Unterhaltungsblatt ües vorwärts Nr. 119. Mittwoch, den 24. Juni. 1914 111?us unö Recht. Roman von Fred B. Hardt. „Es kommt noch viel schöner. Dann habe ich durch unseren Klubpräsidenten bei ihm einen Veraleichsvorschlaa machen lassen, er möge ihm gegenüber den Ansdnrck Frechheit zurücknehmen, ich würde mich dann versehen lassen. Un- begreiflicherweise war ihm das immerhin in einer Unter- redung zwischen Gentlenien nicht recht gcbränchlichc Wort „Frechlieit" aus dem Gedächtnis geschwunden. Da blieb mir nicht viel anders übrig, ich muhte mit gröberen Geschühcn kommen. Ich bat meinen alten Freund, den Oberstleutnant von Stiirzbach. ihm eine Pistolenfordernng zu überbringen, die er prompt ablehnte»nd mit einer Anzeige wegen Heraus- fordernng zum Zweikampf beantwortete." „Ganz köstlich, überaus witzig", schmunzelte Henkel. „Warten Sie nur, fetzt kommt der Epilog:„Ich wurde auf Grund dieser Anzeige verhaftet wegen Fluchtverdachtes. Ich, der bis dato noch angestellte Assessor, der jahrelang in Dresden gelebt hatte, war auf einmal slnchtverdächtig. Diese tragikomische Verhaftung wurde allerdings aufgehoben gegen Hinterlegung einer Kaution in der fabelhaften Höhe von zweitausend Mark." „Das ist eigentlich eine Beleidigung," lachte Karl Henkel, „eine Kaution von zweitausend Mark, daS ist kredit- gefährdend." „Dann lmbe ich meine drei Monate Königstein abgesessen und so endete der Froschmäusekrieg und meine glorreiche Laufbahn als königlich sächsischer Staatsbeamter." „Sie sollten dem Manne noch nachträglich dankbar sein, daß er Sie aus einer Karriere lwrausgebracht hat, zu der Sie sich doch nicht eigneten. Ich muh Ihnen offen gestehen, lieber Werner, Sie kamen mir als Miitisterialbcamter und als Staatsanwalt sehr komisch vor, als ob Sie einen schlecht sitzen- den Rock anhätten. Rein, nein, zum Beamten eigneten Sie sich wirklich nicht." „Das habe ich selbst empfunden. Ich möchte sagen, im Anfang, als ganz junger Referendar, interessierte ich mich für meine Tätigkeit. Es war etwas Neues. Aber schon damals fühlte ich einen Gegensatz zwischen mir und meinen Kollegen und Vorgesetzten. Ich verstand durchaus nicht, warum ich auf Grund der Tatsache, dah ich einige Stunden am Tage auf dem Gericht juristische Arbeiten erledigte, meine Denknngs- art limkrcmpeln, meine Lebensführung ändern sollte. Da hieh es immer:„Das können Sie als Beamter nicht tun— als Beamter geht das nicht". Diese Logik habe ich nie ver- standen. Ich habe immer gemeint, und glaube es auch heute, dah das was ich als anständig halte, auch als Richtschnur für mich im Talare gelten müßte. Ich habe nie mein Leben ein- teilen können in eine Beamtenexistenz und in ein privates Leben.— Ja, ich glaube auch, daß es gar nicht dieses tragi- komischen Renkontres bedurft hätte, um mich loszulösen. Es hatte sich viel Innerliches angesanunelt, was mich aus dieser Laufbahn gedrängt hätte. Die Sache hat aber einen tieferen, betrüblicheren Hintergrund"— fuhr er ernster fort.—„Wenn Leute, die keine Kultur haben, durch Spezialkenntnisse, meinet- halben auch durch Fleiß und Gewissenhaftigkeit und sonstige bürgerliche Tugenden eine Stellung erreicht haben, die ihnen Einfluß auf andere gibt, wirken sie immer schädlich. Die von ihnen Abhängigen wittern die Unkultur und werden, wenn sie sich fügen müssen, Heuchler, da die innere Achtung fehlt. Und das ist wohl das schlimmste, wozu sich ein Mann hergeben kann. Sehen Sie, der Oberstaatsanwalt wurde nur deshalb so flegelhaft, da es ihm noch nicht vorgekommen war, daß ein jüngerer Beamter den Anspruch erhob, von ihm anständig be- handelt zu werden. Er hatte sich schon tolle Sachen geleistet, kleinliche, häßliche Nörgeleien, die weh taten und bei den Ver- letzten Geschwüre der Verbitterung hervorriefen. Aber es waren immer Assessoren und jüngere Staatsanwälte gewesen, die Karriere machen wollten und noch von der Beurteilimg des Chefs abhängig waren und so die Impertinenzen dieses Menschen einstecken mußten oder geben. Und das haben wohl die wenigsten gewollt, vielleicht haben sie es auch nickt ge- könnt.— Ich besinne mich noch deutlich auf einen Vormittag, an deni ein Assessor, mit dem ich damals in demselben Zimmer arbeitete, mit Tränen in den Augen mir fein Herz aus- schüttete: es war ein armer Teufel, der schon als Referendar feine Jugendliebe gebeiratet hatte. Seine Frau war kränk- lich. Eines Morgens mußte der Arzt geholt werden. Der Assessor kam eine halbe Stunde zu spät auf das Gericht. Der Oberstaatsanwalt, der sich nicht schämte, öfters nach acht Uhr auf dem Gange zu patrouillieren, wie ein Feldwebel auf dem Kasernenhof, stellte ihn zur Rede. Der Assessor erklärte ihm, weshalb er diesen Morgen sich verspätet habe, und da gab dieser ihm zur Antwort:„Da hätten Sie eben nicht heiraten sollen!" Diese Roheit charakterisiert den ganzen Menschen. Und daß der Assessor, ich will sagen, aus Vernunftgründen das einstecken mußte, erzeugte bei ihm eine» Groll, eine Er- bitternng, die er nie wieder aus den Knochen bringen wird, und die sich bei ihm, wie bei vielen anderen Beamten, nur mit der Maske der Heuchelei verdeckt.