JKIE tß&tf tinreryaltungsblatt des Vorwärts Nr. 81. Dienstag, den 23. Slpril. 1914 u] 3m Sauernlanö. Von I o h a n Skjoldborg. (Schluß) 22. Eines Ta�es war Per Holt in seinem besten Staat. Es waren viele, viele Jahre vergangen, seitdem das der Fall ge- Wesen war. Er und Jens waren fast gleich groß nnd gleich dick. Daher hatte er von ihm einen netten gebrauchten Anzug bekommen. Haar und Bart waren sorgfältig gesticht—• beides war seht grau meliert— und Sophie hatte seine Holzschuhe mit Ofenschwärze blank gepicht. Er war auf dem Weg nach dem Süden: schnell eilte er über die Wiesen und die Hoibyer Brücke gen Süden, gen Süden.— Jetzt sollte es ihm doch noch vergönnt sein, das alles mit Augen zu sehen, was dort vor sich ging, wo seine Söhne lebten. Nun hatte der.Hänslervercin Söbyholm gekauft und schnell war es parzelliert worden: seine drei ältesten Söhne gehörten zu denen, die dort ihr Heim aufschlagen würden. Es sei schon fast eine ganze Stadt dort, sagten sie. Aber Per vermochte es nicht reckst zu begreifen, daß solch arme Burschen so einfach ein Rittergut kaufen konnten. Und daß sie den Mut dazu hatten I Jetzt wollte er selber es sich einmal ansehen? Er eilte vortvärts nnd kam ganz außer Atem. Tie Adern sckwollen ihm an den Schläfen. Aber cS gelang ihm doch, über die Hohen hin überzukommen, und nun sah er ein sonncnbcschiencnes fruchtbares Land zu seinen Füßen liegen. Der Roggen blühte und der Frnchtstanb ward vom Winde gleich Nebelwolken durch die Luft geführt. Als er Schritt für Schritt in dieses Land eindrang, sah er, daß die Felder so vom Unkraut gesäubert waren, als seien es Gärten. Das war nicht nur an einer einzelnen Stelle, sondern überall stand das Korn und der Klee so rein und fein, und ganz unglaublich fruchtbar. Daß sie das vermochten! Per kaute auf seinem Tabak. Dergleichen hatte er noch niemals gesehen. Jens erlvarlete ihn am Quellhäuschen, einer Sommer- Wirtschaft mit Quellwasser, Milch und dergleichen dürft- löschende» Getränken. Sie bekamen ein erfrischendes Glas Milch nnd aßen dazu einige Beeren. Neben dem Ouellhäuschcn lag ein großer Sportplatz, lvo jung« Mensck>en in leichten, kleidsamen Sommeranziigen sich beim Tennis und Fußballspiel tummelten. „Gibt es tvirklich so viele vornehme Leute in einer so kleinen Stadt?" fragte Per. „Die meisten von ihnen sind weiß Gott Knechte," ant- UHirtcte Jens. „Knechte! Nein, so etwas ist doch noch nicht dagewesen!" Sie schritten weiter und kamen an einem eigentümlichen Gebäude vorbei. Per besah es sich von oben bis unten und konnte trotzdem nicht begreisen, wozu es gebraucht toard. Er fragte danach. „Das ist die Bibliothek I" „Sind es Bücher?" „Ja!" „Aber das ganze Haus ist doch nicht voll von Büchern?" „Dock», es tvird zu keinem andern Zweck gebraucht. Natürlich gibt es auch einen Raum dort, wo man sitzen und lesen kann!" „Aber du lieber Himmel, wer liest denn alle diese Bücher?" Per Holt blieb stellen und Ivollte auf seine Frage eine Ant- wort haben.„Ist das hier eine Hochschule oder... was...?" „Nein," autivortete Jens.„Wir alle sind es. die die Bücher gebrauchen, Bauern, Arbeiter, Häusler und Gesinde." „So etwas ist doch kaum zu glauben," murmelte Per Holt, während sie weiterschritten.. Sie wollten nämlich nach Söbyholm, dem Rittergute, dorthin, wo die Holtschen Söhne nnd die anderen Häusler« jungen wohnen sollten. Die Außengebäude des Gutes waren aus die Felder hinausgebracht nnd dort zu den verschiedenen kleinen Häusern! verivandt»vorden. Alles war noch im Werden. Aber hier,, wo sich früher die ausgedehnten Felder des Rittergutes be- funden hatte», wuchs jetzt ein Häuslerstädtchen aus der Erde hervor. Es war also Wirklichkeit. Trotzdem blieb Per lange im Anschauen versunken stehen', als müsse er sich davon überzeugen, daß es wirklich wahr sei, Schließlich sagte er zu Jens: „Ja, jetzt sel»« ich es mit eigenen Augen und wüßte nicht, waS man sich nun noch weiter wünschen könnte." „Ach—" antwortete Jeus.,„Hiermit ist noch nicht viel Staat zn machen... Vielleicht weilst für litis, aber nicht für jene, die. nach uns kommen. Tic müssen den Boden zn teuer bezahlen..." Per Holt war nahe daran, das Gleichgewicht zn verlieren. „Bist Du noch nicht zufrieden, Jens? Ihr scheint inip wirklich schwierige Herren zu sein, hä hä!" „Nein, dies hier ist alles nur Flickwcrk. Aber wir werden Wohl mal eine Lösung finden, die etwas taugt!" Per lachte leise vor sich hin:„Ja, ja, Jens, hä hä, es ist noch weit bis ans Ende der Welt. Da hast Du recht, hä hä!... Nun, also hier wollt Ihr wohnen, Ihr drei! Brüder?" Sie waren hinten um den Park herumgegangen nnd l>atten den schilsbewachseueu Burggrabeu erreicht. Da nahm Pers Antlitz einen so milden und gütigest Ausdruck