Llnterhaltungsbtatt öes Vorwärts Nr. III. Freitag, den 12. Juni. 19�14 l.-___,'f.---—-_________________________!■ a]?us unö Recht. Roman von Fred B. Hardt. „Stfjeit Sie, das ist schnell erledigt, Sie hätten sonst lange warten müssen. Und Meinhold wird Ihnen das noch genau aufschreiben, dann können Sie die Auskunft gleich mitnehmen." „Danke sehr, Herr Rechtsanwalt. Ich bin recht froh, daß ich nicht lange habe warten brauchen. Ich bin Geschäftsmann und in meinein Geschäft warten sie schon auf mich." „Ich bin auch Geschäftsmann: Auf Wiedersehen I" So hatte Dr. Werner in wenigen Minuten drei Aiige- legenheiten erledigt oder doch in die richtige Bahn gelenkt. Jeder nahm trotz der kurzen Zeit, die er mit ihm gesprochen hatte, einen persönlichen Eindruck von ihm mit. Er ließ nie einen neuen Klienten fortgehen, ohne wenigstens ein paar Worte mit ihm gewechselt zu haben. Er verstand sehr wohl, daß der Klient eben ihn sprechen wollte und enttäuscht fortgegangen wäre, wenn der Bureauchef ihn abgefertigt hätte. Er war es ja, der helfen sollte. Die anderen waren feine Arbeiter, seine Ausführenden. Und sein frisches Wesen, seine ruhige, bestiimnte Art wirkte stets vertraueneinnehmend und gab den Scheidenden den Eindruck mit, das; sie an die richtige Schmiede gekommen waren, wo flink und sicher gehämmert wurde, und der Schmied liberal! selbst eingriff. Dr. Werner war in sein Schreibzimmer zuriickgekchrt und nahm ein umfangreiches Aktenstück zur Hand, in dem er mit Bleistift eiirzelne Stellen anstrich, während er eine Tasse Tee trank, die ihm seine Wirtschafterin Frmi Dietze zurechtgestellt hatte. Das Telephon klingelte. „Wer? Baron von Lesky?— Ja, ja, ich weiß, aber es geht nicht.— Er sah nach der Uhr auf dem Tisch.— Halt,— 'rübcrkommen!" Er trank seinen Tee aus. Da klopfte es schon. „Lieber Herr Baron," sagte er, dem Eintretenden ent- gegengehend, und drückte ihm die Hand,„es ist mir ganz nn- möglich, heute mit Ihnen zu konferieren. Ich inus; um sechs auf die Industriebank und bis dahin noch dieses Monstrum durchlesen." Er wies auf das umfangreiche Aktenstück, das auf seinem Schreibtisch aufgeschlagen war. „O, das bedauere ich sehr, denn, wie Sie wissen, pressiert die Sache. Morgen abend ist im Nennverein die Sitzung." „Weist ich, weist ich Aber ich habe auch schon einen Aus- weg," lachte er.„Ich fahre morgen 8 Uhr 30 nach Berlin au einer Besprechung. Sönnen Sie bis Rödcrau mitfahren? Ich nehme den Sekretär mit. Und in Röderau haben Sie Ihr Programm fix und fertig aufgesetzt und sauber getippelt." „Geht denn das. lieber Doktor?" „'s geht alles. Also abgemacht! Morgen früh 8 Uhr 30 Hauptbahnhof. Ich lasse ein Halbkupee reservieren. Wir erledigen alles bis Röderau und Sie fahren mit dem nächsten Zug zurück, und abends stecken Sie mit dem Programm alle Gegner in die Tasche," fügte er lachend hinzu. „Das ist ja fast amerikanisches Tempo." „Das können wir ebensogut auch hier im alten Europa, Verehrtester Baron. Also morgen früh." „Auf Wiedersehen und vielen Dank, Sic Ainerielni boy." Dr. Werner ging an den Schreibtisch zurück, und während cr n�t den Augen die Stelle suchte, wo er aufgehört hatte, nahm er den Hörer vom Tischtelephon in die Hand. „Meinhold? Lassen Sie sofort ein Halbkupee Erster reservieren für morgen früh 8 Uhr 30 nach Röderau. Dietrich fährt mit. Soll kleine Blickensdörfer mitnehmen. Und stecken Sie mir in ein Kuvert die Statuten vom Rennverein und die beiden Protokolle der letzten Sitzungen.— Nein— nur bis Röderau. Dietrich ist nachmittag wieder im Bureau.— Und nun niemand mehr.— Schlust." Er vertiefte sich wieder in die Arbeit: Es war ein schwie- rigeS Gutachten, das die Industriebank, als Gründerin einer Gesellschaft von ihm erbeten hatte. Kommerzicnrat van Bosch, der Direktor der Bank, der mit ihm befreundet war, hatte ihn ersucht, das Gutachten in einer Konferenz selbst vorzutragen, an der die vier Hauptgcscllschoftcr teilnahmen, in der Er- Wartung, dast die persönliche Art des jungen Anwalts die Gesellschafter beeinflussen würde, dem Prozest gegen die Stadt Berlin zuzstinnnen. Der Prozest war notwendig, doch einige der Herren wollten ihm aus dem Wege gehen. Ec' waren seh� vermögende Herren, die das Interesse an der Gesellschaft vcr- loren hatten und lieber den Verlust abschreiben wollten, als die Unannehmlichkeit einer langen