Ji S. m V Z* Cf*. tr* et- t-t-* c? i-> r* r» V ra. n«e 3"u UntcvfyafiungebTatt Ses vorwärts Nr. 95. DienSta�, den 19. Mai. >914 m Smetse öer Schmieö. Line flämische Legende von Charles de Coster. Wunderliche Tcnsel waren Affen von Quecksilber, so innnerfort liefen, sprangen, tanzten und bin und her gingen. Selbige Teufel gingen zu den Faulen, so ihnen zugefallen waren, graben ihnen ein Grabscheit zum Grabe», Gerät zum Fegen, einen Baum zum Abhauen, ein Buch zum Nachdenken. War die Arbeit angewiesen, so schaute der Faule sie an und sprach:„morgen," reckte die Arme, träumte und gähnte: aber kaum hatte er den Mund aufgesperrt, so stopfte der Affe einen Schwanrm hinein, welcher in Quintessenz von Rhabarber getaucht war.„Dies," hohnlachte er,„ist für beute: arbeite. Lump, arbeite." Und derweil der Faule sich erbrach, schüttelte der Teufel ihn und zerrte ihn auf hunderterlei Weise und liest ihm nicht mehr Ruhe denn die Bremse dein Pferd, und so durch alle Ewigkeit. Kurzweilige Teufel ivareu hübsche, kleine Kinder, gar aufgeweckt und boshaft, so Gewalt hatten, die Schulfüchsc natürlich denkeil, sprechen, lachen und weiiren z» lehren. Und so lie es nicht taten, schlugen sie ihnen derb auf die Finger. Aber die armen Schulfüchse konnten nichts mehr lerne», mähen sie zu schwerfällig, alt und läppisch waren: also kriegten sie alle Tage was auf die Finger und des Sonntags mit der Peitsche. Und dw Teufel riefen allzumal:„Meister,»vir leiden Hunger! Meister, gib uns zu essen. Lohne uns ein wenig die gute» Dienste, die wir dir leisten." Und da der Mann auf dem Wagen plötzlich ein Fei che» gab. warf die Leye all diese Teufel auf den Damm, gleichwie das Meer sein Wasser aufs Ufer wirft, und beim Landen pfiffen sie grimmig und erschröcklich. Und Snietse, sein Weib und die Gesellen hörten die Türen der Keller mit Krachen aufspringen: und alle Fässer Braun- hier stiegen pfeifend die Stiege hinauf, rollten in die Schmiede. und nachdem sie einen grosteu Kreis beschrieben, fiele» sie pfeifend unter die Menge der Teufel. Dasselbige taten die vollen Weinflaschen, Schinken, Brote und Käse: desgleichen die schönen Crusados, Engelstaler, Philippstaler und andere Münzen, so sich alle in Speise und Trank verwandelten. Und die Teufel schlugen, fliesten und verwundeten einander und Ware» nichts denn eine Masse von kämpfenden, heulenden, zischenden Ungeheuern, so einander nichts gönnten. Als nicht Tropfen noch Brosamen übrig waren, winkte der Man» auf dem Wagen, und alle Teufel lösten sich in schwarzes Wasser ans, zerflossen ii» Flust, und der Mann verschwand vom Himmel. Und Smetse, der Schmied, war an» wie zuvor, ausgenommen ein schönes Säcklein voll Goldstücke, welches sein Weib von ohngefähr mit Weihwasser besprengt hatte und welches er behielt, wiewohl es vom Teufel kam. Aber eS brachte ihm gar keinen Gewinn. Und er lebte, bis er plötzlich in seiner Schmiede starb, im hochbetagten und gesegneten Alter von dreiundneunzig Iahren. 17. Von der Hölle, dem Fegfener, der langen Leiter und endlich vom Paradies e. Da er tot war.»ruhte er durch die Hölle hindurch und war .als Schmied gekleidet. To er zur Hölle» fuhr, sah er durch die offenen Fenster die Teufel, so ihn auf der Leye erschreckt hatten und jetzo die armen Verdammten nach Kräften peinig- teu und quälten. Und Smetse kam zum Türhüter: aber da der ihn erblickte, heulte er erschröcklich:„Smetse ist da, Snietse, der verräterische Schmied." Und er wollte ihn nicht einlassen. Bei diesem Lärm kamen Herr Lnzifer, Frau Astarte und ihr ganzer Hofstaat an die Fenster und alle Teufel desgleickten. Und alle schrien vor Furcht: „Macht die Türen zu. es ist Smetse. der hinterlistige Schmied, der den Zauber bat, Smetse, der die armen Teufel prügelt. Wenn er herein komnit, wird er alles nin und um kehren, verderben und zerbrechen. Hebe Dich fort, Smetse." „Edle Herren," sprach Smetse,„wenn ich an diesen Ort komnie, Eure Schnauzen zu betrachten, welche nicht schön sind, wie ich Euch versichere, so geschieht es mit nichten zu meinem ' Ergötzen: im übrigen bin ich nicht begierig, bei Euch cinzn- treten, darum so vollführt nicht solch grostes Lärmen, ihr Herren Teufel." „Heda, schöner Schmied," antwortete Frau Astarte,„setzo zeigst Du die Samtpfote, aber wenn Du i» unserem Quartier bist, so wirst Du Deine Krallen und Deine grausame Schlech- tigkeit erweisen und uns allesamt umbringen, mich, meinen lieben Gemahl und meine Freunde. Hebe Dich fort, Smetse, hebe Dich fort. Schmied." „Edle Frau," sagte Snietse,„Ihr seid die schönste Teufelin, so ich je erschaute, aber das genügt nicht, um so schlecht von Eures Nächsten Absichten zu denken." „Hört Ihr den Biedermanns" sprach Frau Astarte.