Unterhaltungsblatt öes Vorwärts Nr. 151. Freitag, den 7. August. 1914 431?us und Recht. Roman von Fred B. Hardt. Der Untersuchungsrichter sah ihn fragend an. „Ich weiß, daß Felix Blinker seiner Mutter fast jede Woche schreibt, und es ist wahrscheinlich, daß sie die Briefe aufhebt.-- Er schloß einen Augenblick die Augen, vor denen seine alte Mutter auftauchte, die in zärtlicher Liebe seine Briefe ordnete und bewahrte.-- Felix Blinker konnte sich denken, daß eine Vernehmung seiner Mutter von hieraus beantragt werden würde. Er weiß auch, worauf es ankommt, um eine Verurteilung wegen Betrug und Erpressung durch- zusetzen. Ich bin überzeugt, daß er seine Mutter genau in- struiert hat, wie sie aussagen soll. Und das werden wir in den beschlagnahmten Briefen finden." Der Untersuchungsrichter hörte aufmerksam zu, schüttelte aber zweifelnd den Kopf. „Doch, Herr Landgerichtsrat, glauben Sie mir. Ich er- kenne in der letzten Vernehmung der Mutter genau die Be- cinflussung durch den Sohn. Ich bitte Sie, meinem Antrage stattzugeben." „Wenn Sie sich etwas davon versprechen, gern." Bei diesen Worten schoß Dr. Werner der Gedanke durch den Kopf, wenn der Sohn die Mutter angewiesen habe, die Briefe sofort zu verenichten— was dann? Wie konnte er dann in den Aussagen der Frau die Beeinflussung durch den Sohn nachweisen? Doch daran hatte Felix Blinker nicht gedacht. Als nach ungefähr einer Woche der Untersuchungsrichter Dr. Werner rufen ließ, kam er ihm einige Scl, ritte im Zimmer entgegen: „Das war ein glücklicher Gedanke von Ihnen, Herr Rechtsanwalt, und wir haben einen guten Fang gemacht. Hier sind die Kollusionsbriefe." Er trat an den Schreibtisch zurück und schob Dr. Werner ein Päckchen Briefe zu. Mit Ungeduld nahm Dr. Werner den ersten auf und überflog ihn, dann die nächsten— alle sieben Briefe. Er atmete tief auf, er war gerettet! Jetzt lag alles klar zutage: Felix Blinker hatte bis in die kleinsten Umstände seine Muiter instruiert, wie sie aussagen sollte. Er hatte an alles gedacht, nichts übersehen. Meisterhaft war diese Regie und schanilos hatte er die Liebe der Mutter ausgenutzt, und das unklare Erinnern der alten Frau fast unmerklich in vernichtend klare Bahnen gebracht. Er legte ihr die Worte so geschickt zurecht, daß in den Protokollen bisweilen sogar eine wörtliche Ueber- einstimmung zwischen Brief und Aussage nachgewiesen werden konnte. Alle Gefühle der Mutter ließ er aufflammen; den Haß gegen diesen Schuft, der erst ihn, den armen abgehetzten Sohn, angeschuldigt und ins-Gefängnis gebracht hatte, um so freie Hand zu bekommen, sie unc ihr Geld zu bringen. Der erste Brief enthielt nur Vorwürfe über die Hergabe des Schuldtitels.— ,Wie konntest Du nur, ohne mich zu fragen, 23 000 Mark hergeben.'— Die Mutter mußte mürbe geniacht werden. 23 000 Mark: Was mußte dies bcdeuten, für sie, die nichts besaß! Im zweiten Brief, ein Trost, ein Hoffnungs- schimmer.—.Wenn Dr. Werner verurteilt wird, bekommst Du Dein Geld wieder. Ich hoffe es sehnlichst, denn wir sind zu arm, um einen kostspieligen Prozeß durchzuführen, und ich fürchte, ich werde nicht wieder Gelegenheit finden. Dich für die Zukunft sicherzustellen.'— Die Mutter mochte wohl 'geantwortet haben, daß es ihr unangenehm sei, vor Gericht zu erscheinen, daß sie sich auch nicht jedes Wortes der Unter- redung erinnere, denn der dritte Brief enthielt die Stelle: — Lsch kann auch verstehen, daß es Dir, als alten, vornehmen Frau unangenehm ist, als Zeugen aufzutreten, das kann ich Dir aber nicht ersparen.'— llnd der Erinnerung half der für- sorgliche Sohn trefflich nach.—.Besinne Dich nur darauf, was Du mir damals in Montreux erzählt hast, als Dir alles noch in frischer Erinnerung war. Du sagtest mir damals'— und nun folgte eine äußerst geschickte Rekonstruktion einer ver- meintlichen damaligen Darstellung, und da dieselben Worte aus dem Gespräch angeführt waren, mochte sie vielleicht der Siebzigjährigen als ihre eigene Darstellung erschienen sein. Nach dem Datum dieses Briefes mußte er schon vor der ersten Vernehmung in Montreux eingetroffen sein, in der die Mutter zum ersten Male von einer Drohung mit Verhaftung sprach. Vielleicht mochte der Frau diese Aussage bedenklich erschienen sein, und sie hatte dem Sohn darüber geschrieben, doch der. Sohn hatte sie beruhigt.— ,Du mußt bedenken, daß Dr. Werner ein sehr verschlagener Anwalt ist, der sich wohl heraus- reden kann. Deshalb niußt Du ganz genau angeben, wie Du durch die Angst, sofort verhaftet zu werden, eingeschüchtert worden bist. Das ist auch ganz erklärlich, denn wie hättest Du eine Verhaftung und Auslieferung nach Deutschland ertragen können? Bleibe nur fest und verwickle Dich nicht in Wider- spräche. Ter springende Punkt ist eben die Drohung mit der sofortigen Verhaftung.'