Prozestfiihrung auf sich zu nehmen, deren Erfolg ansterdem noch, nach der Ansicht eines namhaften Berliner Anwalts, nicht sicher war. Die Bank dagegen wollte den Prozest unter allen Umständen durchführen» war aber an das Einverständnis der Gesellschafter gebunden. Dr. Werner hatte die Akten eingehend studiert und war zu einer änderen Ansicht gekommen als der Berliner Anwalt. Es reizte auch seine Eitelkeit, sich mit dein berühmten Kollegen zu messen. Zehn Minuten vor sechs Uhr legte Dr. Werner die Akten zusammen. Er- war ganz klar und wußte auch, wie er die Sache anfassen mußte. Er lächelte vor sich hin, denn es war etwas Schauspielerei in dem, was cr vorhatte. Mnnchinal empfand er eine Freude an solchen Stückchen, die Leute zu verblüffen, um sie dann um so sicherer zu seiner Ansicht zu führen. Er selbst lächelte darüber und stand über der Sache. Und es wäre ihm ine beigekommen, die kleme Komödie in Abrede zu stellen. Dix Herren warteten schon ans ihn. Kommerzienrat van Bosch stellte vor: Kommerzienrat Pfannstiel ans Frankfurt» August und Adam Gildemeister aus Köln, der Geheime Koni» merzienrat Lutanus ans Berlin und der Direktor der Gesell- sckzaft, Spiegel. Dr. Werner fühlte sofort die unwillige Stimmung, die in dem Kreise der Herren sich verdichtet hatte. Sie waren der wiederholten Sitzung in dieser Unerquicklichen Angelegen- heit schon überdrüssig und konnten kaum ihren Aerger gegen den Direktor Spiegel, dem sie die Schuld beimaßen, verbergen. Nachdem die Herren Platz genommen hatten, begann Dr. Werner: „Sie wünschen meine Ansicht über diesen Prozest gegen die Stadt Berlin zu hören, über dessen Ursache Sie alle in» formiert sind.— Er machte eine kleine Pause.— Ich bin ganz der Ansicht des Herrn Iustizrats Israel, dast eine Klage wenig Aussicht aus Erfolg hat." Kommerzienrat van Bosch sah erstaunt ans: am Morgen hatte ihm Dr. Werner noch telephoniert, dast der Prozest unter allen Umständen gewonnen werden müsse, und nun? Sollte Dr. Werner seine Ansicht so schnell ändern? August und Adain Gildemeister blickten sich, an, als wollten sie sagen, siehst Du. nichts ist's mit dem Prozeß. Und Direktor Spiegel machte ein langes Gesicht: das Gutachten von Dr. Werner war die letzte Hoffnung, sich zu halten. Dr. Werner sah absichtlich über Kommerzienrat van Bosch hinweg und fuhr dann fort. Er sprach klar mrd ganz sachlich: wies nach, dast der Klageweg, den �rstizrat Israel vorgesehen hatte, zu keinem greifbaren Ergebnis führen könnte, zeigte aber einen anderen gangbaren Weg, der das, worauf es cm- kam, der Gesellschaft sicherte. Nachdem er sein Gutachten vorgetragen hatte, legte er die Schriftstücke in seine Aktenmappe, zog die Uhr und sah nach Konunerzienrat van Bosch. Es lag ein leises, fast maliziöses Lächeln in seinem Blick. Die Herreil schwiegen noch. Sie fühlten sich überrumpelt und suchten nun das goldene Brücklcin, um von ihrem„irein" zu einem„ja" zu gelangen. Dann sagte Kommerzienrat van Bosch, der die Sachlage schnell erkannte:„Ich denke, meine Herren, daß wir nach dem klaren Gutachten des Herrn Dr. Werner den Prozest umgehend einleiten werden. Wir haben jetzt eine ganz andere Basi's," „Natürlich, natürlich. Umgehend," stinmite der Geheime Kommerzienrat Lucanus zu, und auch die anderen Herren gaben ihre Einwilligung. „Das war wohl alles," sagte Dr. Werner,„was die Herren von mir wünschten," und stand auf—„ich muß noch aus der Kanzlei verschiedenes erledigen und bitte mich zu eilt- schuldigen." Die Herren erhoben sich ebenfalls und schütelten Dr. Werner die Hand. Kommerzienrat Pfannstiel legte sogar seine dicke Zigarre auf eine» Augenblick weg. N»d Direktor Spiegel verbeugte sich iuehrinals hastig. Als die Herrur allein wgreir, nreinte der Geheime Kom- merzienrat Lucauus zum Kommerzienrat vair Bosch: „Das ist Wohl Ihr zukiiustiger Syndikus? Gratulieret" „Nein, leider nicht. D>v Werner läßt sich nicht einfangen. Er liebt seine Unabhängigkeit. Außerdem, glaube ich. hat er so hohe Einnahmen aus seiner Praxis, daß ihn das Gehalt als Syndikus nicht reizen würde." „Aber wie wäre es. wenn wir ihm den Posten eines Auf- sichtsrats in unserer Gesellschaft reservierten?" meinte August Gildemeister. Das war das erste, was er sagte, er liebte nicht viele Worte, und die knappe Art der Darstellung von Dr. Werner hatte ihm gefallen. „Das wollte ich auch den Herreu vorschlagen," stimmte Kommerzienrat va» Bosch bei.