Nr. 161.- 1914. Unterhaltungsblatt öes vorwärts Dovilerstag, 39. August. Kriegstage in Petersburg. i. Endlich ein Hoffnungsstrahl! Die„Petersburger Zeitung" meldete, es gäbe wieder eine Ver- indung mit der nichtrussischcn Welt, nämlich eine Dampferverbindung zwischen Finnland und Schweden. War diese Meldung Wahrheit oder eine Ente, wie so viele anderen? Darüber Betrachlungen anzu« stellen, fiel nur Wenigen ein. Die lange Fahrt nach dem finnischen Hafenort Rouma mufite gewagt werden. Jede Stunde Verzögerung konnte Gut und Freiheit, wenn nicht das Leben kosten. Die Tage nach der Kriegserklärung waren für die Deut schen und Oesterreicher Tage der bangen' Sorge, der Ungewifiheit, der Todesfurcht. Tag für Tag liefen sie zu Hunderten von Bahn- Kch zu Bahnhos, von Konsul zu Konsul, mit der Hoffnung auf eine Möglichkeit zur Heimreise. Enttäuscht kehrten sie wieder heim in die ungastlich gewordene Klause, oder wenn sie mit ihren Hafr seligkeitcn schon auf die Strotze gesetzt worden waren, irrten sie hoff nunaSlos umher. Dazu hörten sie ständig von Niederlagen der deutschen Truppen, von immer trauriger werdenden Zuständen in der Heimat. Ihre Freunde und Bekannten unter den Russen hatten, sich artig verbeugend oder fluchend, von ihneit abgewendet. Auf der Stratze deutsch sprechen, war lebensgefährlich geworden. Jede sran- zösische Hure wurde als Befreierin begrützt, der ehrliche deutsche Arbeiter wurde wie ein Pestkranker aus Arbeit und Wohnung ge- hetzt. Ein Bleiben gab es nicht. Aber wohin? Kein Durchschlüpf wollte sich auftun, weder nach der chinesischen, noch nach der deut- schen oder schwedischen Seite. Aus Finnland und Polen wurden die Deutschen ausgewiesen. Sie alle kamen nach Petersburg, wo es doch eine Verbindung mit der Heiinat geben mutzte. Die neue Schiffsverbindung wurde am g. August bekannt, �ch packte schleunigst meinen Koffer. Den Patz hatte ich schon gleich nach der Kriegserklärung, also am 2. August, abstempeln lassen, um für alle Fälle bereit zu sein. Wie gut dies war, wurde ich mit jedem Tage mehr gewahr. Wer später von den zwischen 20 und i0_ Jahre alten Deutschen auf der Polizei behufs Patzabstempelung erschien, wurde registriert oder gleich verhaftet. Allerdings ist das Verweilen mit einem für die Abreise aiiS- gefertigten Patz ungesetzlich und mir drohte in dieser Zeit sofortige Verhaftung. Ter Dwornik(Hausmeister) machte mich zweimal darauf aufmerksam, datz ich meinen Patz wieder auf die Polizei schicken müsse. Ich beruhigte die um die Gesetzesersüllung besorgte Seele mit einem Rubelchen. Damit gab er sich schlietzlich auch zu- frieden und grützte wieder mit tiefer Vcrneigung. Der nächste Zug zur finnischen Hafenstadt ging Montag, den l0. August, früh um 9 Uhr Eine Stunde vor Abgang stand schon eine viel hundertköpfige Menge vor deni Perrongitter des sinn- ländischen Bahnhofs. Mit jeder Minute erhielt sie noch starken Zuwachs. Drautzen am Billetrschalter harrten, in Schlangenlinien geordnet, noch Hunderte von Menschen, die alle mit dem Zug nach Finnland wollten. Viele Schweden, Deutsche und Oestcrreicher lvaren unter der Menge. Auch Old England weiblicher Linie war stark vertreten. Der Menschenhaufen protzte sich immer fester an das Gitter. Viertelstunde um Viertelstunde verrann, aber geöffnet wurde nicht. Durch eine Seitenpsortc wurden ständig Leute eingelassen, die hastig auf den Zug zuliefen. Einige machten sich durch ein kleines Sternen- banner am Brustlatz als Amerikaner erkenntlich. Mit jeder Minute wurde es klarer, datz von den Reiselustigen auch nicht der dritte Teil Platz finden würden. ES hictz schnell handeln. Aus der hart aneinander gcpretzten Menge berous an die Seitenpforte zu kommen, � war glatterdings unmöglich. So kletterte