Unterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 143. Dienstag, den 28. Juli. 1914 »si?us und Recht. Roman von Fred B. Hardt. In der offene» Tür? stand ei» Wärter und neben ihm ein Mann in atmiem Drillichanzua. der aus einem Blrlfteiiner nnt einer Schöpfkelle etmas in eine Blcchschüssel gob, die der Wärter ihm abnahm. „Wollen Sie die Mehlsuppe haben?" Dr. Werner sah den Man» verständnislos an— lnas Jvoßte der Mensch? „Na, da nicht!" und der Wärter schlua dröhnend die Türe zu. Mehlsuppe— Mehlsupp?— dachte Dr. Werner. Er schüttelte den Kopf. Es war ihm, als ob sein Schädel in etwas Schweres einge�vängt sei. Er wollte auswaän'n und griff mit den Armeil in die Luft, wie um sich an etwas fest- zuhalten. Doch die Erschöpfung drückte ihn in einen schveren stunlpfen Schlaf zurück, daß er eine Stunde später durch da3 Oeffnen der Türe nicht aufgeweckt wurde, bis der Oberauf- seher an seinein Bett stand und ein Wärter ein Brett auf den Stnhl stellte. da3 klirrte. „Guten Morgen, Herr Rechtsanwalt, Sie haben wenigstens geschlafen. Das war das beste, was sie tun konnten." „Ich babejjanz bleiern geschlafen." „Trinken Sie mal erst den Kaffee, dann wird e3 schon befser werden. Der Direktor hat die Selbstbeköstigung er- laubt, aber vergesse» Sie bitte nicht, noch schriftlich darum einzukomnren. E ist tvegen der Ordnung, sonst bleibt'S an mir hängen, denn ich habe dein Direktor gesagt. Sie hätten den Zettel schon ausgefüllt." „Ich danke Ihnen." „Wollen Sie den Barbier haben? Der kommt jeden Tag nack» elf Uhr." „Nein, danke, ich rasiere mich selbst." Der Oberaufseher schüttelte den Kopf.—„Das geht nicht, Herr Rechtsanwalt. Da« ist gegen die Hausordnung. Die Messer mußte ich cnis ihrem Besteck wegnehmen. Das ist nun nial so." Wegnehmen?— Hausordnung?— Er verstand. Er war Gefangener! „Daun möchte ich den Barbier jeden Tag haben." „Noch etwaS, Herr Rechtsanwalt?" „Nein, danke. Es muß auch so geheil." „Reckst so, Herr Rechtsanwalt. Nur nicht unterkriegen lassen. Ihr Essen bekomme» Sie um zwölf. Was getan werden ken an, der auf dem Korridor stand und einen Besen n,ld einen Wascheimer trug.—„Sie! hier— stellen Sie zwei Krüge Wasser hin." Der Mann folgte dein Befehl ohne ein Wort zu sagen und stellte einen großen Krug und eiiieu kleinen braunen, mit Wasser gestillt auf den Bode», ohne nach Dr. Werner zu sehen. „.Kehren Sie die Zelle gleich aus!" Der Mainl machte sich au die Arbeit. Aber Dr. Werner konnte die Gegenwart dieses Menschen nickst ertragen. Er schämte sich. „Vielleicht lassen Sie das hellte noch?" Der Oberaufsel>er verstand ihn. Er ging und winkte dein Manu ihm zu folgen. Dr. Werner trank schnell zwei Tassen voll dem heißen Kaffee, der in einer kleinen blauen Blechkanne anf dein Brett stand, deren Deckel mit einem Billdfaden an dem Henkel festgebunden ivar. Daneben lag eine gestrichene Semmel und drei Stückchen bröckeliger Zucker. Der Kaffeee war bitter, aber er erwärmte ihn und nahm den widrigen Geschmack ans dein Munde. Er biß gierig in daS Brötchen. Die Butter tvar ranzig und schineckt? nach Fett, doch er hatte fast vier- undzwanzig Stunden nichts gegessen. Er enipfaild ein heftiges Bedürfnis, sich zu säubern. Es ekelte ihn-vor sich selbst: seiil ganzer Körper tvar klebrig und er fröstelte. Er stand guf und bemerkte erst jetzt, daß er im Taghemd geschlafeil hatte. Die Manscktetten waren zerknittert nnd schmutzig. Ein widerlicher Schweißgeruch haftete an ihm. Er riß sich das Hemd nnd die feuchte Unterjacke vom Leibe und suchte nach seinen Waschsachen. Die sorglich? Frau Dietze hatte nichts vergessen und auch sei« Tub und Frottiertücher in eine zweite Tasckie gepackt. Umstäildlich breitete er die Gnmmiwanne auf dem Bode» aus und goß das kalte Wasser ein. Er»misch sich und trocknete sich mit den rauhen Tüchern ab, daß das Blut»ach der Haut drängte und sich sein gailzer Körper rötete. Dann wusch er sich noch den Kopf mit Eau de Chinin, das das Gefühl des Dunipfeit ihm nahm undi suchte frische Wäsche aus den» Schlafsack. Diese peinliche Sauberkeit ivar ihm von jeher Bedürfnis getvesen, hier aber im Gefängnis empfand er dabei noch einen heilvollen Gegen- satz zu der janmiervollen Beschränktheit. Daß er tvenigstenK dies tun konnte, däiichte ihm wie etwa« nnermeßlich Wertvolles. Mit einem seltsamen Sprung aus ganz fernen Er« innerns dachte er an Oskar Wilde und an das grauenhafte Bad, in das er als letzter nach sechs schmiltzigen Sträflingen l>atte steigen müssen. Er, der Leuchtende, der Raffinierteste. Wie barbarisch war man mit ihm umgegangen, um ihn langsam zu brechen und ans dem Strahlenden einen Krüppel zu machen. Dieser Gedanke erfüllte ihn mit Entsetzen, aber auch! mit neuer Kraft: er mußte sich tvehren. Wie er reinlich angekleidet ivar, suchte er aus der Hand- taschc seine Schreibmappe und Füllfederhalter. Beim Zu- schlagen des Bügels fielen seine Augen auf die farbigen Zettel, die anf den gelben Ledertasck>en aufgeklebt waren: Grand Hotel-Wien und Bristol-Berlin, danebeu ein kleines rotes Dreieck— Danielie Venize, und dann»och ein tveißer breite« Streifen, Angleterre— Kopenhagen—— und jetzt— Zell« Nr. 217!