daß es eine Art Entschuldi- gung sein soll und sagt zu Sophie, ob sie nicht ein Tröpfchen Kaffee habe. Sie atmen alle erleichtert auf. Nachdem sie hinausgegangen ist, beugt sich Jerik zu Per hinüber und sagt flüsternd:„Wir wissen gut. daß sie vieles durchgeinacht hat, und das hast Du ja auch. Per, Du willst ja auch nur unser Bestes und äh— na und dergleichen inehrl" „Wir begreifen jetzt das Ganze, und kurz und gut, das ist die Meinung" fügt Tammes hinzu und sieht Per mit seinen großen Augen offen an. AuS dem Ton ihrer Worte klingt ein« große Offen- Herzigkeit. Per kann ihr Herz darin schlagen hören. Er sitzt vorn übergebeugt und sein Ohr saugt mit Wohlbehagen ihre Worte auf. Sophie kehrt ins Zimmer zurück, und plötzlich beginnt Torf-Tammes von ganz anderen Dingen zu reden. Das Uürkt so komisch auf Per, daß er zu lachen beginnt. Und sei» Lachen klingt, als wäre es bis jetzt irgendnw verborgen gewesen und könnte jetzt plötzlich herausschlüpfen und ins Freie gelangen. Er blickt Sophie so innig au, Sie begreift, daß er frohen Herzens ist. Und ein Lächeln, das wie ein Widerschein seines Lächelns wirkt, huscht über ihr Antlitz. Sie, trinken ein paar Kaffeepünsche. Es ist, als ließe sich die Luft jetzt so leicht atmen. Es ist ihnen allen so»vohl zu Mut. Und dann rede» sie frisch von der Leber weg, und sie lachen und spucke», daß es nur so auf die Lehmdiele hernnter- klatscht. Im Lause des Gespräches schlägt Jerik mit dem Mittel- finger hart auf den Tisch, das ist so seine Gewohnheit, tvenn er ettvas Wichtiges zu bemerken hat. „Und dann mußt Du uns jetzt erklären. Per. wie wir die Sache anfassen solle», unsere eigene Sache, wie Du sie nemlst." „Wenn wir ihnen auf den Leib rücken, den Burschen," murmelt Moor-Chrisiian. Und Torf-Tammes fügt lachend hinzu: „Ja, das tvär so ettvas, hol's der Satan! tu», ha, ha!" Hllgel-Per hustet: „Den Hoibykönig, den kriegen wir nicht so leicht zu fassen." Das Ende vom Lied ist, daß sie sich verabreden, sich an einem anderen Tage zu versammeln und inzwischen den anderen Landarbeitern Mitteilung davon zu«lachen. Per begleitet sie bis zur Tür. Nachdem sie fort sind, bleibt er einen Angenblick ruhig stehen. Das Licht der untergehenden Sonne liegt so goldig fein über den Hoibyer Höhen, und dann wendet er sich nach Osten, wo die tveiß gekalkten Mauern des alten Hofes durch die Pappelbäume leuchten. Morgen in aller Frül>e wird die Sonne dort wieder auf- gehen. Und es ist Per, als sei die Erde trotzalledem so schön. 11. Per Holt pflanzte Stachelbecrbüsche um und lichtete das Buschwerk, das als Schutzgiirtel im Garten des Hoibh- Hofes angepflanzt war. Er verstand es, allerhand Arbeit auszuführen, dieser Per; das hatte der Hoiby-Baner bald entdeckt. Die Erde war feucht, die Blätter naß: von den Feldern da draußen kam der Herbst herein und strich in feuchten Schauern durch die Zweige. Per arbeitete schnell. Es war ihm aufgefallen, daß die Bäuerin in der Nähe umherlungerte. Sie konnte ja gut die Büsche und den Garten und das Ganze betrachten, es ivar aber so, als hätte sie noch ettvas anderes auf dem Herzen. Sie hielt vor Per inne und begann ciiw Unterhaltung. Was dahinter wohl eigentlich stecken mochte? Sie gehörte sonst nicht gerade zu den Redseligen. Hastig und laut zog sie den Atem durch die Nase: sie hatte also irgend ettvas auf dem Herzen. „Wie steht es eigentlich daheim. Per?" „Gut," antwortete Per gleichgültig. Er dachte tvohl, daß es sich in diesem Falle um ettvas ganz anderes handelte. „Ach Gott sei Dank. Per, das freut mich zu hören!" Sie faltete die Hände über ihrem umfangreickten Leib und fügte hinzu, indem sie den Blick nach oben richtete: „Wir haben allerdings alle viel Ursache, Gott zu danken, mir armen Menschen— ob Du daran auch iinmer denkst, Per?" „Ach. das mag mitunter wohl schlimm genug sein!" Per fuhr fort zu arbeiten. Es entstand eine kleine Pause. Dann sagte sie irgend etwas Gleichgültiges über die. Stachelbeerbüsche. Plötzlich jedoch wandte sie sich Per zu tind fragte:_. „Was ist doch das eigentlich für eine Sache, die Du da angefangen hat, Per?