uiuKi�ainmgeoiatt oes Vorwärts Nr. 78. Donnerstag, den 23. April. 1914 et] 3m Sauernlanö. Von I o h a n Skjoldborg. Per hielt sich in der Nähe der Tür. Aber trohdein wurde seine Anwesenheit bemerkt: schon durch die erbärmliche.silei- dnnn unterschied er sich in dieser Versoninilung von den nieist Wohlgekleideten Männern und Frauen. Per horchte auf den Gesang und die Predigt. Aber es waren nur gottgefällige Redensarten, wie er sie schon so oft gehört hatte-, immer wieder dasselbe bis ins Unendliche. Aber hier war es warm und geschäht und angenehm. Nach und nach hörte er nur die Predigt wie ein fernes einschläferndes Gemurmel: er hatte nur wenig zu essen bc- kommen an diesem Tage und dazu ein paar Schnäpse, so das; er bald in einen Halbschlumiiier fiel. Seine müden Gedanken fanden endlich Ruhe. Aber später geschah etwas, das ihn weckte. „... Es ist einer in dieser Versammlung,..." Es war eine Stimme, die sich näherte.„... ist einer in dieser Versammlung..." „Das bin ich," dachte Per und war im selben Moment vollständig wach. Es war Bolsens Frau, die betete: sie stand vor der Kanzel mit breiten, über dem Magen gefalteten Händen. „... Lieber Herr im Himmel! Ich sage abernials, wenn einer in dieser Versammlung ist, der seine Sünde bereut, so Wird der Herr ihn nicht von sich stoßen— keineswegs!— Ich war in einem armen Heim, ach, in einem sehr armen Heim, sogar in dieser Gemeinde..." „Das ist doch wirklich zu arg," dacdte Per. Die Leute begannen heimlich zu Per lnnüberzuschiclcn. Er war wie ein wilder Vogel, der sich zwischen die Hühner ver- irrt hatte. ... Und wieder ertönte die Stimme:„Ich habe den armen Menschen Worte des Gebetes gebracht und bin ver» stoßen worden, um des Herrn willen.— Gott sei gelobt und gedankt!— Aber der Herr wird trohdem nicht den armen Mann von sich stoßen. Keineswegs!" Per ward von Minute zu Minute unruhiger auf seinem Sitz. Seine Nasenflügel vibrierten, die Kopfhaut ging hin und her. Die schwarzen Augenbrauen zogen sich finster zu- sammen. Es herrschte wilder Aufruhr in seinem Innern. Die Blicke, die man ihm von verschiedenen Seiten sandte, zeugten nicht gerade von christlicher Güte: es waren merk- würdige Augen, die ihn neckten und irritierten. Er blickte über diese gutgekleideten Männer und Frauen hin, die alle genug hatten, und dachte dann an die Seinen daheim. Er ward zornig. Und Frau Bolsen fuhr imnier noch fort. . Da stand Per auf, uin sich gegen all dies aufzulehnen, und rief wild und heftig der Sprecherin ins Gesicht: „Halt den Mund, Heuchlerin! Du Heuchlerin! Zum Teufel, so halt doch den Mund!" Frau Bolsen verstummte. Das war ja entsetzlich. Alle wandten sich uin. Wie ein tiefer Seufzer ging cS durch die Versainmlung. Aber Per hob seine Augen und schrie wild: „Herrgott im Himmel, wenn du wirklich da bist, so gib diesen Heuchlern, die hier versammelt sind, ordentliche Ge- danken und ein menschenwürdiges Gemüt!" Per hatte keine Ahnung von dem, was er sagte. Die Worte wurden in dem Augenblick geboren, ohne daß er davon wußte. Aber nun, da sie gesprochen waren, standen sie wie in Erz gegossen vor ihm, wie dergleichen wohl geschehen kann. „Nummer 497," sagte Madsen-Klinkerup. Und die Töne des Liedes stiegen mit Kraft und Wärme aus der Versammlung empor. Eine alte herrliche, schöne Melodie, die von gläubigen Geschlechtern seit Jahrhunderten gesungen wurde. Der Gesang wuchs und hinterließ einen mächtigen Ein» druck. Per fühlte sich klein. Sie hatten vielleicht trotzdem recht. Was bedeutete es übrigens, wenn er. Per, und einige andere lebten oder starben. Nein, vergessen, vergessen... Per stürzte hinaus. „Wer war dieser Mensch?" fragte Madsen-Klinkerup und rückte an seinen Brillengläsern:„Er war wohl berauscht!" „Das ist ein armer, erbärmlicher Mensch, der unten im Moore wohnt," bemerkte sein Nebenmann. Und Bolsen, der auf der anderen Seite stand, fügte wichtig hinzu: „Er ist wohl das, was man gemeinhin ein Subjekt nennt!" „So, so! Ja, ja!"