Unterhaltungsblatt öes vorwärts Nr. 140. Donnerstag, den 23. Juli. 1314 321?us und Recht. Roman von Fred B. Hardt. Frank runzelte die Brauen. DaZ kindische Geplapper ärgerte ihn auf einmal. Er wollte scharf antworten, aber Ursula schnitt ihm eine zierliche Grimasse und lachte laut auf. Er sah auch Frau Gabrielcus nachsichtiges Lächeln.„Mit Dir ist heute vernünftig doch nicht zu reden. Krauskopf," meinte er wieder versöhnt.„Gott gebe," sagte er ernster,„das; Tu immer auf der Sonnenseite stehen kannst." „Will ich auch!"— und Ursula sprang ihm an den Hals, stellte sich auf die Fußspitzen und sagte in zärtlichem An- schmiegen:„Aber mit Dir. Und Du sollst berühmt werden und anerkannt und alle sollen Dich beneiden. Hörst Du, Frank, Du mußt furchtbar berühmt werden und Onkel Adam soll einen Mordsrcspekt vor Dir haben"— sie ließ ihn los und sprang drei Schritte zurück, knickste kokett—„ich aber gar nicht.". „Nun, dafür werden wir sorgen. Du Wildfang," und Frank verslichte, sie zu haschen. Sic wirbelte um Frau Gabriele herum, die genug zu tun hatte, um sich zwischen den Spielenden zu halten. „Wenn die Kindlein genügend getollt haben, könnte man vielleicht zu Tische gehen, inklusive der Frau Gouvernante." Karl Henkel stand auf der Treppe, die zum Garten führte, und hatte schon eine Weile dem spielenden Treiben mit spötti- schen Augen zugeschaut. Ursula unterbrach den Kreislauf um Frau Gabriele beim ersten Wort von Karl Henkel, etwas be- schämt. Sie verstand nicht seine Art und mochte ihn nicht sonderlich. Und gerade er mußte sie bei diesem aiisgelassenen Spiel ertappen. Sie ließ sich willig von Frau Gabriele halten, strich die krausen Haare aus der Stirn, die sich gelöst hatten und nun wie voller Goldregen über ihr frisches Gesicht sich neigten. „Zu Befehl» Herr Zerenionienmeistcr," lachte Frank und stieg die Stufen hinaus, beide Damen, die sich leicht und ge- fällig umschlungen hielten, vor sich herschiebend. Der arme Stromer und der Schuhuruf waren vergessen. Frau Werner saß schon am Tisch, als die drei an Karl Henkel vorbei, der mit gravitätischem Lakaieuernst die Tür offen hielt, eintraten. Sie hatte mit prüfendem Blick den ge- deckten, runden Tisch überflogen, ob Fräulein Berger und Marie nichts übersehen hatten. Doch nichts fehlte, um das Mahl schmackhaft und reizvoll zu gestalten, und die heitere Stimmung war die feinste Würze. Karl Henkel war witzig und neckte Frank und Ursula mit sparsamer Zurückhaltung und Frank überstrahlte alle mit Humor und Lebensfrische, ab und zu ein verliebtes Wort Ursula leise zuflüsternd oder der Mutter einen zärtlichen Blick zuwerfend, dem sie mit zu- friedenem Augennicken dankte. Die alte Frau lehnte sich bisweilen im Stuhl zurück, wie um eine kleine Distanz zu gewinnen, um das fröhliche Bild desto besser zu genießen. Gegen Ende des Mahles klingelte das Telephon und Marie meldete, daß der Herr Kommerzienrat van Bosch den Herrn Doktor zu sprechen wünsche. Frank entschuldigte sich und stand auf. Doch schon nach einigen Allgenblicken kam er zurück, mit einem Gesicht wie ein Knabe, der eine gute Zensur heimbringt, stolz und doch verschämt. „Was hat denn Ottokar noch so spät Ihnen zu sagen?" frug Frau Gabriele. Auch die anderen sahen ihn fragend an. Frank nahm seinen Platz ein und rückte sich umständlich znrecht. Der Schalk saß ihm wieder im Nacken. „Ja," sagte er bedächtig. „Ach geh, erzähle doch," drängte Ursula. „Auf jeden Fall etwas Freudiges," sagte Frau Gabriele, „das lese ich an ihrem Gesicht ab." „Ja, ettvas Freudiges."— Sein Gesicht war ganz hell— „Ottokar hat mir eben mitgeteilt, daß die Berliner Gesell- schaft mich heute abend einstimmig in den AufsichtSrat ge- wählt hat." „Das ist ja herrlich," jubelte Ursula. „Der liebe Freund, dem verdanke ich diese Auszeichnung." „Soweit ich Ottokar kenne, würde er sich nur durch freundschaftliche Gefühle nicht leiten lassen," meinte Frau Gabriele.„Ich denke, er weiß, wen er vorgeschlagen hat. Und deshalb gratuliere ich Ihnen von Herzen, lieber Freund." „Wieder eine Sprosse hinauf, famos! Ich sehe schon, Ihnen zuliebe legt sich nächstens der Generaldirektor hin und entschlummert, damit das Thrönchen für Sie frei wird."