nt. 157.- 1914. Unterhaltungsblatt öes vorwärts Solinabeud, 15. Augnß. Zrauen helft! Zreiwillige vor, ihr firbeitsfrau'n, vie große Not zu linüern, die Not, Sie schon Sie krallen streckt Nach Euch unö Euren kinöern. kein scheuverftecktes Einzelleiü, kein Jammern unü kein Klagen; ?n stolzer, starker Einigkeit, H o wollen wir es tragen. Es hat üer Krieg von unsrer hanü Jetzt Mann un) Sohn getrieben, Nnü arbeitslos im ganzen Land Sinö, üie zurückgeblieben. Nnü enger noch um Müllers Schoß die Kinder stch vereinen. Ihr /lrbeitsfrau'n, seid stark und groß, Seid tapfer auch im Kleinen. Vereinigt Euch zum starken Schutz In diesen schweren Tagen. wo Einer unterliegen muß, die Menge wird es tragen. Nichts(jöh'res, als um fremdes£eid die eignen Schmerzen hindern. So seid die Helden Eurer Zeit, Ein Vorbild Euren Kindern! E. D. Erzählungen aus Zinnlanö von Juhani Aho(Helsingfors). Der Bote eines Jahrs des Todes. Weißer Schnee im grünen Laub kündet vieler Menschen Tod, so sagen die Allen. Und worauf gründen sie diesen Glauben? Noch gestern war das Meer klar und blau, der Wald auf der Landspitze grün und warm und die Wiesen zeigten nicht die geringste Spur von irgendwelchem Nachtfrost. Nur hie und da sah man ein gelbes Blalt hoch oben aus dem Gipfel einer alten Birke, einen röt» lichen Zweig einer Eberesche und von einzelnen wenigen Besten waren die zitternden Blätter abgefallen. Aber die Weiden und Eichen, die Ulmen und Erlen standen noch in voller Sonnnerpracht, und in den Gärten breiteten sich die Blumenbeete so warm blühend wie im Sommer. Und alles schien einen warmen Herbst zu versprechen und ein langes Leben für all dies Gewächs. Aber so kommt plötzlich eine Wolke von Osten. Erst beginnt der Regen herabzuschütten, dann geht er über in ein leichtes Hageln und zum Schluß in ein Schnee- treiben. Der Schnee legt sich über Wiesen und Wälder, lastet auf den Zweigen und hängt stch aus der Windseite fest auf die Baum- stäinme. Dann verzieht sich die Wolke, aber ein beißender Nordwest verwandelt den Schnee in einen eisigen Wintermantel, der sich weit- faltig hüllt über den Sommer von gestern. Und das Meer liegt da wie ein schwarzes Bahrtuch unter dein Sarge. Und der gelblich- grüne unheimliche Garten ist wie ein Gestorbener, auf der Bahre ausgestreckt, leblos und hilflos und die Schneedecke umhüllt ihn wie ein Gespensterlcinen. Und ich begreife, weshalb den Alten der Schnee im grünen Laub als der Bote eines Jahres des Todes gilt. Der Sehend-Blinde. Er glaubt, der alles erstickende Winter, da es ihm glückte, die Sonne zu verscheuchen und durch der Frostnächte grimme Macht *) Diese dem letzten Werke des bedeutendsten finnischen Dichters entnommenen Erzählungen drücken die Volksstimmung des abermals so brutal russifizierten Finnlands deutlich aus. und die erste dieser Skizzen zeigt wieder den Dichter als Propheten. Sund und Meer in Schlaf zu hüllen, daß er dadurch alle Klagen zum Schweigen gebracht und alle Augen geschlossen hat— er glaubt, wenn alles, was noch jüngst glitzernd in der Sonne gelegen und sich im Winde geregt und gerührt hat, jetzt aber unbeweglich und gelähmt daliegt, daß er dieses für alle Zeiten unter seine Gewalt gebracht hat. Und so begräbt er den Verschiedenen, breitet eine Sargdecke aus Schnee über die Wellen und Wogen, und wenn er dies voll- bracht hat, so. zieht er, der Triumphator, hierhin und dorthin, von einem Strand zu dem andern. Und dann läßt er scharfe Hufe, eisenbeschlagene Schlitten mit unsagbar schweren Lasten darüber hin und her fahren, über die Landspitzen, über die schmalen Sunde oder über die Flüsse.„Fahre, schlage, stampfe, belaste, drücke— keine Gefahr, die Brücke, die i ch einmal geschlagen, die hält stand I Ich, der ich die Macht-Habe, alles ih Fesseln zu schlagen I" So spricht der Winter— ohne zu wissen, daß jetzt irgend wo da draußen, vielleicht versteckt im Gebirge, vielleicht in einem Sumpf- Wasser, das zwischen Felswände eingeklemmt ist oder tief unter dem Moose sich irgend eine Quelle findet, die niemals zufriert. In irgend einer Felskluft, die niemand gesehen, in irgend einer quilleuden Rinne, die niemand murmeln gehört hat. Und nun rinnt diese Quelle durch das Innere des Berges, durch das Geäder der Felsen, fließt unter Wiesen und Täler, beißt sich durch Ton und Geröll und eisenhaltiges Gestein füllt auf seinem Wege Brunnen und Teiche, schlingt sich dahin an jedem Hindernis vorbei wie eine Schlange, gräbt und wühlt sich durch Felsen und Mauern und fällt dann endlich von einer steilen Klippe nieder auf die Eisdecke des tiefsten Wassers. Da liegt es nun hier wie eine Robbe in ihrer Höhlung mit dem Kopf tief unter der Wasserdecke verborgen und wühlt sich durch das Eis und wie der Frost auch immer drückt und preßt, diese gc- Heime Quelle aus der Ferne gräbt nun dem Winter das Grab. Eine dunkle UnwctterSnacht.