„Wie er seine Gemeinheit unter Zuckerworten verbirgt! Jagt ihn fort, Teufel, aber tut ihm nicht zu wehe." „Edle Frau." sagte Smetse,„geruhet mich anzuhören." „Hebe Dich fort. Schmied," riefen die Teufel und warfen ihn mit glühenden Kohlen. Hei stcn Steinen und allem, was sie erraffen konnten. Und Snietse machte sich rasch aus dem Staube. Da er etliche Zeit gewandert war, kam er an das Fegfener. Gegenüber war eine Leiter mit dieser Inschrift:„Dies ist der Weg zum Paradiese." lind Smetse stieg frohgemut die Leiter hinauf, welche von güldenen Drähten gemacht war. daraus hin'und wieder scharfe Spitzen hervorstachen, nach dem Worte des Herrn: „Breit ist der Weg zur Hölle, mühselig und dornenvoll der Pfad zum Himmel." Und wahrlich, Smetse hatte in Bälde wunde Füste. Jedoch er stieg ohne Aufhören und hielt nicht ober an, als bis er zehnhunderttansend Sprossen gezählt hatte und nichts mehr von Erde und Hölle sah. Und der Durst überkam ihn, und da er nichts zu trinken fand, so ward er mürrisch. Da sah er plötzlich ein Wölklei» vorbeischweben und schlürfte es wohlgemut. Es deuchte ihn jedoch nicht so köstlich wie Braunbier, aber er getröstete sich und dachte, dast man nicht allerorten sein Behagen habe» kann. Da er noch höher gestiegen war, hatte er mit einem Male graste Mühe, seinen Hirt festzuhalten, wegen eines tückischen Herbstloindes, welcher zur Erde fuhr, um dort die letzten Blätter abzuwehen. Und er ward von selbigen« Winde trefflich geschüttelt und wäre um ein Haar heruntergefallen. Da er diese Prüfung bestanden, ergriff ihn der Hunger, und er sehnte sich nach dem guten! Ochsenfleisch, über Tannzapfen geräuchert, welches armen Wanderern so wohl tut. Aber er fastte sich ein Herz und ge- dachte, das: dem Menschen nicht»ach allem gelüsten darf. Plötzlich gewahrte er einen erschröcklicheu Adler, welcher von der Erde auf ihn zukam. Gewistlich vermeinte er, dast er ein fetter Hammel sei. flog über ihn hin und wollte gleich einer Musketenkugel auf ihn niederfallen: aber der wackere Schmied war ohne Furcht. Er wich im letzten Augenblick aus und packte den Vogel am Halse, welchen er ihm behende umdrehte. Im Weiterklimmen rupfte er ihn emsig, ast rohe Stücke davon und fand sie zäbe. Jedoch er nahm dies Fleisch mit Ergebung an, mästen er kein anderes hatte. Dann stieg er geduldig und tapfer mehrere Tage und mehrere Nächte und erblickte nichts denn daS Blau des Himmels und zahllose Sonnen zu seineu Häupteu, zu seinen Fnsten. zur Rechten, zur Linken und überall. Und es deuchte ihn, dast er imnitten einer schönen Kugel sei. deren Wände inwendig mit diesem herrlichen Blau bemalt und mit all diesen Sonnen, Monden und Sternen übersäet waren. Und er fürchtete sich ob der grosten Stille und Unendlichkeit. Plötzlich spiirte er linde Wärme, hörte harmonische Stimmen, ferne Musik, den Lärm einer emsigen Stadt und erblickte eine unermestliche, mauerumgürtete Stadt, daraus Häuser, Bäume und Türme einvorragten. Und er fühlte, dast er ohne seinen Willen schneller stieg, und da er dir letzte Sprosse ver- liest, fastte er vor dem Tore der Stadt F»st. „Bei Artevelde," sprach er,„ich bin vor dein guten Para- diese." Und er pochte ans Tor. und Herr Sänkt Peter kam, ibm zu öffnen. Smetse hatte ein wenig Furcht, da er die Riesengestalt de? guten Heiligen, seinen starken Haarwuchs, seinen roten Bart, V>u fltofa* WcVvctjt, �ciue hohe Suva und du: durchdringenden Augen erblickte, womit er jlm starr anschaute. „Wer bist Du?" fragte Petrus. „Herr Sankt Peter," antwortete der Schmied,„ich bin Smetse, der Schmied, welcher i» seinem Leben in Gent am Znüebeldanuu wohnte und Euch jetzo bittet, ihn gnädig in Euer liebes Paradies einzulassen." „Nein," entgegnete Petrus. „Ach, Herr," sprach Smetse gar kläglich,„ist es, weil ich zu ineiucn Lebzeiten nieiue Seele dein Teufel verschrieb, so wage ich Euch zu versichern, das; ich es gar ehrlich bereut und mich aus seinen Klauen befreit und nichts von seinen Gütern beim l teil habe." „Außer einem Sack voll Dukaten," erwiderte Herr Petrus, „und UM deswillen wirst Tu nicht hereinkommen." „Herr," sprach der Schmied,„ich bin nicht so schuldig, wie Ihr wohl glaubet: der Sack war in meiner Behausung ge- blieben, sintemalen er geweiht war, und also hatte ich geglaubt, ihn behalten zu dürfen. Aber erbarmet Euch meiner, denn ich lvufjte nicht, Ivos ich tat. Geruhet auch zu bedenken, das; ich ans fernem Laude komme, über die Maßen müde bin und mich in diesem guten Paradies gern ausruhte." „Hebe Dich von hinnen, Schmied," sagte Herr PctruS, welcher die Tür halb offen hielt. Indem war Smetse durch die Oesfnung geschlüpft, nahm flugs seinen ledernen Schurz ab. setzte sich daraus und sprach: „Herr, ich bin auf meinem Eigentum, Ihr könnt mich nicht von hinnen treiben." Aber Sankt Peter befahl einer Schar englischer Helle- bordiere, welche dort stunden, den Schmied fortzujagen, welches sie auch gar geschwind taten. Indessen lies; Smetse nicht nach, mit lauten Schlägen an das Tor zu pochen, jammerte und weinte und rief: „Herr, erbarmet Euch meiner! Gerul)et