Unterhaltungsblatt ües vorwärts Nr. 82. Mittwoch, den 29. Zlpril. 1914 t] Smetfe der Schmied. Eine flämische Legende von Charles de Coster. 1. Von S m c t s e, seinem B a n ch und s e i il e r Schmiede. Snietse, der Schnned, wohnte in der guten Stadt Gent, am Zwiebeldamm gegenüber der Leye, dem schonen Fluß. Er war geschickt in seinem Handwerk, hatte Ueberflns; an Fett und ein so lustig Gesicht, dasj die Trübsinnigsten sich er- goyte», wenn sie ihn nur in seiner Schmiede sahen, wie er auf seinen kurzen Beinen behend hin und her lief, die Nase nach dein Winde, den Wanst in der Luft und auf alles ein wachsam Auge habend. Wenn die Arbeit in seiner Werkstatt sich häufte, dann sagte Smctse, die Hände über den Bauch gemächlich und wohl- gemut faltend und dem hellen Klang seiner Schmiede lauschend: „Bei Artevcldel Welche Trommeln, Tamburine, Querpfeifen, Baßgeigen und Dudelsäcke sind so viel wert, ivas die himm- lisch« Musik anbelangt, als meine schlagenden Haninier, meine ächzenden Ambosse und prustenden Blasebälge, meine wackeren Arbeiter, so da siiigen iind schmieden?" Dann sprach er zu allen:„Nur getrost, Kinder! Wer vom frühen Morgen an wacker arbeitet, trinkt zum Vesper um so besser. Wes ist der schlaffe Arm da, der mit seinem Hammer so gemächlich schlägt? Glaubt er, daß er Eier schlägt, dieser Hüftlahme? An die Barren, Dolf, sie schmelzen zu Wasser. An den Panzer, Pier, klopfe ihn recht flach. Ein gut geschmiedet Eisen ist eine Arznei gegen Kugeln. An die Pslngschar, Flipke, und tüchtige Arbeit: vom Pfluge kommt das Brot der Welt. An die Türe, Toon: siehe, da kommt der abgetriebene Klepper des Do» Sancio d'Avila, des Ritters mit der mürrischen Frahe. von seinem ausgemergelten Knappen geführt, welcher gewißlich kommt, ihn beschlagen zu lassen. Möge er doppelten Preis zahlen um seines spanischen Hochmuts und seiner Härte gegen den Bürgersmann willen!" Also ging Smctse in seiner Schmiede umher, sang viele Male und pfiff, wenn er nicht sang. Im übrigen verdiente -er manch schönen Dukaten, nahm zu an Gesundheit und trank um die Vesperzeit in der Herberge von Pcnsaert gern Braun- bier. 2.� W i e Slimbroek, der Rote, S m e t f e 3 Schmicdefcuer verlöschte. Indessen errichtete ein gewisser Adrian Slimbroek mit Verstattung der Zunft eine neue Grobschmiede am Zwiebel- dämm. Dieser Slimbroek war ein häßlicher, kleiner, kümmerlicher, magerer Kerl, bleich von Angesicht, niit einem gespalte- nen Maul wie ein Fuchs, und der Rote zubenannt, von wegen der Farbe seiner Haare. Ein Meister in Ränken, wohlerfahren in Schlichen und Künsten der Heuchelei und sozusagen der Schmiede gerieben- ster, hatte er alle die adligen und reichen Männer der Stadt für seine Werkstatt gewonnen. Selbige waren aus Furcht oder aus anderen Griinden gut Freund mit den Spaniern und haßten die Reformierten. Ihrer viele waren Kunden von Smetse, doch Slinibroek hatte sie gegen den Schinied auf- gehetzt, indem er sprach:„Dieser Sinetse ist im Grunde seiner Seele ein Geuse. In seinen jungen Jahren war er Maro- deur und kreuzte auf dein Meere mit denen von Seeland wider Hispanien, zum Vorteil der Religion, so sich reformiert nennet. Er hat annoch in Walcheren, Camp-Veere und Blissingen viel Verwandte und Freunde, lauter wütende Rc- forniierte, so vom römischen Papst und den Herren Erz» bischösen sonder Ehrfurcht sprechen." „Des tvciteren," fügte er hinzm„ist jener Smetse ganz und gar Atheist, liest die Bibel von Antwerpen ohngcachtct der Verbote und besucht die Kirchen allein aus Furcht und iiiitnichten au? Liebe." Durch solche und andere verleumderische Nachreden raubte Slinibroek dem Smetse alle seine Kunden. Und alsbald er- losch das Feuer in der Schmiede des guten Schmieds. Bald auch waren seine Ersparnisse verzehrt, und Frau Sorge zog in sein Haus ein. 3. Wo man Slin, brock mit artigem Kopfputz imFlussesieht. In diesem Zustand überließ sich Sinetse nicht der Ver« zweifhing. Er war jedoch schier betrübt und zornig, wenn er allein in seiner Schmiede ohirc Feiler stand und all sein wackeres Werkzeug ani Boden sah, dieweil er den lwlden Klang der Ambosse und Hämmer in der Schmiede von Elim- brock vernahm. Aber was ihn noch mehr erboste, da? war dieses: allemal, wenn er vor dem Hause des besagten Slimbroek Vorbeiging, so trat der rothaarige Verräter unversehens auf die Schwelle seiner Türe, grüßte ihn gar artig, sagte ihm viel Höfliches und hielt ihm hundert Schmeichelreden, ohne init heuchleri- scheu Grützen zu sparen: und das alles, um seiner zu spotten und über sein Elend schändlich zu lachen. Lange währten diese häßlichen Possen und Grimassen, und Smetse war am Ende seiner Geduld.