— Madsen-Klinkerup seufzte. „Nein," antwortete Niels Rask vom Hoibyhof fest.„Ein Subjekt ist er nicht!" Per stand draußen und hatte nur noch ein größeres Gefühl der Verlassenheit als zuvor. Er hatte auch noch zu allem andereil einen Fluch auf sich geladen, schien es ihm. „Ja, vergessen, vergessen... Alles vergessen!" seufzte er müde. Der Doktor von der Nachbargemeinde kani im Schlitten angefahren.„Hören Sic", sagte er zu Per,„haben Sie nicht einen Augenblick Zeit, das Pferd zil halten. Ich muß ins Feld hinein." Per nahm ganz mechanisch die Zügel. Per erhielt ein Trinkgeld. Er schlenderte den Weg entlang planlos... Etwas später stand er vor dem Ladentisch des Kauf� manns und verlangte eine Flasche Branntwein. Er sagte kein Wort weiter, blickte nicht zur Seite, sondern machte nur, daß er wieder herauskam. Hinter der Scheune des Pastors nahm er den ersten wärmenden Feuertrnnk. Das beruhigte so schön, und er nahm noch einen Schluck. Er schlug den Weg durchs Dorf ein, seinem Heim zu. Eigentlich war es doch ein ganz freundliches Dorf, schien es ihm: die Höfe lagen so gemütlich durcheinailder. Er fühlte sich gcmz wohl, ausgezeichnet. Ein Stück weiter unten erblickte er die goldene Kringel des Bäckers... Konnte es etwas schaden, wenn er hineinging und auf Rechnung des Hoibybauern ein Brot bekam... Ach, was zum Teufel!... Denn er mußte etwas mit heimbringen. Durch das Fenster sah er, daß ein junges Mädchen im Laden stand. Ha ha! Er forderte schnell zwei Schwarzbrote, ein Weißbrot und eine Tüte mit weichen« Kaffeebrot. Das Mädchen sah ihn einen Augenblick fest an. Aber Per fuhr sie im barschen Ton an, sich etwas zu beeilen. Es seien Frernde daheim und er hätte keine Zeit, hier z«« steheir und zu warten. „Es ist fiir Per Holt ans dein Moorhause. Ich habe hier noch mehr stehen." Per machte, daß er zur Tür hinauskam. „Das ging großartig," sagte er zu sich selber. Er lachte über den gelungenen Anschlag.„So ist's, wenn man frech ist. Das ist die richtige Art und Weise. Aber man ist ja zu dumm." 19. Per Holt taumelte weiter, Nächte und Tage lang in der» selbe«« Verfassung. Wenn der Rausch sich verflüchtigen wollte, goß er wieder Branntwein nach. Wenn er sich der Nüchternheit näherte, veränderte sich der Ausdruck seines Gesichtes auffalle««!): Sein Blick flackerte dann unruhig, gepeinigt und gequält umher. Dann trank er wieder mehr, unk sein Antlitz bekam von neuem den milden versöhnlichen Ausdruck, als wenn er keine Sorgen mehr habe. Er schlief fast gar nicht: auch während der Nacht war er beinahe fortwährend in Bewegung: er ging umher und verrichtete allerhand Klemigkeiten, stopfte die Bettdecken fest NM dir Kinder, sditr sich ein wcnifl lind schluininerte ein, ttttnf wieder einen Tropfen aas der Flasche und begann von neuem feine Wanderung. >?o taumelte Per Holt von einer Ecke zur anderen in dein verfallenen Moorhäuschen, während der Wind durch alle Spalten pfiff und die Winterkälte sich durch alle undichten Stellen hiudnrchzn'ängte.-- (fs$ lag eine Hökerei, die mich im lyeheimen etwas Aus» schank betrieb, im forden des Hoibyer Sees. Damit hatte Per Verbindung und a»>ch dort etwas Kredit bekonnuen. Eines Tages gegen Abend kam er von dorther mit einer Vranutweinflasche in der Tasche. 