— Der Staat sollte von seinen Beamten neben ihrem Können noch ganz andere Qualitäten verlangen, Menschen sollen sie sein, nicht Wissens- gesäße." » Den kommenden Sonntag besuchte Frank Werner seine Mutter in Leipzig. Nach dem Tode des Vaters war die alte Frau in Leipzig geblieben, in der Stadt, mit der sie durch Jahre ihres Lebens verbunden war, in demselben Hanse, in dem sie mit ihrem Manne dreißig Jahre in stiller Einträchtigkeit gelebt batte. Und der Sohn besorgte, daß eine Aenderung der Lebens- führung in diesem Alter, das durch Gewöhnung und Neigung seßhaft geworden war, ungünstige Folgen für die Gesundheit und das Gemüt der alten Frau haben könnte', der Verkehr mit den wenigen alten Freundinnen Ware in weitere Ferne gerückt, und das Gefühl des Losgelöstseins würde sich einstellen. Die alte Wohnung hätte aufgegeben werden müssen, die voll liebgewordener Erinnerungen war, und der Garten, an dem sie mit dem Eigensinn des Alters hing. Und so blieb die Mutter in dem alten Hanse in Leipzig und der Sohn gründete sich in Dresden ein eigenes Heim, das seiner breiteren Art mehr entsprach. Doch ans dem Vater- hause nalnn er die Erinnerung und den Sinn für das Be- hagliche mit, was seiner Wohnung Ruhe und Geordnetheit gab, aus der er, vielleicht unbewußt, eine ständige Erfrischunoj schöpfte. Aber oftmals empfand er schmerzlich das Getrennt- fein von der Mutter, die in seinem Leben das Wertvollste warf die Quelle einer uneigennützigen, nichts begehrenden, alles gebenden Liebe, die nie versiegt war, wenn er auch hastig und unbedacht als Kind aus ihr seinen Durst gelöscht, als junger Bursche manch Steinchen hineingeworfen hatte, das das Brünnlein hätte trüben könne». Und je älter er wurde, desto tiefer empfand er diese wundertätige Mutterliebe und mit Wehmut dachte er daran, daß dieses Mysterium in dem Herzen einer schon Siebzigjährigen eingeschlossen war. Die Eltern hatten spät geheiratet und als Frank als erstes Kind geboren wurde, waren sie beide in der Mitte der Dreißig. Die Geburt kostete der Mutter fast das Leben, und sie hatte sich nie vollständig erholt. Beschwerden waren zurück- geblieben, über die sie andere durch ihr lebhaftes Wesen und ihre Beweglichkeit täuschte, die aber mit dem zunehmenden Alter empfindlicher wurden und nun schon seit zwei Jahren den Körper so morsch und gebrechlich machten, daß nur ein gleichförmiges stilles Leben und sorgsame Pflege und Auf- iiierksainkeit den Verfall aufhalten konnten. Sie waren dreißig Jahre Hand in Hand mit gegenseitigem Vertrauen durch das Leben gegangen: der Vater baufc langsam und be- harrlich sein bürgerliches Vermögen auf, schüttelte seine kleinen und großen Sorgen vor der Türe seines Hauses ab und die Frau erhielt mit ihrer Herzensgüte und Liebenswürdigkeit und ihrem leichten gefälligen Geist eine Frische und Heiterkeit um ihn, daß das Alter sie fast unmerklich überraschte, und fesselte einen Kreis guter Menschen an das Haus, daß sie beide sich harmonisch ergänzten und ein gernhigtes heiteres Leben genossen. Sie erkannten es dankbar an und waren da- mit zufrieden, ohne nach Flitter oder Buntem die Hände aus- zustreckcn oder Wünsche zu hegen, die über ihr Vermögen hinauseilten. — 474— Tiefer Friede»nd die Heiterkeit dir Kinderjahre Inn wie der Abglmiz eines mlnsien Soniinerabends in der Erinnerung von Frank. Tas Gefühl des Geborgenseins im Elternhanse Wurzelte so tief in ihn», das; er iniiner wieder dorthin zurückkehrte, Wenn ihn etwas schmerzte oder enttäuscht hatte. Bei dein Vater fand er ein kräftiges gesundes Wort, das ihn ans- rüttelte, und bei der Mutter ein gütiges Zuhören, dem er sich iinnier wieder mit kindlichem Behagen' hingab. An alles das dachte Frank Werner, als er am Nachmittag nach Leipzig fuhr. Er nahm am Bahnhof einen Wagen, denn er luufete, das; die Mutter volter Ungeduld mit jeder Minute rechnete.— Am Schwanenteich vorbei, von den dichte» Banm» krönen der Anlagen fast verdeckt, wo er Schlittschuhlaufen ge- lernt hatte— die Terrasse des Theaters tauchte auf', wie oft hatte er dort in lustiger Gesellschaft gesessen!— Der Wagen bog iu die Querstraße ein; vor einem Drechslerladen stand ein alter Mann mit einem Sanitkäppchen auf dein Kopf. Als der Wagen vorüberfuhr, sah er auf, erkannte den junge» Herrn und grüßte, indem er mit zittrigen Händen das schwarze Käpp- chen abnahm.