Unterhaltungsblatt des vorwärts Rr. SS. Freitag, den 16. Mai. 1914 w Smetse öer Schmied. Ein« flämisch« Legende von Charles de Coster. Und der kiinialill»« Teufel bekreuzte sich, schlua sich an die Brust, murmelte viele Paternoster, stund auf und saate zu SiiHetse:„Sacke mich ein, Schinied." Solche« tat Smetse gar behende, steckte den Teufel in den Sack, also daß nur der Kopf herausgrickte, zog die starke Schimr fest»in den Hals und stellte den Teufel auf einen Anchok, Bei diesem Schauspiel brachen die Gesellen i» Gelächter aus, klatschten in die Hände und mallsten tausend Scherze zumal, „Schinied," fragte der Teufel,„treiben diese Flamen ihre» Spott mit mir?" „Ja, Sire." „Und tvas sagen sie. Schinied?" „Ei, Sire, sie sagen, dast man Pferde mit Hafer fängt, mit Leber Huirde, mit Disteln Esel, niit Kot Schweine, Forellen mit geronnene»« Blut, Karpfen mit Käse, Hechte mit dein Gründliirg und Heuchler Eures Schlages mit Erzäh- liinge» falscher Wunder." „Ha! Verräterischer schniied," beulte der Teufel zähne- knirschend,„er hat den Namen des Herrn Sankt Joseph»»n- nützlich geführet, er hat schaiulos gelogen!" „Ja, Sire." „Und Du wagtest mich zu schlagen wie Jakob Hessels und meinen getreue»» Herzog?" „Mehr, Sire, jedoch nur,»veun Ihr wollt, Ihr werdet frei sein,»veun es Euch beliebt: frei, we»»»» Ihr mir den Pakt zurückgebet, und geprügelt, we»»» Ihr darauf bestehet, mich mitzuschleppen." „Dir den Pakt zurückgeben!" heulte der Teufel,„lieber will ich tausend Tode in einem Augenblick sterben." „Herr König," sprach Smetse,„ich beschlvöre Euch, an Eure Knochen zu denke», welche»»ich schon nicht gar kräftig dünken. Bedenket auch, daß die Gelegenheit uns günstig ist, unser armetz Flandern zu rächen, welche? durch Eure Schuld mit Blut besudelt ist: aber es widersteht wir, da zu richten, wo der Zorn des allgerechtei» Gottes schon gerichtet hat, darum sputet Euch,»nir de» Pakt zurückzugeben: be- gnadigt iiiich, Herr König, oder es»vird allsogleich regnen." „Begnadigen!" sprach der Teufel,„einen Flamen be- ai»adigei,, eher»»löge Flandern zugrunde gehen! Ha. warum habe ich nicht für emen Tag Macht, Heere und Schätze, so- viel ich»vill, dann wäre es mit Flandern bald zu Ende! Dann sähe inai, dort Teuerung herrschen, welche den Boden dörrt »md das Wasser der Oilellen und das Leben der Pflanzel» ver- siegen macht. Man sähe die letzten bleiche» Bewohner der entvölkerte» Städte wie Gespei»ster umherirren und sich ein- ander ans dem Dunghaufei» totschlagen,»»» etwelche verfaulte Nahrung zu suchen. Scharen von ausgehungerten Hunden rissen die Neugeborenen von der versiegte» Mutterbrust, um sie zu verschli»»gen, und Teuerung herrschte allda, tvo Neber- ffufc war, Staub, wo Städte stunden, Tod, tvo Leben war, Raben au Stelle der Meirscheu: und auf der nackten, stemigen, wüste»» Erde, auf diesem Toteuacker würde ich ein sckstrmrzes Kreuz»nit dieser Inschrift aufstelle»: Hier ruht das ketzerische Flandern, Philipp von Hispanien schritt über seine Leiche." So sprechend, schäumte der Teufel vor böser Raserei: aber kaum war sein letztes Wörtlein erklunge»», so fiel alles, tvas an Eisenstangen und Häinineri» i» der Schmiede war, aus ihn nieder. Und Smetse und seine Leute schlug«' wechselsweis zu und sprachen dabei:„Dies ist für unsere Berträge und Vorrechte, welche Du trotz Deiner Eide ge- brocheu und verletzt hast, denn Du wärest meineidig." „Dies ist dafür, dast Dt», als wir Dich riefen,»licht in llitsere Lande zu konmreu wagtest, zu der Zeit, da allein Deine Gegeilwart die Erbittertesten beruhigt hätte: de»»»» Di» wärest feige." „DieS ist für die reichen Nömijchei»»»»»d Refsrinierten, die Du von» Leben zum Tode bringen liestest. n»n Dich an ihrem Hab und Gut zu bereichern: dein» Du»varest eist Dieb." „D'es ist für den unschuldige» Markgrafen von Berg oh Zoom,, den Du»» seinen» Gesäuguis vergiftetest, um ihn z»* beerben. Für de»» Prinzen von ÄScoli,»velcheu Du zwangst, Dona Eufrasia, die von Dir schwanger war, zu heiraten, ans daß der künftige Bankert durch seine Besitzungen reich würde, Der Prmz starb gleich vielen anderen: denn Du wärest eiic Giftmischer." „Dies ist für die falsche» Zeugen, welche Du bestachest, und für Dein Versprechen, de», welcher de'»» Prinzen Wilhelnr töten würde, zu adeln! denn Du warst ein eseeleuvergifter," Und die Schläge fielen hageldicht, und die Krone des königlichen Teufels fiel zu Boden, und sein Leib war gleich dem des Herzogs nichts anderes de»»» ein Brei von Knoche»» und Fleisch ohne Blut. Und die Gesellen sprachen bei»»» Schlagen:„Das ist dafür, daß Du die Garrotte erfandest, iiu» Montigny, Deines Sohnes Freund, zu erdrosseln: den»» Du wärest ei» Erfinder neuer Martern." „Dies ist für den Herzog von Alba, für die Grafen vair Egmont und van Hoorn, für all unsere armen Toten, für unsere Keufleute,»»elchc von dannen zogen und Deutschland »nd England bereicherten; denn Du»varest der Mörder»»»d Verderber des Landes." „DieS ist für Dein Weib, das durch