— Ein eisenbcschlagcncs Fahrzeug draußen am Sund, ein schlafender Fuhrmann, den Wind im Rücken. Der vorgebahnte Weg ist im Schneetreiben verschwunden.... Ein Laut, wie plötzliches Bersten. Die Pferde zögern.... Ein kurzes Schnauben..,. Du hast dich zu stark gewähnt, du alles erstickender Winter.... Du bist nicht einmal Selbstherrscher dort, wo du stets die Macht gehabt hast. Nicht einmal den Erebus hast du erlöschen können, obwohl du durch hunderttausend Jahre Schnee und Eis in seinen rauchenden Kraler geworden. Der Alpenbach. Rein und klar fließt der Alpenbach dahin und durchsichtig und blank liegt der Bergsee zwischen den Schneegipfeln. Aber trübe sind die Bäche meines Landes, und schmutziggrau schlagen die Wogen meiner tausend Seen gegen seichte Strände. Weshalb ist der Bach der Alpen so rein? Und weshalb die Wasser meines Finnlands so trübe? Vom Himmel her kommen die Sturzbäche Tirols. Da schäumen sie nieder, weil sie in der Quelle des Ewig-Schaffenden ihren llr- sprung haben. Und über das Schncefeld kommen sie tanzend hinab, durch eisige Rinnen gleiten sie eilig über blank gclvaschcnc Felsen, springen sie jubelnd immer in Bewegung, immer plätschernd, immer ihr Wasser in der Sonne badend. Ja, sie s a u g e n die Sonne auf— deshalb ist der Bach der Alpen so rein, deshalb sind die Bcrgseen so klar. Aber Finnlands Urguell liegt getrübt in der Wildmark, trübe sind die Quellen seiner Waldbäche und die Sonne, die Sonne scheint niemals nieder durch dieses Fclscngehänge und Walddickicht. Und das Wasser wird unter seiner langsamen Fahrt durch schwarze, sumpfige Becker so trübe;— wohl wirbelt es einmal auf zu einem kleinen Wasserfall, aber ermattet bald wieder und schlummert von neuem ein. Deshalb sind unsere Flüsse so trübe und deshalb färben sie das Meer bei ihrer Mündung so grau, wie sie selbst sind. Wann wird das Blut in deinen Adern, o Finnland, rein werden? Wann wirst du zum Leben erwachen, wann wirst du dich zum raschen Laus aufraffen? Wann werdet ihr klar werden, ihr Lebens- ströme meiner Heimat, Kymmenc und Saimcn? Nicht ehe eine ungeheure unterirdische Kraft deine niederen Hügel zu Bergen auftürmt, deine Sümpfe gegen die Wolken hebt und deine öden Flächen hoch in die Höhen reckt! Dann ja— aber nicht früher. (Uebersetzt von Karl Morburger.) Die öeutjchen Truppen in Polen. Feldpostbriefe deutscher Soldaten, die in der„Nordd. Allgem. Ztg." veröffentlicht werden, schildern das Vorrücken in Polen also: Kriegerische Talen haben wir bislang nicht verrichtet, doch soll es, wie uns gesagt wird, bald an den Feind gehen. Wir brennen schon alle fürchterlich darauf, denn dieses augenblickliche Verharren im Nichtstun ist uns längst lästig. Daß unsere Truppen schon sehr schöne Erfolge hier an der Oitgrenze zu verzeichnen hatten, werdet Ihr wohl wissen. Die russischen Soldaten laufen uns nahezu alle als Freiwillige zu„ v o r Hunger". Einem Erschossenen haben unsere Aerzte den Magen nachgesehen; der arme Kerl hatte nur Roggen-, Weizen- und Gerstenkörner im Magen. So ist es um die Ernährungsweise der russischen Truppen bestellt. Im Gegensatz hier- zu ist unsere Kost ausgezeichnet, so daß wir des Lobes voll sind. ** * Am 7. August trafen wir, über Lublinitz und Herbh über die Grenze vorgeschoben, nach einem Dreimeilenmarsch auf der schlechten polnischen Chaussee in Czenstochau ein und lösten andere Truppen ab. Czenstochau exponierter Posten. Vom Feinde fluchtartig� ver- lassen; der öffnete aber vor Abzug die Gefängnisse und ließ die Bestien auf die Menschheit los, diesmal auf die deutsche. Auch russische Kosaken, die ihre Pferde lieber verlausten und zurückbliebcn, versteckt in der Stadt, ohne llniform. Das ist das Gesindel, � das, bewaffnet von ehemaligen russischen Offizieren und Unteroffizieren, unter dem Schutze der Dunkelheit hier Kleinkrieg treibt. Außerhalb der Stadt finden sie Versteck in den großen Wäldern des Großfürsten Michael Alexandrowitsch, in der Stadt in den berüchtigten Vor- städien der Wallfahrtsstadt. Nach dem Abzüge der Russen haben die Polen sich hier behördlich selbst organisiert, betrachten sich als von Rußland unabhängig und unterstützen offen und kräftig das deutsche Heer. Polnische Arbeiterkolonnen arbeiten an der Wiederherstellung zerstörter Brücken und an der Wiederinbctriebsetzung der Eisenbahn. Man hilft den Deutschen, wo man kann. Schon am 7. August waren wir in den Vorpostensiellungen von Czenstochau. Zwar halten die Truppen vor uns schon mehrere Frei- schärler und Banditen standrechtlich erschossen, doch waren die Schießereien immer wenig wirkend gewesen. Der 7. August sah den Platz vor dem alten Paulaner Kloster der schwarzen Madonna von Czenstochau als ein Kriegslagcr; Gewehrpyramiden, Feldküchen, Wagenparks und buntes Gewimmel der Soldaten. Der heiße Tag hatte müde gemacht und unl 9 Uhr 39 Minuten abends lag hier alles schon in Ruhe, als von dem elektrisch beleuchteten ininareit«• ähnlichen Turm des Paulancr Klosters die Glocken halb zehn schlugen, da detonierte plötzlich am Ostende der klösterlichen Parkanlagen eine Bombe und wie auf Kommando fielen von den Dächern und aus Fenstern der gegenüberliegenden Häuserreihe nun Schuß uin Schuß gegen das