ich über das Perrongitter. Was ich bestimmt erwartet hatte, traf prompt ein: Zwei Bahnbeamte stürzten auf mich zu und schrien:„Rilfia! Nilsia Sie hätten sich die Mühe sparen können. Denn datz selbst in Rutzland Pcrrongitter nicht aufgestellt werden, um von Reisenden überklettert zu werden, schien mir einleuchtend. Ehe sie herankamen, stand ich schon jenseits des Faunes. Mich mit diesen Schreihälsen in einen Wortwechsel einzulaffen, schien mir die Zeit zu kurz. Den ersten von ihnen hielt ich einen hellen Rubel hin und befahl ihm mir die Wagen zu zeigen, wo die Amerikaner unter- gebracht seien, ich müsse mit meinen Landslenten fort. Das Geld- ttück verwandelte die verzerrte Schauseite des Beamten in normale Form. Der Beschenkte nahm mir meinen Koffer ab und rannte voraus. Als ich an den Zug kam, hatte er schon einen Fensterplatz belegt. Weit und breit wird behauptet, der russische Bahnbeamte sei den Reisenden gegenüber hundsgemein, und ihn um Auskunft an- zugehen, sei zumeist vergeblich, da er selbst nichts wisse? die einzigen, die über Ankunft und Abfahrt der Züge und dergleichen Bescheid wützten, seien die an den Bahnhöfen„arbeitenden" Taschendiebe. Diese Behauptung wird durch meine Erfahrung am finnländischen Bahnhof zu Petersburg widerlegt. Kurz vor 9 Uhr wurde das Perrongitler geöffnet. Ein Haufen Menschheit kam schreiend an den Zug gerannt, suchte fluchend nach einen Platz und protzte sich hin, wo Raum war. Wir atmeten auf, als sichrer Zug endlich in Bewegung setzte. Freilich, von einer fröhlichen Stimmung war nirgends etwas zu verspüren. Auf den Gemütern lastete noch die Erinnerung an die letzten Tage mit ihren Hiobsposten, Verhaftungen, Verwüstungen und Totschlägen. Die drautzen auf der Plattform des Wagens blitzenden Bajonette sowie die militärische Begleitung des Zuges waren natürlich auch nicht geeignet, die Stimmung zu heben. Auf jedem Bahnhof wurde angehalten, und nicht selten ziemlich lange. Die Stationsgebäude sind stark bewacht. Militärposten allenthalben. Aus dem ersten Stockwerk des Stationshauses und den Nebengebäuden lugen Uniformen. In der Station Wiborg muhten alle Fenster verhängt werden t der auf der Plattform des Wagens stehende Posten nahm die Reisenden scharf ins Ailjjc. Die ausländischen Reisenden meinten, in Wiborg mühten viele Be- festigungsarbeiten verborgen werden: mitreisende Eingeborene sagten, die Fenster würden blotz geschlossen, damit die Fremden nicht sähen, datz da nichts zu verbergen sei. Gleich hinter Petersburg begegneten wir einem dreifach über- füllten Zug. Die unbeschreiblich zusammengepferchten Reisenden wollten nach Petersburg. Es waren zumeist ans Finnland Aus- gewiesene— Finnen und Ausländer.— die in Petersburg eine Möglichkeit zur Weiterreise zu finden hofften. Der Untertanentreue der Finnen scheint die Regierung deS Zaren alles andere, nur nichts Gutes, zuzutrauen. WaS nicht ganz zuverlässig ist, schiebt sie in das ungastliche Innere Rutzlands ab. Schon Tage vorher waren Militär- Pflichtige Finnen in Petersburg arbeitsuchend angekommen, die die russische Regierung zur Verteidigung des Vaterlandes um keinen Preis haben will. Andererseirs zieht sie Polen nach Finn- land. Im Zuge war ein halbes Dutzend ans Wilna kommender polnischer lstudenten der Medizin, die nach Wiborg und HelsingforS beordert waren. Nach der Zahl des in diese Städte beorderten Sanitätspersonals scheint man in Finnland einen grotzen Angriff zu erwarten. Daraus deutet auch die eiligst betriebene WaldauSrodung und die Erdarbeiten um Petersburg herum hin. Auf der Fahrt durch Finnland wird man sich erst eigentlich be- wutzt, warum die Finnen sich so heftig gegen das russische Joch gewehrt haben, sich iveiter wehren, lvehrcn müssen, ivenn