Iii. 5=3 r- a * Unterhaltungsbtatt des vorwärts Nr. 102. Freitag, bell 29. Mai. 1914 »1 Der Kataöu. Erzählung von Anna C r o i s s a» t- N» st. „Herr Hullerl"»vtrr ganz blast geworden, und er hätte om liebsten mit Nest geäugelt, ob sie sich auch»nie er iiber die prüde alte Jungfer mokiere, aber er schiimtc sich dessen aus eimnal, er wußte zwar nicht reckst tvechwlb. er schämte sich einfach,„'tschuldigen Sie, Frida I Ich glaube, ich bin nickst ganz zurechnungsfähig: ich habe zu viel Wein getrunken. Das vertrage ich nie. das»dacht mich rabiat: eS ist besser, ich gehe seht. Nur müssen Sie mir prompt sagen, da st Sie mir nickst böS sind, ich weist zwar nickst mehr, warum Sie mir boS sein sollte«, ich bin ncimlich wirr im.ttops. oder so aber eS ist mie. als tstitte ich Ihnen etwas abzubitten— so oder so." Während Resi Licht holte, um ihm hinunterzuleuchten, blieb er zwar ettvas tvacklig, aber sehr schuldbewnstt bor Frida stehen. Er schämte sich bor ihr. obtvobl sie ihm„grairdioS" läckstrlich twrkain. Er tvar falsch gegen sie gewesen, keine Frage, und das ReSl war auch falsch. Sie waren ein sack» Plebejer««rd Frida bau einer andere»« Nasse. Lächerlich prüde, ein berrnpster. t»erz««tstter Kakadu— und doch, er bettelte förmlich.'„Ich ka«in»ucht gehen, bis Sie mir sagen, dast Sie mir berziel»en haben. Was und»veShalb.»md wodurch weist ich nicht mehr, aber schinipsen Sie, zanke« Sie, nur seien Sie wieder gut?" „JA bin ja wH" Unsicher bückte sich Hnller über ihre.Ha»«d, drückte sie fest an die Lippen, sah ihr»»ochniäls in die Ange«, ganz erswintk, dast sie bock Träneir stairde». schüttelte, ein wenig anS der Fässitnq gebracht, den stopf, tätschelte hieralif liebkosend ihre .Hand:„Lieb sein, gnt sein, lieb sein, gut sein" dabei m>»rn»elnd. Er war nicht ganz sicher bei»» Hiimntergehen: auch flackerte das ReSl.»««gnädiger Laune wie sie schien, mit dem Licht hin und her. dast er fast die Stufe»»licht gesunden und iiber die Treppe hinabgestiirzt»väre. Sie warf ihn» nock» ein »nignüdigeS:„Sckstasen'S tvohl!" nach, während sie die Treppe hii,a>»sraii>«te. Frid» stand»»och auf demselben Fleck wie vorhin: si'e schlost Resi fest und lang in die Arme und kästle sie. „Ielst kann ick» Dir erst richtig„Griist Gott" sagen. liebeS stind. Hab mich ein»venig lieb, so lvird eS sehr schön»verde» bei uns. Ich Hab' Dich ja gern. daS»»»eistt Du, und ick» hoffe, eS wird Dick» nicht reuen—" „Aber Fraulei» von.stansnih! Ick» bitt' Sie!.steine Spur! Sie»vissei» eS ja selbst,»vie's bei uns ist. Die Mutter! Rrr! Krausen tut»inr bor ibr! Wenn sie mich nur ber- kuppeli» könnt', an den, de» sie ausgesucht hat." „stonnii, seh Dich zu mir»nd erzähle. � Oder bist Du »lüde? Dan» können wir auch zu Bett geben." Nein, sie tvar nicht»rnide; das kannte sie überhaupt nicht. Aber waS sollte sie erzählen? Zu Hanse»var elnm imnier derselbe Tanz, n«id jehl gerade war es noch ärger. Reff stockte— besser sie sagte gleich alles, WaS sie ans dem Herzen hatte. „Warum ärger?" Frida nahm sie bei der Hand.„Mir kannst Du alles sagen, ich bin Dir»vie eine—" beinahe hätte sie„Mutter" gesagt, besain» sich einen Augenblick und sagte: „»vie eine Freundini" „Ich trän' nmch nicht!" „Ol», geb! Sag auch nicht immer Fräulein bon Kansnih, Heist»»»ich Frida»" „Sie sind so gut! Wissen Sie. die Mutter, ich hob'S ja sckwn gesagt, bat einen für mich, der viel Keld bat und mich gleich heiraten würde. Ich mag ihn aber nicht � „Meil Du eine»» anderen gern bast!.Hab' ich»nir gleich gedacht. Will der Dick» auch beiraten?" Resi nickte eifrig:„Darf ich ihn ei,»mal bringen?" „Ketvist, das inustt D» sogar. Schau, schau, lmt sich daS st uw selbst eine» gesucht I" Sie streichelte Resi die Mcken: „Und lieb bat sie ihn arg? Oh. Du Glückliche t Ick»»vill alles für Dich tun, U>as ich kann, aber D« mnstt ganz offen sein und mir alles sagen, kein Kc>l»einmiS bor mir haben. So, leht bin ich beruhigt,«»«»« gehen»vir zu Bett." Am nächsten Morgen loollte Frida ihr neues Pflegekmd dem Hausherrn anmelden. Sie»uar schlechter Laune, denn sie hatte die halbe Nacht nicht schlafen können. Der Syl- phidorich»bar»bieder