—• Der Bauer ist so böse darüber." Per legte seine Arine ausruhend auf den Spaten. Er begriff, daß jetzt der Punkt gekommen war, um de» es sich im Grunde l>andelte. „Du nieinst wohl unfern Verein?" „Ich weiß nicht, wie es beißt, aber der Bauer sagt, daß ihr kleinen Leute in Zukunft bestimmen wollt, welchen Lohn die Hofbesitzer Euch geben sollen. Und das ist ja entsetzlich!" Per lächelt«. Eine andere Antwort gab er ihr nicht. „Du kannst doch tvohl begreifeu. Per, daß das nie und nimmer angehen kann. Gib es lieber auf." Per kniff die Augen zusammen und fragte: „Warum sollte ich das?" „Der Bauer ist so böse ixiriiber!" Da lachte Per der Hoibybäuerin direkt' ins Gesicht. Aber sie ward böse und sagte: „Es ist einerlei, aber Du wirst sehen, Du wirst es schon noch bereuen, bester Mann!" Damit verschwand sie. Nicht lange danach erschien sie indessen wieder. Sie sprach in freundlichem Ton und bat Per, zu einem Extra- tröpfchen Kaffee und einem Stück Weißbrot hinein zn kommen. Und dann sagte sie zu Per, daß sie sein Bestes wolle und daß viel Streit wid viel Böses aus alledem entstehen würde, das könne sie tvohl an dem Bauer merken. Und es sei ja auch ein ganz unsinniges und«nrechteö Beg!»n«n. Und sie kenne Ni erst die anderen Leute sortgehen, nachdem sie ein Lied gesue-zen hatten, dessen letzte Stroptie folgendermaßen lautete: Man muß in dieser Lündemvelr mit vielen Teufeln kämpfen, und nur das reine Gotteswort kann ihren Aufruhr dämpfen. Dann findet jeder seinen Platz und ist init ihm zufrieden, und seinem Sinn wird stilles Glück vom Himmel her beschicdcn. Er wollte nicht, daß die Leute hören sollten, was er und Per sich möglicherweise zu sagen litten. Aber er ließ sich nichts merke». Er saß am Tischende breit und sicher und mit der Inschrift:„Ter Herr ist mein Hirtr" wie eine Krone über seinem.Haupte. Ter Tagclohn betrug 23£ere niehr als sonst in dieser Jahreszeit.(Forts, folgt.) 3i Ver letzte Zentaur. - Bon P a u l Hey s e. Der alte Heide aber zeigte sich, trotz seiner höllischen Pferde- fiiß« als ein ganz zahmer, menschenircunblicher Kamerad. Er sprengte geradewegs auf die hohe Laube zu, auf der ich faß. und sah mit einer höflichen Miene, wie einer, der gerne mit einem Fremde» anbinden möchte, mir ins Äesicht, der ich ihm ebenso artig zunickte. Dann aber richtete er seine großen glänzenden Augen aus das«chenkmädchen, das neben mir stand, zwei offene Flaschen voll Tirolertocin in den Händen. Tic hatte sie für Gäste herausgetrage». die das Hasenpanier ergriffe» hatten, und stand nun, da sie, obwohl mit dem Dorfschneider verlobt, ein munteres, couragiertes Frauenzimmer war, ohne Tchcu»eben mir auf dem Alton, un, die Wundergrstalt in aller' Arglosigkeit zu betrachten. De», Fremdling mochte die saubere Dirne— man hieß sie die schöne Aanni— ebenfalls einleuchten, nid» minder auch der rote Wein, de» sie trug. Mit soviel Lebensart, wie man solchem Roß- menschen kaum zutrauen sollte, nah», er den Rosenzlveig hinterm ■Chi hervor, roch erst daran und Überreichte ihn dann ohne Mühe, da Haupt»nd Schultern noch über die Brüstung der Laube hinaus- ragten, dein schönen Kinde, das etwas geschämig tat, die Blumen aber doch nicht ausschlug, sondern in ihren Brustlatz neben den silberne» Löffel steckte. Zugleich schien sie gemerkt zu haben, worauf die ganze Huldigung abzielte. Ohne Zandern reichte sie ihrem Verehrer die beiden vollen Flaschen hinaus, die er auch mit frcundlichem Kopsuicken ergriff, und dann in so rasche» Zügen leerte, wie unsereins zlvei Gläser Champagner hinunterstürzt. Ein beifälliges Murmeln unter den Kopf an Kops gedrängten Zuschauern begleitete diese ganze trauliche Szene, und ei» paar kcckc Burschen wagten sogar ein„Wohl betonm's!" oder..Gcsegn' es Gott!" zu rufen, wurde» aber gleich von den Vorsichtigeren niedergczischt. Aber auch dem fremden Gast schien der Wein die Zunge gelöst zu baben. Er sagte erst de», Mädchen einige Artig- teilen, die sie aber nicht verstand und nur mit Kichern imö Kopf- schütleln erwiderte. Dann wandte er sich an mich, fragte mich, wo er sich hier befinde, und wie das wilde Volk beiße mit den Pelzhauben und der obrenzerreißenden Musik, unter das er, er wisse selbst nicht wie, geraten sei. Ich antwortete— Erlaube» Sie, Herr Genclli, unterbrach ihn der Wirt, der gleich uns anderen begierig gelauscht hatte, in welcher Sprache unterhielten sie sich mit dem antiken Herrn? Im reinsten Griechisch, Herr Schimon; Sie mögen es nun glauben oder nicht. Er sprach es natürlich etwas fließender, als ich, aber mit einem Anflug an den jonischen Dialelt, der mir hie und da das Verständnis erschwerte. Indessen, es ging. Rot bricht Eisen nnd lehrt radebrechen. Sic werde» selbst schon erlebt haben, daß Sie im Traume ganz korrekt Ungarisch oder Spanisch sprachen, ivas Ihnen sonst sauer lverdrn möchte. Aber unter- brechen Sic mich nicht wieder; lassen Sie mir lieber eine» neuen Spitz Carlowiyer kommen. Wo war ich denn stehen geblieben? Richtig, wo ich den Spieß umdrehte und ihn fragte, wie es im Homer steht:- Wer er sei