Deine Schuld starb: de»»» Di»»l'arest ein Gatte ohne Liebe." „Dies, ist für Deinen armen Sohn Carlos.»velclKr starb, ohne krank gewesen zu sein: den»» Du wärest ei» Vater, der kein Herz im Leibe hatte," „Dies ist, weil Du auf Sailftumt, Vertrauen und guten Willen unserer Lande mit Haß, Grausamkeit und Mord Be- scheid gäbest: dein» Du tveirest ein König ohne Gerechtigkeit," „Und dies ist für den Kaiser. Deine» Bater.»velcher»nit seiueu abscheulichen Verordnimgen und Edikten das Verderben »»serer Lande eiiiläiitete. Bläue ihn i» unsere»» Namen und sage»»»S, ob es Dir»och»»»cht beliebt, dem Baas den Pakt zurückzugeben?" „Ja," greinte eine trübselige Stimme, so aus dem Brei von Knochen und Fleisch herfürkam,„Du hast alles, Smetse, Tu bist quitt," „Gib mir das Pergament," sprach Smetse. „Oessne den Sack," gab die Stimme zur Antwort. „Jawohl," sagte Smetse,„ich werde unverweilt den Sack weit aufinachen, und Mosje Philipp wird herauskomnien »nd mich gar hurtig in die Höllen schleppen! O, der gute, kleine Teufel! Aber eS ist»och nicht die Stunde des hoch- iiotpeiiilichen Blutgerichts. Darun» so wage ich Eure Maje- stät auzuflehe», mir zuvor das Pergament wiederzugeben, »velches sie ohne Mühe durch die Oeffnung zwische» ihren» Halse und öem Rande des Sackes stecken könnte." „Das werde ich»»»cht tun." „Es»vrrd geschehen, wie es Eurer scharssiuiiigeu Majestät beliebt. Im Sack ist sie und im Sack wird sie bleibe»,, ich habe nichts dawider. Jede»» nach seinen» Sinn: der iiiei»»e ist, sie hübsch in» Sacke zu lassen und sie also iiach Middelburg in Weilchen:»» zu bringen und alkda von der Gcineine zu er- bitten, daß ich ein sicheres kleines Gehäuse von Steh» erbaue, Eure Majestät darin einzuschließen und nur ihr»»elmlcholijch Gesicht hersürschauen zu lasse». So einquartiert, kau»» sie Glück, Frohsinn und Reichtum der Reformierten aus der Nähe sehen: das wird ihr ein groß Vergnügen sein, welches an dm Meß- und Markttagen noch durch etliche boshaftige Maul- schellen ii» ihr Gesicht, etliche hinterlistige Stockschläge oder etlichen respektlosen Speichel permchrt werden kann. De» weitere», Sire, hättet Ihr die unaussprechliche Genugtuung, von Flandern, Brabaut und Ellren andere»» Ländern, so durch Eure Sckmld iliit Blut besudelt wurden,»nanch»vackere Pilger koii»»»ei» zu sehen, so Eurer bariuherzigei» Majestät Ihre Schuld mit den» Knüppel ii» klingender Münze heimzahle»» werden." „Diese Schl»»ach will ich nicht." sagt? der Teufel:„nimm, Schinied,»»»»um das Pergament." Smetse gehorchte>«i»d sähe, daß es das seine war,«»b »achdeiu er es in Weihwasser getaucht, zerfiel das Peraa«»e«ck zu Staub. — 37 Tes umr rr ü<\t fvtvf) itnb machte dem Teufel den Sack auf. lind sei» zerbrochenes Gebe!» ward flügs aneinander- gefi'mt. Und er fuhr wieder i» seinen haacrcn Leib, seine nagenden Läuse lind seine fressende Fäulnis. Nachdem er sich mit seinem Mantel von Goldbrokat be- deckt, schritt er zur Schmiede hinaus, indem Smetsc hinter» drei» rief:„Gute Fahrt n»d Wind von achter, Mosje Philipp!" Und am Uferdämnl sliefi der Teufel wider einen Stein, der sich ausrichtete. Und entstand ei»»rosz Loch, und er ward im Nu wie eine Auster verschlungen.(Forts, solgt.) Kunststoffe. Unter Knnslsiofsc» im engeren Sinn wird man nur solche Stoffe verstellen müssen, die als Ersatz für gewisse von der Natur gelieferte Produkte dienen. Dabei mag zunächst dahingestellt bleibe», ob sie das Naturprodukt ganz zu ersetzen vermögen. Man bezeichnet aber heute als Kunststoffe schlechthin auch solche Stoffe, die nur auf lünst- lichem Wege erzeugt werden, im übrigen aber nicht mehr den Cha- rakter eines Ersatzmittels haben. Das wachsende Bedürfnis deS kaufenden Publikums und der steigende Bedarf der Industrie an Ersatzstoffe» für die immer rarer und teurer tverdendcn Naturprodukte hat im Laufe weniger Jahre eine Industrie geschaffen, in der viele Tauseude von Arbeitern Werte erzeugen. Eines der ältesten Produkte, das die Natur dem lvkenscheit bot und das von diesem lange vor unserer Zeitrechnung zu Gebrauchs- gegenständen verarbeitet wurde, ist das Leder. Dieses besitzt aber einen beträchtlichen HandelStvert, so dag schon früh Bersuche an- gestellt tvnrde», es durch ein Kunstprodukt zu ersetzen. Man wird nun von einem auf künstlichem Wege hergestellten Leder nicht verlangen können, das; es in allen Fällen in dem gleichen Masz ivic echtes zu verwenden ist. Für viele, ja für die meisten Fälle vermag aber das K»» st l e d e r das Sialurprodukt zu ersetzen, oftmals sogar in ge- ivisscn Eigenschaften zu übertreffen. Die künstlichen Leder lassen sich ihrer Herstellungsart nach in vier Gruppen einteilen. Die Produkte der ersten Gruppe sPeganroidc) ivciscn als Grundlage Papier oder Gewebe auf, die einen llebcrzug ans gehärteter Gelatinelösung oder au« Zelluloid, Kollodium usw. erhalten. Diese nur verhältnismähig dünnen Stoffe werde» zu Ledermöbeln, Bucheinbänden und der- gleiche» benutzt. Die Kunstleder der zweite» Gruppe bestehen