— Lebt der immer noch? Und er größte fröhlich wieder. Er sah schon damals genau so alt und wackelig aus, da er als Gymnasiast einen Schirm reparieren ließ oder als Student einen Stock kaufte. Und der alte Köhler hauste immernoch in demselben Laden, der wahrscheinlich auch beute nach Terpentin und Weichselholz roch.— Wir werden alt! Aber er sagte es sich mit dem frohen Bewußtsein, daß dies eigentlich nicht der Fall war. Ein Scherzlvort, dessen bitterer Sinn noch nicht empfunden wurde. Der Wage» hielt. Frank Werner sah hinauf, er wußte, sie wurde am Fenster stehen, dort hinter dem vierten Fenster, rechts. Da sah er auch schon ihren Kopf, sie winkte.und er schwenkte den Hut, ganz unbekümmert um das Verwundern der Leute, die ob solch sonderlichen Gebarens lächelten. Er trat ins Haus und sprang die weißlackierte Holz- treppe hinauf zum zweiten Stock, immer drei Stufen aus einmal. Die Tür stand offen und schon auf dem Vorsaal umarmte ihn seine Mutter. „Wenn Tu mich nun genug gedrückt hast, Mutter, dann möchte ich mit Verlosf, wie die Liselotte sagte, erst einmal ablegen und Euer Liebden gehen ins Zimmer, deroweil es hier kalt ist.— Und nun wollen wir einmal Inspektion halten,"— rief er fröhlich aus, nachdem er in das Wohn- zimmer getreten war und nahm seine alte Mutter, die sich schlank und feingliedrig erhalten hatte, um die Taille und führte sie nach dem Fenster, auf dem noch der Sonnenabalanz lag.—„So, Mutter,"— und er sah mit unendlicher Liebe in dieses milde Gesicht—„die Augen sind klar und frisch, und das ist die Hauptsache." „Ilud die Runzeln?" „Ach was, die sehe ich gar nicht!" Er küßte sie zärtlich und ehrfürchtig auf die Stirue.(Forts, folgt.) Wetter. V o» K r i st lau K r a u?. Es»xi r in der Rächt»ach dem Bergmaunsfest. Alljährlich mußte jede Inspektion der fiskalischen Gruben des Laarreviers die Belegschaften bewirten. Für die taufende Arbeiter, für ihre Frauen und Kinder gavs R-eissnppe mit Fleisch, und Kaffee und Kuchen für die Weiber, Bier und Zigarren für die Männer, Bier, soviel einer nur trinken konnte, lind Tanz bis in die späte Nacht. Im Walde rings um den Plah keuchte der schlvere Atem der Lust, in den Hecken raschelte es und zwischen den Bäumen schlängelte sich das Flüstern heiß erregter Menschen. Ein Fest der Trunken- heit. Ich hatte mitgefeiert und lag nuir müde und abgespannt im Bett; meine erregten Sinne ergaben sich dem Schlaf noch nicht. Draußen in der Straße hoben sich von Zeit zn Zeit die Nacht- winde, schleppten mit ihren langen scheuchenden Gewändern vor- über. Kaum hörbar, nur irgendein Papiersehen segte reibend mit ihnen über das Pflaster. Sonst Stille. Ein Kinderweinen tastete sich von ferne her•— nnd wieder Stille. Ein Betrunkener gröhlt einmal weit dortunten; und immer tinkelt über die Straße her eine Weckuhr. Schwer legte» sich meine Gedanken zur Ruhe. Dumpf im Halbschlaf höre ich den Trott der Arbeiterinassen an unserem Haus vorbei,' zur Grube; fast wach werde ich, als mein Bater aus dem Hause geht; er hat nach dem Fest die erste Schicht zu fahren, auf dem Dechenschacht, als Steiger. Er sprach noch «twns mit einer Mutter. Dann entschlief ich wieder. Nicht fest, nicht lange! Plöhlich schrak ich auf: ein Poltern, als werde jemand «us dein Schlafe geweckt, an einem Nachbarhaus. Dann kurze, rauh aufgestoßene Worte. Ein« ander« Gtimm« fährt erschrocken auf.— WaS? Um GottcSwillenl Eine Frau kreischt.— Was ist das? Ich sehe mich im Bett auf, lausche..,, Da quält sie los, schrillt, heult, pfeift.-,, Die Sirene! — Feuer! Feuer!— Ja, ja, aber wo?— Sie soll iu kurzen Stößen die Nummer des Brandreviers angeben, aber sie heult und heulk� unaufhörlich. Meine Mutter kommt herein, verstört:„Walter. auf der Grube ist etivas passiert, auf Dechen!" Ich sprang auf, Ileideie mich an. Meine beiden Brüder drückten sich an die Mutter. Sie flohen vor diesem Gekreisch, das ihnen zuheulte: etwas Eutsehliches! Aber niemand wußte was. Da schrie es auf der Straße:„Der•Dechenschncht brennt, schlagende Wetterl Und die Sirene heulte und schrie es nach, ihre Stimme schrillte über die Stadt, rüttelte an den Dächern, gellte in die Fenster... ein Teuselsgelächter höhnte dazwischen:„Heraus! Heraus! Du Weib: dein Maun liegt im Schacht verbrannt, verkohlt! Das Weiter schlug!" Nur ein Schrei gibt ihr Antwort:«Heraus, Mutter, deine Söhne stürzten in den Brand der VWise— verkohlt! Heraus, Bater! Heraus, unmündige Kinder; heraus, Knaben und Mädchen, heraus! Greise, gebeugte Mütter! Heraus, lebenskräftige Weiber, arbeit» gehärtete Männer! Heraus, ihr alle, heraus!" lind die gellend« Stimme sprang von Dach zu Dach, von Fenster zu Fenster, und stürzte von der Stadt nach deic Dörfern, im Waldgebirge auf den Höhen, iinb sie schrie und heulte und die Menschen fuhren tobend auf, und das gellende Geschrei betäubte ihren Sinn. Sie schwieg nicht, die Sirene: sechshundert Männer schlug die Grube, sechs- hundert Männer liege» verbrannt, verkohlt im Schachtl So gellte es de» Menschen in die Ohren, daß verzerrter Wahnsinn sie an de« Haaren griff und halbnackt auf die Straße warf. Und mit einem fürchterlichen Schrei sprang das Gehe»! in unser Heuis: Der Vater!