einmal betrunken nach Hanse gekon»- men, hatte fürchterliche» Radau auf der Treppe gemacht, mit seiner Frau krakehlt, die Türen zugeschlagen und ziileht schein- bar alles kurz und klein geschlagen. Hnller mnstte sich ein- gemischt und geschimpft haben, die Frau weinte und ReSl fand das alles scheinbar sehr komisch, denn sie wäre an» liebste» ans dem Bett gesprungen,»im zu sehen,»vas los sei, so neu- gierig»var sie.. Frida hatte gute Lust, den nächtlichen Skandal dem .Hcrusherrn zu berichte», doch hielt sie der Gedanke an die Sylphide mit ihren stieren Auge» davon ab. Vielleicht sMug dann der Mann in der Wnt dies arme, stumpfe, gleickhziiliige Astib erst recht. Der Bengel, der Frida den Ngmen„Kakadu" axfgebrtcht hatte, öffnete. Er liest sie dransteii stehen,»ist drinnen eine Tür ans und schrie m«s boftein Halse: „Papa, Papa! Der stakad»» ist eben angeflogen ge- konimen. Dransten»värtet er!" Der Vater kam»lach einiger Zeit selbst und bat sie mit aller Würde, in sein ArbeitSziinmer einzutreten. Er war per- biicdlich mit einer getvisje» herablassenbc'ii Ritterlichkeit, die' nicht frei»wn Strenge tvar. Der„iiiäckttige Pascha" nannte' ihn Hnller. „Was»minschen Sie. Fränkein bon Musnitt?" „Ich habe eii« jttnges Mädchen zu mir genommen»«nd inöck»te sie bei Ihne» anmelden. Sie haben nichts dagegen?" Er betrachtete angelegentlich seinen dicken Sinyt«lateppich. „Die Eltern»bissen darnm?'� „DaS jn»ige Mädchen hat irgendei»»? Stellung?" „Ketvist." „Ist tun-?-" „Bei Weidner." „Danke, ick, habe»ratiirlich nichts einzntvc'ndei», enipfehte »««ich, inein Fräulein." Er hatte freilich»»ichtS ernziitvenden. Besagtes Fränleii» gefiel ihm sogar' iiber alle Masten gut. und er»var Franen- kenner! Z»i seilten» Freunde, den» Hauptmann im zweite»» Stock, sagte er in aller Vertraulichkeit:„Nun ist's aber faktisch ein Raritätenkasten drüben, denn die haben eine Schönheit, eine Schönheit sag' ick» Dir! Post nur ans,»venu das Geschäft ans ist und sie konunt. Du»virst Augen inachen!" Es regnete. Ein inilder, warmer MairegeN nach heisten, sonnigen, Tagen, ein Regen, bei dem die Erde zu dampfen schien und die jungen Blätter grüner, immer grüner»vnrden. Es sab anS, als»volle die Sonne jeden Augenblick durch- komme», so»veist»nd leicht war der Hin»Niel: doch regnete eS sachte»veiter.»»»» sckw» den zweiten Tag. Frida fast am offenen Fenster und stickte. Endlich»bieder ein Tag, an dem sie»nit Eifer arbeiten konnte! Sie»cwr »nberanttvoitlich leichtsinnig und faul getvesen. seit Hnller mit ihr berkehrte. War er des Abends da. so stickte sie»vohl, daS heistt sie hielt ihre Arbeit in der Hand' und tat inechauisch ein paar Stiche. Sie hörte zu begierig z», sie hatte zu biet in sich anfzunel»»«?»». Alles»vas er sprach»nd»vas er las.»var für si'e ans einer anderen Welt, ans einer, die sie>»»»» kennen lernen tvollte. um jeden Preis. Nun kam der Termin der Arbeitsablieferung, sie»»»ar sehr im Rückstand geblieben und stickte ohne ltnterbrechnng. ES war ihr eine ganze Lust, das-, eS so schnell ging»nd sie summte bor sich hin:„llebern Garten, dnick» die Lüfte, hör' ich Wanderbögel zieh»." Wie lange bäte sie wohl nicht mehr gesungen? Ganz leicht»var'S ihr bcnte znmnt. bn-n» auch nicht ruhig, nicht friedlich. Es»r»or ein Drängen»nd Sehnen, ein»vniiderliches, bebendes Znsnnmieiisassentvollen all dieser unklaren, immer wieder fliehenden Gedanken, eine kleine, beinahe siisnv, zitternde Angst, sie nicht festhalten zu können. Sie hörte auf niit Singen und»vurde sich seht erst»virk- lich betvustt, dast sie laut und bell gesungen hatte.. Da lachte sie halb berlegen, halb belustigt bor sich hin und strich sich»»mstdonklich über die Hna re. Dann stand sie ans, laiustam, trag»vie im Tranen stellte sie sich bor den r -öy JZ SZ) CJ Oo 03 r.oX3 �3 02 vO 1Z, Spikael. Ihr Mund�sruhte nicht, aber si« sah heiter aus: ihre Annen suchten ihr Spienelbild und doch tot si'e das nur »icchitnifch, nur nebenbei. Ihre Gedonke» waren durch etwas anderes nesesselt, aber durch etwas, was niit ihrem Spienel» dild in Zusanuneuhana stand. Sie zupfte ein paar der braunen nekrausten