— Henkel reichte über dem Tisch dem Freund die Hand, die er fest drückte, und Freude sprach aus seinen Augen, wenn auch sein Mund spöttelte. L. Es war Mitte November geworden, regnerisch und kalt. Die ersten rauhen Winde hatten das bunte Laub von den Bäumen geschüttelt, die ihre kahlen schwarzen Zweige mit kläglichen Gesten zum grauen Himmel emporstreckten, als wollten sie recht augenfällig ihre dürftige Nacktheit zeigen, voller Vorwurf über die Gewalttätigkeit der Stürme. Jeden Morgen, wenn Frank Werner in seiner Dresdner Wohnung aufwachte, sah er in den verdrießlichen Himmel und hörte das langweilige Klatschen der Regentropfen an seine Fenster. Er litt unter der Unfroheit der Natur und in seinem Herzen lag immer die Sehnsucht nach der Sonne. Doch dieses Jahr drückte ihn der düstere November nicht, da die Liebe in ihm war. Wenn er Ursula sah, gab sie sonnige Heiterkeit und Frohsinn genug. Auch die Zukunftspläne, die ihn erfüllten, waren so voll froher Lebensbejahung, so bunt und heiter, daß er nicht empfand, wie um ihn eine erstarrende Kälte sich lagerte. Er frühstückte, wenn es ihm seine Tätigkeit auf dem Ge- richt irgend ermöglichte, ein- bis zweimal in der Woche bei Frau Gabriele. Diese friedlichen Stunden zwischen seinen Arbeiten waren ihm lieb gelvorden und brachten ihm heilsam zum Bewußtsein, daß außer diesen Arbeiten mit Volldampf noch andere Freuden blühten, die mit stiller Harmonie eine erquickende Ruhe, ein ungesuchtes Ausruhen brachten. Sie frühstückten meist allein, da der Kommerzienrat über Mittag auf der Bank blieb, in dem kleinen Zimmer mit den weißlackierten Möbeln, das den Zugang zum Winter- garten bildete. Der Speisesaal war zu groß für die vier Menschen. Die bilderreichen Gobelins an den Wänden, die schwere kassettierte Decke und die prunkhaften Möbel brauchten das festliche Licht vieler Flammen, um ihre Steifheit in eine abgestimmte Feierlichkeit zu wandeln. Die kostbar gekleideten Damen und Herren auf den Gobelins sahen mit Renaissance- Hochmut auf die vier Menschen herab, die wie verloren in dem vom Tageslicht nicht voll erfaßten Räume ganz un- pompös plauderten und mit einem lichten Kind im weißen Kleidchen lachten. Das kleine Zimmer war viel intimer, auch in den Raumverhältnissen; die Wände waren mit seegrünem Damast bespannt, auf dem aus feinen silbernen Fäden nur wie augedeutet Lilien gesponnen waren, und die weißen Möbel waren leicht und unprätcnziös. Vor allem bekam das Zimmer seine Physiognomie von dem Wintergarten, der sich daran anschloß, und durch eine in viel kleine Felder geteilte Glaswand getrennt war. Wenn die breite Türe zurückgeschoben war und der satte Geruch der grünen Pflanzen mit dem sparsamen Duft einer Hyazinthe, eines Fliederbilsches, vermischt herüberzog, brachte er die Illusion eines blühenden Gartens in diese unfreundlichen Novembertage. Die zwei Diener trugen die Speisen nur auf und zogen sich dann zurück, und die Heiden Frauen selbst legten vor. Das gab das Gefühl des Zwanglosen einer in sich geschlossenen Familie, und der jungen Ursula einen Hauch von Hausmütter- lichem, Franks geheimsten Wünschen vorauseilend. Man sprach von dem und jenem, was der Tag ihnen zu- getragen hatte, von gemeinsamen Bekannten, dann wurde der Kreis mählich enger, und mit gütigem, verständnisvollem Lächeln leitete Frau Gabriele das Gespräch auf ihre beiden Gäste über.„Denn Ihr beiden steht doch nun einmal im Brennpunkt des Interesses," meinte sie. Frank nickte dankbar. „Hat der alte Herr ter Linden wieder geschrieben?" fragt« er Ursula. „Ganze drei Seiten. Er kommt nun bestimmt einige Tage vor Woihnachten und fährt von Sunmtrn direkt nach Amstcrdani." „Desto besser," sagte Werner,„denn wahrhaftig, d,ese Heimlichkeit gegen den alten Herrn wird mir nach und nach recht schwer." „Das glaube ich Dir, lieber Frank. Aber wenn Du den Onkel kenntest, würdest Du mir recht geben, dast Du nur mit ihm persönlich sprechen kannst. Und da Du nicht nach Sumatra fahren willst,"— hier lächelte Ursula, denn gegen diese Reise, die ihr Frank entführt hätte, würde sie sich mit Händen und Füßen gewehrt haben—„so müssen wir eben warten, bis er herkommt. Du weißt doch auch, Gabriele, wie Onkel Willian behandelt werden muß." Frau Gabriele nickte mit dein Kopf, sie kannte die Eigen- arten des alten Mynhcr ter Linden genau, und das war auch für sie der Grund gewesen, Ursulas Bitten nachzugeben und dem Vormund zunächst nichts von der Liebe der beiden zu bc- richte». Doch auch sie empfand wohltuend und befriedigend, daß diese Aussprache nun in wirkliche Nähe gerückt wurde. Als Frau hatte sie an diesem Liebesgeheininis der beide» ein natürliches Gefallen gefunden und sich als Vertraute liebe- voll bemüht, aber da nun Frank ungeduldig dieses Geheimnis zu etwas Gegenständlichem ausbaute, und beide sich ganz in die Wirklichkeit verliefen, wollte sie gerne der übernommenen Verantwortung enthoben sein, als ob sie fühlte, daß diese Liebe aus den tändelnden Frauenhänden in die sichersiihrcnde Männerhand geleitet werden sollte. Frank Werner fuhr am Tiergarten und der Bürgerwiese entlang über den Georgsplatz nach der Kanzlei. Während der kurzen Fahrt war er noch in Gedanken be� Ursula, und lachte auf, als er an ihren durchbrochenen Seidenstrumpf dachte. Als er in seine Wohnung trat und abgelegt hatte, kam der Bureauchef in sein Zinuner und ineldete ihm, daß zwei Männer ihn zu sprechen wünschten, sie hätten schon in der Hausflur gewartet, als er kurz vor drei Uhr gekommen sei. „Sie gefallen mir gar nicht. Ich frug, was sie wollten, da meinte der eine, das müßten sie dem Herrn Rechtsanwalt selbst sagen.