„Ha," sprach er, „es kränkt mich, elend zu sein, aber darein muß ich mich er- geben, denn es ist Gottes heiliger Wille. Aber es schmerzt mich zu grausam, diesen bösen Schelm, welcher mir meine Kunden durch seine Tücken raubte, sich über mein Elend er- götzeu zu sehen." Indessen ließ Slimbroek nicht nach, und alle Tage wurden seine Worte beißender, denn je größer Unrecht er dem guten Schinied getan, um so größeren Haß hegte er gegen ihn. llud Sinetse gelobte sich aii ihm zu rächen und ihm Hinfiir den Geschmack am Hohnlachen zu benehmen. Eines Sonntags also, da er ani Schifferdamm stund und niit einer großen Menge von Flußfchiffcr», Bürgern, Knaben und Scholaren, so des Feiertags wegen müßig gingen, den Fluß anschaute, kam Slimbroek unversehens ans einer Musik- schenke, allwo er nicht wenige Krüge geschlürft hatte: und mis Ursache des Trunks war er dreister, denn seine Gewohnheit war. Da er Sinetse bemerkte, rannte er ihn an und sprach mit vielen Gebärden, kreischender Stimme und gelleiidem Gc- lächtcr gar frech zu ihm:„Ei, guten Tag, Sinetse, guten Tag, lieber Freund. Wie ist Dein Befinden, Smctse? Du scheinst Dein gutes Fett zu verlieren, Smetse. Das ist jainmerschade. Woher kommt das? Sollt es Dich kränken, daß Du Deine Kunden verloren hast, Smetse? Du schciiist Dein gutes Fett zu verlieren, Smetse? Du mußt trinken, damit die Freude wieder einkehrt in Deinem Bauch. Man sieht Dich nimmer zur Vesperzeit in Pensaerts Herberge: warum Sentse? Bc- darfst Du etlicher Dukaten, um zu trinken? Ich habe genug für Dich, wenn Du willst, Smetse." Und er klimperte mit seinem Säckel. „Großen Dank," sagte Smetse,„Du bist zu gütig, Meister Slimbroek: es ist an mir, Dir jetzund einen Trunk zu bc- zahlen." „Ha," rief Slimbroek, Mitleid und Teilnahme heuchelnd, „warum mich freihalten wollen? Die Leute wissen ja zur Geniige, daß Du nicht reich bist, Smetse." „Reich genung," antwortete der Schmied,„um Dir den schönsten Schluck zu verschaffen, den Du jemals trankest." „Das ivird ein Spaß sein," sprach Slimbroek zu der Menge der Flußschiffer und Biirger.„Das wird ein Spaß sein, Sinetse will die Zeche bezahlen. Die Welt geht unter. Es ist das Jahr der vergüldeten Lumpen. Smetse bezahlt die Zeche. Ha, ich möchte gerne das Braunbier schlürfen, das Smetse bezahlt. Ich habe Durst wie afrikanischer Sand, sonntäglichen Durst, Durst wie ein Teufel, so in Luzifers Kesseln ein wenig gesotten wird." „So trinke, Slimbroek," sagte Smetse und warf ihn in den Fluß. Da die Leute ain Ufer das sahen, klatschten sie in die Hände, und ein jeder stellte sich an den Rand, um Slimbroeks Gebaren genau zu betrachten. Selbiger war mit dein Kopf voran ins Wasser gefallen und hatte einem Hunde, welcher schon lange tot war imd, wie Aas zu tun pflegt, mit dem Strome schwamm, den Leib durchbohrt. Mit besagtem Hund hatte er sich gar Wunderbarlich den Kopf geschmückt uiid koimte sich nicht davon losniachen, maßen er seine Arme zum Schwimmen brauchte, und er hatte des ganze Gesicht mit stinkendem Unflat gedüngt. Qhngeachtet er davon lvie geblendet war, so wagte er _ P-r'i:m—-n. toch nicht cinS dem Wasser zu steigen und an das Ufer zu gehen, wo Snieise stand. Und er schwamm anö andere User mit dein Aas auf dem Kopfe und schnaufte wie hundert Teufel. „Hollah," sprach Smtse,„wie findest Du das Braunbier, ist es nicht das beste im ganzen Lande Flandern. Aber, Herr, nehmet doch beim Trinken Eure Kopfbedeckung ab: nie- malen hat man Leute mit solcher Behauptung sich im Flusse ergehen sehen." Da Slimbroek in der Mitte des Wassers hart an der Brücke war, kam Smetse mit dem ganzen Schwärm auf be- sagte Brücke, und Slimbroek, so nicht aufhörte zu schnaufen, schrie Smetse z>K„Ich werde sorgen, daß Du gehenkt wirst, D» schändlicher Reformierter." „Hoho, sprach Smetse,„Ihr seid im Irrtum, Freund, nicht ich will Reform, sondern Ihr, die Ihr sie in Kopf- bedcckungen einführet. Wo habt Ihr diese her? Ick habe nie ihresgleichen gesehen, weder so schön, noch so voll von Quasten und Anhängsel». Wird diese Mode in Bälde nach Gent kommen?" Slimbroek erwiderte kein Wort und plagte sich, den toten Hund loszuwerden, aber umsonst: und also hörte er ans zu schwimmen und tauchte unter und kam noch wütender wieder herauf, schnaufte noch mehr und versuchte immerdar, den Hund losziNverden. „Bedeckt Euch, Herr," sagte Smetse,„macht nicht soviel Ilmstände, mich zu grüßen; ich bin es durchaus nicht wert. Bedeckt Euch." Am Ende kam Slimbroek ans dein Wasser heraus. Am llser riß er sich den Hund ab und entwich mit großen Schritten nach seinem Hanse. Aber der ganze Schwärm junger Schiffer und Knaben rannte ihm nach, höhnte ihn, pfiff und bewarf ihn mit Kot und anderem Unrat. Und das gleiche taten sie an seinem Hanse, als er hineingegangen war. _(Forts, jotßf.) Die Philosophie des Murmeltiers.