— Noch blieb ein bedenklicher Zeuge, dessen Aussage das ganze Lügengewebe zerreißen konnte, der Notar Fabrice, in dessen Gegenwart die Abtretungsurkunde niedergeschrieben war. Was mochte der wohl ausgesagt haben? Auch dafür wußte der fürsorgliche Instrukteur Rat, denn im letzten Briefe schrieb er:— Geh' doch zum Notar Fabrice, vielleicht unter dem Vorwand, Dein Testament zu machen. Bringe die Sprache auf die damalige Konferenz in seiner Kanzlei und sieh zu, aus ihm herauszubekomnien, was er bei seiner Vernehmung ausgesagt hat. Nimm Maud mit, sie soll eine helle Bluse anziehen. Alte Herren sind Narren, Du weißt ja.' Der war aber auf seiner Hut gewesen und hatte sich nicht ausholen lassen. Seine Aussagen, die gleichzeitig mit den Protokollen aus Montreux eingetroffen waren, lauteten klipp und klar: Frau Adele Blinker habe einen ruhigen Eindruck gemacht, sie habe ganz geschäftsniäßig verhandelt und aus- drücklich angegeben, sie trete den Schuldtitel ab, da sie nicht wünsche, daß ihr Sohn seiner geschiedenen Frau weiterhin Unannehmlichkeiten bereite. Als Dr. Werner die Briefe und die Aussage des Notar? Fabrice durchgelesen hatte, blieb er in Gedanken verloren sitzen und war weggcglitten von dem peinvollen Empfinden, als schwerverdächtiger Untersuchungsgefangener dem Unter- suchungsrichter gegenüber zu sein. Er war frei und losgelöst von aller Verdächtigung. „Sind Sie zufrieden, Herr Rechtsanwalt?" Mit diesen Worten riß ihn der Untersuchungsrichter von seinen schweifenden Gedanken los und führte ihn in die Wirk- fichkeit zurück. Er hatte seine amtliche Steifheit gelockert. Auch er sah wohl in Dr. Werner nicht mehr den verdächtigen Untersnchungsgefangenen. „Ja, ich bin beruhigt. Ich denke, die Briefe werden ge- nügen." „Ich schließe in den nächsten Tagen die Vornnter- suchungen ab und gebe die Akten an die Staatsanwaltschaft. Haben Sie noch irgendeine Erklärung zu nmchen?" „Nein. Danke. Ich habe alles gesagt, was ich aussagen kann."— Dr. Werner stand auf und zögerte einen Augenblick, dann sagte er:„Ich danke Ihnen, Herr Landgerichtsrat." Der brummige Graubart lvurde verlegen und sagte ab- wehrend:„Ich habe nur getan, was meines Amtes war." Er. stand auf und verbeugte sich. Dr. Werner lächelte kaum merklich. Er wußte, wie dehn- bar dieser Begriff sein konnte und hatte während dieser vielen und langen Vernehmungen stets das Gefühl gehabt, einem Beamten gegenüber zu stehen, dem sein Schicksal menschlich nahe ging. Und dafür dankte er ihm. Dr. Werner hatte einige Tage daran gedacht, daß die Staatsanwaltschaft vielleicht doch noch das Strafverfahren gegen ihn einstellen werde, nachdem sie Einsicht in die be- schlagnahmtcn Briefe genommen und sich so überzeugt hatte, daß den Aussagen der Frau Blinker-Crighton Glauben nicht beizumessen sei. Aber das war eine törichte Hoffnung! Nie würde die Staatsanwaltschaft zugeben, daß sie sich geirrt hatte. Im Gegenteil, sie würde alles daran setzen, seine Verurteilung zu betreiben. Er kannte nur zu genau die Technik des?ln- klageanfbaus in den Fällen, in denen diese auf schwachen Füßen stand und der Staatsanwalt sich in die Sache verbissen hatte mit dem schmutzigsten Spürsinn wurde das Privat- leben des Angeschuldigten durchstöbert, harmlose Aeußerungen aus dem Zufammcnhang gerissen und znrecht gestutzt; ganz bedeutungslose Vorkommnisse aus weit zurückliegenden Jahren wurden herangezerrt, verschminkt, und mit alldem eine �Ltinimungsmacherei gegen den Angeschuldigten JrteBen, die einer Behörde völlig unwürdig war. Mit einer Erbitterung wurde gekämpft, als ob es sich um den persönlich verhaßtesten Feind handelte und die Freisprache eine Person- liche Kränkung des Staatsanwaltes sei. Je weniger sachlich die Anklage begründet werden konnte, desto mehr wurde mit solcher Stinimungsrnacherci gearbeitet. In wieviel Fällen hatte er als Verteidiger gegen diese unfaire Art der Anklagebehörde gekämpft. Wie oft seinen Ingrimm, Spott und Ironie arisgelasscn, wenn er eine so zurecht geinachte Anklage zerpflückt hatte. Was würde man alles gegen ihn vorbringen! Weitere Vernehmungen fanden nicht mehr statt und die Staatsanwaltschaft arbeitete nun mit den berüchtigten Polizci- recherchen. Es war wie ein heimliches unkontrollierbares Wühlen um ihn, eine unsaubere Minierarbcit, die er ahnte, der er aber nicht beikommen konnte. Er selbst konnte nichts mehr tun. Er war wie ausgeschaltet aus diesem Kampfe. Und das machte ihn ungeduldig. Zu dieser Unruhe kam noch die Sorge um die Mutter: Es wurde immer schwieriger, neue Ausreden zu ersinnen und Gründe auszuklügeln, um ihr sein Fernbleiben erklärlich zu machen. Schon fand die Un- geduld der alten Frau Worte der Sorge. Im lehten Brief schrieb sie—.Wenn Du Dich nicht losmachen kannst, dann komme ich einige Tage zu Dir. Du wirst schon ein Stündchen Dich für die alte Mutter frei machen können. Ich wohne dann in einem Hotel in Deiner Nähe. Ich werde am Fenster sihen und auf Dich warten, wie hier. Aber dort weiß ich Dich ganz in meiner Nähe und das wird mich froh machen." Dieser Brief verursachte Frank Werner die schmerzlichste Sorjw. Er schrieb sofort an Sanitätsrat Lüdecke; dieser hatte vorsichtig die alte Frau zum Sprechen gebracht und der ge- planten Reise mit der ganzen Autorität als Arzt wider- sprachen. Doch die Ungeduld der Mutter, die den Sohn nun schon seit Wochen nicht gesehen hatte, konnte er nicht beruhigen. Die Freunde sahen seht wohl öfters nach Frau Werner und verplauderten ein Stündchen mit ihr. Frank Werner selbst schrieb täglich und ließ öfters schönes Obst oder eine andere Aufmerksamkeit durch Karl Henkel aussuchen und nach der Dresdner Straße schicken. Als dort ein Kistchcn mit köstlichen Kalvillen eingetroffen war, schrieb die Mutter.