Unterhaltungsblatt öes Vorwärts Nr. 73. Donnerstag, den 16. April. tt)14 i6] 3m Sauernlanö. V o» I o h a n Skjoldborg. Eines Tages, als die Söhne daheim waren, trug der kleine Per, oder der junge Per, wie er jetzt genannt wurde, einen neuen Cheviotanzng. Die kleineren Kinder, die nie etwas anderes gekannt hatten als geflickte und gestopft« und verwaschene Kleider, standen bewundernd um ihn herum und fanden, daß er geradezu wie ein feiner Herr aussehe. Sophie strich mit den Fingern über den Stoff, dann faltete sie die Hände unter der Schürze und überliest sich eben- falls ihren stillen Betrachtungen. Per sagte zum Sohne: „Zum Mai soll Mads ja auch dienen. Ihr müstt Per- suchen, ihm einen guten Platz im Süden zu verschaffen, wo Ihr beide seid: den» ich kann Wohl merken, dast dort bessere Verhältnisse sind: es herrscht dort ein regeres Leben. Dort ist es besser für die Jugend— natürlich»inst es bei guten Leuten sein, denn er ist ja noch so klein," fügte er in weichem Ton hinzu. „Aber hört, Ihr Jungens," rief Sophie,„Ihr habt gewist Zeug, dast Ihr abgesetzt habt und nicht mehr braucht, das kann Mads dann bekommen, so dast er einigermasten nett aussieht, wenn er seine Stellung antritt." „Wir wollen wohl dafür sorgen, dast er nett ausgerüstet ist," sagte Jens lächelnd und umschlang freuildschaftlich Mads' Schlüter. Die Mutter blickte zu Jens hinauf und lachte: „Ja, Du sparst Dir(tfeld zusammen. Gott mag wissen, wieviel Du schon im Kasten hast, ha ha Hai" „Welches Ziel hast D» Dir eigentlich gesteckt, Jens?" fragte der Vater. „Ich will mein eigener Herr werden," antwortete der Sohn fest. „Das ist ja ganz gut, aber— äh— wie steht es eigentlich sonst?"— Per wendete sich im Bette den beiden Söhnen zu.—„Seid Ihr auch mit dabei, bei den Dingen im Süden. Seid Ihr Mitglieder der Sozialdemokratie? Des Hänslerverbandes? Oder des Landarbeiterverbandes?" Die Söhne blickten einander an» aber sie antworteten nicht so recht. Sie schüttelten liur ein lvenig den Kopf. „Denn es koinint jetzt anders, es ist eine neue Zeit ange- brachen. Ihr schlaft doch wohl nicht etioa?" rief Per plötzlich laut. „Wo verkehrt Ihr, welche Gesellschaft sucht Ihr ans?" Per wollte nun von allem Bescheid wissen. Die Söhne fasten halbverlegen da, das sei nicht so in aller Eile zu beantworten, meinten sie. „Wo wollt Ihr zum Beispiel heute abend hin?" „Zum Ball." „Wo?" „Im Krug." „Seid Ihr Abstinenzler?" „Nein." „Ist nicht sonst noch irgendwo Ball?" „Doch, im neuen Versaninilungshause." „Kommt Ihr dort hin?" „Nein." Jens sprach es zögernd.„Dort gehen sozusagen nur die feineren hin." „Seid Ihr denn grob?" „Wir sind ja doch nur— Knechte." Aber da richtete Per Holt sich in seinem Bette auf: seine Augen funkelten. „Seid Ihr nicht gut genug I Das ist doch des Teufels! Ich glaubte nicht, dast meine Söhne solche Gedanken hätten!" Die Söhne wurden ganz verlegen. Per legte sich hastig ins Bett zurück und wurde ganz schweigsam. Aus seiner Brust drangen pfeifende Töne: er War nach dieser Krankheit so kurzatmig geworden. Bald darauf mustten die Söhne fort. „Nun, ja, ja, Kinderl" Per war wieder freundlich zu ihnen. „Wir werden bald wiederkommen und Euch besuchen,- sagte» sie. „Ach ja, tut das, Ihr Kinderl" Sophie legte die Hand auf ihren Anzug und strich darüber hin, nm sich zu ve» gewisser», dast alles in Ordnung sei. „Laßt mich nun sehen, dast Ihr niemals die Sache ver� loren gebt. Jungcns!" Das war das letzte, was Per sagte, bevor sie gingen. Als die Söhne brausten waren, sagte der junge Per: „Es ist doch schön, mal so nach Hanse zu kommen, zu den Alten!" „Ja, aber er will uns, weist Gott, mitunter examinieren." sagte Jens lächelnd.„Ich glaube wohl, dast er selber in seinen jungen Tagen überall mit dabei war." „Das glaube ich auch." Neugierig und stark interessiert schob der junge Per seine» Kops ganz dicht an den des älteren. Bruders. «Aber es steckt viel lleberzeugungsmut in ihm!" „Ja, sein Nacken ist nicht so leicht zu beugen," antwortete der junge Per fxoh und stolz. Sie waren jetzt am Wege angelangt und winkten mit der Hand zurück, wie sie es stets zu tun pflegten. Und als sie weiter schritten, bemerkte Jens:„Ja, wenn unser Vater nicht arm gewesen wäre.... aber er ist trotzdem ein fixer Kerl!" „Das ist er," antwortete der junge Per. Sophie schaute zum Fenster hinaus, solange sie noch irgend etwas von