*) Das Murmeltier spricht über den Menschen: „Jetzt will ich über den Menschen sprechen, ganz frei heraus will ich über ihn sprechen. Der Mensch hat eine merkwürdige, bewegliche Haut, die er wechseln und verändern, an- und ablegen kau». Fast bei allen Menschen ist diese Haut verschieden»ach Farbe und Forin, und wollte man sie als GattungSmerknral nehmen, dann gäbe es so viele Menschenrassen, als es Individuen gibt. Aber man hat Grund zu der Annahme, das} diese Haut keine natürliche Haut, kein Bestand- teil dcS menschliche» Körpers ist, sondern dag er sie künstlich erzeugt. WaS ich in der Zeit meiner Gefangenschaft darüber beobachten konnte, hat mich in dieser Auffassung bestärkt. Es ist eine Eigen- tümlichkeit des Menschen, dast er eine Menge Dinge macht, die kein anderes Wesen je gemacht hat oder machen wird. Der Mensch ist das inistratcnste aller Tiere. Er hat Haare, die bei dem einen das ganze Gesicht umrahmen, bei dem anderen blost de« Scheitel bedecken. Das Haar fällt ihm im Alter aus, also dann, wenn er es am nötigsten hätte, um sich vor Kälte zu schützen. Man weih übrigens nicht genau, wozu es ihm eigentlich dient. lieber den Haaren trägt er gclvöhnlich noch eine Bedeckung auf dem Kopfe. Solveit man eS beurteilen kann, ist der übrige Körper nackt, abgesehen von der Haut, in die er sich einhüllt. Alle anderen Tiere haben eine bestimmte Farbe. Die Kuh ist Iveis; oder rot oder brann oder gefleckt: der Schneehase ist im Winter lveis;, im Sommer rötlich: der Bär ist brann: das Murmeltier hat ei» geschmackvoll gesärbtes Fell, das von graubraun ins schwärzliche spielt. Rur die Haut des Menschen hat keine bestimmte Farbe. Sie ist halb durchsichtig und lägt das Blut und Fleisch durchschimmern. Das ist ohne Beispiel in der Natur. Wahrscheinlich schämt sich der Mensch dieser Nbschculichkeit und bedeckt sich aus diesem Grunde mit einer falschen Haut von bestimmter Färbung. Aber er lägt das Gesicht srci, und auch die Hände, was einem Lust macht, hinein- zubeißen. Wäre ich ein wildes Tier, ich lvürde viele Menschen fressen. Der Mensch kann sitzen und auf den Hinterbeinen stehen wie wir; hingegen kann er nicht auf allen Bieren laufen. Das einzig Nichtige ist doch, je nach Bedarf entweder ans den Hinterbeinen oder ans alten Bieren zu gehen, so wie es die Murmeltiere tun. Der Mensch ist aber auf zwei Beincil nicht sicher; ei� scheint immer z» stolpern. Oft bedient er sich eines Bauniztveiges,»in sich bei seinem langsamen und linkischen Gang zu stützen. Er läuft schwerfällig. Wie könnte er auch leichtfüßig renne», mit einer solchen Figur I ES ist gar kein Verhältnis zwischen seinen unförmig dicken, pfeilerartigen Unter dem Titel„Das Murmeltier mit dem Halsband" er- scheint in Kürze im Berlage von Georg Müller in München ein Buch von Eugene Rambert, daS Paul Deutsch frei ins Deutsche übersetzt bat iPreiS geheftet 3 M., gebunden■! M s. Mit Genehmigung deS Berlages veröffentlichen wir hier das nachstehende Kapitel. MvUerS vas AUge. Wie eine ueimuit vtmc utt.„.v..... Voran tw. Redakteur: Alfred Wielepp. Neukölln.— Druck u, Verlag Hinterbeinen und den weit kürzeren und dünneren Vorderbeinen, dk« er bloß als Arme benutzen kann, so wie wir«S ebenfalls manchmal tun, aber natürlich nur, wenn es uns paßt. Der Mensch wäre daS wehrloseste der Tiere, denn er ist daS üngcschicktestc, wenn er nicht durch seine Erfindungskraft die natür» lichcn Mängel ersetzen könnte. Er hat keinen Geruchssinn, kein Gc- hör, seine Sehkraft ist minderwertig: aber er hat einen erfindnngL- reichen Kopf. Er nimmt ein längliches Instrument vors Auge und kann damit feine Beute aus jeder Entfernung entdecken. Gewöhnlich trägt er auf seiner Schulter ein anderes noch längeres Werkzeug: dieses richtet er gegen seine Opfer und dann spritzen unter schreck- lichem Krachen Feuer, Ranch und kleine, runde, schwere Steine heraus, die auf riesige Distanz diejenigen treffen. die der Mensch treffen will. Nur ein Gott kann den Menschen gelehrt haben, solchermaßen den Blitz in seinen Dienst zu stellen. Warum blieb diese Kunst gerade dem Menschen vorbehalten, warum nicht anderen Tieren, beispielsweise uns? Womit hat der Mensch diesen Vorzug verdient? Ist es eine Auszeichnung vor den Göttern, wenn man unschuldig Blut vergießt? Der Mensch hat einen Zauber. Manche Arten von Tieren beugen sich vor ihm, erkennen ihn offen als ihren Herrn an und dienen ihm eifrig. Andere mißtrauen ihm und hassen ihn. Er ist nicht blutgierig wie der Geier. Man hat nie gesehen, daß er in daS Fleisch seines Opfers gebissen oder ihr Blut getrunken hätte. Er ist nicht zum Mörder geboren. Er hat keine scharfen Krallen, keinen Hacken» schnabel, leine spitzen Zähne. Er scheint auch gegen uns gar keinen natürlichen Haß zu haben. Er ist nicht granfanr, er ist nur furchtbar hoch- mütig und von sich eingenommen. Der Mensch will die Unterwerfung der anderen Tiere. Er will herrsche» oder sich wenigstens einbilden. zu herrschen. Er liebt es. sich mit Sklaven zu umgeben. Jedes freie Wesen ist für ihn eine Beleidigung. Sein Traum wäre, der Herr der Erde zu sein. Dieses Streben wird sich erst dann erfüllen, bis die freien Geschöpfe der Berge aus der Welt geschafft sind. Und daran arbeilet der Mensch. Er tötet nnS, weil er uns nicht knechten kann. Auf solche Art rächt sich seine Unfähigkeit. Mag er töten, soviel er will, uns wird er nicht zwingen, ihm Gefolgschaft zn leisten. Wer für die Freiheit geboren ist, wird den Menschen und seine Tra» bauten ewig hassen. Das Reich des Menschen mehrt sich. Wohin er dringt, wird rS ringsum öde und verlassen. Er bevölkert dann die Einöde mit seine» Kreaturen. WelckeS Naturspiel, daß gerade daS