— ,Jch muß Dich am Ohrläppchen zupfen, ineinen großen Herrn Sohn, daß er so ein Verschwender ist. Kalvillen für seine alte Mutter! Aber ganz leise will ich Dir ins Ohr sagen, daß sie prächtig geschmeckt haben, eine, die anderen, mein Junge, hebe ich auf, bis Dil kommst, dann werden sie erst ganz köstlich sein"-- Und ein neues Buch, die Briefe Wagners an die Wesendonck hatte sie sehr erfreut.—.Aber ich muß Dich allerhand fragen, wenn Du kommst. Du mußt mir auch einige Briefe vorlesen. Ich liebe Deine Stimme und glaube, einige Briefe werden wie gesprochene Worte wirken. Siehst Du, daß Du bald kommen mußt." So blieben diese kleinen Freuden ungeteilte Freuden und schürten nur die Sehnsucht nach den: Sohn. Und nun nahte Weihnachten!(Forts, folgt.) Die Srüöer. sSchluhs Bon Martin Andersen Nexö. Und nun sollte es also in der Versammlung vor der Kirche der- kündet werden I Es waren viele Leute auf dem Weg zur Kirche an diesem Sonntagvormittag. Von allen Wegen des Kirchspiels her rollten Fuhrwerke zum Berge hin, wo die weihe Kirche lag. Sogar aus den Nachbargcmeinden kamen Wagen voller Kirchgänger. Auf Feld- Pfaden und an Gräben entlaug wand der Zug sich vorwärts— alt- väterische Leute, die nur zum Vorschein kamen, wenn die Glocken riesen wie heute, und junge, städtisch gekleidete Mädchen und Burschen. Die meisten von ihnen waren den ganzen Sommer nicht in der Kirche gewesen; viele hatten einen ganzen freien Tag für diesen Ausgang eingetauscht. Daheim auf den Höfen und i» den Häusern ging es, sogut es konnte; Kranke, Kinder und Gicht- brüchige waren gerufen, um für das Vieh zu sorgen. Alles rüstige Volk war heut aus dem Kirchgang. Oben in dem freistehenden Turm der Kirche hingen die Glocken und arbeiteten, eine jede durch ihr Guckloch hinaus— wieder hinein — und nach der anderen Seite hinaus. Wie sie lamentierten. sangen und anklagten— alles in einer Sprache. Hört, wie die kleine Glocke hinern lärmte und keifte in der grohcn Glocke ruhige ruhige und wuchtige— Rede vom iiingsten Gericht. So redeten und mahnten die Glocken nicht einmal zu den Großen Feiertagen im Jahr, geschweige denn an einem gewöhulichen Sonntag. Nnd wunderlich war däS Wohl auch nicht, denn Weih- nachten kehrte doch jede? Jahr wieder, Ostern gleichfalls; aber wo gab cS im Kirchspiel jemand, der sich erinnern konnte, daß ein Man» Kr unmündig erklärt worden war I Der ganze Berg war besät mit Fuhrwerken, an jedem Ring in der KirchhofSmauer waren heute Pferde angebunden. Nnd doch war kein Platz. Wer in den nächsten Höfen bekannt war, stieg dort ab; viele muhten eS ganz unterlassen auszuspannen. Als die Kirchenleute nach dem Gottesdienst herausströmten, stand der Dorfschulze schon oben auf dem flachen Stein an der Kirch- Hofsmauer, von wo die Bekanntmachungen erfolgten. Er hielt Papiere in der Hand und war sehr ernst. Die erste Bekanntmachung galt einer Strandungsauktion, dann war da ein blaues Papier vom Kam- Mandanten. Niemand hörte, worauf er hinaus wollte, denn jetzt hatte er nur noch ein Papier übrigbehalten. Und nun endlich— alle Gesichter hingen an seinen Lippen, man hörte mit offenem Munde zu, mit weit ausgerissenen Augen. .... Hierdurch kund und zu wiffen... allen zur Kenntnis .. vom heutigen Tage an unmündig erklärt... nicht im vollen Besitz seines Verstandes... kann keinen Handel abschliehen und keine Schulden eingehen— Jen? Peter Köller auf Borrehof—' Ein lautes Stöhnen ging durch die Versammlung. Was sagte der Schulze denn da? Zu äußerst in der Schar stand Jens Köller' — der armselige Hofdront von Borre— und lauschte mit seligem Grinsen seiner eigenen Erniedrigung. Plötzlich verschwand die ein- fältige Freude aus seinem Gesicht; er riß entsetzt den Schlund auf und schrie laut. Der Dorfschulze hatte innegehalten, er sah sich fragend in der Menge um. Da kämpfte sich Jen« Peter Köller vorwärts, man um- ringte ihn, aber er machte sich frei und packte den Schulzen hart a» der Brust..Er legt Hand an die Obrigkeit T Es klang wie ein Seufzer aus vielen Gemütern; die Alten wandten sich ab, um nicht Augenzeuge des Entsetzlichen zu werden. Die, die am nächsten standen, halfen dem Schulzen, sich loS- zumachen; und als ihm erklärt wurde, was geschehen war, begann er sofort, mit lauter Stimme den Irrtum zu berichtigen: Jens Köller auf Borrehof— nicht, wie irrtümlich gesagt war, Jens cter, der Hügelbauer— sei für unmündig erklärt worden, Jen» öller zu Borrel Jens Peter, sein Bruder, sei vielmehr dazu ausersehen, seine Angelegenheiten wahrzunehmen, in seinem Namen Geschäfte abzuschließen nnd Verpflichtungen einzugehen.