'Der Nordost strich über die vereiste Seeoberfläche und fegte sie an manchen Stellen blank', er wirbelte die feinen Cchneetörner ans und führte sie zu dem am Seeuser entlang führenden Wege, den Per ietzt daherschritt. Er ging weder schnell, noch elastisch mehr. D i e Zeiten waren für Per Holt vorbei. Mit vieler Mühe arbeitete er sich durch das Unwetter hindurch, vielleicht auch, weil er! etwas betrunken war. Aber er fühlte sich ganz wohl. Erhitzt, wie er durch den Branntwein war, kühlte ihn anfangs der Nordost, und das Schneegestöber wirkte wie ein Bad ans die Schläfen. Auster dein lag etwas drollig Kitzelndes in diesem Wirbeln tun Ohr und Kinn. Und das stostweise Sausen des Unwetters um seinen Kopf herinn wirkte so herrlich betäubend. Ans die Dauer war es allerdings etwas ermüdend, sich durch die Schneehaufen hindurch zu arbeiten, die hier und da gurr über den Weg lagen, dort, wo Schutz war. Und da- zwischen hatte er oft Mühe, auf dem hartgefrorenen Erd- doden festzustehen. Man koililte also wohl eine kleine Herzstärkung gc- brauchen. Aber jetzt wollte er damit warten, bis er am Nordholm ailgelangt war. So hießen eine Anzahl Höfe, die gerade vor ihm lagen. Es war nämlich direkt ein Kreuzfeuer für ihn, wenn alle Hofhunde auf ihn losfuhren und ihn anfielen; er stand neuerdings mit allen auf dem Kriegsfuße. Aber nun solllen sie nur einmal den Versuch machen, auf ihn loszukommen, er würde ihnen, hols der Satan, das Gehirn zu Brei schlagen. Seine Faust packte fest den dicken Knüppel... tForts. folgt.) Shakespeare. Zur Wiederkehr seines 3t) 0. Geburtstages. Tie Wellschöpsung, die in den Dramen William Shakespeares lebt, ist so maniltgfach und unendlich m Geschichlen und Gebilden, dag ihr Urheber, gleich dem Göll der Mrlaphl>sik, der Hmmiel und Erve schuf, sich in der Aiille seiner Werke und Erscheinungen ver- birgt und in ihr zu einem dunklen Geist und Gefühl allgemeiner und höchster Erhabenheit zersliehend sich erhebl, odiie datz seine Persönlichkeit im einzelnen zu schaue» und zu fassen ist. Was hat dieser William Shokeipcare cücbt, gefühlt, gewollt— wir wisse» eS nicht. Die Geichöpse seiner dramatischen Phantasie leben 350 Jahre»ach seiner Geburt mit uns, sie bevölkern das Reich unserer Gedanken und unserer Erlebnisse. Unser Bewustisein würde verarmen ohne sie. Aber ihr Urheber entzieht sich uns in Wolken. Zwar wissen wir, datz seine Kunst nicht aus dem Nichts gc« zaubert. Er hat Vorgänger, Vorbilder, auch zu ihm hcrauragcnde Zeitgenossen. Er»ahm sorglos die Stoffe, die das vorhandene Schnfltum ihm bot. Auch erkennen wir in seinen Werken das lcideiischaflliche Getümmel der Zeit, in der sie entstanden: diese englische Nenaissance des Zeitalters der Elisabeih, da die Insel zur Wellherrschast ansteigt und die Schätze der Erde sich an- eignet, eine strotzende Zeit, voll von Kräften, Abenteuern und Verbrechen, heroisch imd lasterhaft vornehm und roh, sehn- süchtig und inigebändigt, phantastisch ringend um Erkenntnis und Glück, eine vcrlvegene Kultur, die über rechtlosen, mitzhandelle», hungernd arbeitenden Massen sich erhebt, aus deren Mutterbodc» doch wurzelhast stark in die hösisch-fendale Pcrfcinernng die ursprüng- sich dichtende Phantasie deS Volkes lvie schwellender FrühlingSsaft ansteigt. Aber von dem Dichter selbst wissen wir nichts, sondern nur von einigen äutzcrlichen DaseinSdate» eines Schauspielers Shakespeare, der aus elender Verlomnienheit hervorging, es zum Milbesitz eines Theaters brachte>md schlictzlich einigen Landbesitz sich erworben hat; dcffe» Taufe am 20. April 1501 inS Kirchenbuch eingetragen und der am 24. April 1010 gestorben ist. Die unermüdliche