— Ich weiß nicht, Herr Rechtsanwalt, die tun so sonderbar, und der eine kommt mir bekannt vor, ich glaube, es ist ein Kriminalschutzmann," fügte er leiser hinzu und sah feinen Chef ängstlich an, als ob er sich wegen seiner Gedanken entschuldigen wollte.___(Forts, folgt.) Menfthenleben. Skizze von I. G u r e w i t s ch. Aus dem Russischen von E. Koppe». .. � Auf der Brücke war cS menschenleer. Von dem morsche» Brcttcrbeschlag roch es nach Feuchtigkeit. Die Laternen beleuchteten matt die steinerne Einfassung des gußeisernen Gitters. Tschmutoio hatte schon die Mitte der Brücke erreicht, als er plöhlick, auf dem Holzpflaster einen Ilcberrock bemerkte, an dem ein Zettel befestigt war.... „Jemand hat sich ertränkt!" flog cS ihm durch den Kopf, und ein unangenehmes Kältegefühl kroch über seinen Rücken. „ES lohnt nicht zu lebe»! Die Menschen sind— Bestien, die nur an ihr leibliches Wohl denken. Warum soll man leiden und sich quälen? Jegoroiv," las er auf dem Zettel. Tschmutow� seufzte. Er lehnte sich ans Gitter und verfiel in Gedanken. „Der Glückliche!" flüsterte er.„Er ist den Bestien entronnen und hat aufgehört zu leide»! Er hat recht: es lohnt nicht, zu leben! Mein Freund Avramciv lebt ivie ein großer Herr und ich besitze nichts! Leide Hunger und Kälte und Erniedrigungen!... Es hat keinen Sinn, zu leben!!" Tschmutow warf energisch seinen Rock ab, fügte mit einem am Gitter herumliegenden Bleistift seinen Namen dem Zettel bei und sprang ins Wasser. Er tauchte einige Male unter und vcr- schwand spurlos.... Kaum hatte sich der letzte von dem Sprung Tschmutolvs her- rührende Ring auf dem Wasser verteilt, als Suchotin die Brücke betrat. Die beiden Röcke und der Zettel fesselte» sofort seine Auf- merksamkcit. „Zwei Menschen haben sich ertränkt!" durchfuhr cS Sachalin, und ein nnaugcneh»ner Schauder rieselte über seinen Rücken. Er Ins den Zettel und rief:»In!..- Sie haben recht!... Das ist ein Hundeleben! Tag für Tag steht man hinter dem Ladentisch und ipißt mit dem Arschinmaß verschiedene Stoffe ab... Wieviel mau auch abmißt— mehr wie zwanzig Rubel niouatlich erhält mau nicht, und der Prinzipal hat von jeder Arschin seinen Vorteil!... Lohnt es denn zu lebe»?... Wozu?... Uin zu essen, z» trinken, zu schlafen und Stoff ab- zumessen... Nnd so das ganze Leben hindurch?! Nein, die anderen haben sich ertränkt, und ich will mich auch ertränken!!" Suchotin nahm Mantel, Nock und Hut ab, schrieb auf den Zettel:„Gelesen und richtig befunden. Mache daher dem Messen mit dem Arsch in in aß durch den Tod ein Ende. Suchotin," nnd stürzte sich in den Fluß. Einige Zeit darauf passierte der Student Pcrcwersew die Brücke. Er gewahrte sofort den Haufen Kleidungsstücke und den weißschimmcrnden Zettel. „Ins Wasser gesprungen!" dachte er, und ein unangenchmcs Frösteln überlief ihn. Er las de» Zettel, lachte bitter auf und bemerkte:„Da haben wir eine Illustration unserer kapitalistischen Ordnung, da haben wir die grellen Folgen unseres Regimes! Drei Leben sind vcr- nichtct. Wer weiß, was sie dem Vaterland gegeben hätten, wenn sie im Zukunftsstaat gelebt? Es lohnt nicht zu leben!... Es ist sogar ein Verbrechen, zu leben, wenn dem Proletariat nur ein einziger Ausweg geblieben ist: von der Brücke ins Wasser, lind ich war gestern im Maricntheater!... Habe Sobinow*) gehört... gemeiner Kerl, der ich bin!"... er knackte mit den Fingern und, nachdem er gerufen hatte:„ich will es sühnen!" schrieb er folgend.: Worte auf den Zettel:„Es ist langweilig, niedrig und empörend, zu leben!... Es ekelt mich vor den Mensche», es ekelt mich vor mir selbst. Sobiuolv ist ein Sänger für die Bourgeois... Ich schäme mich für Sobinow und für mich... Manja, erinnerst Du Dich der Worte des Dichters:„Traure nicht um ihn, schön ist es. jung zu sterben?" llebergebt dem Dienstmädchen meinen Wecker: sie hat noch für drei Franzbrotc zu bekommen. Kämpft für das allgemeine Wahlrecht! Perewersew." Darauf warf er Mantel und Uniformrock ab und sprang ins Wasser. Ein betrunkenes Bäuerlein erschien auf der Brücke. Er sah gleichfalls den Haufen Kleider und rief:„Ertränkt!... Ah, hier ist gleich eine ganze Gesellschaft! Gütiger Herrgott, bin ich denn schlechter als sie?!" Er streifte sein durchlöchertes Wams ab, bekreuzigte sich und schwang sich über das Geländer. Kau», war er aber im Wasser, so dachte er augenscheinlich, daß er doch schlechter als die anderen sei, denn er machte verzweifelte Schlvimmvcrsiiche; allein die mit Wasser vollgcsogencn Beinkleider und Stiefel zogen ihn auf den Grund. Eine Weile darauf trat ein Flußpolizist ans einem Haustor. „Ahl" rief er aus,—„hier hat sich jeuiaiid niciiie Abwesenheit zunutze gemacht... Oho! Wieviel Volk!... Es wird mir schlimm ergehen!!" Er kratzte sich den Kopf, tat ein paar kräftige Flüche, spuckte aus, nahm den Zettel zur Hand und las mit Mühe das Geschriebene.