Haare in die Stirn und fuhr mit dem Zeigesinner über ihre dichten Augenbrauen, aber so ost, das; sie»Mnögiich»och wisse» konnte, was sie tat. dann kamen wieder ein paar Takte des Liedes:„Sie ist meine, sie ist mein." Nun war sie plötzlich wach. Außer dem seinen Sausen des Regens auf den Blättern hatte sie»ort; eine» Ton gehört wie das Knirschen des Kieses, Nest sollte zurückkommen. Sie horchte. Sie hatte wohl das Oessuen und Schließen der Haustür gehört, aber keinen Tritt auf der Treppe und Nesl machte sich sonst sehr bemerklich, sie war schwer und faul genug. Horte sie nicht ein hastiges Gespräch, ein Gekicher und Gewisper nute» im Gauchs Huller ivar zu Hause, sie wußte es. In diesem Augenblick gab's ihr einen Stich, dac' Blut stieg ihr zu Kopf, sie riß die Tür aus— richtig, Resl. Sie kam gleichmütig die Treppe herauf, rot und heiter, und gerade drückte sich Huller ins Atelier. „Hast D» mit ihm gesprochen?" Irida hatte ihre Stimme nicht i» der Gewalt. Halb mürrisch, halb erstaunt, enviderte Neü: „Er will heute abend kommen, aber wir sollen noch Antwort sagen." „So geh doch, gehl Er soll kommen," drängte sie Rest fort. Sie war ganz verwirrt. Als Rest gegangen war, ver- folgte sie ihre Schritte die Treppe hinunter: sowie sie seine Stimme und die ihre hörte, war sie sich mit einemmal klar, was mit ihr sei. Sir liebte Huller und sie war eifersüchtig auf Rest. ES war ihr nun unerträglich, zu denken, daß Huller im Augenblick kommen könne; sie wollte Rest zurückrufen, blieb aber steif stehe» und starrte die Türklinke an. Ganz deutlich hörte sie de» leisen Tropsrnsall draußen, er tat ihr weh. Sic hatte schreien mögen vor Erregung und erwartete die beiden voller Angst.(Korts. folgt.) Halzac. Zu Ehre» des großen Schriftstellers Hot die preußische Stootöoiuvollschost socdeu eine ihrer kleine» ffeier» veranstaltet: sie hat seine drollige» Erzählungen lou- sis, ziert. Er War einer der größte» Phantasieincnschen und einer der leidenichastlichsten Sinncsnienschcn, die die Erde je getrogen. Eine tiberschäuincnde Animalität und eine schranlenlose Einbildungskraft be- herrschten ihn und schassen in ihnr einen Machttrauin der Wcllbehcrrschnng vo» napolconischer Größe. Die Bedingung aller Macht aber ist das gleißende Gold. Die blinkende Ehimäre ist der Herr des Erdballs. »nd neben ihr die tkicbe, die tolle käufliche Sinncnaicr.„Die Prosti- tntion nnd der Diebstahl sind die Herren des Erdballs", steht unter einer Radierung von ffvltcien RopS, die auf der Weltkugel eine Etraßendirne nnd einen Kerl mit einer gemeinen Galgenphystognomie zusannncngelnppclt zeigt Diese beide» Embleme stehen auch über dem Weltbild, das das Werk des Honoru de Balzac darstclll. Man muß daS Lebe» BalzaeS kennen, um sein Werk ganz zu begreifen. Gold I Gold! DaS war sein frühester Gedanke; in ihm sah er daS Mittel, das ihm die Tilre» zur Welt anfschlicßcn sollte. AlS junger Meiflch saß er in seinem Heimalort und schrieb Schund- romane, um de» roten Strom auf sich hinzulenken, der ihm die BeivegungSfrciheit gebe» sollte. AlS cS mit der Feder nicht gelingen wollte, versucht« er eS mit Unternehmungen. Er wnrdc Verleger, Drucker. Schristgießer aber er stürzte sich mit diesen prallischen Versuchen in Schulden, an denen er sein ganzes Leben zu tragen hatte. AN seine Berühmtheit, oll seine Rieienhonorare konnten diese Last nicht von ihm wälzen. An die hundert Werke schrieb er in zwanzig Jahren. Wochenlang schloß er sich «in nnd arbeitete in seiner weißen Mönchskutte Tag und Nackt; peitschte seine Nerven mit starken, Kaffee auf und bannte die ivilden Gestalten seiner Machlpömitasicii aus« Papier; die unbedenklichen Geldmänner; die großen Kurtisanen; die kolossalen Verbrecher und alle die, die das Goldsieber toll gc- macht hat. Er schuf eine Naturgeschichte der menschlichen Leiden- schaste», lvi« sie seit Shakespeare nicht mehr dagelvcse»; fnrcktbar, von allen Geißel» der Hölle getrieben. Dazwischen faßte er Pläne, wie der der AnSbcntung vcrschiUtcter Silberbergwerk« ans Sizilien: „nd all diese Dinge, die er mit der ganzen Kraft dcS ViiionärS er- taßlc: die ihm