Unterhaltungsblatt öes vorwärts Nr. 122. Sonnabend, den 27. Juni. 1914 1*1 ?us und Recht. Roman von Fred B. Hardt. Als er an das Haus kam und das Gartentor aufschloß, blickte er hinauf und sah die Schlafzimmerfenster seiner Mutter inatt erleuchtet, das Rachtlicht brannte. Vielleicht wachte die Mutter noch. Leise aing er die Treppen hinauf und öffnete behutsam die Nvrridortüre. Doch als er auf den Zehenspitzen an dem Schlafzimmer der Mutter vorüberging nach seinem Zimmer, rief die Mutter leise nach ihm. „Noch wach, Mutter?" Sie streckte ihm die Hand entgegen.„Es ist immer noch die alte Geschichte, mein Junge. Ich kann doch nicht ein- schlafen, ehe ich Dich heimgekehrt weiß." Frank Werner küßte die Hand der Mutter, die er in seinen Händen behielt.„Ja, immer das alte Lied. Wie oft bin ich Dir böse geworden und habe gescholten, wenn Du wach bliebest, bis ich kam, aber es hat nichts geholfen." „Nein, wirklich nicht, mein Sohn', die alte Mutter kann sich nicht mehr ändern." Frank setzte sich auf einen ripsbespannten Polsterstuhl. der neben dem Bett stand. Die Mutter schien über etwas nachzudenkein„Hast Du mir nicht noch etwas zu erzählen, Frank?—- Nichts Neues aus Dresden?" „Ich habe Dir von allen Grüße gebracht." „Von allen?" „Wenigstens von allen, die Du kennst, Mutter." Frank hatte cm ganz ernsthaftes Gesicht, aber die Mutter bemerkte, wie die Mundwinkel schalkhaft zuckten, und freund- lich drängend sagte sie:„Du könntest mir wirklich von Ursula erzählen." „Von Ursula?" „Sei nicht so verschlossen. Komm, mein Junge, und erzähle mir." „Ich möchte nur wissen, wie Du darauf kommst." „Ach, Du großer, drinimer Junge, Du kennst uns Frauen mach so wenig." „Nanu, erlaube mal, ich dächte doch." „Laß gut sein, mein Sohn.— Wie ist sie?" „Schön, Mutter, sehr, schön." „Und?" „Blond und schlank." „Ja, und..." ..... Und wenn sie lacht, ist Sonne im Zimmer, und ich fühle mich ganz jung." „Du liebst sie sehr, Frank?" „So sehr, daß ich fühle, daß ich eigentlich erst jetzt lebe. Ich habe sie geliebt von dem ersten Augenblick, da ich sie gesehen habe. Das kam ganz plötzlich und heftig über mich." „Und sie?" „Jetzt liebt sie mich auch. Das weiß ich. Im Anfang spielte sie mit mir. Ich war einer von den vielen anderen, die sich um sie drängten. Und da bin ich heftig gewesen..." Die Mutter nickte und lächelte voll verstehenden Er- innerns. .. sehr heftig und habe natürlich alles verdorben. Sic meinte einmal, ich hätte miserable Manieren und man schreie eine Dame nicht an. Da habe ich gelacht, mir war aber gar nicht so zumute, und habe sie stehen lassen, initten iin Saal. Es war an einem Tanzabend bei Bosch. Und wenn sie dann mit einem anderen an mir vorbeitairzte, habe ich immer wieder gelacht. Und abends hat sie kein Wort mehr mit mir gesprochen." „Das kann ich mir denken, Frank. Ich glaube, Du faßt die Frauen zu derb an, zu heftig." „Das weiß ich nicht. Jedenfalls überlege ich mir das gar nicht. Das kommt alles von selbst. Ich kann einfach nicht einer Frau den Hof machen. Dabei kommt etwas Fremdes in mein Wesen, etwas Gekünsteltes, Unnatürliches. Die Liebe muß die beiden zusammenwehen, wie ein Sturm." „Und wie steht es jetzt, habt Ihr Euch ausgesprochen?" „Wozu denn? Ich liebe Ursula und weiß nun, daß sie mich liebt, und eines Tages werde ich sie beim Kopf nehmen »nd sie küssen, daß ihr der Atem vergeht. Das muß ein ganz besonders herrlicher Tag sein, ein Augenblick, tvo sich alles zusammendrängt, was ich fühle." „Sei doch vernünftig, Frankl Einmal wenigstens,»ud füge Dich in die Formen, die gelten. Sei lieb zu ihr und sage es ihr." „Ja, und noch Liebesgedichte machen." „Ach, Frank.