Shakespeare- Forschung triumphiert freilich, Hotz es ihr mir der Zeit gelungen, mehr als anderthalb hundert Ur- künden der Existenz Shakespeares zu entdc?cn. sie find samt und sonders jür die Erkenntnis drs DicbterS bedeutungslos und mehr befremdend als erleuchtend. Wir haben keine Zeile seiner Dichtungen von seiner Hand, keinen Pries von ihm und nur einen einzigen an ihn, und der ist ein Beltclbries. Seine Unterschrift findet sii»d findet sich behaglich in seinem Znstand, oder es lärmt als Lumpengesindel, versoffen, abgerissen, ein Ziel bf»""-.",. t■ mo Bovucljmen. ttunuii« Kesselflicker, den Seine Lordschast ins Schlob bringen und in seidene Kleider stecken lädt, um sich an dem Lordlvahn de« Säuser« zu ergötzen, hat nicht« vom sozialen Ankläger, nicht einmal etwas von sozialer Satire. Aber in den Aolksszenen Heinrich« VI. zuckt doch etwa« wie die Wildheit des Bauernkrieges. Ist dieser Ha»« Cade wirklich nur der verächtliche Führer eine« Pöbelaufstande«, gegen den der Dicbter Abscheu erregen ivill, wenn er ihn gegen den Abgesandten de« König« hetzen labt? „Und ihr, gemeine Knechte, glaubt ihr ihm? Wollt ihr denn durch- au« mit eurem Pardon um den Hai« ausgchenkt sein? Ich dachte, ihr wolltet eure Waffen nimmer niederlege», bi« ihr eure alte Freiheit wieder erobert hättet; aber ihr seid alle elende Feiglinge, und habt eine Freude daran, in der Sklaverei des Adel« zu leben. Sa mögen sie euch denn den Rücke» mit Lasten zerbrechen, euch die Häuser über dem Kopf wegnehmen, eure Weiber und Töchter vor euren Augen notzüchtigen; was mich betrifft, ich lverde sür mich allein schon Rat schaffen und Gotte« Fluch möge euch alle treffen\" Spricht hier nicht doch nnler der Maske der Dichter al« iozia- listischer Rebell? In unseren Tagen erhob Tolstoi gegen Shakespeare die Anklage, das; er fremd allem sozialen Gefühl gewesen und das; darum seine Kunst Blendwerk und Belänbung der Mensch- heit lvard. Die veischlossenen Lippen de« Dichters, der nur durch den Widerstreit der handelnden Personen sich äußert, widersprechen diesem Vorwurf scheinbar nicht. Dennoch glaubt nian die innere Warme Shakespeares gu sühlen, wen» er im„Sturm" Gonzalo, den ehrlichen Rat des Königs, Utopien malen läfft, von dem er König sein möchte. Hermann Cohen sieht in seiner Aesthetil, dein ersten loissen- schaftlichen Unternehmen einer sozialen Kunstphilosophie die weltgeschichtliche Bedeuiiing Shakespeares in der Verbindung de« Tragischen und Koniischen,„Das Beispiel Shakespeares bildet den Wendepunkt in den Wellalter» der Ästhetik. Die alte Welt richtete zwei Welten des Schönen auf, die eine als die des Schmerzes und der Klage, die andere als die der Freude und der Lachlust, Die neuere Zeit bringt Cinheit auch in diese beiden ästhetischen Welten". So überwindet der Humor alle Erhabenheit tragischer Arbeit. Da- mit aber gliedert sich Shakespeare, wie immer sich die persönliche Tendenz seines Weltivollens verhalten mag, als Künstler in die Reihe der Befreier ein. In dein ewigen Leben seuier Dichtungen findet sich die Weltstimmung der leidenden Menschheit unserer Zeit tvicder: die Heilerkeit der Daseinsbejahung, die die lastende Tragik des Lebens durch die schaffende Tat überlvindet. X. K �Was ihr ersieht, liegt unter meinen Züßen/ Persische Sage. Ich erzähle nicht von dem Dichter, der ai» einem hellen Abend, während der Kahnfahrt aus den silbernen Wellen des Meerbusens, trunken von den, feurigen Wein des Schönen, sich i»S Meer ivarf, nin den aus den Wellen gleitenden Mond zu sangen, und der un- retlbar versank, Ich erzähle auch nicht von dem Dichter, der, von, Märchenliede