Unterhaltungsblatt öes Vorwärts Nr. 139. Mitttvoch, den 22. Juli. 1914 31] ?us und Recht. Nomon von Fred V. Hordt. Bei all diesem Kleingeplänkel erinnerte sich Z�ronk der Ve- inerkuna des Konunerzienrot van Bosch:„Sie tränt eine Perlenschnur, die ein Vermögen kostet, mit derselben Selbst- Verständlichkeit, wie ein anderes junges Mädchen eine billige Korallenkette." Sie sprachen auch gtl.'gentlich über den alten ter Linden und Ursula meinte:„Ja, der Onkel bat seine Schrullen, doch das tut nichts. Gerade wie Du bist, so frei und aufrecht, wirst Tu ihm gefallen und mir hat er noch nie einen Wunsch ab- geschlagen. Darüber mache Dir keine Sorgen. Wir müssen nur warten bis er kommt."— Und schalkhast lachend fügte sie hinzu:„Wird Dir das zu lange? Du Kecker, wie lauge hast T» mich auf das Wort, das ich so ersehnte, warten lassen."— Und sie küsite ihn und küßte ihn immer wieder, bis sie die stürmische Glut in seinen dunkelnden Augen sah und seinen schweren Atem spürte und ihm entschlüpfte, tief Atem holte, die krause Haare zurechtstrich und harmlos lachend wieder zu ihm trat, ftronf aber ging auf und ab, griff nach dem einen oder jenem Gegenstand und brauchte längere Zeit, um sein Blut wieder zu beruhigen und sein Begehren zu glätten. Sic erzählte auch bisweilen von dem mächtigen Steinhaus in Amsterdam, mit dem holzgetäfelten Saale und den vielen Zimmern, mit Bildern und den alten flandrisckrcn Möbeln gc- schmückt, in dem sie geboren war, oder von dem Landsih am Zuidersee, dein weißen Hause im Kolonialstil mit bluinen- geschmückten Terrassen und saftigen Wiesen und Boskettcu. Und alles dies gehörte den ter Linden seit Generationen, und Adam ter Linden war das Haupt der Familie, der die Herr- schuft führte. » Es nahte die Zeit, da Frau Werner nach Leipzig zurück- kehren sollte. Frank wollte diesem Abschied alles Betrübliche nehmen und ihn als ein heiteres, ans kurze Zeit berechnetes Auseinandergehen empfinden lassen. Sie sollte die Menschen, die sie lieb gewonnen hatte, noch einmal sehen, dann geruhigt schlafen und den nächsten Tag bei Sonnenschein reisen. Kommerzienrat van Bosch hatte prachtvolle Blumen ge- schickt, sich aber entschuldigt, da er einer Konferenz beiwohnen müßte/die sich vielleicht bis in die Nacht ausdehnen könnte. Zu Frank hatte er mit geheunnisvolleur Lächeln gesagt, er werde ihn noch spät am Abend anklingeln. Frau Gabriele und Ursula kamen zusammen mit Karl Henkel. Mit all den Blumen, die sie brachten und andere ge- schickt hatten, war das Eßzimmer und der Erker im Wohnzimmer geschmückt, wie zu einem Fest. Frau Werner in dem schlichten, einfachen Lileid, und dem schwarzen Häubchen ans dem silberglänzenden Scheitel, saß mit glücklichen Augen in einem bequemen Stuhl wie eine Jubilarin, die dankbar die dargebotene Liebe entgegennimmt, und fand für einen jeden ein fein angepaßtes herzikfcs Wort. Sie unterhielt sich lange mit Karl Henkel: als sie ihn vor zwei Jahren kennen gelernt hatte, mochte sie vielleicht ein Befremden vor diesem Spötter empfunden haben, der nie von sich sprach, unpersönlich bleiben wollte und sarkastisch lächelte, wenn die anderen warme Augen bekamen. Doch ihr klarer Blick hatte das Wertvolle in ihm er- kannt, den sauberen Menschen herausgefühlt, und sie strich lind über das Zerrissene, Zersprungene in ihm. Karl Henkel ver- galt ihr dies liebevolle Verstehen durch eine ehrfürchtige Herz- lichkeit, wie ein eigener Sohn. Wenn Frank bisweilen eiferte und seineu Freund zu irgendeiner Tätigkeit aufstacheln wollte oder über dessen Kompliziertheit zeterte und ihn einen virtuosen Selbstquäler schalt, daiu sprang Frau Werner stets für ihn ein, mit der durch das Alter und die Erfahrung er- rungcnen Kenntnis, daß ein jeder seinen Weg gehen muß, der ihm vorgezeichnet ist, und der eine vom andern nicht das