--- Er»vollte sich über das Gegenwärtige hinweg- setzen. Doch bei jeder Beiveguitg stieß er an etwas Neues, das ihn schmerzte und ihn zurückdrängte in die schmachvolle Engigkeit. � Er nahm seine Schreibmappe, setzte sich an den Hölzernest! Tisch und schrieb die Beschwerde gegen seine Verhaftung. Ev mußte alles Persönlick»?»veglassen, sich über seine eigene Er- bitterung erheben und tvie ein fernstehender Antvalt die Be- selrmerde sachlich begründen, und das fiel ihm schtver, deuu jeden Satz in dein Haftbefehl empfand er lvie eine Beleidi- gung. Er atmete auf, als er daS Schriftstück fertig gestellt hatte. Er las es durch und fand es klar und begründet. Dan» schrieb er»veiter: Instruktionen an seinen Bureauchef, eine Vollmacht für den vertretenden Assessor, eine Liste der» jenigen Akten, die man ihm schicken sollte, eine Auswahl voll Büchern und noch einiges, dessen er bedurfte. Und zwischen all diese wohlerwogenen Worte und fach« lichen Einzelheiten dräirgten sich»veinend>md jamniernd zwei Namen— Ursula und die Mutter, die ihn voller Angst und Sorge immer wieder zu sich ziehen wollten, die er aber mit zitternder Hand»och zurückdrängen mußte. Da wurde die Türe aufgerissen, und ein Wärter trat ei«r. Hinter ihm ein älterer Mann, der ein sch»varzes Ledertäschchew in.der Hand trug. Dr. Werner sah auf. Es war der Wärter, der mit dein Barbier die Runde! machte in den Zellen der Uutersuchungsgefangenen, die die Vergünstigung hatten, sich rasieren zu lassen. Den Wärter kannte er nicht. Da er sitzen blieb, sagte dieser barsch in der Türe stehe»»- bleibend: „Nun, ich denke, Sie»vollte» den Barbier? Wenu's Ihnen nickst paßt, dann lassen Sie's bleiben. Viel Zeit habe ich nicht"— nnd schickte sich an,»nieder ans der Zelle zu gehe». Dr. Werner stand ruhig auf, aber innerlich bebte er, und setzte sich auf de»» Schemel. Der Barbier machte seine Tasche auf und entnahm ein verbeultes Seifenbecken, au dem schmieriger Seifensckjaunr noch klebte. „Nehmen Sie nieine Sachens dort"— Dr. Werner»vieZ auf sein Rasierbesteck.—„Es ist alles darin, mir die Messest fehlen." Ohne eine AnWort zu geben, blickte sich der Mann und» nahm das Necessaire. Wie er das gutgearbeitete, rote Iuchtenb rhii aufknlvfte, lugte er verstohlen nach Dr. Werner hin. der sich ein sauberes Taschentuch in den Heindausschnitt steckte. Während der Mann einseifte und rasierte, blieb die Türe nach dem Gang offen: der Wärter ging aus dein Korridor auf und ab und klopfte taktmäßig mit dem Schlüssel auf das eiserne Gitter. Dann kam er in die Zelle zurück und stellte sich breit- beinig, die Hände auf dein Rücken, vor die beiden Ledertaschen, die er eingehend musterte. Der Barbier war fertig. „Danke"— sagte Dr. Werner, uud griff in die Hosen- tasck>e. um den Maiin zu bezahlen. Er preßte die Lippen auf- einander. Er hatte sich wieder gestoßen, das Geld hatte man ihm ja abgenommen... Der Barbier packte seine Ledertasche zusammen, und Dr. Werner wusch sich mit dein Schwamm das Gesicht ab. Ter Wärter drehte sich um. musterte die Zelle und sagte dann grob: .Das Bett soll um sieben Uhr fünfzehn zurecht gemacht ssein. Ick> werde das dem Oberaufseher melden." Und dann ging er sichtlich erfreut, jemandem weh getan zu haben. Dr. Werner hatte nicht geantwortet. Er trocknete sich das Gesicht ab.-- Ich bin ein Esel, dachte er, daß ich mich über so etwas kränke. UebrigenS wird der Mann recht haben! Und er machte sich daran, das Bett selbst in Ordnung zu bringen: er strich das zerknitterte grobe Bettlaken zurecht und klopfte das harte, mit Seegras gefüllte Kopfkissen, dann rollte er die dünne ausgewaschene Wolldecke zusammen und legte r' zu Ziißen des Bettes. Er goß die Gummiwanne auS in die Lbortröhre, die in der Ecke stand, legte feine Sachen zu- Hammen und die nassen Handtücher zum Trocknen über die Lehne des HolzstiihleS._(Forts, folgt.) Der Krieg. von Guy de Maupassant. Wenn ich nur an da» Wort Krieg denke, bäumt sich mein Fmurfic» ans. S« ist al» wenn man mir von einer Sache spräche, die unendlich abscheulich, ungeheuerlich gegen die Natur istl Spricht »an von Menschenfressern, dann lächeln wir mit einem Hochmut, in welchem sich unsere Ueberiegenheit über diese Wilden kundtut. Wer sind nun die„Wilden", die wirklichen Wilden't? Diejenigen, welche sich schlagen, um die Besiegten zu fressen, oder die sich schlagen, um zu töten, nur um zu töten? i Die armen Soldaten, die dort laufen, sind zum Tode beikiount, wre«in« Schafherde, die der Metzger auf die Straße treibt. Es wird ihnen auf