der Nachtigall berauscht, iit den unendlichen Wäldern umherirrte, um die Stachligall zu sangen, und der unansfiiidbar verschwand, Ich erzähle von den, Dichter in SchiraS, der nur die Wahrheit sprach und um der Wahrheit willen mit Steinen beworfen wurde. Der groffe Zarathustra hat gesagt:„Sprich die Wahrheit vor dcit Mächtigen dieser Welt!" llnd Mussa Schir-Ali, der Dichter aus Schiraö, sprach auf Märkten und vor Stadttoren, den Reichen ins Gesicht, immer nur die Wahrheit und fürchtete sich nicht: „Böse sind eure Taten und eure Herzen sind falsch. Inr Rainen Gottes betrügt ihr die Armen, und unter der Larve der Liebe beraubt ihr eure Nächsten. „Ihr leckt, das Hemd der Mächtigen, lobt die Faust der Starken. Ihr verteidigt die Sache der Waisen imd Witwen, während ihr eure harte Brust mit euren von Blut besudellen Händen schlagt. „Ihr kauft und verkauft Liebe und Liebkosungen, ihr gebt ein- ander Liebesküssr, aber unter den Schöfien eurer Kleider schärft ihr Dolcke gegen einander." So hat Mussa Schir-Ali immer gesprochen. Und alle haben ihn verfolgt. Seine Freunde haben ihn nicht mehr gegrüßt und seine Käme- raden das Gesicht von ihm abgetvandt. Man hat ihn verspottet, wenn er durch die Märkte ging, und sein Brot tränkte sich mit seinen Tränen, Und schlicsfiich wuchs der Zorn der Meng5 so hoch empor, das; sich der arme Dichter vor den Klauen der tierischen Menge kaun, slüchten konnte. Und er ging und tvandcrte Tag und Rächt. Da« Dorngestrüpp der Wüsten zerzauste ihn, die Kleider und die Steine zerrissen ihm die Schuhe. Schliehlich kam rS eines Tages ermüdet und erschöpft rmter Bucharas Mauern an. Sollte er in die Stadt, in das feindliche Lager treten, un» das �rvrr oe„.ummue», zu 0 Hyänen speisen? � Er bedachte sich nur einen Augenblick, dann trat er m' oie Stadt ein und ging in den Strafien umher. Er sah Lastträger mit gebeugten» Rücken. Mit matte» Schritten schleppten sie ihre schwere Bürde und sie schültetei» sie in die Speiche» eines Reichen. Und dieser sah auf seinen Reichtum, strich seine!» roten Vollbart und murmelte:„Ehre sei dir, Gott". Dann sah Mussa Schir- Ali die Schar der Bettler, die vo» Tür zu Tür irrten. Man jagte sie von der einen fort und sie klopften an die andere. lind er sah, tvie ein Reicher einem greisen Bettler eine Kupfer» münze gab und unter den Segenöworten de« Greises davonging. stolz, ausgeblasen, und von sich selbst entzückt, tveil er so barm»> herzig war. Und vor ihn, beugten sich demütig alle Vorübergehenden. Er sah, wie ergeben sich dieser Reiche vor einem reicheren Mann« beugte, der kann» sein Griiszen bemerkte. Und immer weiter ging Mussa Schir-Ali durch die Straßetr und sah, wie die Schergen unter dein Gelächter und Geheul der Menge einen zerlumpte» Mann beim Kragen packten und davon- schleppten, weil er aus einer Bäckerei ein Brot gestohlen hatte. Und der Dichter sah die Menschen hier dasselbe tun, was sie in Schiras taten. Es dunkelte. Mussa Schir-Ali war todmüde und hungrig. „Ich lverde ein Ivenig Brot kaufen und nach einen, Zuflucht«- ort suchen, Ivo ich mich auSruhen kann,"— dachte er»nd steckte die Hand in die Tasche, zog eine kleine Goldmünze, sein letztes Stück Geld, hervor und ging zum Bazar. Vom hochragenden Minaret herab ertönte das Abendgebet des Mullas. Die fromme» MoSliinS schritten in Gruppen zun» Markt und knieten zum Gebete nieder. Der Dichter begab sich auch dahin, stand auf dem Markt und blickte um sich. Laut klang die Stimme des Mullas und hallte über die Stadt: „Allah ist Allah und Mohammed ist sein Prophet." „Gnädig ist Allah und seine Gnade ist grenzenlos." „Das Meer wird