mich einzulassen, Herr: ich bereue alle begangenen Sünden, fürwahr, sogar auch die anderen. Herr, erlaubet mir. in das gesegnete Paradies einzugehen, Herr..." Aber da Herr Petrus dies vernahm, hob er das Hmipt über die Mauer und sprach: „Schmied," sagte er,„wenn Du sürder so großen Lärm machst, so schicke ich Dich ins Fegefeuer." Und der arme Smetse schwieg still und setzte sich auf sein Gesäß und verbrachte seine Tage voller Harm im An- schauen derer, die eintraten. Und also verstrich eine Woche, in welcher er nur von etlichen Brosamen lebte, die ihm über die Mauer geworfen wurden, und von Weinbeeren von einem elenden Weinstock, welcher ein Stück der Paradiesmauer bedeckte. Und Smetse ward bei diesem trägen Leben gar trüb» sinnig. Und er suchte in seinem Hirn, was er tun möchte, um sich ein wenig zu erheitern. Da er es gefunden hatte, schrie er gar laut, und Sankt Peter hob den Kops über die Mauer'. „Was willst Du, Smetse?" fragte er. „Herr," antwortete der Schmied,„würdet Ihr nicht ver- statten, daß ich für eine Nacht aus Erden hinabgehe, um mein gutes Weib zu sehen und meine Gescfx'ifte zu ordnen?" «Das magst Du tun, Smetse," sagte Saickt Peter. _(Schluß folgt.) tzohenzollerifthes Mäzenatentum. Zu Andreas Schlüters Gedächtnis. Berlin verdankt sein bedeutendstes Bauwerk und sein schönstes Denkmal: daS Schloß und das Reiterstandbild des Großen Kur- sürsten Andreas Schlüter. Beides ist für den Ruhm der Hohen- zoller» gcschasfcn, im Auftrag des lächerlichen ersten Königs von Preußen. Baumeister und Bildhauer stehen anders zu de» Höfen ivic die Dichter. Schlösser, Kirchen und allenfalls Rathäuser sind die einzigen Bauwerke großen Stils, die die Vergangenheit kennt. Rur die Herrschenden kamen auf diesem Gebiete als Auftraggeber in Betracht. Der höfische Dichter ist ein Lakai, den die Kunst- geschichte mit Verachtung ausstößt. DaS Genie der bildenden Kunst aber fand nur an Höfen Nahrung und Arbeit. Und umgekehrt: keiner Kunst bedarf der Hof mehr als der Baumeister und Bild- Hauer. Man denke sich Schlösser und Denkmäler fort, und mit den symbolischen Gehäusen höfischer Macht versinkt die Bedeutung der Fürstengelvalt selbst. Die Monarchie wohnt nicht nur in Schlössern, sie lebt von ihnen, und erst in den Bronzegüssen glaubt man sürst- liche Größe. Die Schöpfer der Schlösser und Denkmäler sind so die Schöpfer der Monarchie. Aber in der sozialen Wirklichkeit der Höfe kehrt sich das natürliche Verhältnis um, ähnlich wie heute die Wertung von Unternehmern und Arbeitern. Der Künstler wird zum Knecht und der Fürst zum erhabenen Schutzherrn, obwohl er zu dem le nicht» anderes leistet als die Sivrungen feines Unverstand«» und den Arbeitslohn, der aus der Notdurft dcS Volkes gewonnen ist. Vor zweihundert Jahren endete die Gesindetragödie des preußischen Hosbaumcisters Andreas Schlüter. Sein Schloß a» der Spree preist man heute als das bedeutendste deutsche Baulverk des Barock. Sein Großer Kurfürst gilt als das gewaltigste Reiterdcnkmal aller Kunst nebe» BeroechioS Collconi in Venedig. Die erhabcucu Masken sterbender Krieger, die er für das Berliner Zeughaus erfand, find unsterbliche Blutzeugen wider den kriegerischen Mord. Ter aber all dies Herrliche geschaffen, ist elend zu Grunde gegangen. Bis vor kurzem galt Andreas Schlüter als ein Hamburger und sein Geburtstag wurde auf den 20. Mai 1664 datiert. Danach würde fein 250. Geburtstag mit seinem 200. Todestag zusammen» fallen. Aber diese Annahme stützt sich lediglich auf den Eintrag eines Andreas Schlüter ins Hamburger Taufregister. Neuerdings ist diese lleberlicferung mit guten Gründen entkräftet worden; vor allem widersprechen eigene Angaben Schlüters der Behauptung, daß er erst 1664 geboren sei. Er scheint vielmehr um 1640 in Dauzig geboren und derselbe zu sein, den ein Eintrag im Dauziger Ge- sellenregister der Maurer, Steiubauer, Bildhauer und Striumetzei» verzeichiicl:„Aiino 1656 d. 9. Maij Andres Schliter, Steinhauer» ein Dantziger, auß d' Lehr." Schlüter ist von Haus aus Bildhauer, er ist nie ei» gelernter Baumeister gewesen; mit der Phantasie eines Bildhauers hat er gebaut, und den Mangel an berufsmäßiger Ausbildung im Bausach hat man ihm vorgeworfen, als er gestürzt wurde. In den achtziger Jahren baut Schlüter in Warschau und Danzig für den König Johann Sobieski von Polen. 1694 kommt er als Hofbildhaucr und Lehrer an der Bildhanerakndemie nach Berlin. Der Kurfürst von Brandenburg, der bald sich zum Könige krönen sollte� schickt ihn 1696 nach Italic», um Abgüsse anzukaufen. Auf dieser Reise empfängt er entscheidende Einflüsse der italienischen Barockkunst. Zu seinen ersten Berliner Bauwerken gehört die Alte Post. 1698 begann der Schloßbau. König Friedrich l. gab seinem Baumeister 1705 ein Trinkgeld von 8000 Talern zur Belohnung für trcngeleiftete Dienste.