Unterhaltungsblatt öes vorwärts Nr. 123. *' i Ci Donnerstag, den 2. Juli. 1914 1T]?US unö Recht. Roman von Fred B. Hardl. Dr. Werner sah ihn erstaunt an. „Ick, glaube, daß die Staatsanwaltschaft auf einen der- artigen Fall gar kein Gewicht gelegt und kein Interesse gezeigt hätte, deswegen gegen einen Anwalt im Disziplinar- Ü'ege vorzugehen, wenn dieser Anwalt nicht gerade Sie wären. Glauben Sie mir, der Oberstaatsanwalt hat die Wlamage in Ihrer Duellaffäre nicht vergessen. Ich fasse das Vorgehen in dieser Angelegenheit als symptomatisch auf, lassen Sie sich das gefallen, kommt bald ein neuer Schlag." „Meinethalben, ich werde mich schon wehren, wenn ich es ifiir nötig halte. Doch diese Sache ist fiir mich abgetan. Ich xiihre nicht den Finger." Dr. Rencker zuckte nach seiner Art die Achseln: dem Brausekopf war Nüchternheit zu predigen unmöglich. Und doch schien seine Ansicht die crkennensreichere zu sein, denn einige Tage danach fand Dr. Werner unter den eingegangenen Briefen auch einen mit Maschine geschriebe- mn, der ohne Unterschrift war und folgenden Inhalt hatte: „Jemand, der Ihnen wohl will, weiß, daß gewisse Leute Ihnen ein Bein stellen wollen. Seien Sie vorsichtig. Die erste Unbedachtsamkeit wird gegen Sie ausgenützt." „Pfui Teufel, ein anonymer Brief!" Und Dr. Werner Zerriß den Bogen und warf die Papierschnitzel in den Papier- korb. Der Prozeß Blinker hatte Dr. Werner während der letzten Wochen so in Atem gehalten und seine ganze Arbeits- kraft erfordert, daß er seine Mutter in Leipzig längere Zeit nicht gesehen hatte, und auch nicht dazu gekommen war, dem Plan, die Mutter in seiner Nähe zu haben, eine klare Ge- staltung zu geben. Nachdem dieser Prozeß in ein ruhigeres Gleise gckom- inen war, drängte es ihn, das Versäumte nachzuholen und er überlegte sich dieses Zusammensein ruhig und wog die die Möglichkeiten sachlich gegeneinander ab. Jedenfalls mußten der alten Frau Lebensbedingungen geboten werden, die möglichst den alten liebgewordenen ent- sprachen, vor allem Ruhe, ohne daß diese wie Einsamkeit drücken durfte. Da kam ihm der Gedanke, wie wäre es, wenn er auf dem Weißen Hirsch Wohnung nehmen würde? Wahrhaftig, das war ein freundlicher Einfall. Da hatte die Mutter Ruhe und gute erquickende Luft, weit besser als in Dresden. Wie er in allein schnell entschlossen war und den Ent- schluß auch schnell ausführte, so fuhr er schon am nächsten Tag über die Mittagsstunden auf den Weißen Hirsch, um sich nach einer geeigneten Wohnung umzusehen. Er ging schnell und frohgemut durch die Wiesengasse nach der Heinrich- straße, dort mußte seines Erinnerns nach die Ferdinand- straße einmünden, in der ihm eine Wohnung nachgewiesen war. In diesem Teile vom Hirsch standen noch einzelne biedere Bauernhäuser, meist nur ein Geschoß zur ebenen Erde und ein Giebelzimmer: einige hatten iroch dichte grangewordene Schindeldächer, in die sich Moos und griines Gottweißwoher-Getoächs eingenistet hatte. Jedes Haus mit einein Garten voll allerlei bunten Blumen und einem Gc- miisebeet, so daß der Garten fiir Stube und Küche seine Gaben verteilte. Die Landhäuser, die in ihrer Nähe sich behaglich sonnten, stammten noch ans der beschaulichen Zeit, die den Gegensatz des Landlebens zum Stadtlcben empfand und Ruhe und ländliche Einfachheit genießen konnte und sich noch nicht mit solch billigen pompösen Villen mit Gipsgir- landen und Butzenscheiben den Geschmack verdorben hatte, mit Gärten, die in mathematisch abgezirkelte Beete verengt, mit armseligen Zementspringbrunnen und blödängigen Terrakottenzwergen verschandelt waren. Aha, hier war die Ferdinandstraße. Und dort unten, nach dem Bergabhang zu, lief sie in einen runden Platz ans. Das ganze Rondell war mit einem grün gestrichenen Eisen- aitter umgeben, hinter dem die Gärten blühten und grünten, die beide Hänser umgaben. Zwei Landhäuser rnch Art der Schweizer-Landhäuser gebaut: das eine größer, das andere kleiner, offensichtlich von demselben Baumeister, ans grauem Stein mit eingelassenem braunen Holzwerk und einem vor- stehenden schützenden Dach. Er ging näher und sah durch das Gitter in die Gärten: Terravfcngärten mit einigen schönen alten Nußbäumen, dazwischen wohlgepflegte Koni- feren, die silberglänzende kalifornische Edeltanne und Taxus. Das alles sah sehr einladend aus. Die Wohnung, die für ihn in Betracht kam, war hell und gesund und in gutem Znstand: es waren vier große Räume, die um einen viereckigen Korridor lagen, der daS Licht durch ein breites Fenster erhielt, das nach dem runden Platz vor dem Hause ging. Eine Glastüre führte auf einen kleinen Gang, der zu der Küche und den Wirtschaftsräumen führte. Von dem Zimmer, das er schon in Gedanken der Mutter zugeteilt hatte, führten vier Stufen zu einem Garten hinab, der gegen den Platz zu durch rundgeschnittene TaxuS- bäume abgeschlossen war. Der Blick von hier war noch um- fassender, da i»an ein beträchtliches Stück in das Bühlautal