— Dir Knaben schrien ans, der Schreck lähmte meine Mutter.... Die Sirene schwieg nickst. Sie schrie noch immer, gellte: euer Bater, verbrannt, verkohlt! Auf der Straße hastete schon das Weinen und Wimmern der Frauen, der Kinder» der Laufschritt der Männer. Auch meine Mutter wollte nach dein Schlicht; ich hielt sie, sie sollte uych hleibeu, bis ich nähere Nachricht brächte. Da raste die Feuer»»ehr vorbei und tu all den Aufruhr der Lust bimmelte taub die Warnklingek. Ich sprang auf einen Wagen, sagte den Leuten, mein Bater sei im Schacht. Sie kannten mich mcd ließen mich mitfahren. Und wir sausten durch die Menge, durch den Jammer der Weiber, der viele,, Kinder, durch einen Zug des EutseßeiiS. Bon einer Hügelhöhe sahen wir im jenseitigen Tal den Schacht liegen, still, unversehrt. Die weiße Wolke des Maschinenhauses puffte in die Lnft und wälzte sich auf den nnben Baumkronen. Aber auf dem abgezäunten Platz liefen die Menschen hin und her, und um de» Zaun sammelten sich schon die Scharen, und von alleir Siraße» und Wegen, über die Felder und Aeckcr an de» Talwänden, aus den Wälder», überall her die Menschen nach dem Schacht. Bon allen Dörfern rasselten die Feuertvehrwagen, die Sanitätskolonne» durchbrachen im Sturmschritt die wirreu Menschenhaufen.... Ich fuhr mit dem Wage» auf de» Grubenplatz. Die Behörden waren schon dort, alle Gesichter verzerrt, vor Aufregung und Angst. Man wußte: die Grube brannte nicht, aber alle Mann durch die schlagenden Wetter tot-- sechshundert! Ich lief herum, fragte nach meinem Vater; einer schickte mich zum andern, niemand wußte etwas. Man ließ mir und allen die Hoffnung. eS könnte sieh doch ein Teil gerettet haben, in irgendeinem Stolle». Alle An- ordnungen zur Bergung der Opfer waren geirofsen, die Behörden eingefahren. Tie ersten Tote» aus der Erde wurden erwartet. Da setzen sich die Seilscheiben über dem Schacht in Bewegung, das Drahtseil schnxuikt, der weiße Dampf pufft anS dem Maschinen- Hans: im nächsten Augenblick muß die Förderschale oben sei». Mit den ersten Tote»? Alles schweigt in furchtbarer Spannung. Die Seilscheiben stehen, das Gitter vor dem Förderkorb öfsnet sieb, entsetzte Gesichter blicken uns an:„Hier sind sie, seht nicht her!" Zwei Männer heben eine Bahre, darauf zivei kohlschwarze Pflöcke... Menschenleichen l Ein verkohlter Amr hängt herab. Man trägt sie in den große» Versammlungssaal, Ivo die Ein- fahrenden heute morgen verlesen wurden. Unkenntlich die. Ge». sichter, die Kleider in Fetze», verkohltes Fleisch, Flecken und Blut. Im Schauder senken sich die Köpfe der Umstehenden. Und alle drückt die Frage nach der Schuld. Aber draußen vor dem Grnbenzau», da sahen es die Men» sche», und ein Klageschrei schoß in die Luft, sprang von Mund zu Mund, nnd von den Hügeln weinte es zurück, so erbärmlich,.. Die Weiber rütteln an den Gitterstäben: Laßt mich hinein, mein Mann isi's, mein Mann, gebt ihn heraus!— Die Kinder schreien nach ihren Vätern, die Bräute nach ihren Burschen, dazwischen schalten kit TJ�nnet Iflitt,>mi>«,Ne« zkrrt an d»m Zann« und ivill hinein, und wie wilde Tiere starren sie zwischen de» Stäben nach dem Saal. Auf ciucni der kleinen Kohlenwagen war ich nie- dcrgcbroche», ivcinte in mich hinein: Dein Pater ist tot, und so »»Istrllt!— Mutter, um Gott, Mutter... lind nun gingen die Förderkörbe herauf, hinunter, immer wieder, und immer brachten sie Tote und Bcrjtüinmcltc, und jedesmal schrie das Boll drangen vor den Tore», und es schrie so oft, dag ihm zuletzt die Brust schmerzte und keinen Hauch mehr gol». Ta standen sie mit aufgerissenen Auge», mit schmerzvollen Zügen und Gebärden und harrten der Stunde, dag sie eingelassen würden, dort die lange Reihe abzugehen: ihre Angehörigen zu suchen, den Batcr, den Sohn, den Bruder... Decken lvurdcu gebracht, um die Toten zu betten. Schon war der Saal gesüllt, man mußte sie im Freien hinlegen, einen neben den andern, lind die Sonne brannte aus dies grauenvolle Bild menschlichen Elends und der fürchterlichsten Verwüstung. Ich war die Reihen abgegangen, meinen Pater konnte ich in keinem er- kennen, lvcr sollte da jemand erkennen! Tie Tore össnclcn sich, die Polizei hielt den Mcnschcnstrom in Ordnung, dag sie an den Reihen der Tote» vorbeigehen konnten, lind da schrien sie wieder, als sie die verkohlten Mcnschenlciber daliegen sahen, und mit Grauen begannen sie das Suchen nach den Angehörigen. Ich ging noch einmal die Reihen durch; da stand ich vor einem Leichnam: das könnte Pater sein! Mit innerem Entsetzen betrachtete ich den Toten. Reben mir standen Frauen, die eine mit zlvci Kinderchen auf dem Arm— sie mußte sie mitnehmen, es blieb ja niemand im Torf— und sie mußte de» Mann suchen. Eine Bahre voller Toten tvurdc gerade niedergestellt. Ta schrie !