— Die Versammlung löste sich auf, Fahrende und Fußgäuger füllten die unzähligen Heimwege und man plauderte über den Fehler beim Vorlesen, der niemandem gefiel. Verbessert war er sa worden; aber ein Wort das einmal gefallen war, behielt Gültigkeit. Jens Peter sprach mit niemandem, sondern spannte vor und fuhr nach Hause. Er hatte den Bruder auf seinem Wagen und setzte ihn am Borrehof ab, als ob nichts geschehen wäre; kein Wort von dem-Vorfall wurde zwischen ihnen gewechselt. Doch am Nachmittag fuhr Jens Peter zum Pfarrhof und der« langte den Pfarrer zu sprechen— eS handle sich um das verkehrte Vorlesen I Der Pfarrer erklärte ihm, alles sei vollständig in Ordnung; das Versehen sei ja sofort verbessert worden, und auf dem Papier stehe JenS Köller. Der Hügelbauer gab sich so weit zufrieden, legte aber doch Wert darauf, daß die Bekaimtmachung am folgenden Sonntag nochmals verlesen würde. Um ihm nachzugeben, ging der Pfarrer mit zum Dorfschulzen hinüber, und so wurde eS festgesetzt. Jen? Peter Köller erschien zu der neuen Verlesung und über- zeugte sich davon, daß sie diesmal richtig erfolgte. Aber er war finster» Sinns und sprach nur wenig, und an einem Tag in der Woche kam er zum Schulzen und bap die Papiere sehen zu dürfen. .Du h a st sie ja gesehen 1* sagte der Schulze halb ärgerlich. Und er zeigte ihm wieder, daß da Jens Köller stand. „Das Wort ist aber gefallen," sagte der Hügelbauer,„und ich möchte einen gehörigen Pfahl hindurchtreiben. Jens Peter Köller ist im vollen Besitz seines Verstandes! Daß Gott und jedermann eS weiß I" Er sagte es langsam und betonte jedes Wort. .Ich wüßte nicht, daß irgend jemand anderer Meinung wäre," sagte der Dorfschulze und betrachtete ihn ernst.„Es ist ein so solider Pfahl durch niein verkehrtes Vorlesen getrieben, daß der Fehler sicherlich mausetot gemacht ist. Und nun wollen wir nicht mehr daran denken— wenn Du mir nicht Ungelegcnheiten machen willst." Er hielt die Hand hin. „Das will ich nicht," erwiderte Jens Peter freundlich und schlug ein. Dann fuhr er nach Hause, völlig überzeugt. Aber eines Tages, während er das Brachfeld pflügte, tauchte eS abermals in ihm auf. Das Wort war gefallen, er war für unmündig erklärt worden. Jens Peter Köller, war deutlich gesagt worden, sei nicht„im vollen Besitz seines Verstandes". Genau so hatten die Worte gelautet, und konnte denn überhaupt Geschehenes ungeschehen gemacht werden? Die Frage fraß sich grübelnd durch ihn hindurch, und eines Tage« spannte er an und fuhr zum HardeSvogt. Der HardeSvogt hörte feine Erklärung erstaunt an— daS begriff er nicht.„ES ist ja verbessert worden", sagte er..Es ist mir mitgeteilt worden und ich weiß, daß daS Versehen sofort der« bessert wurde. Sie waren ja übrigen? selbst dabei zugegen, soviel ich weiß." Der©finelBaucr schwieg und sah verschlossen auS— ganz be- 1 schränkt, aber in ihin leuchtete eS vor Verschlagenheit. Sckiau, schau, der HardeSvogt war so�ar unterrichtet; dann war es wohl kein reines Versehen. Irgendein Licht begann ihm jetzt aufzugehen. Er schwieg lange..Der HardcSvogt mutz es ungeschehen machen/ erklärte er endlich eindringlich. Der Vogt ging auf ihn zu und ergriff ihn an den Schultern: »Herrgott, Mann, was soll ich denn nach Ihrer Ansicht hm? ES i st ja verbefsert I— Vegreifen Sie denn nicht, datz Sie nichls als querulieren? Sie wollen vielleicht einen Prozetz führen, was?"' Er wandte ihm den Rücken und ging in fein Privatbureau: er kannte diese Bauern mit ihren endlosen Rechthabereien— dies« Prozetz- Hansel Z Der Hngclbauer nahm seine Mütze und ging. Nun sah «r'S: es war eine abgekartete Sache I In den Papieren da drüben stand gewitz Jens Peter und nicht Jens, das würde man sehen I Diese Leute wutzten wohl, was sie taten I Aber nun wollte er nicht eher nachlassen, bis er fein Recht bekam! Lange Zeit verhielt er sich ruhig, und man meinte, er habe Vernunft angenommen. Aber er sann blotz nach und behielt seine Ueberlcgungcn für sich, damit ihm niemand zuvorkäme. Den Väter- lichen Hof versah er aber nicht mit der alte» Sicherheit; es war etwas bei der fatalen Entmündigung in ihm zerbrochen. Es war, als ob eine eiserne Tür hinter ihm zugeschlagen wäre— nach dem Leben und den Menschen hin. Er hielt sich für sich und war düster. Seinen Kampf kämpfte er hartnäckig weiter. Er sammelte und sparte, und als er tausend Kronen in barem Melde hatte, ging er zum Amtmann.»Hier sind tausend Kronen', sagte er fiegeSsicher und legte den Lederbeutel mit dem Beide auf den Tisch vor den Amtmann hin.