freiem Feld der Kopf mit einem Säbelhieb ge- walten, oder die Brust von einer Kugel durchlöchert. Und da» find junge Männer, die arbeiten, erwerben und nützlich sein «nuten. Ihre Väter find alt und arm; ihre Mütter, die sie während zwanzig Iahren geliebt haben, angebetet wie Mütter an» beten, werden vielleicht in«inigen Monaten erfahren, daß ihr Sohn, ihr Kind, das große Kind, mit so viel Mühe, mit so viel Geld, mit so viel Liebe erzogen, wie ein krepierter Hund in«in Loch geworfen. nachdem er von einer Kugel zerrissen, zerschmettert und von Pserde- Hufen zu Brei getreten wurde. Warum hat man ihren Jungen getötet, ihren schönen Knaben, ihre einzige Hoffnung, ihren Stolz. ihr Leben?? Ja, warum? Der Krieg!!... sich schlagen!... erwürgen l... Menschen niedermetzeln!....... Und wir haben h«nt in unserer Zeit mit all unserer Zivili- sation, bei der Verbreitung der Wissenschast, der philosophischen Höhe,»na man glaubt auf der höchsten Stufe menschlicher Voll- kommenheit zu sein, Schulen, wo man das Töten lernt, auS sicherer Entfernung, ober vieke Menschen auf einmal, unschuldige arme Teufel mit Familie...... Und das Erstaunlichste dabei ist, daß das Volk sich nicht gegen diese RegierungSform erhebt, noch«rfiaun- licher, daß die menschliche Gesellschaft sich nicht gegen dieses eine Wort Krieg auflehnt. ?lch. mir leben noch immer unter dem Druck alter und wider- wärtiger Gebräuche, verbrecherischer Vorurteile, von wilden Vor- pelluugen unserer barbarischen Urväter. Wir sind nrxft Tiere und werden es bleiben solange der Instinkt herrscht und nichts geändert wird. Wir haben ihn ge'ehen, den Krieg! Wir haben gesehen, wie die Menschen wieder zum Vieh wurden, aus Vergnügen löteten, zur Pvahlerei. weil da? Recht nicht mehr besteht, daS Gesetz tot ist, der Begriff von Gerechtigkeit verschwindet, Haben wir sehen müssen, wie Unschuldige erschossen wurden bloß weil sie Angst hatten und sich dadurch verdächtig machten. Wir haben gesehen, wie ongetettete Hunde getötet wurden um neue Revolver zu probieren, wir haben auch gesehen, wie Kühe auf dem Uelde zum Vergnügen niedergeschossen wurden, ohne Ursache, nur Um zu lachen. Herr von Moltke hat eines Tages den Friedensdelcgicrten mit hiesen seltsamen Worten geantwortet:„Der Krieg ist heilig, eine göttliche Einrichtung. Er ist eine? der geheiligtsten Gesetze der Welt, er erweckt in den Menschen die größten und edelsten Entpsindungen, die Ehre, die Uneigennützigkest, die Tugend, den Mut, mit einem Wort verhindert er, daß Menschen in den scheußlichsten MaterialiS» muS ver sollen." Nun also: Eine Herde von vierhundcrttauseud Menschen zu- sammenziehen, Tag und Nacht ohne Ruhe marschieren, an nicht» denken, nichts lernen, nichts lesen, niemand nützlich sein im Schmutz verfaulen, im Kot liegen, wie das Vieh in einer anhalten- den Stumpfsinnigkeit dahinleben, Städte plündern. Dörfer ver- brennen, Völker ruinieren. Und dann in die andere Anhäufung menschlichen Fleische? blind dreinschlagen, Meere von Blut ent- stehen lassen. Felder gehackten Fleisches.gemischt mit totiger, blut- geröteter Erde einen Haufen Kadaver, abgerissener Arme und Beine, zerquetschter Gehirn«, und dann an einer Ecke verrecken. währenddessen sterben zu HauS die alten Eltern, Frau und Kinder vor Hunger, das also heißt......„nicht in den gräßlichsten Materialismus verfallen"!! Die KriegSmänner find die Geißel und Plage der Welt. Wir kämpfen gegen die Natur, die Umvissenhest, gegen olle möglichen Hindernisse, um die Menschheit in eiu weniger elende« Leben zurückzuführen. Menschen, Wohltäter, Gelehrte widmen ihr Dasein der Arbeit, suchen ihren Mitmenschen zu helfen, sie zu unterstützen. Sie sind begierig an der Arbeit, Entdeckungen dienstbar zu machen, den menschlichen Geist zu vergrößern, da» Wissen auszubreiten,'jeden Tag der Intelligenz neu« Summen Wissen gebend. Jeden Tag geben sie ihrem Baterland« Vorteile, Wohlhabenheit und Kraft. Sollt« der Krieg kommen, so vernichtet er in einigen Monate». was zwanzig Jähre Anstrengung, Geduld und Genie gesthaffe» haben. Und das heißt:„Nicht in den gräßlichsten Materialismus»er» falten"! I!