sie nicht lvollen, datz ihre Kultur von der russischen Unkultur vernichtet wird. Man atmet erleichlerr auf, inan fühlt eine ganz andere Luft, wenn man die erste finnische Station erreicht. Das schmutzige, revaratur- bedürftige Stationsgebäude ist verschwunden; an seiner Stelle steht ein lichter Bau, von gut gepflegten Gärten umgeben. Man watet nicht mehr im Sand oder balanciert auf Brettern neben dem Zuge, sondern geht auf fein gepflastertem Boden oder sauberen Kieswegen. Die Felder, Gärten und Wege zeugen von Fleitz und Fachkenntnis. Die fleitzige deutsche Bauernhand könnte sie nicht beper schaffen. Die Baueriihänser sind ohne Ausnahme licht angestrichen und mit glatten Dächern bedeckt, waS man in russischen Dörfern durch die Bank vergeblich sucht. Die Freundlichkeit von Flur und Dorf wird gehoben durch freundliche, aufgeweckte Menschen. Unsäglich wohl iut es einem, wieder Menschen zu begegnen, deren GesichtSausdruck nicht von Stumpfsinn, von hundertjähriger geistiger und sonstiger Unterdrückung zeugt. Die kleinen Kinder lassen es sich nicht nehmen, den Reisenden Abschied zu winken. Allerliebst nehmen sich die Studentinnen au? mit ihren weitzcn Mützen, die keck auf dem hell- blonden Flachshaar sitzen. Die Bewirtung der Reisenden zeigt, datz die Finnen Organisationstalent, solvie Verständnis für die Neuzeit iu hohem Matze besitzen. Säle, Tische, Geschirr, alles peinlich sauber. Auf langen Tischen stehen Speisen aller Arr gehäuft; warme Mahlzeiten werden gebrauchsbereit gehalten: Tee, kalte Milch, Kaffee, Limonade und Bier ist vorratig. Jeder nimmt, wonach ihni gelüstet, und be- zahlt, nachdem er seine Bedürfnisse gestillt hat, nach eigener Schätzung. Man hat hier das Vertrauen in die Ehrlichkeit der Menschen noch nicht verloren. Wie gesagt, die Finnen haben eine Kultur gegen das Zarentnm zu verteidigen. Sie wisse», datz wenn die russische Kultur, das ist Reaktion. Stumpfsinn, Schmutz und Seuche, über die ihre siegen sollte, die Arbeit vieler Generationen unrettbar vernichtet ist. Was Wunder, wenn sie den Krieg gegen Rutzland mit einer Anfinerksam- keit verfolgen, wie das sonst nirgends in der Welt geschieht! Des ZarentumS Verlegenheit, ist ihre Gelegenheit. Sie— wie übrigens auch die Schweden— fiirchten nichts mehr, als einen Sieg der russischen Armee.____________ C h a g r i n. Die Kuflen in Cpötkuhnen. Den,„Berliner Tageblatt" wird aus Etzdtknhnen geschrieben: Vom 28. Juli ab umschwirrten russische Patrouillen den Ort Eydtkuhnen. Die Einwohner— zunächst Frauen und Kinder— verlietzen fluchtartig ihre Wohnstätten. Die bis zum 2. August noch zurückgebliebenen Privatpersonen und das gesamte Eisenbahnpersonal flüchtete» anr Nachmittag dieses TageS mit dem letzten Zuge, dem so- genannten Bergungszuge. Die Stadt, der Bahnhof war aus« gestorben. Nur ans dem P o st a m t war ein Häuflein von 24 Mann zurückgeblieben, um bis zur Grenze des Aeutzersten seine Pflicht zu tun. Eine Zugvcrbindung bestand nicht mehr. Wer noch fort wollte, mutzte die nächste, elf Kilometer entfernt liegende Stadt Stallupönen zu Futz zu erreichen suchen, wobei er Gefahr lief, von den russischen Patrouillen aufgegriffen zu iverden. Die Stadt Eydtkuhnen und das Postamt, welche ihr elektrisches Licht von der Eisenbahnstation erhielt, war nach dem Verlassen der Eisenbahner in Dunkel gehüllt. Kerzenlicht erleuchtete unsere Arbeitsplätze... Zwischen 12 und 1 Uhr nachts wurden wir plötzlich durch Pserdcgctrampel und Gewehr- schlisse aufgeschreckt. D i e R u s s e n waren d a! Von Preutzen nichts zu sehen! Wem galten die Schüsse? Während wir uns noch hierüber den Kopf zerbrachen, hörte das Schietzen auf, und es verstummte das Pferdegetranipel. Wir legten rins wieder zur Ruhe, etwas unangenehm