biwakierende Bataillon, welches, sofort alarmiert, das Feuer erwiderte und die feige Meuchclmördergescllsckaft zum Schweigen brachte. Nun ging es ans Gcfangencnmachen. lieber 690 Subjekte sind heute schon auf dem Weg nach Neisse. Zur Statuierung sofortigen Exempels wurden zwei Subjekte an der Klostermauer in Gegenwart der übrigen Gefangenen, meist Bassermannschen Gestalten, standrecht- lich erschossen. Der Landrat von Lnblinitz orientierte CzenstochauS Besatzung, daß so die Art des russischen Kleinkrieges sei, und man auf weiteres gefaßt sein müßte. Die Gefangennahme von über 609 Subjekten, die rigoros durchgeführten Zwangsniaßregeln gegen die Siadt, strengste Bewachung, vor allen Dingen aber das nächtliche Standrecht, scheinen doch etwas geholfen zu haben. Auch die polnische Bürgerschaft, empört über die Art russischer Kriegführung, hat mit-u gewirkt, Verdächtige zu internieren, Waffendcpots ausfindig zu machen und durch Maucranschläge vor Wiederholung zu schrecken. So blieb es denn, abgesehen von einzelnen Vorpostcnschießcreieir,. auch nachher ruhig. Ein Vorpostengürtel umgibt den frommen Wallfahrtsort, Patrouillen durchstreifen dauernd Stadt und Gegend, und ein Bataillon liegt in einer nahe dem Kloster und einem ver« lassenen Gutshof geschaffenen und die Stadt von seiner Höhe be- herrschenden Zitadelle._ Europa in Waffen. Von diesem Kriege, wie ihn die Welt noch nie gesehen hat. muß man sich erst eine Vorstellung verschaffen, wenn man seine Einzig- artigkeit begreifen will. Werfen tvir zunächst einen Blick auf das Kriegsgebiet. Auf der einen Seite stehen das Deutsche Reich und Oesterreich-Ungaru, deren Gebiet 4 216 919 Quadratkilometer umfaßt. Deutschland hat S46 8S8, Oesterreich-Ungarn 676 061 Quadratkilometer. Das Ländergcbiet der gemeinsamen Feinde be- trägt dagegen, wenn man nur das russische Reich in Europa berücksichtigt, 7 Sl2 602 Quadratkilometer, wenn man ganz Rußland 49] unö Recht. Roman von Fred B. Hardt. Staatsanwalt Diestel saß sehr gerade auf seinem Stuhl und das Publikum leckte sich den Mund. „Wird auf die weiteren Zeugen verzichtet, die Wirt- schafterin Tietze und den Oberkellner Moritz?" „Ja," antwortete Staatsanwalt Ticstel schnell. „Durchaus nicht," sagte Tr. Renker. Der Kriminalschntzmann trat zurück und nahm auf einem Stuhl vor den Bänken Platz. Dann trat der Oberkellner Moritz vor. „Was wissen Sie über Beziehungen des Angeklagten und einer Frau Blinker?" Ter Zeuge blickte verlegen nach Dr. Werner hin. Der R .orsitzende bemerkte dies und sagte: „Sie haben die lautere Wahrheit zu sagen, nichts hinzu- zusetzen und auch nichts wegzulassen." „Ich weiß gar nichts davon."— Ter Zeuge schwitzte und wischte sich das(Besicht mit einem Taschentuch. „Sie sollen sich aber ganz anders gegen den Kriminal- Schutzmann Trenkler ausgesprochen haben." „Das ist nicht wahr. Ich weiß gar nichts." „Wissen Sie überhaupt, wer Frau Blinker war?" „Nein ich kenne sie nicht. Aber dann sagte mir der -�riniinole' daß es die Dame sei. die schwarz angezogen und abends zu' Herrn Rechtsanwalt käme. Da habe ich gesayt, �aß ich zwei- oder dreimal dem Herrn Rechtsanwalt in der Bibliothek kalte Küche für zwei Personen serviert und dabei auch einmal eine �arne gesehen habe, die schwarz angezogen und rotblonde Haare hatte. Da sagte mir der Kriminale, wäre die Frau Blinker." . Haben Sie irgendeine Intimität ztmichen den beiden be- merkt?" .....Nein, der Herr Rechtsanwalt sagte einmal, kommen Sie, gnädige Frau, ein Bissen wird Ihnen gut tun nach der langen Konferenz." „War das spät ani Abend?" „Es mag nach elf Uhr gelvesen sein." „Haben Sie das alles so, wie Sie uns das setzt darstellen, Kriminalschntzmann erzählt?" „Ja. Und da meinte der Kriminale, ich sollte nur mit der Sprache herausrücken, ich wisse doch sicher, daß die beiden ein Verhältnis miteinandr'r hätten. Da habe ich geantwortet, daß ich das nicht wüßte und daß es mich auch gar nichts anginge. Mehr habe ich nicht gesagt." „Zeuge Trenkler, treten Sie noch einmal bor. Sie haben gehört, was der Zeuge Moritz ausgesagt hat. Was sagen Sie dazu?" „Ich bleibe bei meiner beschworenen Aussage, Herr Prä- sident. Auf den Wortlaut kann ich mich nicht niehr genau be- sinnen, aber der Kellner hat mich dabei verständnisvoll an- gelächelt. Und das sagte mir mehr als seine Worte." „Ich habe gar nicht gelächelt." „Sie sind nicht gefragt!— Alsy ans dem Lächeln haben Sie den Schluß gezogen?" „Und aus dem, was mir Frau Dietze gesagt hat." „Nun, wir werden gleich hören.