«fC'K -- Unterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 105. Donnerstag, den 4. Juni. 1914 vi Der Kakadu. E r z» l> l u n g von Anna C r o i s s a n t- N n st. Resi hatte den„Bräntiaain" aebracht, soaar schon ein paarmal tt»ar er dagewesen. Kein Zweifel, er war einer von den kruminen Nasen und Geldniensch dazu. Frida hatte eine Abneigung gegen seine Liebenswürdigkeit und seine ganze Atmosphäre. Was aber wollte sie mache»? Er hatte gute Manieren, behandelte sie als Dame, nur fast zu siis; und über- trieben devot, ging um zehn Uhr nach Hanse und liebte Resl angenscfaiiUich sehr. Des Kindes halber fügte sie sich in die Situation, obwohl sie sich gelangwcilt fühlte von den Phrasen des„Bräutigams" und den verstohlenen und offenen Zärtlich- feiten der zwei. Wenn es nur irgend anging, hielt sie sich in der Kiicfa auf oder im Schlafzimmer. Das Liebespaar machte ste wieder alt, richtig wie eine Gardenlama kam sie sich vor, wenn sie mit ihrer Stickerei dabei sah. Zu lächerlich und peinlich für sie obendrein, denn zu dieser unterhaltenden und geistreichen Nolle war sie fast jeden Abend verdammt! Huller kam natürlich auch sehr wenig zu ihr herauf, weil der Bräutigam da war oder weil er ihn vermutete. Kam er jedoch einmal, so war er mürrisch und versnchte, sie immer gegen Nesi aufzuheben. „Wie helfet der Kerl?" fragte er einmal barsch. „Neumayer, sagt Nesl." „Wissen Sie das bestimmt?" „Nesl sagt es." „Wenn es das brave Reserl sagt, mufe es natürlich so sein! Oh, Sie ahnungsloser Unschuldsengel, Sie! Lassen Sie sich nur recht viel X für U vormachen! Aber, wenn sich der Solm meines Vaters nicht täuschen tut, geht die Geschichte brenzlich aus!" Frida zuckte die Achseln: sie sah wohl ein, dafe sie sich eine grofee Verautlvortung auf den Hals geladen hatte, aber sie gestand es Huller nicht ein. Arn unangenehmsten war ihr die Sache den Hausleuten gegenüber, denn der Bräutigam schlich sich immer erst vor Torschlnfe herein mid kam nie am Tage. Sie bat ihn, doch einmal am Nachmittag zu kommen, aber er beteuerte, Berge von Geschäften vor sich zu haben und unentbehrlich sein sein. „Nächsten Sommer komme ich bombensicher bei Tag!" Aber währenddem blieb es beim alten, das heifet, Herr Neu- mager kam noch öfter als anfangs und blieb auch länger, brachte Delikatessen und Weine mit und richtete sich des Abends nach und nach vollständig häuslich ei», sparte mich nicht mit fchaleii Witzen, allerdings in feiner Form vorgebracht und mehr an Resi gerichtet.— Ueberhaupt widmete er sich ans- schliefelich„seiner Braut" und das mit einer Beharrlichkeit, dafe Frida ihre Ueberflüssigkeit einzusehen anfing und sich baldmöglichst ins Bett drückte. Sie hatte nur einmal Nesi gebeten, nicht gar so lang aufzubleiben, darauf hatte die ihr erwidert:„Gehen Sie doch ins Bett, wenn's Ihnen zu lang wird." Seit der Zeit sagte sie beiden um neun llhr„gute Nacht", immer mit der Phrase:„Sie erlauben doch?" zum„Bräuti- gam", die er stets damit erwiderte:„Bitte, bitte, lassen sich Fräulein durchaus nicht stören, im übrigen seien Sie unbesorgt." Dabei stand er immer auf, eine Hand auf der Stuhl- lehne und eine auf der Serviette, an der Brust, und machte eine Verbengnng, die Angen schon wieder auf den Teller ge- richtet. Wenn sie zu Bett war. waren die beiden Herr deS Zimmers. Nicht nur. dafe es elf Uhr, zwölf Uhr wurde, bis Herr Neumayer ging, er lachte und schäkerte ganz laut, stiefe an, trabte auf und ab, kurz, tat ganz genau, wie wenn sie im Nebenzimmer nicht vorhanden gewesen wäre. So weit hatte sie Huller also doch gebracht, dafe sie sich keine ernsteren Skrupel über das Paar machte. Früher? Du lieber Gott! Alle Haare hätte sie sich ausgerissen! Doch gefielen ihr die Abende immer weniger, schon deshalb, weil sie eigentlich von neu» Uhr ab gefangen war, denn ihr Schlaf- zimmer hatte keinen eigenen Ausgang, und da safe sie nun wie eine Maus in der Falle. Von Schlafen war keine Rede bei dein Gewisper und Gekicher und Geküsse und Gelächter und Gelärm nebenan. Frida machte endlich Nesi ernsthafte Vorwürfe. „Sagen Sie's ihm doch selber! so was trau' ich mir nicht," schmollte Nesi, und machte ein geringschätziges, fast freches Gesicht dazu. Ueberhaupt, seit der„Bräutigam" jeden Abend kam, war sie eine ganz andere geworden. Keine Spur mehr von dem bescheidenen, reizenden„Nesl". Es schien fast, wie wenn sie mit ihrer Liebenswürdigkeit und Bescheiden- heit nur danach getrachtet hätte, den Liebhaber glücklich herein zu kriegen. Nun das geschehen war, brauchte sie sich keine weitere Mühe zu gebe». In der Frühe war sie stets mürrisch, wortkarg, fast