(Uebersetzt von L. Link-Lanquetin.l Wider den Krieg. Wer Menschenblut vergießt, des Blut soll(anchs dnrck, Menschen vergossen werden; denn nach feinem Bild« hat Gott den Mensche« gemacht Mose« S.». * „Warum tötest du mich?".Nun wa«? Wohnst du nicht jenseits des Wassers? Mein Freund, wenn du diesieit« wohntest, so wäre ich ein Mörder, es würde unrecht sei», dich zu töten; aber da du jenfeit« wohnfl. so bin ich«in Tapferer, und e« ist gerecht. Po Seal, Gedanken. » Laß« Naliouen wie Jndividueu sich nur rinander tennen. und der gegenseitige Haß wird sich in gegenseitig« Hilieleiftung ver- wandeln, und anstatt natürlicher Feinde, wie beiiachboit« Länder zuweilen genannt sind, werden wir alle natürliche Freunde sei«. Goeihe, Brief an CarUste. Nun spricht d« moralisch-praktische Vernuns» in uns ihr unwiderrufliche« Beto au«: e« soll kein Krieg fein; weder der. welcher zwischen mir und dir im Naturzustande, noch zwischen uns als Staaten, die. ob zwar innerlich im gesetzlichen, doch äußerlich tun Verhältnis gegen einander) im gefetzlosen Zustande find; den» das ist nicht die Art, wie jedermann sei» Recht suchen soll. Also ist nicht mehr die Frage, ob der ewige Fried« ein Ding oder Unding sei. und ob wir uns nicht in unserem theoretischen Urteil« be- trüge», wenn wir daS erster« annehmen, sonder» wir müssen so bandeln, al« ob da« Ding sei. Wae vielleicht nicht ist. auf Begründung desselben und diejenige Konstitution, die uns dazu die tauglichste scheint, vielleicht den RcpublikaniSmu» aller Staaten samt und sonder»), hinwirken, um ihn herbeizuführen und dem heillosen Kriegführen, worauf, al« den Hauptzweck, bisher alle Staaten ohne Ausnahme ihre mneren Anstalten gerichtet habe», ein Ende zu machen. Und wenn da« letztere, was die. Vollendung dieser Absicht betrifft, auch immer ein sronuner Wunsch bliebe, so beirügen wir uns doch gewiß nicht mit der Anilahine der Maxime, dahin unobläsfig zu wirken; denn diese ist Pflicht; daS moralische Gesetz aber in uns selbst für betrüglich anzunehmen, würde den Abscheu erregenden Wunsch hervorbringen, lieber aller Vernunft zu entbehren und sich, seinen Grundsätzen nach, mit den übrigen Tier» klaffen in einem gleichen Mechanismus der Rawr geworfen an» zusehen. Immanuel Kant, Metaphysik der Sitten. * DaS Sonderbarste bei diesen Unternehmungen ist, daß jeder Kriegsherr seine Fahnen segnen läßt und Gott feierlich anruft, bevor er auszieht. Hat er nun da« Glück, in einem Gefecht zu siegen, wobei zwei- bis dreitausend Menschen fallen, so ist da» nicht des DankeS wert: bat er aber eine Schlacht gewonnen, wobei etwa zehntausend Menschen durch Feuer und Schwert umgekommen sind, oder ist«S ihm gar gelungen, eine befestigte Stadt in Grund und Boden zu zerstören, dann wird ein Choral gesungen.... Ueberall besoldet man eine Anzahl Festredner, um diese Schlacht« tage zu seiern. Sie halten schwülstige Reden, und wenn sie von einem Kampfe in der Wetterau sprechen, zitieren sie womöglich da«, wa« sich vor Festen i» Palästina begeben hat.... ö Ii Iii.§ Ii.Ii laHii » S c- c � W— ä SJ tz C. 'S i.2:3®° et ilO-Ä»'S 3» —«'�awoja-�rrc-fö1-� i3-ZT a;�r w a — 571 ÜHtec fünftausend oder sech» taufend Rede» dieser Art gibt«» drei oder höchsten« vier von einem Franzosen, namen» Massiton. die zesckmalivoll abgesaht sind,«der darunter ist leiae einzige, in der e« der Redner gewagt hätte, gegen den Krieg zu tpr«a»en. dies« Landplage und diese« Bervrechen. worin oll« Landplagen und alle Verbrechen enthalten find. Jen« araiseligen Schwätzer predigen odne Unterlaß gegen die Lied«, die der einzig» Trost de« Menschengeichlecht« und da» einzig« Mittel zu seiner Er» Haltung ist, und sprechen gar nicht von den ichrecklichen Voikeorungen. die zu seiner Vernichtung getroffen werden. Du hast eine recht mittelmäßige Rede über die Unleuschbeit ge- holten, o Bourdaloue! Aber tcine über diese mannigfachen Wreuel» taren. diese Eroberungen, diese Raubzüge, dies« allgemririe Rmeiei. w te die Well verwüstet. Älle verriniglen Laster aller Seiten und aller Länder werden niemals dem Unheil gleichkommen, da« ein »mziyer Krieg verursacht. Ihr jämmerlichen Keelenörzt« schreit fünf Viertelstunden lang über«in paar Nadelstiche und redet kein Wort von einem Uebel, da« uns in tausend Stiieke zerreist I Verbrennt eure Bücher, ihr Moratphilosophen I Solange au« nichtigen«runden Toule» de unserer Minnenschen geopfert werden können, find olle Heldentaten ennaS Entsetzliche«. Wo bleiben und wak nützen mir Wodliältgkeit, ve» icheidetiheil, Mäßigkeit, Sanftmut. Weisheit und ftzrämmigkeN. toenn »in halbe« Pfund Blei, au« iechShunderr Schritt Entfernung ab» geichofieir. meinen Körper zmeißt, und ich im«lier von zwanzig Jahre,» unter unsäglichen Qualen sterben muß. inmitten non süni- bi« sechstausend anderer Sterbenden, während mein« Eugen sich zum letzte« Male öffnen, nm mein« Baterstadt von sftner und Eckweri zerstört zu sehen, und meine Obre» al« letzten Ton da« «»schrei der Weiber und Kinder vernehmen, die unter den Triimmern umkommen— und da« alle« wegen der angeblichen Recht« eine« Menschen, de» wir gar nicht kennen? Voltaire. Oictionmür» philooophiqua. Schon Mose« hat in seinen Geboten, bie der Menschheit vor MOO Jahren gegeben wurden, da« Gebot aufgestellt: Du sollst nicht töten. Dasselbe predigten alle Propheten. daStelbe verkündigte» auch die Weisen und Lehrer der ganzen Welt, do«>elbe predigte auch Ehristu«. indem er den Renschen nicht nur den Mord verbot, fondern auch alle«, wa« zu ihm führen kann: Zorn»nd Wut gegen den