>aS Weib auf: Tos ist er! und sie schrie so entsetzlich, daß den Menschen die Seelen erstarrten. Ich sah zu ihr hin, sie grisf nach einem verkohlten Mcnschcnkörpcr, nichts war mehr zu erkennen, einige Klridcrsctzcn hingen herum. An einem Strumpf, den sie kürzlich gestopst, erkannte sie ihren Gatten. Sie ließ die Kinder zur Erde, ivolltc sich über den Tote» werfen, aber der Schinder vor diesem scharfen Geruch des verbrannten Menschenfleisches ließ sie zurückfahren. Hier stockte die Gattcnliebe. Was in junger Kraft das Weib umarmt hatte, lag ein Haufen Kohle vor ihr, in nicht« unterschieden von einem verbrannten Holzstamm. In mir fuhr es auf: und das soll deine Mutter erleben? Rrinl— Ich durchlief die Reihen der Mensche». Sie ist nicht unter ihnen. Bors Tor kam ich, da standen die Geistliche» unter der Menge znid sprachen dem Jammer Trost und christliche Mahnung zu. Tas laute Klagen wurde zum Weinen, bis es sich vor der Reihe drüben tvieder ansbänmte zu einem erschüttern- den Schrei. Meine Mutter wankte daher, auf ihre beide» Knaben gestützt. Ich lief zu ihr, sagte, sie solle nicht nach der Grube gehen, es sei entsetzlich. Die Hoffnung glaubte ich ihr geben zu müsse», Vater könne sich in einen Nebenstollcn gerettet haben; die Grube brenne nicht. Sie sah mich fasstingslos an:„Ich ivill meinen Georg!" Mir schtvoll der Gedanke: wohn sinnig? Mit guten Worten überredete ich sie, in dem nahe» Hause eines uns bekannten Steigers zu warten, bis ich Nachricht über den Pater wüßte. Ich geleitete sie zu den Leute», deren Bater selbst»»% durch eine kleine Ilnpünktlichkeit dem Tode entgangen war. Da saß nun meine Mutter und starrte aus dem Fenster, auf den Platz,>vo man ihren Georg in die Reihen der Verbrannten legte... Als ich wieder nach der Grube kam, wurde ich durch eine erregte Auseinandersetzung aufgehalten. Eine Stimme stach ans dem Mcnschcnknäncl. Ich ging naher und sah einen fanatischen Burschen unter aufgeregten Arbeitern heftig gestikuliere». Er sprach zu einem Pfarrer hinüber, höhnte ihn: Wo denn der liebe Gott der Barmherzigkeit gerade seine Aufmerksamkeit gehabt, daß er Tausende seiner Kinder mit einem Schlage dem Elend preisgab, lind lvarum das? Ob aller Schuld? Ja, das sage drüben der Pfaffe von dem andern Glauben, der katholische! Ter rechne den armen Menschen ihre Schuld vor, die der liebe Gott in sei» Buch eingeschrieben; die wurde nun mit einem Male einkassiert. Was gelten dem die unschuldigen Kinde rangen, die zu ihm ausfragen: Warum nahm uns der liebe Gott unser» Pater?— Ja, der weiß Antwort, der Teclenhirt: mit einem Wort schlägt er die törichte Frage tot: Gottes Wille I— Run tragt cnern Schmerz nach Hans, und wenn ihr die Arme gen Himmel werft, mit wilden Klagen den Himmel bestürmen tvolll, daß er euch das Liebste unwiederbringlich geraubt, so schlagt euren Schmerz nieder mit dem Poch auf die Brust: Herr, dein Wille geschehe!— O, des Herren Wille geschehe ohne das Amt des Himmclsvcrmittlcrs. Ta drüben huschten die schwarzen Kaplans- rücke durch die Reihen, ob sie nicht bei einem noch ein Fünkchcn Leben fänden, daß sie init ihrem Sakramente den Todcstoeg er- leichlern könnten. Nein, der Gott machte glatte Arbeit, er fragte nicht» nach den Sakramenten seiner Dien«?. Uechsbnndrrl Menschen»ahm er auf einmal, ohne Beichte, ohne Kommunion, ohne letzte Oelung. Er nahm alt und jung, nahm Batcr unds Sohn, Katholik und Protestant, und nahm Mensch und Pferd...