aus übercinandergeschichtetcn, mit Hilfe von Klebstoffen(meist Kautschuck) verbundenen Geweben, wie Baumwolle. Lernen, Jute usw. Man kann weiter(dritte Gruppe) auS pflanzlichen oder tierischen verfilzten Fasern, in Verbindung mit einem 5klcbemittel, nrehr oder weniger dickes künstliches Leder gewinnen. Zur letzten Gruppe gehören die Produkte, die durch Auswalzen gewisser plastischer Massen erhalten iverdeu. Man verivendet hier meistenteils Abfälle von echte», Leder. Diese Erzeugnisse können wohl am ehesten als dem letzteren gleich- »vcrtig angesehen Iverden. llebrigenS weist die Patentliteratur Vorschläge auf, die an« den unmöglichsten zusammengemischten Stoffen Kunstleder herstellen wollen. Ein neueres crfolgvcrsprecheudeö Ver« fahren zur Erzeugung von Ledcrersatz erzielt Häute in beliebiger Ausdehnung und Stärke durch das Wachstum von Mikroorganismen «Bakterien, Schimmelpilze oder dergleichen). Durch entsprechende Nachbehandlung, besonders mit Gerbmatcrialicn, werden die haut- artigen Gebilde gehärtet. Derartige Erzeugnisse sind heute schon vielfach in Gebrauch« so stellt die Zeppelinlverft bereits Versuche damit an, um sie als Luftschiffhüllen anzuwenden. In diesem Zusammenhang dürfen die L e d e r t» ch e nicht vergessen werde». Von diese» hat das Linoleum eine uii- geahnte Verbreitung, besonders als Fusiboden- und Wandbelag, gefunden. Sein Name rührt von dem ivichtigste» Bestandteil bei dessen Fabrikation, dem Leinöl, her. Schon seit vielen Jahrzehnten wird dieses, durch Kochen mit Bleiglütte, Mennige usw. in Firnis verwandelt und ans Gewebe aufgetragen, zur Herstellung von Wachs- tnch verwendet. Infolge seiner geringen Stärke war eS aber nicht zum Belegen von Fußböden geeignet. Hier setzte im Jahre 1863 nun die Erfindung des Engländers Walton ein, der entsprechend vorbehandelndcs Leinöl mit Korkmehl, Harzen, und Farbstoffen einer mehr oder weniger komplizierten BcarbeitungSweise unterzog und so das Linolen», schuf. Das Gemisch auS den genannten Stoffen wurde auf Jutegelvebc aufgetragen und mit diese», durch Pressen innig vcrbiindcn. Es ist bezeichnend für die Vollkommenheit der Erfindung, dnst sich die Linolenmsabrikation im groben und ganzen nach der Methode von Walton bis auf den heutigen Tag er- halten hat. Der ans dem Milchsast gewisser Bäume gewonnene Kautschuk. der heute für die Industrie unentbehrlich ist, hat im Laufe der Jahre eine ungeheure Preissteigerung erfahre». Für ihn gc- eignete Ersatzmittel zu schaffen, lag daher besonders nahe. Was hier ivicder von manchen Erfindern vorgeschlagen ivird, grenzt oft beinahe ans Lächerliche. AnS einem Soimnelfurium von allen möglichen Stoffen ivill man ein Produkt schaffen, da§ alle« andere, nur keinen Ersatz für Kautschuk darstellt. Von de» ernsthaft zu nehmenden Versuchen haben zunächst solche Wert, die darauf ab- 0— ziele», den vulkanisierten, d. h. geschwefelten, Kautschuk zu„regene» rieren". Hierdurch soll die in de» Gunnniwaren enthaltene Kautschuksubstanz wiederholt de», Gebrauch zugeführt werde». Di« BchandlungSiveise»,ub darauf abziele», die de», Rohkautschuk bei- gegebene» Füllmittel solvie vor alle», den bei der Vulkanisatio» ein- verleibten Schwefel zu entziehen. Die Kosten dieser Verfahren sind aber so hohe, dah sich das Regenieren meist nicht lohnt.— Etwa« jünger sind die Methoden zur Erzeugung von Kautschuk- s u r r o g a t e n. Hier nehmen die als.Faktiö" bekanuten Mafien die erste Stelle ei». Man stellt sie meist durch Einwirken von Ehlor- schtvesel oder Schwefel auf fette Oele dar. Die Radicrgunm,!- fabrikation ist einer der Hauptabnehmer dieser Kantschnksurrogate. Die Technik hat sich aber mit derartigen Ersatzmitteln uicht begnügt: sie ist in den letzten Jahren darauf auSgegnnge», den Kautschuk aus seinen Bestandteile» shnthetisch aufzubauen. Das Problem der Er- zcugung s h n t h e t i f ch e n Kautschuks an sich kann heute als gelöst betrachtet werden: k'er praktische» Darstellung stellen sich augenblicklich aber noch grohe Schwierigkeiten eiltgegen, die jedoch nicht als uniibcrwindbar angesehen werden können. Wen» reine Baumwolle nacheinander mit Natronlauge, Salz- säure, Wasser, Alkohol und Aethcr behandelt wird, so erhält man reine Zellulose, die bekanntlich der Hauptbestandteil aller pflanzliche» Zellmembranen und deshalb der Hauptbestandteil des Holzes ist. Die Zellulose bildet nun den Ausgangspunkt einer grosten Zahl von Kunstprodukten, die geradezu unentbehrlich geworden sind. Hier ist vor allem die K u„ st s e i d e(Glanzstoff) zu nennen. Etwa zwanzig Jahre sind verflossen, seit der erste brauchbare Kunstseidcfaden in fabriki, lästiger Herstellung aus den, Markt erschien. Ehardonnet bc- nutzte als erster dickflüssiges Kollodium(Lösung von Schicstbaum- wolle in alkoholhaliigem Aether), das er unter starke», Druck auS äusterst feinen Glasröhren in Wasser ausprestte. Hierin erstarrt der feine Faden, der dann noch bestimmten weiteren Nachbehandlungen »nterworfe,, wird. Durch