nnd woher, wo er wohnt und wer die Erzeuger. Da kamen denn kuriose Dinge heraus. Stellt euch vor, der arme Bursche war vor so und so«stel tausend Iahro, hoch oben durchs Gebirge geritten, in Geschäften, wie er sagte, da er als Landarzt— Kreisphysikus würde man'S heute nennen— einen gewaltigen Bezirk zu versehen hatte, lauter wildes, armes Volk, Hirten, Bärcnjägcr, Pfahlbauern, und so weiter. Run war's gerade ein heißer Tag und er hatte bei seiner Praxis überall scharf gezecht, hineingegossen, was die Leute ihm gerade vorsetzten, da er sie meist um cm Glas Wein oder Enzianbranntwcin kurierte, und wie er mittags an eine Gletscherhöhle kommt, denkt er, du loillst ein Schläfchen machen, streckt sich in der dämmerigen blauen Eisspelunkc hin und schläft richtig ein. Was weiter geschehen, wußte er freilich nicht zu sage», und auch ich konille ihm nur die Vermutung ausspreche», daß Tchiice- oder Eis Massen um ihn zu- sanlinengestürzt und heute erst wieder aufgetaut sein müßten, daß er, wie jenes Main m utu ngetin» im Polarcise, frisch und ohne jeden Hautgout sich in seinem Eiskeller konserviert habe, nur mit dem linterschiede, daß auch sei» Geist, dank dem viele» genossenen «pintiis, durch den uuniäßigcn Winterschlaf hindurch keinen Schaden gelitten iiiid er nun als ein vorsintflutliches mythologisches Rätsel auf vier gesunden Beinen in unsere cntgöttertc Weit hinein- sprengen könne. Ich suchte ihm in aller Kürze, so gut rs ging, über die ungeheure Kjuit hinwegzuhelfen, die sein Erwache» von seinem Einschlafen trennte. Aber ich merkte bald, daß die suunna- rischc Wcltchronik, die ich vor ihm aufrollte, ihn sehr wenig intcr- essicrtc. Er schüttelte nur den Kopf, als ich ihm erzählte, die Götter Griechenlands seien ein überwundener Standpunkt, und mit dem lieinc» Lutherschcn Katechismus wußte er ebensowenig an- zufangcn, wie mit dem heiligen A ugustin oder Pius IX. Auch die politischen Umwälzungen der letzten dreitausend Jahre ließe» ihn völlig kalt. Als ich endlich schwieg, seufzte er so recht vom Grunde seiner ehrlichen Zentaurcnseclc auf und sagte: er werde von allem, lvas ich ihm da vorgcfabelt, aus dem Zehnten nicht klug, und das sei ihm auch ganz gleichgültig. So viel merke er, haß ihm ei» recht hämischer Possen gespielt worden sei mit jener Ausbclvahrung im Eiskeller; inzwischen sei alles anders geworden und nur er der» selbe geblieben, wcffcn er sich eben nicht schäme, denn nach den wenigen Proben scheine ihm die Welt viel lumpiger, schäbiger und nickst einmal geschectee geworden zu sein, die Wälder dünner, der Wein saurer, die Weiber— bis aus seine Freundin. Raums oder Nannidion" swie er sich das Nanncrl ins Griechische übersetztet — plumper und einfältiger. Nun erzählte er. was, er seit seinem Erwachen für Erfahrungen gemacht hatte. Kaum war ihn: nämlich sein Gletschcrmantel von den Schultern geschmolzen, und er batle sich die letzten Nebel des Schlass aus den Augen gerieben, so Ivar er inS Freie hiuausgetrabt, ärgerlich über die, wie er ivähnte, lange Versäumnis von vieruiidzNmnzig Stunde», da er cinen schivcren Patienten eine Stunde tiefer in« Täl zu besuchen hatte. Als er sich aber umsah, schien ihm alles so wunderlich, daß er noch sortzuträumen glaubte. Dichte Wälder, durch die er sich sonst pfadlos hindurchzuivinden hatte, waren verschwunden; auf Wiesen, wo sonst der Ur« und der wilde Steinbock gegrast, sah cr Herden buntfarbiger Kühe weiden; hie und da stand ein Blockbaus am Wege, hoch hinauf mit Heu angefüllt, und nicht selten sah er kleine Steige gebahnt oder Balken über Gießbächc gelegt, die er früher init einem mächtigen Satz hatte überspringen müssen. Kopfschüttelnd hielt er still und überlegte bei sich, wie sich das alles über Nack» verwandelt haben inöchte. Da cr aber lein Freund von überflüssigem Nachsinnen mar, defcvloß er eine denach- barte Waldnymphe um Aufschluß zu bitten, init der ee auf vertrau- licheu» Fuße stand. Er rief ihren Namen in die Schlucht hinunter, aus der noch wie damals die mächtigen Edeltannen hcrausragtcn. Sonst ivcir sie gleich oben im Wipfel erschienen, da sie sehr einsam lebte und gerne eine Ansprache hatte. Heut zeigte sich nur ein alteS Weib, las Enzian sammelte n»d beim Anblick deL vierbeinigen Iliigcheiires mit heiserem Jammergeschrei und heftigein Kreuz- schlagen sich ins Dickicht verkroch. Also trabte cr immer nachdenklicher seincs Weges weiier, und da es gerade ein Sonntag war nnd die Kirchweib alles, was emc saubere Jacke und ein paar Kreuzer in der Tasche trug, in daS Dorf hinuntergclockt hatte, begegnete