« So regte er die Menschen ans, und in manchen Augen sah ich eine GotteSwut und eine» Gottcshohn ausleuchten, daß ich fürchtete, es käme hier zu einer Katastrophe. Ein Polizist näherte sich, um den Bursche» zur Ruhe zu bringen. Während sich alleä um ihn drängte, zupfte mich jemand am Arm und fragte, ob ich der Sohn des Steiger» Lohmann sei. Ein alter Bergmann, mit dem trüblvcißcn Gesicht voll blauer Pnlvcrfkccke, sah mich traurig an: eben sei mein Bater gebracht worden. Ich lief sofort zur Grube, nach der Stelle, Ivo die erkannten Leichen aufgebahrt wnrden. Schon regten sich dort die Hände einfältiger Liebe, de>r Toten Schmuck zu streuen auf das letzte Erdenlagcr; ein ver» klärter Schmerz ivandclte mit leisem Schluchzen von Lager zu Lggcr. lieber den Toten schimmerten die weihen Schildche», eine Nummer darauf: sie waren zu einer Nummer geworden für diy Zeit, da sich noch die Menschen um sie kümmerten. Ich stand vor einer Bahre: Das ist er, hörte ich jemand sagen. — Ja, da lag er, bleich, von Kohlenstaub beschmutzt, nicht so sehe verbrannt, ich erkannte ihn. Ich ivolltc mich ermannen, aber das Elend dieses TageS hatte mich so zermürbt, daß schon der geringste eigene Schmerz mir die.Augen mit Tränen füllen nuißtc. lind hier lag mein Bater, so lveinlc ich i» meine Hand. Als wäre ich von allem Leben abgeschnitten, kam es mir vor. Ter Batcr war tot---- Ich wurde plötzlich aufgeschreckt durch einen Disput zu meiner Seite. Tort hatte eine alte Frau ihren Sohn gebettet und ivcinte um den einzigen Ernährer. Ein junges Weib war vorbeigekommci« und rief plötzlich:„Ta liegt ja mein Mann!" Tie Alle glotzte ihr verständnislos zu:„Tas ist mein Josef!" Tie andere wurde ungeduldig und rief, cS sei ihr Mann, sie kenne seine Kleider au den Fetzen. Sie fuhr in den Klumpen hinein, wo die Tasche saß, zog ein Messer heraus, zeigte es der Alten: ob das ihres Josefs Messer.— Die schüttelte den Kopf.— Aber ihres Mannes Messer! sei es. Ta»ahm die Alte die Decken und Tücher weg, sah noch einmal das verkohlte Gesicht an, das fremde, das sie solange mit Tränen benetzt hatte, und sie ging von neuem auf die Suche nach ihrem Sohn, dem einzigen. Da« junge Weib aber gab in harten Worten ihre Anordnungen, ohne auch nur eine Träne vcrgosscnl zu haben. Erst als ihr Mann als solcher aufgezeichnet, und sie ihn mit Tüchern gcbahrt hatte, stelllc sie sich vor die Leiche, als handele sie nach einer Porschrift, betete und lvcikitc und schlug das Kreuz über den Toten. Durch den Saal leuchteten Kerzen auf, Katholiken zündete«» sie am Totenbett ihrer Angehörige» an, und der gelbe Schimmer! huschte gespenstisch über die schwarzen verkohlten Gesichter dcL Toten, lind das Beten und das Gemurmel der vielen Menschci« fand sich zusammen, glitt schauerlich durch den Raum. Boitz draußen aber drang von Zeit zu Zeit ein neuer Aufschrei durch die Fenster zu uns herein: jemand hat seinen Toten erkannt!— Der Förderkorb rasselte immer noch hinunter nntk- brachte Tot«! herauf, aus der Kammer des Grausens. Wer war schuld? Tic Leichen blieben stumm, sie berichtetes nur: Entsetzliches ist geschehen! Auch der Bergmann, der vor der Einfahrt die Strecke befahren mußte, um die Wetter fcstziH stellen, hatte sein Leben gelassen. Tie Nacht kam, die Menschen verliefen sich und trugen daS Weh über die ganze Landschaft, lvie eine n»geheure Welle. An» Himmel stürmten die klobigen Wolken einer Rcgcnnacht. Nicht» hatte sich i» der Natur verändert, alles ging dort seinen Gang, als pochten noch die sechshundert Herzen, die nun tot und still dalagen. Im Saale glosle das Gaslicht, die Kerzen blinkten. Männer in der erdschwarzcn Knappentracht, die Bergmannsstöcke mit dm Mcssingschlägel in der Hand, hielten die Totcnwacht. Wacht—- wem? Den verbrannten Knochen und Flcischstücken, die inorgri« nicht mehr sein werde» als Grund und Erde. Einige Tage danach sank der Schmerz an dem großen Massen« grabe nieder... Tie Seilscheiben über dem Förderscbacht lief«»» wieder, und die Schale brachte neue Menschen in die Tiefe,»cur Pferde,», Tas Leben holperte seinen Gang weiter. /lus öer Werkstatt öer Zlugzeugbauer. B o» R. W o l d t. Ter Kapitalismus bat die Findigkeit, sich solchen Ersindungenl zuzutvende», bei deren Berwirklichnng ein Geschäft herausspringt. so gcgcmväriig der Anfertigung der Flugzeuge. Di« wichtigste»» technischen Erfindungen der letzten Jahr«, di« Vora?b«ilen u»G — 476— KtotefoTjrten, bif gemacht warben fmb", baben bie Beweise erbracht, twjj heute der bedanke keine Utopie mehr ist, durch Lustballon oder ßsluqapparat für den Krieg neue Angriffs- und Verteidigung»- »nassen zu schaffen. Der Kapitalismus wirst sich deshalb auf diese Gebiete, und selbst Unternehmungen, die nicht unmittelbar mit dem Nabrikationszweig etwas zu tun haben, wenden sich diesem neuen Aach zu. Ein Beispiel dafür ist die allgemeine Elektrizitätsgesellschafi. Diese Unternehmung gleicht heute schon einem Polypen, der mit fseinen Fabrikationsgescktäften in die verschiedensten WirtschaftS- gweige eindringt. Die leitenden Männer der A.©.