-- Was meint Frau Gabriele und Dein Freund van Bosch dazu? Wissen sie davon?" „Und das Standesanit, nicht wahr? Das ist mir alles so gleichgültig. Ich glaube schon, daß Frau Gabriele ahnt. wie es um uns steht, aber ich habe auch mit ihr nicht ge- sprachen. Das wäre alles so ausgeklügelt, so alltäglich. Danke, nein. Natürlich soll Ursula meine Frau werden. Aber ich will dieses wundersame Unausgesprochene durch- koste»," „Du hast vielleicht recht, Frank. Du willst sie erst genau kenneu lernen und prüfen." Frank lachte laut auf:„Ganz und gar nicht. Kennen lernen!— Was heißt das? Keiner kennt den anderen. Alles ist Gefühl und Wagemut. Ich liebe sie, und sie ist schön und gesund. Sechs Buben soll sie mir schenken, einer schöner und wilder als der andere."— Und dann ernster:„Kennen lernen? Was soll das spießige Beschnüffeln?«ie ist so, wie sie ist, und so gefällt sie mir, und mich muß sie nehmen, wie ich bin." „Aber, mein Junge, Du mußt doch wissen, ob sie tapfer ist und fest gefügt, ob sie einen Charakter hat, der die Bürg- schaft in sich schließt für eine harmonische Ehe. Das ist eine ernste Sache." Frank wurde ungeduldig und zog feine Hand aus den Händen der Mutter. Doch die alte Frau wollte ihn nicht so von sich lassen und sagte zärtlich zu ihm: „Sei nicht ungeduldig, inein Sohn. Ich freue mich aus ganzer» Herzen über Deine Liebe und werde Ursula schon um deswillen lieb haben. Bring' sie mir bald. Ich will sie bald kennen lernen." Ihre Stimme zitterte. Frank beugte sich.besorgt über die Mutter und sah, wie ihre Augen voller Tränen waren. „Mutter, habe ich Dir weh getan? Du sorgst Dich-l" Sie schüttelte den Kopf, und leise, fast verlegen, sagte sie: „Ich bin so— allein— hier— und Du in Dresden." Einen Augenblick sah Frank sie erstaunt an: dann rief er ganz laut»ud froh aus: „Da komm' doch zu mir, Mutter! Eine größere Freude könntest Du mir gar nicht bereiten.— Das ist ja prächtig, herrlich! Du kommst nach Dresden, aber gleich. Herrgott, bin ich ein Esel, hätte ich das nicht ahnen können! Du liebe, liebe Heimlichtueriu." Er umarmte sie stürmisch: da bemerkte er aber, daß' die Mutter abgespannt war und ihr Gesicht einen müden, schu, erzlichen Ausdruck bekam. Er legte ihren Kopf behnt- sain in die Kissen zurück, stand auf und ging nach dem kleinen Tisch, der neben dem Bett stand, und goß in ein halbes Glas einige Tropfen der beruhigenden, schlafbringen- den Medizin und reichte ihr den Trunk. „Danke, mein Junge."— Sie strich ihm liebevoll über den Kopf.—„Es war etwas viel für mich, dieses Nacht- gespräch. Morgen plaudern wir weiter. Gute Nacht, Frank!" 