— Frau Dietze!" Frau Dietze trat vor, sw zog hastig den dunklen Zwirn- Handschuh von'der rechten Hand. Ter Vorsitzende sah die Zeugin durchdringend an. Er neigte etwas den Kopf, als ob er sagen wollte, an der ist kein Falsch. „Was wissen Sie von intimen Beziehungen zwischen dem Angeklagten und der Frau Blinker. Sie kannten doch Frau Blinker?" „Ja, sie kam oft zu Herrn Rechtsanwalt auf die Kanzlei, aber eine Liebelei war da nicht." „Woher wissen Sie das so genau?" „Ich bin eine verheiratete Frau und habe eine große Tochter. Da hat man doch für so etwas ein Auge." „Nun, nun,— Ist Frau Blinker nicht auch öfters spät am Abend oder nachts beim Angeklagten gewesen?" „Das weiß ich nicht. Aber einmal sagte mir Herr Rechts- anwalt, Frau Blinker käme noch, ich sollte den Teetisch in der Bibliothek zurecht machen. Da waren die Leute schon aus der Kanzlei fort." „Und dann sind Sie fortgeschickt worden?" „Nein, fortgeschickt nicht, ich gehe immer abends, wenn ich aufgeräumt habe, in meine Wohnung. Ich wohne nämlich oben in der vierten Etage iiiit meinem Mann." „Sic sollen dem Kriminalschützmann Trenkler gesagt haben, der Angeklagte habe Sie immer fortgeschickt, wenn er Frau Blinker erwartete." „Das ist erstunken und erlogen!"— die kleine Frau bebte vor Erregung und drehte sich nach dem Zeugen Trenkler um. —„Was habe ich gesagt? Kommen Sie mal her und sehen Sie mir in die Augen." Im Publikum lächelte man. Es wurde doch sehr amüsant. „Ich ermahne die Zeugin zur Ruhe. Solche Bemerkungen, wie erlogen, sind unstatthaft." „Aber wenn's erlogen ist!" „Ruhe— Zeuge Trenkler, treten Sie noch einmal vor." „Was soll ich gesagt haben?" rief ganz unbekümmert um die Ermahnungen des Vorsitzenden Frau Dietze und knüpfte erregt die Bänder unter ihrem Hut zusammen. „Wenn die Zeugin sich nicht mäßigt, muß ich sie in Strafe nehmen. Sie kommen schon noch zu Worte"— und dann zum Zeugen Trenkler gewendet—„Hat Ihnen die Zeugin Dietze gesagt, daß sie jedesmal, wenn Frau Blinker spät den An- geklagten besuchte, fortgeschickt worden sei?" „v�a.-, „So eine dreiste Lüge!" „Ruhe! Ich ermahne Sie jetzt zum letzten Male.'— Wann und wo hat sie Ihnen das gesagt?" „Als ich sie in Ihrer Wohnung aufsuchte, auf dem Treppenabsatz." Staatsanwalt Diestel schnellte auf. Er ging vor sittlicher Entrüstung ganz aus den Fugen und rief, ehe noch die Zeugin geantwortet hatte:„Ich mache die Zeugin darauf aufmerk- fam, daß ich sie sofort verhaften lasse, wenn sie einen Meineid leistet." Der Vorsitzende sah mit hochgezogenen Augenbrauen auf. Doch da sagte schon Justizrat Losso und legte die Hand auf den Arm des Rechtsanwalts Dr. Renker. der ausspringen wollte: „Ich bitte den Herrn Vorsitzenden, die Zeugin Dietze gegen den Einschüchterungsversuch der Königlichen Staats- anwaltschaft in Schutz zu nehmen. Es liegt nicht der mindeste Anlaß vor, zu vermuten, daß die Zeugin eine falsche Aussage gemacht hat. Rachdein, was mir über die rege Phantasie des Zeugen Trenkler gehört haben, ist die Möglichkeit eines, ich will mich sehr vorsichtig aussprechen, Mißverständnisses aus seiner Seite nicht ausgeschlossen, eines Mißverständnisses, das sich vielleicht uocki aufklären- läßt. Aber derartige Drohungen mit sofortiger Verhaftung sind nicht dazu angetan, eine bbBH einSezieht 23,53 Millionen Ouadratkilometer. Obenan steht das russische Reick mit 5,31 beziehungsweise 21,84 Millionen Luadratkilometer. In weitem Abstand folgen mit 536 464 Quadrat- tilometer Frankreich, mit 313 649 Großbritannien. Diesen großen Ländern reihen sich an Serbien mit zirka 84 90(1, Belgien mit 29 455 und Montenegro mit rund 15 909 Quadratkilometer. Sämtliche Länder Europas umfassen eine Fläche von 19,0 Millionen Quadrat- kilometer oder noch nicht einmal den dreizehnten Teil der Erd- oberfläche mit 134,7 Millionen Quadratkilometer. Von dem europäischen Ländergebiet von 19 Millionen Quadratkilometer be- finden sich also zurzeit nicht weniger als 7,51 Millionen im Krieg. Berücksichtigt man, daß auch noch die meisten neutralen Länder in Europa mobil gemocht haben, so kann man ohne Uebertreibung sagen, daß das gesamte Europa sich im Kriegs- zustande befindet. Das ist aber schließlich in der Geschichte Europas nichts Neues, daS Besondere des gegenwärtigen Krieges ist die numerische Uebcrmacht der gegnerischen Bevölkerung. Das Deutsche Reich zählt nach der letzten Zählung 64,92 Millionen, Oesterreich- Ungarn 51,39 Millionen, die beiden Länder zusammen also 116,31 Millionen Menschen. Die vereinigten gegnerischen Länder haben dagegen eine Bevölkerung von 269,91 Millionen Menschen, die sich auf die einzelnen Gebiete wie folgt verteilt: das russische Reich hat eine Bevölkerung von 163 Millionen, Großbritannien eine solche von 45,22. Frankreich von 39,69, Belgien von 7,42, Serbien von zirka 4,49 Millionen und Montenegro von etwa 259 999 Menschen. Die Bevölkerung aller am Kriege beteiligten Länder stellt sich auf 376,32 Millionen Menschen. Erwägt man nun, daß Europa insgesamt 465 Millionen Einwohner, mit Einbeziehung des asiatischen Rußlands 493 Millionen haben mag, so sichr man, daß der Ausdruck.Europa in Waffen" bei diesem Kriege in Wirklichkeit zutrifft. Die Bevölkerung der ganzen Welt kann man mit 1672 Millionen Menschen annehmen. Fast der dritte Teil der Menschheit ist also durch den jetzigen Krieg in direkte Mitleiden- schaft gezogen. Jntereffant ist noch eine Trennung der Bevölkerung nach dem Geschlecht. Auf der einen Seite 57. auf der anderen Seite 128 Millionen oder mehr als dos Doppelte Männer. Die numerische Ucberlegenheit der