hineinsehen konnte, bis zu der Sägemühle, die lustig klap- pertc. Der Nebengarten, der zu dem anderen SchweizerhauS gehörte, lag etwas tiefer, da der Erbauer der beiden Häuser der Unebenheit des Bodens keinen Zwang angetan hatte. So waren die beiden Gärten nur durch den?lbhang von- einander getrennt, und einige mit Verständnis angepflanzte Büsche schoben sich wie eine freundliche Kulisse eines Wald- theaters dazwischen. Beide Gärten schienen ein Ganzes und gaben jeder dem anderen neidlos von seiner Schönheit. Unterhalb des Gartens fiel der Abhang in Terrassen, die mit Obstbäumen bestanden waren, nach dem Tal zu ab und verlor sich in die Baumkronen einer Allee von alten Rüstern und Ulmen, die den schnialen Talweg beschatteten. Für Frank Werner hatte jedes Haus, jede Wohnung ein bestimmtes Gesicht, und wie er bei einem Menschen viel auf den ersten Eindruck Gewicht legte und schnell zufaßte oder sich abwendete, so war er auch sofort entschlossen, die Woh- nung zu nehmen und wurde schnell mit dem Hausverwalter, der mit der Mütze in der Hand zu ihm trat, einig. Bevor er nach seiner Kanzlei ging, suchte er noch bei der soliden Firma Gottsckwlk in der Neustadt die notwendigen Möbel und das Geschirr aus, denn er wollte zunächst nicht den Haushalt in Leipzig auflösen. Der erste Aufenthalt auf dem Hirsch sollte wie eine verlängerte Somnierreise von der Mutter empfunden werden, und wenn es ihr nicht zusagte, würde sie in Leipzig alles so vorfinden, wie sie es verlassen hatte. Mit einigen Teppichen und Bildern, die er aus seiner Wohnung heraufschicken wollte, konnte er den Räumen auf dem Hirsch die AnHeimlichkeit des lange Bewohntseins, eine persönliche Note geben. Nachdem alles blitzsauber geputzt, die Möbel eingestellt waren, schrieb er seiner Mutter und bat sie, sobald als möglich zu kommen.—„Alles ist bereit, Dich willkommen zu heißen. Wenn Wünsche und Hoffnungen Gestalt annehmen können, so wirst Du nur von Liebem und Freundlichem umgeben sein. Komme schnell, das Wie und Wonnt habe ich dem braven Fräulein geschrieben. Aber kümmere Dich selbst um gar nichts, lasse Dich gut einmummeln, steige in den Wagen und wenn Du aussteigst, kommst Du in die offenen Arme Deines Frank." Zwei Tage darauf traf die Antwort der Mutter ein. Freudig ungeduldig öffnete er den Brief und sah mit Rüh- rung auf die schlanken festen Züge, die die Schrift der alten Frau sich bewahrt hatten. „Mein lieber Junge," so lautete der Brief,„ja ich komm?. Von Herzen gern komme ich zu Dir. Heute, da ich weiß, daß ich Dich damit erfreue, kann ich es Dir sagen, daß ich mich danach gesehnt habe, diese langen drei letzten Jahre nach Vaters Tod. Sieh, mein Junge, ich habe ja nichts auf der Welt als Dich, und die Jahre sind mir auch schon zugezählt. Aber ich fürchtete, daß mein Alter und meine Gebrechlichkeit Dir im täglichen Zusammensein beschwerlich sein könnten und deshalb schwieg ich. Doch, als Du hier warst, konnte ich es nicht übers Herz bringen und sagte Dir meinen Wunsch, und Deine Freude war so beredt, so ganz wie Du bist, mein Junge, ohne Falsch, daß ich froh bin, daß ich es getan habe. Nun hast Du alles geordnet, und ich weiß, so sorgsam, wie«D. tiictnmib mifecr Tir versteht, �ch Hube gestern nucht, Tu weiht, ich schlufr nicht viel, über üiichtwe Dich nicht, nlte Lente brnnchen Wenig Schlaf— so sehr an Dieb gedacht und Dein Leben iiberschant. Nach all den Wirrnissen bist Tu ,inni Manne gereift und Tu brauchst schon lange nicht mehr Deine Mutter. Sie könnte eigentlich gehen, denn sie ist schon recht alt und nuirbe und zn gar nichts mehr niitze. Aber sie ist sehr egoistisch, ja, ja, hiein Junge, sie. ist es, und möchte sich noch verwöhnen lassen von ihrem großen Sohne." Arank Meiner lächelte wehmütig und dachte bei sich: Gibt es viele Menschen, die solche Briefe erhalten? Es ist doch etwas Wunderbares um eine. Mutter. Wie muß so ein Herz ansschanen, in dein nichts ist, als Güte und Güte und wieder Güte, in dem das Leben nichts angesetzt hat, als den feinen Goldstanbniederschlag der Nachsicht, die alle Schmerzen und Hcrbigkeiten in ein Mitverstehen wandelt. Frau Diehe wurde auf den Hirsch beordert, um Keller und Küche mit allem Guten und Notwendigen zu füllen, was in den ersten Tage» erforderlich sein konnte, und um ein leichtes Frühstück zu richten, damit die Sommerfrischler bei ihrem Eintreffen über Mittag eine kleine Stärkung vorfinden würden. Frau Diebe hatte die ganz unnötig ausführlichen Instruktionen, die ihr Frank Werner gab, unterbrochen und gutmütig lächelnd gemeint, der Herr Doktor könne sich ganz auf sie verlassen, sie werde alles schönstens besorgen, sie freue sich ja selbst, die Frau Mama zu sehen, lind Frank Werner wußte, daß die gute Frau es ganz so aufrichtig meinte wie sie es treuherzig aussprach. Als dann die Mutter über Mittag eintraf, fand sie alles wundervoll. Sie nahm den Arm des Sohnes und ging in dem Garte» auf und ab und freute sich an dem Blick nach Dresden, an der Aussicht auf das Tal; ging durch die Fiinmer und hatte für jede Anordnung ein freundliches Wort, auch für Frair Diche, da sie einen Blick in die Küche und die sorgsam verproviantierte Speisekammer warf, die allerdings vorher schon Babette als ihr besonderes Rayon eingehend gemustert und zufriedenstellend gefunden hatte. Eine frohe Stimmung war in das Haus eingezogen, und als Frank zu Bett ging, fühlte er sich sehr hausväterlich, worüber er lächelte, aber worüber er nicht lächelte, war das tief innerliche Frohsein, die Mutter bei sich zn habe» und ihre Tage versonnen zu können.