3. Es fügte sich ein Stein nach dem andern zun: Aufbau der Praxis Dr. Werners, und sie wuchs so schnell empor, daß er selbst erstaunte und manch andere sich verwunderten und dem schnellen und mühelosen Eniporsteigen des jungen Anwalts nicht ohne Neid zuschauten.. Seit dem Knobler-Prozcß und einigen anderen erfolg- reichen Kerteidigirngen, bei denen die Person des Angeklagten, der sonderbare Fall selbst oder Begleitumstände die öffent- lichc Aufmerksamkeit erregt hatten und in der Presse erörtert worden waren, drängten sich allerhand Leute an ihn, die eine Art Doktor-Wunderhand in ihm erhofften. Es half nichts, wenn er ihnen auseinandersetzte, daß er nicht mehr als jeder andere Anwalt leisten könne; es änderte nichts, daß er den einen oder anderen wieder fortschickte, dem nicht AU Reifen war. Es kamen immer wieder neue. Es war die große Schar der Verzweifelten, die jahrelang einen er- bitterten Kampf um ihr Recht führten. Wenn dieses auch bisweilen ein eingebildetes lltecht war oder das Unrecht nur in ihrer Phantasie bestand, so waren doch Schmerzen und Enttäuschungen nicht eingebildet. Dieser Kampf um das Recht hatte etwas Tragisches, das Dr. Werner ergriff: für ihn war das Rechtsbewußtsein im Menschen das eleinen- tarste Gefühl, der Grund, auf dem sich seine Menschenwürde aufbaut. Er konnte ihnen nachfühlen, daß, wenn dieses Rechtsbewiißtsei» erschüttert>var, sie ans wankendem Boden gingen. Das schmerzlichste für Dr. Werner waren solche Fälle, wo tatsächlich ein Unrecht geschehen war, das Gesetz aber keine Handhabe bot, einzngreifen und wieder gut zn machen, Ms ei» Irrtum oder eine Böswilligkeit geboren hatte, und wodurch das Leben eines Mensche», vielleicht einer ganzen Jamilie, unfruchtbar gemacht wurde. Diejenigen, die er so fortschicken mußte, konnte er nicht davon überzeuge», daß ihnen nicht zn helfen war. Sie gingen mit erbittertem und resigniertem Gesicht von ihm, als wollten sie sagen, also auch Du willst uns nicht Helsen. Und das tat ihm weh. Um diese Feit bat ihn Karl Henkel, sich einer Frau anzunehmen, in deren zerstörtes Leben ihm ein Zufall Ge- legeuheit gegeben hatte, Einblick zu tun. Dr. Werner hatte zunächst abgelehnt, die sehr kouipli- zierte Sache zu übernehmen, da er schon fast überarbeitet war, und vertröstete ans den Eintritt seines Kompagnons, des Dr. Welzer. „Bis zum Frühjahr ist die Frau vielleicht verhungert." „Daun muß sie sich einen anderen Auwalt suchen." „Ohne Geld?" Dr. Werner schwieg.„Ich kann wirklich nicht", sagte er dann. „Was würden Sie empfinden, wenn morgen die Frau sich mit ihrem.Kind ins Wasser stürzt oder ganz verwirrt ihren Mann ans der Straße niederschießt?" „Ist denn die Lage so verzweifelt?" Karl Henkel fühlte, daß er gewonnenes Spiel hatte und erzählte einiges ans dem Leben der Frau.„Lassen Sie wenigstens die Dame kommen", meinte er dann, als Dr. Wer. ner noch schwieg.„Wann kann sie denn kommen? Ich treffe sie morgen. Ich könnte ihr die Bestellung ausrichten. Dann brauchten Sie ihr nicht erst zu schreiben." „Sie Schlauberger", lachte jetzt Dr. Werner und»ahm seinen Terminkalender zur Hand.„Meinethalben. Morgen Abend nach Schluß der Expedition um halb neun." „Danke. Sie tun wirklich ein gutes Werk. Alle luög- licheu Anwälte in Berlin und Dresden haben schon W der Sache herumgedoktert, aber bald die Flinte ins Korn gc- warfen. Sie müssen durchhalten, Dottore." „Werde ich auch, wenn ich mich überzeugt habe, daß ihr zu helfen ist. Alto morgen halb neun.