(Eine Lustjacht, die die preußische Majestät zu dieser Zeit auf der Spree fahren ließ, kostete 160 000 Taler!) Er hatte in- zwischen auch<1698 bis 1703) das Deuknial des Großen Rurfürsten vollendet. Bald darauf stürzte der Künstler zerschmettert in die tiefste hösischc llngnade. An der Nordwcstecke des Schlosses sollte auf bereits vorhandenen Fundamenten ein Turm erbaut werden. Der König genelgnigte Schlüters Entwurf. Der Bau begann 1702, ei» Jahr später ergab sich, daß die Fundamentierung zu schwach war, der Turm zeigte Risse. Schlüter cutwarf sofort einen neuen Plan, nachdem die Fundamente verstärkt wurden. Als der Turnt 1706 bis zur Höhe von 60 Metern gediehen war, senkte er sich so gefahrdrohend, daß Schlüter heimlich in der Nacht mit dem Abbruch beginnen mußte. Er legte dem König einen neuen Entwurf vor. aber die Hofkabalen überwanden ihn jetzt. Eine Untcrsiichungs- kommission wurde eingesetzt, der sein Nachfolger Eosander von Goethe angehörte, und sie sprach ihn schuldig. In dieser Zeit schreibt er einem Gönner den klagenden Brief:„Ich habe über die dreißig Jahre mit großen Arbeiten Tag und Nacht zugebracht, und ist unter all deuc» Werken kein Fehl begangen, auch habe ich in Berlin schon erwiesen, daß man ja wohl sehen kann, ob ich ein Meister gewesen." In den folgenden Jahren verschwindet Schlüters Raine völlig. Er ist verschollen. Erst 1713 taucht er wieder auf, in Petersburg, als Baumeister des Zaren Peter. Er rieb sich in fieberhafter Arbeit auf. In dem Tagebuch eines Freundes liest ma». nach seiiiein Tode (Ende Mai 1714):„Er hatte zu dieser Zeit eine große Zahl von Geschäfte» in seiner Hand, indem er Paläste, Häuser, Akademien, Manlifaktnrcn» Druckereien usw. baute. Schlüter war von schwacher kränklicher Konstitution, und da er überbürdet wurde»lit immer» währenden Geschäften, so ward er krank und starb, nachdem er iinr ein Jahr in Petersburg gewesen." Schlüter? Name erscheint zuletzt nur i» Bettelbriefen der Witwe a» den Zaren— er hatte die Familie in tiefem Elend, in Schulden in Berlin zurückgelassen, als er»ach Petersburg ging—• und in Urkunden, die zeigen, daß er seinen Gehilfen den Lohn schuldig bleiben mußte. Kein Bildnis zeigt uns die Züge des Meisters. Der größie Künstler seiner Zeit ging im Dunkel dahin— wie ei» Proletarier. Die Mäuse. Bon Otto Wohlgemuth. Springt de Müsc im olle» Mann scggt(c vaken Unglück an, Laugt de Milse weg mit Piepe» mot de Btärginann ock utlniepc». Wie unruhig war das Gebirge heute Nacht. Die Lust so schwül und voll von schwelenden, blandiinstigcn Ranchschwade». Als säßen dort hinten in den längstverfallenen klaffenden Gclvölbcn die heimtückischen Erdgeister beisammen und qualmten überm grünen Feuer ihr giftig Zanberkraut. Und ein dumpfes Singen schwang sich durch das Dunkel und vcrschwisterte sich dem verhaltenen Echo in den Felsschluchten, in denen tagsüber die mürrischen Menschen in barter Arbeit fronten. DaS klang wie böses Gemurmel aus weiter Ferne, dann wieder wie das Hämmern im Blut, wie sausender Kopfschmerz in nächster Nähe durch die Sinne fct« gtucimannS, de» Invaliden, d«r dl, im«ngverdorgenen, pickigen Alözgang nach beendeter Halbjchichl aus der Gezähetruhe sah und sein Nnchtbrod verzehrte. Süßer, betäubender Kopfschmerz. Seine Augen waren so irr und flüchtig. Seine Hände hielten das Brot nicht mehr und sanken aufs Knie. Und schwer»«igte sich der alte Kopf vornüber, so daß der graue Bart breit die bloße, geduckte Brust dedeckte. Aber die Gedanken waren wach. Sie gingen, wie Träume, noch einmal aus die gefährliche Nachtwanderung von Ort zu Ort, von der lustigen Sohle bis in die geschwangcre Tiefe der Förderberge hinein. Die Hände regte» sich, die Finger kraüten sich. Und auch die Füße kletterten mit. Sie stiegen die Fahrsprossen, die Felsen- treppen hinan in den unheimlich stillen Ort, wo unter der flimmern- den Decke das dicke Mnnnnelwetter stand. Und die Arm« reckten die Lampe empor. Hielten da« zarte, blaue Lichtpiinktchen, das auf dem Docht hintenn vergitterten Glase zitterte, dem Bergesunhold dicht vor die milchigen Augen,— husch! Da leuchteten sie auf! Da schösse» seine Phosphorblitz« Zickzack. Da züng Ite der Geifer auS feinem Flamme»rächen. Und der einsame Bergscuerwächlcr Wandertc weiter seinen Weg durch die Löcher und Schluchten, durch das flüstere Layrinth der Gänge hinaus und hinunter. Und malte dort und hier auf die schwarzen Krenze und Tafeln seine weißen Krcidezeichen, alles rein, alles rein. Und manchmal auch«ine Warnung, Feuer I Vorficht! Feuer und Bruch!... So träumte und dormelte der Alte in seiner lvlitteniachtSruhe vor sich hin. Und langsam zogen die Schwaden durch den nachtbedeckten Gang. Wölkten und ringelten fich, schwangen sich ringsum und nestelten mit den knisternden Armen an den Zacken des dräuenden Grundgesteinö, an den Reihen der modergedeugten Stengel und Stützen vorbei, die in der armen Dunkelheit da standen wie