zänkisch, und behandelte Frida nicht wie eine ältere Person besseren Standes, sondern wie ihresgleichen, wie sie etwa die„Kolleginnen" bei Weidner behandelte. Rügte Frida ihr Benehmen, so liefe sie sich wohl alles ohne Wider- rede sagen, aber es glitt an ihr ab, oder sie machte ein überaus gelaugweiltes Gesicht, wie wenn sie der ganze Sermon nichts anginge. Auch war sie zuzeiten wieder lieb und gutmütig wie früher, so dafe Frida sich immer nicht entschließen konnte, sie heimzuschicken, auch baute sie darauf, dafe die ursprüngliche Gutmütigkeit Nesis doch wieder zum Durchbruch käme. So brachte Nesi öfters Blumen und Kuchen für Frida, oder sie besorgte etwas im Haus, von dem sie lvufete, dafe Frida es nicht gern besorgte, sie suchte zu trösten, wenn Frida traurig war:„Warten Sie nur, wenn ich einmal Geld Hab', sollen Sie's auch fein kriegen!" Frida mußte dann trotz allem lachen und konnte ihr nicht böse sein. Freilich in der letzten Zeit batte Resi die Blumen gegeben, wie man sich einer lästigen Pflicht entledigt, wortkarg, und sogar ein bißchen hochnäsig. Frida fragte sie. giitmiitig spottend:„Du fühlst Dich wohl schon als zukünftige.Millionärin? worauf„die Braut" erwiderte: „So eine Knauserei wie Sie könnt' ich»et mein ganzes Leben haben, psiit di Gott! Da? gibt's bei mir»et. Fein und slott muß'S zngehttl"— Das Hans konnte sich natürlich nicht genug tun mit Auf- passereien und Klatschereien. Den„Bräutigam" nahinen die Leute Frida übel, das konnte sie genau merken, das„Reserl" ließen sie eS nicht entgelten: gegen diese Glanznummer des RaritätenkastenS lvaren alle von ausgesuchter Freundlichkeit, besonders der männliche Teil. „Schmeißen Sie doch den Kerl raus!" riet Huller ärger- lich, wenn sie klagte.„Lassen Sie's nur»och lang so fort- gehen, dann besorg' ich's, wird mir ein Hochgenuß sein!" „Ja, habe ich denn das Recht dazu? Es liegt eigentlich nichts gegen ihn vor. Ich weife nichts weiteres von ihm. Und dann— ich werde doch dem Kind die Partie nicht ver- derben! Viel besser wär's, ich täte sie fort, wenn das so weiter geht." Darauf erwiderte er nie ein Wort, aber er kam immer wieder auf den„Bräutigam" zurück, er suchte Gelegenheit. davon zu sprechen, er kam überhaupt jetzt wieder so häufig, ja noch häufiger als früher, und stets in einer unruhigen, uu- klaren Stimmung. Das Verhältnis zu ihm war etwas, was sie von Tag zu Tag mehr bedrückte, es nahm eine Vertraulicb- keit an, die ihr nicht nur unbequem war, die sie beängstigte, vor der sie sich fürchtete. Er liefe sie in die kleinste» Details seines Lebens blicken, er fragte sie wegen jeder Geringfügig- keit um Rat, er hatte nicht das geringste Geheimnis vor ihr. Wenn er Geld brauchte, forderte er und nahm, fast ohne zu danken, was sie geben konnte. „So was braucht unsereiner, Frida! Jemanden wie Sie! Zu Ihnen kann ich reden wie zu einem Freunde, offen, rückhaltslos, derb sogar. Denn Sie sind nicht so schmutzig, wie die Männlichkeit oft sein kann, Sie haben den Zauber der Keuschheit. Außerdem hat das für mich doch noch den Reiz, das; Tie nicht nur Freund und Kamerad, das; Sie Weib sind. Das hält vieles Rohe nieder, glauben Sie nur: das mufe bei Ihnen aufeerdem in der Rasse liegen. Ich habe nämlich einen kolossalen Respekt vor Ihnen, ich denke mir oft. wie wunderbar es sein»rufe, eine feine Mutter oder eine feine Schwester zu haben." Und da er sah, wie eiire leise Röte von Fridas Hals in ihr Gesicht kam, fügte er bei:„Und noch eins. Sie wissen gnr nicht, wie Wohl mir das tnt, dnß Tie so jung geworden sind, jeht, wo Sie m i ch bemuttern und mir helfen, viel, viel jünger nls früher, wo ich Sie bemutterte." Es war einer der letzten Tage im Mai, einer jener schwülen bedeckten Tage, die mit ersten Gewittern drohen. Die Wolken standen starr, blcigrau und wurden schieferfarben gegen den Himmelsrand zu; es dunkelte früh in Fridas niederen Zimmern. Resi war nach Hanse gekommen, hatte einen Ann voll Delikatessen mitgebracht und richtete den Tisch her. Für Frida wurde es ein langer, einsamer Abend; während die zwei drmiszcn aßen und tranken, stand sie im Schlafzimmer am Fenster und schaute aus den Himmel, der schwer über den Baumwipfeln des englischen Gartens lag. Schwarz und unbeweglich drohte das Geäste vor dem dunkeln Hintergrund, ein paar Dachfirste schoben sich plump vor und bildeten eine kompakte Masse in den feinen Baumsilhouetten. Das Rauschen der Isar klang durch den Abend, die Luft war trag, nur von Zeit zu Zeit strich ein müder Wind vom Wasser her, legte sich aber gleich wieder, von weit, weit her tönte einmal duinpfcs Tonnern. Es war Frida schwer ums Herz, sie