ihnen zu erblicken vermochte. Darauf verlor sich der freudige Ausdruck in ihrem Antlitz', wie eine glühende Kohle, die erlischt. Sie sank wieder zurück in ihre frühere Apathie. H Der Mittagstisch steht so, wie sie ihn verlassen haben: die Tassen sind so leer, dast nicht ein einziger Tropfen mehr drin zurückgeblieben ist. Es iMiberhaupt nichts nachgelassen, nicht eine Brotkrume, nicht soviel, dast eine Maus es zwischen ihre Zähne nehmen könnte. Die Kinder sehen blast aus: das tun sie immer zum Schlust des Winters. Kalt und verfroren gehen sie drinnen umher. Selbst das Spiel vermag sie nicht mehr recht zu fesseln. Es ist einer jener eiskalten Wintertage, wo die. Kälte so leicht durch das undichte Haus des armen Mannes und durch die dünnen Kleider dringt, als sei er völlig ohne Schutz und Schirm, Per sitzt am Fenster. Er sieht auch sehr blast aus, namentlich jetzt nach der Krankheit. Das Atmen wird ihm etwas schwer. Er prestt seine Lippen zusammen, und an de» Bewegungen der Schläfen sieht man, dast er dann und wann die Zähne aufeinanderbeißt. Er sitzt da, ganz in seine eigenen Gedanken versunken, Niemand spricht ein Wort. Es ist ein scharfer Ausdruck in Pers Antlitz gekommen in der letzten Zeit.• Sein Antlitz zeigt, dast das, woran er ständig denkt, sein Gemüt mehr und mehr verbittert hat. Jetzt, mitten am Tage, ist die Sonne zum Dnrchbruch gekommen, und sie leuchtet draußen ans dem Schnee, dast es in die Augen schneidet. Dann und wann fährt draußen ein Müllerwagen, ein Milchwagen oder sonst ein anderes Gefährt vorbei. Da plötzlich funkelt es in einem feinen neusilbernen Geschirr, und ein paar blanke, braune, runde Pferde tauchen auf. Es sitzen vier dicke in Pelz gekleidete Personen in dein Schlitten. Die Schlittenglocken läuten, so dast die ganze Holt« Familie ans Fenster eilt. „Aber, d» lieber Himmel, was soll das bedeuten?" ruft Sophie. „Er hat heute Geburtstag!" antwortet Per. „Wer?" „Wir haben doch nur einen„er" in der Gemeinde." Der Schlitten, der gleich darauf folgt, hat auch Glocken, „So. das ist er, der kleine Norrc von Katholm; er ist der Nru�er des ersten, der vorbeisulir. des Groden Norr».— Eie sind beide gleich dnnnn und gleich geizig." Es ist Per, der halb ,�i sich selber spricht. Der dritte Schlitten wird von zwei fuchsroten Stuten �kzoae», die weiße Füße und helle Mähnen haben.— Das ist der dicke Jcrik ans Korsdal. „Seht nur einmal den dort! Der sieht aus wie ein fettes Schwein, das geschlachtet werden soll... Er gibt 15 Oere Tri'.ckgeid. Es ist ein paarmal vor- gekommen, daß er 25 Oere gegeben hat, aber dann glaubt er Wunder welche Heldentat er verrichtet hat... Siehst Du, der dort mit den beiden Pechschwarzen ankommt— die können laufen, das kannst Du glauben—, der gibt 35 Oere." „Du kennst sie gut, Per." „Sie kauten ja ständig aus Hoibyhos, damals als ich noch da war, und er feiert ja heute Geburtstag, der Kerl!" „Tu magst sie Wohl nicht gerne, Per?" „Ich kenn ihren Eharatter und weiß, wie sie sind und dann— was beißt gerne mögen- ich weiß ja gut. daß sie dazu geboren sind und auf diese Weise ständig gelebt haben. aber cS ist doch kein großes Vergnügen für uusereinen, wenn es einem so geht, wie es uns geht, daznsihen»nd einen solchen Aufzug ulitanznsehen von diesen Burschen, von denen man sich sagen kann, daß man selber genau so gut ist— nicht wahr?" „Nein seht doch, was für einen Winterhut die auf hat!" sagt Sophie._('Forts, folgt.) /lnatole Zrance. Anaiole ffranee wird Heine 70 Jahre all— der Kalender verrat rS. ob auch seine srischftrömende Phantasie und Scbötiserkrast jeden Gedanken, ihn unter die Greise �u rechnen, veripotiet. Nie bat einer den Geist der Schlvere vollkommener überwunden als dieier Phönix, der nicht nur aus der Flamme, sondern au« einem Meer von Büchern immer wieder verjüngt emporschwebt. Franee gehört zu den„dokumentierten" Schriftstellern. Was aui Erde» Bedeutendes, TlessiiinigeS, Seltsames, NärriiweS in Bücher» ausgezeichnet worden ist. hat er zusammengelesen: Philosophie und Grammatik, Geichichte und jegliche Kunstlebre, Theologie und Geheimwissenichasl. Die Antiguariate und Trödlerbuden eckkcher Läuder hat er durchwühlt nach Schätzen, Seltenheiten und Kuriositäten. Aber nie war jemand weiter von allem Schulineislerliwen, Pedantische» und Ausdringlichen cnlsernt, als dieser AlleSwisser. Das kommt daher, daß