an: denn er war seclenfroh. „O, wie nett es hier ist! Welch prächtige neue Häuser! Ihr bekommt! Das sollte Sophie einmal sehen!" Die Tränen traten ihm in die Augen. Aber er tier- suchte, sie mit Gewalt ziirückzudräugeu, um Jens nichts merken zu lassen: eifrig schlug er mit dem Stock aus dem Boden herum und probierte die Erdknollen. Dann fiel sein Blick auf das Hauptgebäude, ein? alte hübsche und stattliche Burg aus dem Mittelalter, die hinter dem Burggrabeu und halb verborgen in den Bäumen des Parkes lag. „Aber nun das Hauptgebäude?" fragte Per. „Das bleibt stehen! Ein Teil davon wird zum Vereins» lokal eingerichtet und ein anderer Teil soll für unsere Eltern und für die Alten unter uns fein, oder wer sonst noch Lust hat, dort zn wohnen. Und, Vater... wir möchten Dich und Mutter jetzt hierher haben zn uns, nun könnt Ihr Euch besprechen, wo Ihr sein wollt, ob wir ein Zimmer für Euch in unserem Hause'einrichten sollen, oder ob Ihr drüben auf dem Gute wohnen wollt?" Per Holt grinste: Ich will, weiß Gott, ans dem Schlosse wohnen... dann werde ich doch noch einmal Schloßbewohner, ehe ich sterbe, hä hä hä!" „Es ist ja auch nett und angenehm, dort im Parke zn spazieren und sich die Schwäne nnd dergleichen zu betrachten," antwortete Jens mit lächeliidem Munde. Aber Per fuhr fort zu lachen: er konnte einfach nicht anders. „Ihr tut es nun einmal nicht billiger, ha! ha! ha! Ach, du lieber Himmel, das hätte der Kanimcrherr auf Gyldholm sehen sollen." Sie schritten zusammen durch die Gartenanlagen. „Wir haben beschlossen, dies hier in Ordnung zu halten, Vater, damit wir eine Stelle haben, wo unsere Alten und unsere Kinder gerne hingehen und wo sie sich amüsieren können. Der Wald ist da zur gemeinsamen Benutzung. Und dann haben wir auch einen Ort für unsere Sommerznsainmenkiinste." -- Mehrere Stunden hielt sich Per bei seinen Söhnen auf und ruhte gut aus, bevor er wieder den Heimweg antrat. Er versprach bestimmt, in vierzehn Tagen wiedcrzn- kommen. „Da halten wir zum erstenmal Versammlung ab, unter unseren eigenen Bäumen und nicht unter denen des Kammer» junkers," waren die letzten Worte, die Jens seinem Vater zu- rief, als sie am Kreuzwege voneinander Abschied nahmen. 28. Vierzehn Tnge später sah Per H»lt ouf der Böschung im Norden von Söbyholm und blickte über den alten Herrensitz und über das neue Häuslcrstädtchen hinaus, das sich dort dranszen auf den Feldern erhob. Er dachte hin und her, bald Wer dieö und bald über jenes. Und dann auch über sein eigenes Leben. Per ist nun ein grauhaariger Mann. Er ist dünn und vusgeinergelt und IenS' Jacke, die er an hat, ist ihm mehr als groß genug. Die Rundung ist verschwunden-, scharf, stark lUisgeprägt sind seine festen männlichen-füge. Der strahlende Jugendglanz ist ans seinen braunen Augen verWvunden. Aber ihr warmer Ausdruck legt davon Zeugnis ab, daß noch jliliuer in seiner Brust eine Seele glüht. Hier voic der Böschccng aus kann er beobachten, wenn sich der große Zug von der Station her in Bewegung setzt. Wenn die Leute die Station verlassen, ist es immer noch früh genug, unten an der Allee, die nach Söbyholm führt, zu ihnen zu stoßen. Nun hört er Hornsignale von der Stadt her, nud das 'gibt dem alten Dragoner einen Ruck. Wie sie sich dort versammeln! Wie sie sich dort ver- sammeln! Wie sie von allen Seiten herbeiströmen! Und dann die Jahnen! Die Mnsik ertönt. Langsam setzt sich der Zng in Bewegung, schlängelt sich durch das Dorf, taucht auf und verschwindet wieder auf dem gewundenen Wege. ES sind also kleine Leute, die meisten von denen, die dort kommen, es sind kleine Leute, eS ist ein Zug der Ausinärker! Sie spielen ihre eigenen Melodien zic ihren eigenen Liedern, die er schon mehrmals gehört hat. In dieser Allee sind die feinen Besitzer der Burg seit vielen hundert Jahren hin und her gefahren, und nun kommen diese Häuslcrjungcn hierher, und nun gehört es ihnen-— uns! uns! Drinnen in dem ehemaligen Gutswaldc halten sie nun ihre Bersannulungen ab, unter ihren eigenen Bäumen... Und der junge Per soll reden!... Der Junge hat einen hellen Kopf... Es zittert um Per HoltS Mund, aber man sieht, daß es Vor Freude ist. Jetzt, wo der Zug bei der Schule um die Ecke biegt, schallt die Musik so recht zu ihm empor. Tic lauten Töne aus dein blanken Horn... Es war ja richtig, er mußte sich beeilen! Fast hatte er Vergessen, daß er auch mit dabei sein sollte. Er sollte ja selber mit dabei sei», er persönlich! Wenn er nun zu spät käme! Per lief beinahe den Abhang hinunter, denn er wollte mit in diese in Zuge gehen, unter diesen Fahnen und- nach dieser Musik! Pjeiiau am Eingang der Allee wollte er sich ihnen an- schließen. Oh! daß er mit dabei sein darf! Daß er mit dabei sein