„N— ja," flüsterte er gedankenvoll.„Es hat keinen Sinn für mich, noch tveiter zu leben: meine Vorgesetzten kriegen ciuen Rüffel und ich komnie vors Gericht! Und alles wegen dieser Köchin, daß sie vcrdanimt sei! Auch das Volk ist heutzutage gemein: es kann sich ja einer ertränken, nun meinetwegen zwei, aber doch nicht gleich eine ganze Horde!... Jetzt muß ich mich für sie alle vernutlvorten... Mau sollte denken, daß es in Peters- bürg wenig Brücken gäbe!... Alle sind sie darauf versessen, sich von derselben Brücke hinabzustürzen!" Er kratzte sich noch einmal den Hinterkopf und, nachdem er ge- sagt hatte:„Besser ins Wasser, als vors Gericht!" schnallte er seinen Säbel ab, entledigte sich des UniformmantelS und sprang in die Tiefe. „Heute habe ich Glück gehabt!" bemerkte Jegorow, sich von dem Boden einer leeren Barke erhebend. „Siehe da, die vielen Sachen!" flüsterte er freudig, indem er die Röcke und Mäntel musterte.„Nun, wohl bekomme es... ich habe ins Schwarze getroffen! Sie beißen jetzt gut an auf solch einen Zettel!" Er zog aus dem Haufen seinen zerrissenen Rock hervor, lud sich die fremden Mäntel und Röcke auf den Rücken und schlenderte nach Hause. Das voltslieö im Klassenkampfe. Von I o h. K n i e f. Die letzten Jahre haben Volksliedersainmlungen iin munteren Wellenschlag bürgerlicher GeschaftSlust gleich haufenweise auf den Markt gespült. Am betriebsamsten zeigte sich die bürgerliche Jugendbewegung mit ihrem Stab von Fachleuten und Ver- leger». Aber buntscheckig, ivie sie in ihren Spielarten und Interessen ist, gestaltete sich auch das Gewimmel von Licdersanim- lungen, die sich die Pflege der jungbürgerlichen Gemüter zur Aufgabe machten. So haben die Piadsinder, die Wandervögel in ihren vielfachen Varianten, die Tinnerbünde, die Radfahrer«. Schwimm- und Sportverbände ihr eigenes Liederbuch, und wo die bürgerliche Jugelidbewegung. wie kürzlich im Freien Deutschland, eincn neuen Zweig treibt, da setzt dieser neue Zweig auch gleich einen neuen Trieb in der Richtung auf das Volkslied an. Ilud derselbe Gegensatz, der die Turner gegen die Pfadfinder, die Jüng« lingsvereiue gegen die Wandervögel, die Evangelischen gegen die Katholischeii treibt, trotz des allumfassenden Jinigdeutschlandbundes, spult auch in den Licdersannnlungen herum, deren jede einsingender und klingender Beweis für den lieblichen Bruderzwist im Heerlager *) Berühmter rnssifcher Sänger. der bilrgcrttchcn Jugend ist. Allein di»se feindlichen Brüder besinnen sich doch nugcnblickS auf ihre gcineinfanie Abstainnnnig, wenn die Kampffront gegen den gemeinsamen Feind eingenommen werden mutz, und da in der bürgerlichen Jugend die SammlungS- poliiikcr längst den homogenen Block gegen die prole» tarische Jugend gebildet habe», so geht durch diesen Block fchiietz- lich auch im einzelnen derselbe Geist, und all der Hickhack klingt doch zuletzt in ein fröhliches SchmolliS aus, wenn nur die patrioiisch-uationalc Note gewahrt blieb. Diese Note beherrscht auch die Bolksliedersanimlungcn der bürgerlichen Jugcndbcivcgung, und die ungeheure Mannigfaltigkeit der Volksliedtcr-te— gar keine einzige Aeutzerung des gesellschaftliche» Lebens blieb ja von der Dicht- und SangeSkunst des Volles unberührt— lätzt mit Leichtigkeit die tcn- deliziöseste Zusaminciistellung zu. Die bürgerliche Jugciidbelvcgung mützte nicht das Organ des KlasscnkampseS sein, zu dem sie sich je länger je mehr entwickelt, wenn sie nicht das Volkslied mit in ihr Waffen« arsenal einzureihen verstände. So wimmelt es in ihren Volkslieder- sammlunge» von Patriotismus, Nationalismus und Frömmigkeit, und was in den einzelnen Liedern als der Ausdruck naivsten BolkSeinpsindenS überliefert wurde, das wird unter der Hand bürgerlicher.Jugendpfleger" zur dick aufgetragenen Tendenz. Selbst die Wandervogelbewegung, die sich bekanntlich aus ihre Neutralität nicht wenig zugute tut, ist von dieser Tendenz nicht frei. An sich ist das Volkslied nämlich gar nicht so untendenziös, wie es häufig hingestellt wird. ES nimmt zu den Erscheinungen dcS gesellschast- lichen Lebens, zu den Fragen von Arm und Reich, von Hoch und Niedrig, vom Befehlen und Diene», von Mein und Dein sogar sehr uiiziveideulig Stellung. ES gleicht hierin dem Volksmärchen, daö in den meisten Fällen einen ungewöhnlich starken sozialen Einschlag hat. lind selbst Ivo das Volkslied von Natur und Liebe fingt, dringen vielfach die sozialen Gegensätze mit ei». Die Pflege des Volksliedes, die ein Charakteristikum unserer Zeit ist, bedeutet in Wahrheit nicht etiva seine Auferstehung. Das Volkslied setzt zu seinem Gedeihen ganz andere soziale Verhältnisse voraus, als die prallen Klassengegensätze unserer Zeit. ES fordert eine gewisse Behaglichkeit und Ruhe, deren