konnte kaum atmen und ihr Kopf hämmerte. Durch die halboffene Türe hörte sie das fröhliche Gelächter, das Schäkern, die Küsse. Ueberschäumendes, begehrendes Leben kain zu ihr herein auf dem breiten Streifen Lichts, der von dort in ihr dunkles Zinnner siel, es breitete sich aus, es kam näher und näher, umringte, umhüllte sie. Vergessen wollte sie, leben, genießen! Ihr Blut brauste. Wie ein lang ver- schütteter Quell, der sich durch Steine und Geröll drängt, überflutete sie ihr Begehren nach Glück. Sic preßte den Kopf in beide Hände, daß es sie schmerzte, sie biß die Zähne über- einander, um nicht aufschreien zu müssen. Die draußen höhnten siel Das lachte, das girrte, das küßte, es nahm kein Endel Leben, leben und genießen wie diese k Einmal lag man in der Grube und faulte, und niemand gab einem etwas dafür, daß man wie ein Narr gelebt hatte. Jetzt war sie noch jung genug, jetzt schrie alles»ach Genuß in ihr, jetzt begehrte sie vom Leben...(Forts, folgt.) Die Duchgewerbeausstellung in Leipzig. 1. Von der drucktechnischen EntWickelung. Wann daS Drucken erfunden ist, weiß nian nicht. Vielleicht ist eS gar nicht erfunden worden, denn das einfache Uebertragen einer Forin auf eine Fläche konnnt in der Natur so oft vor. daß es nicht einmal besonderer Aufmerksamkeit bedarf, um solche Abklatsche a. B. eines nassen Blattes auf einem trockenen Stein, eines rußigen Fingers auf dem hellen Tongcfäß zu entdecken. Tatsächlich ist eine dem Druck ähnliche Technik schon seit Urzeiten bei den primitiven Völkern bekannt, und in Samoa wird noch heute das Bedrucken der Rindenstoffe in einer Forin geübt, die bei manchem Schreib- inaschlnensystenr heute noch angewandt wird. Auf ein hölzernes Modell wird der Riudenstoff straff gelegt und dann mit einem farbgeträiilten Stoffballen betupft; die Stellen, die auf den erhabenen Partien des Holzmodells aufliegen, nehmen die Farbe an, die anderen nicht. Außerdem waren die Chinesen schon im 6. Jahrhundert imstande, ähnlich wie wir, zu drucken. Die Erfindung Gutenbergs schuf ja auch nicht den Druck selber, sondern nur eine Erleichterung, die der Drucktcchnik das auch beute »och gegenüber der Schreibiätigkeit wesentliche Merkmal verlieh: schnell und billig ein Schriftwerk zu vervielfältigen. Gutenberg machte den Druck billiger, weil das umständliche, zeitraubende und kostspielige Ausschneiden der ganzen Seitendruckform durch die beliebig zusammensetzbaren einzelnen Buchstaben überflüssig ivard. Vorher konnte die Produktion von Druckwerken nur sehr langsam geschehen und das Buch blieb teuer. So relativ diese beiden Begriffe der raschen und billigen Produktion in der ersten Zeit der Druckerkunst auch waren— kostete doch ein Neues Testament nach unserem Gelde noch 25 Mark—, so waren sie doch die Hauptsache bei der technischen Umwälzung des Schrifttums, die nun begann. Aber diese Wendung zur schnellen u»d billigen Produktion vollzog sich nicht auf der ganzen Linie. Das Papiermache« war noch ein sehr langwieriger Prozeß. Tie gegen 2(X1 Jahre alte Papiermühle, die man in der Zeitzer Gegend abgebrochen und in der Leipziger BuchgcwerbcauSstellung aufgebaut hat, und die später in das deutsche Museum in München übergeführt werden soll, ist für die Zeit, da sie gebaut wurde vor 2n den Anfang des IS. Jahrhunderts hinein druckte man immer noch an nun allerdings gußeisernen Handpressen selbst Tageszeitungen, wie der.Hamburgische uupartcyische Correspondent" mit seiner Auflage von etwa 30 000 mühsam auf 12 Handpressen gedruckt wurde. Damals war der Druck die Hauptarbeit, die Herstellung des Satzes die mindere, während heute der Druck selbst die wenigste Zeit erfordert. Auch die Drucktechnik der Illustration blieb jahrhundertelang die gleiche. Die Holzschnitte und Schrotdrucke wurden höchsten» dann und wann in Blei übertragen, und«S entstand daraus da» dürftige Akzidenzmaterial, mit dem sich die Druckereien bis in da» IS. Jahrhundert behalfen. Wie mit einem Zauberschlage traten aber am Ansänge de» 19. Jahrhunderts einige Erfindungen auf, die alle, früher oder später die Drucktechnik revolutionieren mußten. Die alte Handdruckpresse. die auch den Kupserdruckern und Notendruckern diente, wurde von der Schnellpresse abgelöst, diese wieder von der Z t> l i n d e r- druck presse. 