„Ich kann jede Garantie für Dr. Werner übernehmen." „Wird gemacht," sagte der Geheime Kommerzienrat Lucanus. „Ich werde den jungen Maim im Auge behalten. Und Ihnen ist wohl auch etwas leichter zumute Herr Direktor Spiegel?" meinte er zu diesem gewendet. „Die Herren wissen ja, daß ich von Anfang a» für den Prozeß war." Direktor Spiegel fühlte sich jeht sehr sicher, nachdem ihm Dr. Werner sein Direktorstühlchen neu gepolstert hatte. „Eine AltcrsversicheruugSgesellschaft ist unsere Gesell- schaft aber nicht. Herr Direktor Spiegel. Diesen Irrtum möchte ich Ihne» nehmen," sagte Adam Gildemeister scharf. Er war ärgerlich über die törichte Antwort. Kurz nach sieben Uhr war Dr. Werner wieder auf seiner Kanzlei. Er hatte noch einen beträchtlichen Stoß Schriftstücke und Briefschaften durchzusehen und zu unterschreiben, mit dem Bureauchef abzuschließen und noch mit dem Assessor wegen der morgigen Termine zu spreche». Erst nach acht Uhr war sein Tagewerk zu Ende.(Forts, folgt.) Neue Erzählungsliteratur. Georg A S m u s s c n: Leibeigene.(Ck. Ncißner, Dresden.) ASmussens Roman ist in der ersten Hälfte historisch gefärbt und liest sich Ivie eine alte nordische Ballade. Im Mittelpunkt steht Detlev Tranim und„die Gesiegelten". Schauplatz ist das alte adlige Gut Düttebühl an der Oslkiiste Schleswigs um 1730. Leibeigene, geknechtete Feldbauern, die sich aufbäumen und auflehnen, kämpfen gegen die Herren des Bodens und die dänischen Behörden. Die Gesiegelten revolutionieren die geduldigen Ackersklaven. Die Ge- siegelten sind ein Geheimbund von Unzufriedenen und Intelligenten, an ihrer Gpitze steht Detlev Tranim der Einäugige, dem die Reit« peitsche de? rohen Mnchtbesitzers Ravenbarr das andere Auge aus« geschlagen. Unter Führung dieses Heilandes der Bauern tragen sie ihren Namen nach dem Siegel deö Kreuzes, das ihnen auf der bloße» Brust eingebrannt war. Aber was vermochte im 18. Jahrhundert die jäh« Welle der Wut und Empörung eines Häufleins Leibeigner, denen die große Macht solidarischer Organisation fehlt, gegen die brutale llebermacht des historischen Gewaltrechtes! Die Soldateska stand auch damals schon hinter den Herren. Das Urteil wartete auf die Aufrührer, Tod oder Kerker löschte schnell und sicher ihr rebellische« Menschentum aus. Der einäugige Heiland entfloh ans einem Boot nächtens mit seiner Mia, einer lvrischcn Kuhmagd, kam»ach Groningen, wurde„Bürger" und zeugte ein Geschlecht, an dem sich der Fluch der Leibeigenschaft weiter erfüllen sollte. Weh dir. daß du ein Enkel bist, dieses Wort bewahrheitete sich an seinem Enkel, einem Bauernstudcnten. Auf- gestiegen ins„Geistige", muß er das Elend, die Abhängigkeit des „KopfproletariatS" bis zur Neige auskosten. Die Knute ist gefallen, aber tausend Prügel unserer Gesellschaftsordnung beulen ihn dafür. Zu« letzt ist Alkohol der Betänber, das erlösende Ende aber der Selbstmord. Die Leibeigenschast geht durch die Welt noch heute— das ist der Sinn des blutwarm und lebendig geschriebenen sozial-historischen Romans. Ehedem und heute— überall Sklaverei. Kapital, Unternehmertum, Gesetze und eigene Laster mürben den Menschen, der den„goldenen" Schlüssel des Lebens nicht hat. Klarheit des Gestaltens und Menschenkenntnis geben der schwermütigen niederdeutschen Ge« schichte ihr besonderes Merkmal, ihre Naturfreudigkeit hebt sie über Frenflens Düsterheit, dessen Art Asmussen vertritt, hinaus. Gustav Wied: Pastor Sörensen u. Comp.(Axel Junkers Verlag, Berlin-Charlottenburg.)„Der leibhaftigen Bosheit opus 3"— so der Untertitel des Buches— ist eine der saftigsten Satiren gegen pfäffische Muckerei und Moralschnllsselei, die ja über den Sund zu uns gekommen sind. Der dänische Simplizissimus zeichnet seine Bilder aus dem dänischen Familienleben wie unserer Th. Th. Heine: kraftvoll, schonungslos, bis zur Grenze der Karikatur treffend und doch mit jenem Lächeln, das über den Dingen steht. Seine Figuren aus der Bürger« und Bcamtenschicht aus der Stadt Söbv im„Fürsientunr Flachland", seine Klatschbasen und Bildung«« Philister, Bürgermeister und Oberlehrer, seine brummigen, bärtige» Zöllner und Amtmänner, seine sonstigen Mitläufer am Karren des Gesellschaftsschwindels, auch die Gegenspiele, sein liebevoll gezeich« neteS, in Nackt- und Schönheitskultur machendes