„Kann ich nun vielleicht mein Recht kriegen?' Der höchste Beamte der Insel galt für ettoaö beschränkt; aber so viel verstand er doch, datz dies ei» Versuch von Bestechung war. Er Uetz JenS Peter Koller znr Tür hinauswerfen. Run war also das Ganze gesperrt I Hier auf der Insel gab es niemand, der ihin zu seinem Rechte verHelsen wollte. Er hatte die Sache bis zur höchsten Instanz verfolgt und war nun darauf an- gewiesen, seinen Teil allein zu tragen. ES gibt wenige Menschen, die lange einsam bleiben können. Jede Sache verlangt außerdem Anhänger; ein einziger reicht aus, aber dieser eine ist nicht zu entbehren. So fanden er und der Bruder einander. Die beiden waren gleich überzeugt von der verhängnisvollen Bedeutung des Versehens — und gleich erfüllt von dem Wunsch, es verbessert zu sehen. Der Borrehof ruhte nach wie vor als Bürde ans des JenS Schultern; er küminerte sich um nichts, und doch war ihm zu Mute, als hätte er sich mit allem herumzuschlagen. Er sehnte sich nach Erlösung. Die beiden hatten sich so eingerichtet, wie die allgemeine Auf' fassung von der Lage der Dinge cS verlangte. Jens Peter stand dem Hofe vor und trat in allen Punkten als Vormund de« Bruders auf. Aber sicher in seine» Handlungen war er nicht. Jetzt verfügte er endlich über den väterlichen Hof und konnte nach eignem Gut- dünken schalten und walten. Und doch war ihm nicht danach ums Herz; in ihm saß beständig irgend Etwas, das ihn dem Bruder gegenüber niederbeugte, und das den halbkindischen armen Menschen zum eigentlichen Herrn im Hause machte. Ruhe gab die Ordnung der Dinge keinem von ihnen. So fanden sie also einander. Sie hatten das gleiche Ziel, den gleichen Kampf, und als die Frage zwischen ihnen erst einmal an« geschnitten war, entdeckte Jens Peter bald, datz Jens gar nicht so töricht war, wie man allgemein glaubte. Mit anderen konnten sie nicht so gut über das rede», was sie stets beschäftigte; sie waren achtsam und argwöhnisch und fingen da« geringste Lächeln in den Augenwinkeln der Leute auf. Aber unter vier Augen besprachen sie die Frage um so freier und entwarfen Pläne— und wie verstanden sie eiuonder I Bei alledem wurde JenS ernster und ausdauernder; er suchte nicht mehr die Stadt auf, um sich dort herumzutreibe», sondern blieb am liebsten in der Rahe des Brnderö. Jens Peter wieder»»» wurde von ihm angesteckt und nahm etwas von seinem leichteren Sinn an. So wenig düster wie jetzt war er seit Jahr»ind Tag nicht gewesen. Die Leute waren erstaunt darüber, wie viel die beiden jetzt zu- fammeii z» besprechen hatten. Und es kam vor, daß sie gemeinsam ein wenig lachten; das hatte früher niemand erlebt. Sie grübelten grohe Pläne aus, wie sie der Insel zu Leibe rücken wollten— denn jetzt hatten sie ja das Ganze gegen sich! Nach und nach gewannen ihre Pläne eine bestimmte großzügige Form. Sie wollten heimlich zum König reisen und ihn dazu bestimmen, die Verbesserung in den Papieren vorzunehinen, und dann mit den richtiggestellten Dokumenten nach Hause kommen I Durch eine große UmgehungSbewcgllng würden sie dem Feind in den Rücken fallen und ihn zu Boden schlagen. Aber e« kam darauf an, im Verborgenen zu handeln, so datz niemand ihre Pläne zu krerizen verrnochte I Den ganzen Winter sannen sie zusamnien, ivie sie es ermöglichen könnten, hinüber zu gelange»» und den König zu sprechen, ohne datz es jemand erführe. Den Dampfer zu benutzen, würde ja zwecklos sein, wenn die Reife geheim bleiben sollte; und keiner von ihnen verstand eS, ein Boot zu führen. Aber im März— endlich— kam die Natur ih»»«n zu Hilfe. Oben aus den» Russischen her schwamm das Treibeis heran mit strengem Nachwinter und ballte sich um Bornholm znsannnen, so daß jede Ver« bindung mit der Umwelt unterbrochen wurde. Nur für die zwei Brüder nicht. Jetzt ivar die Situation eben wie geschaffen für sie: jetzt sollte keine Macht ihre Pläne durchkreuzen I Insgeheim rüsteten sie sich zi» weiter Fahrt, und eines Nachts begaben sie sich auf das Ei» hinaus, uin zur Hauptstadt zu wandern und den König aufzusuchen. Später hat niemand sie gesehen. Die Genfer Konvention. „HosIos dum Tuluemti fratroe", dieser prägnante lateinische Satz enthüllt schon den Grundgedanken dessen, ivaS der moderne Mensch mit dem Begriff»Genfer Konvention' verbindet.«Der ver- ivundcte Feind mutz als Bruder, als Freund gelten', so etwa läßt sich der Satz verdeutschen. Aber wie lange hat es gedauert, bis er sich zunächst einmal bei den zivilisierten Völkern einbürgerte und nun gar, bis er durch internationale Vereinbarung nicht mehr Wunsch blieb, sondern zu anerkannte,»» Recht wurde. Eine organisierte Hilfe im Krieg finde»» Ivir schon vor einem Jahrtausend; schon damals schlösse»-sich Verein« zum Schutz und zur Pflege der Genossen zusammen, die nach der Sitte des Mittelalters zu Orden ausgestaltet wurden. Die Tradition dieser Ritterorden, die mit dem doppelten Gelübde zum Kampf uin» heilige Grab auszogen, die Ungläubigen zu töten und ihr« Brüder zu heilen, sind zwar bald verweltlicht und haben ihre inensöhen- freundliche Aufgabe vielfach iin Streben nach Macht und Ruhm ver- gessen; nur die Tradition blieb erhalten, uird auch heute noch ge« hören zun» Rote» Kreuz die sogenai»nten Ritterorden der preußischen Johanniter, der