1826 kam als eine der frühesten die erste Zylinder- druckpresse nach Leipzig. Um 1899 war in Frankreich die Fabrikation des Papiers erfunden worden, eine der unerläßlichen Vorbedingungen für den Rotationsdruck, der allerdings erst viel später möglich werde» sollte. Dein Holzschnitt und damit dem Hochdruckverfahrcn, daS der Holzschnitt verlangt, war durch die Erfindung ScncfclderS aiu Ende des 18. Jahrhunderts, vom flachen Stein zu drucken, ein Neben« buhlcr entstanden, der sich als sehr ernst erweisen sollte. An, Anfang des 19. Jahrhunderts führte sich die Lithographie in die Druck- tcchnik ein. Sie war zunächst Zeichenkunst, dann erst Drucktechnik, aber sie lvurde sehr oft zur Illustration auch von Druckwerken ver» wendet und die illustrierten Zeitschriften, namentlich in Frankreich, brachten diese Vereinigung von Hoch- und Flachdruck in ziemlicher Präzision. Dem Lithographen blieb aber auch der siegreiche Konkurrent nicht erspart. Der französische Maler Daguerre hatte um 1826 die ersten wirklichen Photographien fertig gebracht und vierzig Jahre später halte sich die Photographie dank der Verbesserung der Optik und der photographischcn Chemie so entwickelt, daß es gelang, Photographien auf den Stein zu übertragen und dann von diesem Stein lithographisch zu drucken. Der Lichtdruck war erfunden, die photomechanische Herstellung der Druckplatte,.ohne Zeichenstift und Grabstichel halte die erste Etappe erreicht. Und wie man in Pari» die ersten Drucke für Handschriften gehalten hatte, so glaubte man auch 1868 in der ersten internationalen graphischen Ausstellung in Hamburg, daß diese Lichtdrucke Photographien seien, und ihr Erfinder, der Münchener Albert, mußte sie mit Terpentinöl abwaschen, um zu beweisen, daß sie wirklich mit Druckfarbe gedruckt waren. Von hier auö beginnen nun die photomechanischen ReproduktionS« verfahren, die sich erst den Flachdruck, dann den Hochdruck in der Zinkätzung und der Autotypie und schließlich auch den Tiefdruck er« obcrt haben. War das photomechanische Prinzip erst gefnnden, so war der Schritt nnausbaltsam, der auch den photomechanischen Farbendruck möglich niachte. Es folgte der Dreifarbenlichtdruck, der die Chromolithographie uud eine präzisere Entwickelung der Photo- graphie, aber auch der Papier« und Farbenerzeugung zur Voraus» sctzung hatte. Alte Techniken, farbiger Holzschnitt'und farbiger Kupferdruck, wurden wieder aufgegriffen, mit neuen verkoppelt, zu den photomcchanischen Verfahren gesellte sich auch wieder die Arbeit des Graphikers, und so entstehen jetzt Druckblätter, die, rein technisch genommen, Kunstwerke sind und zu deren Analyse ganz erfahrene Kenner gehören. Maffenerzeugnisse können solche Drucke natürlich nicht werden, sie müsfen ob ihres kostspieligen HerstellungSprozeffeS teuer sein. Eine der neuesten Techniken dieser Art ist der Offsett» druck, bei dem die Druckplatte aus Gummi besteht. Der Kupfertiefdruck blieb ohne die Photographie lange Zeit auf seiner einsamen Höhe stehen,»denn wie bei der Lithographie stand auch hinter dem Kupferdruck ein künstlerisch und handwerklich sehr hoch qualifizierter Kupferstecher. Aber als erst die Photographie die graphischen Reproduktionstechniken erobert hatte, blieb sie auch vor dem Kupferdruck nicht stehen und mit der Technik des KattundruckS verbunden entstand jetzt der RotationStiesdruck, der zur Illustration von Zeitungen tauglich ist, also auf gewöhnlichem Zeitungspapier und in der RotationSmafchine gedruckt werden kann. Ein inter- nationales Tiefdrucksyndikat, das die ganze Welt umfaßt, hat diesen Rotationstiefdruck mit Beschlag belegt, damit dieser wirkliche Fort- schritt, gute Bilder auch auf billigem Papier drucken zu können, ja auch seine kapitalistische Kehrseite habe. In der dem ZeitungS- druck eingeräumten Halle ist eine geschichtliche Uebersicht zu sehen, in der die Entwicklung deS RotationSticfdruckS seit 1897 studiert werden kann. Solche geschichtliche Entwicklungsgänge finden sich mehrfach. Die Schrift gießereifirmen haben eine Reihe von alten Schriftgießmaschincn vorgeführt, an denen zu ersehen ist, wie sie sich nach und nach bis zur ganz automatischen Herstellung der Lettern cntlvickelt haben. Und wie in der Halle für Schreibmaschinen eine solche Entwicklungsgeschichte der Schreibmaschine von der ersten Schreibkngel an und auch eine solche der Rechenmaschine von de« de?' Philosoph«» Leibniz an, zu sehen ist.