er«in Dichter ist. der in und hinter all Meier auigelürmien Weisheit den Menschen wahrnimmt, das naturgebundene Wesen mit seinen souveränen Anmaßungen, mit keinen belustigenden Beschränktheiten. die aber doch wieder ein Teil der unendlichen allaemeinen Mannig- faltigkeit und Möglichkeit sind. France stammt geistig von Renan ab. dessen Andenken er auch eine seiner schöniteir Reden gewidmet hat, aber er hat sich über die inncre Dürftigkeit des ironische» Dilettantismus erhoben— vielleicht darin», weil er nicht vom Absolute», von der katholischen Tbeologie herkam, sondern umgekehrt einen in unendlicher Aibeit deS VewußlieinS sich allmählich erweiternden Kreiö höherer Ordnungen erblickte. Bei ousmerksamer Betrachtung zeigt sich in seinem Schaffeit die Einheit, die die halb modern-weltmiiiinische. halb antike Skepsis seiner früheren Periode mit dem Humanitären Eifer und dem sozialen Zukunslöglaubeu der späteren Romane, deS Crainguebille und der sozialistischen An- sprachen berbiii!>ct. Es ist die sranzvsische klare Bernimst und die französische unverhiinmelte Sinnenfreude, die sich in dem. ach so rasch abblühenden Garten des Lebens ergehen wollen. Daher der Haß gegen die nioraliichen Neberspanniheilen, gegen die Romantik. die die mühselig emporgewnndenen Eimer der Verminst ausgießen und in die trüben Brunnen der„Intuition" tauchen möchte. Dies ist auch die Erklärung der, historisch betrachle», ungerechten Aliacke aus das Jakobinertum in seinen, voiletzien Werke(„Die Götter dürsten"). Der Voliairianer— das neueste Werk France», der «Aufstand der Engel" weist auch literarisch direkt auf den Schöpfer des„Candide" n»d sogar der„Jungsrau" zurück— protestiert gegen den SensualiSintlS. gegen Rousseau, gegen die dürre Hugeiioticn- ethik, gegen die llnterwersung der Menschen unter den Fetisch der Formeln. Erinnern wir nnS nur. wie gerade in dem Roman aus der SchreckcnSzeit. ivahreiid die Gölter dürsten und Blut fordern. der Schalk Eros zwischen dci> Gnillotinckarren hindurchichlüpst. In dieser philosophierenden Galanterie, wie al» seinnerviger Stilkünstler ist Anatole France ein Nachkomme und Fortsetzer der französischen Klassik, die an eine», von Leidenschajten erfüllten, zeremoniell ge- bundenen KömgShos erwachsen ist. Versailles, Ivohin er vor kurzem aus der von Automobilhnpcii durchdrohnteii Avenue du Bois geflüchtet ist. ist vi« Urheimat seines«eiste». Dorum ist auch Racine sein Liebling« dichter. Die Respektlosigkeit hat er dann von der Antike und von der bürgerlichen Ausllärung überkommen, daS Bärgerbewußtsein aber von» Proletariat, das in einer Welt immer höher schwellender Un- Vernunft der Vernunft einen nnzerstörbaren Ackergrund sichern will. durch ihre Anwendung auf die elementarsten sozialen Vorgänge, auf die Erhaltung der Raffe.— Anatole France ist als Dichter fran- zösischer als Balzac, der doch nur«in— allerdings nicht leicht anderswo als in Frankreich denkbarer— ungeheuerer Einzelfall war, sranzösischer als Zola. Er ist weder von den Dämonen seiner Ge- schöpfe besessen, noch unterliegt seine schaffende Persönlichkeit der Wucht de« sozialen Geschehen«. Seine Ebroniken der Zeit blinken von Erzählerfreude, von philosophischem SouveränitätSgesübl und von jener gütigen Ironie, die aus tiefem menschlichen Mitleid quillt, das zur menschlichen M i t f r e u d e werden möchte. Und als Dichter tritt er auch in uniere Reihen. Der Parteigenosse Anatole France will nichts Neue« über nalionalökonomisch« Dinge sagen, aber er schöpft au« der Quelle unseres ErkennenS und Hoffen« mit dein kristallenen Kelch seiner Sprache, durch den es tröstend und die Herzen erhellend hindurchleuchtet. t, CrainquebiUe. Bon Anatole France. Die Majestät der Justiz herrscht in ihrer ganzen Größe in jedem einzelnen Urteil, welches der Richter im Namen de« souve- ränen Volkes verkündet. Jeremias Srainqnebillc, ein herumziehender Gemnsrkrümer, sollt« ersahren, wie erhaben das Gesetz ist, als er ivegeu Beleidigung eines öffentliche,» Staatsbeamten vor Gericht geführt iourde. Nachdem er in dem prächtigen und düsteren Saale auf der An» klagebant Platz genommen hatte, sah er voll staunender Bewunderung auf die Richter und Advokaten in ihren Roben, aus den Ge« richtsdiener, mit der.Kette, auf die Polizisten und aus die Zu- schauer, die bloßen Hauptes schweigend hinter einer Scheidewand