ver- langen darf, was er selbst gern sein möchte oder selbst mühelos eigen-gewordcn ist. Und außerdem war Karl Henkel der treu- ergebene Freund ihres Sohnes, und dies gab dem Bild, das sie sich von ihm gemacht hatte, auch in der Erinnerung einen warmen, satten Ton. Während dessen ging Frank mit Gabriele und Ursula im Garten plaudernd auf und ab. Es war schon dämmerig ge- worden und dos Tal atmete kühl. Sie standen vor einem: dichten, verschnittenen Taxusbusch, der zahlreiche rote Früchte trug, die wie Walderdbeeren im dunklen Moose leuchteten. Frank sprach von Blumen, die er liebte und davon, wie er den Garten verschönern wollte—„und im Frühjahr ivill ich den kalifornischen wilden Wein am Hause anpflanzen. Weißt Tu, Ursula, den feinblättrigen Wein, der sich von selbst an der Mauer hinanfrankt— ach. Du Dummcheu, Tu weißt auch gar nichts." lachte er, da er bemerkte, daß Ursula nicht wußte, wo- von er sprach--„dann ist im nächsten Herbst das Haus schon dnnkelrot überzogen und es wird noch tranlicher ausschauen." Ursula stand ihm halb zugekehrt, halb nach dem Garten- tor gewendet. Da sie nicht antwortete, warf er ihr eine rote Beere zu und bemerkte» daß sie angstvoll»ach dem Gitter sah. Er folgte den Blicken: am Tor stand ein abgenütztes Wesen. Mit beiden Händen krallte ex sich an den Eisenstöben fest und drückte das Gesicht gegen das Gitter. Eine unförmige Haken- uase und ein spitzes Kinn, das aus dem kragenloscn Hemd sich herausrcckte, gab dem Menschen etwas Vogelartiges: wie ein Aasgeier, der regungslos hockt und auf Beute lauert. Er mochte die drei Menschen, die im sorgsam gehegten Garsten und in festliche» Kleidern plaudernd wandelten, schon längere Zeit mit den Blicken verfolgt haben, verbitterter Haß und Hunger in den Augen, die fast ohne Augenbrauen waren. Der Mann sah, daß man ihn bemerkt hatte. Eine bösartige Freude an dem Entsetzen des jungen Mädchens flackerte in seinen Augen ans, aber er verharrte regungslos und streckte nicht die Hand zum Betteln ans. „Frank, gibt ihm Geld, daß er fort kommt." Frank ging ans de» Mann zu, der ihn spöttisch anstarrte, ohne sich zu regen. Er sprach ihn an und fragte ihn, ob er keine Arbeit hätte. Der spöttisch-hämischc Zug blieb auf seinem Gesicht wie eine Maske, nur die Augen verloren das Bös- artige und ei» Verwundern glomm in ihnen auf. Er mochte gewohnt sein, mit Schimpfworten fortgejagt zu werden. Frank wiederholte seine Frage. Der Mann schwieg noch, dann ließ er die Hände vom Gitter abgleiten und sagte: „Tax»* califoi-nicus. Decken Sie ihn gut zn. Er ist cilipfindlich." Tann drehte er sich nm und ging fort. „Hören Sie mal," rief ihm Frank zu und öffnete das Tor, doch der Manu ging weiter und Frank sah, daß er keine Strümpfe hatte. Die bloßen Füße steckten in ausgetretenen Schuhen, wie sie die dalmatinischen Bauern tragen—• „Kommen Sic zurück, vielleicht weiß ich Arbeit für Sie." Ter Mann drehte sich um und lachte meckernd. Tann rief er:„Zudecken, che der Frost kommt!" und hüpfte in kleinen, lächerlichen Sprüngen die Stufen hinab, die vom Hause zn Tale führten. Frank blieb stehen. Sonderbarer Kauz, dachte er und wendete sich wieder dein Garten zu. Da kam der langgezogene, schauerliche Ruf eines Uhus aus dem dicht zugewachsenen schmalen Weg, in dem der Mensch verschwunden war, noch einmal, so natürlich, daß man den Schuhu in dem dunkelnden Gange streichend wähnte. Als Frank in den Garten zurückkam, stand Frau Gabriele bei Ursula und sprach beschwichtigend auf sie ein. Angst und Abscheu war in ihr aufgerüttelt, sie hielt beide Ohren zu. Ten Schnhnruf hatte auch sie vernonimen. „Wie kannst Tu nur mit so einem Strolch sprechen, Frank!"— Er streckte ihr die Hand entgegen.—„Nein, nicht anfassen! Tu hast dem Menschen sicherlich die Hand gegeben. Nein, geh Frank.