mißlungenste aller Geschöpfe zur Herrschast bestimmt sein soll! Und trotzdem: der Mensch schreitet vor. das Murmeltier geht zurück. Von unserer einstigen Ueberbevölkerung ist nicht mehr viel zu spüren. Ein Tal nach dem anderen müssen wir verlassen. Nirgends ist es mehr sicher. Unsere Urväter kannten nicht den Anblick, der sich uns nur allzu oft bietet, daß wir plötzlich auf irgendeinem Berggrat die Kontur eines Menschen erblicken, die sich gegen den Himmel abhebt. Das sehen wir jetzt fast jeden Tag. be- sonders im Sommer. In ganzen Karawanen ziehen sie zur Höhe, von Felsen zu Felsen. Einer hilft dem anderen, sie ziehen und stützen einander, bis sie oben sind. Dann kann man sie hören, wenn sie den Gipfel erreicht haben, wie sie mit lautem Freudengeschrei' den Sieg feiern, den sie über ihre Ungeschicklichkeit davontrugen. Der Mensch will nicht allein über die Tiere herrschen, sondern auch über die Erde selbst. Er hat es sich zugeschworen, daß es kein Ge- biet geben soll, das er nicht durch seine Anwesenheit besudelt hätte. So viel Selbstüberhebnng muß die Langmut des Himmels erschöpfen. Die Welt ist nicht für den Triumph des Unrechts geschaffen. Auch der Mensch und sein Ruhm sind vergänglich. In meiner Gefangenschast machte ich eine überraschende Eni- deckung: der Dtensch könnte gutherzig sein, er ist es sogar manchmal wirklich. Vergeblich sträubte ich mich, daran zu glauben. Ich sah selbst in seinen Augen den sanften Ausdruck des Mitgefühls. Man braucht einige Uebnng, um sich da nicht zu täuschen. Diese beweg- lichen Augen, ganz gerade nach vorne gerichtet, flößen anfangs nur Angst ein. Der Blick ist so fest und zugleich so flüchtig wie bei keinem anderen Tier. Niemals ist man in Sicherheit vor diesem Auge. Auf die Dauer lernt man jedoch, darin zu lesen. Meistens liest man darin Hochmut oder Schurkerei. Manchmal las ich aber ganz deutlich darin die Güte. An dem Tage, als der Mensch mit den langen und feinen Haaren mich in daS Gebirge zurücktrug, sah �ch in seinen bläulichen Augen ein wahrhaftiges Lächeln. Ich bin jetzt überzeugt, daß er mich absichtlich freilassen. wollte. Man glaubt, daß die Menschen mit den feinen Haaren und mit der wallenden Haut um die Beine, daß diese Menschen Weibchen sind. Ich glaube es auch. Daraus erklärt es sich, weshalb sie mehr Sanftmnt in der Bewegung und im Ausdruck haben. Aber nicht allein die Weibchen find sanfterer Gefühle säbig. Der Mensch, der morgens und abends die Milch von den Kühen holte, hatte sehr struppiges Haar und harte Gesichtszüge. Auch dieses Menschen Auge sah ich freundlich glänzen, wenn er eine kleine Kuh streichelte, die er jedesmal liebkoste. Auch mir war er nicht böse gesinnt. Hätte ich gewollt, so hätte er mich an den Liebkosungen teilnehmen lassen. Ich ioies sie zurück wegen meiner Gefangenschaft, und ich würde sie-zpch heule zurückweisen, in Frei- heil. Den» schließlich, was muß man von einem Wesen denken, daß der Güte fähig ist, und an der Güte nicht seine Freude finde«, sondern sie gewaltsam unterdrückt? Das ist unerhört in der ganzen Natur. Ich verstehe den Geier, der nichts von Er- barmen weiß; ick verstehe de» Hund, der nichts ist als Niedrigkeit und Wildheit. Aber der Mensch I Wie kann er die Geschöpfe, die VorwärtsBuchdruckereiu.BerlagSanstaltPaul Singer LrEo..Berlin SW. et liebt, zu Sklaven inachen und das Blut derer vergießen, mit denen er Mitleid hat 1 Was ist da» siit ein Charakter, der heute voll Erbarmen ist und morgen ganz erbarmungslos? Ich rufe den Himmel zum Zeugen: der Mentch ist ein Tier, das gut fein könnte und schlecht sein will. Dieses Scheusal nennt sich Mensch. DaS Schicksal ilberhäust ihn mit seiner Gunst, imd er schreitet immer Vorwärts, mit frechem Schritt, seinem Ziele zu: der Weltherrschast. Der Mensch ist das größte Wunder der Natur, nächst dein Murmeltier." Der Erklärer öer ErÜe. ErinneTunge n an Ed»> a r d S n e h. Ter lehte Meister aus dein heroischen Zeitalter der inoderiie» Erdkunde ist dahingegangen. An Eduard Surs; hat diese Wissenschaft einen Klassiker,>vie er ihr nicht vald wieder beschieden fein wird, verloren. In ihm vereinigten sich auch die verschiedenen Strahlen des vielseitigen Begrisfs der Erdkunde, und er hat einen erheblichen Teil seiner Sendung damit erfüllt, ei» Bindeglied zwischen den beiden großen Zweigen dieses Forschungsgebiets, der Geographie und der Geologie, zu schaffe». Wie notwendig und Verdienstlich diese Leistung gewesen ist, geht am schärfsten daraus hervor, daß bei den hartnäckigen Gegnern dieser beiden Schwester- disziplinen Eduard Sueß als Friedensstifter nicht beliebt war. Namentlich die Geologen wollten keine Verträglichkeit mit den Geographen, denen sie vorwarfen, daß sie sich mit der Begründung der Geographie als Naturwissenschaft zahlreiche und tiefgehende Eingriffe in das Herrschaftsgebiet der Geologie herausnähmen. Es war daher nicht als Kosename gemeint, wenn manche Geologe» Eduard Sueß einen halben Geographen nannten. Diese Bezeichnung wirft ein bedeutsames Licht auf die Beziehungen des österreichischen