Außenseiter-Maler» Ehepaar Neumann sind wahr geschaute Typen, mit einem heiteren. einem nassen Auge betrachtet und mit jener Treffsicherheit wieder« gegeben, die sofort den Leser in das lebendige Leben stößt. Dein Pfarrer Sörensen selbst, diesein edlen Vertreter redseligen Christentums und planmäßigen Zerstörer des Familienfriedens und Eheglücks, begegneten wir allerdings schon einigemal in der satirischen und ernst-ingriminigen Aufklärungsliteratur. Zuletzt bei L. Thoma und Herinanu Stehr, dem grüblerischen Schlesier. Wied läßt bei diesem zelotischen Wolf in Schafskleidern 2X2 nicht& sein, sondern zieht scharf und genau die Summe seines gesalbten Lebens. Zu seinem Hund redet der alte Demokrat und Freigeist Knagsstedt über daS„christliche Wirken" besagten Moralpastorö also: „Unser lieber kleiner Freund Neumann ist heute gestorben, er hat sich selbst das Leben genommen, iveil sein Pfarrer ihm gesagt hat. daß er gegen die Gebote der Religion und Moral verstoße, daß Mann und Frau zu viel Gefallen daran finden, einander nackend zu sehen. Aber derselbe Pfarrer, lieber Hund Jochum, hörst Du l hat seinerzeit ein vierzehnjähriges Mädchen verführt und zu seiner Ge- liebten gemacht I" Man blickt in diesen dänischen Sittenspiegel und findet darin das meiste„ganz wie bei uns". Aber nicht nur da» Gegenständliche— Jagow und die Berliner Postkartenschnüffler wären ein hübscher Stoff für Wied— auch das Formale, die witzige Art Wieds fesselt von der ersten bis zur letzte» Seite. Alice Bereu d: Frau Hempels Tochter.crlen ist durch Nietzsche und Taine gegangen, unterscheidet sich er von deren gemeiniglich hcrumwimmclnden Schlagwort-Epigonen ach die Romantik semes WeltcmpfindenS, durch die auslösende aft seiner dichterischen Phantasie und den fast zynischen NchiliS- iS seiner Moral- und Sittenanschauung. Der Verfasser zweifellos noch jung, ober durch besondere Umstände ' frühreif, grüblerisch, tiefschürfend und hellsichtig geworden, ß es einen zünftigen Professor und Psychologen bange ichen könnte. Die Kunst der den feinsten Regungen nachspürenden eelenanalyse SeyerlenS ist schwerlich zu übertreffen. ErziehungS- id Schulromane ä I». Strauß und Hesse scheinen mit eincmmal irenzt gegen diesen großangelegten, weithorizontigen und zum >en Teil geglückten Versuch einer absoluten, wirklichen Natur- dichte des hochentwickelten jungen geistigen Tieres Mensch, in � mit fast wissenschaftlicher Methodik und einer künstlerisch-sitilichen »rchtlosigkeit obnegleichen alle Verhältnisse des erwachenden Knaben, s mannbaren Jünglings zu Menschlichem und Uebermenschlichcm, r Mutter und zum Weibe, zur Sprache, zur Schule, m Musikempfinden, zur Kunst, zum Laster, Sport und uir, zu den große» Geistern der historischen Welt und oen nimmer rastenden Dämonen der modernen Seele bloßgelegt rden. Kurz und gut: diese Jugendgcschichte des mit jüdischem nt gesprenkelten Patriziers Jörgen Hubertus van Dryn fder zu- lzl aus schinerzlicher Scham über die Erkenntnis der Greuel des bens Selbstmord verübt, aber ganz gewiß über seine späteren Er- 'ahrungcn»och ein zweites Buch schreiben wird) ist ein beachlenS- werter Wurf. Daß das Buch Alfred Kerr gewidmet ist und sein Stil teilweise dem KerrS entspricht, schadet ja weiter nichts. Seyerlen ist sich auch, wie aus manchen Textstellen hervorgeht, des exzentrischen Sprachstils seines Buches bewußt. Immerhin ist ein aphoristisches Ringen mit dem Ausdruck und Geist der Sprache angenehmer als nüchtern akademische Bandwurm- und Schachtelsätze. J. V. 4) Mojave-Vüste. Von Arthur Holitscher.' (Schluß.) Larry wischt sich den Mund, lehnt sich im Stuhl zurück und pfeift leise einen Gassenhauer, ehe er sich zum Antworten bequemt. Es ist ein richtiges Interview, und Larry gerät ins Renommieren. „Das letztcmal, wie ich in Frisko ankam, hat mich eine Dame vom Bahnhof in ihrem Auto zu einer Lustfahrt durch den Park mit- genommen! Wenn ich gewollt hätte— aber eine Woche später war ich wieder unterwegs." „Wer war die Dame?" fragte die Milliardärin Walsh-Wintrop dumm. Sie kommt jedes Jahr für ein paar Wochen nach San Fran- zisko und kennt die smarte Welt wie ihr« Tasche. „Sie denken doch nicht, ich werde eine Lady verraten, was?" „Eine Wohltäterin!" bemerkt der Novellist, der einen Charakter» zug aus Larry l�rausholen möchte. „Ach was, auf Wohltaten spucke