austrocknen, aber seine Barmherzigkeit für seine Kinder ist unversiegbar." „Ehre sei Allah sür seine Gnade und Güte I" „O Allah I Vergib in deiner unerschöpflichen Güle die Sünden der Menschen und gib uns unser täglich Brot!" Mussa Schir-Ali warf sein Goldstück vor seine Füße, trat es mit seinen abgetragenen Schuhen und riet laut:„O Mulla, o Menschen, das, was ihr von Gott erbittet, liegt hier, wahrlich hier unter meinen Füßen I" Seine Stimme donnerte über den ganzen Markt, trai die srommen Ohren der Beter, hallte hinauf ans die Spitze des MinaretS und unterbrach den herzlichen Abendgrus; des Mulla?. Eine Weile wurde es totenstill, dann brüllte auf einmal der ganze Markt, und alle Beter schnellten ans. „Was redet dieser Ungläubige? Wer ist er? Waö erdreistet er sich gegen Gott? Wer lästert unseren Glauben?" So schrien Tausende von Menschen und umzingelten Mussa Schir-Ali. Wie ein rasender Tiger sprang der Mnlla herbei und rief:„O ihr Gläubigen Allahs! was zaudert ihr noch? Steinigt diesen Giam I" Er nahm selbst den ersten Stein und schlenderte ihn a»S voller Kraft gegen Mussa Schir-Ali. Der Stein sauste und traf die Stirn des Dichters. Das Blut spritzte ans und der arme Redner der Wahrheit schwankte. Die Moslims folgten dem Beispiel deS Mullas und warfen voll Zorn kleine und große Sieine aus den Dichter. Und bald stürzte Milssa Schir-Ali unter de», schonnngSlosc» Hagel von Steinen mit gebrochenem Schädel in seinem Blute zu- sammen. Er war schon tot, doch die Steine sausten noch innner und häuften sich über ihm. In dicscilt Wirrwarr sah plötzlich die Menge die Goldmünze de« unglücklichen Dichters zwischen den Steinen flimmern. Und alle fielen, einander beiseite stoßend, darüber her. Aber der Mulla, der am nächsten stand, stürzte sich wie ein Wahnsinniger darauf, ergriff die Münze und, sie in der geballten Hand hoch- haltend, rief er voll Freude: „O Allah I Ehre sei dir! Groß ist deine Gnade, tleberall belohnst du uns für das Lob, das wir dir spenden." „Groß ist Allah",— sagten die anderen,—„er läßt die Söhne der Gerechten nicht darben. Ehre sei dir, o Allah, Ehre sei dir in Ewigkeit I" Der Dichter aus Schiras halte Recht: O Mnlla, das, was du vom Himmel erbatest, hast du unter seinen Füßen gefunden. Immer hatten die Dichter Recht. O Menschen, das, loaS ihr erbittet, findet ihr imier ihren Füßen, unter den Füße« der Dichter. sAnS den, Arinenischen deS A. Isahakian� lUEiiifcv z�el� on. Natur»visse»schaftlicheS. Vin Vo�elbuch. Zug- und Strichvögel kehren in ihre fominerlichen Ounrlter« guriick, und von Tag zu Tag mehren sich die Scharen des gefiederten Stolle«, die Wälder, Auen, Hecken. Park« und Gärten beleben, die Wasserfläche» und ihre llfer nicht zu vergessen. Jeder Naturfreund kennt eine Anzahl Vögel scvon an ihrer Stimme, die volkstümlich gewordenen Laute de« Kuckucks und Pirol«, den ge- lächterartigen Schrei de« Buntspecht«, die kurzen, sich immer gleich- bleibenden Liedchen de« Buchfinken, da« viel längere Tiri« lieren der Lerche, da« Flöten der Amsel, da« sroscharlige Geknarre de« RohripaheS uiw. Aber die Zahl der Vögel, die selbst in den Park« der Grofistädte und in ihrer Umgebung vorkommen, ist beträchtlich größer, als der weniger Unterrichtete vermutet. Jeder gröficre Ausflug bringt ihm Vogel- laute zu Gehör, die er nicht zu deuten veiinag, die aber den Wunsch in ihm erregen, hinter dieie mrdr oder minder musikalischen Äe- Heimnisse und ihre gefiederten Urheber zu kommen. Hier bietet Prof. Voigts„(JxkursionSbuch zum Studium der B o g e l st i n, ni e n" eine sehr gute Anleitung, geschrieben von einem Manne, der der