cr auch keiner Menjchensecle, als ein paar Hüterdudcii, die ebenso hastig vor ihm Reißaus nahuici» wie das Kräutcrweib. Nun sah cr auch unten die ersten kleinen Häuser, die mit ihren weißgetünchten Wände» und blanken Fenster- che» als ci»»cneS Rätsel ihm entgegenschimmerteii. Hier hatte» sonst nur verfallene Hütten der wilden Zicgcnhirlen gestanden, elende Pferche zwischen Gestrüpp und Klippen. War eine Stadt aus der Ebene ausgeivandert und hatte sich in die Berge verstiegen? Ein seltsames Gebäude mit hobem Dach und spitzem Turm ragte aus den Schindeldächern in die Lüste, und oben aus de» schwarzen Turm lu keu drang ein unerklärliches Summen und Schallen hervor, das er nie gehört hatte und das in seiner feierlichen Eintönigkeit ihn vollends bestürzt machte. Das Grauenhafteste aber in dem ganzen Märchen, das ihn an seinen gesunden Sinnen zweifeln ließ, begegnete ihm, als er den ersten Hütten des oberen kleinen Dorfes sich näherte. Unter einem spitzen, rotgetünchtcn Bretterdach hing da ein Mann mit ausge- breiteten blutrünstigen Armen an ein Kreuz genagelt, aus einer Seitcnwunde blutend, die Stirn von großen Blutstropfen über- quollen, die unter den spitzigen Stacheln eines dicken Dornenkranzes hervordrangen. Gleichwohl schien der Gemarterte noch am Leben. Sr fiatle die Augen weitgeöffnet nach oben gekehrt, und der kundige Blick des Centauren fand auch an den nackten Gliedern noch nicht die Farbe der Verwesung. Er redete den armen kleinen Mann mit feiner freundlichsten Stimme an. fragte, um welches Verbrechen man ihn so schwer lachen lasse, ob er ihm vielleicht von seinem Marterholz herunter- helfen und die Wunden verbinden solle. Als er keine Antwort er- hielt, berührte er sacht die Brust des stummen Dulders. Da merkte er, dasj es nur ein hölzernes Bild war. Ein Rosenstrauch war neben den Stamm des Kreuzes gepflanzt. Von dem pflückte er einen kleinen Zweig, roch daran, wie um wieder etwas Liebliches zu gc- nichen, und verliefe dann die Stätte mit immer unheimlicherem Staunen. Im Dorf hatte gerade der Pfarrer, ei» altes Männlei», das de» Kirchweihfrcuden längst abgestorben ivar, für die anderen zu Hause gebliebenen Invaliden einen Vespergottesd>en,t begonnen. zu dem die kleinen Buben das Geläut besorgten. Wie nun der Fremdling, dem alles, was ihm links und rechts in die Augen fiel, ei» Rätsel war. an die offene Kirchentüre kam, hielt er an und spähte neugierig in das halbdunkle Innere. Ei» Sonnenstrahl fiel durch das kleine Seitenfenster neben dem Altar und beleuchtete das Bild einer wunderschönen Frau mit goldenen Haaren in blau und rotem Gewand, die einen Knaben auf dem Arm und eine Lilie in der Hand trug. Sie hotte die grofeen, sanften Augen gerade aus ihn gerichtet, als wolle sie ihn«inladcn, näher zu treten. Zu ihren Füfeen, ihm den Rücken zuwendend, stand der kleine Pfarrer im Ornat, und die sämtliche Gemeinde kniete jetzt, gleich ihm, vor der schönen Frau. Tu solltest doch hineintreten und sie dir etwas näher betrachten, sagte der Fremde zu sich selbst. Und gedacht, getan. Er trabt, obne an etwas Arge« zn denken, durch das Portal und gerade- Wegs über die Steinfliesen, die von seinem mächtigen Hufschlag dröhnten, auf den Altar zu. Welch einen Spektakel das gab. kann m»,,i sich denken. Im ersten Augenblick freilich versteinerte der Schrecken über diese Tempelschändung durch ein so unerhörtes, geradetvegs der Hölle entstiegenes Ungeheuer die ganze andächtige Gemeinde samt ihrem Seelsorger. Dann aber besann sich dieser, der trotz seiner achtzig Jahre durchaus kein Don Abbondio war, dafe der Eindringling niemand anders als der leibhaftige Satan sein könne, erhob was er gerade Getveihtes in der Hand hatte und rief, cS gegen den Ber- fiuber schwingend, mit lauter Stimme sein..Apagel Apage! und nochmals Apage!" lHebc dich weg!)—„Beim., Zeus," sagte der Zentaur,„das freut mich, endlich einen redenden Menschen zu begegnen, der noch dazu � griechisch spricht. Du wirst mir nun wohl auch sagen können, Alter, wer diese schöne Frau ist, ob sie noch lebt, tvas Ihr hier treibt, und wie sich überhaupt alles seit gestern so sabclhaft verändert hat."