darf! Per schluchzt vor Rührung, und da er die letzte Strecke fast gelaufen ist, um noch zur rechten Zeit zu kommen, kann er kaum noch atmen. Dazu ertönt die Musik jetzt wieder so nah, so brausend, so erwärmend— daß es ihm noch beschieden sein sollte-- Ja seht, das ist also das Leben... Die Heirat ües Regenwurms. V o u A l w i n R a t h. Jetzt weis; ich es schon, warum ich an die Havel gezogen bin. Jcli glaubte erst, ich tue es, weil das Wasser um diese Zeit angc- neb wer ist als im Dezember, wo meine Fingerspitzen nach dem Eis. ausklopfen gar nicht wieder warm werden wollten. Ich glaubte erst, ich tnr es, weit ich meine stumpf gewordenen Nerven wieder sv elastisch machen wollte wie jene süßen znckcrnen Gummibänder, die Kinder so lang ziehen,>vie sie scldst mal werden wollen— und dann im Weltessen verschlingen, bis die Nase» aufeinaiidcrplatzen. Um meine Nerven wieder so elastisch zu machen i» diesen eisigen, un- glanblich erquickenden Aprikbädern, glaubte ich an die Havel ge- zogen zu sein; aber in Wirklichkeit tat ich es, um morgens um vier Ilhr mit einem Nervcnchok aus dem schönsten Schlaf zu schrecken. «Wilhelm aufstchn! Otto ansstehn! Fritzl— Fritzl!— ansstehnlü" dröhnt dann eine mark- itnd betterschütternde Stentorstimme durch das nachtstille, schlaftrunkene Haus. Aber nein, zur Verwirklichung dieses Schlasidcals bin ich auch nicht an die Havel gezogen— sondern um bei der Heirat des Regenwurms Trauzeuge zu fein. Ja, das glaubte ich vorher nicht. Jedoch— die bcttcrschüttcrndc Stimme hat eö zuwege gebracht. Im ersten blanen Dämmern— die Spuks von Cladow sehe ich durch die frischen Ackerfurchen sich wie Regenwürmer davonwinden auf den Feucrwchrturm zu idaneben liegt der Kirchhof)— in dieser nebeldlaucn, gespenstisch unbestimmten Felderweitc, durch die ein Düsteres, wie die Nacht oder wie ein Riesensarg oder wie ein Wald hervordunkclt, mache ich mich auf den Weg, hinten ans dem Hos hinaus. Wilhelm ist mir um zwei Nasculänge» ans dcnc Bett zuvorgekommen, itr spektakelt am Wagen herum und knurrt: ..Guh Moorn". Nach drei, vier Schritten sehe ich hinterm Hostor einen Strohhalm Gehversuche machen. Senkrecht hat er seine dünne Zerbrechlichkeit emporgerichtet und wackelt unbeholfen, als sei einer von den Cladower Sputs in ihn gesahreu, hin und her— kommt ober nicht vom Fleck. Es weht kein Lüftchen, das den Stroh- Halm in Bewegung setzen könnte. Er macht duchstävliche Gchver- hiche, müht sich wie einer, der»ein Rittergut an den Füßen hängen Hut", taumelnd hin und her—, kann aber nicht vom Fleck. Ich bin starr vor dieser Naturerscheinung. Da kommt Wilhelm neben mir hcraiigcschlichcn.»Oll'n Regenwurm," sagt er— er mies; mehr naturwissenschastlichc Kentnisse haben als ich—,„passen S' uff!" sagt er, springt auf den Zehen behutsam au den taumelnden Strohhalm, reißt ihn aus der Erde, und— wirklich, eine rötliche Regenwurmnase wird um einige Zentimeter mit hcrvorgczcrrt, ziebl sich aber schleunigst, schleunigst in die Eingeweide der Erde zurück. Der Knecht sucht noch herum an der Erde, sucht mit jener rückengebeugten Genauigkeit, wie man sie von flennenden kleinen Kindern kennt, wenn sie(Meid verloren haben. Aber er sindet weder die Hahnenfedern, weder die Papier- stücke, noch die Blätter, noch die Strippen, die er aus Regenwurm» löchern hervorzuholen gedachte, wie so ein Taschenspieler allerlei aus seiner Mauschelte zieht. Aber ich glaube es ihm gern— eine Rabcnfcder wenigstens habe ich selbst schon einmal aus einer Regen- wurmtür hervorgezogen— und die Feder war gerade nicht von einem kleinen Raven. Aber das sah ich als Kraftbravoiirstück von einem Rcgcnwurmathleten schon, wie er ein Blatt unten von einem Stachelbeerstrauch loszerrtc und in sein Löchel schleppte. Aber die Gehversuche eines Strohhalms hatte ich noch nicht- gesehen. Und die Hochzeit des Regenwurms hatte ich auch noch nicht gesehen. Ich tummele mich weiter ins Feld hinein, ins granüberwebte, ins wintersnatgrünc. O dieses Grün der Wintersaat im keimenden Frühling! In einer ganz jungen, geradezu aninschnäbeligen Allee von„Hauszwetschen"— so heißt es ans den gelben Brcttchen daran— stichele ich weiter— die Säumchen reich«» mir halt bis an die Brust. Da plötzlich sehe ich vor mir in einem handgroßen Lehmloch einen dicken fetten Regenmurm, einen von den Ouali- täten, wie ich ihn gestern neben meinem werdenden Garten aus- reißen sah. lind merkwürdig— nun ich noch einen Schritt näher trete, verschwinden plötzlich in zwei verschiedenen Löchern zwei verschiedene Rcgenwurmcndcn, verschwinden mit Schnelläufer- geschwindigkeit— genau so wie gestern neben dem werdenden Garten. Auch da waren die Löcher wie hier in einer kleinen Kuhle. Ich warte,, ob sie wieder