rastlose Arbeit ist es gelungen, diese» Verfahren zu verbessern und andere neue Viethoden zu schaffen. Man unterscheidet heute Chardonnet-Kunstseide(Nitrat- oder Kol- lodiumseide), Glanzstoff oder Glanzseide(aus mit Natronlauge be- handeltcr Zellulose und Knpfcroxhdammouiak bestehend), Viskoseseide und Azetatseide. Die Einführung des letztgenannten Produkt« bedeutet einen groste» Fortschritt in der Herstellung von Kunstseiden. Man ivendet hier Zelluloseazetat an, das durch Erhitzen von Zellulose mit Eisessig, Essigsäureanhydrid und Schtvefclsäure erhalten wird. Es resultiert ein Faden, der in nichts von de», der echten Seide sich unterscheidet. Man hat«S verstanden, das für Naturseide charakteristische„Kiiisteri," auch bei Kttnstseidegewebc» hervorzubringen. Der Glanz der letztere» über- trifft sogar den der echten Seide, weshalb man sie vorzugSiveise zn Passementericarbeiten, Borten, Litzen, Schnüren, Knöpfen usw. ver- ivendet. Aber auch Gewebe aller Art, selbst stark beansprnchte, werden auS Kunstseide hergestellt. Recht vielseitig ist die Anwendung der Kunstseide zur Erzeugung von künstliche», R o st h a a r und zum Er(atz von Menschenhaaren für Perücken und Zöpfe. Ein sehr schönes Produkt stellt da-s künstliche Stroh(Seidcnstroh) dar, das in jeder beliebigen Breite erhalten werden kann und so für Hutgeflechte usw. dient. Meist wird die Kunstseide zusammen mit der echten Seide verivebt. Dabei ist eS für den Laien— und in vielen Fällen auch für heu Fachmann— nicht möglich, mit dem blosten Auge die erstere von der letzteren zu unterscheide». Auch die Glühkörperfabrikation hat sich die Kunstseide schnell zunutze gemacht. Die Kunstseide glühkörper erfreuen sich infolge ihrer Vorzüge grvher Beliebtheit. Einer der wichtigste» Kunststoffe, der Zellulose als Ausgangs- Produkt hat, ist das Zelluloid. Es bildet infolge seiner vielen Ivertbollcn Eigenschaften geradezu eine» llniversalerjotzstoff für alle möglichen Naturprodukte. Es läßt sich in jeder Weise leicht be« arbeiten, bohren, schneiden, hobeln, polieren, pressen, blasen usw. Wie vielseitig sein« Anwendung»st, geht daraus hervor, dast es wohl keinen Haushalt— und sei es der kleinste— gibt, der nicht Zelluloid in irgend einer Form verwendet. Die Erfindung des Zelluloids reicht in das Jahr t8f>S zurück. Die allgemein ver- wendeten Rohstoffe find Nitrozellulose(Kollodiumwolle) und Kampfer. Die Fabrikation ist verhältnismähig einfach: sie beruht auf der Eigenschaft des Kampfers, die Nitrozellulose bei einer bestimmten Temperatur zu löse». Nach der Trocknung resultiert ein bei gc- wöhnlicher Temperatur steifer, aber elastischer Körper, der in der Wärme seine Steifheit verliert und durch Erweichen jede beliebige Gestalt ni, nimmt. AuS diesen, Robprodukt lassen sich dam, durch entsprechende Bcarbcitmig Gebrauchsgegenstände in de» perschieden- ste» Forme» und Farben herstelle». DaS Zelluloid kam, be- fchrieben, bemalt, bedruckt usw. werde», so daß beliebige Imitationen entstehen. Durch seinen Gehalt an Nitrozellulose ist da« Zelluloid in hohe», Grade feuergefährlich und explosiv. Bei Berührung mit offener Flamme oder selbst bei starker Hitze entflammt daS Material sofort, indem eS in wenigen Sekunden verpufft. Das»lachte seine Au- Wendling für viele Zwecke, besonders für KineniatographeiifilmS, äusterst schwierig; bei nur sekuiideiitveisem Stillstand des Filmbai, des tritt infolge der intensiven Bestrahlung durch die ProjektiouSsampe eine Entflamnmng ein. Man war deshalb seit lange», bestrebt� diese schlechten Eigenschaften deS Zelluloids zn bcseiligen. Am besten hat sich wohl die A z e t h l z e l l u l o s e(bereits bei Besprechung der Kunstseide erwähnt) bewährt, die berufen ist, die Nitrozellulose Ornamewten der Knlturzcitn, wuchsen, zur...... Btl bei gcllnloibherstcll»»� zu bctbinn�cn. Mu» hat hier gewisser» niaszen eine» Ersah für Zelluloid oor pch, da« wiederum für sich bestiininte Naturprodukte ersehen soll. Die Zelluloseazetate sind in der lehteu Zeit so vervollkommnet worden, dah sie fast für alle Zwecke, für die Zelluloid sonst verwendet wird, zu benutzen find. Man war zuerst darauf auS, die feuergefährlichen Zelluloidfilins. die so manchen Kinobrand verursacht haben, zu ersehen. Das so- genannte Z e l l i t, daS sich nur in dünneu Blättern oder Streifen Herstelleu lägt, eignet sich ganz besonders hierzu mid wird in steigendem Matze für diesen Zweck angewendet. Mit dem so- genannten C e I l o n gelang eS dann, die Azethlzellulose auch in Forin dicker Platten, Blocks oder Rohren zu gewinnen. So war es erst möglich, Gebrauchsgegenstände aller Art daraus herzustellen. Eine besonders vielseitige und eigenartige Anwendung findet da? Eellon in der Luftfahrt. Man benutzt eS einmal sin Röhrenforrn) als Ersatz für die Metallrvhre» ber der Konstruktion von Flugzeuggestellen, dann aber auch als durchsichtige Fenster im Flugzeugrumpf und in den Flügeln, sowie für Kabinemenster bei Lnftschiffen. Durch Austragen einer