der« lassen« Jochknechte und rettungslos zerrisse» und zerbrochen unter der Berge Last. * Aber weit hinten in, Ausbruch! Do, wo die Bergleute die schwarze Koble Iveggeschlagcn, wohin nun keines Menschen Fuß mehr tritt. Wo die Asche und der Schutt sich häuften und die ungeheueren Wände seldstüberlassen lose standen. Wo die dünnen Tannenhölzer knarrten und knackte» und vor der Gewalt ihre Knie bogen. Wo der flimmernde Staub armdick fich breitete, in der Gruft des alten ManneS— da begann ein Leben! Da huschten und liefen die Mäuse zusammen, zu Haus! Au« allen Ritzen und Spalten kamen sie. aus den dunkelsten Höhlen herauf, irrten und schwirrten durcheinander und hielten Rat. Denn fie wußten,«S nahte die Gefahr und die Not. Denn der Bergetod hatte sich genährt auf seinem Lager. Auf eine erhöhte Echieserscherbe stiegen die Grauen, dir Ge- risse»«», die Aeltesten deS Geschlechts und predigten dem jungen Volke ihre Erfahrungen. Kommt herbei, riefen sie laut, kommt alle herbei, ihr Jungen und. Kleinen und Aengstlichen, hockt beisammen in Reihe oder Kreis, horcht und schweigt. Warum seid ihr bestürzt? Sind wir nicht ein großes Volk? Ist unsere Sippschaft nicht verbreitet über die ganze Erde? Hoben uu« nickt zu allen Zeiten Gefahren gedroht? Haben uns unfre Feinde tausendmal den Krieg und den Tod geschworen? Leben wir nicht immer noch? Die einzige» Sängetiere, die den Menschen in die Grube, in die rätselhafte Tiefe der Gebirge hinein begleiten, da? sind wir, die kleinen, grauen, die molligen Mäuse. Wir folgen ihm überall hin, so weit er auch vordringen mag. In der engsten Mine, in der niedrigsten geduckten Strecke, wo der einsame Bergmann so verlassen und abgeschieden von allem Leben sein mühselig Werk verrichtet, huschen wir hinter ihm her. schlupfen durch die engen Spalten und Steinlöcher, durch den warmen, lveichen Mullstaub, in dein es sich wohl leben läßt. Wir rascheln und piepen und erfreuen den armen, wühlenden Kerl durch unsere Gegenloart. Wir knispern und knabbern am Holz, am hanfencn Seile, am weggeworfenen Lampendocht und am Papier, in dem noch die Brosamen duften. An den Felswänden klettern wir hinauf wie die Alpensteiger, spazieren über spitze Zacken, über hängende Scherben dahin, ob es uns nicht gelingen niöge, dem Mensche» an seine Nahrung zu ge- langen, die dort im Wams unter der Decke hängt. Denn der Magen kneipt so sehr, wenn der Hunger drinnen sitzt. Denn die Junge» im versteckten Winkel, hinterm Brett, unterm Ge- stein, sie piepen so bitter nach Nahrmig. ES ist eine liebe Not init dem Leben. Zwar, kein MauShund ist da, der hinter der Ecke, vorm Schlupf« loch im Dunkeln fitzt und seine furchtbaren, grünen Augen leuchten läßt, llnd auch keine Schnickschnackfallen sind da. in denen der leckere, braune Speck lockt und winkt, solange, bis man drinnen hinter der zugeklappten Tür und an den Gitterstnben zerren und herumbeißen kann, bis die Zähne am harten Eisen zerbrechen. Aber ein schlimmerer Feind hat hier unten sein Reich. Ein mächtiger, großer Riese wohnt in der aufgebrochenen tiefen Erde. den man nicht sehen kann, iveil er keine Gestalt hat, dem wir nicht entweichen können, weil er überall ist. Wenn der sich rührt, dann bewegt sich der felsenklüstige Ab- grimd. Dann schieben sich die Steine, unter denen wir wohnen, knirschend hin und her. Dann fängt unser warm Nest im Staube an sich unheimlich zu regen, sängt an zn beben und sich zu hebe». Dann pfeift der Wind au» dem schrillsten Flötenloch, daß wir aufspringen und hintenüber fallen vor TodeSschreck. Denn dann ist'« Zeit! Daim laufen wir, wenn wir noch laus ,n töimen, wenn un« die Flucht noch offen ist. Denn es rüstet sich der alte Mann zu Grabe. Denn e« reißt den Hölzern, in deren Schutz wir wohnen, durch die dünnen Seelen von oben bis unten und die Erdkolosse marschieren heran mit de» Sleinlloben und Brocken, mit dem Grus, mit dein Gries und de», Grauen im entsetzlichen Gesolge, und werden alle« verschütten, was da ist. Alles I Auch uns! Wehe, wenn wir gezaudert haben. Dann ist es zu spätl Wehe!\ Daun decken sich die finsteren Gebirge ans uns. Dann türmen sich die Erdwuchten über uns bis zum sonnenhellen Tage in der Höhe, llnd wir rühren n»S nicht mehr, und regt sich kein Schwanz und kein Bei». Dan» liegen wir in der tiefen, stillen Erde mit unseren toten Augen und Herzen. Aber sind wir nicht gewitzt durch aberjahrtansend alte Rot? Haben wir nicht berübmle Weise unter uns. die alles wissen, ahnen und voraussagen? Behorchen mit unseren feinen Ohren und Linnen nicht die geheimste, drohende Gefahr? Darum auf! Ihr BolkSgenossc», laßt euer traurig Nest und macht euch auf die Wanderung mit Kindschaft und Sippe. Flieht! Laust von hinnen, che eS zu spät ist I Schreit nicht und lärm» nicht und sträubt euer Fell nicht zuwider! Auf! Laßt uns eilen, denn schon rüstet fich der Abgrund zum Einfiurz. Echo» reiben sich die heimtückischen Felskobolde die harten Hände, daß der Staub fliegt und die Funlcn kuisteru. Denn sie warte» und lauern auf daS entsetzliche Losungswort. Darum auf l Aus! Und rette dich, du ehr« würdig Boll der Mäuse!