sich alle Volksschichten erfreuen müssen: cS fordert llnaebundenheit und Mutze, ein ur- wüchsigcs Triebleben, ei» kernhaft gesundes Liebeslebcn, Freisein vom Konventionellen, kraftvolles Selbstvertrauen, tiefen Sinn für die Natur, wie er nur im vertrautesten Verkehr mit ihr gewonnen und genährt werden kann, Lust zu derben, Witz und Humor. Es sieht daS Leben im goldenen Rahme», und selbst in die Tiefen des Lebens lätzt es noch das Sonnengold der Lebcnsbejahung leuchten. Die Zahl der Volks- lieder, die in Pessimismus und Resignation sich ergehen, ist ver- hältnismätzig gering. Die Zahl der Volkslieder aber, die auf jauchzenden Optimismus gestimmt sind, ist Legion. Von all diese» Dingen, die im Volköliede lebendig sind, ist in der heutigen Zeit kapitalistischer Profithatz nur wenig zu spüren. An die Stelle der�Ilngebmideiiheit und individuellen Selbständigkeit ist das moderne Sklavcntunr des-LohiiproletariatS, sind die»ivellierciiden Tendenzen des maschinellen GrotzbetriebeS getreten, die Urwüchsigkeit ist der Dekadence gewichen, die Raturinnigkeit des Gemüts der völligen Naturentfremdung, der Witz wandelte sich zum Sarkasunis, der Humor zur Satire! die Beschaulichleit wurde durch die rastloie Jagd nach dem Profit verdrängt, die Ruhe durch den heihcsten Kampf. Allüberall, in den äutzeren Verhälinissen wie im Seelenleben der Menschen, ist eine gründliche Wandlung ins Eilt- gegcngesetzte eingetreten. Der Landmann steckt bis über die Ohren in Schulden oder ist längst von seiner Scholle vertrieben, deren kräftiger Erdgeruch der Lebeiiöodem des Volksliedes war. Der Wanderbursch mit dem Stab in der Hand, der Postillion, der vagierende Söldner— sie alle, die das Volkslied verbreiteten, zieren höchstens noch die historische Rumpelkaminer. An ihre Stelle trat die Massenwanderung moderner Lohnproleiaricr, die mit der Kraft des Dampfes von Land zu Land befördert werden, traten Telegraph und Telefunken. die die Entfernungen dieser Erde auf das Minimum von Sekunden zusammendrängen, traten die Massenheere des modernen Militarismus mit ihrem Gleichschritt und der Mechanisierung des Gehirns. Auch im Heere kann heute kein Lied mehr entstehen. Die entsetzliche Oedc geistmordenden Drills vernichtet die zarten Keime des GcinütslebenS, a»S denen die Stimmung des Volksliedes aufivilchs, und der moderne Krieg fordert neben der äntzersten Anspannung aller Nerven das grotzc Schweigen, den schrecklichen Auftakt zu den, grotzen Sterben. Und soll etwa in dein rasenden Getöse der Fabriken daS Volkslied seine Auferstehung feiern? Seine Zeit ist vorbei, wie der Rhythmus der Arbeit und des Leben? vorbei ist, der cS schuf. Und doch diese grotze Vorliebe für das Volkslied in einer so volkslicdfcindlichen Zeit. Mag sein, datz viele, denen die rastlose Hätz des Lebens in tiefster Seele zuwider ist, sich nach den alten, patriarchalisch-natursrischen Verhältnissen zurücksehnen, die das Volkslied besingt. Mag sein, datz viele i» den schlichten Weisen des Volksliedes die Ruhe ihrer abgehetzten Seele wiederfinden möchten. Mag alles sein. Aber als Charakteristikum für unsere Zeit hat doch die seltsame Erscheinung zu gelten: daS Volkslied als Waffe im Klassenkampf. Und selbst die angeblich Neutralen, die daS„reine" Volkslied pflegen, das Volkslied in seiner VorauSsetzungSlosigkcit, das die reine Menschlichkeit, die Liebe in ihrer Allgcmeingültigkcit besingt, wie sie Zeiten und Menschen überdauert hat, das Volkslied, das ü b e r de» Klassen und ihren Kämpfen steht, daö nicht da» Trennende, sondetn daS Einigende preist— gerade diese„Neutralen� stehen mit ihrer Neutralität mitten im Klassenkampfe. Denn ivaS erstrebt diese sogenannte Neutralität? Doch nichts anderes als eine Ausgleichung der Klassengegensätze, das hcitzt, in die Sprache de? Kampfes übersetzt, eine Schlvachung der grotzen Armee, die den Klassenkampf um ihrer Befreiung aus Nacht und Not willen führt. Nirgends haben Ivir den Sinn dieser„neutralen" BcstreRmgen so klar ausgesprochen gefunden, wie in dem Vorwort zu dein „Volksliederbuch für Mäinierchöre", das als Kaisersammlung hinlänglich bekannt und hinlänglich geivürdigt ist. Hier wird ganz unverblümt von der„Verbindung der verschiedenen Gc« sellschaftr» zu geineinsainer Freude am Gesänge", von einer„auS- gleichenden Verschmelzung der Gesellschaftsklassen zum geineinsamen guten Zweck" als von der Ausgabe und selbstverständlichen Wirkung des Volksliedes gesprochen. Ganz ausgesprochen ist nun die Ausnutzung deS Volksliedes für die Ziveckc des Klassenkampfes bei den Organisationen mit llarenr Klassenkampscharakler. Hier sieht die mililnrisch-nationale Jugend- bewegung in vorderster Linie. Sie wählt die Lieder ganz einseitig nach ihrem patriotischen Gehalt n»S, sie bevorzugt die Soldaten- lieder und dichtet sie in militnrsreundlichenr Sinne um. So geht cS mit Goit für