Unterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 77. Mittwoch, den 22. April. 1914 20] Im Sauernlanö. Bon Johan Skjoldborg. 17. Vor Per Holts Tür hielt ein Schlitten. Es waren Bolsens rote Pferde. Auf dein Vordersitz smzen �iran Bolsen und Niels Rasks Frau vom Hoibyhos in eigener Person, beide in schweren Pelzmänteln. Frau Bolsen war eine Nachbarin der Hebamme, war eine der ersten in der Gemeinde, denn sie hatte eine prächtige Sing- stimme, und ivar dafür bekannt, aus dem Stegreif ein Gebet sprechen zu können, so lang, wie nur je ein Pastor. Sic war kurzsichtig und trug eine Brill?! ihr Benehmen war würdig und priesterlich, und ihre Stimme hatte denselben ein- schmeichelnden Tonfall, wie die des geliebten Kolporteurs frommer Schriften Madsen-Klinkernp. Auch redete sie sehr viel. Per Holt zeigte sich in der Tür und sah die beiden Frauen mit fragendem Ausdruck an. „Es geht Euch Wohl nicht gut. Per." sagte die Hoiby- bäuerin.„Darum haben wir nun etwas für Euch mitgebracht. Du kannst es uns abnehmen." Per war ganz gerührt: dergleichen hatte er nicht erwartet. „Da kann man doch sehen!" dachte er. Er ging in dieser Zeit in schlaflosem Kummer umher und mit einem vor Angst bebenden Herzen: daher war er auch leicht gerührt. Die Tränen waren ihm nahe, aber vor allen Dingen wollte er nicht, dasj man es merken sollte. Es war ein Sack mit Bettzeug da und Eßlvaren. So wie Frau Bolsen im Korridor war. begann sie alles zu beschnüffeln und neugierig zu beglotzen. Sie nahm sich daher auch nicht vor dein tiefen Lock, in acht, das sich direkt hinter der Türschwelle in der Lehmdiele befand, so das; sie fast ins Zimmer hineingefallen wäre. Die 5tiiider lachten leise. Es sah auch zu komisch aus. Sie begriff das selber und ward rot vor Zorn: ihr würdiges Eintreten ins Zimmer war'tnidurch vollkommen zu- nichts geworden. „Du hättest doch Wohl Zeit genug, so etwas in Ordnung zu machen." sagte sie zu Per. Es klang sehr vorwurfsvoll. Sie blickte sich forschend um. um noch mehr Sck)äden zu entdecken. Und als sie sah— denn kurzsichtige Leute pflegen ja alles zu sehen—. daß ein Teckbalken gebrochen und daß überhaupt das ganze Zimmer stark in Verfall war. fügte sie hinzu: „Mir scheint übrigens, hier zu Hause wäre genug für Dich zu tun, bester Mann!" Sie warf den Kopf in den Nacken und blickte ihn kritisch an. Per antwortete nicht. Aber wer ihn kannte, sah. wie seine Nasenflügel bebten, und wie er gleichzeitig die Kopfhaut hin und her schob, und hätte gewußt, was daS bedeutete. „Nun." sagte sie gnädig,„mach den Sack auf." Es war eine alte, stark abgenutzte Bettdecke, nicht viel besser wie Pers eigene. „Nun, hier ist also Bettzeug," sagte sie.„Von uns." Die Hoibybäuerin hatte ein paar lange Kisfen aus einem Paket hervorgeholt. Außerdem brachte jede von ihnen ein Weißbrot, eine Tasie voll Butter und eine Flasche Saft mit. Das war übrigens alles. Sie gingen hinein zu Sophie. Aber sie lag schweigend und ganz still da und koirnte nicht mit ihnen reden. Sie beobachteten beide ganz genau, wie Sophie dalag, und Frau Bolsen glotzte rücksichtslos rings umher. Sie ging ohne weitere? in die Küche hinaus, als sei sie auf einer Inspektionsreise. „Deine Situation ist schlecht. Per," sagte währenddem die Hoibybäuerm.„Sprich mit Niels Rask, ich sage es Dir, es ist zu Deinem Besten. Wenn Du in der rechten Weise mit ihm darüber redest, dann hilft er Dir hierüber hinweg, davon bin rch fest überzeugt." „Ich werde mit niemanden in anderer Weise reden, als m meiner eigenen," antwortete Per fest. Die Hoibybäuerin schüttelte den.Kopf.„Du bist allzu' schroff, Per. Ich begreife nicht, daß ein armer Mann, wie Du es bist, so starrköpfig werden konnte." Per lächelt. „Aber es ist eine Sünde Deiner Familie gegenüber, und auch Gott gegenüber: denn er mag die Hoffärtigen nicht, aber den Demütigen schenkt er seine Gnade: denke daran. Per. Es sind Gottes eigene Worte." „Was tut er dann mit dem Besitzer vom Hoibyhofe?" Pers Ton klang so spöttisch wie möglich. Sie ward ganz eifrig:„Niels Nask vom Hoibyhofe ist ein guter Mann, wenn die Leute sich nach ihm richten wolle». Das will ich Dir nur sagen." Sie schüttelte direkt den Kopf, als sie von ihrem Manne sprach. Dann ging sie hinaus zu Frau Bolsen. Sophie winkte Per zu sich heran.