=<*). wittern in der Herstellung der Flugzeuge für Kriegszwecke ein lukratives Ge- sschäst, und so ist in HenningSdorf bei Berlin eine„Flugtechnische vtbtcilung" eingerichtet, deren FabrikationSztveck in der Herstellung der KricgSflugzeuge, der feldmähigen Werkstattautomobile fiir Kriegsflugzeuge, der Wasserflugzeuge desteht. Außerdem hat man dort sogar eine Offizierfliegerschnle eingerichtet. Kapitalismus „nd Militarismus haben sicki also hier zusammengefunden. Ii» Sitzungssaal der A. E.-Vi. wurde unlängst über die Fabri- ckation dieser flugtechnischen Abteilung vor geladenen Vertreter» der Armee und Marine, der Diplomatie, der Wissenschaft, des Handels und der Industrie ein Vortrag gehalten. Dieser Vortrag des Obcringenieurs Stumpf, der jetzt im Wortlaut vorliegt, zeigt, dasi systematisch von der A. S.�. darauf hingearbeitet worden ist, in der Ausbildung ihrer Flugzeuge die Anforderungen der Kriegs- ifachleute z» erfüllen. Die flugtechnische Abteilung der?l. E.-G. wurde im Jahre 19>l> lgegründet. Um auf vorbandencn Ersabrungen triciter zu lxiuen. envarb die Gesellschaft von der ihr nahestehenden Wrightgesellschast Flugzeuge und Patentlizenzen. Die Wrightmaschine genügie den militärischen Anforderungen jcdock» nicht, da deren Tragfähigkeit infolge ihrer leistungsschwachen Molare(38 Pferdestärken) zu gering war. Von der Firnia Körting ist zu jener Zeit ein neuer Motor tzebaut worden, der die Leistungsfähigkeit von 75 Pferdestärken be> zass. Dieser Bkotor wurde in eine Zweideckcrkonstruktion einge- baut. Der Motor lag vorn ilub trieb mittels Kette den vorn zwischen den beiden Tragflächen liegenden Propeller an. Hinten wurden die Sitze für die Insassen angeordnet. Alle Steuer, auch da? Höhensteuer, wurden hinten angebracht. Der Körtingmotor hatte ein ziemlich hohes Gewicht, nämlich 220 Kilogramm. Infolgedessen muhten die Tragflächen gross be- »nessen locrden. Die gesamten Konstruktionen der Tragfläche wurden in Holz durchgeführt: trotzdem betrug das Leergewicht 850 Kilo- grainm. Die Geschwindigkeit belicf sich auf öö Kilometer in der Stunde. In einem zweiten Körtingmotor wurde dann ein neuer Ein- decker gebaut. Auf einem durchgehenden Rumps ordnete man vorn Motor und Propeller an, hinten die Sitze für die Insassen und am Schtvanz die Steuer. Der Rumpf wurde aber nicht aus Holz, son- dorn aus gezogenem Stahlrohr angefertigt und dieses Stahlrohr autogen gcschwcisst. Es ivar die erst« Anwendung von Stahlrohren statt Holz im Flugzeugbau: das Flugzeug entivickelte 80 Kilometer Gefchuiindigkeit pro Stunde. Und nun können wir ibei der weiteren Entwickclung auch dieser A. E.-G.-Maschincn verfolgen, wie in der Ausbildung des besten Flugzeuges zwei Aufgabe» zu bewältigen versucht wurden: die Erhöhung der Arbeitsleistung am Motor bei Verminderung seine? Eigengewichts und die Verminderung des Gesamtgewichts für das Gestell bei Erhöhung seiner Stabilität, seiner Belastungsficherheit. Für die jetzt durchgeführten Konstruktionen bildete ein Vier- Zhlinder-Flugniotor der„Neuen A»to»iobil-Gesellschaft" die Grundlage der neuen Konstruktion. Dieser Motor wog nur 180 Kilo- stramm bei einer Leistung von 05 Pferdestärken. Mit dieser Ma- schine wnrde im November Ulli der erste Flug ausgeführt. Die Ergebnisse der Probefahrten tvurden genau beobachtet und berechnet. Zahlen regieren ja auch hier die Welt des Technikers, und der Er- folg der Neukonstruktion ko»nte nur daran liegen, eine grössere Geschwindigkeit und eine grössere Tragfähigkeit gegenüber den alte» Konstruktionen zu erreichen. Das ist auch der Fall gewesen. Die Geschwindigkeit konnte von Oö auf 92 Kilometer pro Stunde hlnaufgetricbcn. die Tragfähigkeit von 15 Kilogramm auf 27 Kilo- stramm pro Quadratmeter Tragfläche erhöht weiden. Gleichzeitig sank das Gewicht von 850 Kilogramm auf 050 Kilogramm und die .Spannweite von 17,5 auf 15,5 Meter. Das gesamte Flugzeug ist also in seinen äusseren Dimensionen verkleinert, im Gesamtgewicht erleichtert und in der Arbeitsleistung und Tragfähigkeit gesteigert worden. Die Maschine hat natürlich eine grosse Zahl von Flügen aus- führen müssen, dabei sind mancherlei Unfälle vorgekommen, und jeder Flugsturz muhte wieder als Unlcrsuchuiigsniaterial für die ksrauchbarkeit des Flugzeuges dienen. Wichtig für dies« UntersuchungSardeiien sind die Erfahrungen mit den Stahltonstruktioneii gewesen. Es lag die Befürchtung nahe, dass man, indem der Rumpf statt ans Holz aus Stahl aus- totführt wird, nun ein höheres Eigengewicht des Tragkörpers herauskommen würde. Es ist möglich geworden, das Gesamtgewicht eines Stahlrumpfes auf 70 Kilogramm zu reduzieren, und es zeigt Werantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck in Verlags der Vergleich, dass ein Rumpfkörper au» Holz ungefähr ba» gleiche Eigengewicht notwendig macht. Die A. E.