�so kann man auch in for eilten Maschinenhalle die Vorgänacr der Setzmaschinen kennen lernen. Da steht die Kastcnbeinsche Maschine, im Prinzip der Lino- type ähnlich, van einein dein Namen»ach vergessenen deutschen Schriftsetzer erfunden. Wie schwer man sich auch in der Maschine vom Prinzip des Handsatzes entfernen konnte, zeigt die 1851 von Sörensen erfundene, von dein Amerikaner Thorne ausgebaute Letternsetz- und Ablegemaschine, die also genau so arbeiten sollte wie der Handsetzer. Natürlich sind auch die modernen und be- währten Systeme der Linotype und der Monotype da, mcherdem auch die neueste Konstruktion, die Monotype, die einzelne Lettern erst gietzt und dann aneinanderreiht, während die beiden anderen Systeme immer nur ganze Zeilen gießen. In den Maschinenhallen erkennt man, wie heute die M a s ch i n e im Druckge werbe herrscht. Alle sind fast bis zur automatischen Funktion entlvickelt, alle fast ergeben das fertige Endprodukt aus dem Rohmaterial, eine Unmenge einzelner Manipulationen sind in diesen Maschinen zusainmengefaßt. sie drinken, falzen, kleben, lochen, perforieren, heften, binden, trocknen und noch vieles mehr alles in einem Arbeitsgange. Hier ist das Prinzip: schnell und eilig aus die scheinbar höchste Entwickelung gebracht. DaS gilt für die Papierwaren, wie für die Zeitungen und Bücher.' Wäre der Bücherverkauf so einfach wie der Berkauf von Brezeln, dann könnten die Bücher noch viel billiger sein, denn bei Massenauflagen entfällt auf das einzelne Exemplar ein unglaub- lich billiger.Herstellungspreis. Im modernen Buchgewerbe herrscht heute die Maschine und mit ihr entsteht die Tendenz zum Großbetrieb. Aber auch die Produktionsziffer steigt, und ztvar mehr als die Zahl der Arbeits« kräfte zunimmt. Der Gedanke der wirtschaftlichen Organisation ist im Druck- getoerbe am frühesten ausgeführt worden und deshalb durften auf dieser Ausstellung die Arbeiterorganisationen nicht fehlen. Die Verbände der Buchdrucker, der Lithographen und Stcindrucker, der Buchbinder und der Buch« und Steindruckereihilssarbeiter zeigen ihre Bestrebungen, ihre inneren Einrichtungen und Erfolge. Ebenso die Tarifgemeinschaft der Deutschen Buchdrucker und die Allgemeine Buchdruckerunterstützungskasse. Auch ein Faktorenbund existiert, der sich eine bemooste alte Ritterburg auswählte, um an ihr seine Leistungen darzustellen. Der Notenstecherverband, die kleinste Ge« ivcrkichaft mit 450 Mitgliedern, aber mit einer JahreSeinnahnie von 80 200 M, ist auch vertreten. Angesichts der drucktechnischen Entwicklung, die hier skizziert ist und die wenigstens bei den vorherrschenden Masscnerzeugnissen immer mehr auf die mechanische Produktion zielt, geht es ohne Ver« drängung der alten Techniken und ihrer Träger nicht ab. Aber das Ivar immer so. Die ersten Drucker verdrängten die Schreiber, die Lithographen und die Photographen verdrängten die kleinbürgerlichen Porträtmaler, die Photochemigraphen wollen die Holzschneider, die Kupferstecher und wahrscheinlich auch die Lithographen ver« drängen. In der künstlerischen OualitätSarbeit leben diese Berufe wieder auf. aber nicht mehr als Masse. Dagegen hebt sich die Arbeit an der entwickelten Maschine, die eine neue Art von qualifizierter Arbeit verlangt. II. H. 7] 3m Kosakenöorf. Von Maxim G o r k i. (Schluß.) Sie legte den linken Arm um meinen Nacken, bekreuzte mich mit der Rechten und sagte: „Leb' ivohl, lieber Freund! Christus möge Dir lohnen für das gute Wort und alle Freundlichkeit..." ..Wollen wir nicht zusammen gehen?" Sie riß sich von mir los und sagte ernst und bestimmt: „Nein... ich will nicht... Du paßt nicht zu mir... Ja, wenn Du ein Bauer wärest, aber so... welchen Sinn hätte das? Das Leben wird mit Jahren gemessen, eine Stunde kann da nichts bedeuten..." llnd sie ging, nur zum Abschied still zulächelnd, nach der Hütte. Ich setzte mich auf den Eichcnklotz und dachte über diese merk- würdige Frau nach: was wird sie im Leben finden? Werde ich sie jemals wiedersehend »« Es läutete zur Frühmesse. Das Dorf war längst erwacht, und ein gemessenes, mürrisches Leben regte sich darin. Als ich die Hütte betrat, um mein Reisebündel zu holen, fand ich sie bereits leer: alle waren offenbar durch die zerbrochene Wand sogleich auf die Straße getreten. Ich ging nach dem Militärbureau, bekam meinen Paß und begab mich nach dem Dorfplatz, um nach meinen Wandergcnossen zu sebcn. Wie gestern, hatten sich auch heute wieder die„Leute aus Rußland" an der Mauer entlang gelagert, saß der Bursche aus Pcnsa breit hingeflegelt da: sein zerschlagenes Gesicht erschien noch größer und abstoßender, und die Augen oerschwammen ganz jn den blutunterlaufenen Beulen. Ein neuer Kamerad hatte sich hinzugcfnnden— eiki graues, altes Männchen mit spitzem Kinnbart, in einem verschossene» Samt- käppchcn, mager und trocken. Sein Gesichtchen war nicht größer als eine Faust, die gebogene Ranbvogelnase war gerötet, wie porös« und die spitzbübischen Augen blickten böse drein. Der Rotkopf aus Orlow und der bewegliche kleine Bursche setzten ihm mit Fragen zu: „Warum treibst Du Dich eigentlich in der Welt herum?" „Und Du? Warum tust Du es?" fragte der Alte mit seiner dünnen Stimme, ohne von seiner Besckpistigung aufzusehen— er war eben dabei, den locker gewordenen Henkel seiner ruhgeschwärz- tcn blcchenern Teekanne mittels Drahtes zu befestigen. „Wir suchen uns Arbeit!" „Wir leben, wie es befohlen ist.. „Von wem befohlen?" „Vom lieben Gatt!" „Der liebe Gott spuckt aus Euch, Ihr Herumtreiber, die Ihr nur den Staub auf.seiner Erde aufwühlt.. „Wie denn? antwortet ihm jemand—„ist nicht Christus mit seinen Aposteln auch auf der Erde umhergewandert?" „In, Christus!" versetzte der Alte bedeutungsvoll und richtete dabei seine fcharsen Augen auf den Sprecher.