hervorkommen werden, die Enden — warte— warte— warte— bücke mich— und warte. Heute komme ich der eigentlichen Deutung des Regenwurmrätsels schon näher als gester» neben diesem„Garten". Da stieß ich noch in meiner jungen, grasgrünjuiigen Gärtnerwut mit der Schippe z» — und war verwundert, nichts von einem zerschnittenen Wurm zu finden— überhaupt nichts zu finden. Natürlich warcn's zwei, die sich ein Rendezvous gaben— und mehr. Die Liebe in einem glitschigen, quabbeligen Regenwurm— in einem„Regenwurmherzen"— mich schaudert—, und doch, ich warte, ich warte—. Ich überlege, was ich in meinem Garten, von dem ich an drei Tagen schon zwei Meter unter Schweiß und Seufzen umgegraben habe— aber ich will doch Nerven wie Gummi bekommen—, was ich da hineinpslanzcn soll: ob Kohlrabi, ob Mohrrüben, ob Radieschen, oder ob Rosen, Georginen, Nelken und solchen dusligen Schnickschiiack. Mein Hausherr mit der bctterschütternden Stentor- stimme ineint allerdings, Gras brauche ich nicht mehr hinein- zusäen, das käme von selbst in drei Tagen wieder, so großartig hätte ich es untergegraben. Ich warte, warte— warte— mein Rückgrqt seufzt, die Sonne lächelt bläßlich ans dem Morgcndust über mich Narren hervor— ich stiebele weiter. Was mag da links unten hinter dem halb vom Grün der Wintersaat sich emporhebenden Heidehügel für ein Baucrngchöst stecken? Ich höre schon ein paar Tage die Hähne dahinter krähen — sehe kein Haus, kein Dach, ein paar verschnörkelte dürre Apfel- bäume... aber was sehe ich da wieder, �zwei drei Schritt vor mir in einer kleinen Lehmkuhle? Mich schaudert wirklich: diesmal ist's ein zertretener Regenwurm. Ich staune säst über diese Welt von Würmer», und verstehe es beinahe, wen» gewisse Leute immer wieder von der„Speise der Würmer" reden. Als ich indes näher zuschaue, sehe ich, daß es wiederum zwei Würmer sind, die mit einem Teil des rötlich-violetten Leibes eng ancinnndergeschmiegt daliegen. Was mich veranlaßte, sie für zertreten zu halten, ist ein iveißlicher zarter Schaum strich, der zivischeu den kleinen roten Schlänglei» sich hinwindet und sie aneinander zu kleben scheint. Die anderen Enden des Körpers stecken wiederum in zwei sich gegenüberliegenden Löchern ii» dieser kleinen Lchmkuhlc,— genau so wie vorher. Das GeheUiniiswiinder der Schöpfung vollzieht sich in bief«m nick« aNtnglicken Hockzi!!i»la,>kr, einem saust�robe« Lehm- >c>ch. Ich tvill»iäit sagen, dasj ich aus Andacht stumm und still war» aber mich faßte mit leisem Tchaucr die Allgetvalt der Ur- ?rast deti Lebens, die hier in zivci uns so gering erscheinenden Wesen das gleiche wirkte, wie in uns homincs sapienics. Vorausgesetzt, daß wir zufällig Hermaphroditen sind! Hermaphroditen, das sind sie, diese von einer roten Blutader glühend durchlaufenen kleinen Schlangen: Zwitter. Jedes Männchen, jedes Weidchen! Die charakteristische ornngervtc Sphäre der runden Leiber liegt dicht nebeneinander wie zwei breite Eheringe, altgolde» schimmernd. Da fallt mir mein Hut in das Ehebett— und taumelnd schleicht jedes Tier in sein erdiges Hans zurück. Also wie überall, die Erhaltung des Individuums geht über die Erhaltung der Rasse, selbst bei einein solchen Dunkelmann von Regenwurm. Es soll von dieser Sorte sogar Riesen hin und wieder geben von einem Meter Länge— ich l>abe solche Boa constrictoe noch nicht gesehen. Wohl solche Beugel, denen man zutrauen kann, daß sie an der Durchsiebung unseres Erdballs ihr Teil haben. Denn tatsächlich ist es der RegeiUvurm, der ganze Stadtruinen allmählich ,.»»tcr die Erde bringt". Er frißt sich immerfort den Bauch voll Erde und lebt von den organischen und unorganischen Substanz- teilen, die sein Darm ausnimmt,— die eigentliche Erdmatcrie stößt er wieder aus, wie man an dem Erdgekrümel um die vielen dunklen Fenster seiner Behausung herum sehen kann. Er ist der- jeuige, der für eine fruchtbare gute Humusschicht aus dem Erd bodcu sorgt— und darum braucht der Landmann, dem er mit seinem roten Leib vor die grabende Sckippe fällt, nicht gleich duLch das ängstliche Geschlinge! durchzustechen! Wie sehr ober für den Bauern dies Tier zugleich ein stiller, unbesoldeter Knecht ist, der immerfort den Boden lockert, geht aus den Auszeichnungen Darnüns hervor, der feststellte, daß in England jährlich auf nur einem Hektar mehr als'»lO Tonnen Erde durch den Leib der Regenwürmer gleiten I»Die Würmer bereiten den Boden in ausgezeichneter Weis« für daS Wachstum der mit Wurzel- fasern versehene» Pflanzen und für Sämlinge aller Art vor. Sic exponieren die Ackererde periodisch der Luft, sieben sie durch, sie mischen das Ganze innig durcheinander, gleich einein Gärtner, welcher ausgesuchteste Erde für seine Pslanzen zubereitet. In diesem Zustand ist sie gut dazu geeignet, Feuchtigkeit zurückzu- halten und alle löslichen Substanzen aus Luft und Regen zu ab- sorbicrcn, ebenso auch für den Prozeß der Salpetererzeugung. Die Blätter, welche zur Nahrung in die Wurmröhren gezogen werden, werden, nachdem sie in die feinsten Fäden zerrisse», teilweise verdaut und mit den Absonderungsflüssigkeiten des Darms und der Harnorganc gesättigt sind, mit viel Erde vermischt. Diese Art bildet den dunkel gefärbten Humus, welcher beinahe überall die Oberfläche der Erde mit einer scharf umrissenen Schicht bedeckt." Das sagt ein Darwin!