Nächsten-, und dasselbe ist auch jedem Menschen so deutlich in« Herz geschrieben, daß kein Verbrechen dem ganzen Wesen«ine» nicht ver« »orfenen Menschen verabscheuungSwürdiger ericheint, al» der Mord eine« Wesen« seinesgleichen— eine« Menschen. Und nun. obgleich diese» Gesetz Gottes so tlar»stenbarl ist durch Mose«, die Propheten und Ehristu«, und so unauslöschbar m unser Herz»'ngeschreben steht, daß an seiner verbindlich» fett für un? kein Zweifel sein kann, wird doch diese« Gesetz nicht nur in nnserer Welt nicht anerkannt, i»»dern e» wird iogar auch ein diesem vollkommen widersprechende« Geietz anerkannt, «in Gesetz, da« jeden Menschen unserer Zeit verpflichtet, in den Kriegsdienst zu treten, d. h. in die Reihen der Mörder rinzuftrten, sich durch Eidschwur zum Mord zu verpflichten, die Kunst zu morden zu lernen und auch wirklich seinesgleichen zu töten, wenn du» von ihm verlangt wird. In den heidnischen Zeiten wurde den Christen befohlen, mit Worten Gott und Ehrrstu« zu entsagen und zum Zeichen dieser Sbsag« den heidnischen Göltern Opfer zu bringen. Jetzt, in unserer Zeit, wird den Christen auch besohlen, fich von Gott und Ehristu« loszusagen, aber nicht mehr dadurch, daß sie den heidnischen Göttern opfern fdenn man könnte ihnen opfern und dennoch im Herzen Christ bleiben), sondern durch die VerÜbung eine« Christus und Gott im höchsten Grad« wider» sprechenden und von Gott und Christus verbotenen Verbrechen«: sich durch Eid zum Morde bereit zu erklären, sich zum Mord« vor» zubereiten und sehr oft auch wirklich zu morden. Dieser ununterbrochene Strom unglücklicher, betrogener russischer Bauern, die man nach dem fernen Osten bringt, diese „nur" siinszigtausend lebenden Russen, die Nikolai Romanow und Älexei jkuropalkin, zu töten beschlossen haben und töten werden, um die Dummheiten. Räubereien und allerlei Scheufäligkeiten zu schützen, die in China und Korea unsittliche, ehrgeizige Menschen angerichtet haben l Menschen, die jetzt ruhig in ihren Palästen fitzen und neuen Ruhm, neue Vorteile und neuen Profit und von der Tötung dieser sünfziglausend ganz unschuldigen, durch ihre Leiden und ihren Tod nicht da« geringste gewinnenden, betrogenen russischen Arbeiter erwarten... Gelehrte Juristen, die Herren Murawiew und Marten«, suchen scharfsinnig zu beweisen, daß zwischen dem Ruf zum Weltfrieden und dem Beginn eines Kriege«, der fremde Länder erobern soll, ein Widerspruch nickt finden ist. Und die Diplomaten drucken und versenden«n der Kultursprache Frankreichs Rund» schreiben, in denen haarscharf nachgewiesen wird, daß die russische Regierung, nachdem fie alle Versuche gemacht hat, die friedlichen Beziehungen aufrechtzuerhalten(Ve Wirklichkeit waren es Versuch«, die anderen Staaten zu betrügen), sich genötigt sieht, das einzige Mittel zu einer vernünftigen Losung de? Problems zu rüsten: den Menschenmord. Dasselbe schreiben, drucken, versenden die japanischen Diplomaten. Gelehrte, Historlker, Philosophen vergleichen die Gegenwart mit der Vergangenheit, ziehen aus der Parallele die tieffiimigsten Schlüsse und sprechen lang und breit von den Besetzen der Völkerentwickelung. von dem Verhältnis der gelben zur weißet» Rasie. de» Buddtnsinu« zum Christent im und rechliertigen mit solche» Schlüssen und Betrachtungen, den Totschlag, den die Christen an de» Menschen gelber Rafi« verüben. Tolstoi. Mamiest gegen den russisch-japanischen Krieg, Sommer 1004. Do« verbrechen ist niemals schön, die Menlchenschlächterei bietet einen nicht weniger finsteren Anblick wie da? Ver- brrchen. Die Anhänger de« Kriege« finden ibn malerisch und de- wuudern da« hormonische Fortichrerten einer Armee unter de» Strahlen der Sonn«: sie find auch geblendet von der erhabenen Unortnung des bunten Gemische«. Ii» ga>l,en entdecken fie leicht die glänzende Wirkung de« Lichre«, die Jironie purpurnen Blute«. die dramatisch wirkend« Mass« der menlchl-chen Körper, da« Ganze von einer schwülstigen Po. fie übergössen, die dte Gestaltungskraft de» Küustker« eitiflomini und ihn zu üppigen Bildern begeistert. Wir wollen das zugeben, aber unter der verführerischen äußeren Eticheinung muß man auch die ttaurige Wahrheit sehen. Rur an der Oberfläche ist der Krieg schön, lüftet man ober den glänzenden Schleier, der ihn bedeckt, io veiflüchttgl sich all- Poesie. Man sieht dann an Stelle der glänzeuten Armee rme bestiaU'che Horde und die Tapferlrit de« Soldaten ist wilde Trunkenheit: unter den tapfer gejührlen Streichen sieht man die Trauer einer Mutler oder eine« Kinde«, unter der Uniform die blutende Rttve. unter dem glänzenden Stadl rai-nve» Leid, und statt de« Ruhme« fleht man da» Kranleiibau«. Eigentümliche Schönheit!