König und Vaterland im Sturmlauf gegen die prole» tarische Jugend. Angesichts dieser Verkoppelunq des Volksliedes mit dem Klassenkampf durch die Bourgeoisie hat die Arbeiterschaft keine Ursache, aus ein gleiches zu verzichten. Sie kennt keine wichtigere Aufgabe, als die Reihen ihrer Kämpfer z»»ichreu und zu stärken. Es würde darum ein Hindernis im Klassenkampf bedeuten, das die Arbeiter- schaft sich dazu noch selbst in de» Weg baute, iveun gerade sie die VoraussctzungSlosigkeit deS Volksliedes predigen und danach ihre Lirdtrsaiiiinlungen einrichten wollte. Gerade die Volkslieder mit sozialem Gehalt, die Handlverkerlieder, die Scherz- und Spoitlieder. werden von den Arbeitern noch innner am liebsten gesungen, während die reinen Naturlicdcr ihnen— eö sei denn etwa bei Wandernngen— ziemlich gleichgültig sind. Selbst volkstümliche Soldatenlieder sind iir Arbeiterkreisen nicht seilen anzutreffen. Und warum sollten sie da« herrliche Reservistenlied nicht auch mit ausrichtiger Teil- nähme singen: Einen Rock noch von der Kammer gibt man dem Rcservemann; aber ach, eS ist ein Jammer, 'S ist kein heiler Fetz mehr dran. Aber eS hat nichts zu sagen, ivcnn der Rock zerrissen ist; denn er wird ja nur getragen von dem Bauern auf den, Mist! Die Arbeiter, ganz gleich, ob jung ob alt, lieben die Volkslieder wegen ihrer Derbheit, ihrer ursprünglichen Empfindungen, ihrer kraftvollen Rücksichtslosigkeit, ivegen ihres uiiveriviistlichen Humor» und ihrer smidigcn Lebensbejahung. Und indem sie diese goldencir Gaben aus dein kostbaren Volksliederhort»chmen, stählen sie sich für ihren Kampf. Auch die Freude ist ein wichtiger Faktor im Streit. Und Freude strömt aus dem Volksliedergnell, helle, jauchzende Freude. Lange haben die Arbeiter auf eine ihren Bedürfnissen ent- sprechende Volksliedersammlung warten müsse». Die Hochflut der bürgerliche» Sammlungen machte eine selbständige AuSivahl für die Arbeiter notwendiger denn je. Nun ist die Ausgabe gelöst ivorden. Im Auftrage der Zentralstelle für die arbeitende Jugend Deutschlands hat der Leiter des ArbeitergesangvereinS Bremen, H e r in a n» Böse, eine Sammlung von Volks- lie dern hergestellt, die den Ansprüchen der Arbeiter und besonders der Arbeiterjugend nahezu restlos genügt. Sie iväre höchsten» durch unsere destei» Tcndenzliedec und durch die besten Volkslieder fremder Nationen zu vervollständigen. Aber auch so, Ivie sie ist, wird sie den saiigeSgcübteii Arbeiter» reiche Freude bringen und damit zu ihrem Teile eine Waffe im Klassenkampfe bilden. Kleines Zemlleton. Deiitschle.nds Bäder und Sommerfrische». ES gibt in unserem Vatcrlande 250 Orte mit' Mineralquellen, 5 reine Moorbäder, ein Sandbad sKöstritz), 25 Nordsecbäder, 88 Ostsec- bäder, endlich 1l8 Luflkurorie von einer über das rein Oeriliche hinausgehenden Bedeutung, im ganzen also nicht weniger als 487 Er- holungSstätten, wie an?' dein vom Reichsgesundheitsamt heraus- gegebenen„Deutschen Bäderbuch" hervorgeht. Arn zahlreichsten sind die Kochsalzqncllcn und Solbäder mit 94 Orten vertreten. Unter diese» begegnen»nS einige der bekanntesten deutschen Bäder wie Baden-Baden, Wiesbaden, Nauheim, Kissingen, Rcichenhall, Köse». Da?„g r v tzt e" deutsche Solbad ist—, was die meisten Ivohl sehr überraschen wird—, die Stadt Berlin; hier sind im ganzen fünf artesische Solquellen crbohrt worden, die nicht nur zum Baden, sonder» auch zum Gurgeln und Jnha- lieren benutzt werden, sodatz alko die Reichshnuplstadt mit vollem Recht den Rang eines Kurorts beanspruchen darf. An zweiter Stelle stehe» mit 44 Orten die Eiseiiguellen. Den dritten Pjatz behaupten mit der Zahl von 27 die Echwcselquellcn. Dann folgen mit 2S die einfachen und erdigen Säuerlinge. Fast ebenso stark sind mit 24 Plätzen die alkalischen Quellen vertreten, die UNS u. a. die beliebten Tafelwasser liefern. Der Rest verteilt sich auf die Bitter- quellen, die einfachen warmen Quellen und die einfachen kalten Quellen, die bereits eine grohe Aehnlichkcit mit dem gewöhnlichen »runnenivaffer habeki. WaS die geographische Verbreitung der Kurorte betrifft, so hat den Löwenanteil naturgemäß Preußen aufzuweisen, daS mit 267 Bädern und Sommerfrischen über mehr als die Hälfte aller deutschen Kurorte verfügt. Unter den einzelnen Provinzen der Monarchie steht obenan Pommern mit nicht weniger als 4ö Ostsee- bädern und 3 Mineralquellen, dann folgt die Rheinprovinz mit 28 Mineralquellen und 6 Lustkurorten. Um den dritten Rang streiten Hessen-Rasfau und SchleSweg-Holstein mit je 31 Kurorten. ErstereL stellt 29 Mineralquellen und 2 Luftkurorte zur Verfügung. Außerordentlich vielseitig ist das meerumschlungene Schleswig- Holstein, das neben 11 Nord- und 13 Ostseebädern noch vier Mineralquellen sowie 3 Luftkurorte besitzt. In Hannover finden wir 29 Kurorte, darunter 8 Nordseebäder, in Schlesien 23, in der Pro- vinz Sachsen 