emaillelackartigen Cellonlösung auf die Flügelstosfe werden vollkommen wasserdichte und vor allem schwer brennbare Tragflächen erhalten. Bei dieser Gelegenheit sei erwähnt, datz auch der natürliche Kampfer heute durch das syntbetisch aufgebaute Produkt erseht worden ist. Hierdurch ivird die Herstellung des Zelluloids wesentlich verbilligt. Ein iveitereS Kunstprodukt, das ähnliche Berweiiduiig wie daS Zelluloid findet, ist das K a s e i n. Dieses besteht im wesentlichen auS dein in der Milch enthaltenen Käsestoff. Man fällt ihn meist durch Essigsäure aus der Milch auS und verarbeitet ihn durch e»t- sprechende Nachbehandlung zu einem festen Körper(dem sogenannten Galalith), der sich beliebig schneiden, pressen, polieren usw. lätzt. DaS Galalith dient vielfach zum Ersah von Elfenbein, ferner von Marmor und dergleichen, da es leicht in entsprechenden Färbungen hergestellt werden kann. DaS Produkt reicht aber nicht entfernt an die vielseitigen guten Eigenschaften des Zelluloids heran, obwohl eS » auch iinverbrennbar ist. In letzter Zeit ist es in vorzüglicher Weise gelungen, harzartige Produkte künstlich herzustellen. Bor allein war eS die Preissteigerung des natürlichen Schellacks, die eS nahelegte, Ersatzstoffe für diesen ivichtigeii Rohstoff der Lackfabrikation zu schaffen. Zu gleicher Zeit. aber unabhängig voneinander, wurde in Amerika und Deutschland der Weg zur Synthese der natürlichen Harze gefunden. Die Verfahren sind aber so kompliziert, datz selbst ein kurzes Ein- gehen darauf an dieser Stelle nicht möglich ist. Die künstlichen Harzkörper übertreffen in ihren vorzüglichen Eigenschaften bei weitem die Naturprodukte und haben daher in der Technik bereit» eine un- geahnte EntWickelung genommen. Man vermag mit ihnen Massen oder Ileberzüge herzustellen, die allen äutzeren, mechanischen, chemischen oder elektrischen Emflüssen widerstehen. Damit sind wir bei den hauptsächlich in der Technik äuge- wendeten und für sie geradezu unentbehrlich gewordenen Kunst- stoffen angelangt. Es kommen hier zunächst die für die Elektrotechnik wichtigen I s oli e r st o f fe in Betracht. An derartige Materialien müffe» natürlich sehr hohe Ansprüche gestellt werden. Diese hier zu erläutern, würde zu weit führen. Es genügt wohl zu sagen, datz die Stoffe eine gute Durchschlagsfestigkeit besitzen, d. h. dem Durch- schlagen eines elektrischen Funkens, befonderö bei hohen Spannungen, einen ausreichenden Widerstand entgegensetzen müssen-, im Zusammenhang damit steht mechanische Festigkeit, ferner Beständigkeit gegen Wärme, Feuchtigkeit, Säuren, Oel usw. Schon die vorhin er- wähnten künstlichen Harze, die unter den Bezeichnungen„Bakelite" und„Resinite" gehen, eignen sich hier vorzüglich. Anm das Galalith wird hier für bestimmte Fälle vielfach verwendet. Die Technik hat aber Iveiterhin Kunstmassen geschaffen, die selbst den höchsten An- forderungen genügen. Natürliche Isolierstoffe gibt es Verhältnis- niätzig wenig. Nutzer Holz, das nur sehr selten benutzt wird, kommen Marmor, Glimmer und Schiefer in Gebrauch. Sie alle be- fitzen aber nur einzelne der Eigenschaften, die von einem guten Jsolierinittel verlangt werden können. Da ist eS für unsere Technik sehr bezeichnend, datz die von ihr in der Neuzeit ge- lieferten Kunstmassen weit brauchbarer und vielseitiger in der Anwendung sind. Meistens stellen die künstlichen Jfoliermaterialien Hartgummi- ähnliche Produkte dar, die auS Gemischen von Mineralien, besonders Asbesten, und organischen Bindemitteln, in erster Linie Harzen, bestehen. Sie lasten sich leicht in beliebige Formen pressen, ferner bohren, schneiden und polieren. Dnrch die bequeme Bearbeitbarkeit sind sie vor allein bedeutend billiger als die natürlichen Materialien, was heute für die Industrie ja besonders wichtig ist. Besonders hervorzuheben ist auch das autzerorventlich geringe Gewicht. Die künstlichen Steine sind heute von so grotzer Wichtigkeit und Bedeutung, datz wir ohne sie nicht mehr auskommen können. Von den gebrannten Ziegeln und ähnlichen Baumaterialien soll hier abgesehen werden: genannt seien in diesem Zusammenhang die ungebrannten Kunststeine, Ivie Kalksandziegel, Zement- und GipSkiniststeine, Schwennnfteiiie, Kunsttuffsteine, Schlackensteine usw. Diese Iverden entweder tn Formen gegossen oder gepretzt und an der Luft oder in künstlich erzeugter Wärme getrocknet. Besonders wichtig find die Kunststeine mit Magnesiazement als Bindemittel geworden. Diese gehen meist unter dem Namen Steinholz; sie enthalten einen hohen Prozentsatz an Sägespänen und dienen hauptsächlich zu Futzböden, Wand- belägen usw. Ein ähnliches Erzeugnis find die Korksteine und -platten; sie enthalten statt der Sägespäne Korkabfälle und als Bindemittel Kalk und Ton oder Ton und Teer bezw. Asphalt. Auch den Steinholzmassen gibt man meist einen Zusatz von Korkmehl, so das; sie einen warmen, elastischen Futzbodenbelag ergeben. DaS Steinholz hat natürlich mit dem von der Natur gelieferten Holz nur den