— Den Pfarrer überlief es eiskalt, als er sich von dem bösen Feinde anreden hörte, noch dazu in einer Sprache, die ihm natürlich Griechisch war. Wieder erhob er seinen Ruf und schlug ein Kreuz über das andere, wich aber doch ein wenig vom Altar zurück, da ihn dle Unbefangenheit des hohen Fremden einschüchterte, und hätte sich dieser nicht umgesehen, wer weife, wie es abgelaufen wäre. Jetzt aber kam die Reihe, sich zu fürchten, an unseren Rofemeu scheu. De im wie er die vom Schreck verstörten Wackelköpfe der alten Männer und die verwelkten Gesichter der greisen Weiblein unter ihren hohen Pelzhau den sämtlich ihn anstarren sah, überkam ihm plötzlich die Furcht, er möchte in ein Kvnvcntikcl von Hexen und Zauberern geraten sein und Strafe leiden, wenn er ihr geheimes Wesen noch länger störe. Also machte er, nachdem er der schönen Blauäugigen noch einen Verehruiigsvvllcn Blick zugeworfen, aus einmal Kehrt und stob mit gewaltigen Sätzen, den Schweif wie zur Abwehr böser Geisler hoch um den Rücken schlagend, über das hallende Pflaster zur offenen Tür hinaus. Werter Freund, sagt' ich, als er mir das alles treuherzig ge- beichtet und ineine Aufklärimgen nur halb verstanden hatte, Ihr seid in einer verwünschten Lage. Wie Ihr da geht und sieht, möchte es schwer halte», Euch in der modernen Gesellschaft einen Platz aus- findig zu machen, der zu Euren Gabe« und Ansprüchen pafete. Wäret Ihr nur ein paar Jahrhunderte früher ausgetaut, so etwa im (iinguecolUo lsünszeimten Jahrhundert), so hätte sich alles machen lassen. Ihr hättet Euch nach Italien begeben, wo damals alles Antike wieder sehr in Aufnahm« kam und auch an Eurer Heid- nischen Nacktheit kein Mensch sich geärgert haben würde. Aber heut» zutage uud unter dieser engbrüstige», breitstirrngen, verschneiderten und verschnittenen Lumpenbagage, die sich die moderne Welt nennt — ich fürchte, mein Lieder, Ihr werdet es sehr bedauern, nicht lieber bis an den jüngsten Tag im Eise geblieben zu sein! Wo Ihr Euch sehen lafet, in Städten oder in Dörfern, werden Euch die Gassenbuben nruhlaufrn und mit faulen Aepfeln bewerfen, die alten Weiber werden Zeter schreien und die Pfaffen Euch für de» Gott- seibeiunS ausgeben. Die Zoologen werden Euch betasten und be- gasfen und dann erklön n, Ihr wäret ein unorganisches Monstrum und könntet nichts Besseres tun, als Euch einer kleinen Vivisektion unterziehen, damit man sähe, wie Euer Mcnschenniagen sich mit Eurem Pserdemagen vertrage. Seid Ihr aber der Scylla der Naturforscher entronnen, so fallt Ihr in die Eharybdis der Kunst- gelehrten, die Euch ins Geficht sagen werden, dafe Ihr ein schäm» l»s«r Anachronismus, eine totgeborene nnd nur galvanisch belebte Relique aus der Zeit de« Parthenonfriese« seid-»ab die Künstler. die nur noch Hosen und Wämser und klein« nntzige Armseligkeiten malen können, werden sich in ihren tugendhasten Armenversorgungs- anstalten, genannt Kunstvercine, zusammenrotten und bei der Polizei darauf anlrage», dafe Ihr ausgewiesen werdet, als der öffentlichen Moral im höchsten Grade gefährlich. Dafe Ihr Praxis bekommen könntet, auch nur als Pfcrdearzt, ist vollends undenkbar. Man hat jetzt ein anderes Naturheilverfahren als zu Euren Zeiten, der vielen anderen gelehrten Systeme zu geschweige», und dafe ein Doktor seine Equipage vors Krankenbette mitbringt» ist unerhört. Bliebe also nichts als der Zirkus oder die Menagerie, um Euer Brot zu verdienen, und fern sei es von mir, einen Mann von so guter Familie, wie Ihr, eine solche Erniedrigung zumuten. Nein, Bester, bis uns etwas Gescheiteres einfällt, will ich selbst mein bifechen Armut mit Euch teile». Wenn ich es recht bedenke, bin ich ja nicht viel besser daran als Ihr, mnfe mir auch von Gassenbuben»nd bi- otten Vetteln, Aesthetikern und meinen eigenen werten Kollegen ie gröfete» Schnödigkeiten gefallen lassen, und seht, ich lebe noch und fühle mich in meiner Haut tausendmal Wähler, als all das Gewürm und(Gesindel, daS mir nicht das Leben gönnt. Mut, lieber Freund! Dieser rote Wein ist zwar nur ein säuerlicher Rachen- Putzer, aber Ihr werdet Euch auch nicht zu oft in Nektar gütlich getan habe», uud earpo äello �kuckonna! lbeim Körper der Madonna!) wenn zwei rechte KcrIS miteinander Brüderschaft trinken, so adeln sie den ordinärsten Tropfen. Damit reichte ich ihm meine Flasche, welche die Nanni wieder gefüllt hatte, uicd klang, das Glas erhebend, mit ihm an, wozu er als zu einem ganz neuen Brauch ein verdutztes Gesicht machte. Ich winkte dann dem Mädel, für neue Zufuhr zu sorge», und so schwammen wir bald im Nebcrslufe und wurden guter Dinge. Nach und nach mochte unsere Kordialität mich daS Bancrnvolk vertraulich. Einige der Beherzten wagten sich wieder m den Hos und zogen, da ihnen nichts zuleide geschah, bald die anderen nach sich. (Schlufe folgt.) Gsterkuriofitaten. Ostern ist daS Fest des Frohsinns: das Erwachen der Natur löst im Herzen eine Jubelstimmung aus, die unsere Urväter so gut empfanden wie wir. die aber in