— dessen allcrgründlichsten Darstellungen man ruhig Glauben schenken darf— auch wenn man als Landmann den Regenwurm für so eine Art„Raubtier" hält. Es ist nur gut, daß dieser ehrenwerte Dunkelmann sich in der Erde birgt, sonst wäre er längst ausgerottet, wie demnächst ein anderes Raubtier bei uns, das Füchslcin, das sich zwar auch in der Erde birgt. Aber was fänden die Dame» nicht! Hrammophon-Hobbie. P o n Martin P r o s k a u c r. Wir saßen>vic jeden Abend mit Major Curtiß in der Bar von Mambasa, dem einzigen Lokal dieses langweiligen ostafrika- uischen Hafcnortes, als die Tür ausging und ein dicker großer Mann eintrat. Er war mit einer gewissen absichtlichen Ruppigkeit gekleidet, aus der ein paar Brillanten an Händen und Krawatte unangenehm heransblitzten. „Guten Abend, Grammophon-Babbic, sind«ic auch wieder da?" rief ihm Major Curtiß z». Wir sahen den Fremden erstaunt an. Man gewöhnt sich an der afrikanischen Küste an Spitznamen, schon weil die Neger den Weißen die merkwürdigsten Name» geben— aber dieser war doch sehr sonderbar. Sonderbar war auch die Wirkung auf den eben Eintretenden. Er sah uns mit einem bösen Blick an, rückte wortlos den Hut in die Stirn und ging wieder hinaus. Dabei warf er die Tür mit einer solchen Energie zu, daß das ganze Wellblechhotel ins Wackeln geriet. Major Curtiß, der das Verhalten des Mannes mit spottsunkcln- den Angcn beobachtet hatte, lachte leise vor sich hin. „Den Namen kann er auf den Tod nicht leiden," sagte er, „dabei ist das der größte Spaß, den ich je in diesem elenden Lande erlebt habe. Der Herr, der da ebenso six wieder wegging, ist Bob Samson, einer der gerissensten Negerhändler in ganz Britisch-Ost- afrika. Es gibt nichts, was er den Negern nicht schon verkauft hat, vom Taschenspiegel bis zur waschechten Haarfarbe, die beim ersten Regenguß herunterläuft— aber einmal ist er doch hineingefallen, und seitdem heißt er eben„Grammophon-Bobbie". Bob Samson geht zwei- bis dreimal jährlich mit einer Lasteukarawane in den Busch; er kennt das Hinterland besser als der Gouvcrncurrcsident in Sansibar, lind was er den Neger» für Elsenbein und Guinmi gegen seine Schundwaren abgenommen hat, muß in die Millionen xehen. Es ist jetzt vielleicht sechs Jahr? her, da wollte er einmal ein Geschäft in großem Stil machen. Seine geehrten schwärzen Kunden waren wohl mit. Schlipsnadcl», bunten Krawatten und Ilnionjack-Tascheutücher» übersättigt, denn schließlich reisten ein paar hundert Negcrhändler damit im Lande herum, jetzt muhte ein größeres Objekt her. Also, mein Bob Samson sing an zu überlegen, dann gingen ein paar Kabcltelegramme nach England, und als der nächste Dampfer in Kismahn ankam, hatte er das halbe Hinterdeck voll Kisten für Samsons— Grammophone, nichts als Grammophone I Ich war damals als Leutnant beim„African Military Service" in KiSmayu stationiert» daher machte ich den Hauptteil dieser Komödie persönlich mit. Einige Wochen spater kam Samson in das Bureau und vcr- langte militärischen Schutz für seine neue Handelskarawane. Wir telegraphierten mit dem Gouverneur, und nach vier Tagen hatte ich die Order, mit zwölf Man» vom Eingeborenenrcgiment den ehrenwerten Mister Bob höchstselbst zu geleiten, zu schützen und ihm alles Liebe zu tun, was er als britischer Untertan vom Staat beanspruchen konnte. Damals kriegte noch jeder Halunke, wenn er es bezahlen konnte, Leute vom kaiserlichen Dienst, heute geht das ja, Gott sei Dank, nicht mehr. Also ich trat mit meinen Leuten bei Bob Samson an. Er hatte eine Karawane von mindestens!d0 Mann, lauter Buschneger, die die Laste» mit den Grammophonen schleppen sollten. Der Weg führte von KiSmayu aus südlich im Bogen durch das Hinterland, bis wir, voraussichtlich mit Elfenbein reich belade», in Bamu wieder an der Kiiste auftauchen würden. Unser Aufbruch war eine Sensation: Zuschauer in alle» Hautfarben standen am Wege und besahen unsere Expedition, die größte, die je auf Negcrhaudcl gezogen war. Voran ritt ich mit Bob Samson, der besonders guter Laune war, n»d eine Gruppe Konkurrenten, die er traf, höhnisch anlachte. Wenn die erst wüßten, was ich noch machen