(Forts, folgt.) (hriftoph Gluck. In dein kämpfcrcichcn EntwickclnngS- und LäuterunaSwcg der dcntichcn Oper stehen, alles überragend, zwei gewaltige Marksteine, zwei reckenhafte urdentsche Persönlichkeiten, an deren ehernem Wollen und geinalem Können die Widersacher und Neider zerschellten wie Wogenprall am Molenkopf! Richard Wagner und Christoph Willibald Gluck, dessen 200. Geburtstag wir am 2. Juli l!K4 begehen. Gluck war es, der im heißen Ringen nach einem sclbstgebantcn sittlichen Kunstideal: Innere Einheit von Forin und Aus- druck, die festen strengen Grundrisse, gewissermaßen die klassischen KartonS für das deutsche Musikdrama schuf, die Richard Wagner, 1!!0 Jahre später, auf Gluck fußend, mit glühender Farbe erfüllte. Gluck ivar die Sehnsucht, Wagner die Er- siillnng. Beider Leben, reif geworden, diente dem gleichen»msika- tischen Ideal: dem wahrhaftigen Drama in Ton und Wort an Stelle des falschen Flitterkrams der Virtnoscn-Opcr. Einem bescheidenen mittelfräukischen FvrsierhanS nahe der böhmischen Grenze in Wcidenwang entstammte Gluck. Sein Vater, ein ehemaliger Waldbereiter, wurde späicr Forstmeister bei einem böhmischen Feudalen und konnte init Mühe seine nenn Köpfe starke Familie ernähren. Wie Siegfried erlvuchs der junge Christoph iin deutschen Eichen- und Tannenwald. Einsam und' stark. Als wandernder Scholar mit der Fiedel auf dem Rücken durch die tränlisch-böhmischcn Wälder, den Bauern bei ihren Kirmsen ans- spielend, so begann der spätere Ritter und gefeierte Meister der A r m i d e s und des Orpheus seine Laufbahn. Wie eS damals Brauch war: Fürsten und Adlige protegierten aus Langeweile oder Ehrgeiz die Kunst und ibre Jünger. Der böhmische Magnat Lob- kowitz und der lombardische Fürst Mclra haben das Verdienst, Glucks Talent gefördert zu haben. Sie schickten den 22jährigcn nach Wien, nach Mailand, sie gaben ihm berühmte Lehrer des Kontrapunkts, sie ebneten seinen Lebensweg.„Man bezahlt die Seiltänzer, um sie zu bewundern; man bezahlt die Musiker, um uns zu rühren." In Mailand schrieb der junge feurige Franke mit„ A r t a- x c r x es" seine erste, heute verschollene Oper, die, obwohl ganz konventionell als eine lose Folge von Arien, Chören und Balletts gehalten, in Berbindung mit sieben anderen Griechen- und Perser- vpern ihn doch nachdrücklich dem einflußreichen Lord Middlcscx empfiehlt für London. Und so geht Gluck mit seinem alten Gönner Lobkowitz über Paris nach London als HauSkomponist fürs Haymarkct- Theater. Jedoch die Engländer, zäh konservative Naturen in der Kunst, waren an ihren Händel und seinen kraftvollen, harmonisch gegen Gluck fast üppig zu nennenden Satz gewöhnt und so kam eS, daß der fleißige Künstler mit seinen drei englischen Opern: „Der Sturz der Giganten",„ A r t a in e n e S" und „P h r n m u s und T i s b e" nicht viel Glück hatte. Er verließ die Insel 174«; mit dem einzigen Gewinn, durch HändelS Musik gewaltig gepackt und angeregt worden zn sein. Händel meinte zwar verächtlich, der Gluck verstehe soviel vom Kontrapunkt wie sein Koch, aber Gluck hat dafür Zeit seines Lebens HändelS Konterfei über sein Bett gehängt und hat in den Chören des Orpheus und der Jphigenicr später gezeigt, daß er diesen Vorwurf nicht mehr verdiente. Glucks unruhiges Wanderleben(auch hierin berührt er sich mit seinem Ergänzer Wagner) führt ihn als Virtuosen, Dirigenten und unermüdlichen Opernschreiber, auch untertänigen Verfasser von Fest- spielen für Prinzessinnenhochzeitcn nach Hamburg, Dresden, Kopcn- Hägen und Wien. Die diversen italicniichcn Schulen— es gab da eine Altflorentiner, eine prunkvolle Venezianische, eine auf kunstvolle Deklamation gerichtete Römische, eine Neapolitanische Schule— hatte Gluck ebenso genau kennen gelernt, tvie in Paris die tonangebenden französischen durchaus ernst zu nehmenden Opern von Lulli) und Raineau, wie in London HändelS nlttestamentarischen Oratoricn- itil und in Deutschland Bachs tiefe Musik. Er war erfüllt mit der ganzen musikalischen Bildung und Kultur seiner Zeit. Aber schon in den gefälligen Singspielen tvie„Der betrogene Kadi",„ S e m i r a m i s" und„Die M a i e n k ö n i g i n", die er für den Wiener Hof komponierte, brach ein Strahl Per- sönlichkeit durch das konventionelle Spiel mit tönenden, süß klingenden Formen und gefälligen Formeln. Noch mehr nierkt