Geologen zu einem Fachgenossen, dem es Iroh oder wegen seiner überragenden Größe fast genau ebenso ergangen ist, Ferdinand von Richthofen. Diese beiden Männer, nach Abstammung und äußerer Artung denkbar verschieden, wuchsen zu einem so innigen Verhältnis zusammen, daß jeder den andern seinen besten Freund nannte, und es gab wohl keine erhebliche Frage innerhalb des Gebiets der gemeinsamen Wissenschast, die nicht brieflich zwischen den beide» Freunden erörtert wurde,—— ein Konzern zweier Geistessürsten. Auch Richthose» war aus einem Geologen zu einem Geographen geworden, allerdings zu keinem halbe» Geographen, sondern er begann»ach der Rückkehr von seiner langen Forschungs- reise die akademische Laufbahn sogleich als Professor der Geographie. Der Vergleich zwischen diesen beide» Männern bietet auch weiterhin eine unerschöpfliche Fülle von Anziehungspunkten. Beide waren vielleicht gleich vielseitig in ihren Interessen, aber sehr ver- schiede» in ihrer Betätigung. Eduard Sueß sah sich früh ins öffeiit- liche Leben gezogen und gewann als Parlamentarier eine Be- dentnng, die auch von seinen politischen Gegnern nicht angezweifelt wurde. Er beschränkte sich weder im ReichSrät noch im Wiener Gemeinderat, dem er gleichfalls augehörte, auf Fragen, die sich mit seiner Wissenschaft berührten. Insbesondere waren seine Verdienste um die Donauregnlierung so überragend, daß man ihn mit einer witzige» Anspielung auf den Suez-Kanal de» Kanal-Sueß nannte, ein Ehrenname, dessen sich sei» Träger wohl nicht ungern er- innert hat, wenn er von seiner Wohnung in der Afrikanergasse entweder die Praterstraße hinauf zum Donaukanal oder in entgegen- gesetzter Richtung nach der regulierten Donau spazierte. Seine wissenschaftliche Laufbahn war ein rascher Aufstieg. Schon im Alter von 2(i Fahren wurde er Professor der Geologie an der Wiener Universität, und er hatte»och lange nicht das patriarchalische Alter erreicht, als er zur höchsten Würde des Präsi- deute» der Akademie der Wissenschaften gewählt wurde. Die geo- logische Einzelforschung im Felde, so wichtig und unentbehrlich sie zur Schaffung der Grundlage» ist, konnte dem umfassenden Geist nicht lange genügen. Zahlreiche wertvolle Schriften ans der ersten Hälfte seines Lebens beweisen, daß er auch in dieser Hinsicht seine Pflicht getan und manchen festen Baustein zum Gebäude der Bezieksgeologie bearbeitet und geliefert hat. In der Paläontologie ebenso beschlagen wie in der eigentlichen Geologie, hat er die Kenntnis der Architektur der Erdkruste insbesondere für die Alpen und Böhmen bereichert, auch ein besonderes Werk über den Boden der Stadt Wien verfaßt, außerdem einzelne Studien bergbaulichen InHalls veröffentlicht. Aber überall griff er in seinen Gedanken über die örtliche Beschränkung hinaus. Zu einem Merkstein der EntwickelungSgeschichte der Geologie und Geographie wurde insbesondere die Schrift über die Entstehung der Alpen. An seine bergbaulichen Arbeiten knüpften die beiden berühmten Bücher über die Zukunft des Goldes und des Silbers an, und außerdem hat er namentlich der italienischen Halbinsel einen Teil seiner Studien gewidmet. Er wurde aber nicht zum vielgereisten Mann, obgleich sein größtes Werk„Das Antlitz der E r d e" die ganze Erdoberfläche umfaßte. Auch das ist ihm von kleineren Geistern verdacht worden, aber er ist nicht das erste und nicht das einzige Beispiel in der Geschichte der Geographie für die Möglichkeit, fundamentale Fortschritte auf diesem Forschungs- selbe zu liefern, ohne sich ausschließlich oder auch nur zum großen Teil auf eigene Beobachtungen zu stützen. Wurde das erste Lehr- buch der allgemeinen Geographie von einem Manne entworfen, dessen ganze persönliche Bekanntschaft mit der Erdoberfläche etwa von Danzig bis Amsterdam reichte, so konnte die Znsammenfassung lLte nwuieii minniuj iura; wm aller großen geologischen und geographischen Tatsachen zu einem Gesamtbild der Erdoberfläche einem Gehirn entspringen, dessen nn» mittelbare Erfahrungen über Europa nicht hinyusreichte». E» müßte ja auch schlecht»in die Zuverlässigkeit der Beobachtungen dieser Wissenschaften bestellt sein, wen» nicht ein kritischer Geist ans ihnen bauen dürfte, ohne überall in Irrtümer zu verfallen. „Das Antlitz der Erde" ist eins der wundersamsten Werke, die je geschaffen sind. Ein schweres Buch, das an die Vorbildung und Fassungskraft auch des Fachmanns große Anforderungen stellt, und doch von einem Ciil und einer Sprachkuiist getragen, die ihm eine Anziehnngskraft aus weite Kreise erteilt haben. Insbesondere das erste Kapitel über die isiiuslut hat ei» ungeheures Aussehen erregt, und wurde daber auch besonders abgedruckt. Im Gegensatz zu seinem Freunde Richthofe», der mit der Bearbeitung der Er- gebnisse seiner eigenen Reise i» einem freilich um ein Jahrzehnt kürzeren Leben nicht annähernd fertig wurde, hat Sueß sein Lebenswerk in der Hauptsache vollendet, und man wird kaum er» warten dürfen, zahlreiche nnverwertete Manuskripte in seinem Nachlaß zu finden. Vor etwa drei Iahren gab er die