— Halt, ich hätte ganz vergessen,— wie heißt meine neue Patientin?" „Frau Berta Blinker. Sie wohnt in der Schnorrstraße 53." Dr. Werner notierte Namen und Adresse, und Karl Henkel verabschiedete sich.(Forts, folgt.) Kirfihentummer. B o n Regina R u 6 e n. Manchmal, wenn ich mir die Kirschenpracht auf den Wochen- niärlten und in den Obstäuslagen ansehe, steigt eine Kindhcits- crinnerung in mir auf, die mir die allererste bittere Erkenninis von der Existenz eines großen ökonomischen Weltgctriebes ver- mittclte und die mir zn der Feit egoistische Träneil in die Kinder- äugen getrieben. Meine Eltern wohnten nämlich in meiner Jugend in einem prächtigen, von baiiingekrönten Bergen umschlossenen Ort West- falens, an einem hübschen kleinen Badeplatz. Tic Obst- und Ge- niüsebedürfnisse dieses Platzes befriedigten, sofern die Einwohner nicht selbst ausreichende Gärten hatten, die malerisch rundum gruppierten Dörfer mit den freundlich blinkenden rotcip Ziegel- dächen,._ Die altertümlichen Strohdächer waren auch damals schon im Verschwinden, weil die Versicherungsgesellschaften der große- rcn Feuersgefahr wegen, dagegen revoltierten. Durch diese heimatlichen Dörfer zieht sich nicht, wie in vielen anderen deutschen Gegenden, ein schnurgerader Weg, an dem die Behausungen der Dörfler liege». Meistens fuhrt auch heute noch ein möglichst knimmbmkliger, nbiuechselnd zwischen Schluchten, Hohlwegen und Flachlandsirecken auftauchender, mit Obst- oder Vogclbecrbänmen bestandener Landweg hindurch, der irgendwo«u»f die nächstliegende glatte Kreischaussee mündet. Westfalen ist auch heute noch das typische Land der Einzelgehöfte, der für sich abgc» teilten, in der Regel von einer Weiß- oder Rotdomheckc umhegten Bauernhäuser, die aus Lehm- oder Steinwänden ausgerichtet, fchtvarzweiß kariert getüncht sind und einen flachen, blau oder grün oder auch blaugrün angestrichenen Gieibcl haben, oft verziert durch alte Sprüche, wie der unendlich oft wiederkehrend«„Allein Gott in der Höh' sei Ehr'", und mit der Inschrift der vollen Vor- und Zunamen des Ehepaares, das sich das Heim gebaut. Am Eingang zu solchem Gehöft' paradieren gewöhnlich ein paar alte knorrige Eichen, wie es ja auch schon in der Ritterhausfchen West- falenhymnc lpßh„Als Wächter an des Hofes Saum reckt sich empor der Eichenbauiii!" Da diese in ihren Obstgärten vcritccktcn Bauernhäuser die Front hindvehen, lvohin sie Lust haben, die mächtigen Torwächter aber selten fehlen, sollte iiiau fast annehmen, daß der westfälische Bauer gerade iimner da, wo solch ein Paar Recken aufstrebten, sein Heim aufgeschlagen hat. Der weit ge- fährlicher« Wächter aber, der sogenannte tvestfälische Schäferhund, eine Art gelblicher, dickplnstriger Spitz, dessen Verwandtschaft, Ahnen»nd Nachkommen auf allen Gehöften anzutreffen sind, logiert seitwärts der mächtigen hölzernen Flügeltüren mit dein auslösbaren Querbalken und den aufgehenden Oberteilen, die einem hoch be laden ea Heuwagen die Einfahrt gestatten. Da hat der Spitz sein immer offenes Entree, eine selbstverständlich ins Hans gebaute Oeffnung, neben der er Tag und Nacht, wenn er besonders gefährlich ist, angekettet liegt. Wehe dem Fremden, der sich im