„Mit tvcm vergleicht Ihr Euch da, Ihr Dummköpfe? Lästermäuler seid Ihr! Ich werde gleich einen Kosaken rufen..." So manchesmal schon hatte ich solche Streitereien gehört, die mir zuwider waren. Ich eilte, so rasch wie möglich fortzukommen. Ich stieß auf Konew, der ganz zerzaust und getvaltig schwitzend ankam. „Hast Du die Frau aus Riäsan— die Tätjana— nicht gesehen?" fragte er, unruhig blinzelnd.„Sie scheint in der Nacht losgetippelt zu fein, die Hexe! Ich Hab' da gestern irgend was zu trinken bekommen, irgend'neu Aufguß, und Hab' die ganze Nacht wie ein Bär geschlafen... Sie scheint mit dem Lümmel aus Pcnsa gegangen zu sein..." „Der sitzt ja dort drüben!" sagte ich und zeigte nach dem Genannten. „Ei, sich' dock...! Himmel, wie sie den zugerichtet haben! Die richtigen Heiligenbildmaler..." Er begann sich wieder unruhig umzusehen. „Wohin nur die beiden Weiber gegangen sind?" „Vielleicht in die Messe..." „Kann sein. Natürlich! Das Frauenzimmer hat mir's richtig angetan..." Doch auch nach der Frühmesse, als das sonntäglich geputzte Kosakcnbolk unter hellem Glockengeläut aus der Kirche strömte und sich in bunten Bächen über das Dorf verteilte, fanden wir Tatjana nicht. „Sie ist fort," brummte Konew traurig.„Na, ich werde sie schon noch treffen... werde sie finden...1" Ich zweifelte daran, daß er sie finden würde, und ich wollt« es auch nicht. * Fünf Jahre später spazierte ich eines Tages auf dem Hofe dcS Gefängnisses in Tiflis auf und ab und suchte vergeblich zu erraten« weshalb man mich eigentlich eingesperrt hatte. Malerisch finster von außen, war das alte Kerkcrgebäude in« wendig um so lustiger: es erschien mir wie ein fideles Liebhaber- thcater, dessen Insassen„mit obrigkeitlicher Erlaubnis", gleich halb- wüchsigen jungen Leuten, sehr eifrig, doch dabei ziemlich ungeschickt die Rollen von Arrestanten, Aufsehern und Gendarmen spielten. Heute zum Beispiel war der Aufseher mit dem Gendarmen in meine Zelle getreten, um mich zum Spazierengehen abzuholen. „Könnte ich heute mal nicht spazieren gehen?" fragte ich.„Ich fühle mich nicht wohl, und ich möcht' auch nicht..." Der große, stattliche Gendarm hebt streng den Zeigefinger auf und sagt zu mir: „Du hast hier nichts zu möchten, verstanden?" lind der Aufseher, ein Mensch, so schtvarz, wie ein Schornstein- feger, läßt seine Augen, deren Weißes seltsam bläulich schimmert, wild rollen und bekräftigt in gebrochenem Russisch den Ausspruch des Gendarmen: „Keiner darf hier möchten,'stchste woll?" Nun— und so geh ich eben spazieren. Jn dem mit Steinen gepflasterten Hofe ist es heiß tvic in einem Backofen. Ein quadratförmiges Stück Himmel, flach, trüb und staubig, hängt über dem Hofe, hohe graue Mauern umgeben ihn von drei Seiten, und auf der vierten befindet sich das Tor mit seinem sonderbaren, düster dreinschauenden Ueberbau. lieber die Dächer dringt dos wilde Rauschen der Kura und der dumpfe Marktlärm des asiatischen Stadtviertels herüber— es ist mir, als säße ich im Innern einer Trommel, auf deren Fell eine ganze Anzahl von Schlegeln lospaukt. Aus den beiden Fensterreihen des zweiten und dritten Stock« Werks schauen durch die Gitter dunkle Gesichter, ich kann deutlich die krausen Köpfe der eingeborenen Kaukasier unterscheiden. Einer von ihnen bemüht sich krampfhaft, mich anzuspucken, ohne jedoch seine Absicht zu erreichen. Ein anderer ruft in cinemfort:. „Heda, Du! WaL kriechst Tu se�wie ein Huhn herum? Nimm doch den Kopf hoch!" Ich schreite im Schatten des Gcfängnisgebäudcs dahin, imme< 420 wieder nach den Fenstern hinaufschauend. Plöhlich sehe ich in einem der eisernen Quadrate ei» halb traurig, halb erstaunt dreinschauen- des blaues Augenpaar in einem von spärlichem dunklem Bartwuchs dedeckten Gesichte. ..Konew?" sage ich halblaut, wie für mich. Er ist eS— ich habe mir diese Augen, die mich jetzt blinzelnd anschauen, Wohl gemerkt. Ich sehe mich vorsichtig um— mein Aufseher sitzt im Halb- schlnmmer auf der schattigen Treppe am GefängniSciugang, zwei andere Aufseher spielen Dame, und ein vierter sieht zu, wie zwei sVefangene Wasser pumpen. Ich gehe näher an das Gebäude heran. .