letzten Bogen des„Antlitz der Erde" in den Druck, und damit wäre der Achtzig- jäbtige arbeitslos geworden, wenn man von diesem Mann eine solche Annahme aucii nur als Verdacht hätte hegen dürfe». Aber wenn er auch die Feder seitdem aus der Hand gelegt hatte, so dauerte sein Wirken bis zum letzten Atemzug. Vornehme Ein- sachheit zeichnete den würdigen Mann in jeder llmgebung ans. Kaum eine der vielen Anekdoten, die sich an seine Persönlichkeit knüpfen, kann diese Eigenschaft stärker kennzeichnen, als folgende, die hier zum Schluß in die Erinnerung gerufen werden mag. ES Wae in einer glänzenden Gesellschaft, in der die höchsten Kreise Wiens, die Aristokratie von Geburt und von Geist, vereinigt waren. ES strahlte von Ordenssternen, und nur ein Mann bewegte sich in diesem blendenden Meer als ein dunkler Punkt in einfachem schwarzem Frack ohne die kleinste Auszeichnung. Unerfahrene rieten, wer dieser Sonderling sein könnte, da selbst ein kleiner Beamter i» Oesterreich irgend einen Orden anzulegen haben müsse. Man hegte schließlich den furchtbaren Verdacht, daß sich ein Anarchist in diese erlauchten Kreise verirrt hätte, bis schließlich die erlösende Aufklärung kam:„Das ist Eduard Sueß. der Präsident der Akademie der Wissenschaften I" Prof. Dr. Tiessen. Die Jnöianer Mexikos. Wenn man bedenkt, daß viele de: Männer, die feit der Befreiung Mexikos von der spanische» Herrschaft, dessen Geschicke geleitet oder hervorragend beeinflußt haben, rein» blutige oder fast reinblülige Indianer gewesen sind, wie Benito Iuarez, Porfirio Diaz und jetzt Huerta, so liegt es nahe, sich ein wenig mit diesem wichtigen BevölkerniigSelement der Republik zn .beschäftigen, das-ohne Zweifel auch in Zukunft eine maßgebende Rolle in dem Lande spielen wird. Wie überall im romaiüschcn Amerika, so hat auch in Mexiko seit der Konquista lErobcning) eine weitgehende Durchmischung der liidianischen I.rbcwohnerschast mit den Weißen stattgefunden; aber gegen 40 Proz. sind doch noch indianisch geblieben. So ist es nicht zur Bildung einer„mexika» nischen Nation" gekommen. Die im Bereich der heutigen Republik wohnende»'Indianer sind i» Sprache und Kulturbesitz nicht einheitlich. Die Vorstellung ist falsch, daß die voespanische Bevölkerung nur oder auch nur größtenteils ans Azteken bestanden habe. Gerade diese Azteken waren ein nn Zahl recht unbedeutender Stamm der Nahua-Sprach» grnppe, der anfangs mir ein Stück des Hochtales um die Stadt Mexiko bewohnte und erst spät, M> Jahre vor dem Erscheinen des Cortez, sich seiner kriegerischen lleberlegenheit bewußt wurde und das große Aztekenreich gründete, aus das die spanischen Abenteuerer im Jahre 1511) stießen. Aber dieies Reich war erst ganz lose gefügt; es nmfaßte Dutzende von Stämmen oder kleinen Staaten,- die nicht aztetisch waren, und barg deren auch solche in seinen Grenzen, die ihre llnabhäiigigteit überhaupt noch nicht verloren halten n»d gleich mit Cortez gemeinsame Sache machten. So siel denn das Reich iiiiter dem Ansturm der Fremdlinge bald in sich zusammen. Die mexikanischen Indianer sind so wenig einheitlich', daß zn ihnen sowohl die Nachkommen des Kulturvolkes der Maha, wie die als Sammlex, Fischer und Jäger auf niedrigster Kulturstufe stehen» den Seri-Indianer gehören. Diese Seri, die heute infolge der Ausrottuiigskämpfe der mexikanischen Regierung auf die Insel Tiburon im kalifornischen Meerbusen und das gegenüberliegende Küstenstück von Sonora beschränkt sind, errichten kaum ein Obdach und verschlingen ihre Nahrung roh; sie stnd die primitivsten Ein- geborenen Amerikas. Auf der Kulturleiter nach oben hin wüxden dann die Otomi folge», die schon von den Azteken als„Hniide"- bezeichnet und aus dem Hochtal von'Mexiko in dessen Randgebirge vertrieben wurden. Die Otomi sind immerhin schon seßhaft. Sie haben sich spräche niid Sitten noch recht rein erhalten und leben abgeschlossen für sich, nur gelegentlich die Marktorte der Ebene aufsuchend. Sie gehören zn den Stämmen, die schon vor Ankunft der Nahua auf mexikanischer Erde saßen, sind untersetzt und schwer» fällig und färben das Haar rot. Weiterhin sind mehrere westmexikanische Stämme zu nennen» die zwar gleichfalls noch nicht zu den altainerikanischen Kultur» Völkern zu rechnen sind, aber schon wesentlich höher stehen, al> Mc bither genannten Stämme. Hicrbcr nchärcn die Pima, Huiischol, Vtora und Tarahumara. Auch sie sind in ihren adyelegcnen Ge> birgSwohnsiben von europäischen Einflüssen nur wenig berührt worden, und es hat namentlich erst das Studium der Kora in der Sierra de Ncyarit von Tepio uns zum richtigen Verstehen der «iztetischen Religion verholfcn. Die Tarahumara in der westlichen Sierra Madre der Staaten Sinaloa, Sonora und Shihuahua waren früher Hödlenbewohner und gleichen den..Eliffdwellcrs" von Ari- zona und Neumcxiko. Nu den Kulturvölkern AltmexikoS gehörten u. a. die Mixteken und Zapoteken des heutigen Staates Oaxaca, die Tärasken in Mich- facan. die Azteken deS Hochlandes von Anahuac und die Map« in Ehiapas und?)uiatan. Häufig werden die zahlreichen