Dunkeln oder in Abwesenheit der Bewohner den Zugang er- zwingen wollte. Kein Köder hülfe. Spitz erhebt schon auf zwei- hundert Meter Entfernung hin ein derartiges Wutgeheul, daß Bauer oder Bäuerin, Knecht oder Magd eiligst in ihren Holz- schuhen herbeistürzen, um den nahenden Besucher, den Hausierer oder Briefboten oder wer es sonst sei, ungefährdet«inzulassen. Aus diesen westfälischen Dörfern heraus wurden wir mit Kirschen, dem Lieblingsobst der Jugend, versorgt. Und wieder am schönsten gedieh diese Frucht in dem alten historischen Flecken Bergkircheii, der in eine tiefe Senkung zwischen zwei Höhen des Wesergebirges gebaut, reizend gelegen und ein beliebter Ausflugs- ort der sommerlichen Badegäste geworden ist. Dort oben in Berg- kirchen befindet sich außer einem guten Wirtshans, lvo es Pumper- nicket und Schinken gibt, auch die berühmte Widukindsqnelle, von der die Sage erzählt, der heidnische Widukind sei einmal, dem Ver- dursten nahe, auf der Flucht in diese Bergsenkung auf hohem Berge geraten. Tort habe cr, nachdem er vergeblich zu seinen heidnischen Göttern gefleht, den Schwur getan, wenn ihm der Ehristengott ans der Gefahr helfe, so wolle cr sich mit seinen Sachsen taufen lasse». Da habe sein weißes Sachscnroß mit dem Hufe die Erde geschlagen, eine Quelle sprndctte auf und Widukind trank, stärkte sich dadurch und entkam glücklich seinen Verfolgern, den christlichen Trabanten Karls des Großen. Die Trappe an der Quelle, die das Roh geschlagen, ist heute noch zu sehen und ist der Zielpunkt vieler Wanderer. Zur Kirschenzeit, im Juni und Jstili, standen wir Kinder inög- lichst früh auf. Dann kamen so zwischen sieben und neun llhr morgens die noch viel früher aufstehenden Dörfler, Männer und Frauen, mit ibrcn Kirschcnkörven, die sie iiieistciis auf runden roten Ringkisscn oben auf dem Kopf trugen, zum Verkauf ihrer Ware zu uns ins Tal herabgestiegen. Am Korb hing in der Regel, in ein buntes Taschentuch geivickelt, eine alte meist bcnlige grünspan» überzogene Messingwage i» Schalenform mit veralteter Wiege» stange. Dies charakteristische Zeichen verriet uns Kindern schon von weitem au den Schattensilhoucttcn der mit ihrer Last langsam Herunter schreite»den, ob Kirschen im Korbe waren. Denn das Ge- müse und die jungen Hähnchen, die die Landleute auch zu verkaufen hatten, interessierte» uns junges Volk weniger. Hunderte von Metern rannten wir den Landlenten entgegen und riefen:„Haben Tie Kirschen?"„Was für Sorten?"„Was kosten die Kirschen?" Iliid dann jagten wir ihnen voran in die elterliche Wohnung und jauchzten durch den Hausflur:„Vater, Kirschen, ob wir Kirschen kaufen? Dicke Glaskirschcn." Und dann kam Vater oder Mutter auf de» Flur, spähte in de» Korb und fragte wohl:„Sind die spanischen Kirschen noch nicht reif?" Das waren die schönsten Bergkirchcner Sorten. Die Glaskirschcn waren sozusagen nur die leuchtenden Vorboten. Und dann sagte der Bauer oder die Bauers- frau:„Das dauert wohl noch acht Tage. Aber diese kriegen Sie für 10 ä s s e r n baden!