„Wie lange wollen die beiden Frauenzimmer hier noch umhergehen und alles bekrittelnd" flüsterte sie. Im selben Augenblick kehrten die beiden wieder zurück. Frau Bolsen begann ein Kirchenlied zu singen. Ihre Stimme war hübsch. Aber man fühlte, wie sehr sie ihren eigenen Gesang genoß. Pers Blick ward finsterer und finsterer. Sophie lag gequält da. Man merkte, wie sehr sie sich danach sehnte, die beiden los zu werden. „Wollen wir nun beten?" sagte Frau Bolsen und schob mit zwei Fingern die Brillengläser zurecht, wie sie es bei dein vielgeliebten Kolporteur Madsen-Klinkernp gesehe» hatte. „Lieber Herrgott im Himmel! Wir senden ein Gebet hinauf zu Dir aus dieser niederen Hütte, auf daß Du gnädig auf diese armen elende» Menschen herabschauen mögest. Lehr sie nun. Herr, die Gaben, die wir ihnen heute gebracht haben, gut anzuwenden, auf daß sie ihnen zu Nutzen gereichen. Aber, lieber Herr im Himmel, nimm Dich vor allem gnädig ihrer Seele an..." Weiter kam sie nicht. Mitten im beste» Beten mußte sie innehalten. Per runzelte nämlich ganz unheimlich seine Augenbrauen und sagte diese vier Worte: „Tanke, es ist genug!" „Was sagst Du da, Mensch?" „Tu sollst jetzt schweigen! Und das sofort!" Pers Ton war derart, daß man absolut nicht fehl gehen konnte. Frau Bolsen rückte an ihrer Brille herum: sie blickte von einem zum andern, bald über die Brillengläser himveg, bald darunter. Sie war völlig verwirrt. „Du brichst Dir noch einmal den Hals, Per Holt," sagte die Hoibybäuerin und knöpfte den Mantel zu. „Sollen wir gehen! Jagt er uns fort! �--" Frau Bolsens Augen starrten Per an.„Ist das Deine Meinung, daß»vir gehen sollen. Mensch?" „Bitte, ja!" Ihre bebrillten Augen richteten sich nach oben, während ihr Kopf auf die eine Seite sank und sie tief aufseufzte. Bald darauf war der Schlitten verschwunden. Und nach dieser schweren Nacht und diesem anstrengen- den Tage senkte sich endlich die wohlverdiente Ruhe auf die Bewohner des Moorhäuschens herab. 18. Per Holt war in ständiger Unruhe: selbst in dem kleinen Zimmer schritt er immer auf und ab. Er vermochte nicht, sich ruhig zu Verhalten. Das war in der letzten Zeit über ihn gekommen. Er konnte nickt lange sitzen und auch nicht lange liegen. Rastlos und unterbrochen wankte er hin und her, als ließen ihm die kummervollen Gedanken keine Ruhe. Hin und her ging es ohn Unterlaß, und dann wieder rings in die Runde. Hin und wieder schielte er zur Seite mit dein Blick eines Gefangenen. Draußen herrschte Winter und auf den Wegen lag Schnee. Stiefel besaß er nickt. Aber er zog noch ein paar alte Gtnlnchfe über d!e, die er anhatte nnd die voller Löcher Viaren. Die dünnen Leinenhosen stopfte er oben in die Strümpfe hinein. Dann ging er hinaus. Er watete den Fnszsteig entlang durch den Schnee über die Hoibyhohen, wandte sich dann dem Dorfe zn und ging zmn Kaufmann. �. Lange stand er vor dem Ladentisch. Er glaubte nnmer. die letzten würden gehen. Aber dann kam ein neuer Kunde und er konnte nicht mit dem Kommis alleine.sein. Diesem oder jenem Kunden bot man einen Schnaps an; der Kommis bot auch Per einen an. Und er nahm ihn. Schließlich schloß sich doch die Tür hinter dem letzten und Per beeilte sich, sein Anliegen vorzubringen. Aber leider! Der Kommis zog die Schulter hoch. Es ließ sich nicht niachen. Der Kaufmann hatte ihm ganz be- stiunnte Anweisung gegeben. Per nichts mehr zu kreditieren. bevor etwas von dem abbezahlt war, was da noch stand. Der Kommis sagte es übrigens beinahe rührend rück- sichtsvoll. Wieder läutete die Türglocke. Per ging. Einen Augenblick stand er draußen still und blickte sich ringsum, als wisse er nicht, wohin er gehen solle. Dann schlug er den Weg nach Süden ein und schritt zlvischen den Höfen hin. Ganz allein. Niemand kümmerte sich um ihn, mochte er leben oder sterben. Er hatte das Gefühl, als wandere er in einem fremden Lande, an einem Orte, den er nie zuvor betreten— und doch kannte er hier jedes Tor und jede Mauer, jeden Baum, jeden Strauch und jeden Stein am Wege, obgleich alles zu- geschneit war. Eine Strecke weiter unten lag Betania, das Bethans, mit seinem hohen kreuzgeschmückten Giebel direkt am Wege. Die Leute strömten herbei. Es war Versammlung. Kol- porteur Madsen-Klinkerup ging zusammen mit Iran Bolsen hinein. Sie lächelte, als sei sie jetzt schon selig. Bolsen, ein kleiner dürrer Mann, trottete hinter ihnen her. Zuletzt kam Niels Rask vom Hoibyhof, wie ein Punkt hinter dem andern, und dann begann es. Es war merkwürdig— aber trotz all dem Vorhergegange- neu gefiel der Hoibykönig Per doch noch. Er war wohl trotz alledem der beste von ihnen. Es erschienen noch einige Nachzügler und warum nicht— Per lächelte—, warum nicht genau so gut da hineingehen wie anderswo hin.