inair die innere Reife und wachsende Größe des musikalischen Ausdrucks in dem„ T e I e in a ch", den Gluck für das Theater Argentine in Rom zn koinponieren hatte. Eine Einladung, die ihn zugleich aus bitterer äußerer Bedrängnis und Not riß: hatte er sich doch in Kopenhagen zu- letzt als Virtuose auf der Glasbarmonika öffentlich produzieren müssen. „Telcmach" gcsicl in Rom so sehr«der Papst macht ihn zum Ritter dafür), daß ihm der Austrag wurde, MetastasioS Buch:„Die Güte des TituS"(auch Mozart schrieb bekanntlich kurz vor seinem Tode den gleichen„TituS") zu vcropern. Trotz aller Ränke mißgünstiger Welscher, die den Deutschen zn fürchten begannen, hatte TituS den gleichen starken Erfolg in?ieapel wie seine letzten römischen Opern:„Dei> Triumph des Eamillus" und „ A n t i g o n o". Bald sollte iinn die GeburtSstimde der deutschen Opern-Refor- ination schlagen. 1760 lernte Gluck in Wien den Rat Calzabigi kennen, der ihm die Texte zu drei Schöpfungen schrieb, die eine kühne rcformatorische Umbildung und Neugestaltung der Oper be- deuteten. Es lvarcn„Orpheus und Eurydicc",„Alceste" und„Paris und Helena". Calzabigi kam namentlich im Orpheus, in der Vereinfachung der alten Sage, im Bloßlegen ihres rührenden, rein menschlichen WesenskernS: Liebe, opfertvillige Treue, Sehnsucht, Trauer, den Absichten des Tondichters aufs beste entgegen. Das prinzipiell Neue, das Gluck zuerst mit Orpheus wagt, ist der Ausbau des bisherigen dürftigen und langweiligen Seceo- Rezitativs zu einer vom Orchester reich untermalten, ausdrucksvollen musikalischen Deklamation. Diese Deklamation. die ein musika- tische Erhöhung der Handlung im epischen Stil darstellt, wie sie dann Wagner so großartig vcrvollkominncte, verbindet die chorischen und die lyrischen Partien der Oper: also die Chöre(auch in der Form des Chor-BallettS; nicht zn verwechseln mit dem Ballet- Corps!> und die Arie. Die Arien des eigentlichen Gluck sind keine eitlen Tummelplätze für Virtuosen- Siugiaug, für Koloratur und Sckinörkelkram und Kehlkopf-Akrobatik mehr, sie sind Scelenausdruck, musikalische Seelensprache in schlichter Liedform. Dem Chor, der früher eine sehr überflüssige Erscheinung gewesen war. gab er die Rolle des Gegenspielers oder des Kollektiv-Helden wie im alten griechischen Schicksalsdrama. Der mimische Tanz gewann in Glucks Opern erhöhte Bcdcntmig als Ausdruck der Situation durch die suggestive Sprache der Massen- gebärde. So vertiefte und vereinfachte der deutsche Meister, der mit aller künstlerischen Strenge und Energie leinen dornenreichen Weg ging, die alte verlodderte Kunstforin der Oper. Innere Einheit der Handlung und der Stimmung war ihm höchstes Gebot. Wahrheit und Geschlossenheit der Charaktere, Kraft des dramatischen Ansdrucks galten ihm höher als Effekt und Wirkung um jeden Preis durch spielerische, eitle, siimlich schmeichelnde Blendmittel, mit denen die Franzosen und Italiener bisher sowobl in der opsrabuiku wie in der opeia seria gearbeitet hatten. Die Gluckichen Reformen, die. wie alles in der Welt des Geistes, natürlich nicht vom Himmel fielen, sondern das durch den Ritter der- körperte Resultat eines langsamen entwicklungsgeschichtlichen BildungL- und ReifeprozcsseS waren, fanden im verzopften Deutschland deS 18. Jahrhunderts zunächst keinen empfänglichen Boden. So wurden die heißesten Schlachten um die deutsche Glnck-Oper auf französischem Boden gesockiten. In dem Paris RouffeauS und der Enzyklopädisten, die daS falsche Pathos der französischen Oper verachteten und in dem historischen Kampf der Glnckisten und Piecinisteii ans die Seite des deutschen Meisters traten und seiner herben schwerblütigen, aber keuschen Kunst mit zum Siege vcrhalfcn.„AUeste", vielleicht d:e stitistisch rcinste und strengste der Gluckschen Dramcnskizzen— es fehlte ja. wie wir sahen, zuin vollen Gemälde seinen herb um» rissencn Zeichnungen der zauberhnste Reiz der Farbe trägt die bcriihmte Vorrede Glucks an der Spitze der Partitur. Sein»Programm" Ivar, wie H. Welti sagt: das Todesurteil über die alte Oper der Italiener und der Geburtsschein des neueren musikalischen Dramas. Einige Sätze daraus: „Als ich es unternahm, die„Alceste" in Musik zu setzen, war es mein Voriotz, alle jene Mihbräuche von Grund aus zu beseitigen, welche teils durch die übelberatene Eitelkeit der Sänger, teils durch die allzngrohe Gefälligkeit der Tonsetzer in die italienische Oper eingeführt worden waren und dieselbe schon so lauge Zeit cnt- stelle», und aus dein feierlichsten und schönsten aller Schauspiele dn-Z lächerlichste und langweiligste machen. Ich ivar bedacht, die Musik auf ihre wahre Aufgabe zu beschränken, das ist: der Dichtung zu dienen, indem sie den Ausdruck der Empfindungen und den Reiz der Situationen verstärke, ohne die Handlung zu unterbrechen oder durch unnütze und überflüssige Zieraten abzuschwächen. Ich glaubte, die Musik müsse für die Poesie das sein, was die Lebhaftigkeit