ich! Aber ein Angeber bin ich nicht. Hätte ich Talent dazu, ich säße längst in Uniform auf einem Polizeirevier, wo mancher von uns schon gelandet ist, sobald ihn seine Kniekehlen nicht mehr vorwärts getragen haben." „Sie sind wohl sehr stark, daß Sie so unter dem Wagen fahren können... Welches Gewerbe haben Sie ausgeübt, ehe Sie so..." „Zement; Portland in Oregon. Daher kann unsereiner auch Staub schlucken, so viel er will..." „Man mutz lehr stark sein, nicht wahr? man mutz sehr stark sein dazu?" fragt das junge Mädchen. Sie hat beide Hände an ihre Wangen gepreßt, ihr Haar ist ganz verborgen von dem Schleier, sie sieht zerrauft auS und ihr Gesicht hat keine gute Farbe. „So stark gar nicht, Lady. Mut und Geschicklichkeit, tbst's all. Sich richtig betten, ohne Angst, datz man herunterfällt. Wenn die Kappe einem vom Kopf fliegt, danach greifen, wenn man sich auch die Finger an den Steinen blutig schindet." „Wie? man kann die Hände frei bewegen da unten?" „Natürlich, alle Gliedmahen müssen frei spielen können, federn, nirgends fest, allcZ lose, wie auf einer Matratze, darauf kommt's an." „Und wenn Sie schlafen wollen, ich meine Sie und Ihre Käme» roden.. Larrys Augen werden ganz klein; er hebt seine Serviette zum Mund und gähnt lange, tief und überzeugt.„Tommz? rot Kameraden! Sagen Sie ruhig Bums, Tramps, Hobos. Sie haben recht! Bei Nacht— ich werde jetzt schlafen gehen; Hab eS verdient. Hello, Kellner! Die Direktion bezahlt'S. Wecke» Sie mich zum Dinner." Und Larry begibt sich mit kurzem Nicken aus dem Speisewagen hinaus.— „Man sieht," wendet sich der Novellist zu Mrs. Walsh-Wintrop« „diese Menschen, für die die Gesellschaft keine Verwendung hat, stellen im Grunde den Ausbund von dem oor, was unsere Pioniere; ehemals gewesen sein dürsten." Ein alter Herr mengt sich ins Gespriich.„Ein stehendes Heerl tut uns not. Solche Desperados haben immer noch die besten Soldaten abgegeben." „Aber die Disziplin, darauf kommt es an!" „Glauben Sie, datz einer, der's aus eigenem Antrieb und Selbst� erziehung drei Nächte lang in solcher Lebensgesahr aushält, sich nicht zu dem bitzckien Disziplin trainiere» läßt?" Mrs. Walsh-Wintrop flüchtet vor dem Gespräch, das langweilig zu werden beginnt, in ihren Salonwagen zu ihren drei Zofen. Auch das junge Mädchen ist aufgestanden»nd folgt Mrs. Walsh-Wintrop. Der berühmte Novellist setzt seine Brille auf und fragt sich, von wem sie einen größeren Eindruck mitnehmen, von Larry oder ihm. Das junge Mädchen lehnt die Einladung von MrS. Walsh, Wintrop ab. Sie ist müde und will aus ihren Platz zurück. Tan- melnd geht sie die Korridore entlang, lieber die schüttelnden Hat- Monikadurchgänge, durch die Reihen der Mitreisenden, durch alle Wagen. Di« Fahrt schüttelt sie stärker als nötig.„Was ist Jchnen?" fragt die alte Dame, die ihr gegcnüber sitzt.„Sie sind ja so blaß« wollen Sie mein Riechfläschchen haben?" Aber sie schüttelt den Kopf, dankt und will allein sein. Sit bindet sich den Schleier fest ums Haar und oebt nach hinten in den Aussichtswagen. ♦ Im Aussichtswagen werden Wetten geschlossen. Di« Kaufleute« ein paar Jobber, die es nicht erwarten können, in Chikago a» der Börse zu sein, wetten um alles, um was zu wetten ist. Wieviel von der verlorenen Zeit wird man um zwei Uhr nachmittags eingeholt haben, wieviel um sechs Uhr, wieviel um zehn Uhr abends? Kleine Gruppen von Stühlen stehen beisammen, und Leute, die das gemein» sam« Erlebnis einander nähergebracht hat, besprechen die Borfälle dieses TageS. Ein junger Mann mit näselnder Stimme und un» angenehmem Gesicht hält Wetten auf die glückliche Ankunft d«S Menschen unter dem Gepäckwagen in Barstom Das junge Mädchen stützt sich mühsam und mit tastenden Fingerspitzen auf die Lehnest der Stühle im Vorüberschreiten. Draußen auf der Plattform des Aussichtswagens läht sie sich in einen Stuhl fallen, sie ist plötzlich so müde geworden, sie weitz nicht wovon. Schwer, als versagten ihr die Knie mit einemmal, fällt sie in den Stuhl, sinkt in seine Kissen, bleibt starr und ohne Regung sitzen in ihm. Wie der Zug dahinschietzt! Sitzt man in der Mitte der Platk» form, so kann man es merken, wie der Zug die Luft zu Schleifen auSeinandersckneidet. Zuweilen ist es, als hebe sich der Wagen in die Höhe wie daS Ende einer gesck'wnngenen Peitschenschnur. Dann wieder senkt sich der