saßen. Er sah sich selbst auf einem erhöhten Sitz und empfand es als eine hohe Ehre, als Angeklagter vor dem hohe» Tribunal erscheine» zu dürfen. Im Hintergrund des Saales zwischen den beiden beigeordneten Richtern thronte der Präsident Bourrichr, aus dessen Brust die Ehrenavzeicheu der Akademie prangte». Eine Büste der Republik und ein Ehristus am Kreuze schmückte» die Rückwand des Saales, so daß alle göttlichen und menschlichen Gesetze über Crainquebilles Haupt schwebten. Er einpfand es mit wahrem Schrecken. Denn da er durchaus nicht philosophisch veranlagt war, fragte er sich nicht, ivas diese Büste und dieses Kruzifix hier bedeuten sollten und in welcher Be- ziehung eigentlich tvobl Jesus und Marianne(familiärer Ausdruck für die Republik) zu dem Gericht stehen konnten. Dennoch gab es einem zu denken, denn die päpstliche Lehre und das kanonische Recht stehen in vielen. Punkten im Widerspruch zu der Versassuug der Republik und dem Zivilrecht. So viel mau weiß, sind die Dekretalcn ldaS päpstliche Recht) nicht ausgehoben worden. Die Kirche Christi lehrt wie früher, daß nur solche Mäckite eine legitime Gültigkeit haben, die sie selbst eingesetzt hat. Aber die sranzösischc Republik erhebt den Anspruch, keineswegs von der päpst- lichen Macht abhängig zu sein. Füglich hatte Crainguebille mit einigem Recht sagen könne»: Meine Herren Richter, da der Präsident Landet nicht gesalbt ist. so verwirst dieser Christus, der zu Euren Häuptern hängt, kraft des Konzils und der päpstlichen Gelvalt Cure Macht. Entioedcr ist er hier, um Euch an die Macht der Kirche zu er- innern, die Eure Macht vermindert, oder seine Gegenwart hier hat absolut kciiicii verniinstigeii Sinn. Daraufhin hätte der Präsident Bourriche vielleicht geantwortet: Angeklagter Crainqucbillr, Frankreichs Könige habe» immer i» Unfrieden mit dem Papst gelebt. Wilhelm von Rogarct wurde exkommuniziert, aber um solcher Kleinigkeiten willen dankte er nicht ab. Der Christ hier im Gerichtssaal ist nicht der Christ Gre- gors VII. und Bonifacius VIII. Er ist, sozusagen, der Christ des Evangeliums, der nichts vom kanonischen Recht ivußte und nie- »»als etlvaö von de» verwünschten Dekretale« gehört hat. Dann lag es bei Crainguebille, ihm zu antworten: Der Christ des Evangeliums ivar ein Menschen freund. Und außerdem erlitt er eine Verurteilung, die alle christlichen Völker seit neunzehn Jahrhunderten als einen großen Irrtum dsr Justiz anerkannt haben. Ich rate daher, mein Herr Präsident, mich in seinem Rainen nicht einmal zu vierundzivanzig Stunden Gesäiignis zu verurteilen. Aber Crainguebille machte weder historische oder politische, noch soziale Bciracktungen. Er verharrte in stummem Staunen. Der Apparat, der ihn umgal», flößte ihm«ine hohe Bewunderung für die Justiz ein. Er war so von Ehrerbietung durchdrungen, so überwältigt von Angst und Schrecken, daß er die Entscheidung über seine Schuld ganz den Richtern anHeim stellte. In seinem innersten Gewissen zivar fühlte er sich unschuldig. ober was war da? Gewissen eines einfachen Gcinüsekrnmers gegen- über dem Gesetz und den Verwaltern der öffentlichen Strafaewalt. Schon sein Advokat hatte ihn halbwegs davon überzeugt, oaß er nicht unschuldig sei. Eine kurze summarische Untersuchung hatte die ihn belastenden Anklagen ergeben. » Jeremias Crainqucbillr, seines Zeichens ein herumziehender Gemüsehändler, zog tagaus tagein durch die Straßen von Paris und schob seinen Handwagrn vor sich her, indem er rief: Kohl, Rüben, Wurzel, Salat t Und wenn er Porree hatte, rief er:„Spargel, schöne Spargel," denn Porree find die Spargel der Armen. Als er am 20. Oktober um die Mittagsstunde die Straße von Montmartre hinabfuhr, trat Frau Bahard, die Schustersrau, aus ihrem Laden und au seinen Wagen. Prüfend wog sie ein Bund.Porree in der Hand und sagte weg- lverfend: „Das find man recht jämmeriichc Dinger, was sollen sie denn koste» t" ..Fünfzehn Tous. Frau Meisterin," erwiderte Crainquebille, »bessere finden Sie nirgends." „Was, fünfzehn Souö für drei elende Stangen!" rief die Frau, und entrüstet warf sie das Gemüse auf den Karren zurück. In diesem Augenblick kain der Schutzmaim Nr. 6i vorüber. Er näherte sich Crainquebille und sagte: „Fahren Sie weiter." Seit fünfzig Jahren tat Crainquebille von morgens bis abends nichts als lveiterfahrcu— immer nur weitersahrcn. Gegen diese Ordnung