der Farben und eine glückliche Mischung der Lichter und Schatten für eine fehler- freie und ivohlgcordnete Zeichnung sind, welche nur dazu dienen, die Figuren zu beleben, ohne die Umrisse zu verändcrir. Ich ivolltc daher ivedcr einen Schauspieler im Feuer des Dialogs nnterbrcchcn, um ihn ein langweiliges Ritornell abwarten zu lassen, noch ihn mitte» in einem Worte bei einein günstigen Vokale aufhalten, �damit er in einem langen Lauf mit der Biegsamkeit seiner schönen Stinimc grojz» tun könne, oder abwarte, bis das Orchester ihm Zeit gäbe, für eine lange Eadenz Atem zu schöpfen. Jch glnnbte, nicht über dcn ztvcitcn Teil einer Arie rasch hinweggehen zu müssen, zumal wenn derselbe der leidenschaftlichere und wichtigere ist, nur um nach der Siegel viermal die Worte des ersten Teils zu wiederholen, ebensoivenig die Arie dort schlief, cu zu müssen, Ivo der Sinn noch nicht zu Ende ist, nur um den, Sänger Gelegenheit zu geben, seine Kunst in den uiannigfaltigsten und eigensinnigsten Veränderungen einer Stelle zu zeigen. Kurz, ich wollte alle jene Mihbräuche verbanne», gegen welche der gute Geschmack und der gesunde Menschenverstand schon lange vergebens kämpfen." Auf diesen gesunden Grundsätzen, der musikalischen Kunst alö gcmütvoll-scelischer Ausdruck, die imS heute so überaus natürlich und selbstverständlich erscheinen, die aber damals einen radikale» Ilmsturz der alten romanischen Opcrnjchablone bedeuteten, arbeitete Gluck nun hoffiiungssroh iveiter in idealer Berührung mit dem grötzeren musikalischen Genie Mozart, der ein paar Jahre später mit Belmonte und Constanre onS dem Figaro das deutsche„National- singspicl" schuf, das deutsche feingeistige Musiklustspiel. Mit den drei M'eistcrwerkcit„Iphigenie in A u l i s",„ A r m i d a" und„Iphigenie in TauriS" war der Sieg der deutschen Operntragödie über die tvelsche opera soria, der Sieg der formgestaltciiden künstlerischen Persönlichkeit mit Phantasie, Leidenschaft, Reinheit und natürlicher Einfalt über einen launischen Wechsclbalg der oberflächlichen Amüsier- und Gesellschaftskunst entschieden. Entschieden? Nein, der Wechsel- balg war nicht so rasch umzubringen. Zäh wie alles Falsche, Kranke und sircnenhaft Lockende in Kunst und Lebe» schnellte er wicde� empor als„Grohe Oper". Die Drachenkämpfer gegen die Franzosen, gegen Jakob Meherbeer waren diesmal Weber und Wagner. Der Popanz ist übrigens unsterblich. Er bereitet gerade jetzt eine neue, besonders widerliche Phase seiner Erscheinung vor... Wagner hat bekanntlich seinem kühnen Bahnbrecher, dem fränki- scheu Ritter und Drachentötcr Christoph Willibald Gluck ein unver« gängliches künstlerisches Denkmal gesetzt in der Bearbeitung, Er- ganzung und teilweiscn Reuinstrumentation der Iphigenie in Aulis. Er, der Vollender des Gluckschen Gedankens vom nationalen Musik- drama, hat der Bühne init dieser Iphigenie das Gedächtnis für Gluck geschärft. Aber waS lebt im Jahrhundert Gilberts, Maseagnis' und SchrekerS von Gluck? Kaum der OrphenS, dessen wnndcrvolle in Mozartsche Schwermut und Schönheit getauchte Arie:„Ach ich habe sie verloren" hin und wieder ans dem Munde gefühlvoller Altistinnen ertönt. Aber an die erhabenen beiden Iphigenien wagen sich die Direktoren nicht heran. Sie sind zu ideal, sie bringen zu tvcnig Kasse. Run, Gluck hat trotzdem nicht umsonst gelebt und geschafft. Wenn auch die dramatische Musik heute ganz andere Weg geht, die deutsche Seele in ihrer ewigen Sehnsucht nach inarinornen hohen Griechentempeln ist tiefinnerlich befruchtet worden von dein Urquell der Musik, der aus der rcinsten Kunst des Befreiers strömte, m. Meister Zreüete. ISchlustf Von Joseph Adler. Am andern Morgen machte sich Fredeke ans den Weg, wie an jedem andern Tag. In der Tasche die Bolzen und das mit Papier iiiiiwickeltc Emaillctöpfchen in der Hand. Als er die Waiscnbrncke betritt, kam ihm der teuflische Gedanke, den verräterischen Topf in die Spree fallen zu lassen. Aber ihn auszuführen, ivar er nicht Manns genug. Durfte er es denn lvagcu, am Abend ohne den Topf tviedcrzukchren? Da? Spielimk der Parochialkirche verkündete in einem langen Sermon, das; es sieben sei.„August," sagte Fredeke halblaut vor; sich hin,„uws fängst du tilös; bis zui» Abend an? Wie bringst dir den Tag um die Ecke?" Er derlaiigsamte seine Schritte und blic� schlichlich stehen. Sollte er vielleicht doch ninkchrc»? Wieder nach Hause gehen und Mutter sagen, dah er fest entschlosscii sei. mit- zustreikcn. Er kehrte nicht um, natürlich nicht, aber er setzte sich im Logcnpark auf eine Bank. Vorerst»las. Sehr bald setzte sich ein schlechtgeklcidcter Mann zu ihm. Ei» Arbeitsloser. Sic kamen ins Gespräch. Fredeke war froh. Die Stiindcii gingen hin. c§ wurde Mittag, und die Sonne brannte den beiden ans den Buckel. Der Arbeitslose empfahl sich. Er machte sich auf die Suckie nach ciiicin billigen und dennoch loa r»! c ii Mittagbrot. Fredeke hatte ihm zwanzig Pfennige geschenkt. Ganz