(Forts, folgt.) Mufitalischer Zuturismus. „Ick, bin, also ist Schönheit", sagte durch lange Jahrhunderte der schaffende Künstler— wie Peter Hille. Schönheit in der Kunst ist Wahrheit de« Ausdrucks und Klarheit der Form. Bach. Goethe, Boecklin: die Symbole der ganzen deutschen Kultur. Ihre Werke ströinen jene gchcininisvolle Trias: Wahrheit, Klarheit, Schönheit aus, deren gegenseitige Verbindung und Durchdringung einzig die Seele erschauern macht. Denn sie fühlt aus den Gebilden der Kunst die Unendlichkeit und Unsatzbarleit des Seins. Es scheint nun. wir gehen großen Revolutionen auch in der Kunst, der bildenden und tönenden Kunst wenigstens, entgegen. Der Zukunftsweg der Dichtkunst und Literatur ist weniger gefahrvoll. Für sie arbeitet das Leben, das rastlose,«ngebeure,»nerschöpfliche Lebe» an, unmittelbarste». Ihre Grundstoffe können deshalb weniger erschöpft werden tvie die unveränderlichen Grundclemente der Musik: l2 Töne. Der ewige Fluß de« Lebens sorgt dafür, daß die Realitäten triumphieren, daß das gedanklich und formal ge- steigerte Abbild des Lebens in Dichtung und Schriftlum nicht durch Extravaganzen des Ausdrucks und der stilistischen Darstellung dauernd entstellt werde. In der Malerei und verwandten Kunstarten führen seit„Entdeckuug der Sezession" bekanntlich Objekt und Stil, Dar- stellnng und Ausdruck, Auge und Palette einen grotesken Ringkampf miteinander aus. Am schlimmstei« aber sieht es in der Tonkunst aus. Hier, wo die musikalischen Gruiidstoste snämlich die mathemalisch möglichen Perbindungen der Vi Töne in horizontaler Darstellung: Melodie) an, ehesten erschöpft waren, mußte sehr bald ein scharfer Widerspruch zwischen Form und Inhalt zutage treten. Der Weg der»msikalischen Entwickelung von den Frühesten über die Klassiker bis zu den modernsten komponierenden Wunderkinder» des 20. Jahrhunderts ist kurz der: von Formalismus, Architektur, absoluter melodischer Schönheit über die Wahrheit des Ausdrucks und Schärfe der Charakteristik(nachdem Beethoven die Seele der Musik entdeckt und R. Strauß das seelische Spruchvermögen der Musik ungeahnt erweitert hatte) zun, Ausdruck als Selbstzweck, zur illustrierenden Gedankenmusik, schließlich zu», nebulosen Koloriömus. Di« Schönheit wie die echte musikalische Empfindung ging auf diesem Weg allmählich zum Teufel. Mit dem musikalischen Futurismus, dessen markante Stationen und Vertreter R. Siraußcns Elektro, Debussy. Schreker, Schönberg.DelinS sind, ist die musikalische Entwickelung zun» Glück auf den gleichen toten Punkt gekommen wie die bildende Kunst»,it de», malerischen FuinriSmuS. Diese in den tönenden und farbgetöntcn suturistiicheit Gefilde» so kraß zutage tretende Melancholie des Unvermögens muh zur Rc« aklion führen. Diese Reaktion kann nur ein Zurück zu Schönheit und Melodie sein, zu Klarheit des Baues und(bei aller Diffr- renzierung des Seelischen und Koloristischen) Reinlichkeit der Ton» farbcn-Palette. 1870 jammerte ein Leipziger Kontrapunkt-Schulreiter, Moritz Hauptmann mit Namen, über Richard Wagners aus der Fülle neu- schöpferischer Genialität alles Gewohnte umstoßende Dramen: es seien„Kunstnichtse" und ein„absolutes Hcrumgefafel im Harmonischen und Metrischen". Du lieber Gott. ivqD sollen wir heute, die wir Wagners Einkachheit und Klarheit abmessen können an den gewiß genialischen Exzentrizitäten eines Strauß und Mahler, was sollen ivir hcnte sagen angesichts deS absoluten Anarchismus, den die Futuristen in, Harmonischen, in der Tonalität, der baren Impotenz, die sie in der Melodie proklamiere»! So unglaublich eS ,ii,3 heute erscheinen will, daß die berufensten Kritiker und Aeslhe» tiker der deutschen Kunstwelt vor 40 Jahren sehenden AugeS blind an den großartigen Neuerungen WagncrS, an der tiessinnigen Schön» heit und lodernden Kraft seine» eigentlichen Lebenswerkes(vom Ring bis zu den Meistersinger») vorübergehen konnten, daß alles das gc» fchehen konnte, was der alte Tapvert getreulich in seinem berühmien Wagner-Schimpfwörterbuch gesammelt hat. ebenso gewiß und sicher ist eö, daß die instinktiv ablehnende Empfindung aller zivar modern. aber nicht krankhaft suhlenden Musikmacher und Musikgenießer den Produkten der antimusikalischen Chaotiker nnd Windmacher gegenüber eine gesunde und richtige Empfindung ist. Irgendwo las ich einmal: der Literat, der Politiker, der Philo» soph, sie alle müssen Farbe bekennen. Der Musiker aber wird ge» liefert und denkt sich nichts dabei. Der Musiker denkt nicht, sondern macht Musik. Die Schönberg, Schreker, Delius strafe» diesen Satz Lügen. Sie machen nicht Musik, sondern sie denken. Sie denken ängstlich, wie bleibe ich originell und sensationell. Sie müssen nicht au« innerem, schöpferischem' Drange. auS der Begeisterung künstlerischen Gestalrens und Schaffens heraus die Gesichte ihrer Phantasie tondichlerisch projizieren, sie denken, denke». Sie denken über lite» rarische, philosophische, malerische Musiken nach, wälzen koloristische. instrumentale rhythmische Probleme, versuchen die Bierleltöne i» die Musik einzuführen, holen die auf den alten„Kirchenlönen" bc- ruhende, von Debussy zuerst wieder aufgenommene Ganztonleiter hervor, bauen die verrückteste» mit Vorbalten nnd niemals gelösten Dissonanzen gespickte» Akkorde und Harmonien auf, protzen mit Ouint-Folgen,' sühren Konzerte aus mit Heckelphons, A'ylophons, Celcstas nnd gestopslen Posaunen. Kurz, sie versuchen mit tausend technischen Kniffen und Pfiffen hinlvegzutäuschcn über ihre Armut als musikalische Erfinder, über ihren vollkommenen Mangel an schöpferischer Phantasie.