19. in Westfalen 18. Dagegen müssen sich Branden- bürg, Ost und Westpreußen mit nur 6 bis 8 Kurorten begnügen, während Hohenzollern und Posen beide nur je eine einzige Mineral- quelle ihr eigen nennen dürfen. Das GcbirgSland Bayern stellt nicht Iveniger als 30 Kurorte, Baden deren 30. In den thiiringi- scheu Staaten zählen wir 23, im Königreich Sachsen 23. in Württem- derg 21 Bäder und Sommersrischen. In Mecklenburg-Schwerin laden 10 Ostscebäder und 3 Mineralquellen zum Besuch ein, während Hessen und Elsaß-Lothringen mit je 9 Mineralqriellen und 3 Luft- lurorten vertreten sind. Literarisches. Der Jnsel-Verlag in Leipzig läßt wieder einige Bände seiner schönen Bibliothek der Romane(pro Band 3 M.) er- scheinen und zwar den für die Kenntnis des Seelenlebens eines Menschen aus der Klajsikerzeit unschätzbaren„Anton Reiser" von Karl Philipp Moritz, der letzhin mehrfach nachgedruckt wurde; Tolstois Altersroman„Auferstehung" und den trotz allem! fabel- hasten, blendenden„Dorian Gray" von Oskar Wilde, letzteren in der prachtvollen Uebcrsetzung von Hedwig Lachmann und Gustav Landauer. Die Sammlung, die augenscheinlich weniger frisch voran- schreitet als die so günstig in Aufnahme gekommene Jnsel-Bücherei, bildet eine schöne Ergänzung zu dieser. Sie umfaßt in der Tat schon heute einen bedeutenden Slbatz bester Romandichiung. Da stehen Walter Scott, Willibald Alexis, E. Th. A. Hoffmann, Louise von FraneoiS würdig neben de Eoster, Flaubert, Jacobson, Tolstoi, Dostojewski. Man sollte eö jedem Bücherfreund, der über Engelhorn und verwandte Größen hinaus ist, als Pflicht auferlegen, ein solches Unter« nehme» zu unterstützen.— Gleichzeitig bringt' der Jnsel-Verlag andere, sehr geschmackvolle und billige Bücher auf den Markt: Pappbände zu 4 M., zum Teil illustriert: Memoiren und Aben« teuer. Da? erste Buch war eine Auswahl aus den Briefen der Karoline Schlegel, eingeleitet durch ein Lebensbild dieser großen Frauengestalt aus der Früh-Romantik, gezeichnet von Ricarda Huch. Ein weiterer Band bringt eine Auswahl aus der, von Felix Paul Greve besorgten Ausgabe der orientalischen„Märchen der tausend und ein Nächte". Diese kleine Ausgabe gibt ein gutes Bild aus jener exotischen Phantasiewelt, das man auch der Jugend unbedenk- lich zugänglich machen darf. Hoffentlich entschließt sich der Verlag, in diesen Bänden auch die Memoiren des Herzogs von Saint- Simon, des Totenrichters Ludwigs XIV., die er in einem prachtvollen Bande voriges Jahr erscheinen ließ. einem größeren Publikum zu schenke». Sie find ein wunderbares, plastisches Bild der menschlichen Komödie, das eine weite Ver- breitung verdient, um seiner reinigenden Wirkung willen.— Die Neuausgabe des Märchen„Aus tausend und eine Nacht" führt mich auf ein Unternehmen des Verlags Diederichs in Jena, an dem ich in diesem Zusammenhang nicht vorbeigehen möchte. Es handelt sich um eine umfassende Bibliothek der Märchen der Welt- literatur, von der jeder Band 8 M. kostet. Bisher erschienen die Märchen der Gebrüder Grimm,»achgrimmsche und plattdeutsche Märchen, die köstlichen Märchen schvpfungen des rokokohaft zierlichen MusäuS, und Märchen der Russen und Chinesen. Wenn die Sammlung umfassender sein wird, dürfte eS sich lohnen, näher darauf einzugeben und das schöpferische Sichauswirken des Volks- geistes, wie es sich in diesen naiv-phantastischcn Gebilden offenbart, zu betrachten. Es werden sich durchaus werlvolle Aufschlüsse über das Wesen der Völler ergeben.?. R. Kulturgeschichtliches. Englische Preßsünder von ehedeni. WaS die Preß- freiheit angeht, so kann man kühn behaupten, daß nirgends Leute, die gegen Hof und die herrschende oder die Herrschaft anstrebende Kirche geschrieben, mit so unmenschlicher Härte bestraft wurden, wie einst im sreien England. Man darf sich nur erinnern, daß Defoe, der berühmte Verfasser des Robinson Crusoe, wegen einer Schrift gegen die Hochkirchler im 18. Jahrhundert ins Gefängnis und an den Pranger kam, und wird sich dann ein Bild davon machen, wie man in früheren Zeiten gegen Preßsünder vorging. Daß der Besitz und die Verbreitung ketzerischer Bücher unnach- sichtlich mit dem Tode bestraft wurde, lag im Geist der Zeit; daß nur Männer und Frauen„edler Geburt" privatim die Bibel lesen Verantwortl. Redakteur: Albert Wachs, Berlin.