— So predigten und prophezeiten die kleinen, grauen, allwissenden Alten, sprangen von ihrer erhöhten Kanzel davon. Und wie ein Husch hintcrsrein ängstlich piepend das ganze Gewimmel. » Da saß noch immer der Feucrwan in guter Ruh. Vornüber war sein Angesicht gebeugt. Die Ellenbogen standen aus den schmalen Knien und zitternd hielten die Hände das umwirbelte, alte Hanpt anfrecht. Er schaute unbeweglich, unwissend geradeaus in das zuckend« Licht seiner Lampe, die vor ihm zwischen den Schienen an» schwarzteigigen Boden stand. Er dachte und sann über sein Leben nach. Ab und zu bewegten sich murmelnd seine Lippen. Kraus und dnmpf bumpellen die Gedanken durch iein dunkel Bewußtsein. Ouätlen und fragten sich� einander und wußten nicht, was. Und schauten kleinmütig verbsiien und traurig ans den unruhigen Augen, de» Fenstern in den leeren, verderbnisichwangeren, niedrigen Raum, in de» Wirkungskreis feines verlassenen Leben». War denn dies»ngcwisie Hindämmern, dies traumbeschwingte Tagesverbringen von einer Nackt zur andern auch ein Dasein? Immer die graue Sorge, die Hoffnungslosigkeit, das tiefe Leid der »nanSiprechlichen, innerlichen Empfindung des Grauens. Und die harte Pflicht, die Arbeit in unrcckisaincr Knechtschaft, die Hetze von einem Werkelbesehl zum andern. Der gleickgüllige Wechsel von Dunkelheit und Licht, von Wind und Schwüle, von Wachen und Schlaf, lind immer die unbarmherzige Verlassenheit in der todesstrllen, gesahrdräuenden Bergnacht. Ach. wer doch ruhen könnte, die Ruhe des Alters still und sonnig über fich kommen lassen könnte. Wenn die Kinder, anstatt dem Vater gleich hineinzumüssen in die schaurige» Schächte des Zwang«, in das Joch des graueste» Alltags, klug, sinnig und wohl» bestellt ihr Glück im Leben hätten. Wer doch, ohne des invaliden. verbrauchten Körpers immerdar schmerzlich erinnert zn werden, des vergangenen Lebens froh sein Haupt ausrecht tragen könnte, ruhig in Zufriedenheit und Stille, vor Hunger und Sckam geschützt.— Also war der alte Knappe tief im Inner» mit seinen altgewohnte» Gedanken beschäftigt, sann und sann und hatte wenig seiner Umgebung acht. Vernahm nicht, wie rings un» ihn her die Hitze sich schwang, hörte nicht der Erdpulse Hämmern und der erdrosselten Weiterwinde warnend Pfeifen und Janken. Und über ihm und iveitcr im dunklen Gange hin regle und lvappnete sich der Grubcntod, rührte und bewegte sich der trage Staub auf seinem Bette. Und es zitterien die faulenden Eichen- und Tannenstünrpse in den zermahlten Bühnlöchern, daß der Schiefer knirschend brach und das Steinmehl rieselnd hinunter rillte. Da ruckte und schwoll das Unlergestein mit heimlich verhaltener Wucht und schob sich mit allmächtige»! Gewicht auf die schrägstehenden Holzmännchen, die trotzig und starr, wie harte Krieger in der de» drängten Enge standen. Und die verkeilten Gespanne, längst von» ungeheuren Schwall der Gebirge verschoben und verbogen, preßten die Füße entweichend ins lose Geröll, prallte» am Widerstand, er- starrten und brachen mit kurzem ihxad, so daß das graugelb« Fleisch des Holzes grünblau im Dunkeln glomm. Und immer noch saß der einsame Knappe da und starrte in da? Licht seiner Lampe. Da sprangen die Mäuse an. Einzeln, zu dreien und mehr. Liefen wieder zurück mit ängstlichem Zip, zip, lockte» und warnten die Zurückgebliebenen, kamen wie Schalten, wie ein Husch, wie ein Schwärm und trippelten an der Lampe vorbei, die ihr zuckend Licht über den schwarzen Boden breitete. Wie eine modrige Auskehr. Und 1 der Unglückswind hinterdrein. Hilft ivcitum etfduHtcntb, führe» ha killte» im alte» iPii» ftl'e Wände mit Gcfrnch hernieder in de» schweigende» Grund, dah der fliinineriide Staub sich mit Gebrüll durch die Schluchten drängte. Hallo horrido! Wie die berstenden Gewitterwolken vom grimmigen Welterschlage zerstieben. Huschten die fliehenden Mmise wie eine Erinnerung durch die Mitternachtsruhe des säumigen Alten? Drangen die kleinen grauen Warngeister mit leisem Zip zip in die versunkenen Gedanken deS stille» Manne»? � Ho, ho! Da sprang der �euerwart entsetzt auf die wankenden Mke, ergriff sein Licht und floh in de» Laufberg hinein, zur Tief« hinab, wo der sichere Fetsengang war. Und hinter ihm her iin morschen Berge, in den ausgeraubten Klüften da» grollende, stürzende, prasselnde Geröll und Gebröll. das; die Beste unter den Wfjen des fliehenden erzitterte und da» Eisen- und Holzgewerk schaudernd erdröhnte. Wie a>t» NiesenblaSbälgen schnoben die Wolken de? fliegenden Malm», Sparren brache«, Malkolosse lösten sich und rollten plump aufeinander. Scherben klirrten, Rohre krümmten sich. Wasser flog und Tropfen trommelten.