Gegner ist da- mit sicherlich sehr erheblich. Aber an dieser Gegenüberstellung sieht man wieder einmal, wie vorsichtig man in der Wertung von Ziffern sein muß und was für eine schwierige Wissenschaft die Statistik ist. Die numerische Ueberlegenheit braucht Deutschland und die Donaumonarchie keineswegs zu schrecken. Die Zahl der Menschen ist gewiß nicht gleichgültig, aber wichtiger ist die Qualität der Menschen._ Paris nach öer ersten Niederlage 1$70* Emile Olivier, der napoleonische Minister, hat in seinem großen Werk über die Geschichte des zweiten Kaiserreichs auf Grund seiner persönlichen Erlebnisse die Stimmung in Paris nach den ersten Niederlagen geschildert. Kaiserin Eugenie hatte schon in der Nacht des 4. August die Meldung erhalten, daß die Franzosen bei Weißenburg geschlagen seien, aber sie hatte sie erst um 11 Uhr morgen? des anderen TageS den Ministern mitgeteilt. Die Oeffent- lichkeit erfuhr von diesen Kämpfen nur durch eine sehr abgeschwächte und veränderte Meldung:.Drei Regimenter der Division de« Generals Douap und eine Brigade leichter Kavallerie sind von sehr beträcht- lichen Kräften bei Weißenburg angegriffen worden. Die Truppen haben während mehrerer Stunden den feindlichen Angriffen widerstanden und sich dann zurückgezogen." Auch in dieser Fassung, die das Publikum im unklaren ließ, war die Depesche geeignet. Beunruhigung hervorzu- rufen, und so drängte sich die Menge auf den Boulevards in einer furchtbaren Erregung. Lange Reihen von Fußgängern schoben sich aneinander vorüber, dazwischen standen Gruppen herum, in deren Mitte irgend ein Redner mehr oder weniger falsche Nachrichten mit- teilte. Man drängte sich an den Verkaufsständen der Zeitungen, da- zwischen zogen wieder Trupps junger Leute, die zu ihren Regimentern gingen, vorüber. An ihrer Spitze wurde eine Fahne getragen. Freunde und Bekannte gingen mit, und Kriegslieder wurden angestimmt, so daß die Stimmung immer erregter wurde. Während die Kaiserin nicht entmutigt schien und den Ministern, die ihr ihr Beileid bezeugen wollten, eine Stelle in der Bibel zeigte und sagte:.Nicht wahr, läßt sich das nicht in einem günstigen Sinne ausdeuten?", stand Ollivicr selbst ganz unter dem Druck schwerer Befürchtungen. Von seinen Erlebnissen, während er sich zu Fuß nach den Tuilerien begab, erzählt er folgendes:.An der Place de la Eon- corde traf ich auf Pferde, die kleine Fahnen auf ihren Köpfen trugen; ich sah empor und bemerkte, daß viele Häuser geflaggt hatten. Ich fühlte einen unbeschreiblichen Druck auf dem Herfen. Ich hielt einen Vorbeigehenden an und fragte ihn:„Warum diese Fahnen? ES gibt doch nichts Neues?".O gewiß, mein Herr", antwortete der andere freudestrahlend,„man hat soeben an der Börse die Nachricht von einem großen Siege Mac Mahons angeschlagen. 25 999 Gefangene sind gemacht und der Kronprinz ist darunter." Die Wirkung dieser gefälschten Depesche war unbeschreiblich. Im Augen- blick war die Börse leer, die Menge zerstreute sich über die Straßen. Klärung herbeizuführen, sie könnten höchstens verwirren und damit ist uns nicht gedient." „Ach, Herr Rechtsanwalt, ich lasse mich nicht irre machen." unterbrach Frau Dietze,—„Sie können ja auch meinen Mann fragen." „Ich verbitte mir den Ausdruck Einschüchterungsversuch. Ich fordere die Verteidigung auf, diesen Ausdruck zurück- zunehmen." Staatsanwalt Diestel glühte, seine Stimme über- schlug sich. „Es ist wohl meine Befugnis, die Verteldigung aufzu- fordern, einen gefallenen Ausdruck zurückzunehmen. Aber auch ich bitte den Herrn Justizrat, nicht von Einschiichterungs- versuch zu sprechen, was leicht zu Mißdeutungen Anlaß geben könnte." Justizrat Losso verbeugte sich:„Wenn es die Ansicht des Herrn Vorsitzenden ist, daß der Ausdruck zu Mißdeutungen Anlaß geben könnte, trage ich dem Wunsche natürlich Rech- nung."— Und dann zur Zeugin gewendet:—„War Ihr Mann bei der Unterredung zugegen?" „Mein Mann stand hinter der Türe. Er war gerade von der Arbeit gekommen und wir wollten uns zu Tisch setzen. Ich hatte deshalb den Kriminalen gebeten, auf dem Flur zu warten. Mein Mann liebt solche Schnüffeleien nicht und kann recht rabiat werden. Er wurde ungeduldig, als der Schutz- mann immer mehr wissen wollte und pochte an die Türe, und als ich wieder rein kam, machte er mir Vorwürfe, daß ich mich hätte so aushorchen lassen." „Dann müßte die Verteidigung den Schlosser Dietze als Zeugen benennen, doch gibt vielleicht der Zeuge Trenkler jetzt zu, sich verhört zu haben." Ter Kriminalschutzmann Trenkler zögerte, dann sagte er: „Es könnte sein, daß ich mich vielleicht verhört habe, aber ich habe das so aufgefaßt." „Das genügt der Verteidigung. Dem Fortschicken ist es ergangen wie dem Gelage, das sich auf eine harmlose Tasse Tee reduziert hat.-- Und der Herr Staatsanwalt wird wohl, keinen HaftbefeM gegen die Zeugin Dietze erlassen." Der Vorsitzende lächelte kaum merklich, dann frug er: „Werden weitere Fragen gestellt?"