Maltheser- und St. GeorgS-Ritter. Was jahrhunderte- lang freiwilliger Pflege und Hilfe überlassen geblieben, das erfuhr in den napoleonischei» Kriegen zum ersten Mal eine militärische Ordnung und Organisation. War es nicht Mitleid, so war es doch die praktisch richtige Einsicht des Vorteils, die dazu drängte, dem SanilätSwesen besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Segensreiche« und Vorbildliches ist damals von den napoleonischen Militärärzten durch ihre Einrichtungen für die Verwundetenpflege geschaffen worden. Wie weit nian vor 1 Jahren in Deutschland noch von der Ver- wirklichung des Satzes„hostes dum v»ilnorati fmtres" entfernt war, geht auch au« der Tatsache hervor, daß die Berordnung für den Landsttirm von 1813 im§ 8 ausdrücklich bestimmte, daß auch die Hospitäler des Feindes aufzuheben seien. Diese Verordnung soll sogar noch 1870 bestand«»» haben, ist aber praktisch nicht in Frage gekominen, da ja kein Feind den deutschen Boden betrat. Immer größer wurden im IS. Jahrhundert die Heere, immer furchtbarer die Verheerungen, die der Krieg unter den Soldaten an- richtete. Während des Kriinkrieges stiegen die Verluste der englischen Armee vor Sebastopol ins Ungeheure. Von 83000 Mann, die Britannien innerhalb von zwei Jahren nach der Krim sandte, starben 16 000, d. h. jeder fünfte Mann. Die Sterblichkeit in den Spitälern, in denen»nehr Cholerakranke als Vertoundete lagen, wuchs ins Uner- »netzliche. Da ging in, Auftrag des KriegsininisterZ Lord Sidney eine Frau nach dem Kriegsschauplatz, eine Helferin der Menschheit, die berühmte Mitz Nightingale, die durch ihre Kenntnisse, ihre Aus- dauer und persönliche Hingeb»lng eine völlige Umwandlung im Spitalwcsen der Engländer hervorbrachte, so datz in den Hospitäler»», wo vorher die Hälfte der Kranken unerbittlich dein Tode verfallen war, nunmehr fast alle bis auf zwei oder drei genasen. Das Austreten dieser Frau bezeichnet einen Wendepunkt im Sanitätswesen des Krieges; auch die Russen lernten von ihr. Auf de»»» Schlachtfeld selbst aber blieb eS bei dem alten Leid, da» in nichts die Qual der Vertvundoten milderte. Da fiihrte der mörderische Tag von Solferino auch hier den Anbruch segensreicher Steuerungen herauf. Ein edler Menschenfreund, der Genfer Henry Ditnaat sah das grausige Bild der Schlachtfelder von Solferino »ininittelbar nach den» Kampfe und in der ergreifenden Schilderung seines ernsten Mahnbuches„Eine Erinnerung an Solferino' führte er der Menschheit die Grausainkeit eines solchen Verfahrens, das die Verwundeten auf dem Schlachtfeld sich selbst überläßt, eindringlich vor Augen. Aus dem unablässigen Wirken DunantS entstand nun eine Reform des KricgSrechtes.»Die Ver- ivuirdeten dürfen nur solveit leiden, als«S der Zweck des Krieges verlangt, diese Forderung stellte Dunant mit einer Schar Gleichgesinnter auf, und er verlangte weiter:»Sind sie außer Kampf gesetzt, so hören sie auf, Feinde zu sein, und werden Gegenstand der Hilfe. Diese Hitfe darf nicht gestört werden durch feindliche Maßregeln: Aerzte, Spitäler, Heilsmaterial sind.nutzer- halb des Krieges gestellt... Daö militärische Personal reicht aber nicht aus und wird nie ausreiche»», wenn eS auch verdoppelt und verdreifacht lvllrde. Man mutz sich unabweisbar an die Bevölkerung Ivenden. Mso mutz man einen Aufruf erlassen nnd eine Bitte richten an jedermaim, in allen Länden», jeden Ranges, jeder Stellung, an Männer wie Frauen, an die Prinzessin wie an die arme Witwe, an alle, die noch ein Herz für ihren Nächsten haben. Die Menschlichkeit wie die Gesittung verlange», gebieterisch ein solches Werk.' Diese Worte gingen gedruckt in alle Welt»md fanden fruchtbaren Boden, so datz 1863 eine Genfer Konferenz zusammentrat. Schon vorher hatte im amerikanischen Sezessionskriege dir neue Welt ein Vorbild geboten, denn hier trat eine»Gesundheitskonunisfion der amerikanischen Frauenvereine' zusammen, die bereii» ein Vorbote de».Roten Kreuz' war mid Besseres zur Heilung de» Kriege» leistete, att j« vorher gelungen war. Unter Dunant» Einfluß berief die gemeinnützige Gesell' schast seiner Buterstadt Genf zunächst eine internationale Vereinigung Nrivaten Charakters(26. Oktober 1863), die als .Genfer Konferenz" bekannt geblieben ist. Diese stellte die Grundsätze znr.Verbessernng des LoseS der im Kriege verwundeten Militärs" auf, die vor just S0 Jahren den Beratungen des offiziellen internationalen Kongresses(8.— 21. August 1864) als Grundlage dienten. Die Veschlnsse deS letzteren bilden die.Genfer Konvention". Dieser Kongreß lvar von 41 Staaten beschickt, unter denen auch Preußen nicht fehlte, das eben erst bei Düppel, auf engem Raum vereinigt, ein Schreckbild deS Krieges heraufbeschworen hatte. Als Zeichen der Reulralitö.t wurde das Rote Kreuz im weißen Felde eingeführt. Es ist bekanntlich von fast allen Staaten, auch von Japan, akzeptiert. Nur haben statt des Kreuzes die Türkei den .Roten Halbmond" und Persien den„Roten Löwen". Die erste Genfer Konvention vor 66 Jahren konnte natürlich nichts BollkoinmeneS schaffen, vor allem hatte der Seekrieg in ihr keine Berücksichtigung gefunden. Ein entsprechender Zusatz von 1363 wurde niemals ratifiziert. Wandel in dieser Beziehnng schafften erst die Haager Friedenskonferenzen. Ein zweitersKongreß in Gens 1866 baute die erste Genfer Konvention weiter ans. Auf diesem waren 36 Staaten vertreten, von denen 36 die erweiteren Beschlüsse als« bald unterschrieben. Dunant wurde übrigen? 