— Daß sick, weder Schwimmer noch Nichtschwimmer vor- eilig in unbekannte Gewässer wagen sollten ist eigentlich selbstvcr- ständlich. Aber nur zu oft toird gegen diese Selbstverständlichkeit gesündigt. Man kann den Wassern selten ansehen, ob sie tief oder flach sind, ob sie auf festem oder Schlammgrund stehen. Es ist schon häufig vorgekommen, daß Schwimmer den Kopfsprung in Gewässer machten, die sie nicht kannten, die erstens niedrig waren und dann noch schlammigen Grund hatten. Die Springer blieben mit dem Kopfe im Schlamme stecken und mußten elendiglich ersticken. Auch daß sich Schwimmer beim Sprung in flaches Wasser, dessen Grund sie nicht kannten, durch Aufschlagen auf spitze Steine, Pfahlreste und andere Gegenstände schwer verletzen, ereignet sich leider immer wieder. Aus alledem folgt, daß sich auch Schwimmer immer sehr genau über die Beschaffenheit ihrer Badegelegenheit orientieren müssen. Können doch selbst Schlingpflanzen den Tüchtigsten von ihnen zum Verderben Iverden, wenn sie beim Tauchen in die Wirrnis ihres Gestrüppes geraten. Die Stiele der oft den Grund von Teichen und Seen bedeckenden Pflanzen sind außerordentlich zähe, umschlingen Arme und Beine des in sie Geratenen wie mit eisernen, unzerreiß- baren Klammern: er muß ertrinken, wenn nicht sofort sein Unfall bemerkt und Hilfe geschaffi wird I DeS Schwimmens Unkundige dürfen sich nie in tiefes Wasser hineinwagen. Tun sie es dennoch übermütigerweiie, so müssen sie es sehr oft mit dein Tode büßen. Vor allem aber sollten Bade« lustige— und wer gehörte nicht dazu. Ivenn im Sommer die Sonne glühend herniederbrennt und der Sirenenhanch des Wassers zun Tauchen in seine belebenden Fluten einladet f— da» Schwimmen erlernen, wenn sie nur eben Gelegenheit dazu haben. Schwimmen erfrischt und stählt nicht nur den Körs'er, c» stählt auch Geist und Charakter. Der Lernende gewinnt Selbstvertrauen in die eigene Kraft, in da» eigene Können, indem er sich einem Element an« vertraut und eS beherrschen lernt, von dem es heißt, daß e» keine Balken habe. Mut und Kraft gibt das Schwimmen, gepaart mit kühl abwägender Zuversicht und Borsicht. Und etwa» Bessere» kann man sich für den harten Daseinskampf, der geistige wir körperliche Kräfte gleich intensiv in Anspruch nimmt, nicht wünschen I Weil da» Schwimmen für eine harmonische Ausbildung körperlicher und geistiger Kräfte so überaus toertvoll ist, muß e? Pflicht jeder Behörde und Gemeinde sein, für die An« läge ausreichender Badeplätze Sorge zu tragen. Deshalb ist e» auch sehr zu begrüßen, daß in den letzten Jahren da« Freibade« wesen, wo die Möglichkeit dazu vorhanden war, einen so rapiden Aufschwung nahm. Zum Schließ noch ein»r sollte ein des Schwimmen» Unkundiger trotz aller Borsicht in eine tiefe Stelle geraten sein, so braucht er fich durchaus nicht gleich aufzugeben. Weil da« vom Körper der« drängte Wafler etwa» schwerer ist als dieser selbst, so kann sich jeder über Wafler ballen, wenn er vollkommen bewegungslos bleibt, die Arme, um eine horizontale Körperlage im Wasser herbeizuführen. nach hinten über den Kopf hinaus ausstreckt— aber im Wasser hält — und recht tief einatmet, kurz auiatmet. Der Kopf muß etwas hmtemiber gebogen werden: Mirnd und Rase bleiben dann immer über Wasser, daß der Berunglücfte nicht ertrinken kann. Kranke Personen, vor allem solche, die an Schwindel- und Ohnmachts anfüllen, Krämpfen, besonders Wadenkrämpfen, leiden, dürfen sich nie