— Und da die Frage der- neint wurde—„Tie Zeugen können Platz nehnicn." Frau Dietze setzte sich. Sie sah wieder ganz bescheiden drein und suchte halb entschuldigend mit den Augen Dr. Werner, p>ie eis Hund, der gegen das Verbot seines Herrn um das Glück allen zu verkünden. Die Bravos, die Schreie, der Gesang der Marseillaise wurden mit Begeisterung aufgenommen, im Nu hatte sich die Neuigkeit über die Stadt verbreitet und die Erregung war in ein Delirium umgeschlagen... Ich schlug einen eiligeren Schritt ein; auf dem Vendöme-Platz geriet ich in eine wild erregte Menge, die Wutschreie gegen die Regierung ausstieß, die kein Wort sage und die Siegesnachricht verbergen wolle. Mit Mühe kam ich unerkannt hindurch. Aber kaum war ich im Ministerium, so hörte ich die Rufe der Menge:„Auf den Balkon, auf den Ballon." Ich trat hinaus und sagte mit schmerzerfllllter Stimme:„Die heute an der Börse angeschlagene Nachricht ist ein unwürdiges Manöver. Eine Unter- suchung ist eingeleitet, um die zu bestrafen, die in einem so feier- lichen Äugenblick die öffentliche Ruhe stören, die die Regierung auf- recht erhalten hat. Die Regierung gibt allen Zeitungen unverzüglich die Nachrichten, die sie erhält.(Eine Stimme:„Zehn Stunden später I" Rufe:„Die Börse schließen!"> Sie fordern von mir die Schließung der Börse.(„Ja! Ja 1") Das ist eine sehr schwere Maßnahme, zu der sich die Regierung erst nach reiflicher Ueberlegung entschließen wird. Aber was ich Ihnen sagen kann, das ist, daß alle Vorsichtsmaßregeln gc- troffen sind, damit sich nicht von neuem ein so skandalöser Vorfall wiederhole. Hier alle Neuigkeiten, die wir haben:„Der Marschall Mac Mahon zieht seine Truppen zusammen, um die Schlappe wieder gutzumachen, die eine unserer Divisionen erlitten hat." Eilen Sie durch ganz Paris und sagen Sie überall, daß die Regierung alle bestimmten Nachrichten veröffentlichen wird. Wenn sie gut sind, werden wir sie Ihnen mit Freuden mitteilen; sind sie schlecht, so werden wir sie veröffentlichen mit dem festen Vertrauen, daß ein vorübergehendes Unglück niemals hre Vaterlandsliebe und Ihren Glauben an den glücklichen nderfolg erschüttern wird. Setzen Sie Vertrauen in uns, wie wir Vertrauen in Sie setzen. Während unsere Brüder an der Grenze kämpfen, wollen auch wir genug Selbstzucht zeigen, um durch unsere Geduld sie zu unterstützen, und vereinigen wir uns in dem ein- stimmigen Ruf:.Es lebe das Vateriand, es lebe Frankreich!" (Beifall. Rufe: ES lebe Frankreich!) Nach diesen Worten verlief sich die Menge." Die Folge dieser Erlebnisie war der Beschluß der französischen Minister, einen der ihrigen nach Metz zu schicken, um den Kaiser zu unterrichten, welche Schwierigkeiten durch diese Art der Bericht- erstattung entstehen könnten, und zugleich einen direkten Eindruck von dem Geist des Heeres zu erhalten. Der Urmensthenfunö von Gberkastel* Der erste Fund von nahezu vollständigen menschlichen Skeletten aus der Rennnerzeit ist in Deutschland vor einigen Monaten in Oberkaffel bei Bonn gemacht worden. Seine hervorragende Bedeu- tung wird in da? rechte Licht gerückt durch die Mitteilungen, die die Professoren Verworn und Bonnet vor kurzem in der Bonner Ambro« pologifchen Gesellschaft darüber gemacht haben. Wie wir einem Be- licht der„Deutschen Literalurzcitung" entnehmen, ließen sich die beiden Skelette mit größter Schärfe und Genauigkeit der älteren Steinzeit, und zwar dem sog. Magdalsnien, d. h. der jüngsten Renntier- zeit, zuweisen. Bei den Skeletten fanden sich verschiedene Beigaben. nämlich Tierknochen und aus Knochen geschnitzte Gegenstände. Der „Haarpfeil", der nach Angabe der Arbeiter unter dem Kopf des einen SlelettS lag, ist ein aus harten Knochen geschnitztes, ca. 29 Zentimeter langes, sehr fein poliertes Glättinstrument von großer Schönheit der Arbeit und vorzüglicher Erhaltung. Der Griff zeigt einen kleinen Tierkopf, der Aehnlichkeit mit einem Nagetier- oder Marderkopf hat. Auf den Schmalseiten weist das Instrument eine für die Renntier- zeit sehr charakteristische Kerbschnittverzierung auf. Die zweite Knochenschmtzerei ist einer jener Keinen auf beiden Seiten gravierten Pferdeköpfe, wie sie auch sonst in den unteren Magdalönienschichten gesunden wurden. Bei dem Fund handelt es sich zweifellos um einen Begräbnisplatz, nicht um ein Lager; dieses befand sich wahrscheinlich in der Nähe im Schutze einer Basaltwand, und die diluvialen Jäger begruben ihre Toten in nicht allzu großer Ent- fernung, indem sie diese nach dem üblichen Ritus mit reichlichen Mengen roter Farbe umgaben und mit großen Steinen sorgfältig überdeckten. DaS wichtigste des Fundes sind die beiden Menschenskelette, die durch ihren Erhaltungszustand, durch ihre Vollständigkeit und dadurch, daß es ein männliches und ein weibliches Skelett ist, sich den besten diluvialen Funden an die Seite stellen, die man überhaupt gemacht hat. Der Schädel der etwa 20jährigen Frau konnte bis auf Teile der beiden Schläfenschuppen, die Nasenbeine und einige Defekte an der Schädelbasis vorzüglich zusammengesetzt werden. Der lang- köpfige, in der Scheitelansicht durch Einziehung der flachen