hatte er nichts einzuwenden. Sie schien ihm im Gegenteil ganz gerecht und in der Natur der Sache. Er >var darum auch geneigt, zu gehorchen, und drängte die Meisterin, ihren Bedarf an Gemüse zu nehmen. «Na, ich werde doch wohl noch aussuchen dürfen, was ich brauche," erwiderte sie spitz und besah und befühlte von neuem die Porrcebündel. Dann behielt sie eins, was ihr am größten erschien, und preßte es gegen ihren Busen, wie die Heiligen auf den Kirchen- bildern die geweihten Palmeuzweige an ihre Brust drücken. „Bierzehn Eons sollen Sie haben," sagte fie,„das ist mehr als genug. Aber ich habe kein Geld in der Tasche, ich muß es aus dem Laden holen." Ihr Porrecbündcl im Arm, trat sie in den Schustcrladen, loo bereits eine Kundin mit einem kleinen Kinde wartete. Jetzt ermahnte der Schutzmann Nr. V4 Crainquebille zum zweiten Male: „Fahren Sie loeiter." „Ich wart' auf mein Geld," erwiderte dieser. „Habe ich Ihnen etwa gesagt, Sic sollen auf Ihr Geld ivarten? Weiterfahren sollen sie, verstanden widerholte der Polizist. Währenddessen probierte die Schusterfrau dem Kinde, dessen Mutter es sehr eilig hatte, ein paar blaue Schuhchen an. Die grünen Köpfe der Porreestangen ruhten auf dem Ladentisch. In dem halben Jahrhundert, in welchem Crainquebille seinen Karren durch die Straßen schob, halte er gelernt, den Vertretern einer hohen Obrigkeit zu gehorchen. Aber diesmal befand er sich in einer schwierigen Lage— zwischen Pflicht und Recht. Er hatte keinen juristischen Perstand. Er konnte nicht be- greifen, daß. sein persönliches gutes Recht ihn nicht davon entband, eine gesetzliche Pflicht zu erfüllen. Er sah in erster Linie nur sein Recht, das darin bestand, seine vierzehn Sous zu bekommen, und nicht die Pflicht, die ihn hieß, seinen Karren weiter zu schieben, immer weiter. Er blieb daher ruhig stehen. Zum dritte» Male befahl ihm der Schutzmann in ruhigem. gelassenen Tone, weiter zu fahren. Im Gegensätze zu vielen anderen, die immer drohen und nie eingreisen, war der Schutzmann Nr. Ct sehr ruhig bei seinen Ermahnungen, aber sehr prompt dabei, ein Protokoll aufzunehmen. So war nun mal sein Charakter. Aber obgleich er ein ziemlicher Duckmäuser war, so war er doch ein tüchtiger Beamter und ein rechtschaffener Soldat. Mutig wie ein Löwe und sanft wie ein Kind, handelte er strikt nach seiner Weisung. „Sagen Sie mal, können Sie nicht hören, Sie sollen weiter- fahren." Crainquebille hielt de» Grund, warum er stehen blieb, für zu wichtig, als daß er ihm nicht stichhaltig genug erschienen wäre. Er erklärte daher kurz und bündig: „Zum.Kuckuck, wenn ich Ihnen doch sage, daß ich auf mein Geld warte." Der Schutzmann begnügte sich damit, zu erwidern: „Ich soll Sie wohl wegen Zuwiderhandlung bestrafen, was? Wenn Sie das wolle», Branchen Sie's man bloß zu sagen." Als Crainquebille das hörte, zuckte er Imigsain die Achseln und blickte erst mif den Polizisten, dann zum Himmel hinauf, ak» tvollt« er sagen: ..Gerechter Gatt, als ob ich je die Ge'rtze verachtet hättet«ich je gegen die Borschristen und Dekrete-.ufgelehnt hätte, die«a« unserem herumziehenden Stande macht! Ilm fünf Uhr morgens bin ich schon in den Martthallen. Box sieben Uhr an reiße ich mir die Hände wund und Wnmetig an htm Griffen meines Schubkarrens und ruf« unermüdlich: Kohl, Rübe», Wurzel... Ich bin über K0 Jahre alt und bin so müde. Und Sie fragen, ob ich Lust hätte, die schwarze Fahne der Empörung zu schwingen« Sie wollen sich wohl lustig»lachen über mich, das ist gransam und schlecht." Sei es nun, daß der Polizist diesen Blick nicht erfaßt hatte»de« darin keine genügend« Entschuldigung für den offenbaren Ung«- horsam sah, er sagte nochmals, kurz und rauh, ob CrainquebiM ihn verstanden habe. Zudem erreichte die Aufstauung der Fahrzeuge in diesem Augenblick ihren Höhepunkt in der Rue de Montmartre. Die Droschken, Karren, Möbelwagen, die Omnibusse und Rollwagen waren so eng znsammengekeilt, daß es schien, als ob sie niientwirr, bar ineinander geraten wären. Und über die unbewegliche Wagenburg erscholl ein wüstes Ge- schimpf und Geschrei. Die Droschkenkutscher wechselten mit den Schlächterburschen aus sicherer Ferne heroische Beleidigungen, und die OmnibuSführcr, die in Crainquebille einzig und allein die Ur- fache der ganzen Verwickelung sahen, nannten ihn einen alten Kohlkopf. Auf dem Trottoir drängten sich