„Konew— bist Du es?" „Der Konew bin ich wohl," murmelte er, den Kopf dicht an das Gitter pressend—„aber ich kenne Dich nicht.. ...Weshalb bis Du hier?" „Wegen Falschmünzerei... Ich bin nur ganz zufällig dazu jgekomme»...". � Der Aufseher ist erwacht, sein Schlüsselbund rasselt, und ich höre ihn in verschlafenem Tone rufen: „Bleib' nicht stehen... geh weiter.., An der Wand stehen ist verboten..." >„Weiter im Hofe ist's so Heist, Onkel..." „Ueberall ist's Heist, sagt er und lästt seinen Kopf wieder sinken. „Und Du— wer bist Du?" fragt Konew von oben her leise. „Erinnerst Du Dich noch der Tatjana auS Njäsan?" „Wie soll ich mich nicht erinnernl" versetzte er leise, und es klang, als fühle er sich gekränkt durch meine Frage.„Wir haben doch zusammen vor Gericht gestanden!" „Auch sie... wegen Falschmünzerei?" „Natürlich... Auch sie ist nur zufällig dazu gekommen, ganz lvie ich..." Ich schritt langsam im schwülen Schatten der Mauer hin. Aus den Kellerfenstern stieg ein Duft von moderigem Leder und über säuertem Brot auf. Ich dachte an Tatjana, an ihre Worte: „In großem Kummer gibt auch eine kleine Freude schon Trost..." Ein neues Dorf wollte sie auf Erden aufbauen, ein neues, schöneres Leben begründen... Ich erinnere mich ihres Gesichtes, ihrer vertrauenden, fcknsucht- ierfüllten Brust— von oben her aber fallen Konews leise, aschgraue Worte zu mir nieder: „Der.Hauptschuldige war ihr Liebhaber— ein Popensohn, der die Sache ins Werk gesetzt hatte... Zehn Jahre hat er ab- bekommen..." „lind sie?" „Tatjana Wlasfjcwna hat sechs gekriegt ,und ich ebenso viel. Illebcrmorge» geht's nach Sibirien... die Maus sitzt in der Falle! In Kutais wurden wir abgeurteilt— bei uns in Rustland wären loir billiger weggekommen....Hier ist das Polt wild und böse ein wahres Spitzbubenvolk..." „Hat sie Kinder gehabt?" „Bei dem Lasterleben? Wie kann sie da Kinder haben...? Der Popensohn war noch dazu schwindsüchtig..." „Schade um sie!" „Gewist ist's schade!" flüsterte Konew lebhaft, fast laut...Ein dummes Frauenzimmer war sie ja, aber hübsch...- Ei» seltenes Weib,»sie gesagt... so mitleidig gegen die Mensche»..." „.Hast Du sie damals gleich gefunden?" „Wann?" „Damals, nach Maria Himmelfahrt..." „Nein... erst im Winter Hab' ich sie getroffen, lange nach Madä Fürbitten. Kinderfrau war sie bei einem Offizier, dem die Frau weggelaufen war..." Ein Geräusch ertönt hinter mir, wie das Knacken eines Ne- tzolverhahns: der Aufseher hat den Deckel seiner grasten silbernen Taschenuhr zugeklappt. Jetzt steckt er sie ein, reckt sich und gähnt wobei er den Mund weit aufreiht.. „Sie hatte damals Geld. Bruder, und konnte ganz gut leben wenn nicht ihre Liederlichkeit gewesen wäre... Aus lauter Mit leid war sie liederlich..." „Der Spaziergang ist zu Ende— heda. Du!" rief der Aufseher ..Wer bist Du eigentlich?" fragte Konew nochmals.„Dein .Gesicht ist mir bekannt— aber wo Hab' ich Dich gesehen...?" Ich gehe nach meiner Zelle, auss tiefste erregt durch das, was lch gehört habe. Auf der Treppe bleibe ich noch einmal stehen und rufe laut: „Leb' wohl, Bruder! Grüste sie von mir...!" „Was schreist D» da?" fährt der Aufseher mich ärgerlich an. Im Korridor ist es dunkel, ein abscheulicher Kloakengeruch herrscht darin. Der Aufscher schwingt den tlirenden Schlüsselbund. öffnet die Tür meiner Zelle und ruft mir brummig nach: „Da... sitz', bist Du schwarz wirst!" .. Ich stehe am Fenster llevcr die grauen Zinnen de. Mauer hinweg sehe ich die rasch dahinströmende Kura, die Hütten und Häuser an ihrem Ufer, die Gestalten der Arbeiter auf den Dächern der Gerbereien. Unter meinem Fenster geht, die Mütze tief im Nacken, der Wachtposten auf und ab. -... An meinem Geiste ziehon die Hunderte und aber Hunderte russischer Menschen vorüber, die ich ohne Nutzen, ohne Sinn und Vcrantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u. Verlag weck zugrunde gehen sah, und ein tiefer, düsterer, quälender lram, dem ich nicht entrinnen kann, der mir für mein ganze» Leben mitgegeben ist, legt sich schwer und dumpf auf mein Herz. Kleines Feuilleton. Völkerkunde. Die Warundi. Auf dem 19. Deutschen Geographentage prach Professor Hans Meyer- Leipzig auf Grund seiner im Jahre 1911 unternommenen Expedition über die Warundi in Ostatrika: Der Stamm ist einer der ivichtigsten unserer ostafrikanische» Kolonie. Da? Land ist ungefähr 30 000 Ouadralkilometer groß und hat eine Einwohnerschaft von mehr als l'/z Millionen. Obgleich Urundi feit 25 Jahren unter deutscher Oberhoheit