18gt durch den Nobel- Friedenspreis ausgezeichnet. Er war im Jahre 1828 geboren und ist 1916 zu Heiden(Appenzell) gestorben. Kleines Feuilleton. «Völkerkunde. Vom belgischen Nachbarn. Kein zweites Land Europas hat geschichtlich so wechselnde Schicksale erlebt wie Belgien. Lange ein Teil des großen alten Reiches, wird es im 16. Jahrhundert das Kernland im Burgund KarlS des Kühnen, das einen der glänz« vollsten Kulturnüttelpunkte deS damaligen Europas bildete. Dann habSburgisch und spanisch und wieder österreichisch und in französi« scher Hand und mit Holland vereinigt, und endlich, seit nunmehr 80 Jahren, jener selbständige Staat, den wir kennen. Und an dem Volke, das an Maas und Scheide wohnt, sind diese ungeheuren ( geschichtlichen Schicksale«no Wandelungen natürlich nicht purlos vorübergegangen. Immer ist dieses große Durch- gangsland ein Treffpunkt der Völker und Raffen ge- Wesen; keltische« und germanisches Blut hat sich schon von alter« her gemischt; später kam der Spanier ins Land und hat dem belgischen Volkstum einen starken Tropfen beigemischt, und auch die Franzosen haben an der Zusammensetzung der Bevölkerung ihren reichen Anteil gehabt.... So ist wohl am Ende eine po« litische Nation, nicht aber ein geschlossenes Volkstum ent- standen, nnd zwiespältig ist in seiner Zusammensetzung das belgische Volk bis auf den heutigen Tag geblieben. Denn rn den wallonischen Provinzen Lüttich und Namur und im ganzen und großen auch in Brabant ist die Bevölkerung schon seit langem welsch geworden. Freilich ist das alte Brabant im Grunde schon zu den Mischbezirken zu rechnen, da das niedere Volk hier noch immer an seinem alten Vlämisch festhält, und in dem übrigen Teile Belgien« spielt diese germanische Sprache nach wie vor beim Volke die Hauptrolle. Wunderlich genug ist ja die Schichtung des germanischen und Ivelschen Wesens, wie die wilden Stürme der Ge- schichte sie hier schließlich verrichtet haben, denn während die durch und durch verwelschten Provinzen Belgiens uns zunächst liegen, sitzt gegen Westen, gegen Frankreich hin, noch inrmer dicht ge- drängt, zähe und beharrlich, das alte Vlamentum. Flandern längs der ganzen Küste»rit Antwerpen hat sich hier gerade mit am reinsten den vlämischen Charakter erhallen, und eS reicht die vlämische Sprache selbst noch ziemlich tief nach Frankreich hinein. In Lille, der französischen Festung, deren vlämischer Name Nhssel lautet, ist vlämisch noch heute die eigentliche Volkssprackie, und das gleiche gilt noch weithin über die politische Grenze hinaus für die Fischer- bevölkerung an Frankreichs Noobkiiste. Eine vlämische Bewegung bat längst in Belgien eingesetzt, die geistigen Anschluß an Deutschlano suchte und die bei uns Verständnis und Sympathie gefunden hat. Doch darf diese Erscheinung nicht darüber hinwegtäuschen, daß das Belgiertum im ganzen durchaus die Richtung nach dem Welschen genominen hat. Auch haben die Belgier aus ihrem Herzen nie eine Mördergrube gemacht und ihre Vorliebe für Frankreich und die französische Kultur stets offen bekannt. Ihre kulturellen Beziehungen zu Deutschland haben sich aber dennoch in den Jahrzehnten des Frieden? entwickelt; beläuft sich doch die Zahl der in Antwerpen ansässigen Reichs- deutschen auf viele Zehntauscnde, die der Brüsseler Deutschen auf günszehntauscnd! In dem belgischen Volte, desien hohe Begabung übrigens Kunst und Wissenschaft hundertfällig erwiesen haben, lebt ein Hang zum reiche» vollen Lebensgenüsse. Beim Blamen äußert sich die Lebenslust derber, sozusagen„in Holzschuhen"; der franzö- sierte Belgier dagegen ist für die„Frivolität", d. h. für die Fein- heit des französischen Stile» empfänglich, und Belgiens Hauptstadt genießt den Ruf, zu Europa? sittenlo'msten Städten zu zählen. vcrantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u. Verlag AuS dem Tierreiche. Die Farbenblindheit der Bienen. Die Besucher, die während der letzten Monate als Naturfreunde daS Aquarium und das Jnsektarium der Reichshauptstadt besuchten, haben gewiß, so schreibt Dr. Wilhelm Berndt in der Wochenschrift„Ueber Land und Meer", an den dort kunstvoll errichteten Bienenstöcken die farbigen Flugbretter wahrgenommen, die den kleinen Völkern das Zurück« finden in ihr Heim ermöglichen und erleichtern sollen. Nicht wenige Naturforscher waren bisher der Ansicht, daß daS Farbcnschen im Leben der Bienen eine wichtige Rolle spielt, daß die kleinen wunder- baren Staatenbildner eine genaue Wahrnehmung der Farbe besitzen und eine