immer mehr Neugierige heran und versolgten den Vorfall mit Interesse. Als der Schutzmann sich dieser Art beobachtet sah, dachte«* nur noch daran, seine Autorität geltend zu machen. „Es ist gut," sagte er kurz, und damit zog er sei» schmutziges Notizbuch und einen sehr kurzen Bleistift aus der Tasche. Crainquebille blieb bei seiner Idee. Er gehorchte einer inneren Macht. Ilebrigens hätte er in diesem Augenblick weder zurück noch vorwärts fahren können, denn das eine Rad seines Karrens hatte sich in das Rad eines Milchwagens versangen Er riß an seinen spärlichen Haaren und schrie:„Herrgott, wenn ich Ihnen doch sage, daß ich aus mein Geld warte. Schock schwere Not zum Donnerwetter noch mal!" Durch diese Worte, die dem Akten»lehr aus Verzweiflung als aus Widersetzlichkeit entfuhren, suhlte sich der Polizist beleidigt. Und da für ihn jede Beleidigung notwendigerweise die traditio« nelle, regelmäßige, geheiligte, rituelle, sozusagen liturgische Form annahm, nämlich:„Verfluchter Polyp," so faßte sein Ohr die Worte des Delinquenten so aus. „So, Sie haben„Verfluchter Polyp" gesagt? Es ist gut, folgen Sie mir.(Forts, folgt.) Ein armer?unge. Er gehörte zu den armen Kindern der Stadt. Zu denen, di« von der Rot der Eltern bleich und schwächlich gezeichnet werden. Da er viele Geschwister haue, und der Verdienst des BaierS gering war, mußte er lrühzeitig milhetfen beim Broterwerben. Wenn er gegen acht Uhr morgens zur Schule ging, so kaute er unterwegs die Semmel, die er sich bereits verdient halte. Die Mutter brachte sür den Bäcker das Frühstück zu den Kunden: da mußte er litchtig mittun. Nachmittag« ging er zu dem alten Messerschmied im Rebenhauie. Dort drehte er den Schleis« stein und verdiente sich so einen Groschen täglich und das Abendbrot. In den kurzen Pausen zwischen dein Semmellrage» und der Schulzeit, und zwischen dieser und dem Steindrehen schrieb er seine Schulaufgaben, lernte er die Sätze und rechnete und zeichnete, was Lehrer und Bücher von ihm forderien. Das alles tat er äußerst gewislenhast und fleißig. Er war der erste Schüler in der Klasse, und er setzte seinen jungen Stolz und seine Ehre darein, das zu bleiben. Als die Jungen« in der Schule einmal einen Aufsatz über doS Thema„Mein Lebenslaus" schreiben mußte», faßte er den Schlußsatz seiner Arbeit so: Nach beendeter Schulzert will ich, so Gott wil, mein Glück als Zeicbner oder Maler verinchen. Diese Worte drückten den nnbedingt ernstgemeinten Wunsch des Schreibers aus. Wenn er sich vieNeirbt zum Lernen der Geschichten »nd zum Rechnen ein ganz klein wenig zwingen, mußte, zeichnen und malen tot er. weil eS ihn, Freude bereitete; da war er wirklich mit Leib und Seele dabei. Er empfand eS nicht als Opfer, wenn er die wenigen freien Stunden, die ihm dann und wann der Tag ließ, daiür hingab. Sobald er unter seiner Hand Landschaften und Blumen, bunte Vögel oder sonst Dinge, die das Leben zeigte, auf dem Papier entstehen sah. vergaß er, Iva« ihn sonst bedrückte und quälte. Er fühlte nicht, daß ihm keine Stunde sür Spiel und kindliches Vergnügen blieb. Er merkte nicht, wie dos Leben seine jung« Seele viel zu früh ernst stimmte. Und er vermißt« nicht da« fröhliche, sorgenlose Glück der Kindheit; einfach deshalb nicht, weil er e» MW gekonnt. — 292 Av,r ttM« in ifbtm Mkn.�chen, bfr ein? Last zu tragen hat, Instinktiv bie Sehnsucht ertvacht und tvächst, welche hinausverlangt aus der gefühlten Enge, so wurde auch in ihm eine Hoffnung lebendig, die in ihrem Ziele und ihrem Wollen zivar verschwommen «nd unbestimmt war, die aber doch seinem frcudearmen Leben einen stillen, inneren Schimmer von Sonne gab. Diese Hoffnung ankerte eben in dem fortwährenden schaffende» Erproben der Kraft. Der Kraft, die auszunützen sein Beruf werden sollte. Das kleine, bescheidene Glück, welche» er auf diese Art in sich liug, wuchs eine» Tages zu einer Grötzc. das; sein junges Herz es kaum zu fassen vermochte. Das war, als ihm der Lehrer i» der Schule sagte, er könne die Stelle eines Zeichnerlehrling» erhalten. Vorausgesetzt sei nur, dah seine Eltern damit einverstanden seien r.ud vor allen Dingen, dah er selbst es wolle. Der zukünftige Meister habe die Zeichnungen von ihm gesehen, sich sonst nach erkundigt und sich bereits entschlossen. Ob er wollet? Natürlich wollte er daSl Der Junge hätte aufjubeln mögen vor innerer Glückseligkeit. Damit