steht, ist für seine Erforschung bisher so gut wie nichts getan worden. Nachdem Prof. Meyer die bisher noch fast vollständige Abgeschlossenheit des Besuches und die feindliche Haltung der Bewohner gegen die Europäer gelcnnzeichner hatte, ging er an Hand schöner Lichtbilder aus eine Schilderung des GebirgS- und Hochlandes von llrundi ein, das vsUicli der Nordhälfte des Tanganikasees gelegen ist, zeigte. lvie der Urwald dort durch die Ackerbau- und Weldelandkutinr ast verdrängt ist, lvie sich nur in den Flusttälcrn Pap>>rns- dickichte halten, die die Kultur dcS Menschen auf die Höhen deS Landes zwingen. Die Bevölkerung besteht ans drei Elementen, dem Zlvergvotk der B a t w a als Urbelvohner, die durch die von Osten eindringenden Ackerbautreibenden Bahnt«(Bantus mit dem Urwald bis auf Reste verdrängt worden sind, lieber die Bahutu hat sich als Herrscherkaste seit 1500 nach Chr. das etwa 100000 Köpfe starke auS dein Norden eingelvanderte Hirtenvolk der B a t u s s i geschoben. Die Batnisi treiben die Viehzucht mehr als Sport, während alle eigentliche Arbeit von den Bahutu geleistet wird. Die BatwaS sind eine Pariaklasse, incist Töpfer und Schmiede. Der Redner gab einen anschaulichen Einblick in das Leben der Urundi und ging auf das StaatSleben ein. Der Staat ist eine Monarchie, der König stammt auS dem hainitischen Adelsgeschlechte der Waganda, findel aber in den übrigen Clans der Batussi, die als LehnSinann des Königs das ganze Land besitzen, nnd ihrerseits über die Bant» herrschen, ein starkes Gegengewicht. Sic stellen dem König Krieger. Vieh nnd Naturalien. Seit 1012 unterhält die deutsche Regierung eine Residentur im Lande,»ntcrstiitzt die Unabhängigkeitsbestrebungen der Adligen, um das Land leichter in Schach hallen zu können. I» Urundi kann mindestens dreimal mehr produziert werden, aber bis jetzt fehlte die Absatzmöglichkeit. Im Anschlust an die Tanganika- bahn werde Urundi vom Westen her sin Anschluß an die Uranda- bahn von Osten her erschlossen, und sicher iverde es einen hohen Ausschwung nehmen, da es guten Boden, gutes Klima»nd eine so zahlreiche arbeitsame Bevölkerung hat, wie kein anderes Land unseres ostafrikanischen Schutzgebietes.(Dieser KolonialoptimiSnniS des Professors Meyer ist in unserm Artikel über die Ruanda-Bahn be- reits ividerlegt worden.) Ans dein Tierleben. Der Niedergang dcS Storches in Mecklenburg. Mit Bedauern und Entrüstung werden alle Naturfreunde bore»,>vie übel dein Storch in Mecklenburg mitgespielt wird, das noch vor kurzem als eins der stvrchrcichsten Gebiete Deutschlands galt. Im Jahre 1901 hatte Pfarrer Elodius in Cnmin eine Volkszählung der Störche in Mecklenburg angestellt, die in» ganzen 1821 Ortschaften umfastte, nämlich 1522 in Mecklenburg-Schwerin, 205 in Mecklenburg- Strelitz und 84 im Fürstentume Ratzcbnrg. Damals zählte Clodins 3094 besetzte Storchnester. Wie nun die„Naturtvissenschaften" niitteileir, hat die Storchzählung des Jahres 1912 nur noch 1072 besetzte Nester ergeben:„Der Storch hat also in ungefähr zehn Jahren in Mecklenburg um 60 Proz. ab- genommen. Seine Zahl ist in der kurzen Spanne Zeit auf ein Drittel zusammengeschmolzen. Geht das Tempo so weiter, so lvird er. wie Elodius richtig bemerkt, der heranwachsenden Jugend ein unbekanntes Tier sein, llm zu zeigen, lote schnell der Rückgang der Vögel in einzelnen Gebieten gelvesen ist, mögen einige Zahlen an? der Clodiusschen Mitteilung hier angeführt sein. Die Prä- Positur Schwast umfaßt 57 Ortschaften. Diese hatten im Jahre 1012 5!» besetzte Nester gegen 218 im Jahre 1901. AuS 39 Ort- schasten ist der Storch verschwunden! Als weiteres Beispiel sei die Präpositur Bützolv init 32 Ortschaste» genannt: 1901 142 und 1912 34 Nester; 23 Dörfer wiesen keinen Storch mehr auf. Und ferner: die Präpositur Wittenberg beherbergte 1911 137 und 1912 45 besetzte Storchnester. 39 Ortschaften von 53 hatten die Art nicht mehr. Diese Zahlen lassen sich ver- mehren, doch dürften sie genügen. Und lvaS ist an dieser entsetzlichen Vernichtung eines unserer schönsten Vögel schuld? Nicht die Kultur, die in den Dörfern die alten Strohdächer durch Steindächer ersetzt, nicht eine andere Behandlung des Bodens, nicht die Entwässerung einzelner Gebiete, nickit das Zurückgehen der Nahrung, sondern in der Hauptsache das Eingreifen rabiater Jagdliebhaber, die in dem Storch den gefährlichsten Vernichter ihrer Fasanengehege nnd ihrer Junghasen sehen. ES tvnrde, bemerkt Clodins. eine dankenswerte Aufgabe der Landcsgesetzgebung sein, Wege zu finden, diesem Unfug zu steuern." VorwärtsBuchdnlckcrei u.Vertag»an>laltPaulSl»geröcCo.,BerlmLW.