jener robusteren Zeit einen ganz anderen Ausdruck fand und sich in Gebräuchen äufeerte, die den, heutige» Geschlecht alS Kuriositäten erscheinen. Selbst die Diener der Kirche suchten den Gegensatz zwischen der düsteren Fastenzeit und den, freudigen Feste der Auferstehung dadurch zu betonen, dafe sie in denJSdltesdienst allerlei Spähe und Posten einflochten. .Gute Nacht. Stockfisch, willkommen OckS",— so konnte im Jahre 1506 ein Mönch seine Osterpredigt beginnen und ein stöhliche« Lachen der Gemeinde war die Antwort. Einige geistlich« Oster» scherze dieser Art sind berühmt geworden: der Geistliche MatthefiuS berichtet, er habe in feiner Jugend oft daS Märchen erzählen hören, wie der Sohn Gottes an die Vorbarg der Hölle gelangt und mit seinein Kreuze anpocht. Zwei Teufel, die den un- gebetcncn Gast erspähe», suchen ib»i den Eintritt zu verwehren, in» dem sie ihre langen Rasen als Riegel vor die Tür schieben, aber gegen die Kraft des Kreuzes sind sie machtlos, die Tür fliegt mit lautem Krach aus und die beiden Teufel sind je um eine Nase ärmer! In Waiblingen befahl eiinnal am Ostersonntag ein Prediger — diese? Osterkuriosum berichtet der Humanist BebeliuS— alle Männer, die wirklich zu Hause da« Regiment führten, sollten daS Lied«Christ ist erstanden" anstimme»: eine ganze Zeitlang blieb eS mäuschenstill, bis schliefelich ein Mann— er war wahrscheinlich unverheiratet— ärgerlich über das lange Schweigen, sich zu dem Gesänge verstand. Nachher trugen die Männer den Retter der Ehre ihres Geschlechts im Triumph nach Hause und bewirteten ihn reichlich. Ein andermal richtcle ein Prediger an die Frauen die Aufforderung, es sollten alle die, welche„die Hosen im Hause anhätten", den Ostergesang anstimmen, und sosort setzte der Choral laut ein. Besonders beliebt waren dramolische Einlagen in dem Gottes- dienste. Sie entwickclten sich in, 10. Jahrhundert aus den, lateinischen Wcchselgesange zwischen den Engeln und den drei Marien am Grabe. Um nun der Gemeinde eine Augenweide zu bieten, legten die Geistlichen eine Art Bcrflcidnng an uud gestalteten den Gesang durch Dramatisierung von Vibelstellen aus. Di« Zahl der Darsteller wuchs, ein Salbcnhändler handelte mit den drei Marien— ein realistisches Moment— und schliefelich unter- nahmen die Apostel Petrus und Johannes einen Wettlaus, um möglichst rasch zun, Grabe deS Herrn zu kommen I Dieser Wettlans ist der erste erheiternd« Zug in diesen Spielen und in der Tat geht da« komische Drama aus rhii zurück. In der gallikanischen Kirche war eS üblich. dafe bei den, Mysterium von der Auserstehung Christi einem Juden ein« kräftige Ohrfeige verabreicht wurde: die Aussiihrung dieser Handlung galt als eine Ehr«, die dem vornehnisten Gemeindemitglied überlaffen wurde, und da« Opfer, der Jude, wurde zu der Handlung durch Gewalt oder durch Bezablunst vcranlafet. War im Ort« kein Jude vorhanden, so mufete sich cm Christ als Jude verkleiden und die Ohrfeig« in Empfang nehmen. Arnh in den alten Bolksbräuchen de« Gründonnerstag« gibt es der» «rtige Judenireiben. Sie HSn�en unverkennbar mit der Person des Verräter Judas Jschariot zusammen. Deshalb heitU auch� heule der Gründomierstag da und dort noch Judastag. Auch das Judas- verbrennen, daS in verschiedenen Gegenden noch zu beobachten ist, erinnert daran. ES besteht darin, dag eine Puppe auS Stroh oder Lumpen im Dorfe hin- und hergetragen wird, die überall mit Schelten, Püffen. Schlägen und Sleinwiirfen empfangen und schlief- lich aus freiem Felde verbrannt wird. In manchen Gegenden wird die JudaSpuppe auch gesteinigt. Da» Steinwerfen auf die an einen Pfahl oder Baum gehängte Plippe dauert so lange, bis der letzte Fetzen herunter ist. Vereinzelt kommt es auch vor, daß sich Männer als Judas Jschariot heraus- putzen und so am Gründonnerstag von HauS zu HauS gehen. Auf die Nachricht, das; der Judas im Dorfe umgehe, stürzen Männer, Frauen und Kinder auS den Gehöften und nun beginnt daS JudaStreiben. Dabei fallen viele Schellworte und noch mehr Püffe und Schlüge ab. Das macht freilich nicht viel aus: denn der JudaS hat sich vorgeseheil und ist mit einer sehr dicken Umhüllung erschienen. In Böhmen und Tirol werden am Gründonnerstag JudaSfcuer angesteckt, die dazu nötigen FeuenmgSinaterialien— JudaSholz und Judaskohlen— sind vorher von den Knaben bei den Bauersfrauen eingesammelt worden. Sicherlich soll durch diese Judasfeuer das Verbrennen des JudaS Jschariot shmbolisiert »verden. Eine bewegte dramatische Handlung enthielt die Rümpel- oder Polterposse: ein vermummter Pfaff oder Mönch in Gestalt