nicht Einbildung, sonder» Wahrheit waren, wurden sein Lebe». Aber er ächzt« unter seinen Schulden, bis er darnnlrr zusmnmenbrach. Mit fünfzig Jahren war dieser Gigant, b«n etner „einen lachenden Eber" namite, anfgebraucht. Balzac ist der erste, der die Geschichte der neuen Zeit zu schreiben versuchte; daS EpoS des GcschäftSjahrhundertS mit seiner wahnsinnigen Erwerbs- und Erfolgshatz. Er hat das einheitliche Gesetz der Dinge erfaßt und will cS in seinen Romanen, die er als ein Einheitliches unter dein Titel der„menschlichen Komödieplant, verkörpern. Er sieht die wilden, tierischen Triebe in den Menschen, den Macht- und Sinnenhunger, wie er sich in einer Zeit offenbart, in Vcrhältniffen, deren hervorleuchtendes Stigma die materielle ErfolgSgier ist. Wie ein Naturforscher betrachtet er die Individuen, wie sie in diesem Milieu, de», sie entstammen und dem sie cingesiigt sind, sich bilde»„mßlen. Es ist ein wilftcr korybantijchcr Reigen von Instinkten und Leidensckasten, der sich rastlos»in da« goldene Kalb dreht. Seine Phantasie jagt er hinter diesen Dingen her, und mit wuchtigen Meißelschläge» haut er aus den, Block der Sprache die Gestalten beranS, die ihm als die sckicksalsmäßigcn Träger des Gedankens erscheinen. Er zeigt die große» Verbrecher wie Vautrin. den Geizigen Grandct, de» von seinen Töchter» ans» Sebentctcn Goriot, den Wucherer Gobzcck; er zeigt sie i» ihre», »»ersten, wie sie werde» mußten. DaS Gold ist hier a» Stelle dcS inctaphtzsischc» SchicksalSgedankenS getreten; das Gold ist SchicksalSmacht, die das Leben prägt; das Kraft entzündet und Kräfte vernichtet. Sein Werk hat etwas Ungefüges, gigantisch Unbehauenes. Sein Stil ist schwer nnd überladen. Im Grundc lau» er nicht schreiben, und das Wort, das man in seinen Bücke,» in, wahren Sinne des Wortes schmöker» müßt«, ist gar nicht so falsch. Aber er hat eine Gigantenwelt geschaffen in den Bänden seiner soziologischen Epopöe: ei» Phantasiewcrl und zugleich eine Zeitgeschichte von kolosialei» Ansinaß. die mit ihrer flannnendcn Glut über den Zeiten stehe» bleibt. Rebe» de», großen FrcSlo feiner mcnichlichcn Komödie ragt niedriger das Buch der„Drolligen Erzählunge»", trotzde»,»ran zu ihn, lieber greise» mag. um sich zu unterhalte», als zu.dein Roina»- wcrk, daS sich nicht so leicht bewältigen läßt. ES sind dreißig»reist sehr übermütige Geschichten im Ton dcS Franz Rabelais, die der Dichter als Nebenarbeit, gewiffermaßen z» seiner eigenen Unter- Haltung, schrieb. I» ihnen ist die ganze Derbheit und Sinnlichkeit dieses TemperaincnteS. Boccaccio ist zierlich ihncn gegenüber. Sie sind von einer Freude a». Animalische». die sich im lvnvcntioncNcn modernen Französisch sehr seltsam ausnehme» würde, weshalb Balzac sie auch in der Sprache de« lll. Jahrhunderts niederschrieb»nd anch zeitlich ins Miltelaltcr eiiiordnctr. Aber dennoch sind die Geschichten von Franz de« Ersten Belustigungen, die Späße des Pfarrers von Alzey-Ritnil und die jener Nonne», die ihren» Bisckoi ein sehr merkwürdiges Geschenk schicken, sowie die Erzählungen sonderbarer LiebeSnachte köstlich n»d amüsant. Eine Perle»st die Geschichte von der läßlichen Sünde jener jungen Gräsin. dir, an einen Greis verheiratet, sich, während sie zu schlase» vorgibt, an cine», junge» Pagen schadlos hält. Ei» Mcistertverk ist die Sncenbns-Novelle, die vo» den Versührnngs- künsten einer jungen Türkin berichtet. DaS Sliick.Freinideötrcne' ist durch die Dramatisierung Volli»ölle>S(„Der dcutjche Gras") bei nnS bekannt. Die„drolligen Erzählnugei," sind mehrfach ins Deutsche übertragen worden. Bedingungslos gut ist die Ucbersetzung von Benno Rüttenauer, die der Jnsel-Berlag seiner großen Balzae-AuSgabe an- gefügt hat. Auch die von Paul Wiegler(R. Piper u. Co.. München) verdient lobende Nennung, während die überdies unvollständige Anö- gäbe dcS Verlages Neues Leben jWilh. Borngräbcr)»>it größter Vor- slcht zu genieße» ist. lieber Balzac orienliere» vorzüglich ein Essay vo» Hippolyte Tain« in der Reihe der Jnsel-Büchcr und einer vo» Wilh. Weigand im selben Verlag. 