— Das ivar so widerlich, so unheimlich. Der boshafte Kerl. Und nun noch der Schuhurnf, das bedeutet Unglück." „Närrchen," sagte Frank,„der Schuhu, das war der sonder- bare Kauz, der am Gitter hockte. Er hat den Ruf nachgeahmt, sehr gut sogar, er muß mit der Natur recht vertraut sein. Wie oft mag er im Walde genächtigt haben, der arme, abgehetzte Mensch! Tu bist ein rechter Kindskopf, Ursula, wie kannst Dir Dich nur so erschrecken." „Ter Mann hat den Schrei nachgeahmt? Uns gefoppt? „Natürlich." Da lachte Ursula auf:„So ein Schelm." Tann meinte sie: MIN cnistliast:„Aber ekellitifk war der Menscl> troizdcm. Ich enipfinde immer Abscheu vor solch aufdriuglichein Elend." „Weil Du nur die Außenseite siebst, Ursula. Ich sebc tiefer. Was mm der alles durchgemacht babe», bis er als Stromer hierher verschlafen wurde. Uebrigens hat er aar nicht fcbettelt." „Er hat Ärmst vor Tir achabt." „Nein, durchaus nicht, er gab mir fratis einen auten Rat, ich sollte den B»r zildeckeu, ehe der stsrost käme. Er nannte soaar den lateinischen Namen. Vielleicht war er früher Gärtner, oder er hat selbst einstmal Haus und Garten fehabt und sich an seinen Blumen acfreut." „Wie D» alles zusammenreimst, stsrank." „Ich suche eben den Zusammenhaim. Das ist alles. Ich versichere Dich, ich würde den sonderbaren Kauz fern hier haben und sein Leben kennen." „Ach, aeh doch. TaS kann ich aar nicht hören." „Weil Du immer nur Walzertakte aehört hast." „Gott sei Dank!" antwortete Ursula altklua. � „Ich weiß nicht, ob das so besonders gut für Dich gc- Wesen ist." „Soll ich vielleicht auch am Gitter stehen und Tchuhn krähen?" „>O ssirauenloaik! Ich meine nur..." „Ja— ja, ich weiß, Philanthropie und der Ernst des Lebens, und die Schattenseite, auf der die andern wandeln— nein, laß mir, das sind Deine ciacnen Worte, ich kann mich ganz genau besinnen. Du hast mauchmal so sentimentale An- Wandlungen. Das kommt von Deine» Gefänguisbrüdern.— Hu— Gefängnis— Wie das schon klingt!" (Forts, folgt.) Die DuchgewerbeausfteUung in Leipzig. IV. Dir Tagespreise. Auf der„Internationalen B u ch g e>v c r b c- A n S- st e l I u n g" hol man der Zeitung eigens ein HauS gebaut. An- schließend an den Ausstellnngspalast„P a p i e r i n d n st r i c" mit der alten H a lz n s b n r g e r Papiermühle und der 50 Meter langen Fülliierschen Papiermaschine, die pro Tag!17 200 Meter Papier in der Breite von 2>/z Meter(243 Zentner schwer) liefert, ist die deutsche Tagespreise untergebracht, und ihre Gaslireundschaft genießt jeder Zeitungsleser. Tag für Tag werden die ausliegenden Nummern jedes Blattes erneuert, und ob du von Memmingen kommst, oder von Danzig, ob du mit Isar- oder spreewaiser oder gar nicht ge- tauft bist, hier findest du dein Blatt, genau wie— daheim!. Die Ausstellung Tagespreise zeriällt in drei Abteilungen: die historische Abteilung, die Kollektivausstellung und die Sonder- ausstellungen der führenden politische» Parteien. Eng koaliert mit dem Zeitungswesen ist das N n ch r i ch t e 11 w e s en, und so hat man unter besonderer Mitwirkung der Reichspost- Verwaltung, des Wölfischen T e l e g r a p h c n b u r e a u s und mehrerer großen Zeitungen eine Sammlung zustande gebracht, die, wenn auch nicht durch Vollständigkeit, so doch durch ihren wissenschaftlichen Wert Beachtung verdient. Wir finden in der historischen Abteilung Zeitungen von löOV ab bis ins 19. Jahrhundert hinein. Vorerst interessieren nns einige Wandkarten mit Nadeln und bunten Plättchen nnd Fähnchen besteckt. Diese Karten zeigen, in bestinnnte Zeitabschnitte zergliedert, die Erscheinungsweise und den Charakter der in den betreffenden Abschnitten entstandene» Blätter an. Von den ältesten bekannten Zeitungen, die in Straßbnrg u n d' A u g S b» r g erschienen, sind Exemplare auf der Ausstellung ausgestellt. Die crstcre betitelt sich: llielation Aller Fürneinnien mmd gedenrkwürdigcn Historien, so sich hin unnd wider in Hoch: mmd Nicdcrtentschlandt etc. etc.", gedruckt bei Johann Carolus 1609. Die andere als Vorläuferin der„M ü n che»- A»gSburger Abendzeitung" führt den Titel: Relation oder Zeitung. „Was sich begeben nnnd zugetragen hat in Teutsch unnd Welsch- landt/ Spannien/ Nicderlandt/ Engellandt/ Franckrcich/ Ungern/ Osterreich/ Schweden/ Polen/ unnd in allen Provinzen/ in Oft- mmd Westindien etc. etc., so allhie den 15. Januarij angelangt." Geblickt im Jahre 1609. Während der Jahre 1618 bis 1648 bringen die Blätter hauptsächlich Kriegsnachrichten. Mit dem wirtschaftlichen Zusammen- hruch Deutschlands durch den 36jährtgen Krieg verschwinden auch die meisten der durch ihn entstandenen Blätter wieder. In der Vitrine 1 finden wir z. B.:„Mvergreisfliche Postblätter"(1621), „Ordentliches Wochenblatt"(1632), nicht viel über Oktavgröße, da- neben aber auch eine selbst für den ZeitungSfachinanir außerordentliche Seltenheit, ein illustriertes ZeitungSblatt großen Formats aus dem Jahre 1677, ivelches über die Einnahme der Festungen Camerich und St. Omar durch die Franzosen berichtet. Text und zwei Randleisten sind in Buchdruck, also Hochdruck, die große Illustration, zwei Festungen in Grundriß und Totalansicht, in Kupferstich(Tiefdruck) hergestellt. DaS ist also der älteste kombinierte Zeitungsdruck auf der ganzen Aus- stellung. Die rechte Wand bringt Zeitungen aus dem 18. Jahrhundert, mit besonderer Berücksichtigung von Hamburg und Frankfurt a. Main. Einige Titel seien hier genannt:„Staats- und gelehrte Zeitungen des Hamburgiscben unpartheyischcn Correspon- deuten" von 1755, der„Reichspostreitcr" von 1756, die„Nützlichen Dauzigcr Erscheinungen",„Zittauischcs Monatliches Tagebuch", „CurieuseS Extrakt derer Neuesten Zeitungen"- 1711,„Hannoverische gelehrte Anzeigen" 1759,„Hannoverisches Magazin" 1763, Leipziger „Wochenblatt für de» gemeinen Mann. Allergnädigst Privileg. In- telligenzblatt für Stadt- nnd Landlvirtc, und zum Besten des Nah- rungSstandes" 1763,„Weimarische wöchentliche Frage und Antwort" 1776. Von der französischen Revolution bis zu den Befreiungskriegen erschienen eine ganze Reihe neuer Zeitungen, die aber zum größten Teil dann bald wieder verschwanden. In einer Vitrine finde» wir des unglücklichen SchubartS„Vaterländische Chronik" von 1787, dann weiter das„Rothe Blatt", eine Monats- schrift im 1. Jahrgang Prairinal im IV. Jahre der Republik. Eine aufgeschlagene Nummer vom„Rheinischen Merkur" aus dem Jahre 1814 bringt folgenden Passus:„Keine Regierung wird bei den Teutschen, die so viel halten auf frehen geistigen Perkehr, sich grttnd- licher verhaßt machen können, als jene, die eS etwa versuchen wollte, dem srehmüthigen Wahrheitssinn in dieser Zeit Banden zu bereiten, ilnd im Dteich der Gedanken die vertriebene Sperre und die ge- sprengten Mauthlinien anzulegen. Die zwei weiteren Wände und Glaskästen enthalten Magdeburger Zeitungen mit den Bildnissen ihrer Verleger von 1730 bis heute, sowie Konzessionierunge», Dekrete und andere amtliche Bekannt- machungen aus dem Archiv der„Magdeburger Zeitung", dann weiter französiiche und deutsche Blätter aus der Zeit der großen Revolution; u. a. die„Rheinische Zeitung" 1796 und die Pariser„Deutsche Zeitung" vom selben Jahre; dieselbe trägt am Kopfe die Widmung „Freiheit— Gleichheit". Die nächste Koje enthält einen große» Teil Material des R e i ch s p o st in u s e n m s, darunter eine Anzahl obengenannter Nachrichtenblättcr, dazu Botenzcttel, Posteinlieferuugsfcheiue, Reisepässe, Postbcrichte auS dem 16. bis 18. Jahrhundert, Uniformbildcr und vieles andere. Die Abteilung Neuzeit bringt die heutige Tageszeitung iir bunter Reihenfolge, teils in Einzclkojen, teils in Rollcklivsammlungen größerer Bezirke. Einzelkojcn