ging ja sein ganze» Träumen und Sehnen in Erfüllung! Er lief an dem Tage fast weinend vor Freude heim. Sein Gesicht strahlte und die sonst so blassen Wangen färbten sich ein tvenig rot. Die Mutter war ganz überrascht, als sie ihren Jungen so sah. Und als er ihr den Grund seines Riesenglückes mitteilte, freute sie sich mit ihm. Abends wollten sie mit dem Pater darüber sprechen--- * Der Tag der Schulentlassung kam und die geräumige Turn- halle war voll von jungen Menschenkindern, die nun hinaus„ins Leben" treten wollten. Der Schuldirektor sprach Worte des Ab- schieds. Einfache, gutgemeinte, schlichte Worte. Vom Tapfcrsein im Leben und vom Vorwärtsstrebcn nach hohen Zielen. Von der Schlvere des Kampfe« und von dessen Freude. Die Mädels tveinten alle, auch die Mütter, welche rings sahen. Nur die Jungens bissen die Zähne zusammen, weil sie keine Tränen sehen lassen wollten. Als der Direktor geschlossen hatte und einen Augenblick Stille im Räume herrschte, hörte man in de» Reihen der Jungen ein kurzes einzelnes Schluchzen. Doch ehe jemand der Fernstehenden, dem Klange folgend, sehen konnte, wer es war, begann der Schul. rlwr die alte Abschiedsweise: Es ist bestimmt in Gottes Rat!-- zu singen, und das laute Weinen versank in den Tönen des Liedes—--; Langsam verliehen die Menschen die Halle. Die meisten schweigend— nur wenige schwatzend. Bor dem?lusgange bildete» sich Gruppen. Man wartete auf einander»nd besprach sich gegenseitig. Fragen und Antworten, wie sie der Tag gab, schwirrten durch einander. Ich lerne Tischler. Bleibst Du daheim? Wo wirst Du hinivandern? Ich werde Lehrer, ich Schmied— und so fort. Mit einem Male stand ein ganzer Kreis um den Jungen, der vorhin geschluchzt, und dem sich jetzt noch die Tränen an» den Augen zwängten. Warum er weine? lind Ivas er— der er immer Klassenerster war und der so gut malen könne— lerne? Der Junge wollte antworten, aber die Worte erstickten in Schluchzern. „Warum weinst Du so?" frag ihn einer. Da prehte es ihm mit erschütternder Wehmut die Worte heraus: „Ich darf nichts lernen— wir sind zu arm." Kurt H ä n g e k o r b. Kleines Feuilleton. Wiiirperinfusorie Paramäcium aurclia, die sich unter natürlichen Bedingungen längere Zeit durch Vicrtcilung vermehrt, um dann gelegentlich Verschmelzung ztveier Zellen herbeizuführen. Bei Aus- schluh jeder Konjugation brachte e» Woodruff nun im Laufe von Jahren auf 3340 Generationen. Durchschnittlich erfolgten in je 48 Stunden drei Teilungen. Die Teilungsgeschwindigkeit war Schwankungen unterworfen, doch wurden nie Perioden besonderer Schwäche beobachtet, und die jüngste Generation war noch ebenso träslig wie die Stammutter. Nach diesem Resultat glaubt sich Woodruff zu der Annahme berechtigt, dah das Protoplasma einer einzige» Zelle unter günstigen äuheren Umständen ohne Hilfe von Konjugation imstande ist, sich unbegrenzt fortzupflanzen, und dah Altern und BefruchtungobedürfniS nicht Grundcigenschaften der lebenden Substanz sind. Medizinisches. Die Wirkung de» KlapperschlangengiftS gegen Epilepsie. Dah die gefährlichsten Gifte bei vorsichtiger An- Wendung einen auherordentlichen Nutzen als Medizin haben können, ist durch zahlreiche Beweise zu belege». Allerdings sind eS nieist Pflanzengifte, die sich zu einer solchen Anwendung empfohlen haben. Dennoch schien eS von vornherein nicht unwahrscheinlich, als vor etwa einem Jahr aus Amerika, der Heimat der Klapperschlange, die Nachricht kam, dah auch daS tödliche Gift dieses gesürchtete» Reptil« für die Bekämpfung von Krankheiten verwertet werden könnte, und zwar gegen die Epilepsie. Di« Kunde hat denn auch in ärzttichen Kreisen überall groheS Aufsehen erregt»nd z» Versuchen Anlah gegeben. Jetzt liegen zwei Ber« ösfentlichungen vor. die zwar noch mehr als die früheren zu äuherster Vorsicht mahnen, aber die günstigen Erfahrungen in einem gewissen Umfang bestätigen. Zunächst sind die Forschungen des hervorragenden Pariser Forschers Calmette, eines der gründlichsten Kenner der Schlangen- gifte, zu erwähnen, die er in der letzten Sitzung der dortigen Akademie der Wissenschaften vorgetragen hat. Er hat sich an die ursprünglichen Versuche von Spangler in Philadelphia und von Fackenheim in Deuischland angeschlossen, aber nicht das Gift der zuerst von Spangler verwerteten Schauerklapperschlange, die hauptiächlich in Südamerika