1�. ll. 4) 3m Kosakenöorf. Von Maxi in G o r l i. „Ja! lind Du sagst iinnier, die Mensche» seien seelensgut I Nein, lieber Bruder, de» uns in Rußland wirds den Mensche» sehr schwer gemacht, fromm und gnt zu sei».." lind plötzlick, schwang er seine Beine»ach der Straße hinüber, sprang ab und vcrschtvand geräuschlos. Der Bursche ans Pensa war in einen nnrnhigc» Schlaf ver- fallen, er warf sich a»f scinciii Lager hin»»d her, streckte die un- geschlachte» Arme»nd Beine aus de», knisternden Stroh weit von sich und stöhnte„nd schnarchte abwechselnd. Ans de», Dunkel tönte das Geflüster der Frauen, das trockene Schils raschelte ans de», Dache, ad nnd zu erfolgte draußen ein Windstoß, nnd ei» Baumzlvrig schlug gegen die Wand der Hütte. Wie leises Klagen nnd Trauer» gi» co durch die ticsjchwarze, sternlose Nacht, deren Laute inchr und mehr verstuninitcn. Dan» schlug cS zehn; die nie tallcnen Klänge zerschmolzen gleichsam in der Finsternis, und cS ward noch stiller, als ob alles Leben, vor de», lauten nächtlichen tockiall erschreckend, sich in die»»sichtbare Erde und de» unsichtbaren Hiinnirl gesli>chtrt hätte. Ich saß>r»i Fenster und schaute i» das Dunkel binano, in dem die grauen Hütten des DorseS wie in einer laue», schtvarze« Flut — 407— imlerttttichien; die Kirche war nicht mehr fichtbar, flr war schon ganz von der Finsternis verschlungen. Melancholische Gedanken über das kläglich Ilcine Mciisciieiilrvcn gingen mir durch den Sinn: wie das zusammenhanglose Spiel eincv Betrunkenen aus einer schlechten Harmonika kam es mir vor, wie ein schönes Lied, das ein tauber, stimmloser Sanger jämmerlich entstellte. Ein tiefer Seufzer entringt sich der Seele, und ein unwiderstehlicher Drang er- füllt sie, i» zorniger Entrüstung tvider alles Böse für die Menschen- briider einzutreten, in flammender Liebe alles Lebende auf der Erde zu umfange»»ud die Herrlichkeit und Schönheit der Sonne zu preisen, die diese Erde mit ihren Strahlen umhüllt und sie liebe- voll kosend und befruchtend durch iwn unendlichen Weltenrauin. entführt. Ermutigende Worte»iötc ich den Menschen zurufen, das} sie die.üöpfe höher tragen lernen, und wie von selbst formen sich >in Kopse jugendlich uubeholfcne Reime: ..Dah alle wir in Glück und Arcudc wandeln, Hat Mutter Erde uns hervorgebracht; lim ihr zu Schmuck und Zierde zu gereichen, Hat ihr die Sonn' uns zum Geschenk gemacht! An biesein hellen, hohen Sor.ncntempcl Sind Götter wir und Priesterschaft zugleich. Wir selber sind es, dir da» Leben wirren..." Mitten aus dem Dunkel, aus jener Ecke, in die sich die beiden Arnnen zurückgezogen haben, tönt wie ein ununterbrochen rieselndes Büchlein leises Geflüster an mein Ohr. Ach horche gespannt nnd suche die Worte zn verstehe» und die Stimmen zu unter- scheiden. ..So zeig's doch nicht, dah er Dir Wehn»!..." jagte scst»nd bestimmt die Iran ans Rjäsan. „Ja— a. wenn ich's nur ertragen könnte!..." antwortet, sich schneuzend, mit»äselndcr Stimme ihre Areündin. „Du nittht Dich eben verstellen. Las; ihn ruhig schlagen>i»d tu, als ob Du gar nichts fühltest, als ob's Dir sogar Spaß machte.. „Dann schlägt er mich tot..." „Lachen irnifet Tu dazu, recht freundlich iiuifet Du ihn anlächeln..." „Man steht, das; Du keine Schläge bekommen has!... Du weiht nicht, wie das tut.. „Ich iuris; es schon, meine Liebet Aach ich habe Schläge de- kommen, und nicht wenig. Hab' keine Angst, er wird Dich schon nicht totschlage»!.. Irgendwo>n der Jcrnc schlug dumpf ein Hund an. schien einen Augenblick zu lauschen und brach dann in ein wütendes Belle» ans, auf das sogleich andere Hunde Antwort gäbe». Wohl zwei Minuten lang hörte ich nichts von der Iluteeiwitung der Frauen, dann verstummten die Hunde,»nd das Grjlüstrr der beiden rieselte weiter. „Pergis; nicht, mein« Liebe, daß dir Männer eS auch nicht leicht haben. Wir armen Leute haben es alle schwer im Lebe», mau muh aber so tun, als ob's rinci» leicht fiele...