will, werden sie vor Wut platzen, sagte er zu mir,„und Bandar Huk, der indische Gauner stirbt vor Neid!" Bandar Huk war ein indischer Negcrhändler und nebenbei der größte Geschäftsrivale von Bob. Dann entwickelte Bobbic mir seine Idee. Er wollte den Negern gegen schweres schönes Elsenbein die Grammophone verkaufen, richtig und ehrlich, mit Trichtern, Platten und allem Zubehör. Nur eine Kleinigkeit dachte er zunächst zurückziibehatten: die. Radeln, lind ohne die konnten die Grainmo- phonc natürlich nicht spielen. Dann wollte er denselben Wez; zurückgehen und de» arme» Negern mit Hilfe seiner Sprachkennt- nisse und seiner geistigen Ueberlcgenheit den„Zauber" erklären. Woraus cr ihnen die kleine Spielnadel nachträglich gegen neues Elfenbein gütigst überlassen ivollle. Als wir so an der letzten Hütt« von Kismayu vorbeizogen, stand richtig Bandar Hut da, der indische Händler, und kreuzte grüßend die Hände über seinem weihe» Gewände. Dabei musterte cr unseren Zug schweigend und ernsthaft. Schon am nächsten Tage steckten wir mitten im Urwald und zogen von Dorf zu Dorf. Ucberall ließ Bob Samson sein Muster- grammophon ertönen, und vom Häuptling mit zehn Rebenfrauen an bis herunter zum ärmsten Waldneger entbrannte in allen schwarze» Herzen das Verlangen»ach diesem herrlicher„Zauber", der so schönen Radau machen konnte. Bobs Preise waren freilich hoch, unter 4» Psund Elfenbein gab er kein Grammophon, und die mit Blumen bemalten Trichter waren noch teuerer. Ich schätze, daß Bob am Stück etwa tausend Prozent verdient hat; aber cr lehnte es ab, mir den Einkausspreis bekannt zu geben! Wir blieben i» jedem Dorf nur einen Tag, und da keines der verkauften Grammophone eine Nadel erhielt, wird wohl in allen Ncgcrhültcn Stille und Jammer statt des erhofften„Zaubers" geherrscht haben. Die ganze Sache war auch nur mit einem so gutmütigen und«»intelligenten Volk möglich, wie es gerade unsere Buschnegcr dort sind. Jedenfalls tauchten wir, wie es geplant war, nach sechs Wochen i» Bamu auf, schwer beladen mit Elscnbein, Kanin waren wir aber in Bamu angelangt, als unsere sämtlichen Träger ausrissen, einige vergaßen sogar, vorher ihre Last Elfenbein abzulegen. Bob fluchte, als ob er es stundenweise bezahlt bekam, aber es nutzte nichts. Seine Nigger waren wie die Flöhe in den Busch gehopst, cr Halle sie auch zu schlecht behandelt und sie in den letzten Wochen mit Gewaltmärschen überanstrengt. Na, sie waren weg,»nd cr konnte laufen und neue mieten. Nach vierzehn Tagen hatte cr auch für teueres Geld eine neue Trägerkarawnne zusammen. Nun sollten wir ausbrechen, um die schwarzen Grammophonbcsitzer mit den passenden Nadeln zu de- glücken. Da erschien plötzlich, gerade drei Tage vorher, enw andere Karawane aus dem Busch, an der Spitze auf einem Schimmel Bandar Hut, der indische Händler; hinter ihm eine endlose Reihe Neger, jeder eine volle Last Elfenbein auf den Schulter». Ernst und schweigsam zog cr an uns vorbei, seine indischen Ausseher wie Wachhunde um die Neger herum, und der ganze Zug marschierte geraden Weges zum Hafen, wo der Dampfer zur Ab- fahrt nach Kismayu fertig lag. Em Pfiff— und Bandar Hut und seilte Leute schwammen ab! Samson machte ein verduztcs Gesicht, als cr den verhaßten Konkurrculeu reich beladen vorüberziehen sah; aber er beherrschte fich und freute sich auf den Nückweg, der seinen Profit verdoppeln sollte. Endlich brachen»vir auf. Und alö wir uns dem ersten Dorf näherten, hörten wir schon aus den Hütten rechts und links am Wege ein Gedudel, ein Gefinge, als ob der Urwald verrückt geworden war. Mein Bob wurde ganz blast, sprang vom Pferd, troch in die nächste Hütte, stürmte weiter und blieb dann stehen. Die braven Nigger kamen aus ihren Lehmhütten gekrabbelt, strahlten vor Freude und zeigten auf ihre Grammophone, die aus vollem Halse— pardon Trichter— spielten. Eß war zum Tollwerden. Die ganzen alten Platten, die in .Europa lein Mensch mehr kaufte, waren natürlich für die Schwarzen gut genug gewesen. Jetzt klangen hier im Urwald alte Gassenhauer, abgelegte Carusoaricn und unmodern gewordene Operettenmelodien mit dem Jubelschrei der Neger zu einem unbeschreiblichen Getön zusammen. Aber das war kein Fweisel. Die Grammophone spielten— sedes hatte eine Nadel— und sogar Reservenadelu waren dal Als Samson dieNadcln untersuchen wollte, wurden die Neger unhöflich und liestcn ihn nicht mehr an den.Zauber' heran. Aber sie erzählte» auf unsere Fragen, was wir wifien wollten. Und während Bob Samson vor Wut fast einen Schlagansall bekam, dachte ich, ick) sollte mich über den„Zauber" totlachen. Bandar Huk, der indische Gauner, hatte dem guten Bobbie nachspioniert, wahrscheinlich schon nach zwei Tagen den Trick gemerkt, sich in