vorkonnnt, sondern da? der nord- amerikanischen Diamantklapperschlange gebraucht. Die Impfungen fanden in Pari« durchweg an graue» statt, die in Jrrenhäuier ans- genommen waren. Calmette versichert, dah das Gifl fast immer auf eigentliche Epilepsie eine nützliche Wirkung ausübt, die auherdem von dem Alter und dem Zustand der.Kranken abhängt. Je jüngen die Krauken waren, und je milder ihr Leiden, desto besser gestaltete sich der Erfolg. Durch die Impfung werden die Anfälle verzögert oder ganz unterdrückt. Ein amerikanischer Arzt. Dr. Anderson, dagegen warnt>>n Journal der omerikanische» medizinische» Vereinigung mit gröhtcm Nachdruck vor einer leichtsinnige» Anwendung des Mittels, das ins- besondere in der allersorgfäliigsten Weise zubereitet werden muh. Er hat bei seinen eigenen Versuchen einen Todesfall zu verzeichnen gehabt, der durch die Anwesenbeit von Bakterien in dem getrockneten Gift erklärt werden muhte Astronomisches. Die Leere des WeltrauinS. Dah der Weltraum zwischen Himmelskörpern völlig leer sein sollte, kann man sich nicht vorstellen. Wenn Kraflübertragunge» wie von der Soinie ans die Erde statlfinden, so muh uiisere Einbildungskraft irgendeinen Stoff erdenken, der zun, Träger der Fortpflanzung wird. Daraus ist die Ani'chaunng vom Weltäiher entstanden mid hat sich behauptet, obgleich noch kein sicherer Nachweis für fein Vorhandensein erbracht worden ist, oder überhaupt jemals erhofft werden kann. Dennoch ist nicht anzunehmen, dah diese stoffliche Erfüllung des WeltrauinS eine. erhebliche Masse darstellen kann, weil daS Sonnenlicht wahrscheinlich auf dem Wege bis zur Erde. d. b. bi» zu den obersten Regionen ihrer Atmosphäre keine merkliche Abschtvächung erleidet. Da? Iaht sich sogar durch eine rechnerische Schätzung beweisen. Zwischen der Erde und dein Jupiter liegt ein Raum, der auf dein geradlinigen Wege wenigstens 000 Millionen Kilometer miht, also etlva viermal gröher ist als der Abstand der Erde von der Sonne. Denkt man sich diesen Raum mit einem GaS gefüllt, dessen Dichte nur den 100 000 000 sten Teil der Dichte der Luft an der Erdoberfläche beträgt, so würde die Abschtvächung, die da« Licht des Jupiter» auf dem Wege bi« zur Erde erführe, etwa zweimal stärker sein, als die sich tatsächlich in der Atmosphäre der Erde selbst vollzieht. Daraus ergibt sich, dah der Weltraum, wenn er auch nicht al« völlig leer gedacht tverden darf,»nr mit einem GaS erfüllt sei» kann, das noch viel seiner«nd leichter ist als das in dieser Rechnung aiigenommene. Allerdings ist der Begriff der Dichte durchaus relativ, nämlich abhängig von der Wirkung der Massenanziehung oder dessen, waS in miserer Atmosphäre Luftdruck genannt wird. Würde daS Luftmeer, daS die Erde umgibt, in dem ganzen Wettraum bis zur Milchstrahe bin verteilt werden, so würde cS eine so feine Beschaffenheit annehmen, dah eS auch mit dein empfindlichsten optischen Jnstruntenl nicht mehr tvahrgenomnien werden konnte. Naturwissenschaftliches. Sind die Protozoen»n st erblich? Mit dieser öfter aufgeworfenen Frage beschäftigt sich ein Referat de».Prometheus". Weismann stellte als erstör die Behauptung auf, dah die Protozoen (Urtiere) unsterblich feien, weil das PlaSma jeder Zelle nach der Teilung in den Tochterzellen restlos weiterlebt. Der Tod fei keine Nottvendigkeit im Entwickeln ngSgang der Protozoen, wenn diese auch in Wirklichkeit infolge ungünstiger Einflüsse zu Millionen stürben. Die Behauptung Weismänns wurde von Manpas angezweifelt, der die Ansicht vertrat, dah das Protoplasma der Protozoen, wenn es nicht Kitweise eine Verjüngung durch Verschmelzung mit einer anderen Zelle erfahre, allmählich a» Altersschwäche zugrunde gehen müsse. Maupas züchtete Exemplare von Sttstonhchia in Nähr slüssigteil ttiid isolierte jedesmal die durch Teilung neuentstandene Zelle von allen übrigen, so dah jede Konjugation(Bereinigung) ausgeschlossen war. Er erhielt auf diese Weise zahlreiche Gene- rationen von Zellen, beobachtete aber, dah in der 200. oder 220. Generation die TeilungSfähigteit nachlieh und daS Protozoon an Altersfchtväche starb. Diese Vers»che sind neuerdings von Woodruff wiederholt wor Pen, iu>d ztoar mit ganz anderem Ergebnis, Er arbeitete mit der_________________ Vcraniw. Redakteur: Alfred Wielepp. Neüköliin— Druck n. Verlag: VorwärtSBnchdruckerei u.VerlagSanstallPanl Singer«cCo„Berlin SW."