deutsche» Vogelwelt mit offenem Auge und scharscm Ohre lange Jahre hindurch in den verschiedensten Teilen des Reiche« nachgegangen ist. Da« Auch hat einen guten Ruf. für den auch die Talsache birgt. das; e« bereit« in sechster Auflage vorliegt. sBerlag von Quelle u. Meyer in Leipzig: Prei» gebunden 3 Mark.s De», speziellen In- halt gehe» Ratschläge für den Anfänger. Mitteilungen über die SangeSzeit vieler Arten und eine Auillärung über die vom Verfasser benutzte eigen« Zeichenschrift zur Darstellung der Vogel- stimmen voraus. An vielen Stellen wird die Gesangsstrophe auch in der gewöhnlichen Noieuschrist dargestellt. Einen ganz»nein- geschränkten Gebrauch von dem Buche werden vor allen Dingen die mit gutem uiusikalischen Gehör Begabten mache». Aber auch der übrige Teil der Benutzer des Buches wird zu einem sehr erheblichen Teil auf seine Rechnung kommen, weil die meisten behandelten Vögel kurz, aber ausreichend beschrieben sind und weil bei allen anziehende Schilderungen ihrer Lebenswerse uiw. gegeben werden. Für solche, denen e« zwar nicht an Freude au der Vogelivel«, aber an innsikalischem Gebör gebricht, sei das früher au dieser Stelle besprochene Buch von Floericke, Taschenbuch zu in Vogelbe stimmen fKosmoS-Slerlag in Stuttgart) in Er- innerung gebracht, in dem in erster Linie die Gestall, das Flug- dild, die Farbe usw. de» Bogels zur Bestimmung herangezogen werden. ES ist allgemein bekannt, dafi die zunehmende Waldverwüshmg und die Kultur der Moore viele Vögel zurückdrängt, datz aber trotz- dem eine ganze Anzahl von ihnen wie zum Ausgleich au« der gefährdeten Wildnis in die groben Städte zieht..' manchen Vorzckg snr ,>m ,n Ampriich nehmen kann. E» ist bemerkenswert, daß die Studien dafür schon vor mehr al« zehn Jahren begonnen haben, als es überhaupt noch leine Aeroplane oder andere lenkbare Luftschiffe gab. Der seitdem ver« storbene Geograph Elisee RecluS war einer seiner Urheber, der da« malS natürlich nur an einen gewöhiiliche» Luftballon denken konnte lind möglichst genau die Windverhältnisse im mittleren Atlantischen Ozean studierte, um die Unierlagen für ein solches Unternehmen zu gewinnen. Da» Projekt bewegte sich also in ganz ähnlichen Bahnen wie das des Ballons„Suchard", der jetzt eigentlich schon unlerweg« lein sollte. Der Ausgang war der Rachiveis, daß von Maroklo a»S in einer Zone von 15 Breitcgraden wäbreiid mehrerer Monate des JahreS mninterbrochen die nordöstliche» und östlichen Luflströniungen. die aiS Passate bekannt sind, mit großer Zuverlässig« keit wehen und ihre Herrichast westwärts bis jenieils der Antillen und bis zur Halbinsel jyukalnn ausdehnen, sowie daß ihre Ge- schwiirdigkcit 55—75 Kilometer in der Siunde beträgt. Ein Ballon, der von der Jnser Palma oder Teneriffa im Mai ausstiege, müßte danach etwa in vier Tagen den Ozean überqueren können. Diese Theorie ist jetzt schon zu den allen Geschichten zu zählen, obgleich sie sich immer noch nicht in die Wirklichkeit hat übersetzen lassen. Seit der Einführung der lenkbaren Lastschiffe ist nun ein neues Moment hinzugekommen, da« zilgmisten des Planes gebucht werden kann. da die Eigengeschwindigkeit eincS solchen Fahrzeuges zur Windgeichwindigleit hinzuzunehmen»st. Selbst ohne Unterslützuiig durch Llistströnunige» würde ein Zeppelin die Strecke po» Palma»ach Cayenne von 5000 Kilometern in etwa sechzig Stunden»nd mit Hilfe der Windegeschwindigkeit in vielleicht 1�/, Tagen zuiücklegen. Es ist aber durchaus fraglich, ob diese Linie gerade an, beste» gewählt wäre. Ein« Zusammenslelliing ergibt in dieser Hinsicht solgende»: Bon Agadir nach Para oder Cayenne sind 500» bis 