-G. bat deshalb jetzt all« ihre Einrichtungen dem FabrikationSziel angepasst. Holz als Ma- terial für den Rumpfkörper weitgehend auszuschalten. Für die Stahlrohre, die autogen geschweisst werden müssen, war aber auch eine notwendige Sicherheitsgarantie zu schaffen. ES sind Bruchproben mit Maschinen auSgefichrt worden, man hat Be- lastungSverfuche angestellt. _ DaS Flugzeug wnrde umgekehrt und mit den Rädern nach oben auf Böcken gelegt. Die Flügel wurden derart mit Sand beschüttet, dass sie den Beanspruchungen im Flug entsprachen. Nach und irach wurde soviel Sand aufgebracht, bi» die Maschine zusammenbrach. Die Sandlast wnrde gewogen, mit dem Maschincngewicht verglichen; das Zahlenverhältnis zwischen Sandlast und Maschinengewicht stellt nun den sogenannten Sicherheitsfaktor dar. Die in Gegenwart einer militärischen Kommission gemachten Versuche ergaben eine 3,85 fache Sicherheit. Die neuesten Ma- schineii sind heute i» einer sechsfachen Sicherheit konstruiert und als Militärtyp anerkannt und eingeführt worden. Was an diesen nüchternen Zahlen ans der Werkstatt deS Flug- zcugbaucrS demonstriert werden kann, ist das Bestreben, mit den besten Mordwaffen an die Regierungen heranzukommen und die Fabrikate zu Gewinnpreisen verkaufen zu können. Auch die A. E.-G. erweitert ihr Arbeitsfeld und tritt auf dem Gebiet der Flugzeug- anfcrligung für Kriegszwecke als kapitalstarker Mitbewerber in die Reihe der RüstungSlicferanten ein. Kleines Feuilleton. Altertumskunde. Ein bieriausendfünfhunderi Jahre Ukier Gesang. Im Ruinenfeld von Nippur in Mesopotamien ist bei den umfassenden Ausgrabungen, die von Amerikanern dort auS- geführt worden sind, ein Zylinder mit einer Inschrift gefunden worden. Dieser Tonzhlinder war ursprünglich etwa 10 Zentimeter lang und mass etwas über 10 Zentimeter im Durchmesser. Er lvar mit 19 Schriftreihen, deren jede etwa 2 Zentimeter Breite einnahm, bedeckt. Die eine Seite des Zylinders aber mitsamt 8 dieser Schriftreihen ist leider abgebrochen, doch konnten noch 7 Stücke davon gefunden werden. Leider sind durch die bröcklige Beschaffenheit des Tons auch noch andere Teile der Inschrift un- leserlich geworden. Dennoch hat die genaue Untersuchung diese» Fundftücks durch Dr. Barton ein sehr beachtenswertes Ergebnis geliefert. Zunächst wurde festgestellt, dass die Sprache rein sumerisch ist»nd dass der Zylinder nach der Art der Schrift aus der Dynastie von Agade stammt, die zwischen 2800 und 2000 vor unserer Zeit- rechnung herrschte. Das Alter dieser Urkunde ist also auf wenig- stens 4500 Jahre zu schätzen. Zweck und Inhalt der Inschrift lassen sich nur noch teilweise entziffern. Wahrscheinlich war das Stück ein sogenannter Grün- dungszylinder, wie er bei Grundsteinlegungen verfertigt wurde. Ausserdem macht die mehrfache Erwähnung einer Krankheit wahr- scheinlich, dass die Stadt Nippur damals von einer Pest heimgesucht gewesen ivar. Besonders beachtenswert sind einige im Zusammen- hang erhalten gebliebene Stellen, die von Dr. Barton in einem Vortrag vor der Amerikanischen Philosophischen Gesellschaft in Uebersetznng mitgeteilt wurden. Sie sind eine Art von Natur- Hymnus, init�religiösen Betrachtungen durchwoben. Der Name des Erbauers des Tempels, dem dieser Zylinder geweiht wurde, und der Name des Verfassers der Inschrift sind mit den abgebrochenen Teilen verloren gegangen. Eine längere Vcrsfolge lautet dann folgcnderMassen: Der Herr der Dunkelheit wacht über den Menschen. Der Herr des Lichts wacht über den Menschen. Der Herr des Leben? wacht über den Menschen. Der Herr des Heiligtums wacht über den Menschen. Er befördert das Wachstum des Korns für deine Tiere. Gott ist dem Menschen günstig.— Die folgende Stelle zeigt, dass die Beivohner von Nippur eknen guten Trunk zu würdigen und auch mit schwungvollen Worten zu preisen wutzten: Das Auge des Weins hat 30 000 Oeffnungen. Sein Helles Auge hat hohen Glanz, Gleich der Gottheit, der grossen Mutter. O unsere Frau, die Mächtige, die glänzende Gottheit. Unaussprechlich ist die Fülle deiner Pflanzen. Eine toeitere Stelle nimmt auf die erwähnte Seuche Bezug. Darin ist von einer feurigen Tafel die Rede, die als Schutz gegen die Krankheil�betrachtet wurde, und die Götter Jstar und Ea werden zum Schutz angerufen. Eigentümlich, aber auch aus der hebräischen Poesie bekannt, ist die schon in den ersten Versen auf- fällige Wiederholung derselben Worte. So wird der Gott Ems. der die feurige Tafel brachte, immer wieder mit den Worten ge- priese»:„Als ein Schützer entfernte er die Krankheit." Diese Tat lvird einer Art von Beschwörung zugeschrieben, und Enil erklärt: „Gegangen ist die Scncbe vom Antlitz des Landes." VorlvärkSBuchdruckerei u.verlagSanstall Paul Singer«cCo., Berlin SW.