-kfti allen Dingen muß man doch da« Ende betrachte», und da» Ende de» Krieges ist durchaus nicht eine glänzende Heerschau, sondern eine Schlacht, und die Schrecke» de» Morde» bilden den Schlug.»Soldaten J* verkündete Napoleon nach Friedtand,.in zehn Kr'egsragen haben wir 120 Kanonen genomine» und 60000 Rüsten getötet, ver» mundet oder zu«efongenen gemocht.... Mit Lorbeeren beladen� kehrt ibr nach Frankreich zurück).. Da» beißt soviel, al«: .Wir sind zehn Tag« haßersüllt gewesen, wir haben 120 Mordinstlumente gestob len. die Arme und Beine vieler armen Fran- zoken zettrümmeri haben; wir haben Trauer, sö-perlicken Schmerz und moralische Qualen über 80 000 Männer autgegofien. die keiner von un« pebaßt bat. weit wir fie nie geiehen haben, und wir habe» auf diese Weiir heldenmütig QO-JOO Familien m« Unglück gestürzt. Darmn, ihr Soldaten, werdet ihr. mit Lorbeereo bed'-ckt, in Frankreich einziehen, oder, um mich richtig auszudrücken, ihr werdet meinem T'iumphzug« al« Gefolg« dienen am Tage der Heimkehr. an dem ich eure blutige Lorbeereo nur als Krone auffetze, denn ich bin Napoleon I" Diese« Ist dl« Wahrheit: die ist abscheulich. Michel Revon. Di« Phitosopdie de« Kriege«. f\n der serbischen Donau. Dort wo jetzt de« Kriege« Stürme entfesselt find, fingt schon i«» FriedenSzenen seine wilde Romantik ihr schaurig melancholische« Lied. Uralter, blutgetränkter Boden ist e«. durch den die Dono» ihr« Wasser hinrollt. Zum Schwarzen Meer«, seifiger Grund, auf dem die Zeugen der Baltangeschicht« fich emporreck»», beginnend mir der Römer Zeiten. In d>« herrliche, zerklüftete Schönheit der Ufer- landschaften mischen fich so grandiose historische Reminiszenzen, und die packendsten unter ihnen find bie allenthalben fichtboren Spure» de« erbitterten, Jahrhunderte währenden Ringen« zwischen Kreuz und Halbmond. Einer der besten Kenner de« Balkan«, der öfter- reichliche General Anton T»ma, hat darum wohl recht, wenn er schreibt:.Dir serbische Strecke de« Donanstrome« steht in ganz Europa einzig da.� In mächtiger Breite strömt die Donau dahin, wie geschaffen zu einem Schiffahrt«- und Ha»d«l«wege. Und doch bat e« bi« in die jüngste Zeit gedauert, ehe sie auch hier zum Strome de« Verkehr« wurde, ehe Reisend« und Frachtgüter hinauf und hinab ihre Flute» bevölkerten. Wenn man heute die Donau geiade an dieser Strecke befährt, will e« einem sonderlich erslbemen, daß hier noch vor knapp 20 Jahren Oede und einsame Stille herrschte. Ihre Fluten hatten damals kaum mehr als schwimmende Mühlen zu treiben. Und wo» her kam das? Die Donau strömt ja dem Schwarzen Meere z», geht also durch Länder, auf denen der Fluch des türkischen Regime» gelastet hat. Durch Sprengungen hat man die seifigen Schiffahrt«- hindeniisse heute zum größten Teil beseitigt und von den Gefahren, die den Schiffer einsten« hier auf seinem Wege bedrohten, erzählen nur noch wenige Stellen. Eine Fahrt die Donau abwärts von Belgrad mag un« durch die Stätten ketten, in denen jetzt der Krieg drohend einzieht. Fast IllOOMeier breit ist die Donau bei Belgrad an der Mündung der Save. Stampfend bahnt fich da« Dampfboot seinen Weg und die Türme der serbischen Hauptstadt schwinden Himer uns in der Ferne. An Bord das völkergemisch des Orients. Dazwischen veremzekt- europäische Reisende, die sich aaS Angst vor den bekannten kleinen Tierchen von den Einheimischen in wohlberechnetem Abstände halten. Nach etwa zweistündiger Fahrt tauchen zu Füßen von Rebenhügelu die malerischen Türme vou Smederevo(Semendria) auf, einst uMcr dem Despoten vrankowitsch von 1430 bis 14SS die Hauptstadt Serbiens. Türken und Christen haben fich in wechselndem Kriegs« glück an seinen Mauern die Köpfe eingerannt.>1« die Serben 181» da» türkische Joch abzuschütteln suchten, stürmten ste Smederevo unter surchtbare» Verlusten. Doch blrtd schon zogen die Truppen de» Vadtschah»»vieder siegreich ein, und bist»«? bat hier der Halbmond geflattert. Ruinen zengen von der einstigen Zeit. Dann bringt rechts die Morava au» den serbischen Bergen ihre Wasser herbei. Dnbravica, der LandungSplah von Poscharevah taucht auf. da» durch den im Jahre t7lS abgeschlossenen Frieden zwischen «aiser Karl VI. und der Pforte weltberühmt geworden ist. In deutschen Geschichtswerken allerdings wird dieser Friede hartnäckig der.Passaroviber* genannt. Auf felsiger Landzunge taucht die Ruine de» serbischen Schlosse» Rain auf. Hier war eS, wo sich im Jahre 1768 der österreichische Befehlshaber Baron Lopresti. von den Türken belagert, mit den Seinen unter de» brennenden Trümmern der Beste begrub. Di« grotze Insel Moldova erscheint, an deren fttde mitten in der Donau der berühmte Babokoj.«in aufr-cht stehender, steiler Felsen, emporragt. Eine schaurige Sage erzählt, wie er zu seinem Namen gekommen ist. Ei» Magyar entführte die Frau eines Tücken. Dieser setzte ihm nach und holte die Flüchtigen am Donauufer ein. Der beleidigte Gatte schlug dem Entführer das Haupt ab, band e« der ungetreuen Gattin um den Hal» und setzte sie selbst auf jenem Felsen au».