Namen gemeinsam. Aber auch dieses wird heute sehr gut durch ein Knnstprodukt ersetzt. Man pretzt zu diesem Zweck Sägespäne oder Holzmehl mit geeigneten Bindemitteln— als solche werdfti Harze, Asphalt, vielfach auch Blut verwendet— unter hohem Druck. Derartige Erzeugnisse können natürlich als Holzersatz nur für unter« geordnete Zwecke dienen. Mit dieser Auszählung ist das überaus grotze Gebiet der Kunst- stoffe nicht �erschöpft. ES sollte auch nur eine gedrängte Uebersicht über die wichtigsten Ersatzmittel für Naturprodukte gegeben werden.. Jos. Schumacher. Eine Mittelmeerfahrt. cechlntz.) Schon am Abend hatte der Wind an Stärks zugenommen; gegen Morgen stürmte es mit aller Gewalt los. Solche Kraft hat der Sturm, datz wir kaum die Tür»ach autzen aufbekommen. Ans dem Promenadendeck mutz ma» sich Schritt für Schritt»ach vorn anstemmen. Noch mehr erschwert wird das Laufen durch die rollenden und stampfenden Bewegungen des Schiffes, da wir beim Tragen keine Hand zum Festhalten freihaben. Beim nächsten Gange dürfen>vir an der geschützteren Steuerbordseite hinaus- gehen. Dabei müssen mir durch dc» Vorraum zum Salon, ein Weg, der uns sonst»ie gestattet wird. Der Sturm fegt durch die Tatelage und heult um den Mast. Er summt und klingt in den starken Stahldrahttrosten und bringt die Drähte der Funkentelegraphie zum Singen. Jetzt sind tvir noch auf dem erhöhten Promenadendeck, da ist es nocki nicht so schlimm. Beim Passieren des ungeschützten Hauptdecks mutz man dagegen recht behende sein. Am oberen Ende der Treppe wird erst einmal ein günstiger Moment abgeivartet, und wenn die eben über Bord gekommene Woge verlaufen ist, geht's schnell über das Vor- deck. Hier ist bei schlechtem Wetter ein starkes Tau gespannt. Geborgen ist man erst unter der Back. DaS ist der erhöhte Ausbau auf dem Vorderschiffe, der zum Schutze gegen die Brecher vollständig überdeckt ist. Nicht immer gelingt eS, glücklich dorthin zu gelangen. Es gebt schon noch glimpflich ab, wenn man plötzlich von einer tückischen Sturzsee bis auf die Haut durchnäht wird. Es kann auch»och schlimmer kommen, wie die zahlreichen llnfälle zur See beweise». Fast alle Seeleute wissen ein Lied davon zu singen, lvie mitunter eine gewaltige Woge mit unwiderstehlicher Kraft über Bord schlägt und alles hinwegschlvemint, was nicht niet- und nageisest ist. Mit welcher Gewalt wird bei so rauhem Wetter ei» Schiff Vo» der See hin und her geworfen l Selbst die kolossalen Ozeanriesen kommen noch genug ins Schlingern. Wenn so ein grotzer Bau mit dem ganzen Vorderteile in die brandenden Wassermassen hinein- gewühlt ist und das Achterschiff um so höher aus der Flut hinaus- ragt, macht ma» sich erst einen Begriff von der urgewaltigen Kraft des empörten, sturliigepeitsrlficu Elementes. Aechzend richtet sich das Schiff wieder aus. In allen Fugen stöhnt und knarrt es. Mit zäher Ausdauer wühlen die Schrauben von neuem gegen den Wogendraug an. Es ist ein hartnäckiger Kampf, der oft tagelang geführt werden mutz. Während eines langanhaltenden Sturmes herrscht an Bord eine abscheuliche Atmosphäre. Mau stelle es sich einmal vor: nirgends kann ein Fenster oder Bullauge geöffnet werden. Weder in dcr Küche noch in den engen Wohn- und Schlafränmen ist eine Lufterneuerung möglich. Bei dem Zusammenleben so vieler Menschen auf beschränktem Raum mutz ja zuletzt die Luft so ver- braucht sein, datz schon der kurze Ausenthatt darin llebelkeit erzeugen kann. DaS dürfte wohl vei vielen eine der Ursachen der Seekrankheit sein.— Am letzten Tage der Reise ist das Wetter wieder schön und angenehm. So ruhig liegt das Meer lvie kaum zuvor. Erst nach» mittags bekommen lvir die ägyptische Küste in Sicht. E!» niedriger kahler Streifen sandigen und öden UferS ziebt sich ohne Abwechselung dahin, fast endlos vis zum Horizont. Hin und wieder ragt ein FelSblock i» das Wasser hinein, um den sich ein Schaumkranz brechender Wogen zeigt. Sonst ist nichts zu sehen als einige Gruppen armseliger Palmen, die verträumt mit ihren Wedeln in den blauen Himmel hineinwachsen. Nichts als Sand und kahles Gestein. Das Bild einer Wüste. In dieser Umgebung liegt Alexandrien. Durch eine lange Gasse schwarzer und roter Bojen dampfte unser Schiff ans die Einfahrt zu. Wie zwei riesige Arme greifen die beiden Molen hinaus ins Meer, um den umspannten Raum zu schützen gegen seine Angriffe, das Leben und die Güter im Hasen zn trennen von dem unruhigen Element dort drauhen. Dichte Schwärme von Möven umkreisen unser Fahrzeug. In elegantem Fluge tummeln sie sich in der Lust und lassen ihr weitzeS Federkteid wie Silbei in itet Sonne oufseuchten. ff« tnerbeft immer mehr dieser geselligen Bogel, die und) Beute suchen. Aus unserem Schiffe werden näm» lich sämtliche Abfallbehälter geleert, da die» im Hafen streng der» boten ist. Seit in früherer Zeit mehrmal» verheerende Epidemien aufgetreten sind, duldet die Hafenpolizei keine Uebertretung ihrer Borschriften. Während der Dampfer nach dem Kommando de» Lotsen