Reste ihrer iZlrchitektur. die mau in diesen Staate» vorfindet, Tempelphramiden und Paläste, schlechtweg als aztckisch bezeichnet; sie sind das aber nicht, sind auck> oft älter. Zapotckisch sind die prächtigen Ruinen von Mitla, das erst Ende des 15. Jahrhunderts von den Azteken zerstört worden ist. Viel älter als die Azteken sind die Tarasken und ihre Kultur. Sie hatten eine eigene Bilderschrift. Am besten sind wir über die Staatseinrichtungen und die sozialen Verhält- uisse bei den Azteken unterrichtet, dank den ersten spanischen Be- richten. Sie waren derart, daß die Spanier ihnen kaum etwas voraus hatten. In starkem Gegensah dazu stand allerdings der nnt scheustlichen Menschenopfern verbundene Götterkult, der übrigens rn dieser Gestalt auf die Azteken beschränkt war und von den übrigen Völkern AltmexikoS verabscheut wurde. Die Maya endlich zeigten neben manchen Eigentümlichkeiten auch viele Berührung?» punkte mit den Azteken, so in der Schrift �Bilderschrift') und im Kalender. Selbständig waren jene in ihrem reich und zweckmäßig ausgebildeten Zahlensystem, das auf der Zwanzig beruhte und den Stellenwert der Zahl kannte. Ihre schönsten Bautverke, in denen iricht selten aztekischer Einschlag zu erkennen ist, die aber schon zur Zeit der spanischen Eroberung verlassen waren und in Ruinen lagen, finden sich in Dukatan Die spanische Kolonisation hat in Amerika und also auch in Mexiko einen dauernden kulturellen Riedergaug zur Folge gehabt. Wahrscheinlich ist von de» uns erhalten gebliebenen alimcxikani- schen Bau- und Kunstwerken nicht eines nach der Eroberung cut- standen. Erlosch aber auch die indianische Kultur mit einem Schlage für immer, so haben die Spanier den indianischen Charakter selbst nicht umwandeln können, und als ihre Herrschast zu Ende war, da vermochte jede indianische so gut wie jede kreolische Intelligenz sich Geltung zu verschaffen, da es keine Schranke mehr gab. Vor allem in den ewigen inneren Kämpfen. Die Truppen der Rebellen- iihrer und Präsidcntschaftsbcwerber bestanden natürlich größten- eils aus Indianern, und jeder hatte den Marschallstab im Tor- irisier. Daraus erklärt es sich, daß im neuen Mexiko die führenden Deister selten Weiße gewesen sind. H. S. Kleines Feuilleton. Nenntierzucht in Deutschland. Es scheint, daß das Renntier in seiner Heimat, dem Lapplaud, vom Aussterben bedroht ist. Wenigstens wird der Fachzeitschrift:..Der Weidmann" von einem Mitarbeiter ans Chriftiania geschrieben: Der Lappcnvogt Stauf hat der norwegischen Regierung einen Bericht über die Reuntier- glicht der Lappen im verflossene» Jahre eingereicht. Darin betont er, daß das Aussterbe» der Renntiere nur noch eine Frage der Zeit sei, wofern nicht eine schleunige Hebung der Renntierzucht er- folge. Die Zahl der Reunticre, die Ende tsttst noch W ti-tv betrug, tst jetzt auf 25 781 herabgesunken. Da ist es nun sehr intcrefiant zu hören, daß der erste Versuch, Renntiere als Haus- und Nutz- tiere in Deutschland einzuführen, völlig gelungen ist. Vor reickstich zwei Monaten ließ Pastor Lorenzen auf der Insel Rom, Kreis Dondern, einen Hirsch und zwei Tiere aus Lapplaud kommen und auf dem einsamen Eiland weiden. Rom besitzt 2000 Hektar Ocd- lländereie», die bisher nutzlos dalagen. Sie liefern eine Flechte, die Renntiere gern fressen. Der Hirsch„Isaak" und die beiden Tiere haben sich schnell in die neuen klimatischen Verhälinisse ein- gelebt und sind prächtig gediehen. Mehrere Landwirte auf Rom haben jetzt beschlossen, die Nenntierzucht zu betreiben. Ende Ok- tober treffen elf prächtige Tiere auf Röm ein. Das Ocdland kann rund 500 Rcnntiere ernähren, die einen jährlichen Gewin» von 25 000 Mark bringen würden. Auch.andere Gegenden in Deutsch- land sind für die Rennticrzncht geeignet, so daß Deutschland vielleicht berufen ist, dieses nützliche und schöne Tier vor dem Untergang zu bewahren. Hygienisches. D i e Bekämpfung der K u r z s i ch t! g k c i i. In der Berliner Gesellschaft sürsoziale Medizin sprach kürzlich Dr. Georg Levinsohn über„Kurzsichkigkwt und Schule". Seit Iahren kämpft die Schulhygiene gegen Kurzsichtigkeit, und doch ist dieser Kampf recht erfolglos, wenn man bedenkt, daß 50 Proz. der Gebildeten in der Schule ihre Kurzsichbgkeit erwerben, und daß mit den auf- steigenden Schulklasfen auch die Kurzsichtigkeit an Intensität und Quantität zunimmt. Der V ertragende erklärte diese auffällige Er- scheiuung damit» daß die bisherigen Theorien über die Kurzsichtig- teit unrichtig feien und mau infolgedessen auch nicht die richtigen Orrantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u. Verlag: Gcgenmaßregcln ergriffen habe. Man nahm bisher an, daß die erworbene Kurzsichtigleit ror allen Dingen durch daS Raheyeran» bringen des Gegenstände? an das Auge eintrete. Die nächste Folge fei die bekannte LängSstreckung de? Angapfels, die dann die Krank- hcit zur Folge habe. Demgegenüber weist Dr. Levinsohn darauf hin, daß gerade in einigen Berufen, die ihre Arbeit sehr nahe an da» Auge heranbringen müssen, z. B. bei den