ohne Geld ivar er doch iiienials, und zuweilen hatte er auch ganz sonderbare Einfälle. Er erhob sicki nud ging festen Schrittes in die Badeanstalt, die am Parkrand steht. Er konnte sich des Tages nicht erinnern, au dem er zum letzten- mal gebraust hatte. So lange war es her. Nach dein Bad. halb- nackt noch, verzehrte er den Inhalt des Topfes, wiewohl er kalt war. lind er schmeckte. Fredeke sah, dah der Tag auch ohne Arbeit ganz schön hingehen konnte, und es war ibni jetzt schon Ivcnigcr bange. Noch war das ehrwürdig graue Haar auf scincm Kopf»ickit trocken, als er Onkel Gustavs Kneipe betrat. Es hatten sich auch einige Arbeitskollegen eingefunden, und es wurde nicht zu wenig getriin- kcn. Fredeke sagten sie allerlei Schmeicheleien. Er fühlte sich sehr geehrt, und inaii amüsierte sich weidlich.„Kollegen," wieder- holte er ein über das andere Mal,„Solidarität muh sind. Das ist die erste Bedingung. Jmiiicr ivie'u Mann." Aber als er am Abend nach Hause kam, tat er, als ob nichts geschehen tvärc. Dennoch schöpfte Mutter Verdacht. Sie war nicht dumm, aber mit Zärtlichkeiten konnte Fredeke sie fromm und ge- fügig machen. Wann aber hatte er Lust dazu? Er zog sie aus seine Knie herab, umspannte mit seinem Arm ihre Brüste und log: „Fredeke, hat der Chef zu mir gesagt, Tie sind'n Mann. Auf Sic kann ich mich verlassen. Iaivohl, bat er gesagt, Sic streiken nicht, Aber Sic sind ja auch keiner von die gewöhnlichen Arbeiter nicht. Ree, Hab' ich gesagt, Herr Bchrciid, det stimmt, Hab' ich gesagt." Er wollte ihr einen Kuh auf den Mund drücken, sie aber wollte nicht. „Nee. Geh los. Du riechst mir zu sehr nacki Sosf.'n andermal. Aber du hast ja gar nicht den Topp wiedergebracht.", Fredeke blieb schicr das Herz stellen. „Nee, wahrhaftig, den Hab' ich in der Bude vergessen. Dir muht aber nicht schimpfcn. Klauen wird ihn schon kccncr. Ist ja auhcr dem Werkincester kccn Ans da." Fredeke hatte den Tops in der Badeanstalt vergessen. Am nächstfolgenden Tage Ivar sei» erster Gang nach dem Logenpark. Dem Badewärter, der de» Topf gefundeii und in Bcr- Wahrung genommen battc, gav er einen Groschen, erbat sich aber die Edniibnis, ihn erst am Abcnj» abholen zu diirfen. Daun ging er in den Lustgarten und wartete, bis man das Neue Museum öffnete. Er halte die Schätze, die es barg, seit vielen Jahren nicht gesehen. Als alter Berliner fand er das beschämend. Er begann im Erdgcschoh, sich umzusehen, nnd staunte über olle die Dinge, die man da zusainmengetragen batte. Gräbrclicfs, Sarkophage, Urnen, Wappen, Büsten uiid weih Gott was sonst noch alles. Er"hatte die Brille aufgesetzt und betrachtete eines und da? andere mit der Miene eines.Kenners. Gern mitte er ein bisickic» mit den Wärtern erzählt, aber sie machten alle den Eindruck, als wären sie taub nnd stumm, tvic die Altertümer, die sie bewachten. Im Schatten der Ttatue einer tanzenden Mämrde verzehrte Fredeke seine Frühstücksstulle. Sic Ivar mit Mettwurst belegt, und sie hätte ihm auch sehr fein geschmeckt, wenn das Brot nicht steinhart gewesen wäre. Fredeke dachte: Das Brat hat von den ollen Kla- motten angezogen. Es ist hart wic'n Brett. Um die Mittagszeit machte er Schicht und ging. Er hatte Durst und das Bedürfnis, wieder unter Menschen zu kommen, mit denen man reden kann. In Onkel Gustavs Kneipe empfing ihn der Schanklmrsche mit den Worten:„Meester, im VereiiiSziniiner lauern sie ans Euch." Fredeke glättete mit den flächen Händen das proper gescheitelte Haar, zog die Weste str isf, räusperte sich und öffnete behutsam die Tür zum Bercinsziinincr. An einem langen Tisch sahen etwa"zwanzig Arbeitskollegen und Arbeitskolleginnen. Ter Bertraucnsman» hatte gerade das Wort, und er sprach mit ungekünsteltem Pathos. Fredeke nickte nach allen Seiten uiid setzte sich geräuschlos hin. Der Schankbursche brachte ihm ein Helles. Er trank es auf einen i!»g. Die Situation lag günstig für die Arbeiter. Die Brotherren zeigten sich geneigt, de» Arbeitslohn für die Stapelartikei zu er- höhen und auch noch einige kleine ttiefornien zum Besten des Per- sonals nach und nach und probeivctse einzuführen. Die Arbeiter' gingen an die Beschneidung der kategorischen Forderungen. DiS Zeit Ivar allen Endes doch nicht günstig für einen Streik von langer Dauer. Am Verbandsnachweis lagen Leute seit Jahr und Tag, herabgekommcn Gott weih wie sehr. Am andern Tage schon toiirde die Arbeit wieder aufgenommen. Es war wie ein Fest. Keiner rih sich»m die Arbeit, aber getrunken wurde viel. Der Budiker hatte sich mit einigen Kasten„vor- gesehen". Der Werkmeister, der sich ganz gern immer wieder eins Hinschicben lieh, war kein Unmensch.»Jungs," bat«r,„macht M m«t halblang." Da» war alle». Man trank ihm fleißig zu. Der redseligsten einer war gredeke. Jeden Augenblick tvar er mit einem andern im Gespräch. Er zeigte sich mit dem Ausgang dttS Streiks gar nicht zufrieden. E» mar immer wieder das nämliche, da» er jedem sagte:„War da» auch schon