belegt haben: die„Kölnische Zeitung", welche ihre Entwicklung von 1894 bis 1914 an Hand verschiedener figürlicher Darstellungen zeigt: der„Fränkische Kurier", der zum Teil alte Nummern seines Vorläufers, des„Fränkischen Kriegs- kurierS" von 1716 bringt, der„Schwarzwälder Bote" mit einem lauschigen Winkel, direkt auS dem Schwarzwald importiert, einem Stilleben von Wanduhr, Ose», Kleiderhaken mit Hut, Rock und Schirm, dazu Stuhl und Tisch, Blumenstrauß und ländliches Gebäck. Neuartig ist die Berichlerstattimg einlaufender Telegramme in der Koje der„Leipziger N. N." Dieselben werden in der Stadt- expcdition zu bcstiminlcn Stunden ins Telephon gesprochen, in der Ausstcllungskoje gibt ein Mikrophon mit großem Schalltrichter das gesprochene Wort laut und verständlich wieder. Die„Franks. Ztg." bringt Erinnerungen an Leopold Sonne- mann, darunter ein E n t l a s s u n g'S a t t e st, ivorin ihm am 15. September 1874 bescheinigt wird, daß er seine zweimonatige Gefängnisstrafe abgesessen und sich während der Haft sehr gut ge- führt habe. Weiler ist die Koje mit einem Wandfries ausgeschmückt, welcher zeigt, wie das im Reichstag abends 6.15 gesprochene Wort schon um 7.25 in Frankfurt a. M. iii der Abendausgabe des BlatteS zu lesen ist. DaS„Hamburger Frcmdenblatt" stellt seine tägliche, in Rotationstiesdrnck hergestellte illustrierte Beilage zur Schau. Wie man ficht, will jedes Blatt durch einen besonderen Trick auf den Beschauer wirken. Wo eine Anzahl Tagesblätter als Organe einer bestimmten politischen Richtung kollektiv ausgestellt haben, müssen oft sonderbare Mätzchen herhalten, damit dem Besucher vom Gesamtbild etwas im Gedächtnis bleibt. Da hat die Zentrumspresse in ihrer Koje ein kleines W i n d t h o r st- M n s c n m arrangiert und dabei wunderbare„Raritäten" zusammengebracht. Das Schreibzeug, die Redaktions.schcre, die Biudfadenrolle, den angekauten Federhalter, sowie das beschädigte Tintenfaß Windthorsts(ob dasselbe nach berühmtem Muster einmal als Wurfgeschoß gedient hat, wird nicht verraten), ferner die Legilimationskarte als M. d. R. 1886— 87. und daS— Zigarettenetui des berühmten Mannes. Die N a t i o n a l l i b e r a l e Presse hat sich ihre Aufgabe, 367„Parteiorgane" zur Ausstellung zu bringen, sehr leicht gemacht. In ea. 12 Mappen sind alphabetisch geordnet und nach Landesteilen sortiert alte Numniern, oft auch nur Titelblätter solcher Zeitungen eingeklebt, deren Richtung weder stark nach rechts, noch an- nähernd nach links geht, demnach nationallibcral ist. In der Koje der konservativen Presse hängt Blatt an Blatt derjenigen Zeitungen, die stramm eintreten für„Ordnung, Autorität und das Wohl des Vaterlandes". Daß in den letzt- geiiannten zwei Kojen mehrfach dieselben Zeitungen als„Partei"- Organe wiederkehren, ist natürlich nur Zufall I Oder soll damit die Fertigkeit im Rechts- nnd Linksschreiben bewiesen werden? Die „Kreuz--Zcituiig", gegründet 1848, bringt eine Rarität aus dem .ioircu" Jahr? das S ein Uhr serviert, die man sonst um halb zwölf Uhr mittags zu sich nahm. Dix Februarsonne leuchtete so klar und goldig, ein warmer Hauch wehte über den Exerzierplatz; auch in das Herz des Rekruten Lamm zog dieses Frühlingserwachcn ein. Das einzelne Drillen hatte dem gemeinsamen Platz gemacht. Der Herr Hauptmann war des öfteren selbst zugegen beim Parademarsch. Nun brach das Unwetter wieder los trotz der schönen Himmelssonne. „Sergcant-Schcider.. I Herr Leutnant Wecker, ich bitte!.. Ist das das Resultat Ihres ganzen Pflichteifers?