Uhrmachern, Juwelieren, Kunststickcrinncn, die Knrzsichtigkeit im Perbäitnis gering sei. Ge- nane Untersuchung der Ursache ergab, das; bei diesen Bernsen die Körperhaltung ziemlich ansrcch- ist(Sitzen auf niedrigem Stuhl, Arbeiten an hohem Tisch). Diese Tatsache ist nun einer der Bc- weise für die neue Tbeoric Dr. Levinsohn? über die Ursache der Knrzsichtigkeit. Durch eine gioße Reibe von Tierversuchen wie durch anatomischen Besund glaubt der Redner einwandfrei bewiesen zu haben, daß nicht das dichte Heranbringen des Gegenstandes an die Augen die Knrzsichtigkeit hervorrufe, sondern daß sie durch die Beugung deS Rumpfes und Kopfes bei der Arbeit entstehe. Dadurch sällt nämlich daS Auge nach vorn, und so treten(da die Schwer- kreist einwirkt) Zerrungen auf, besonders am Sehnerv. Der Äug- Gipfel dehnt sich in die Länge— und die Knrzsichtigkeit ist da. An Affen hat Dr. Levinsohn durch eine entsprechende VersnchSordming bei Beugen deS Kopfes künstliche Kurzsichtigkeit hervorgerufen.— Mehr als bisher, sagte Dr. Levinsohn, muß die Schule Wert legen auf eine gerade Körperhaltung. Der Vortragende forderte, man solle wenigstens beim Lesen in der Schule die aufgeklappten Bänke verwenden, auf deren Klappe dann das Buch rechtwinklig zur Augen- nchfe des aufrechten Körpers steht. Auch die Einführung der Steil- schrift sei anzustreben. Es ist klar, daß bei der Knrzsichtigkeit, wie .bei jeder Krankheit, auch Dispositionen vorhanden sind; namentlich nach Schwächung des Körpers durch Krankheit werden sie hervor- treten. II msomchr sind auch gerade vom Gesichtspunkt der Kurz- sichiigkcit Gymnastik und Sport zu empfehlen, die de» Körper kräfti- gen. Achtet man besonders darauf, daß beim Arbeiten Kopf und Rumpf nicht gebeugt sind, dann wird es möglich sein, die ungeheure Verbreitung der Kurzjichtigkeit wirksam zu bekämpfen. Geschichtliche«. Zum kl r s p r u n g der Freiheitskriege. In einer Studie über neuere Historiographie behandelt Max Lehmann, sich mit preußischen Geschichtsschreibern wie Max Duncker» Droyscn, Treitschkc auseinandersetzend, die Genesis des preußisch-russischen Bündnisses von 1313(Historische Zeitschrift 1014). Die Arbeit be- stätigt alle?, was besonders von sozialistischer Seite über den Anteil des preußischen Königs an den Freiheitskriegen gesagt worden ist. Einen Tag, nachdem Friedrich Wilhelm III. die Freiwilligen anfge- rnfgtc. am 5. Februar 1313, schrieb er an Hardenberg:„Anbei eine neue Denkschrift Anrillons, ich finde sie ganz übereinstimmend mit meinen Ideen." WaS waren das für königliche Ideen? Die er. haltenc Denkschrift Ancillons gibt darüber unzweideutige Auskunft. Vor allem hegt man Besorgnis vor r e v o l utionären Be- lvegungen, als deren Anstifter— Stein, der„Republikaner", gilt. WaS ist gegen diese revolutionäre Gefahr zu tun? Kampf für deutsche Freiheit etwa? Nicht im mindesten! Tic königlichen Ideen sind in Ancillons Fassung vielmehr:„Ich höre rufen: Deutschland, Teutschland! Ich antlvorte, daß Teutschland nicht daS hauptfächliche Ziel, der Gegenstand, auf den cS in erster Linie ankommt. die absolute Bedingung alles Guten im Gange der Politik Preußens sein mutz. Erinnern wir uns, daß wir zunächst und vor allem Preußen sind!" Napoleons Macht, so wird weiter dargelegt, ist durchaus nicht zu Ende. Die Katastrophe der großen Armee war mehr ein Werk der Natur als der Menschen. Würde Preußen sich jetzt erheben, so würde eine vielleicht nock schlimmere Knechtung Preußens die Folge sein. Endergebnis: Preußen lvill sich als Friedcnsver- mittler zwischen Frankreich und Rußland versuchen. Es würde dann mit der Wiedergabe von Danzig, Magdeburg, dem Herzogtum Warschau, am Ende sogar noch der?lltmark belohnt werden. Nur wenn Napoleon wider Erwarten den preußischen Vorschlag ab- lehnen sollte, müßte Preußen an der Seite Rußlands den Krieg wagen. Aber das Erste und Wesentliche war die?lbsicht, deshalb ein Bündnis mit Rußland zu schließen, um den Frieden mit Frank» reich vermitteln zu können.(Duncker hat mit Kenntnis der ge- Heimen Urkunden wider die Wahrheit die feurige Kriegsbereitschaft des Königs behauptet!) Auch die vom König»ntcrzcichnete Instruktion für den Unter- Händler der russischen Büntmisverhandlungen— Knesebeck— war von dem gleichen Geist erfüllt. Beim Zar wurde Beschwerde ge- führt über Steins„fast revolutionäre" Maßnahmen, der russische Kaiser sollte Stein befehlen, alles an vermeiden, was dem Gebor- sam der Untertanen gegen ihren Konig Abbruch tun könnte. Nichts von deutsche» Befreiungsplänen! So unterbreitete denn der König Frankreich de» Wafsenstill- standsvorschlag, der nicht etwa ein taktisches Manöver war, sondern eine Maßnahme blasser Furcht. Die Franzosen sollten hinter die Elbe, die Rüsten hinter die Weichsel zurückgehen, damit der König in Schlesien nicht gefährdet wäre. Erst am 23. Februar gelaug es, den König kriegerisch nmzu» stimmen: er!vac offenbar durch die� drohenden Berichte über revolutionäre Gärungen eingeschüchtert Ivordcn._ Vorwärls Buchdruckcrei u.VerlagtzanstaltPaul Singer LcCo., Berlin LA?.