57V» Kilonieter zu überfliegen, von Palma nach Cayenne SWO Kilometer, von Dakar in Senegamblen»ach Cayenne 4100 Kilometer. Die Enlfcrnung verringert sich aber be- deutend, wenn man als Ziel ans der anderen Seite dnS Kap de San Roque in Brasilien in AuSfichl nehmen könnte, wohin von Dakar oder Konakry der Abstand nur drei- tausend Kilometer wäre. Wahrscheinlich sind aber auf dieser südliche» Raule nicht so günstige Windverhältniffe zu erwarten. Die französische Fachzeitschrift stellt vorläufig einem Frei- ballon oder einem Zeppelin ein besieres Horoskop als einem Flieger. Ein Dauerflug mit dem Aeroplan ist bisher über 10 Stunden noch nicht ausgedehnt worden, und dieie würden bei einer Durchschnitts» geichwmdigkeit von 100 Kilometern nur eine Strecke von 1000 Kilo- meler ergeben oder etwa die Hälile der Breite des Atlantischen Ozeanö an seiner schmälsten Stelle. Auch nach ihrer Bauart können die Flugzeuge für ein solche« Unternehmen vorläufig wohl nicht in Frage konnnen. Verstcinerutigskunde. Eine versteinerte Riese nlibelle. Der Begriff der Versteinerung müßte eigentlich ausgemerzt werden, denn die Reste ausgestorbener Tiere und Pflanzen, die sich in Adlagcrungen älterer Schichten der Erdkruste finden, sind selten eigentlich versteinert, sondern nur mit dem Gestein verbunden. Die Reste selbst bestehen entweder in Abdrücken oder in GesteinSauSjüllungcn der Hohlräume iiogen. Steinkcrne») oder endlich in den ursprüngliche» Stoffen selbst, ob eS sich nun um Knoche», Kalkichalen odei anderes handeln mag. Die Erhaltung richlet sich haupliächlich nach der GesteinSart, und feine Sand-, Kalksteine»nd Schiefer sind am besten dazu geeignet. In ihnen finden sich nicht nur die Uebcrbleibsel von Lebewesen mit festen Hartgebilden wie die Muschel- schalen, Schneckengehäuse, Zäbne und Knochen höherer Tiere, sonder» inuunlcr auch die zarlesten.Körpcrsormen. Sind doch sogar in alten Gesteinen die Abdrück« von Quallen nachgewiesen worden, die aus wenig mehr aiS aus einem Klumpen Schleim bestehen und rasch zerfließen, wenn sie vom Meer auf de» Strand geworfen werden. Besonders und mit Recht berühmt ivegen seiner wunderiamen Schätze an zarten Ticrresten find die einzigartigen lithographischen Schiefer von Solnhosen. Dort haben sich namentlich auch Insekten so voll- endet erhallen, daß jede Linie des NetzgeaderS der Flügel erkennbar ist. Damit aber stehen diese dem Jura angehörigcn'GestcinSlager nicht ohne Beispiel da, sondern noch ältere Gesteine, vorzugsweise alte Sandsteine und Schiefer der Steinkohlcnformation, haben in verschiedenen Ländern, soivohl in Deutschland wie in Belgien, Frank« reich, England, Bereinrgien Staaten uiw. eine veihällnismäßig reiche und schön erhaltene Jnsettenfauna geliefert. Einen neuen prachlvollen Zeugen dieser vor Jahrmillionen aus- gestorbenen Jnsekicirwelt hat Dr. Bolton durch einen Fund in den eiiglischen Kohlenlagern ans Tageslicht gezogen. Es handelt sich um de« Rest einer Libelle, die eine Riesin unter ihresgleichen gewesen sein muß. Erhallen ist von dieser nur ein Drittel des linken Vordcrflügels, aber dieses Stück mißt allein O'/z Zentimeter in der Länge und 4 Zentimeler in der Breite, so daß die Länge des ganzen Flügels auf fast 20 Zentimeter geschätzt werden muß. Die ganze Spannweite der Libelle beim Flug bat also mehr als 40 Zentimeter betragen, und man würde sich Wohl einigermaßen wundern, heute ein derartiges Rieieninsckt austauchen zu sehen, mit dem selbst die größten tropischen Schmetterlinge nicht in Vergleich treten könnten. — Druck u. Verlag: VorwärlsBuchdruckerei u. Vcrlagsaii, ialt Paul Singer � Berlin