„Babo kaj sei"(Weib bereu« I) rief er au», als er mit dem Boote abstieg, und seitber heitzt der Felsen Babokai. E« ist unmöglich, alle die Ruinen auszuzählen, die wie«in Spalier die User einsäumen. Die Krone unter ihnen ist Eolubac. Prächtig erhalten recken sich die acht dicken, durch Mauern miteinander verbundenen Türme stufenweise übereinander empor: der oberste— der Hntturm— als Krone. Ein alte» Bollwerk, zur Zeit de» große» Serbenreiche» eine wichtige, die Donau sperrende Beste! Später setzten sich die Türken hier fest, behaupteten sich hartnäckig gegen alle Angriffe und unternahmen von hier au» ihre Strcifzüge. Als Max Emanuel von Bayern Serbien eroberte, fiel auch Colubac, und seither blieb die Beste verödet, nur von Zeit zu Zeit Banditen al« Nuterschlupf dienend. Unterhalb Eolubac beginnen die Katarakte und andere» Schiffahrtshindernisse. die noch heute bei niedrigem Wasserstand die freie Schiffahrt erschweren, «veShalb der Steuermann sein Fahrzeug vorsichtig durch die Wellen leitet. Da sind die Stenka-Stromschnellen, die Felsbänke von Kozla, dann die .Büffelgriippk', so genannt, weil die bei niedrigem Wasserstande über die Wasierfläch« ragenden Steine den Köpfen einer über den Fluß schwinimenden Büstelherde gleichen. Immer steiler und romantischer türmen sich die beiden User. Bald schweift der Blick über die herrlichen Höhen, bald über die gesährlich-schöneir Strom- schnellen. Jetzt taucht da» kleine.Eiserne Tor' auf. dräuende Riffe, über die da» Schiff felbst bei höherem Wasserstande nur mit äußerster Borficht gebracht werden kann. Unheimlich schnell schießen die Wasser über die Felsen hinweg. Schwankend gleitet das Schiff über die Wirbel. Di« Brandungen brüllen dem Reisenden in die Ohren. Recht« und link» recken sich jäh 4 bis 800 Meter hohe Felswände auf. mit prächtigem Waldkleid, nur hier»nd da durch nackte Flecke unterbrochen. Ein unvergleichliche« Schauspiel. Wir sind an der berüchtigten Großen Enge, durch die der Strom mit fürchterlicher Schnelle hindurchschießt. Seine Breite beträgt hier nicht viel mehr al»»00 Meter, und da» Toben der Wirbel und Schnellen wirkt fast beängstigend. Und dann breitet fich die Donau plötzlich zu einem ungeheuer anmutendem See um niehr al« da» Siebensach« ihrer vorherige» Fläche. Darin, am serbischen Ufer entlang, die Insel Poretz. Zu Beginn de» vorigen Jahrhundert» die stärkste serbische Donaufestung, ist sie heute fast ohne Bedeutung. Die.untere Enge', der.Donja Klisura', wie sie auf serbisch heißt, der großartigste Teil de» ganze« Donaulauf», kündet sich. In der Ferne ragen hohe düstere Felsenmauern: die Pforte zum Kazan-Pciß. deutsch Kesselpaß. Man scheint am End« der Welt. Hört die Donau auf? Nirgend» ist ein Abflnß zu sehen, so dicht rücke» die Felsen zusammen. Ein wahrer Höllenkeffel! Auf 16ö Meter verengt sich der Strom bei 60 Meter Tiefe, und die zusammen- gepreßten Fluten stürzen tosend mit rasender Schnelligkeit über die Riffe, durch die Felswände, die kerzengrade aus dem Wasser aus- steigen. Man wähnt fich in einem norwegischen Fjord. Auf der österreichischen Seile zwingt den Reisenden die gigantische Szechenyi- straße in den Bann, die in den Jahren 1337 bis 1840 auf Be- treiben de» Grafen Szechenyi erbaut wurde, lieber Viadukte, durch vielbogige Felsgalerien, unter senkrecht überhängenden Fettriffen ,m mannigfaltigsten Wechsel weggehend, zeigt sie bei jeder Krümmung des Fluste» neue großartig« malerische Bilder. Am serbischen Ufer aber zieht sich die alte Römerstraße, die vor dem gigantischen Geschlecht der Lateiner Ehrfurcht abringt. Denn ohne die Errungenschaften der modernen Technik, ohne Pulver und Maschimn schüfe, r sie eine verblüffend vollendete Kunststrahe. legten über den brausenden Strom ein« stundenlang sich hinziehend« hölzern« Beranda. deren Stützen sie in den Fel» trieb««. In dem Gestein gähnen tunnelartig« Höhlen, deren berühmteste die Beteranihöhle ist. jene Höhle, in der sich der General Beterani in, Jahre l69Z mit einem halben Tausend von Mannen verteidigte, bi» er nach 4ölägiger Belagerung ausgehungert, sich einen ehrenvollen Abzug erzwang. Mählich weitet sich die Donau zc' einen, prächtigen Alpensee, engt sich dam, wieder,«nd gerade am Ausgang de» Donja Klisura hinter einer Krümmung erscheint plötzlich rechts im Felsen die berühmte TrajanStafel, die römische Legionäre ihrem Kaiser gesetzt. Der Zahn der Zeit hat sie hart mitgenommen. Orsova naht, ein Handels- Mittelpunkt und Hanptort der Donaubampfschiffahrt. und bald nach- dem wir e» verlassen, taucht am Ende einer Allee die ungarisch« Kronkapelle auf, wo Kossuth 1840 die StephanSkrone vergrub, bevor er auf türkische« Gebiet floh. An der erst kürzlich von der Donau- Monarchie annektierten bekannten Insel.Ada Kaleh', der