— Sehen Sie sich doch diesen Schlumps an, mit der Hclmspitze stößt er bald in die Augen seines Nebenmannes! Wenn der Kerl mir nach der Besichtigung mit den alten Mannschaften zusammen diese Kopfhaltung zur Schau trägt, kommt er aus der ziveiten Exerzicrklasse nicht heraus!" Aul au! Die Besichtigung im nächsten Monat war vorbei; der Herr Oberst war sehr zufrieden; der Rekrut Lamm hatte sogar beim Turnen ein Lob erhalten. Die Rekruten wurden nun der alten Mannschaft mit cinver» leibt; das Drillen wurde einzeln und im Ganzen fortgesetzt. Beim Nachexerzieren war Lamm Stammgast. Das Kommando hierbei hatte gewöhnlich der Feldwebel Geigenbauer. Die Mannschaft wurde einzeln von den Unteroffizieren malträtiert. Lamm war einmal dem Unteroffizier Steffen zugeteilt. Für diesen war der arme Lamm ein kannibalisches Fressen.» „Warte!" so Hub er an.„Ich werde dir dein rechtes Ohr schon gerade machen. Laufschrittl marsch... marrrrsch!" Lamm lief los. Der Platz war etwa dreihundert Meter im Quadrat groß. Bei jeder Ecke kommandiexfe der Unteroffizier „Links u in I" Drei Seiten hatte Lamm gemacht, die vierte ging bergauf, weil der Platz schräg lag. Als wenn der Teufel hinter ihm her wäre, rannte Lamm die Anhöhe hinauf. Immer weiter. Das„Linksum" überhörte er, immer weiter über den Sturzacker — da stand er still, vor ihm war ein Saatfeld. Der Unteroffizier war herbeigeeilt. „Kannst du mein Rufen nicht hören?" „Nein, Herr Unteroffizier", antwortete Lamnt. „Ach, du Aas schwitzt ja noch gar nicht! Warte, Bursche! Du läufst fcht miebft um den ganzen Platz, obne Kommando, bis ick, „halt!" rufe. Verstanden?! Laufschritt..! marsch.. marrrrschl" Lamm verlor seinen Helm; er lieh ihn liegen. Wie ein Mara- thonläufer, der um die Palme ringt, jagte er um den Platz. Bei der ziveiten Runde hörte er daS„Halt!" '„Du schwitzt ja noch nicht! Hier hast Du Deinen Helm." Da- mit prestte er ihn auf LammS Kopf.„Rechte? Cht tiefer.... sage ich!" „Ich werde de» Herrn Unteroffizier melden," versetzte Lamm mit einer ganz stoischen Ruhe. „WaS, Du willst mich melde»? Infamer.. „Mit dem Gewehr werde ich Ihnen den Schädel einbauen," dachte der Rekrut Lamm,„wenn Sie mich nicht in Ruhe lassen." Dabei sah er ihn zähneknirschend an. Der Untcrofsizicr merkte es und sah toohl ein, daß auf diese Art mit dem zähen Kerl nichts anzufangen war. Er koinmandierte kurz,„Gewehr ab!— Rühren!" Das beglückende Abrücken vom Platz lieh auch nicht lange auf sich warten. Das Essen wurde schnell hinuntergeschluckt, die Sachen geputzt und zum Mittagsappell auf den Hof hinausgetreten. Wie ein Aufatmen ging es durch die ganze Kompagnie, als bekannt ge- geben wurde, dah der Hauptmann Prehn in ein anderes Regiment versetzt war.„Erlöst," dachte auch Lamm. Er hatte recht, wen» die Rekrutenzeit auch nicht viel besser wurde. Lamm wurde hernach sogar zum Gefreiten befördert. Allgemeines Staunen!— Lamm trug seine ehrlich verdienten Knappe mit demselben Gleichmut weiter wie seinen schiefen Kopf, die ganzen drei Jahre. «* * „Der nächste... Ich bitte." Der Mechaniker Lamm trat in die Sprechstunde des Arztes. „Was führt Sie zu mir?" begann der Doktor.„Nehmen Sie, bitte, Platz." „Ein Magenleiden seit meiner Militürzeit," antwortete Lamm, „und außerdem mein schiefer Kopf." Ter Doktor lächelte, sah seinen Patienten an, schritt auf ihn zu, befühlte seinen HalS..... Sind Sie einmal auf den Kopf ge- fallen?" fragte er. „In gewissem Sinne nicht," antwortete Lamm lächelnd,„aber als zweijähriges Kind bin ich einmal aus dem Wagen gefallen. Die Narbe auf meinem.Kopf zeugt noch davon." „Durch diesen Sturz," belehrte ihn der Arzt,„hat sich eine Sehne gedrückt, und die ist verknorpelt. Durch Sclbstinassage, Wenden und Kreisen des Kopfes wird der Kopf die ursprüngliche Lage wieder an- nehmen. Führen Sie diese Hebungen korrekt und mit Anspannung aus, streng militärisch, gleichmähig links und rechts, aber— langsam und ruhig. Es genügt täglich zwei Minuten. Binnen ein paar Wochen wird Ihr Kopf kerzcngrade sitzen. Gegen Ihr Magenleiden verschreibe ich Ihnen gymnastische Uebungen, Diät und Bäder. Sic haben die Vorschriften streng zu beachten!" „Sehr gerne— ich danke Ihnen, Herr Doktor. Aber gestatten Sie—: Ich bin drei Jahre Soldat gewesen; wegen meiner Kopf- Haltung malträtiert worden im wahren Sinne des Wortes— war denn das nötig?" „Das war ein Frevel," antwortete er.