zurückbleibende Erdboden hinter dem Zuge wie eine ausatmende Brust. Eine kleine Station, deren Häuschen man kaum erkennen kann, wird im Fluge genommen, zurückgelassen, ist schon verschwunden. Der Kellner kommt, ruft zum Mittagesien. Man verlätzt den Aussichtswagen. Nur das junge Mädchen bleibt auf ihrem Platze sitzen. Ihre Hand hängt ohne Kraft über die Lehne nieder. Von der Bewegung des Zuges pendelt sie hin und her. Sie blickt auf die in wütender Hast davonlaufenden glitzernden Schlangen, die über den einförmig gelben Damm zu flattern scheinen. Die Sonne steht hoch und ein kalkiges Weiß kommt vom Horizont her über das ganze Land gezogen. Eisenklang, brütende Hitze, hoher Mittag— die Augenlider fallen zu, aus der Plattform ist nur da? schlafende Mädchen. Die Chaneen der Leute, die auf die Ankunft um vier Uhr in Barstow gewettet haben, stehen schlecht. Es wird allgemein ange» nommen, daß man Barstow erst bei anbrechender Dunkelheit er« reichen wird. Jeder im Zuge weitz nun von dem Menschen unter dem Gepäckwagen, von dem Menschen, der aus freien Stücken jetzt in diesem Augenblick dort unten mit dem Zuge fährt. Auf dem Weg vom Speisewagen in den Aussichtswagen zurück ist man an Larry vorübergekommen, der bezecht und schnarchend auf seiner Bank lag in todähnlichcm Schlaf, mit offenem Mund und schweitzbcdeckter Stirne. Man interessiert sich nicht mehr so gewaltig für ihn. Der Novellist Lafferty hat einen Vortrag über das Problem des Tramps gehalten und die Sache sieht, nahe besehen, wahrhastig weniger ge- fährlich aus, als man anzunehmen versucht wäre. Der Schwung könne den Nerven nichts anhabe», hat Lafferty erklärt. Die?terven akkomodieren sich ihm, wie oben im Wagen die Nerven der Fahren- de» im Rhythmus des Zuges mitschwingen. Die Blutzirkulation leidet nicht, der Puls erhebt sich kaum über das Normale. Lafferty muß es wissen. Der berühmte Mann war ja, so tuscheln die Herren miteinander, ein simpler Landarzt in Nebraska, ehe er seine vierzig» tausend Dollar jährlich mit Geschichtenschraiben verdiente. Nur einer wagt es, ihm zu widersprechen. Es ist«in alte« Herr mit würdigem Knebelbart, wie ein hoher Würdenträger deS Staates oder ein vornehmer Bischof anzusehen, was in Zlmerika niemand, auch bei näherem Hinsehen, so leicht unterscheiden kann. Er ist recht alt und bewegt sich nur schwer wie ein Leidcnder, bei dem die Verkalkung schon weit vorgeschritten ist. Niemand würde in bem würdigen KreiS Iake(ZotlreUt) Uermiifer, f>cr bor fünfzig Johren der gefeierte Luftakrobat der Barnumschen Zirkustruppe und das leuchtende?ddol aller amerikanischen Schulkinder gewesen ist. Mit feierlichen Gebärden und zahnlosem Mund häN er einen Vortrag über die Bedingungen, die der schwingende Menschenkörper zu erfüllen hat, wenn er sich der vehementen Vorwärtsbewegung fest angeschraubter Geräte anpassen will. Es ist nicht zu ersehen, ob das junge Mädchen Interesse an dem Gcsprächthema hat oder nicht. Ihr schönes Gesicht ist regungslos und wie erstarrt. In ihren »Ugen ist noch Sllilaf zu sehen. Ein schwerer Traum, der sie noch im Wachsein beherrscht, spreizt ihre Lider weit auseinander. Das Gespräch hat sich jetzt an dem Widerspruch erhitzt: einige behaupten, es sei ganz sicher, dah der Mensch unter dem Waggon sich durch irgendwelche Schutzvorrichtung Sicherheit verschaffen iönne. DaS aber ist es gerade, was der alte Akrobat leidcnschastlich verneint. „Kein Trick. Mut, Besonnenheit und Entschlossenheit— das ist alles, was man dazu braucht. Alles andere ist von Uebel!" „Und Verzweiflung!" sagt jemand im Hintergrund. „Jawohl, Verzweiflung!" bestätigen einige ringsum im Wagen. Der Neger kommt jetzt herein und ruft laut:„Barstow!" Wirtlich, der Zug verlangsamt sein Tempo. Weiter drin im Lande erscheint ein langgestreckter, niederer Schuppen. Die Herren blicken auf ihre Uhren. Viele hundert Dollar stehen auf dem Spiele. Hinter den: Fenster sind die kahlen, merkwürdigen, wie aus Tuff getürmten Felsen im Abendrot zu sehen. DaS hübsche, im spani- scheu Missionsstil erbaute Stationshotel erscheint. Man ist in Barstow. Alles steigt aus. Die Weitenden eilen zur Uhr im Bureau dcS Stationsvorstehers, um ganz genau die Zeit zu konstatieren. Auch der alte würdevolle Akrobat steigt mit steisen Knien aus dem Wagen. Ihm hat sich Mr. Hcnrh O'Lafferty angeschlossen, ein paar andere