am Bier festmacht, können wir un» an, Anblick der Stadt erfreuen. Die hellen Häuser weisen durchweg die bekannte orientalische Bau- arr auf; sie haben alle vollständig flache Dächer und oftmal» einen ganz absonderlichen Farbenanstrich. Jedoch fällt e» im weihlich- flimmernden Licht Aegypten» gar nicht weiter auf, wenn die Tiinche rot oder gelb oder hellblau ist. Viel der grellen Farben wird in der starken Beleuchtung verschluckt! eine Erscheinung, die man überall in südlichen Gegenden findet. Becht hübsch beleben die schlanken Minarets, die Gebetstürme der Moscheen, da» Stadt- dild. Beherrscht wird die Stadt von einem kleinen Hügel, der ein winzige» Fort trägt, über dem lustig der türkische Halbmond im roten Felde flattert. ES ist da»„Fort Napoleon". Die Engländer haben sich ein anderes stärkere» Werk gebaut. Es liegt weiter im Hintergrunde! man kann e» von hier nicht sehen. Bunt und reich bewegt ist da» Leben am Ufer. Hier im Hafen gibt c» keine trägen oder neugierigen Müßiggänger. Wie in einem Ameisenhaufen rennen die Menschen durcheinander. Dunkelfarbige Araber in langen wallenden Gewändern stoßen und drängen sich im Kampfe um die Gepäckstücke der Passagiere. Jeder sucht einige Piaster zu verdienen. Der Lärm ist fast unbeschreiblich. Fuhrwerke aller Art kommen und entfernen sich: mitunter trottet auch ein geduldige» Grautier mit seinem Treiber vorbei. Aufdring- liche Stiefelputzerjungen umwerben den ratlosen Fremden, und, um Ruhe zu haben, läßt er einem von ihnen sein« Kunst probieren. Nach einigen Schritten wird er jedoch schon wieder schreiend um- schwärmt. Der Wasserverkäufer läßt laut seine Stimme erschallen und macht mit zwei Messingbecken, die er aneinander schlägt, tüchtig Reklame. ES ist eine typische Erscheinung in dieser heißen Gegend. Eine hohe schlanke Figur ist eS, die mir besonder» aufgefallen ist. Ein buntgcwirkte» Tuch ist in malerischer Art über die Schulter ? eschlagen und um den Leib gelegt. Die weiten weißen Bein- leider reichen bis zu den Knien, so daß die nackten braunen Füße ihre sehnige Beschaffenheit frei zeigen können. In stolzem Gange schreitet er dahin. Eine kühne Hakennase verleiht dem bärtigen iGesidjt einen ungemein charaktervollen Ausdruck. Mit Würde weih er seinen gewundenen Turban zu tragen, unter dem in lebhafter Aufmerksamkeit die dunklen Augen ihre Blicke hervorschießen lassen. Kein noch so flüchtiger Wink entgeht ihnen, wenn ein Durstiger nach seiner Labung verlangt. Ein weitbauchiger tonerner Krug dient al» Behälter dafür. Der Boden de» Gefäße» ruht auf seiner Hüft«, und ein breiter Lederriemen über der Schulter gibt dem Kruge sicheren Halt. Der Wassermann handelt aber gar nicht einmal mit Wasser, wie ich staunend sehe. Er verkauft richtig schäumendes, dunkele» Bier, da» vom Auslände nach Aegypten eingeführt wird. Der Koran verbietet seinen Anhängern de» Genuß diese» alkoholhaltigen Getränke« nicht, wie den Wein, und darum erfreut sich der edle Gerstensaft bei den frommen Muselmännern einer stetig wachsenden Beliebtheit. Ach, wenn Mohammed da» wüßte.... Da« ganze wirre und bunte Durcheinander de» orientalischen Hafenleben» mit seinem Lärm und Geschrei kann den an solche Eindrücke noch nicht gewöhnten Fremden fast nervös machen. In beneidenswerter Ruh« stehen nur die dunkelfarbigen Beamten der ägyptischen Polizei. Wer sie s« recht gelassen wie ein Fels in der Brandung stehen sieht, könnte an ihre weißen Kollegen an» Berlin erinnert werden. Kaum liegt da» Schiff an seinem Platz, so werden die Luken geöffnet. Gähnend sperren sie ihren schtvarzen Rachen auf, und da» Löschen beginnt. Nun bietet sich hier ein Bild wie überall auf der weiten Erde, wo Güter verladen werden und wohin der Weltverkehr seine Arme erstreckt. Neberall eiserner Fleiß und emsige Schaffenskraft. Zum Nutzen und Segen für die gesamte Kulturwelt. Aber jene, die hier ihre Kräfte in den Dienst dieser Kultur stellen, haben am wenigsten Borteil davon. Moderne Sklaven. Kleines Zenilleton. Der Fall Miquel. Ein Mann, der e» von einem Organisator kommunistischer Bauernaufstände zum ministeriellen«iiführer feu- »aler Junker bringt, ist gewiß keine alltägliche Erscheinung streben- ve» Renegatentums. Nur soll man nicht von inneren Wandlungen reden, sondern von einem Geschäftsmann, der seine Ueberzeugun- Sei, verkauft. Die» ist der Fall Miquel, und die Gestalt dieses Minister Wilhelms II. verkörpert sehr anschaulich diesen deutschen Liberalismus, der seine allgemeinen Ideale dem privaten Profit geopfert und nicht einmal den Mut besessen hat, sich zu seinem Zynismus ehrlich zu bekennen, sondern aus reiner Charakterlosig- reit eine patriotisch gaukelnde Theorie gemacht hatte. _ Immerhin ist eine Reiiegatentum, wie e» Miquel bewiesen Brrantw Redakteur: Alfred Wieleptz, Neukölln.