<£er Klangsinn dieser äußerst modernen Leute ist außerordentlich entwickelt, ebenso ihre Orchestertechnik. Sie verstehen es. durch„malerischen Geist", durch raffinierte Klang- spielereien und Tonmischungen, durch rhythmisches Durcheinander und harmonische Mätzchen in ihren„Orchesteropern" und„Opern- sinfonien" die musikaiischen Snobs darüber hinwegzutäuschen, daß ihnen außerdem wirklich gar»ichlS einfällt. Tondichter von SchönheitS Gnaden, hohe Meister tvie Hugo Wolf und Anton Bruckner mußten erst wahnsinnig oder halbkindische Greise werden, ehe sie von der Oeffentlichkeit, der Presse entdeckt wurden. Die modernen Kokopboniker und Klang-Maler haben's besser: die Spürhunde der bürgerlichen Sensationspresse schnüffeln schon von weitem, wem, sie wieder ein angenehm faulig schillerndes und riechendes Ei gelegt haben und verkünden den staunenden Zeit- genossen:„der 12 jährige Wiener Wunderlomponist Johann Casimir Goldkorn hat soeben beschlossen, eine Sinfonie für 000 Instrumente inkl. 0 Orgeln, 1 Dampfsirene, 1 mechanisches Glockenspiel, 1 Hammerwerk und 2 Kanonen zu komponieren. Richard Strauß wird im nächsten Winter das sensationelle Werk in der Berliner Philharmonie aus der Taufe heben." Mit Mahlers„Sinfonie der Tausend" begann eS. mit Schönbergs oder Hubers„Atlantic-Film- vper" tvird es vielleicht Iveiter gehen, die tonangebenden Snobs werden verzückt von„ungeahnter musitalischer Entwickelung", von „malerischem Impressionismus in der modernsten Tonkunst", von Symbolismus uiw. schivaseln, und wir andern, als rück- ständige Beckmesser vielleicht verschrie», werden resigniert die Stätten aufsuchen, wo man den unerschöpflichen Großen wie Wagner, Berlioz, Bruckner, den, jungen R. Strauß, Hugo Wolf noch ein Plätzchen gönnt, um au« ihren Meisterpartituren zu erkennen, daß hier dem wählen musikalischen Fortschritt noch auf Jahrzehnte hinaus Nüsse und Rätsel zu knacke» gegeben sind wie in den Orgel- Partiten und Tokkaten deS alte» Johann Sebastian Bach, des ewige» Lebensborns aller großen Musik, ans Jahrhunderte hinaus I Das Musterbeispiel eines musikalischen Futuristen ist der junge Wiener Komponist F r a n z S ch r e k e r. Er ist bisher mit zwei „Opern":„Der ferne Klang" nnd„Das Spiel werk der Prinzessin" hervorgetreten und hat damit in Wien, München, Frankfurt und Leipzig mehr Verblüffung wie Bewunderung erregt. Tie auf Sensation geimpfte snobistische Minderheit deS GroßstadtpublikumS erblickte hier geniale musikalische Klang- iHtyrdWoiUH, die„Wallt als Malerei* radikale Nmwälzungen der Tonkiinst, die ungeahnt«„EntwickelungSmöglichkeiten anbahnen" uslv. Die andern, die noch nicht RhhlhmuS. Form. Melodie, Tonalität, mulikalischen Gesang i» einer Over nur zugunsten von Orchesterfarbe, »Aangexperimenten. lnifflichen Tonmalereien, chaotn'chen Geräuschen, .Symbolismus" überlvundcn hatten, anerkannten willig das starke Talent deS österreichischen Dichterkomponisten(wie Julius Bittner schreibt sich auch Franz Schreker sein« Texte selbsts. seinen kiinst- leriichen Ernst im Wandeln neuer Wege, wen» sie auch Irrwege sind, lehnten aber beide Opern als musikalische Kunsttverle ab. Schreker ist jedenfalls der Mann, den unsere dem unentwegten Mo- derniömus und Rationalismus in jeder Kunstform huldigende Zeit braucht. Er quirlt mit genialer Gebärde als Dichter und Musiker die srerndartigsten Elemente zusammen: Riaeterlinch Leo Fall, Puedni, Mahler, E Harpentier, Kienzl, Debussy, H. H. Ewers, E. T. A. Hoffmann und braut daraus die radikal-natura« listische Zeit- und Gegenwartsoper mit Klubsesseln, Bogenlampen. Sektkörben, elektrischen Straßenbahnen, Automobilen, Schuyleuten, Dirnen, Kellnerinnen und Monoclekavalieten. Im »Fcrneir Klang" kommt dazu al» poetische Grundlage alles Gc- schehens ein Ouentchen Romantik aus DichterSland. Es ist die Illusion des„fernen Klangs", das tönende Svmbol des Ideals, nach dem der iunge Dichter, der ernsam schassende.Mnstler jagt, und. das ihn als