ein Streik? Zwei Tag«. Tüchtig chatte man sie zappeln lassen müssen, die Brüder, die, die. Den arnien Arbeiter treten, da» verstehen sie." Aber er flüsterte nur die Wahrheiten. Dem Werkmeister entging da» nicht. Er spihte die Öhren, und alz er etwas aufgeschnappt hatte, rief er Fredeke mit barscher Stimme an. MeS sah auf. „WaS soll ich, Herr Werkmeister?" fragte Fredeke, heftig er- bleichend. Auch der Werkmeister hänselte ihn gern. „Sagen Sie, Fredeke," fragte er,„weiß Ihr« Frau auch, daß Sie gestreikt haben?" Durch den Fabriksaal ging ein Lachen aller wie ein Salve. Fredeke holte tief Atem. „Ob meine Frau weeß, daß ich gestreikt habe?" Na gewiß doch. Denken Sie vielleicht, ick habe Geheimnisse vor ihr? Nee. So WaS gibt es ja gar nicht. Ich habe gesagt, ich streike, und damit basta, habe ich gesagt. Uebrigens kümmert die sich'n Dreck drum, WaS ich mache. Jawohl." „Bravo I" rief einer hinter einem Stanzklotz hervor.„Soli- barität muß sini. Immer wie'n Mann. Fredeke soll leben." Wie auf Kommando stürzten sich alle auf Fredeke. Er wollte flüchten, aber sie hielten ihn fest. Zwei hoben ihn auf ihre Schul- tern und trugen ihn durch den Saal— wie einen Sieger. Man machte Witze, lachte und rief:„Hoch der Altgeselle Fredeke! Hoch! och! Prost Aujust!" Schließlich mußte er eine Ansprache halten. nd da? tvar der Anfang einer Reihe von guten und schlechten Spaßen. Am Freitag nahm Fredeke, als er zur Arbeit ging, heimlich einen alten Anzug au» dem Kleiderspind, um ihn am Abend in der Skalitzer Straße zu verkaufen. Wie auch ander? sollte er den Per- dienstauSfall wettmachen? Elf Mark und ein paar Pfennige zählte er am Sonnabend auf den Küchenkisch. Mutter schmunzelte und sagte:„Na, siehst du. ES ging auch so. Du mußt nicht jeden Quatsch mitmachen. Hier. Zwei Mark sind deine. Streik. Bon wegen. Was n Mann ist, der richtet sich nach keen andern nicht. Heck' ich recht?" „Du hast immer recht, Mutter." Kleines Feuilleton. Der ewig bebend« Beden der Großstadt. Das Dichterwort vom ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht findet bekanntlich vor dem Forum der strengen Wissenschaft wenig Gnade. Man hat Schwan» kungen der Erdachse und mit ihr der Erdpole nachgewiesen, selbst die „Fixsterne" find nicht, wie ibr au» dem Lateinischen gebildeter Name andeutet, festgeheftet am Firmament und wie wenig stabil die Grundfesten der Erdkugel unter unseren Füßen find, lehren ver- »lichtende Erdbebenkatastrophen nur zu oft und überzeugend. Aber vor allem in den Groß« und Industriestädten bebt der Boden alltäglich, ohne daß die vielen Millionen Menschen davon eine Ahnung haben, die auf seinen sicheren Grund vertrauen. Die SeiSmometer oder Erdbebenmesser, jene höchst empfindlichen Instrumente, die in Straßburg, Potsdam und den anderen Erdbebenwarten Zehntausende von Kilometern entfernte Erdbeben notieren, haben auch das verraten. Beispielsweise fand F. Etzold durch solche instrumentelle Beobachtungen, daß der Boden der Stadt Leipzig pro Minute etwa IlX) Schwingungen von 0,0004 bis 0,0006 Millimeter Weite ausführt, ein Betrag, der während der industriellen Arbeitszeit sogar auf das Doppelte und höher steigt. Sehnlich liegen die Verhältnisse für Berlin, das der Zahl der Einzelbetriebe nach bekanntlich die größte Fabrikstadt Deutschlands ist. An dem Erdbebenmesser de» Collegio Romano in Rom er- zeugten nach P. Taschini die in den nahegelegenen Straßen vorüber- fahrenden Wagen und marschierenden Truppen Ausschläge bis zu 0,2 Millimeter: die Bewegungen größerer Trnppsnabteilungen machten sich noch auf eine Entfernung von ISO Meter in Ausschlägen von 0,2S Millimeter bemerkbar. Der große Kruppsche Dampfhammer mit einem Fallgewicht von 1000 Zentnern versetzt die ganze Um» gebung der Stadt Essen a. d. Ruhr weithin in Schwingungen. Noch stärkere Erschütterungen, auch Klirren von Gläsern und Bewegung von Türflügeln, löste am 19. März 1395 im Orte Ktrchrath in der Rheinprovinz das Auffliegen eines mit 17 000 Kilogramm Dynamit beladenen Rheinschiffes bei Keeken aus. Am Straßburaer Münster befindet sich über dem Haupteingang zum Glockenhaus« noch heute eine lateinische Inschrift, die daran erinnert, daß am 3. August 1728 gelegentlich eines Erdbebens, die die ganze oberrheinische Tiefeben« erschüttert«, das Münster verschiedene Beschädigungen erlitt und aus einem aus semer Plattform befindlichen Wasserbebälter das Waffer bis zu Manneshöhe empor- und 18 Fuß weit fortgeschleudert wurde. Durch das Erdbeben von Riobamba 1797 wurden die Leichname aus ihren Gräbern zum Teil auf den mehrere Fuß hohen Hügel La Culla, der noch jenseits eines FliißchenS ''egt, geschleudert. Sogar sichtbare Oberslächenwellcn des Erdbebens � Lerantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u. Verlag kommen bor. Während de» großen japanischen Erdbeben» dom Jahre 1391 wurden vom Jügenieur Krldoyle in der bedeutenden Stadt Akasaka fußhohe Bodenlocllen beobachtet, deren Kämm« In Abständen von 3 bis 10 Meter die Straße herabrollten. So ist der Erdboden der Städte sozusagen in ständiger Schwingung, wengleich die kleinsten Erschütterungen natürlich nur mit den feinsten Instrumenten nachweisbar sind. Literarisches. Liebermann und Wedekind. Im Juliheft de» von Wilhelm Herzog herausgegebenen„Forums" werden Proben au» dem Wedetindbuche mitgeteilt, das anläßlich deö 50. Geburtstage» des Dichter» zur Ausgabe gelangen soll. Max Liebermann plaudert über sein« erste Bekanntschaft mit Wedekind, deren(sse schickte auch für den Wandel des Geschmackes gegenüber den Werken diese» Dichters von Wert ist.