— Druck u. Verlag: Hai. von ungewöhnlicher Widerlichkeit. Man kann vielleicht so»M» listische Jugendträume aufgebe», aber eS ist tiefste Verworfenheit, die Gcfälirtcn seiner Jugend dann mit dem Polizeibüttel zu ver- folge». Da» tat Miquel aber, al» er für da» Sozialistengesetz war. Ein Rest von Scham freilich— oder war e« nur die Angst de» Emporkömmling», an seine Bergaugenheit erinnert au werden?—« brannte in ihm. Davon zeugen die Briefe, die er IbSS an seinen nationalliberale» Parteigenossen Marquardsen schrieb, und in denen er ihn instruierte, wa» er im Reich»tag sagen sollte, fall» bei den Debatte» über die Verlängerung de» Sozialistengesetz«» an den kommunistischen Ursprung Miquel» erinnert werden wllrd�. Sein Sozialismus sei eine rein theoretische Auffassung gewesen: er habe als junger Mensch der Hegelschen Dialektik von Kar! Marx nicht widerstehen können, sei aber der Marxschen Logik bald Herr geworden. Der Herausgeber von MiquelS Briefe» an Marquardsen, Karl Alexander v. Müller(in den„Süddeutschen Monatshefen", 191?) hatte einleitend bemerkt, daß Miquel sich l8SV„in einem Brief au Karl Marx als Kommunisten und Atheisten bekannt haben s o l l". Schon als er in Göttingen Advokat war, aber hätten„eindringende geschichtliche und volkswirtschaftliche Studien seinen Radikalismus lder auch von vornherein eine sehr starke nationale Farbe hatte) zu einer historisch-kritischen Staatsanschauung abgewandelt".— So schreibt man historisch-tritischl Da« Bekenntnis zum Kommunismus und Atheismus„s o l l" erfolgt sein, als ob nicht der Brief Miquel« an Karl Marx lange bekannt und von Miquel selbst anerkannt war, durch den gerade bewiesen worden war, daß es sich bei Miquel nicht um eine„bloß theoretische" Spielerei gehandelt habe, sondern um eine durchaus praktische revolutionäre Tätigkeit, bis zur Or- ganisation kommunistischer Bauernaufstände. Der ganzen feigen AuSrederei machen jetzt Veröffentlichungen Eduard Bernsteins in der ,.N e u e n Zeit" für immer ein End». Miquel hat seinen Freund Marquardsen 1884 in jeder Hin- sich! angelogen. Daß es nicht theoretische Anfechtungen waren, wußten wtr schon au» dem bekannten Brief Miqnel». Die von Bernstein veröffentlichten weiteren Briefe zeigen aber, daß die Beziehungen zu Karl Marx viele Jahre gedauert haben; daß er noch 1837— al» fast Dreißigjähriger— ganz und gar nicht „national" war, bielmehr einen Einsall der Franzosen in Deutsch- land ersehnte; daß er durchaus nicht von Marxscher Logik verführt war, sondern schon al» Revolutionär und Sozialist mit Marx Ver- bindungen anknüpft«. Briefe MiquelS an Kuaelmann, den Hannoverschen Arzt und Freund von Marx, die Bernstein eben zur Ergänzung veröffentlicht, vollenden den Nachweis, daß keinerlei iheoretisch« Wandlung den Abfall MiquelS herbeigeführt hat, daß umgekehrt der Mann sein« jeweiligen Neberzeugungen»ach seinen persönlichen Bedürfnissen eingerichtet hat. Aber auch eine andere nationale Legende wurde durch die jetzig« Veröffentlichung vernichtet. Neuerding» lieben c» deutsche Pro- fcssor«n, den„nationalen" Lassalle gegen den„vaterlandslosen" Karl Marx auszuspielen. AuS einem Brief MiquelS an Kugelmann vom 22. Dezember 1864 erfahren wir nun. daß dieser schon seit seinem 26. Jahre„national" Gesinnt« mit 37 Jahren dem Freunde Karl Marx heftige Vorwürfe macht, weil er die— BiSinarcksche Politik Lassalles verteidigt habe. J-m Herbst 1864 hat Karl Marx Miquel durch den gemeinsamen Arzt.Kugelmann ein Exemplar der Jnauguralansprache der Internationalen Arbeiterassoziation über- Mitteln lassen. Karl Marx zählte also damals noch Miquel zu den Anhängern der Partei. Indem Miquel für die Zusendung dankt, feiert er Karl Marx al» den großen Nationalökonomen, de» die bürgerlichen Gelehrten ausplündern, ohne ihn zu nennen: wen- d«t sich aber dann dagegen, daß Bourgeoisie und Proletariat sich jetzt schon spalten, anstatt gemeinsam den Fendaladel niederzu- zwingen: „Da» Verhalten der Feudalpartei gegenüber Herren Lussgtte und Konsorten ist hier der handgreiflich? Beweis. CS tut mir daher sehr leid, daß Marx seinen guten Ruf al» Mann der Wissenschaft auf daS Spiel setzen will zugunsten von Menschen wie Lassalle. welche sich nicht scheuten, gerade*» auch ihrerseit»— bloß um eine Rolle zu spielen—, da» Bündn!» de» Herrn Bismarck zu suchen, und die daher bei allen Parteien verachtet wird. Ich selbst kann mich nie bei solchen Dingen beteiligen. Lebte Marx in Deutschland, er würde e» auch nicht." Miquel wird sich„nie" bei solchen Dingen beteiligen. Bald darauf ist er Bürgermeister von Osnabrück und im Lager— Bis- marcks. Aber sogar noch Ende 1867, als inzwischen Marx den „offenen Renegaten" preisgegeben hat, begeistert sich Miquel für den damals erschienenen ersten Band de»„K a p! t a l" und sorgt für feine Verbreitung, damit e» nicht totgeschwiegen werde. Den ökonomischen Marxismus hat er sich erst al» Aufsichtsrat der Di»- kontogesellschaft abgewöhnt. DaS Beste aber, wa» er später al» Minister auf dem Gebiete der Steuergesetzgebung geleistet hat, ver- dankt er schließlich doch den Erkenntnissen seiner Bergangenhelk. Vorwärts Buchdruckerei u.verl«g»anst«lltPaul Singer«cE<»..Berlw SW.