noch, und die kleine Gruppe setzt sich in Bewegung zum Gepäckwagen. Schon hocken dort Leute, die die Kniebeuge machen und nach dem Mcn- schcn zwischen den Stangen Ausschau halten. Herr Henri? O'Laf- serty hat eine Brille auf die Nase gesetzt und verharrt gleichfalls in der Kniebeuge vor dem Gepäckwagen. Plötzlich wirft er sich flach nieder und greift mit der Hand nach irgendetwas, was an dem Boden des Wagen festklebt. Rasch zieht er die Hand wieder zurück, hebt sie zu seinen Brillengläser» empor, wirft aber das Ding sofort mit einem kleinen erschrockenen Laut auf den Boden vor sich nieder vnd bittet die Nächststchenden, sie möchten ihm auf die Beine helfen. Die um ihn blicken auf den kleinen Schmutzklumpen zu ihren Küsten nieder.„Was ist's?" Gehirn— Gehirnsubstanz— Blut— Staub. Der alte Akrobat hat sich niedergebückt, so tief es ihm seine 'Knie und sein Rückgrat erlauben wollten. Er hat seinen zahnlosen Mund weit aufgesperrt und deutet mit ausgestrecktem Finger zwischen die Stangen unter dem Boden des Gepäckwagens:„Sehen Sie dort— was habe ich gesagt!" Alle schauen jetzt dorthin unter den Wagen. Eine ganze Schar von Menschen hockt vor dem Gepäckwagen und schaut. An der Ouerstange baumelt ein Riemen, ein schwarzer finger- breiter Riemen, der einigemal um das Eisen gewunden ist.„Ein Riemen!" ruft einer mit näselnder Stimme aus. Alle richten sich langsam auf, einer nach dem andern. Einigen gelingt das schwerer, als man es von solchen kräftigen, gesunden Männern voraussetzen sollte. Da hörte man hinten auf dem Perron des BahnhofShotcls schallendes Gelächter. Dort steht Larry Finch, diesmal von Whisky betrunken, die Hände in den Hosentaschen und wiegt sich auf den Fersen, hin und her. „Was lacht der KerlI" ruft man aus der Gruppe hinüber. „Halte Deinen Mund dort hinten! Er soll nicht lachen! Führt ihn doch weg!" Aber Larry lästt sich nicht beirren. Hin und her zvippt er auf seinen Fersen, hat die Mütze in den Nacken geschoben und ruft lachend einmal über das andere: <,Ein Amateur! Ein Amateur! Ein Amateur! Ein Amateur!" Kleines Feuilleton. NirdersSchsische Heimatfeste. Die Provinz Hannober ist schon seit längeren Jahren der Schauplatz ntedersachsischer Heimatfeste. Bekannt geworden sind in weiteren Kreisen, über die Provinz- grenzen hinaus, die Trachtenfeste von Scheestcl im Norden und das Heimatfest zu Hann.-Münden im Süden der Provinz. Immerhin, die bordringende neuzeitliche Kultur lästt mehr und mehr die länd- lichen Sitten schwinden, und eS besteht die Gefahr, dah in nicht zu ferner Zeit auch das Land mit allem, was eS an ideellen und kulturellen Werten birgt, modernisiert wird. Da haben sich nun die vielerorts ins Leben gerufenen Heimatbereine das Verdienst er- worden, dast sie erhalten ober neubeleben, was einst die Freude und wirklicher Lebensgenust früherer Generationen war. Diese Heimat- dereine pflegen denn auch die Veranstalter jener Heimatfeste zu sein, und zu den ftüheren gesellt sich in dieser Woche das niedcrsächsische Heimatfest in Stade. «crantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u. Verlags . V.'-,'..........,~...r-~ ■ Als hauptsächlichster Schauplatz dieses Festes dienen zwei, vom Stader Historischen Verein aufgekaufte niedersächsische Bauernhäuser sein Schecsteler und ein Altläuder HauSj, die der Verein nach er- folgtcm Abbruch an Ort und Stelle auf der sogenannten Insel in Stade, einem überaus idyllischen, vom Burggraben umspülten Flecken Laiches, wieder in den natürlichen Formen aufbaute. Ganz nagelecht ist innen und austen das Altläuder Haus wieder errichtet, ein typischer Prachtbau ouS dem Alten Lande an der unteren Elbe, das als Obst- land weit und breit berühmt ist, während das Schecsteler Haus nur äusterlich die Urformen aufweist, in, Innern aber einen städtischen Wirtschaftsbetrieb aufgenommen hat. Vor diesen beiden Bauernhäusern, die von prächtigen Bäumen und Gärten umrahmt werden, spielt sich nun gegenwärtig da« Stader Heimatfest ab. Es besteht aus drei Teilen: einem Jahr- inarkt, einer Feftspielaussührung auf einer Freilichtbühne vor dem Tore und der Diele des Altländer HauseS und den Erzählungen de» Oldenburaer Professors Wisscr auf der Diele selbst. Der Jahr- marktstrubel weicht von dem sonst üblichen insofern ab, als er schon in seiner äustercn Darbietung durch die WorpSwedcr Maler einen