— Drunten aber, in der geschützten engen Sandsteinkelsenhalle sah der alte Feuermann, vor Angst bebend, und schrieb unterin Datum in sein grau verknittert Meldebuch: Nacht» halb ein» sind die öst« licheu Pseilerbane Mausegatt zu Bruche gegangen. Morgen früh, das Ivugte er, würde beiur Rapport der Steiger »vettern und fluchen: Gotlverdainmi l Nun gibt'» keine Kohlen! Nun ist der ganze Monat belänimert! I lind die Häuer und Schlepplcute würden da» gewahr werden, wenn sie am Zahltage ihren ausgerechneten Sollohn auf dem Schausel- blatte überschlugen. Ja, ja l Kleines Zeuilleton. Schadow. Gleichzeitig mit dem 200. Todestag des grogen Andreas Schlüter kann man eines anderen Hohenzollerischen Hos- tiinstlcrö gedenken, JoKan» Gottfried Schadow», der am 20. Mai bor 150 Jahre» in Berlin al» Sohn eine» Schneiders gobore» lvurde. Er hat drei preußischen Königen..gedient", hat noch die Revolution und sogar noch die Reaktion erlebt. Er ist bti Jahre alt geworden und hat in dieser Zeit eine unübersehbare Menge von Bildiverken und Zeichnungen geschaffen. Am bekanntesten ist feine Viktoria ans dem Brandenburger Tor. Theodor Fontane nennt diesen griechischen Berliner doppellebig, eine Verquickuug von Derbheit und Schönheit, von Gamasche und Toga, von pr-entzischem Mili- tarismu» und klassischem Idealismus. Auch>ochadow hatte Eirund, sich über die Wandelbarkeit hohen- zollerischec Hofgunst zu beklagen. In einem Entwurf von seiner Hand auö dem Jahre 1820 heißt es:„Nachdem ich früher vielfache Gnade von den, Könige genossen, bin ich von Allerhöchstdemfelben nachher gewissermaßen vergessen worden; daraus kann ich die Zu- rückHaltung herleiten, die inan mich erdulden läßt. Vom Jahre 1789 bis 1800 machte ich die Entwürfe und Modelle zu allen Skulp- tuoen der königlichen Bauten.... Auch ziehe ich noch davon ein Gehalt; doch habe ich seitdem nichts zu leiten gehabt als die Restaurationen am hiesigen Zeughaus«.... Obwohl mir nun jene Ar- beiten mancherlei Erfahrungen in der getriebenen Kupferarbeit verschafft haben, so hat man doch vermieden, mich von den neueren Arbeiten der Art das geringste Wissen zu lassen.... WaS hilft es mir, wenn ich Mitglied so vieler auswärtiger Akademien bin, wenn ich in meinem Vaterlande vergessen werde, während ich, Gott sei Dantl eine Fülle der Gesundheit genieße, die mir iir meinem Kunstfache ttäig zu sein, wohl noch gestattet." Heilkunde. Diphtheriegesahr und kaltes Wetter. Obgleich das Licht und die Wärme der Sonne unzweifelhaft die ursprünglichste Nährmutter aller Lebewesen sind, so ist die wärmste Jahreszeit nicht immer auch die gesündeste. Namentlich in Verbindung mit großer Feuchtigkeit wird eine übermäßig warme Witterung gefährlich. Wer «cher glauben sollte, daß der kalte Frühling dieses Jahres, der aus de» milden Vorfrühling gefolgt ist, wenigstens die gute Seite hätte, einen besseren allgemeinen Gesundheitszustand zu bewirken, täuscht sich sehr. Es handelt sich dabei nicht nur um eine größere Gefahr der Erkraiikiingen, die man mit dem eigentlich nngrcifbaren Namen der Erkältung vclcgt, sondern auch um eigentliche ansteckende Krank- heile». Kälte, Dunkelheit und Feuchtigkeit sind die Bedingungen, die das Leben und Wachstum der Bakterien am besten unterhalte», während umgekehrt große Wärme. Trockenheit und ganz besonders helles Licht die stärksten Feinde dieser lauernden Kleinwescn sind und sie entweder ganz vernichten oder doch in ihrer Entwicklung aus- halten und schwächen. Mit Bezug auf die Diphtherie, die doch noch längst nicht so gründlich niedergekämpft worden ist, als man nach der Einführung der Impfungen erhoffen wollte, ist eine größere Gefährdung im Gefolge kühlen Wetters sicher festgestellt worden. Die Keime der Diphtberie werden nicht nur beim Husten, sondern auch beim bloßen Sprechen aus dem Mund« der Kranken ins Freie lKifördert, und sie können sich dann, wie wenigstens durch Beobachtung erwiesen sein soll, über einen Umkreis bon ct»>a 000 Metern verbreiten. Selbst Berantw. Redakteur: Alfred Wielcpp, Neukölln. ' Qavtntofe und weniger ti iberstaiiftsfählge Bakterien, mit denen Ber« suche angestellt worden sind, haben eine beträchtlich größere Lebens» fäbigkeit gezeigt, wenn die Lufttemperatur niedriger war. Für di« kräftigeren Diphtherie bazillen trifft dieser llmstand in noch höherei» Grade zu, und cS ist anzunehmen, daß die Ansteckungsgefahr in der UebergangsjahreSzert, Ivo selbst ein Krankenzimmer kaum noch geheizt wird, größer ist als sonst, lielvrlmnpt scheint die stärkere Ber» breitung der Diphtherie in den kälteren Jahreszeiten eine Tat» fache zu sein, die in der längeren Lebensfähigkeit der Keime vcr- mutlich ihre wichtigste Erklärung findet. Völkerkunde. Die letzten Kannibalen. Ueberall auf der Erde sind die Tage des Kannibalismus gezählt. Er wird schneller vor der Wüsten wie Urwälder durchdringenden Kutlnr erlöschen als etwa die Sklaverei und