* „Ach. d» barmherzige Muitergottcs!..." ..ES macht sehr viel aus, bah die Frau immer ein freundliches Gesicht zeigt. Dir Frau soll dem Manne, wie auch dem Liebhaber, die Mutter ersehen. Pcrsuch's nur mal; wirst sehen, das; er rS sehr bald merkt! Ilnd dann wird er vor de» andern Männern prahle»:„Ich Hab''»e Frau," wird er sagen,„die ist immer so mild nnd srenndlich, wie der Mona: Mai— was ick» auch mit ihr anstelle l Nichts bringt sie aus der Ruhe, wenn ich ihr selbst den Kopf abschlage..." „Rein— wirklich?" „Ja, ivas den» sonst? So ist nun mal das Leben, mein Töchlrrchcn..." Vo» der Slrahc her lasse» sich»njieherc Schritte vernehmen, deren Geräusch mich am Hören dchindcrt.„Kennst Du de»„Traum der Mnttcrgotles"?" tönt es dann wieder leise. „Rein..." „Den muht Tu Dir mal erzähle» lassen, die alle» Weiber wissen ihn. Du kannst wohl nicht lesen?" „Nein. Wie ist denn dieser Traum?" „Hör' zu.. D rauhe» vor dem Fenster läht sich KonewS Stimme vernehmen: „Seid ihr's, meine Lieben?" fragt er vorsichtig.„Run, Gott sei Dankl Ich Hab' mich nämlich verirrt, Bruder, Hab' dir Hunde rebellisch gemacht und beinahe Prügel gelricgt... Da, halt mall" Er reichte mir eine grohe Wassermelone und wälzte sich dann selbst schlvrrfällig durchs Fenster. „Auch Brot Hab' ich mitgebracht, einen ganze» graste» Ranft. Meinst vielleicht, ich hab's gestohlen? Gott bewahre! Warum soll ich stehlen, wen» ich's erbetteln kann? Ich versteh' mich darauf, ivcist an die Leute heranzukoniinen! Ich geh und jede: in einem Hanse ist Licht, und die Leute sitzen beim Abendbrot. Wo viele Leute sind, ist immer einer darunter, der ein gutes Herz bat... Ra, nnd da bab' ich denn tüchtig gegessen und getrunken»nd enck» noch etwas mitgebracht... Heda, ihr Weibchen!" Sic antworteten nicht. „Schlafen wobt schon, die Hnrentöchter? He, ibr da!" „Was willst Du?" fragte die Fra» ans Rjäsan trocken. „Wollt ihr ein Stück Wassermelone?" „Rein, wir danken.� Konew schritt behutsam in irr Richtung, an» der di« Stirn«« kam, vorwärts. Oder ein Stück Brot?" fragte er. ,, Weizenbrot, so weich»nh so süst... wie Du..." Die andere bat im Tone einer Bettlerin« „Gib mir Brot.. „Na also! Wo steckt ihr denn?" „Auch ein Stück Melone möcht' ich habe«.. „Wo bist Di« eigentlich? Ich seh' Dich nicht...* ..Oh!" schrie die Frau aus Rjäsan schmerzlich auf.„Wohin reitet Dich den» der Teufel, Du«Galgenstrick?" „Schrei doch nickvt... Es ist so dunkel hier.. „So zänd' ein Streichholz an. Du Teufrll" „Ich bab' keine Slrrichbölzcr, Du Tcusclin. Was ist febörf gros; dabei, wenn ich Dich mal kneife? Dein Mann ist ganz ander» mit Dir umgesprungen! Hat Dich wohl gehörig verdroschen, wie?" „Wae geht's Dich an?" „Ra, ich möchfs eben wissen. Ei» Frauchen wie Du.. „Hör' mal... sah mich nicht an, sonst..." „WaS— sonst?" Sie keiften und stritten sich lange, immer böser klangen dlk kurzen, spitzen Redensarten, mit denen sie sich bewarfen. Endlich rief die Frau mit halb erstickender Stimme: „Ach. Du räudiger Hund... was fällt Dir ein?.. Ein Ringen im Dunkeln begann, und ein Klatschen, wie vo» Schlägen, die ans etwns Weiche« trafen, liest sich vernehmen.. Kvnew tickwrte lüstern, nnd die Frau aus Pens« sagte stammelnd« „Laht doch den Unsinn, schämt Euch was!..." Ich zündete ein Streichholz an. ging zu ihnen hin nnd zog schweigend Konew von ihr weg. Er nahm es nicht weiter übel. sondern schien nur abgekühlt: prustend und spuckend fast er zu meinen Füstrn und räsonmme: Man erlaubt sich'neu Spast mit Dir, dumme t«lanS, und Du wirst gleich grobl Als ob Du davon Schaden hättest..." „Hast Du Dein Teil bekommen, ja?" tönte es ruhig ans der Ecke. „Wenn weiter nichts ist! Die Lippe hast Du mir blutig gO schlagen, weiter nichts.." ..Versuch'« doch noch einmal— dann schlag' ich Dir auch de» Schädel entzwei!" „SchasSgesichtl Dummes Baurrnwrib!... Und auch Du," wandle e« sich zu«nir.