lockender, geheimnisvoll überirdischer Ton und Klang auf dem Meere, im wilden Zimbelschlag der Zigeuner, im Klang der Glocke», im Sang der Vögel, im»rotten Pulsschlag schließlich des sterbenden, an Enttäuschungen gebrochenen Herzen, durchs Leben narrt und äfft. Wie so viele kleine und große Literaten and Musiker vor ihm wollte auch Schreker die egoistische Tragödie des durch alle Himmel der Selbstzufriedenheit und alle Höllen der Verzweiflung aebeHtcn Künstlerniartyriiuns in Wort und Ton gestalten. Die schöpserische Kraft hat nicht ausgereicht. Im 1. und 8. Akt ist der Komponist von allen möglichen Vorbildern wie Charpentier, Mahler. Offenbach- Hoffmann beeinflußt, verblüffend neu in seiner bizaren Kühnheit deS„chaotischen MusizierenS" ist nur der zweite Akt, der eine ausgelassene Gesellschast von internationalen» Amüsierpöbel in einem Veneziünischen Bordell vorführt. Hier herrscht nun ein unglaubliches gleichzeitiges Neben-, Durch« und Neber- einander von allen denkbaren Tönen, Klängen, Rhythmen, Ge- räuscken, Arien. Ständche», Chorsätzen, Proladialog, Melodram, Zigcunertschardus, Orchesterumsik und Bühnenmusik. Die Farben- Mischung ist genial, die Klangwirkung dieses musikalischen ChaoS verblüffend. Man wird vom ersten bis zun» letzte» Augenblick gefesselt vor der Riesenlcinwand eines niodernci» Aarben-Jinprcsstoniste». Wem» orich die zischende Dampf- sircne an dem„Spielwerk der Prinzessin" fehlt, so ist doch in Ge- räusch- und Lärmeutsaltuiig R. Strauß gehörig überstrauht. Mit der Bühnenmusik allein hatten Floiow und Donizetti eine ganze Oper bestritten, tvährend es andererseits unmöglich ist, aus der ganzen ungeheuer exzentrischen und an Schwierigkeiten alles Da- gewesene übertrumpfenden Schreker-Oper auch nur 82 Takte wirk- liche Melodie herauszuschälen. Denn so groß und revolutionär dieser zwischen Mahler und Schönberg stehende Futurist als Klang- crfinder, Tonmaler. Dar- und Moll-Cenniidhcr, TonalitätSstürzer und Chaotiker ist, so klein und ann erlvcist er sich als musikalischer Erfinder. Und das ist da« Typische sür die ganze RichUmg von Debussy und Ravel bis zu Elgar. Sie alle sind Träger eiirer musikalischen Niedergaugökultur, die in ihren nervösen, erschlaffende», fast hysterischen Symptomen der treue Spiegel der Zeit ist. Vor einer Zuk»>nst aber, die das musikalisch Scköne krainpfhast vermeidet, entweder weil sie cS nicht mehr empfinden kann, oder weil es ihr zu simpel dünkt, muß es jeden» rechtschaffenen Freund der Musik als Seelenkünderin wahrhaft bange werden. Crainquebille. � on A n a t o l k France. (Schluß.) Nach diesem Austritt aber war Crainquebille in seinem Viertel erst recht unmöglich geworden. Und der alte Mann zog»veiter und murmelte sür sich hin: „Ganz sicher, daß sie so eine ist,— ja, sie ist so eine—" Aber im Grunde seines Herzens»nachte er ihr keinen Vorwurf daw»>s. Und dcsüvegen verachtete er sie auch nicht. Im Gegenteil. Er bewunderte Madame Laure, weil sie sparsain>var und eS verstand, etwas für ihre alten Tage zurückzulegen. Früher hatten beide gern miteinander geschwatzt. Sie hatte ihm dann von ihren Eltern erzählt, die auf dein Lande Ivohntcn; und beide hegten de»» große»» Wunsch, einen kleinen Garten z>» besitzen, uin Geinüse darin zu ziehen und Geflügelzucht zu treibe»». Madame lZaure war eine gute Kundin gewesen, und als Erainqncbille nun sehen mußte, daß sie ihre»» Kohl bei dein kleinen Martin kaufte, bei diesen» elei»den Knirps,'diese»» Lausbuben, da war ihm der Schreck in alle Glieder gefahren, und wie sie ihn oben- drein»och so verächtlich behandelt hatte, da war ihm die Galle übergelaufen...................... TaS Schlimmste war, daß Madain« Laure nicht die einzige war, die ihn»vir«in«» A»lSsätzigcii behandelte. Alle law», als kennte» sie ihn nicht mehr. Tie Schusterfrau, die Echlächtcriueisteriu, alle wandten sich verächtlich von ih«» ab. Die ganze Gesellschaft in dem Viertel wollte nichts mcyr von»hm tviffen. Also bloß, weil cr vierzehn Tage gesessen hatte, war er„u>r nicht'mehr gut genug, Gemüse zu verlausen! War das»vohl g«-, recht? Hatte es Sin» und Verstand, einen alte»» braven Manu Hungers sterben zu lasse», einzig und allein,»vcil cr mit einen» ..Putz" i» Konflikt gerate» war? Wen» er sei» Geinüse nicht mehr los wiirde, so konnte cr sich nur hinlegen n»d krepieren. Das erbitterte den Alte». Nach seinen» Streit»nit Madame Laure hatte cr Händel über Händel, lim die geringste Kleinigkeit stritt er. Mit den Kunden i»>ar cr grob»uid schimpfte ungeduldig, iveu»»ual einer ein bißche» lange z»vische» seine», Ware» suchte. In der Wirtsstubc zoukte er mit allen, so daß sein Freund, der