die verschiedenen Forme» der Hörigkeit, die selbst unter europäischer Schntzherrschaft noch nicht überall aufgehoben sind. Wohl können bei den Stämmen der Kongowälder, in den australische» Buschsteppen,»nicr den Papua» der Berawildnisse Neuguineas und vielleicht bei manchen brasilianischen Indianer- Horden hin und wieder Fälle von Menschenfresserei festgestellt wer» den. Da» sind aber»ach dem Urteil besonnener langjähriger Kenner von Land und Leuten im Affekt, in der plötzlich ausbrechen- den unberechenbaren Leidenschaft der Naturvölker erfolgende Rück- fälle in den sonst überwundenen Brauch der Ahnen. Iluter diesen Umständen ist cS sehr interessant, daß e» noch eine, zum Teil jeder Zivilisation völlig entrückt« wilde Völkerschaft gibt, wo der Kanui- baliSmnS nicht nur heute noch blüht wie seit Jahrhunderten, son- der« sogar als gerichtliche Strafe eine ständige RechlSeinrichtnng ist: e» sind die B a t a t st ä m»i e auf der südafiatischen, zum hollän- dischen Kolonialreich gehörenden Rieseninsel Sumatra, die nn» erst neuerdings durch die Forschungen des deutschen Geographen Professor Wilhelm P o l z»über bekannt geworden sind. Sic werden mit Recht die letzten Kannibalen genannt. Bei ihnen lverden nicht nur verwundete oder getötete Feinde beim fest- lichen Siegesniahle verspeist, sondern auch Diebe und Ehebrecher trifft nach uraltem Urwaldgesetz dasselbe Schicksal(wogegen nn- verwundete KriegSgesangene, Frauen und Kinder sich loskaufen können oder in die Sklaverei verkauft werden). Es geht dabei zuerst merkwürdig leidenschaftslos zu: in feierlicher Gerichtssitzung wird die Schuld des Verbrecher» festgestellt, wobei dieser sich frei verteidigen und das Urteil durch allerband Winkelzüge hinziehen darf,»nd alle Förmlichkeiten werden so streng beobachtet, daß z. B. bei Abwesenheit des Dorfoberhanptes stets seine Rücktehr abgewartet wird, da kein Stellvertreter die Entscheidung über Leben und Tod fällen darf. Ist daS Todesurteil ausgesprochen, so wird es sofort vollstreckt, mit Lanze oder Tchivcrt, ohne vorhergetiende Quälereien. wie sie etwa bei de» Papuas auf Neuguinea üblich waren, wo das lebende Opfer mit gebrochenen Armen und Beinen e-n paar Tage lang ins Wasser gelegt wurde, um„das Fleisch zarter zu machen". Aus die Geheimnisse der kaunil>alischen Küche weiter einzugehen. ist eine für europäische Nerven zu widerliche Sache. Da? Fleisch wird meistens entweder>» großen Stücken gebraten oder klein geschnitten auf Bambusstäbchen geröstet oder auch im Reistops ge- kocht, wobei die Maus der Hände und die Backen als höchste Delikatesse gelten... Eine eigentümliche, als Verschärfung der Strafe gedachte Vor- schrift bestimmt, daß alle Dorfbewohner, auch die nächsten Anver- wandten, am Mahle teilnehmen müssen; wer sich weigert, wird gezwungen, bei fortgesetzter Weigerung gefesselt und kann schließlich selbst getötet und gegessen werden. Eine besondere Befriedigung ist es für jeden Batak, einen persönlichen Feind verzehren zu helfen, so daß Privatzwiste geradezu Anlaß zum Kannibalismus lverden. Manch einer läßt es sich 50 oder 80 Dollar kosten, zn der Per. schmausung eines ihm recht Verhaßten in einem Nachbardorf« ein- geladen zn werden. So recht bezeichnend für diesen Urwaldhaß über den Tod hinaus ist die kleine Geschichte von dem Batak,� der einen Zahn eines verabscheuten aufgefressenen Feinde» auf seine zum Betelkauen gebrauchte Kalkbüchse befestigt hatte, um so jedes- mal, wenn er die Büchse zuschlug, noch seinen Feind zu schlagen! Da ferner Menschenfleisch als große Delikatesse gilt, benutzen „Feinschmecker" jede Gelegenheit, wann und wo eS auch sei, mit» zu fressen. Aus solchen Gesellen hat sich ein richtiger ThpnS fahren- der Landsknechte gebildet, die, sobald irgendwo eine Fehde ans- bricht, zur Stelle sind— sie fechten nur, um nachher ein paar Stücke abzubekommen. So einen Gemütsmenschen hatte Professor Volz eine Zeitlang als Führer: er hatte nach seiner eigenen An- gäbe bereits über 50 Menschen verspeisen helfen, und es mochte dem deutschen Reisenden nur eine geringe Genugtuung sein, zn wissen, daß die Verspeisnng weißer Leute in Sumatra aus aber« gläubischen Gründen nicht beliebt ist... Auch die Tage der Unkultur dieser letzten, echte» Kannibalen der Erde sind gezählt, schon leuchtet das Abendrot des Unterganges ihrer altererbten nn- menschlichen Sitte. Eine Militärstation nach der anderen schiebt die holländische Verwaltung in die noch unabhängigen Urwaldland« vor— wenige Jahrzehnte noch, und auch die junge Generation der Batak wird mit Staunen und Grauen die paar überlebende» Alten betrachten, die einen Dieb oder Ehebrecher einfach aus die Speisekarte setzten. Ausgabe der Völkerkunde aber ist es, das An- denken an diese letzten tNenschcnfrcsser naturwahr sestzubalien. — Druck u. Verlag: BorwärtsBuchdruckcrei u.VcrlagSanjtalt Paul Singer LcCo., Berlin LW