in« tiefe Wasser wagen, sondern stet« nur unter Kontrolle baden, Herzkranke Menschen dürfen auf keinen Fall schwimmen, weil hier« bei durch die vom Herzen zu leistende Mehrarbeit leicht ein Herz- schlag eintreten kann. Ueber die Dauer des Schwimmbades muß das subjektive Empfinden entscheiden. Länger als 25—30 Minuten sollte es aber nie dauern, und vor allem darf man nie solange im Wasser bleiben, bis e» einem fröstelt. Am besten bekommt das Bad, wenn man das Wasser verläßt, solange man sich noch recht wohl darin suhlt. Dann braucht man eine ErkältungSlrankhest nicht zu befürchten l Kleines Feuilleton. Schach. Unter Leitung von S. Alapi«. io -H- o er c* i a< Die Farben der Blitze. Daß die Farben der Blitze eine große Mannigfaltigkeit zeigen können, lehrt uns die tägliche Erfahrung. Ueber die Häufigkeit des Vorkommens der einzelnen Farben hat neuerdings der englische Meteorologe Spencer C. Ruflell inter- effante iknfzeichnungen gemacht. Hiernach sind am häufigsten die roten Blitze i unter 152 von ihm beobachteten Linienblitzen— fälschlich auch Zickzackblitze genannt— zeigten 37 die rote Farbe. An zweiter Stelle folgte die blaue Farbe, die 30 Blitze aufwiesen, an dritter Stelle vre weiße Farbe mit 25 Blitzen. Weiter gelangten zur Beobachtung goldfarbige Blitze 21 mal, violette und gelbe je 14 mal, orangefarbene 7 mal, schließlich grüne Blitze 4 mal. Etwas anders als bei den Linienblitzen verleilen fich die Farben bei den Flächenblitzen. Bei diesen ist am häufigsten die weiße Farbe, nächst ihr kommen Rot und Gelb. Die roten, blauen und violetten Blitze scheinen besonders auf dem Höhepunkt des Gewitters aufzutreten, während gegen das Ende des Gewitters zu die Farben der Entladungen häufig zu Weiß, Goldig und Gelb � verblassen. Die seltenen grünen Blitze entstehen, wie man an- nimmt, in den größten Höhen; zumeist folgen ihnen Entladungen von blauer und violetter Farbe. Auch bei Gewittern, die von Hagel begleitet sind, treten stets Blitze von blauer Farbe auf. Jnkereffant ist schließlich auch die Bemerkung, daß zwischen der Farbe der Blitze und der Art des ihnen folgenden Donners ein S visier Zusammenhang zu bestehen scheint. Die stärksten Donner- läge sollen nach den violetten und grünen Blitzen zu beobachten sein. Rote Blitze sind von lang rollendem Donner, blaue von einem mehr oder minder heftigen, bald längeren, bald kürzeren Krachen gefolgt, während der Donner, der die weißen Blitze be- gleitet, an die rasche Entladung von Geschützen erinnert. Hygienische». Das Zigarcttenrauchen der Jugendlichen. Das Bezirksamt Kehlheim hat eine Mahnung an die Eltern und an die Verkäufer von Zigaretten gerichtet, in der auf die große Gefahr für die körperliche EntWickelung der Jugend durch das Zigaretten- rauchen hingewiesen wird. Es vermindert die EssenSlust, bewirkt durch ungenügende Ausnutzung der Speisen Blutarmut, führt zu Herzschwäche und schafft nervöse Zustände. Schließlich bedingt es eine mangelhafte körperliche und geisttge Entwickeluna und setzt somit die Leistungsfähigkeit der jugendlichen Personen herab. Die Gemeindebehörden sollten nach Möglichkeit die Verkäufer von Zigaretten beeinflussen, daß solche an jugendfiche Personen nicht mehr abgegeben werden. In England ist das Rauchen der Per- soneii unter 16 Jahren, sowie der Perkauf von Zigarren und Tabak cm dieselben durch Gesetz unter Strafe gestellt. Berantw. Redakteur: Alfret» Wiel.pp, Neukölln.