Schläfen leicht gitarrenförmige Hirnschädel verläuft über die gutgewölble steile Stirn in schönem Bogen. Die Stirn ist mäßig breit, da« Geficht zeigt einen kräftig entwickelten Kieferapparat. Die übrigen Skelettknochen deuten auf eine» zierlichen Körper von etwa 155 Zentimeter Länge. Während dieser weibliche Schädel eine gewisse Feinheit der Linien aufweist, zeigt der männliche Schädel im schroffen Gegensatz dazu einen brutalen Gesichts- auSdruck, da durch die Breite und Niedrigkeit des Gesichts ein grobe» Mißverhältnis zu der mätzig breiten und etwas geneigten Stirn und einen Strolch angebellt hat. Das Geflüster des Publikums hinter ihr war ihr ganz gleichgültig. Mit der Vernehmung dieser Zeugen war eine kostbare halbe Stunde vergeuhet, die Verteidigung erregt, der Vor- sitzende gelangwcilt und Frank Werner Qualen bereitet wor- den, völlig zwecklos, wie eine schnoddrige Bemerkung in einem ernsten Gespräch. Das Publikum hatte mit Interesse zu- gehört, aber es war doch für ihn nur wie das Auftreten der Clowns im Zirkus gewesen, die eine Pause ausfüllen sollen: es war belustigt worden, hatte gelacht, blieb aber ungeduldig, erwartungsvoll auf die große Nummer, die angekündigt war. — Den Chaiitpion Jongleur Felix Blinker und die Verwand- lungskünstlerin Mrs. Blinker-Crighton. Als Felix Blinker aufgerufen wurde, reckten sich die Hälse, die Neugierde sprang wie Funken aus ihren Augen. Er habe sein Bestes getan, um seiner Frau zu retten, was zu retten war. Aber Dr. Werner sei immer ein Hemmnis gewesen und er bedaure sehr, daß durch dessen Eingreifen die Sanierung gestört worden sei. Die Schäsfersche Hypothek habe er für feine Mutter erworben, denn er habe doch wohl auch für seine alte Mutter zu sorgen. Das Geld hierfür habe er schon früher für seine Mutter zurückgelegt. Und daß seine Mutter den Anspruch seiner Frau gegen ihn in Höhe von 10 000 Mark gepfändet habe, sei ihre Sache, er könne ihr nicht hineinreden, wie sie ihr Vermögen anlegen wolle... Ahl Er war ein Ehrenmann, der sein Bestes getan hatte! Staatsanwalt Diestel strahlte. Mit diesem Zeugen ließ sich doch noch Staat machen. Der Vorsitzende schien nicht ganz die Begeisterung für diesen Zeugen zu teilen, und sie schmolz immer mehr zusam- men, jemehr andere Zeugen die geschäftliche Tätigkeit Felix Blinkers beleuchteten. Das schien aber diesen nicht zu stören. Er bewahrte seine Ruhe, hatte für alles eine Erklärung— ja damals war eine schlechte geschäftliche Lage— oder— das konnte der vor- fichtigste Kaufniann nicht voraussehen— hätten die Leute noch gewartet, dann wäre alles gut geworden. Jetzt prasselten Fragen auf ihn herab, mit bitterem Hohne aus dem Munde von Dr. Renker und anscheinend harmlose Fragen, die Justizrat Losso mit gleickiblcibender Verbindlichkeit stellte, die aber messerscharf geschliffen waren und ein glattes Ja od« Rem erforderten.(Forts, folgt.) dem gut gewölbten Hirnschädel entsteht. Eine Verbiegung deS Ober« kiesers nach rechts und das mangelhafte Gebiß machen die Physiognomie noch abstoßender und lasten den Schädel greisenhafter erscheinen, als er tatsächlich ist. Die Obergesichtsbreite ist durch ein un- gewöhnlich großes Jochbein sehr beträchtlich; die niedrigen, recht- eckigen Augenböhlen sind stark nach außen und unten geneigt, und über ihnen fällt ein einheitlicher breiter Oberaugenhöhlenwulst auf. Das Aller des Mannes ist auf 49—59 Jahre anzusetzen. Die beträchtlichen Abweichungen der beiden Oberkasseler Schädel von- einander sind nicht nur durch die Verschiedenheit der Geschlechter zu erklären, sondern sie sind die sehr bemerkbaren Folgen von Kreuzungen, die während des Diluviums staltgefunden haben. Während der Mann Rastezeichen der Urmenschen vom Neandertal und Cro-Magnon aufweist, treten bei der Frau die Cro-Magnon- Merkmale zurück._ kleines Zeuilleton. Jn üer Schule. „Kommt näher," sagt der Lehrer zu den Schülern,„ich will Euch zeigen, wie weit unsere Truppen schon vorgedrungen sind." Gut fünfzig Knaben schieben sich in fiebernder Hast aus den Bänken. Sie springen auf den Katheder und drängen sich eng zu- sammen. Sie drücken den Lehrer gegen die Wandkarte von Europa. „Werdet Ihr gleich nickt so drängen!" ruft er, die flachen Hände zur Abwehr von sich streckend. Ein Schwanken noch in der Masse, als wollte sie daS Gleichgewicht gewinnen, und dann steht sie still. „So," sagt der Lehrer.„Und nicht drängen. Wer drängt, muß in die Bank zurück." Lächelnd kehrt er sich der Landkarte zu. „Hier also seht Ihr Lüttich, das bereits in unseren Händen ist. Könnt Ihr alle sehen?" „Ja," antwortet das halbe Hundert gleichzeitig. „Die Eroberung dieser Stadt hat viel Blut gekostet. Auf beiden Seiten sind sehr viel Soldaten gefallen." «Herr Lehrer," fragt einer der Knaben,.ist mein Bruder auch schon gefallen?" „Hoffentlich nicht." „Aber er schreibt gar nicht mehr. Meine Mutter weint schon immerzu." „Dann tröste sie. Sage ihr, eS fällt nicht jeder. Es ist auch im Kriege nicht viel Zeit zum Briefe schreiben. Ja. Und hier unten, in Frankreich, seht Ihr Brietz, ein kleiner Ort, der auch schon in unscren Händen ist." „Freilich, Herr Lehrer, wir werden gewinnen." „Der Feind hat die Uebcrmacht, aber wir haben die besteren Soldaten." „Wird der Krieg lange dauern?" will ein anderer Junge wisten. „DaS kann niemand sagen", antwortet der Lehrer. Aber wenn Belfort erst gefallen ist... Ihr seht es hier. Es liegt in gerader Richtung mit Altkirch. 