klinstlerische» Anstrich erhalten hat. Als Festspiel wird in dem über- aus stimmungsvollen Naturtheater ein Zyklus von niedersächsischcn Volksgebräuchcn, in der Darstellung der Bremer Schriftstellerin Aunie Diederichscn aufgeführt: Pfingstgcbväuche, eine ländliche Hochzeit, eine Ernteseier in Schecstel, gespielt von etwa hundert Mitwirkenden, Erwachsenen und Kindern, in echten bäuerlichen Trachten und mit den dazu gehörigen Tänzen, Reigen, Gesängen usw. DaS Ganze ist von einer überraschenden Echtheit und Natürlichkeit. Sehr stimmungsvoll sind auch die Geschichtserzählungen dcS als Erforscher heimischer Märchen bekannten Professors Wisser in Olden- bürg. Die Diele des Altländer Bauernhauses, auf der die Zuhörer in Stuhlreihen Platz genommen haben, ist in ein trauliches Halb- dunkel gehüllt. Im Herde brennt ein Holzfeuer, darüber hängt der groste eiserne Kessel. Auf einer der Stufen der Treppe, die zum Bodenraum führt, sitzt der Erzähler und weist mit seinen durch die Ueberlieferuug festgehaltenen Geschichte» seine Hörer in Bann zu halten. Natürlich spricht er in niederdeutscher Mundart. Aus dem Pflanzenleben. Wenn das Korn blüht. Welcher Naturfreund hat das Korn schon wirllich blühen sehen? Bor der Blüte, wenn die Aehre sich entwickelt, ist eS wohl jedem bekannt, ebenso nach der Blüte, wenn die ausgedienten Staubgefästc abfallen und sich die Körner entwickeln, aber das eigentliche Blühe» bleibt meistens unbeachtet, weil es in früher Morgenstunde innerhalb kurzer Zeit erfolgt. Da« bei ist der Borgang ungemein anziehend: kann man doch das Sich- öffnen der Blüte und das Verstäuben der Pollenkörner beobachten, also einen Vorgang, wie ihn bei den meisten anderen Blüten nur ein Trick der Kinematographie auf kurze Zeit zusammengedrängt vorgaukeln kann! Feine Wölkchen schweben in der Morgensonne über dem Korn- felde. ES ist der Blütenstaub, den die Staubgefäste �ausschütten. „Bei beginnender Blütenentfaltung, die gewöhnlich an einem sonnigen Morgen zwischen 0 und 7 Uhr eintritt", so heistt es in WorgitzkyS klassischer Schilderung der Roggenblüte,„sehen wir die beiden Blütenspelzen nach oben auseinander weichen und in dem Zwischen- räum drei blaugrüne Staubbeutel hervorlugen. Sie haben in aufrechter Stellung, dicht aneinander gefügt, in dem Hohl- räum zwischen den Spelzen ihre EntWickelung durchgemacht. Mit erstaunlicher Schnelligkeit vollzieht sich jetzt der Abschlust ihreS Wachstums, denn um 1 bis 1'/, Millimeter Länge verlängert ich der Staubfaden in einer einzigen Minnte, so dah wir an einer ungen Aehre das Herausschieben der Staubgefäste ans den Spelzen äst mit den Augen verfolgen können. Sowie die Staubbeutel voll- tändig nach austen treten, erschlaffen die ansang» steifen Fäden, die Beutel kippen nach unten um und hängen nun an den äusterst feinen, weihen Fäden pendelnd über die Aehre herab. Die Auf- hängung ist eine so empfindliche, wie sie'kein PräzisionS- Mechaniker feiner herzustellen vennöchte: unser leisester Atemhauch reicht hin, die Staubbeutel der vor uns befindlichen Aehre in beständigen Schwingungen zu erhalten. Mit der grasten Empfind- lichkeit steht im Einklänge die kurze Lebensdauer der Staubgefäste; schon nach einigen Stunden sind die Beuiel entleert' ihr glatter, feinkörniger Pollen ist in alle Lüfte zerstäubt, und spätestens am Abend desselben Tages fallen ihre leeren Hülsen ab." Erst wenn die Staubbeutel schon längst ihre Tätigkeit begonnen haben, tauchen an der gleichen Blüte zwischen den beiden Spelzen am Grunde beiderseits die Narben in Gestalt zweier weiffcr Federchen hervor, die über dem Keinen, behaarten Fruchtknoten sitzen. Wie fängt eS nun die Blüte an, dast siö sich in so rascher Zeit so verändert? Die geheimnjSvolle Kraft, die bei solchen Pflanzenbewegungen tätig ist, ist in der Regel daS Wasser, »nd so ist eS auch bei dieser Blüte: vor dem Fruchtknoten sitzen zwei kurze, spitzige weihe Perigonschuppen, die durch Wasseraufnah'me anschwellen und dadurch die Blütenspelzen rechtzeitig auseinander treiben, so dah erst die Staubgefäße und später die Narben hervor- dringen können. Bei den anderen, zu den Gräsern gehörigen Getreidepflanzen, die man bei uns baut, ist der Vorgang ähnlich; nur die Maisblüte ist bekanntlich vollkommen anders(zweihäusig). Vorwäris Buchdruckcrer u.VerlagSanstaltPaul Singer LcCo..Berlin SW.