„Sie waren ebensowenig imstande, Ihren Kopf gerade zu halten, wie ich imstande bin, meinen Kopf fortgesetzt schief zu halten. Sie sind drei Jahre unnötig ge- peinigt worden. Das zuviclc Turnen ist schädlich für Anfänger und schlechte Turner. Die Nerven werden geschwächt anstatt gestärkt, die Muskeln bleiben auf ihrem Tiefpunkt stehen. Man erreicht nur große Resultate, wenn die Muskeln langsam im geringem Maße, aber intensiv gebraucht werden— also nur durch tzuißigcs Steigern der Kräfte. Das sollten die Götter des Mars in erster Linie ihren Ilnteroffiziercn lehren." Lamm erhob sich. „Tann könnte man nach Ihrer erweiterten Theorie Tischler und zugleich Soldat sein," erwiderte er,„genau etwa wie man Bravour- turnet und zugleich Techniker sein kann." Er nickte.„Ja, wäre der Militarismus nur ewige Theorie!" Kleines Feuilleton. Physiologisches. Gewürze und Ernährung. Bei der Mischung von Nahrungsmitteln zu Speisen ist die Zufügung eines sogenannten Gewürzes wesentlich, d. h. eines Stoffes, ivelcher durch gewisie reizende Eigenschaften zur Anregung der Absonderung von Ver- dauungSsäften besonders geeignet ist. Durch sie wird die Nahrung erst genießbar. Ihre Wirkung im Organismus wird am ehesten velständlich, wenn man sie mit der Schmiere einer Maschine ver- gleicht. Die Maschine läuft besser, wenn sie gut geschmiert lvird. Gcwürzstoffe und Gcnußmittel lasse» sich nicht leicht von einander trennen. Die Gewürze sind wohlschmeckende und wohlriechende Substanzen, die entweder in den gewöhnlichen Nahrungsmitteln ent- halten sind oder denselben vor dem Effen zugesetzt«Verden. Die Gewürze, abgesehen von Zucker und Salz, die zum Teil als Nahrungsmittel auszusasten sind, verdanken ihre Benutzung meist denr Gehalt an ätherischen Celen oder Bitterstoffen. Genust- Verantwortl. Redakteur: Älbcr» Wachs, Berlin.— Druck u. Verlag? mittel sind mehr diejenigen Stoffe, welche durch ihren Uebertritt inS Blut daS Nervensystem beeinflussen und daher wcniger auf Geschmack und Geruch wirken. Die Gewürze und Genuszinittel besitzen getvisse spezifische Eigenschaften. Sie vermögen die Nahrung?» aufnähme angenehm zu gestalten durch psychische Wirkung, wie z. B. die Riechstoffe der Fleischbrühe, des Bratens, sehr wahrschcin- lich der Vanille. Ilnmitlelbar lvird die Speichel-, Magen- und Darmabsonderung beeinflubt, wie dies z. B. der Pfeffer tut, das Kochsalz, die Bittermittcl. Andere Gewürze wirken auf die Darmflora, wie z. B. die Zwiebel, der Knoblauch und der Senf. Kochsalz. Pfeffer, Kaffee, Zicholienaufgust beeinflussen den Stoff- Wechsel. Kaffee, Tee, Kakao, Alkohol, Vanille haben dann noch einen gewissen Einfluß auf das Nervensystem. In qualitativer Hin- ficht sind zur Ernährung Nahrungö- und Genußmittcl nötig, erstere geben den, Körper das Material, mit dem er sich auf seinem stoff- lichen Bestand erhält, letztere reizen zum Genuß und zur schnellen AuSnützung der Nahrung an. Astronomisches. Die Ursachen der S o n n e n w ä r m e. Jeder Gegenstand hat seine Temperatur, und nur der Weltraum zwischen den Himmels- körpern steht nach der Ivisscnschaftlichc» Annahnie auf dem absoluten Nullpunkt von— 273 Grad, würde also danach überhaupt keine Wärme haben. Die Temperatur der Sonne ist verschiedentlich gc- messen worden, und trotz der Schwierigkeit dieses Iluternehmens kann mau jetzt mit einiger Sicherheit sagen, daß sie zwischen öOOO und 6000 Grad beträgt. Eine noch ungelöste Frage aber ist die Ent- stehung der Sonncnwärnie. Es handelt sich dabei wcniger um eine Deutung ihres Ursprungs als um eine