Christi sprang aus einem finsteren Orte hervor und schlug. Einlast heischend, mit seinem Kreuze gegen eine verschlossene Tür; dahinter erhob sich ein jämmerliches Geschrei und Geheule der verworfenen Engel, bis der Pfaffe in einem Anlaufe die Tür sprengte und nun die bösen Engel mit Ketten beladen herausquollen und im Triumphe vor- geführt wurden. Auf sie folgten dann die au» der Hölle erlösten Seelen in weisten Hemden mit SiegeSgesang und Frohlocken. Zweifler in der Kinderwelt glauben nicht, dast die Hasen zur Osterzeit Eier legen. Dieser Unglaube must weichen vor einer amt- lichen Urkunde über eierlegende Osterhasen: der Schultheist von Ans- Vach nahm im Jahre 1758 ein Protokoll auf, dast im Hause des Förster» Fuhrmann zu Solenhofen ei» gefangener Hase ver- schiedene Eier gelegt hätte und auf Befehl Serenissimi Hase wie Eier in die Kunstkammer gebracht worden seien, wo diese Raritäten aufbewahrt werden sollten. Dieser Hase, den der Förster auf einem Spaziergange sehr jung eingefangen hatte, habe in einer Truhe aufgezogen, die Gröste gewöhnlicher Hasen erreicht, im Monat März und April 1757 drei Eier, in derselben Zeit des folgenden Jahre? zwei weitere Eier gelegt. Die vier letzten seien ganz rund geformt gewesen, und der Herr Reichserbmarschall Graf Pappen- heinr hätte eine» der Eier geöffnet, darin aber nicht» als weiste» Wasser gefunden. Eine kuriose Ostersitte hat sich in der englischen Grafschaft Durham erhalten. Am Rachmittage de» OstersonntageS durchziehen die Jungen truppweise die Straßen und halten jede» weibliche Wesen mit den Worten an:.Zahlen Sie gefälligst für Ihre Schuhe." und wenn die Steuer nicht sofort erlegt wird, zieht man den Widerspenstigen einen Schuh mit Gewalt au». Am nächsten Tage können die Mädchen ihre Rache iiehmen. nur mit dem Unterschiede, dast sie von den Männern eine Hutsteuer verlangen. Eine nicht weniger seltsame Sitte hat bis zum Ende de« 18. Jahrhunderts in Westfalen geherrscht. Rahe bei Iserlohn stand eine alte Eiche, die von sieben Erdlöchern umgeben war. Am ersten Osterlag« zog da» Volk dort- hin, fastte den Baum an und macht« die.sieben Sprünge". Wer alle sieben Löcher traf, glaubte, dast ihm noch wenigsten« sieben Lebensjahre befchteden feien oder dast er in dieser Zeit eine Frau bekommen»verde. Die Reih« der Osterkuriositäten ist hiermit noch lange nicht erschöpft: hatten oder haben doch so viele Orte ihre eigenen Osterbräuche. die dem Freniden kurio» vorkommen, und die Ueberlteferung kennt unter diesen örtlichen Osterkuriositäten z. B. da» Wettessen von Ostereiern im niedersächsischen Gebiete, da» merk- würdige Prügeln— Schmackostern— in ursprünglich slawischen Ge- bieten und da» unfreiwillige Bad, da» man in Ungarn den Lang- fchläferinnen bereitet. Kleines Feuilleton. Da» Institut für BtrerdungSfvrschung. Wie bereits gemeldet worden ist, steht die Errichtung eine» Institut» für Vererbung»- sorschung, de» ersten in Deutschland, an der Königlich Landwirt- schaftlichen Hochschule zu Berlin unmittelbar bevor. Da» Institut soll au» einer zoologischen und botanischen Abteilung bestehen. ES tvird sich also aus die Vererbungsforschung in bezug auf Tiere und Pflanzen beschränken. Demgegenüber plädiert nun der bekannte Genealoge Dr. Stephan Kekule von Stradoiritz in den.Grenzboten" warm dafür, da» Institut auch der Vererbuugsforschung in bezug auf Menschen dienstbar zu machen. Er holt si» einen Eideshelfer in der Person de» Dozenten für Psychiatrie und Neurologie an der Uni- versität Upsala, Dr. H. LundSborg. der am Schlüsse seines Riesenwerkes .Medizinifch-btologische Familiensorsrbung innerhalb eine» 2282- köpfigen BauerngeschlechtS in Schweden" für jede» Land ein zentrale» Forschungsinstitut für menschliche VererbungSwiffenschaft fordert und Derantw. Redakteur: Alfred Wieiepp, Neukölln.— Druck u. Verlag: für derartig« Institut« auch gleichzeitig einen grostzügigen Grund- plau aufgestellt hat. AIS obersten Leiter deS Institut» denkt sich Lundbora einen genealogisch und biologisch gut geschulten Arzt. Da» Forschung»- institut selbst soll etwa folgendermasten organisiert sein: Nebe» dem Vorstande bestehe» mehrere von einander verschiedene Ab- teilungen, deren Arbeitsfelder sind: 1. Eine Abteilung für Genea- logie und Familienbiologie(Familienforschung im engeren Sinne); 2. eine für Familienstatistik(und Demographie): 3. ein- für Anthro- pologie; 4. eine für Kriminologie(Kriminalstatistik, Kriminal- Psychologie usw.) und Völkerpsychologie: 5. eine rein Wissenschaft- liche, die die experimentelle Erblichkeitsbiologie