„packst zu, wo es trisst, und schleppst mich fort... Den Rock hast Du mir zerrissen!" „Du sollst niemanden beleidigen I" „Sonderling Du— deleidigenl Ist dem» das'ne Beleidigung für ein Weib?" Und mit zynischem Grinsen begann er zu erzählen, wie gut sich die Weiber aufs Sündigen verstehen, und wie geschickt sie ihre Männer betrügen. „Schämt euch, ihr Zoteureistcr!" näselte die Frau aus Pens» verschlafen. Zähneknirschend richtete de, Bursche aus Prnsa sich auf, fast, den Kopf mit de» Hände» umsasseud, da»ud sagte finster: „Morgen geh ich fort... nach Haufe will ich!... O«»iott, wie zuwider ist mir das alles..." Tann warf er sich wieder aus sei» Lager, als hätte ihn ein Schlag aus den Kopf getroffen. „Ein zu dummer Kerl!" sagte Konew. Im Dunkel erhob sich eine schwarze«Kc stall und glitt geräuschlos. wie ein Fisch im Wasser,»ach der Tür hin. „Sie will wohl hinaus," meinte Konew...Ei» strammes Weibchen I Wärst D» nicht dazwischengekommen, ich hält' sie, bei Gott, herumgekriegt I" „Geh ihr doch nach, versuch's noch mal..." fForlj. iolgt.) „Rein, sagte er nach kurzer Ueberlegung.„Dort sindet sie einen Knüttel, einen Ziegelpein oder sonst was nnd schlägt damit zu«.. Schadet nichts, ick, komm schon noch aus Ziel... Hättest Dich nicht einmischen sollen... aus Neid hast Du's wohl getan...?" Er begann wieder mit seinem Glück bei den Weibern zu prahlet« und verstummte dann plötzlich, als hätte er die Zunge verschluckt. sForls. kolgt.s Kleines Feuilleton. Der„Dirigentenfilm". Als Knabe war ich auherordentlich naiv, so naiv, dast ich in jener Zeil manchen Gedanken gesastl habe, der mir später wertvoll geworden ist. Wenn meine Eltern mit mir vor llN Jahren Sonntags nach Pankow zu Lindner Pilgerzell oder nach Reu-Weistensee zu Sternecker, dann tauchte immer wieder das alte Problem in meinem kleinen Gehirn auf. das sich jchlichlich vor dem Militärorchester einmal in der Frage entlud:„Warum wackelt denn der eigentlich so mit dem Stock?" Jetzt sind die Militärdirigenten in der Beziehung schon elwaS kultivierter, sie wenden dem Pnbliknm den Rücken zu und beschäs» tigen sich während des Spieles niüiniler sogar mit dem Orckwster. Damals aber präsentierten sich alle mit der medaillengeschmückten — 408— Vrnst bfm PiiHliklim und dirigierten in diese» hinein. Mir hat die tocxhc, offengestanden, nie sonderlich imponiert, weil ich jene Tattswikschivingec als Clowns empfand. Ander» aber denken die »lcnschen- und kunstfreundlichrn KinogeschäftSleut«, die kürzlich die verde« konnte.-■« Hygi-nische». Vorbeugung der Schwerhörigkeit. Prof. H. Mund schreibt im.Naturarzt': E» ist sehr traurig, aber wahr, daß e» .... wvon. gegenwärtig in Deutschland ungefähr 40000 taubstumme Kinder. daß der D.r.gent nur al» Persönlichkeit wirkt, desteu lebendige An,- �nd in Preußen allein 2lS Tanbstummblinde gibt. Daher sollte« Strahlung den Zauber bewirkt. Herr Friedrich Wilhelm Schutze vor dem Philharmonischen Orchester gibt unbedingt ein Unglück. Nitisch «lektrisiert dir Schar zn den höchsten küuftkerijche» Leistungen. Der Mann ohne sich selbst würde lächerlich ivirken. Hoffentlich weiß er da» und schmeißt den Kurbelmann nüt samt seinem Kasten die Treppe hinunter. F. L. * Der Verfasser irrt sich in der gute» Meinung, die er von unseren führenden Kapellmeistern bat. Bereits haben Nitisch und Weiiigartner lobende Gutachten erstattet; wahrscheinlich sind sie auch bereits ansersehen. als Dirigenten gefilmt zn»verde». Genau so wie nnsere Dramatiker werde» sie den Lockungen de» Filin- kapital» folgen— zum Schaden der Kunst und— ihrer selbst. Sehr beachtenswert ist übrigens, was einer unserer besten Musik- 'kciliter. Prof. Karl Krebs, zum gleichen Thema im roten»Tag" an- führt. Er schreibt da u. a.: �»Worin besteht den» die Tätigkeit des Dirigenten? Doch nicht dckri», daß er sich vor das Orchester hinstellt und den Takt schlägt, Fondern hauptsächlich in der Erziehung, die er während der Probe» ausübt. Da muß eine Jnstruincnlcugruppe abgedämpft, die andcrc verstärkt werden, hier muß ein Instrument, das etwas Charakteristisches zu sagen hat. heraustreten, ein anderes muß sich unterordnen; kurz: das ganze lomplizierte Spiel der Nlmine» und Farven, das dem Orchester erst den künstlerischen Reiz gibt, wird än den Probe» ausgearbeitet, und das taiin nur geschehen durch die lebendige Persönlichkeit des Käpellineisters, nicht durch sein Schalte»- bild.' Der Filmdirigent kann nicht unterbrechen, kann nicht reden, «in seine Absichten klarzumachen: er kann nur den Takl schlagen, nnentmegt, gleichviel, ob die Musiker ihm folgen oder nicht. Jedem Zufall