Festung«- insel, vorbei, die seit 1878 sozusagen herrenlose» Gnt war, geht e» nun hinein in das eigentliche.Eiserne Tor', seit alter» hochberühmt, und damit wird die Donaumonarchie durch Rumänien al« Grenz« »achbar Serbien» abgelöst. Kleines Zeuilleton. Au» der Naturgeschichte der Trephäe». Unsere Nimrode lieben es, i'hre Wohnräume mit Hirsch- und Rehgeweihen womöglich samt den dazugehörigen Köpfen auszuschmücken. Frägt man solch eine» sammelfreudigen Hixbertusjungur nach dem Ztveck seiner Schaustellung, so wird er sie natürlich für liebe Andenken an seine Erlebnisse ausgeben. In der Tat scheint nicht» natürlicher zu sei«, al» daß man sich solch« Andenken sammelt, um die Erinnerung an manch aufregende Stunde seine» Biagerle-benS I vachzuhalten. Wer aber den Dingen etwa» mehr auf den Gruich geht, wird sich sagen müssen, daß es de», Sammler wohl mehr darum zu tun«st. sie gelegentlich als Beweise seiner Geschicklichkeit und Unerschrocken» heit vorzeigen zu können und sich so das Ansehen eines mutigen Mannes zu geben, mit dem nicht zu spaße» ist. Zu diesem Resultat kommt auch Herbert Spencer, al» er sich niit der Frage beschäftigte, wie wohl die Sitte, Trophäen aus tierischen Körperteilen aufzuhängen, entstanden ist. Er meint, daß diese Liebhaberei«in Uebevbleibsel aus den Zeiten der Bar- barei ist und belegt diese Behauptung mit einer Menge so inter- cssanter ethnologischer und geschichtlicher Tatsachen, daß sie wohl für all«.Jäger und Nichtjäger' eine Minute der Aufmerksamkeit verdienen. Bei den Naturvölkern haben all« aus dem Kanrpf mit der feindlichen Tierwelt stammenden Trophäen eine hervorragende Bedeutung als Mittel, dem Besitzer Ansehen und Einfluß unter seinen StammeSgeuoffen zu verschaffe». So verleiht bei den Schoschonen in Nordamerika die Erlegung des Grizzlibären An- spruch auf hohe Ehre. Der glückliche Jäger darf die Füße und Klauen des erlegten Tieres als Trophäen an seinem Körper tragen. Vom„Könige" der KoossaS lese» wir. daß seine Behausung fich von der seiner Untertanen nur durch einen von der Spitz« de» Daches herabhängenden Schtvanz eines Löwen oder PanterS unterscheidet. Dieses Symbol der KönigSwürde war ofseiübar ur- sprünglich ein« Trophäe, mit der sich einmal der Häuptling schmückte, der durch seine„Tapferkeit" die Oberherrschaft gewomien hatte. Noch viel höheren Wert aber haben bei den Naturvölkern Trophäen, welch« als Betveise für den Sieg über meirschliche Feinde gelten. Der Besitz solcher Trophäen erhöht dadurch seinen Rang und seinen Einfluß unter den Stammesgenossen»nd das Tragen» Aiifbangen und Aufstellen solcher Siegeszeichen wird dann zur «itte. Bor allem aber sind es die Köpfe der erschlagenen Feinde, die als Trophäen aus der Schlacht mitgenommen werden. Auch da« ..heilige Buch' der Europäer beugt sich dieser Sitte. In der Bibel (Richter 7LS) wird erzählt. Wie die Schädel der erwürgten Midi- aniterfürfte» Oreb und Sei» über den Jordan zu Gideon gebracht wurden, und auch die Enthauptung des Goliath durch David ge- hört in die gleiche Kategorie. Neberhaupt ist bei den Bölkern auf niedriger Kulturstufe das Abschlagen der Köpfe gefallener oder gefangener Feind« etwas gewöhnliches. So war das Schlafgemach des ehemaligen Königs Dahoiny mit den Schädeln von Fürsten »nd Häuptlingen der umliegenden Länder gepflastert. Timuc Lenk-Tamerlan trieb im Jahr« 1401 von Bagdad 90000 Köpfe al» Steicer ein und bei den Persern»ich Türkei, herrschte der Brauch, die Köpfe erschlagener Feinde mitzunehmen, noch bis in die neueste Zeit. Da der Kopf de» erschlagenen Feindes für den Trm, Sport natürlich unbequem wurde, iiahmen nun verschiedene Völker nur die Kinnladen al» Trophäen mit nach Hause. So die Tahiter zur Zeit der Entdeckung der Insel und viele ander« Naturvölker. Wo jedoch zu viele Feinde erschlagen wurden, boten wieder die Ohren ein noch bequemeres Mitte! zur Zichlung und zu», Transport. So füllte Dschingi« Khan seiner Zeit i» Polen neun Säcke mit den rechten Ohren der Erschlagenen. Auch Nasen wurden als leicht zu zählende Trophäen beliebt. Und das reichte tief in» christliche Mittelalter. Noch Konstantin V.(geboren 719) hatte eine Schüffel voll Nase» als erfreuliche Gabe entgegeirgecwuimen. In Monte« negro und bei den Albanesen War sogar bis in die neueste Zeit das Abschneiden der Nasen der gefallenen Türk«,, üblich. Nach der Zahl der dem Anführer übergebe»?,, Rasen wurden dann die Ulitergebenen bezahlt. Es gebt also eine ununterbrochene Kette von den Urzeiten bis zur Gegeuivart. Bo» der Barbarei zu einer Zivilisation, die gedankenlos»och immer inancheS als Sitte wiederholt, wofür sie sich schönstens bedanken würde, wäre shr der tiefere Sinn ihres Tuns stets gewärtig. Berantwortl. Redakteur: Albert Wach», Berlin.— Druck u. Verlag: BorwärtSBuchdruckerei u.VerIag«anstaltPa»lSii,gerLcEo.,B«rlinS1>V.