rasender Eile von seinen indischen Schmieden— den geschicktesten Handwerkern der Welt— Hunderte von Grammophonnadeln machen lassen und war damit auf„Tour" gegangen. DaS heistt, er war uns nachmarschiert, brauchte keine Waren für den Tauschhandel zu schleppen und vcr- kaufte den Negern die kleine Stahlnadel, die den Zauber erst möglich machte, für Haufen von Elfenbein. Und so war es. Wohin wir kauien, kreischten die>sprechmaschinen und waren die Nigger von Elfenbein so blank geplündert wie dieser Tisch hier. In ihrer verrückten Wut auf die Grammophonmusit hatten sie sogar die Gräber ihrer Vorfahren von dem heiligen Etfenvcin befreit, um so auf ihre Art in die Reihen der ftnlturmenschheit zu kommen. _ Ihr könnt nicht ahnen, wie unsere Stimmung war. Ich und meine Soldaten, wir haben uns vor Lachen nicht halten könne». Bobbie, unser Grammophon-Bobbic, erfand vor Verzweiflung die herrlichsten Flüche; aber cS nützte nichts, die ganze Schinderei des Rückweges war umsonst. Und dazu diese» Gedudel der Grammophone, wohin wir kamen. Eine Urwaldstraste, wild, verwachsen, romantisch wie eine Mädchen- Phantasie und feucht wie ein Sumpf, verpestet mit diese» elenden Musilmaschinenl Und alle, soweit sie noch heil waren, in vollem Betriebt Hier„?)ankeedoodle", dort.Cakewaltmelodie", dazwischen„Auf- in-den-Kampf-Torero'-Geheul und„Madonna Theresa"; nur ein Irrenarzt könnte sich dieies Durcheinander ausmalen! Endlich waren wir aus der furchtbaren musikalischen Zone heraus. Als wir wieder in Kismayu ankamen, war Bandar Huk mit den« Dainpfer längst angekommen und hatte seinen Triuinph natürlich nicht verschwiegen. Und Bobs Spitzname war schon fertig, ehe wir nur von de» Pferden stiegen!" Major Enriist lachte wieder herzlich vor sich hin: „Mich haben sie damals sogar„Graminophoii-Bobbies Schntz- truppe" genannt, aber mir>var es egal. Das vergast sich bald. Nur Bobbie Samson wird seinen Spitznamen für alle Zeit bc- halten!" Kleines Feuilleton. Literarisches. Jnsel-Bücher. Die schönste aller billigen Büchereien hat wieder«ine««eue Serie ihrer schmucken Bündchen herausgebrocht. Ihre letzten Veröffentlichungen standen unter den« Zeichen der beiden Hunderljahr-GenieS Riward Wagner und Georg Büchner. Wagner-AuSgaben wachsen jetzt ja wie Pilze. Die Bändchen der Insel haben hier den Vorzug der änderen Scbönheit in Druck und Papier. Verdienstvoll aber erscheint es mir. dast hier endlich eimnal der große Vvrdeuter Büchner, der»ach den Anlagen seiner Peisön- lichkeit bei iveiteren, Wachsluin uns vielleicht ei» Slück moderner Entwicklung znsainmenfaslend vorgelebt und spätere Wege überflüssig geinacht hätte, für alle zugänglich wird; wenigstens als dichterische Gestalt, denn daS Dokument feines vormarristischen Sozialismus: „Der hessische Landbote', hat in den drei Büchlein keinen Platz gefunden. Die jüngste Serie greift nun«viedcr hinein in die weit aus- gestreute Fülle dichterischen Lebens und bietet einen blühenden FriihliiigSstraust aus vielen Gärte». Der griechische Himmel spiegelt sich in den Blüten der antiken Lyrik. Oriemaliicher Märchendnst entströmt de» IVvo-und-eiiie-Nacht-, Abenteuern Sindbads des Seefahrers". Blutrot leuchtet dos„Buch Judith" aus Judäas Gefilden. Ein jtrauz echter deutscher Fetdgewächse erfreut in den kernigen Schnurren des„RollwagenbüchleinS". Die blaue Blume der Romantik und die Blume der Passion spriesten in den Gedichten des lieben Clemens Brentano. Betäubend duften die„Blumen des Bösen" aus Baudelaire« hülliichcin Garten. Und das künstliche Ge- wachs neilromantischen AefthetiziSinuS entzückt im„Parzival' Voll- möllerS das Auge. Wie eine heriliche Blüte der Zukunft, wie eine Lerantw. Redakteur: Alfred Wieleptz. Neukölln.— Druck u. Verlag 14_" w c «-n H<- re; Erscheinung nul einem neuen Menschheitskontinent aber strahlen Walt WhitinannS gewaltige„Hymnen der Erde". Die verwirrenden, und doch lockenden Gebilde Poescher Novellen und Dostojewskischer Erzählungskunst(eine Novelle:„Die Sanfte') stehen neben einer zarten Mimose von Stefan Zweig:„DaS GeheinmiS". Aus ein paar Bändchen möchte ich besonder« aufmerksam machen. C. Höser rekonstruiert die Wurzel von Goethes inenscheitumfassender Dichtung:.DaS Puppenspiel vom Dr. Faust". Eine Drama deS englischen FaustdichterS, des Shalespcare-VorläuserS Marlowe. über» setzt A. W. Heyniel: den prachtvollen historischen Gobelin „Eduard ll.', ein Werl voll düsterer Tragik und«nächtigem Gliederbau, daS noch an den gröstten Tragiker der Welt heranrückt, ja, dichterisch nicht einmal hinter ihn« zurück« bleibt. DaS Trennende ist der Geist, der eben bei Shakespeare Menichheilsgeist ist. während der Vorläufer sich im inneren An» schauen des Ganzen nicht aus der Historie