gegenüber— und wie viele Zufälle gibt es beim Konzer- tierenl �— ist er hilflos; ob ein Einsatz verpaßt wird, ob er zu früh erfolgt— der Schattendirigent taktiert geruhig weiter, unbekümmert darum, ob ettva im Orchester ei» greuliches Durcheinander herrscht oder ob alles glatt geht. Ihm fehti natürlich auch die suggestive Macht, die der leibhaftige Kapellmeister aus seine Musiker ausübt: ein Blick, ein Zucken des Gesichts, ein aufmunterndes Nicke», eine abmahnende Handbewe- gung können Wunder wirken, denn immer ist die Situation ja eine andere: ein Orchester, da? in der Probe frisch und lebendig spielte, kann bei der Ausführung müde sein und der Anfeucrung bedürfe», «tid umgekehrt. Der Filmkapellnvcister aber schlägt gleichmütig seinen Takt, heute wie morgen. Ebenso fehlen ihm die hundert kleinen Abweichungen, die den Bortrag eine» Dirigiertüirstlers, auch »ocnii man ein Stück schon oft'.'0» ihm gehört hat, immer aufs neue interessant erscheinen lassen— gerade wie beim Ktävier-, «roiin- und GefangStünstler. So wenig die Pianola oder da» die Eltern oder Pfleger verstehen, die ersten tranlhofte» Erscheinungen al» solche zu erkennen und sie mit Hilfe sachverständig««, ärztliche« Rate» zu beseitigen, vor allem andern ist skrofulös beanlagten Kindern ganz besondere«nfmerksamkeit zu widmen. Sie leiden oft an chronischem Schnupfen, an Stockschnupfen, der oft die Ursache späterer Schwerhörigkeit Ist. Pflanzt sich nämlich der Katarrh auf die enstachische Ohrtrompete fort, so entstehen zuerst leichte Schmerze» im Ohr. verbunden mit Ohren- sausen. und später Schwerhörigkeit Ich habe im Laufe bieler Jahre oft Gelegenheit gehabt, Kinder zu beobachten, die Tag und Nacht de» Mund offen hatten, weil sie durch die Rase nicht atmen konnten. Diese Kinder wurden dann oft. ivenn nicht? gegen da» Nebet geschah, schwerhörig und auch gedächtnisschwach. Folglich hat man bei Kindern, die beständig mit offenem Munde atmen, fach- verständigen natnrärztliche» Rat einzuholen. Au» einem mibe rück'- sichtigte» Mittelohrkatarrh kann ebenfalls Schwerhörigkeit entstehe». Er bildet sich. meist durch Erkältung oder nach langem Sitzen mit nassen Füßen. Schließlich sei»och bemerkt, daß auch durch ver- härtete? Ohrenschmalz Schwerhörigkeit entsteht. Es läßt sich aber leicht beseitige», wenn man einige Male angewärmtes, reines Olivenöl in das Ohr tröpfeln läßt und es nachher vorsichtig mit Verbandmull, der zu einem Röllchen gedreht ist, reinigt. Die bakterientötende Wirkung des Linoleums. Bei KeimgehaltSbestlmmnngen an Stein, Holz, Porzellan. Glas»sw. fällt es aus. wie oft sie steril(ohne Baktcrienteiine» befunden werde». Die.Umschau" faßt die neueren Uutersuchungen darüber zusammen: Schon vor Jahren ivurde vom Geheimrat E. Fischer die Beobachtung gemacht, daß auf gewissen Banniaterialien Krankheitserreger rasch zugrunde gehen. L. Bitter zeigte, daß die widerstandsfähigen Staphhlokokken ans Linoleum innerhalb eine? Taste? zugrunde gingen. Jacobitz hat schon 190t dargetan, daß die keimtötende Wirkung der vielbesprochenen.desinfizierenden Wandanstriche' auf der chemischen Wirkung des al» Bindemittel benutzten Leinöls be- ruht. Da da» Linoleum im wesentlichen au« Kork und sehr viel Leinöl besteht, lo kann sein DeSinfektionSbennöge» nicht wundernehmen. Allein bei den desinfizierende» Wand- anstrichen nimmt die DeSinfektionSwirkung schon nach wenigen Mo« naten ab, weil das Leinöl eintrocknet, während Linoleum dauernd lvirkt. Linoleum ist also eine Fnßbodenbekleidung, die die große Zahl der hauptsächlich mit dem Schuhwerk daraufgebrachten Klein- Wesen dauernd zu vernichten imstande ist. Durch öfteres Anfeuchten ivird diese Vernichtung noch, beschleunigt.- Auf einem Linoleum- fußbodeu. der jeden Tag feucht aufgewischt wird, finden daher die sporenbildenden Krankheitserreger sehr schnell ihren Untergang. Die bakterientötende Wirkung de» Linoleums kommt nach F. Fritz wahr- scheinlich gewissen chemischen Gruppen im Leinöl zu. Verantw. Redakteur: Alfred Wietepp, Neukölln.— Druck u. Verlag: Vorwärt» Buchdruck« rei u.VerlagsanstaltPaulSingeracCo.PverlinStV.