Kastaniei»händler. ihn nur noch„altes Stachelschivein" nannte. Und wirklich wurde Crainquebille von Tag zu Tag unleidlicher. Er schlief schlecht,»var übel gelaunt und hatte»»»»»er ein böses Maul. Das Unglück»nachte ihn ungerecht. Er rächte sich an denen, die ilichis Böses gegen ihn»in Sinn hatten und oft auch an 'Schwächeren. So gab er eines Tages dem kleinen Alphous, dm Sohn eines WeinhandlerS, eine Ohrfeige, als das Kind ihn fragte, ob es im Gefängni« schön sc»./ „Unverschämter Beugel," schalt cr,„wenn es nach Recht»md' Gerechtigkeit ginge, so säße Dein Pater in» Loch, anstatt reich zu »verde,» bei seinen Gislmtschcrcikk»." Wort und Handlung»»achten ihm keine Ehre, denn»vic sein Freund, der Kastanienvertäufer, ihm gerechterlveise vorlvars— Kinder soll man nicht schlagen und ihnen ihre Eltern vorioem», die sie sich ja nicht selbst gcivählt habe». Er sing an zu trinken. Je Iveniger cr verdiente, desto mehr trank er. Und da cr früher sehr sparsam und mäßig gelvesei»»var, wunderte er sich über sich selbst: „Ich vi» doch sonst kein liederlicher Mensch gewesen. Man »oird wohl immer unvernünftige»', je älter»nan»vird," philosophierte cr. Ost ärgerte er sich über seine Buinmele» u»»d Faulheit.„Alter Lump," schalt er sich,„Du laugst rein zu gar nichts mehr." Manchmal versuchte er sich selbst zu betrügen, dann redete er sich ein: „Muh doch von Zeit zu Zeit ein Glas trinken, das stärkt die »nüden Glieder. Da ist sicher etivaS nicht i» Ordnung in dem alten Magen, und da Hilst nichts als'» Glas Kirsch." Oft verpaßte cr nun in den Markthallen friihmorgeno die An» fuhr»md den Großverkanf der Gemüse, dann»nußte er alte, vor» dorbene Ware nehmen, die mau»hin auf Kredit gab. Einmal fühlte er sich an Leib und Seele so ,»att und ge- brachen, daß er seinen Wagen i» der Reinise stehen ließ. Den ganzen Tag verbrachte cr in den Wirtshäusern bei den Markthallen und abends sah er zusa»»meiiaekauert und bedrückt auf eine»» min- gestülpte» Korb und grämte sich über seine Verkoinmenheit. Er dachte an seine frühere Kraft und Leistungsfähigkeit, an die schlveren Mühen, die er ausgestanden hatte und den glückliche»» Gelvinn, den er Hein» trug, a» all die zahllosen Tage, die einander so glichen, so ausgefüllt gelvesen waren. .Er sah sich wieder, wie er»»» der Nacht in den Marktballe» auf die Anfuhr der Gemüse wartete. Dann»vurde der Wagen sorgfältig und kunstgerecht beladen, stehenden Fußes noch ein Schluck schwarzer Kaffee hinunter getrunken bei Mutter Theodora, und dann»vnrde der Karren»nit fester Hand in Belvcgung gesetzt. Kräftig und hell wie ein Hahnenschrei klang sei»» Ruf durch den frühen Morgen,»venu er durch die Straßen fubr. Sein ganzes unschuldiges und hartes Leben, das er»vährcnd eines halben Jahrhunderts geführt hatte, zog an seinem geistigen Auge vorüber. Wie er tagaus tagein»vie ein Lasttier ans seiner rolleiröei» Auslage de» müde»» Städter» die frische Ernte der Ge- »uüsegärteii gebracht hatte. lind seufzend schüttelte er den Kopf: „Ne,»e, ich kann nicht mehr,»nit»nir ist es a»ls. Der Krug geht so lange zu Wasser, bis er bricht. Seit meiner Geschichte bei Gericht bin ich ganz verändert. Ich bin gar nicht»nehr derselbe Mensch." Kurz und gut, Crainquebille war»noralisch vernichtet. Wenn einer»»al erst soweit»st. so koinint er nicht mehr in die Höhe, und die Menschen verhöhne»» ih», statt ihn» zu helfen. » Das Elend kam, das schtvarze Elend. Der alte Man»», der früher aus der Vorstadt Montmartre die Tasche»» voll b-Frank- Stücken zurückbrachte, hatte jetzt keinen Pfennig mehr. Es»var Winter. Aus seinen» Verschlag»var er ausgeioiesen, nun schlies er in einer Remise. Es regnete seit 24 Stunden, die Abzugskanäle»varen verstopst, die Gossen liefen über und die Remise stand unter Wasser. Crainquebille saß zusammengekauert in seinem Wagen über — 808— Sw ftinfcnben Pfüben zivisckxn Spinnen. Matten nnd ausgc- hÄRgccte» Katzen und starrte dumpfbrütend vor sich hin. Ihn fror. Er hatte den«anzen Tag nichts gegessen, und zu» feieu konnte er sich auch nicht, denn fein Freund, der Kastanien- Kii»t(er. hatte ihm die Säcke Mieder weggenommen, die er ihm «liehen hatte. Er dachte an die beiden Wochen, wo ihm die Stadt Nahrung r»> Wohnung gegeben hatte. Er beneidete die Gefangenen, die toMber von Hunger noch von Kälte zu leiden hatte», und plötzlich fr» ihm ein Einfall: ,.