umfaßt. An die Spitze jeder dieser Abteilungen treten anerkannte Männer der Wiffen- schaft, denen zu ihrer Hilfe die nötige Anzahl von Asfistenten bei- gegeben werden muß. Erläuternd fügt Lundborg hinzu:.Diese Abteilungen brauchten natürlich nicht alle auf einmal in Angriff ge- nommen zu werden. Für die Wirksamkeit des Instituts wären jedoch die Abteilungen ein» und zwei schon von Anfang an absolut not- wendig." Kekule von Stradonitz spricht zum Schluß seine Meinung dahin aus, daß ihm nur.aus vergleichenden Beobachtungen und Untersuchungen, die sich auf die Pflanzenwelt, die Tierwelt und den Menschen gleichmäßig erstrecken, die toeiter« Erkenntnis kommen zu können scheine." Seme Forderung läuft auf ein„große» Forschung«- institut für Familienforschung und VererbungSwiffenschaft", den letzten Begriff im weitesten Sinne verstanden, hinan?. Aus der Physit. Die elektrische Beleuchtung alt» der Luft. AuS Madrid wird berichtet: Der spanische Erfinder Jos« Julian JglefiaS Blanco, der erst kürzlich durch Experimente, in denen er Dynamit mit Hilfe ultraroter Strahlen entzündete. Aufsehen erregte, hat am letzten Sonnabend in Pozuelo bei Madrid«ine neue Erfindung bor« geführt, die bestimmt scheint, in der Weiterentwicklung der ElekKizitätS- Industrie eine bedeutende Rolle zu spielen. Mit Hilfe einer An- zahl Antennen und sehr sinnreich konstruierter Apparate ist eS Blanco gelungen, der Atmosphäre elektrische Energie zu entziehen und nutzbar zu mache». Die Versuche fanden auf dem Grundstück des Sheridan Garrattschen Besitzes statt, die Antennen waren auf hölzernen Türmen von 10—12 Meter Höhe außerhalb de» Dorfe« auf einer Hllgelknppe aufgerichtet. Die Apparate Blancos nahmen elektrische Kraft bis zu einer Spannung von 8000 Volt auf: bei der Umleitung schrumpfte diese Energiemenge zwar zu 150 Volt zusammen, aber im Garrattschen Hause konnten mit dieser au» der Luft gezogenen elektrischen Kraft 15 elektrische Lampen erleuchtet und während de» Experiment» in Tätigkeit gehalten werden. Die Versuche sollen sortgesetzt werde», um die volle Leistung»- fähigkeit der im übrigen sebr einfachen Anlage zu erproben. Ans dem Tierreiche. Eine neue Elefantenart. Da» belgische Kolonial- museum hat soeben da» Fell eine» Tiere» erhalte», welche» bis vor kurzem den Zoologen unbekannt war. Es handelt sich um einen Zwergelesanten, der vielleicht noch in großer Zahl im Herzen Afrikas lebt. Er gleicht in gewiffen Formen jenen Arten von Elefanten, die in prähistorischer Zeit verschiedene Regionen der alten Welt belebten. Dieser kleine Elefant. Wafferelefant genannt. wurde von den beide» Naturforschern L« Petit und Gromier bereit» im Jahre 1810 zwischen dem Rordufer de» Leopoldsee« und dem linken User de» oberen Kongo entdeckt. Er bewohnt dort ein sumpfige» Gebiet. Aber e« gelang den beiden Forschern nicht, eine» der Tiere habhaft zu«erden. Eingeborene erklärten ihnen, daMiese Elefanten« ort in einem großen geheimnisvollen Wald« lebte, in den kein Mensch eindringen könne. Den Angaben der Forscher begegnete man in Gelehrtenkreisen bald mit Mißtrauen. Der belgisch« Leutnant Fransten berichtet nun über dasselbe Tier und bestätigt somit die damaligen Angaben Le Petit». Er suchte da« Tier an den Ufern de» Viktoriasees. Eingeboren« wiesen ihm eine Stelle nach, wo er e« beobachten könne. Nach sechsunddreißig Stunden, die er im Schlamm stehend zubrachte, sah er ein Rudel von etwa zwanzig dieser Elefanten und erlegte ein Tier. Pa» Fell diese» Tiere» ist e», da» nunniehr in da» belgisch« Kolonialmuseum zu Tervueren eingeliefert wurde. Fransten bezahlte seine Entdeckung mit dem Tod«. Der Aufenthalt an den sumpfigen Seeufern zog ihm ein heftige» Fieber zu, dem er erlag. Der von Fransten erlegte Elefant— der Direktor de« Museum» Dr. Schoutten hat ihm den Namen büspbil» Alrioamis b ranssoni gegeben— ist nur halb so groß al» der gewöhnliche afrikanische Elefant. Seme Stoßzähne sind sogar achtmal geringeren Umfange» als die seine» großen Vetters. Er lebt in Rudeln von zehn bis zwanzig Stück an der Grenze der Wälder und Seen im Schlamm. Seine Nahrung besteht au» den vorkommenden Pflanzen. Eine ähnliche Elefantenart ist au« prähistorischen Funden auf der Insel Malta im Mittelländischen Meere»achgewiesen. E» fragt sich nun, ob der von Fransten erlegte Elefant dieselbe Art darstellt oder ob diese Tiere Abkömmlinge der maltesischen Art find. E« ließen sich in beiden Fällen die interessanteste» wissenschaftlichen Schlüsse ziehen.________ Vorwärts Buchdruckerei u.VerIag»austalt Paul Singer SrTo., Berlin LAk.