1871 haben eS die deutschen Truppen im Januar eingenommen." „Herr Lehrer, mein Vater hat gesagt, Weihnachten bin ich wieder zurück. Ja. Und einen Weihnachtsbaum bringe ich mit aus Ruß- land, hat er gesagt." Die andern lachen und der Lehrer selbex lächelt in die hohle Hand. „Ist aber mal wahr; hat er gesagt", beteuert der Knabe, und et steigt ihm ein brennendes Rot rn die Wangen. „Wir glauben es Dir, mein Junge", nickt ihm der Lehrer zu. „Vielleicht ist tatsächlich bis zu Weihnachten alles wieder vorüber." „Ja. Herr Lehrer", schreit ein Knirps in vorwurfsvollem Ton. „meine Mutter hat gestern gesagt, �wenn sie«S nicht rasch machen, so verhungern wir noch alle. Eene Stulle kriege ich auch nicht mehr mit. Mein Vater hat keene Arbeit. Und meine Mutter auch nicht. Und... und..." Der Junge schlägt mit den Fäusten um sich, eilt auf seinen Platz zurück, legt das Gesicht auf die Bank und weint. „Geht auf Euer« Plätze." sagt der Lehrer zu den anderen, und bedrückt schleichen sie in die Bänke zurück. „Beruhige Dich doch, Wittle, die schwere Zeit wird vorüber- gehen und es werden wieder bessere Tage kommen. Für alle. Für Deine Eltern auch." Aus der letzten Bank ruft einer:„Hier, Wittke, hast Du eine halbe Schrippe. Ehrlich geteilt." Man drückt sie dem Hungrigen in die Hand. Theater. Charlottenburger Schiller-Tbeater. EröffnungS- Vorstellung zum Besten des Roten Kreuzes: Prinz von Hom- bürg von Heinrich von Klei st. Je schwerer die Sorge lastet, um so wertvoller erscheint eS, daß Stätten bleiben, wo dann und wann der Sinn im Anschauen dessen, was die Kunst geschaffen, Vergessen finden, aus der Not des TageS sich sammeln und erheben kann. Die Vorstellung fand vor vollbesetztem und beifallsfreudigem Hause statt. Die kriegerisch-palriotischcn Stellen des Klcistschen Preußendramas, das die Schlacht von Fehrbellin, die Vertreibung der Schweden durch den Großen Kurfürsten zum historischen Hinter- gründe hat, wurden mit stürmischen Ovationen aufgenommen. Der Dichter, der die� Unterwerfung Deutschlands durch Napoleons Armeen voll glühenden JngrimmS mit erlebt hat, doch, früh durch Selbstmord endend, den ersehnten Ausbruch de« Frei- heitSkrieges � nicht mehr sah, verherrlicht hier in der Ent- Wickelung seines Homburg die fest gefügte Macht der Disziplin, der jede noch so stürmisch genialische Individualität um der gemeinen Sache willen im Krieg Gehorsam schulde. Entgegen der erteilten Order schlägt der Prinz bei Fehrbellin los. Mit glänzendem Er- folge. Ihm scheint der Sieg zu danken. Aber der Kurfürst, sein Verwandter, stellt ihn vor« Kriegsgericht, das ihn nach über- liefertem Gesetz zum Tode verurteilt. Alles empört sich wider die schonungslose Härte. Doch als der Kurfürst an das unbestochene Gefühl des eben noch vom Todesgrauen geschüttelte» Jünjflings appelliert, als er ihm durch die Braut den Brief in das Gefängnis schickt: Wenn der Prinz in Wahrheit den Spruch für ungerecht erachte, so habe er die Freiheit loieder, vollzieht sich im Verurteilten die Wandlung. Jenes Gesetz, das ihm bisher »icklt ungerecht schien, kann er nicht darum ungerecht nennen, weil es sich nun gegen ihn kehrt. Er erklärt sich schuldig und ist bereit, mit dem Tod zu büßen. So hat es fein Kriegsherr erwartet. Er reicht ihm den Lorbeerkranz. An der Spitze seines Heeres soll Homburg zum letzten Kampfe wider die Schweden ziehn, und enthusiastisch jubeln die Obersten ihm zu. Alfred Braun, der an Stelle Pacschkcs den Prinzen spielen mußte, setzte sich mit redlichem Bemühen für die Aufgabe ein. Klug- verständig zeichnete Pategg die Figur des Kurfürsten. Adele StasiewSki war eine sympathische Natalie, Artur Menzel im Schluß- akt ein trefflicher Oberst Kottwitz. dt. Notizen. — Ein altes Tischgebet wird in der„Tägl. Rundschau" folgendermaßen travestiert:„Herrgott, komm! Sri du unser Gast, In Not und Sieg. Segne, was du uns bescheret hast, Auch diesen Krieg l Schirm' uns're Kinder und Frauen— lind laß uns die' Feinde verhauen! Amen." Für„JefuS" ist„Gott" gesetzt. Man würde sonst zu peinlich an das unpatriotische Jesu«- wort„Liebet eure Feinde!" erinnert werden. —, A l l« s k l a g t." So steht�es groß und fett über einem Artikelchen der.Vossischen Zeitung". Sollte die„Tante" kriegSmüde geworden sein? dachten wir und lasen die Geschichte durch. Aber es war nur ein HyinnuS auf unseren Aufmarsch, und die lieber- schrist sollte offenbar lauten:„AlleS klappt." So geht es bei der Sucht, die Abendblätter möglichst früh herauszubringen. Nächstens wird man sie schon vormittags ausrufen. — Julius Raschdorff, der Erbauer des Berliner Domes, ist im Auer von 91 Jahre« gestorben.