$ch kenne ja jetzt den Kniff," sagte er sich,„warum sollte ich jifr nicht brauchen." Er stand auf und ging auf die Straste hinaus. Es mochte «bm elf Uhr sein. Die Nacht war dunkel und rauh, ein dichter, frwchdringender Nebel fiel hernieder. Die wenigen Leute auf der Straße drängten sich hart an den schützenden Mauern der Häuser entlang. Erainqucbille ging au der T». Eustachc-Kirche vorüber und frg in die Rue Montmartre ein. Sie lag ganz verödet da. Nur ein Schutzmann stand, auf dem Trottoir hinter der Kirche an einen Äfrrnenpfahl gelehnt, und der feine rieselnde Regen bildete einen »iliche» Dunst um das(ilaslicht. Er fiel auf die Kapuze des «Schutzmannes, der ganz durchnäßt schien, aber sei es, daß dieser tza» Licht der Dunkelheit vorzog, oder de? Herumgehen» müde war, «r blieb an der Laterne stehen, die ihm vielleicht in der einsamen Macht ein Freund und Gefährte lvar. Die zitternde Flamme war seine einzige Unterhaltung in den sangen Stunden der Nachtwache.» Seine Unbeiveglichkeit hatte etwas Uebcrmcnschlichcs. Ter Wrderschein seiner Stiefel auf bm* nassen Trottoir, das wie ein See aussah, verlängerte ihn nach unten und gab ihm das Aussehen «ines amphibischen Ungeheuers, das halb aus den Wassern ragte. In der Nähe mit seiner Kapuze und den Waffen konnte man ihn für einen Mönch oder einen Soldaten halten. Die groben Gesichtszüge, die durch den Schatte» der Kapuze Jwck vergrößert wurden, hatten etwas Friedliches und Trauriges, Er hatte einen kurzen, dicken, grauen Schnurrbart und war «n ausgedienter Soldat von einigen vierzig Jahren. Erainqucbille näherte sich ihm leise und sagte mit zögernder schwacher Stimme: „Verfluchter Polyp." Dann wartete er auf die Wirkung dieser berüchtigten Worte. Uber die Wirkung blieb aus. Der Schutzmann blieb stumm und unbeweglich mit untergeschlagenen Armen stehen. Aus seinen großen, loeitgeöffneten Augen, die im Dunkel leuchteten, blickte er auf Crainquebille voll Traurigkeit. Wachsam lest und Verachtung. Crainquebille war ganz verwundert, aber mit einem Rest von Energie stammelte er: „Verfluchter Polyp— das gilt Ihnen." Ein langes Schweigen folgte. Um die Laterne tropfte der tMliche, feine Regen, ringsumher lag ein eisiger tiefer Schatten. Endlich sprach der alte Soldat: „Das müssen Sie nicht sagen... tvahr und gewiß, das müssen ®,« nicht sagen. Wenn man so alt ist wie Sic, sollte man ver- «unftiaer sein. Gehen Sie Ihrer Wege." „Warum arretieren Sie mich nickt?" fragte Crainquebille. Der Schutzmann schüttelte den 5kopf unter seiner nassen Kopnze: „Wenn wir alle Krakeeler einstecken wollten." sagte er,„die frDen. was sie nicht sagen dürfen, dann hätten wir viel zu tun!... Itütz was hätte das wohl für einen Zweck?" Crainquebille knickte zusammen bei dieser ungeheuren Per- «chiung. Betäubt und stumm blieb er lange Zeit im Rinnstein stechen. Ehr er weiterging, versuchte er eine Erklärung: „Es tvar auch nicht für Sie. daß ich„Verfluchter Polyp" gc- frgt� habe, und auch für keinen anderen— es.war nur so eine „Das ist ganz einerlei, warum Sie es gesagt haben," erwiderte der Schutzmann mit herber Sanftmut.„Aber das muß man nicht stiGen. den» wenn ein Mensch seine Pflicht tut und viele Strapazen ausstehe» muß, so soll man ihn nicht durch müßige Worte be- leidige». Ich wiederhole Ihnen noch einmal, gehen Sie Ihrer »ege." Crainquebille senkte de» Kopf und wankte langsam mit hängen- dl» Armen durch den Regen in die finstere Rächt hinein. Kleines Feuilleton. Die Stiftungen der Milliardäre i« Licht« der Wahrheit. Dieses Xhema findet in einem Buche von Professor Wilhelm Ostwald„Der energetische Imperativ" eine höchst beachtenswerte Beleuchtung. Gelegen tUch eines Festvortrages, den Ostwald im Jahre 1910 vor den Jenenser Studenten zur Vorfeier der Einweihung des Ernst Adde-DenkinalS hielt, in dem er„Abbe als Führer" schilderte und dir hochherzige Stiftung dieses den Stiftungen der amerikanischen Kapitalprotzen gegenüberstellte, 'agte er: Wir leben in einer Zeit, wo wissenschaftliche und andere Stiftungen von allen Seiten und in Beträgen von vielen Millionen gemacht werden. Insbesondere aus Amerika erfahren wir täglich von derartigen Stiftungen, welche immer Ivieder von neuem darauf hinweisen, daß die amerikanischen Groß» kapilalisten ein gewisse« Bedürfnis empfinden, wenigstens einen kleinen Teil ihres Vermögens für hochstehende und edle Zwecke zu verwenden. Als ich diese Verhältnisse seiiierzeit an Ort und Stelle eingehender zu studieren in der Lage war, überzeugte ich mich, daß sie in der Nähe wesentlich geringwertiger nuSsehen, als >ie von ferne ohne genaue Kenntnis der tatsächlichen Verhältnisse erscheinen. Um nämlich die vorhandenen Umstände richtig beurteilen zu können, muß man sich dessen erinnern, daß eS in Amerika weder Titel noch Orden, noch irgendwelche anderen allgemein anerkannten Formen gesellschaftlicher Auszeichnung gibt. Somit sind diejenigen, die nach solcher Auszeichnung