heraushebt. Aber die Aussührnng des KolossalgebildeS. die Reinhardt plant, dürft« der Mühe lohnen und dürfte, neben seine Shalespeare-Aufführungen ge- stellt, praktisch greifbar den Unterschied zeigen zwischen Genie und Taleilt, diesen Unterschied, der«licht im Komin«, sondern im Geiste begründet ist. Marlowe bezwingt den Stoff; Shakespeare ver« wandelt ihn und„«acht ihn zu Geist; er bezwingt nicht die Historie, sonder«, in der Historie die Welt. Eine ganz persönliche Freude habe ich an den„Sentenzen und Maximen" des ehemaligen Parteigängers des Kardinals Retz, deS Frondeurs Rochefoucauld. Tiefer Franzose ist der unerbittliche Enthüller des menschlichen Koniödienspiels. das die Eitelkeit inszeniert. In kristallklaren, scharf geschliffenen Sätzen zieht er die Summe feiner LebenSbcobachtungen. Er ist ein Zeitgenosse deS Totenrichters Ludwigs XlV., deS Herzogs von Saint-Simon, und er gibt gewisferniasten die Essenz jener Welt, die der berühmte Mcinoirenschreiber n«it breitem Pinsel in seinen mächtigen FreSke» geschildert hat.?. II. Aus der Chemie. Die Chentie des Blattgrüns. In einer Sitzung der Deutschen chemischen Gesellschaft hielt Professor R. Will stätter. Mitglied des Kaiser-Wilhelm-Jnstitiits«n Dahlem, einen Vortrag über seine neuesten Forschimgen über das Blattgrün und die Färb- stoffe der Blütenblätter und Früchte. Die organische Chemie hat, so sührle er aus. im Anfang des vergangenen Jahrhunderts sich zu« nächst mit Pflanzenfarbstoffen beschäftigt. Von Wählers Harnstoff« fynthcse aiiSgehend, begann die Entivickelung des künstlichen Auf« baueS der Körper, die Ermittelung ihrer Konstitution. In diesen Zeit« abschnitt fallen zwei Triumphe; die Darstellung de? AlizarinS und deS Jirdigo». Jetzt, nachdem die Methode» der Sy>«these vervollkommnet find, wendet sich die organische Chemie wieder dem Studiuin der Noturprodukle zu und sucht immer mehr von den Geheiinniffen der lebenden Zelle zu erlauschen. DaS Blattgrün ist der Stoff, durch den sich die Asfiinilation, also die Ninwandlimg der Kohlensäure der Lnft in Stärke. Zucker, Fett und Eiweiß vollzieht, also die wichtigste Funktion für alles organisckie Leben auf der Erde. Dem« nur die grüne Pflanze besitzt die Fähigkeit, sozllsagen von Luft zu leben, alle übrigen Lebewesen verdanken ihr dann indirekt die Möglichkeit der Ernährung. Die Isolierung des Chlorophylls war, che wir seine cheinischen Merkmale kannten, schwierig wegen seiner Veränderlichkeit, seiner Indifferenz und wegen der Leicht- löslichkeit deS mit so vielen farblosen und gelben Begleitern verdünnten Farbstoffes. Aber ohne daS Chlorophyll selbst zu unter« suchen, koninen«vir die Eigentümlichkeiten seiner Konstitution aus der Betrachtung seiner Derivate(Abkömtnlinge) ableiten, die bei der Reaktion mit Säure und Alkalien entstehen. So konnten au? der Analyse der zwei Reihen von Abbauprodukten die Merkinale des Chlorophylls so vollständig kombiniert werden, dast sie nur zu besiätigei, waren. als es schließlich gelang, den natürlichen Farbstoff rein darzustellen. Er enthält Magnesium in kom- plexer Bindung. Ans Grund dieser chemischen Kennzeichnung «st eine vergleichende Untersuchung deö Blattfarbstoffes von über zweihilndert Pflanzen der verschiedenen Klassen unter- nommen ivorden mit dein überraschend einfachen Ergebnis, dast in allen daS Chlorophyll identisch«st. Und ferner ist ans der nämlichen Grundlage mittels nener Methoden der Extraktion aus frische«« wie auS trockenen Blättern das Pigment in reinein Zustaitd isoliert worden. ES kann heute so leicht und so reichlich gewoirnen werden ivie irge»«d ein anderer Pflanzenbestandteil, ein Alkaloid oder ein Zucker. DaS Chlorophyll ist ein Gemisch zweier in ihrer Zusammensetzung iehr nahe verwandter Kompo« »cnlen, von Chlorophyll a und Chlorophyll b, die sich wahr- scheinlich nur in der Oxydationsstufe ihres gemeinsame» Kernes unterscheiden. Vom Blattgrün wandte sich dann Professor Willstältcr zu der Farbenpracht der Blüten und Früchte, in deren Riitfelivclt die Forschungen gleichfalls Licht gebracht haben. Diese Farbstoffe bilden eine Gruppe unter dem Namen Anthocyane. Bei all diesen handelt es sich allgemein mn drei BerbindungSforinen. In Verbindungen mit Säuren sind sie rot, bei««« Neutralisieren sind sie violett, die Alkalisalze vieler sind blail. Das Blau der Korn- blnme ist den« Rot der Rose nahe verwandt, der Farbstoff des Rotweines dem der Heidelbeere, aber«nit Hilfe von Cisenchlorid kann »«an sie leicht unterscheiden. Sie alle sind Glykoside, also Ver- bindiingcn mit verschiedenen Zuckerarten und stehen wahrscheinlich in sthr nahen Beziehungen zu gelbe» Farbstoffen._ BorwärtsBuchdruckerei u.VerlagianfralrPaul Singer LcCo..Berlin SW.