— Druck u. Verlag: Im Schachklub von Hannover wird diesen Herbst ein Turnier für Blindlingsspieler arrangiert. Eine originelle, zum erstenmal als Turnier(!) gedachte Veranstaltung l Rur Ehrenpreis« in Schachgegenständen, aber Reiseentschädigungen. An» Meldungen an Ad. Aarenholz, Hannover, Lutherstr. 24». Der Natur der Sache gemäß, werden selbstredend auch Richtmeister zugelassen. Durch das Petersburger Weltturnier in Anspruch genommen. konnten wir bisher über das Badener einen Borsprung für S ch w a r z, der von den 52 entschiedenen Partien 2» gewann. Das Verhältnis wird noch ungünstiger für den Gambit- geber, wenn man nur die angenommenen Gambit« zählt: Solcher entschiedener Partien waren im ganzen 28 in Baden bei Wien gespielt, von denen Schwarz 22(fast 80 Proz. l> gewann. Diese objektive Statistik rechtfertigt vollauf die öfters zu unrecht getadelte Abneigung der Meister in ernsten Messungen gegen das Gambitspiel. Rachstehend eine Partie ans dem Turnier(am 13. April gespielt): Evansgambit. vr«/«r C Schlechter 1. e2— e4, e7— e5; 2. Sgl— 13, Sb8— c6; 3. Lfl— c4, Lre— c5; 4. bS— 54, Lo5Xb4! 5. o2— c3 Lb4— a51 Minder gut ist 6...... Lc5 wegen 6. 341(Alapm) 6...... ed; 7. 0—01 ,. B. 7...... 1,561(63; Sg5, 85«; Sxni IC. Oder dXc3; LXf7+ je.) 8. cXd4, 66; 9. So3(auch 65 ist gut) 9...... Sa5: 10. Lc5, f6; 11. Le3, 8X1-: 12. Da4+, Dd7; 13. DXS, Df7; 14. 865, I,o6; 15. Da4+, Ld7; 16. Dc2, Tc8; 17. a4, La5; 16. Tfbl, nebst Apen!. 854 jc. Eher zugunsten von Weiß. 6. 62— d4 57—55 Am besten ist 6..... 66 1(Mapin) ,. 9.: 7. Da4(de, De7 1) 7..... eX64; 8. 8X64. Sge7; 9. I,g5, 1)67 I; 10. LXS(1,55. a« I; LXc6, 8X1-; 8X8. 1,56 1 rc.) 10...... SXS1; 11. VX1-. Sc6I; 12. Dg5, VXI-; 13. DXg7, DXeif: 14. Kdi (I,e2, Deü. Oder Kdl, Dglf) 14...... Df4f; 15. Kc2, ITSf mit Gewinnstellung. Da» Gegengambit des TextzugeS rühtt von Leonhardt her. 7. I,o4— 65..... Einfacher war 7. I-X55, 8X64; S. 8X3. eXd4; 9, DXd4!C. Weiß steht sehr gut. 7...... e5Xd4 8. D61— 53..... Der neue Bilguer gibt an: .8.8X641, Df6; 9. 0-0, Sge7; 10. e5 1, Dg6 1; 11. k4' ,c.(11..... 8X1-?; 12. 15.) 8...... 068—56 9. 0—0 57—56 Es drohte sonst 10. s5, Dg6; 11. Sg5 jc. 10. 03X64 Etwa» besser ScS! 11...... 12. 851-62 13. 1)53X65 14. Lei— a3 Sg8—«7 Dffr— 55 Se7X65 0—0 55—54 Um So4 mit I,a6 zu parieren.' 15. La3— 52 16. 065—53 17. Tal— cl 18. D58-61 19. Tfl— el La»— 56 a7— a5 aü— a4 Sc6—©7 Lo8— 57 Schwarz hat einen gesunden Mehr« bauer bei guier Sntwilklung mutz demnach gewinnen. und 20. 862—51 21. 052— al 22. 061—62 23. 851-63 24. Lal— c8 a4— a3 055— e6 L56— aü 54—53 53—52 Sofort entscheidend war 24..,. LXL; 25. TXL, LXS; 26. gX«, 52 ,. B. 27. Sc4, blD; 28, TvD, Dg6t nebst VXD. 25. Lc3Xa5 26. TelXol 27. La5— 54 28.§2X13 29. 1,54 Xol 30. Toi— c2 31. 062Xo2 32. Dc2Xc7 33. Dc7X67 34. Kf-l— g2 35. 067—§4 36. 863-55 37. 0x4X55 38. 66—e6 39. D55Xe6t Aufgegeben. b2XclD Lb7— 65 L65X« T58— 58 Tb8— 52 Tb2Xc2 De6Xe7 067—54 054— bist DblXa2 Da2— e6 066X15! a3— a2 nxee KgS-hS Vorwärts Bnchdruckerei u.VerlagSanstalt Paul Siiurcr&Eo.,Söer[inSW.