streben, dazu genötigt, sich eigene Wege für diesen Weg zu bahnen, und unier diesen Wegen sind die Stiftungen zu Humanitären und wissenschaftlichen Zwecken die beliebteste», weil sie am besten bekannt und an» erkannt werden. Aber die Schilderungen derjenigen von meinen Kollegen, welche in der Lage' waren, solche Stiftungen zu aktivieren, haben mir dann gezeigt, wie wenig hochstehend in vielen Fällen die Gedanken waren, von denen die Stifter geleitet wurden. Sehr oft kam eS ihnen»ur daraus an, eine möglichst protzig aussehende, tunlichst aus Marmor gebaute Fassade zu erlangen, auf welcher in großen> goldenen Lettern ihr Name angebracht war. Was hinter der Fassade gebaut wurde, und insbesondere in welchem Maße für die unscheinbaren, aber umso kostspielerigcn wissenschast- lichen Bedürfnisse der Anstalten gesorgt war, kam ihnen erst in dritter Linie wichtig vor, und»reine Kollegen erzählten von heftigen und anstrengenden Kämpfen, die sie durchzumachen gehabt hatten, um für de» eigentlichen Zweck derartiger Stiftungen einen leidlichen Anteil des StistungSkapilal« zu reiten. Wenn man sich eine anschauliche Vorstellung von diesem durchschnittlichen Geiste des amerikanischen Stifters machen will, so braucht man sich z. B. nur die berühmte Lick-Sternwarte in Kalifornien anzusehen. Ivo ein reicher Znckerhändler oder Börsenmann ein Fernrohr gestiftet hat, welibeS damals und lange hernach das größte in der Welt war. Er hat sich dann unter dem Hauptteilc des Trägers dieses Fernrohres begraben und mit deutlichen Lettern auf einer metallenen Platt« dafür sorgen lassen, daß alle Besucher, welche zahlreich auf diese Sternwarte zu kommen pflegen, auch genau erfahren, daß gerade er jene Stiftung vollbracht habe." Hygienisches. Die Verdaulichkeit der Brotsorten. Der bekannte Physiologe Hindl>ede in Kopenhagen spricht sich neuerdings auf Grund eigener Versuche für das Ganzkorngrobbrot und gegen Feinbrot auS, tveil bei genügendeui Kauen ersteres gut ausnutzbar, bekömmlich und ökonomisch ist. Zur Unterstützung seiner Lehre zieht er auch die bei Beribrei gefundene Tatsache heran, daß Er- nährung mit poliertem ReiS Gesundheitsftörungen im Gefolge hat. Daß in der Getreideschale wichtige Stoffe vorhanden find, ist sicher. Prof. Boutteau gelangt auf Grund eigener Ueberlegungea und Versuche zu ähnlichem Ergebnis wie Hindhede. Von beson- derem Interesse ist auch der von beiden Forschern gegebene Hin- weis darauf, daß der mehrfach in Mißkredit geratene Begriff der „Nährsalze" doch bereits greifbare Gestalt gewonnen lmt und der mehrfach erbrachte Nachweis der Gleichwertigkeit von tierische»! und pflanzlichem Eiweiß bei der wachsenden Preissteigerung des ersteren von immer größerer volkswirtschaftlicher Bedeutung wird. Auch spielt die Keiabroternähriing bei der zunehmenden Zahn» fäule eine Rolle. Oeffcntliche Ruhchallen. Prof. Dr. Sommer in Gießen empfiehlt angelegentlich die Errichtung öffentlicher Ruhe- hallen als ein Mittel zur Vorbeugung von Nervenkrankheiten, namentlich solchen, die auf Ermüdung beruhen. Oft führen kleine Ruhepausen zu einer überraschend schnellen Erholung der Nerven, so daß diese als mit Reservccinricktungen begabt erscheinen, die auch nach starker Ermüdung alslmld wieder in Kraft treten und zu einer Wiederherstellung der verbrauchten Ncrbcnkraft führen. Durch öffentliche' Ruhehallen soll eine Gelegenheit zu kurz- dauerndem Ausruhen gegeben werden. Sie müßten nach Prof. Dr. Sommer in ruhigen Seitenvierteln der belebten Stadt- teile, womöglich, falls öffeiitliche Wege ohne zuviel Straßenlärm vorhanden sind, auf diesen angelegt werden. Die Rentabilität solcher Ruhehallen erscheint gesichert. Die Ruheeinrichtungen würden zu einer Verbesserung der allgemeinen Polksgeftmdheit beitragen, sie würden die Zahl der Unfälle, die oft in der Ueber- müdung des Arbeiters ihre Ouelle haben, und ihre schweren Folgen vermindern, sowie frühzeitig eintretende Invalidität, bei der gleich- zeitig oft Uebermiidung schuld trägt, in manchen Füllen ver« hindern. In oder dicht neben größeren Eisenbahnstationen, be- sonders in den für den Verkehr bedeutungsvollen ftjretizungs- und Umsteigestationen sollten von der Eisenbahnverwaltung selbst Ruhehallen eingerichtet werden. Das Uebermaß von Bewegung der Jetztzeit, ihr rastloser Mechanismus mutz durch rechtzeitig« Ruhe korrigiert und eingeoämmt werden. __ Mannes und seine Lebensführung,_,_ Weraniw. Redakteur: Alfred Wielrpp, Neukölln.— Druck u. Verlags Vorwärts Buchdruckerei u.VcrlagsanstattPaul Singer LtEo., Berlin SV. VV.WL.~A V»} lUUjPH \ QU«»»vuvm ■floifps SM ftvchjgwn»m»a>'"h;, * nfuifoiitagi SUN »»q