„Es mögen 20 Jahre her fein— erzählt Liebermann—> daß ich Wedekind zum ersten Male sah: er war damals eher dünn und das heute glattrasierte Gesicht prangte im Schmucke von drei oder vier verschiedenen Bärien. Den sonder- baren Eindruck, den sein Aeußeres ans mich machte, verstärkte noch sein sonderbares Anliegen. Er wollte nämlich fein Drama„Der Erdgeist" in meinein Atelier vorlesen. Die„Freie Bühne" könne sich nicht entschließen,«S aufzuführen, aber er sei überzeugt, daß eine Vorlesung des Stückes allen Zweifel an dessen Bühnen» Wirksamkeit zerstreuen würde. Auf mein« Entgegnung, daß ich weder ihn noch seine Stücke kenne, überreichte er mit ein in Zürich gedrucktes Exemplar von„Frühlings Erwachen", da» damals, wenn ich nicht irre, in Preußen verboten tvar. Ich möge eS lesen und ihm daraufhin antworten. „Frühlings Erwachen" machte mir sehr tiefen Eindruck, und ich willigte in die Lesung ein. Der Vorstand der Freien Bühne, die zu jener Zeit in ihrer Blüte stand und mit Hauptmanns„Vor- Sonnenaufgang" einen großen, allerdings arg bestrittenen Erfolg errungen hatte, wurden eingeladen: Brahm, Otto Erich Hartleben, Schlenther, Fulda, Bölsche, Mauthner, die Gebrüder Hart. Leistikow, der damals in FriedrichShagen Studien machte und sich lebhaft für Literatur interessierte(hat er doch selbst einen Roman„Auf der Schwelle" geschrieben). Dagegen wurde meiner Frau geraten, tvährend der Vorlesung... spazieren zu gehen. Lag es am Vorleser oder am Stücke, jedenfalls machte„Der Erdgeist" gerade die entgegengesetzte Wirkung, die sich Wedekind versprochen hatte: die tragischen Stellen hatten einen starken Heiterkeitserfolg, und namentlich Otto Erich berstete vor Lachen. Darin waren alle einig, meine Wenigkeit eingerechnet, daß eine Aufführung unmöglich sei, ein kolossaler Theaterskandal wäre sonst unvermeidlich. Tempora mutantur; zehn Jahre später hatte das- selbe Stück einen riesigen Erfolg." Ll«S dem Pflanzenreich. Blumen unter Röntgenstrahlen. Man sollte nicht glauben, daß die Röntgenstrahlen, die zunächst selbst vom mensch- lichen Körper nur die Hartgebilde zeigten, allmählich zu Leistungen gebracht worden sind, daß sie die zartesten Tierkörper und sogar Blumen wiedergeben. Es sind die sogenannten weichen Strahlen, die unter Zuhilfenahme eines Fensters aus LithiumglaS dazu be- nutzt werden. Dadurch ist das Studium der Pflanzen- wie der Jnzektenwelt durch Röntgenstrahlen zu einem Feld fast un- begrenzter Möglichkeiten geworden. Der Röntgenforscher Prof. Ha II-Edwards, bekannt durch seine Leistungen auf diesem Gebiet und durch die schweren Verstümmelungen, die er durch die Wir- kungen der Strahlen erlitten hat. liefert jetzt in den Archiven für Röntgenstrahlen einen Beweis für deren Verwertung zu Photo- graphischen Aufnahmen von Blumen. Ein Strauß Tulpen wurde unter einer Hülle von gewöhnlichem roten oder schwarzen Papier auf eine Platte gelegt und dann aus einer Entfernung von ettva 1 Meter eine Minute lang bestrahlt. Die fettige Ausnahme ist freilich tveniger schön als merkwürdig. Sie zeigt die Kolchblätter fast durchsichtig, nur mit deren Umrissen und mit kleinen Falte» und Rippen. Die Stiele werden vom Ansatz der Blüte abwärt» immer dunkler. In dieser selbst zeichnet sich der Griffel mit fast schwarzer Färbung aus. Ein solches Ergebnis ist schon als eine hohe Vollkommenheit anzusprechen, und nur durch«ine große Be- herrschung der Technik zu erreichen. Di« besten Aufnahmen werden mit neuen Röntgenröhren er- zielt, bei denen nur die Lustverdünnung leicht übertrieben wird. Prof. Hall hat schon stereoskopische Röntgenbilder von Blumen hergestellt. Er legt dazu ein Stück kornfreien Papiers über zwei Holzstreisen auf ein flache? Brett, so daß die photographische Platte zwischen ihnen zu liegen kommt. Die Holzstücke müssen gerade nur so hoch sein, daß die Platte unter das Papier geschoben werden kann. Die Blumen werden dann auf dem Papier angeordnet. Da- nach wird daS Verfahren wie bei der gewöhnlichen stereoskopischen Ausnahme beobachtet. Die Röhre befindet sich dabei am besten nur 10 bis 12 Zentimeter von den Blumen entfernt. Den Zweck solcher Aufnahmen sieht Dr. Hall vor allem in der Erforschung des Aufbaues zarter Gewebe und ihrer WachStumserscheinuugen. Vortvärts Buchdruckerei mVertagSanstalt Paul Singer LcEo., Berlin s V.