— Druck u. Verlags durften, während„gemeine Leute' schon mit Gefängnis bestraft wurden, wenn sie das heilige Buch auch nur aufschlugen, mag noch hingehen. Aber wie ging es den Ultrapuritanern, wenn sie sich gegen Königin Elisabeth oder die Bischöfe wandten I Zwei wurden an einem Tage verbrannt. Ein dritter, ein Geistlicher namens Jarrh, hatte nichts veröffentlicht, aber bei einer Haussuchung land man bei ihm Sentenzen, von denen es schien, daß sie gegen die„gute Königin Beß" gerichtet seien: er wurde gehängt. Unter Karl I. wurde eS noch schlimmer. Ein fanatischer Puritaner hatte da» Königspaar geschmäht. Er wurde seines geistlichen Amtes entsetzt, öffentlich gepeitscht, an den Pranger gestellt, ein Ohr wurde ihm abgeschnitten, ein Nasenflügel aufgeschlitzt und eine Wange gebrandmarkt. Nach Verlaus einer Woche ivurde die Prozedur abermals vorgenommen, das andere Ohr, der andere Nasenflügel und die andere Wange kamen an die Reihe, und dann brachte man ihn auf Lebenszeit in den Kerker. ES nützte ihm ivenig, daß 11 Jahre später das Parlament, im Kriege mit Karl I., ihn sür unschuldig erklärte und entließ. Der Fanatiker hatte übrigen? im Kerker bald einen Leidensgenossen, den Advokaten Prynne. Der hatte zu seinem Unglück einen dicken Band gegen Theater und Tanz geschrieben; da aber kurz vorher die Königin einer Theatervorstellung beigewohnt hatte, sah man das als Hochverrat an, er verlor seine Stellung, dazu, wie üblich, die Ohren ler ließ sie sich gleich darauf annähen), kam an den Pranger, auf Lebenszeit in den Kerker und mußte 100 000 M. Strafe zahlen. Im Gefängnis setzte er trotzdem seine Schriftstellerei fort und fand in einem befreundeten Arzt einen Gehilfen, der seine Werke verbreitete. Man ertappte diesen, und' es erging ihm wie dem Freunde. Unter den vielen anderen Fällen einer barbarischen Preß- justiz sei nur noch einer, aus dem Jahre 1380 etwa, erwähnt. Der Zensor Roger L'Estrange hatte einen Drucker aufrührerischer Schriften Namens Rogau aufgespürt und verhaftet. Das Urteil lautete wörtlich: Rogau soll unter den Armen aufgehängt, dann ihm der Bauch aufgeschlitzt werden. Man soll ihm die Eingeweide herausnehmen, diese vor seinen Augen verbrennen und ihn dann vierteilen. Der Kopf solle„aufgesteckt werden zum Vergnügen von des König? Majestät". Und buchstäblich wurde dieses viehisch rohe Erkenntnis vollzogen.— Das war die englische Preßfreiheit von ehedem. Archäologisches. Alexander Eon ze. Der Nestor der deutschen Archäologie Alexander Conze, der jetzt im Alter von 83 Jahren verschieden ist, war einer der Bahnbrecher der modernen Altertumskunde. Die Kunde von der Kunst des Altertums verdankt ihm weitreichende Er- gebnisse und Anregungen und die Wissenschaft des Spatens verehrte in ihm einen Führer; er ist es auch gewesen, der jene Aus- grabungen zu Pergamon ins Werk gesetzt hat, durch die Deutschland der kostbarste antike Kunstschatz zugeführt wurde, der seit den Müncheuer Aegineten ins Land gekommen ist. Conze war 1831 zu Hannover geboren. Nach dem Abschlüsse seiner Studienjahre in Göttingen und Berlin unternahm er 1853 und 57 eine Reise nach den nördlichsten Inseln des Aegäischen Archipels, Samothrake, JinbroS, Lemnos usw., die an neuen Ergeb- nissen reich war. Ausgrabungen hatte er auf dieser Reise noch nicht unternommen, aber als er 1859 in Rom durch eine Ausstellung die großartigen und bahnbrechenden Resultate der Ausgrabungen des Engländer» Newton in Kleinasien(Halikarnaß) kennen lernte, da war er einer der ersten, die die hier sich öffnenden Perspektiven in ihrer vollen Bedeutung ermaßen. Doch sollte noch manches Jahr vergehen, ebe er die damals aufkeimenden Pläne verwirklichen konnte. Nachdem er in Göttingen als Privatdozent und in Halle als Professor gelehrt, wurde er 1839 an die Universität Wien berufen, an der er das archäologische Studium und die archäo- logischen Interessen unter andern« durch das 1873 begründete archäologisch-epigraphische Seminar bedeutend hob. Bei einem Vortrage, den er 1872 hielt, wies er aus die großen Aufgaben hin, die auf den von ihm bereisten ägäischen Inseln der Tätigkeit des Spatens noch harrten. Sein Wort wurde gehört, und 1373 und 1375 konnte er zwei Expeditionen nach Samothrake führen. ES waren dies die ersten Ausgrabungen, bei denen der Baumeister und der Photograph die jetzt allgemein ihnen zuerkannte Rolle spielten, und was wohl noch wichtiger war, eS waren die ersten, deren Zweck nicht nur die Erbeutung von Fnndstücken, sondern die planmäßige Freilegung und Erforschung einer antiken Bauanlage bildete. 1877 wurde Conze nach Berlin berufen, wo er zugleich tue Leitung der Skulpturabteilung deS Alten Museum? übernahm. Schon im folgenden Jahre setzte er die große Unter- nehmung sder pergamonischeu Ausgrabungen ins Werk; merkwürdig genug, daß der Plan hinter dem Rücken des Generaldirektors der preußischen Museen durchgeführt werden mutzte. Der glänzende Erfolg dieser Unternehmung, deren treibende Kraft immer Conze blieb, ist allgemein bekannt: auch lite- rarisch hat Conze über die von Human durchgeführten Aus- grabungen von Pergamon Bericht erstattet. Auch auf dem Gebiete der Limesforschung ist Conze dadurch in den Vordergrund ge- treten, daß er die Gründung einer Abteilung� des deutschen archäologischen Institutes für römisch- germanische Forschung hervorrief.______ VorwärtSBuchdrnckerei u.VerlagsanstaltPaul Singer«cCo..Berlin 81V.