ziemlich hochentwickelte.Gedächtniserinnerung" ihrer Färb- eindrücke. Es wurde angenommen, daß die Farbe der Blume den Bienen ein fast unentbehrlicher Wegweiser sei. Ja. sogar so ausgeprägt sollte der spezifische Farbensinn der Bienen sein, daß man es für möglich hielt, sie auf bestimmte Farben zu„dressieren", sie an blau, rot usw. gefärbte Honigschalen und daher auch an Ein« und AuSflugbretter von bestimmter Farbengebung fest zu gewöhnen. Mannigfache Ex- perimcnte schienen das zu bestätigen, und der Niederschlag dieser Beobachtungen ist die Einrichtung der Musterbienenkörbe im Berliner Jnsektarium. Leider scheint nun die nüchterne Forschung den Natur« enthusiasten eine kleine Enttäuschung bereiten zu wollen. C. Heß will durch einwandfreie Versuche festgestellt haben, daß alle Be- hanptungen über ein Farbensehen der Bienen, über ihre Fähigkeit, sich an Farben zu„erinnern", und damit auch über jene Dressurfähigkeit auf mannigfache Versuchs- und Beobachtungsfehler zurückgehen. Heß behauptet, daß die Bienen ebenso wenig Farben sehen wie ein völlig farbenblinder Mensch. Damit kommt die alte Theorie inS Schwanken, nach der die Blüten- färben zum Jnsektenbesuch in engster Beziehung stehen. Freilich, man wird die wertvollen Ausführungen de? gelehrten Forschers zur Kenntnis nehmen, ohne sich alle Schlußfolgerungen sofort anzu« eignen. Wären die Bienen völlig farbenblind, so müßten wir ihnen ein ungeheures Formengedächtniö zutrauen, schon deswegen, weil das Finden des oft ungeheuer weiten und komplizierten WegeS von und zur Nahrungsquelle doch wesentlich mit dem Gesichtssinn bewerkstelligt werden muß. Fliegen doch z. B., wie Dr. Berndt ausführt, die Hummeln rückwärts vom Stocke an, damit sich ihnen für die Rückkehr das richtige Ortsbild einprägt. Auch der Geruchssinn der Bienen birgt noch manche Probleme. Forcl hatte den Bienen ein feines Geruchsvermögen abgesprochen, da sie eine mit Gaze bedeckte Honigschale nicht besuchten. Nach den neuesten Forschungen E. Zanders scheint sich hier jedoch ein kleiner Beobachtungsfehler eingeschlichen zu haben. Nur in den nahrungs« reichsten Perioden, wenn da draußen blühende Blumen in Fülle zur Verfügung standen, verschmähten die Bienen daS bedeckte Kunstfutter oder beachteten es kaum; in kargeren Zeiten aber versuchten sie stets, aus der angebotenen Nahrungsquelle zu schöpfen, selbst wenn diese durch Bedecken mit grünem Stoff so wenig augenfällig wie möglich gemacht war. Hiernach werden die Bienen auch loesentlich von chemischen Wahrnehmungen geleitet und der Blütenbesuch ohne eigentlich» Farbenwahrnehmung erscheint doch nicht ganz unmöglich. Meteorologisches. Die Saugwirkung eines Wirbel st urms. Heftige Winde üben nicht immer nur Stöße aus, sondern zuweilen auch eine Saugwirkung. An die Stelle eines Winddrucks tritt dann also ein Windzug. Es läßt sich von vornherein annehmen, daß diese Tatsache am deutlichsten bei eigentlichen Wirbelstürmen hervortreten wird. Die Beobachtung ist schwierig, da beim Hereinbrechen eines Tornados nicht viele Leute dazu imstande sein werden, ihre Auf- merksamkeit mit genügender Ruhe und Schärfe auf alle Einzelheiten zu richten. Hervorragende Meteorologen haben denn auch die Möglichkeit einer Saugwirkung des Winde? ganz ab- gestritten. Dr. Bloche veröffentlicht jetzt in der„Geographie" einen Aufsatz, der diesen Vorgang dennoch zu beweisen scheint. Bor Jahresfrist wurde der Westen der Vereinigten Staaten von der pazifischen Küste bis nach den großen Seen hin von einem Zytlou durchzogen, dessen Eigentümlichkeiten und Wirkungen eine nngewöhnlich sorgfältige Nachforschung erfahren haben. Aus dieser ging zunächst die bemerkenswerte Tatsache hervor, daß dieser Zyklon auf beiden Seiten von fünf für sich ausgeprägten Wirbelstürmen von der Gattung der Tornados begleitet wurde. Die Wirbel be- wegten sich sämtlich in parallelen Bahnen von SW nach NO mit einer Geschwindigkeit von 86—166 Kilometern in der Stunde, also mit Schnellzugsgeschwindigkeit, und in Abständen von 16— 46 Kilometern voneinander. Man konnte ihre Annäherung deutlich sehen und zwar in der Form fast senkrechter Zylinder, deren unteres Ende den Boden zu berühren schien. Die Breite wurde auf 466—866 Meter geschätzt oder vielmehr festgestellt, da sie sich durch die Verwüstungen an der Erdoberfläche genau ermitteln ließ. Diese bestanden in der Ent- lvurzelung von Bäumen, der Zerstörung sowie Versetzung von Häusern und anderen Gegenständen, und glichen etwa den Folgen einer gewaltsamen Ueberschwemmung. Der Tornado von Omaha kostete 166 Menschen da? Leben. Das Auftreten einer Saugwirkung im Inner» dieser Wirbelstürnre ist unwiderleglich erwiesen worden durch die Bahnen, die manche der von der Luftbewegung ergriffenen Gegenstände zurücklegten. Die Geschwindigkeit der Luftbewegung muß an manchen Stellen zwischen 366 nnd 666 Kilometer in der Stunde betragen haben._ Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstalt Paul Singer«rEo.. Berlin SW.