Erklärung, Ivie es möglich ist, daß die Sonne wahrscheinlich seit Millionen von Jahren ihre Wärme bewahrt hat, obgleich sie ihre Energie dauernd in ungeheurer Menge in den Weltenrauin hinaus verschlveudct. Mau unterscheidet hauptsächlich drei Theorien, die auf diese Frage Antwort geben sollen. Die eine rechnet mit chemischen Vor- gältpen, die andere mit einer Anhäufung von Atomenergie nach der Art der Radiumstrahlen und die dritte endlich mit der Wirkung der Massenanziehung. Die chcinische Theorie genießt nicht viel Vertrauen, da man festgestellt zu haben ineint, daß ans diese Weise die Sonne mir elwa 2(XX> Jahre ihren jetzigen Wärmegrad aufrechterhalten könnte. Da aber sogar die Geschichte der Mensch- heit schon etwa sechs Jahrtausende umfaßt und doch nur einen winzigen Teil der ganzen Erdgeschichte einschließt, die wiederum weit kürzer sein muß alS�die Geschichte der Sonne, so würde'mit einem Lebensalter der Sonnenwärme von zwei Jahrtausenden in der Tat nichts anzufangen sein. Die zweite Theorie, die auf den neuen Radiumforschungen beruht, ist besonders verführerisch. Die Uuerschöpslichkeit der Energielieferung, die mit der Zersetzung der Radiumatome ver- bunden ist, scheint eine unbeschränkte Dauer der Sonnenwärme zu ermöglichen. Aber auch hier haben sich Schwierigkeiten gezeigt. Einnial inüßte man auch annehmen, daß die Sonne auf jede Tonne ihres Gewichts zwei Gramm Radium enthielte. DaS wäre ein Betrag, der auf der Erde nirgend vorkommt. Es ist schwer zu sagen, ob man das Fehlen so reicher Radimnschichten auf der Erde bedauern oder als ein Glück bezeichnen soll. Das Radium würde dann aller- Vings weit billiger sein, aber Menschen und Tiere könnten vielleicht auf einem solchen Boden gar nicht leben. Ncberdics wollen selbst unter dieser Voraussetzung die Forscher der Sonnenwärme keine lange Dauer zusprechen, sondern meinen, daß der Radiunigehalt schon nach 1700 Jahren auf etwa die Hälfte zusammengeschmolzen sein würde und sich nur dann weit länger auf derselben Höhe erhalten könnte, wenn die Sonne ganz oder zum größten Teil ans Uranium bestände. Da dies Element sich selbst in Radium verwandelt, würde dessen Vorrat immer wieder ergänzt werden und die Sonnenenergie würde so lange erhalten bleiben, bis auch das llraniuin zu fehlen anfinge. Die dritte Theorie, die sich der Massenanziehung zur Er- klärung bedient, geht von der Annahme ans. daß auf die Sonne dauernd ein Regen von Meteoriten niederstürzt und daß durch ihren Aufprall genug Wärme erzeugt wird, um den Verlust inlmer wieder zu ersetzen. Dagegen haben sich wieder die Astronomen gewandt, die eine» Meteorregen von hinreichender Stärke für unmöglich halten. Schließlich bleibt nur noch eine Deutung übrig, die den großen Helmholtz zum geistigen Vater hat. Es ist beachtenswert, daß der fraiizösischc Astronom Veronnet, der in einem Vortrag vor der Pariser Akademie der Wissenschaften alle Theorien zur Erklärung der Sonncnwärnie sorgfällig durchgesprochen hat, dieser Theorie von Helmholtz die Anerkennung zollt, die einzig möglilhe und wahrscheinliche zu sein. Die Sonne zieht sich zusammen wie jeder erkaltende Körper und durch die Arbeit dieser Zusammenziehung wird wiederum Wärme er- zeugt. Nach der Berechnung kann die Zusammenziehung im Höchst« fall 20 Millionen mal mehr Wärme liefern als die Sonne jährlich ausstrahlt. Das Leben auf der Erde besteht jetzt vielleicht rund zwei Millionen Jahre, und ebenso lange dürfte auch die Sonne etwa ihren heutigen Wärmegrad gehabt haben. ES ist zu vernuiten, daß eS wenigstens zwei Millionen Jahre dauern wird, ehe die Erkaltung der Sonne soweit vorgeschritten wäre, daß die mittlere Jahres- temperatur auf der Erdoberfläche überall unter den Gefrierpunkt sinken würde.____ VorwärisBuchdruckerei u.VerlagSanstalr Paul Singer örEo..Berlin S>V.