durch die Störung berührt, Um ö Uhr 4» Minuten des grauenden Morgens dasselbe schnelle Ausschlagen der Hufe der kleinen Kosakenpferde. Ein Blick durch das Fenster klärte die Situation, Unser Nachbargebände, der Bahnhof, besetzt von einer russischen OffizierSpatronille, unbeachtet der von unseren Eisenbahnern beim Weggänge angebrachten Warnung:„Jedermann ist das Betreten strengstens verboten." Während wir noch den Vorgangen mit den Augen folgten und dabei bemerkten, datz ein Offizier Auszeichnungen machte, setzte sick das Gros nach Zurücklassung von Posten wieder in Bewegung. Kaum am Postamt vorbei, eröffneten die Russen auf dasselbe ein Feuer. Die Kugeln flogen auf das Dach und durchschlugen es. Nach Abgabe voii 20 bis 30 Schutz zog sich die Patrouille nach dem Markt zurück. Um eine Klärung der Situation herbeizuführen, erboten sich zwei Beamte, einen Pairouillengang durch die Stadt zu machen. Hier« bei stellten sie fest, datz ans dem Markt eine Schwadron russischer Dragoner abgesessen seien, sich daselbst russische Infanterie und eine Maschinengewehrabteilring befinden und sämtliche Ein- und Ausgänge des Ortes von den Feinden besetzt seien. Auf dein Markt selbst seien verschiedene Schaufenster zerschossen. Unter diesen Um- ständen war an ein Fliehen nicht mehr zu denken. Wir iniktzteir darauf gesaht sein, die Russen in unserem Heiin zu empfangen. Dieser Augenblick Uetz nichr lange auf sich warten. Um 9 Uhr lüMin. vormittags erschien ein Rittmeister mit einem Leutnant und fünf Mann von den rnssischen Dragonern und begehrten Ein- laß. Während die Russen unten im Erdgeschvtz vom Postinspektor empfangen wurden, arbeitereri im zweiten Geschotz, in welche!» sich die Telegraphensielle befand,„»unterbrochen Beamte, ihn den Zivil- und Militärbehörden von diesen Vorgängen Mitteilung zu machen. Zum Schlutz Wurde die noch bis zuletzt betriebsfähig erhaltene Fernleitung zerstört und der Fernhörer versteckr. Indessen war der russische Rittmeister»rit seiner Begleitruig in den Flur de« zweiten Stockwerks gelangt und wurde hier von dem Postdircktor des Postamts empfangen. Nach formeller Bezrühnng entwickelte sich folgendes Gespräch: Rittmeister: Von dem Postamt ist heute geschossen wordeir. Postdircktor: Nein, Herr Rittrneister, voni Postamt ist nicht ge» schössen Ivorden. Rittmeister: Es ist aber doch von hier ans geschossen worden. Postdireklor: Nein, Herr Rittmeister, ich oerbürge mich mit meinem Ehrenwort dafür, datz von meinem Personal nicht geschoffen worden ist. Rittmeister: Nun, meine Herren, Sie sehen, datz ich mit Ihnen sehr human verfahre, und bitte Sie, in gleicher Weise meinen An» ordnungen nachzukommen. 1. Sie müssen das Postamt verlassen. 2. Sie dürfen den Orr nicht verlassen— nun, das dürfte Ihnen auch nicht möglich sein. 3. Zu Ihrer Sicherheit lassen Sie die Unterbeamten die Uniformröcke ausziehen und die Mützen ablegen, damit sie von meinen Leuten nicht für Soldaten gehalten werden. 4. Sie wollen nichts unternehmen, was gegen die Kriegsgesetze verslötzt. Postdirektor: Ich gebe mein Ehrenwort, datz diesen Anordnungen genau entsprochen werden Wird. 2] Jus und Recht. Roma n von Fred B. Hardt. Im Publikum rückte man hin lrnd her und räusperte sich. Staatsamvalt Diestel war aufgeschnellt, er wartete noch einige Augenblicke bis Ruhe eingetreten war, daitu begann er sein Plaidoyer. Seine Stimme war etwas heiser, er sprach schnell und erregt: „Dah die Verteidigung sich bemühen würde, meine Herren Richter, die gewichtigen Belastungszeugen in der Hauptverhandluitg zu diskreditieren, damit hat die König- liche Staatsanwaltschaft natürlich gerechnet. An derartiges ist man schon gewöhnt. Daß man aber versucht hat, geradezu die Rollen zu tauschen und aus dein Zeugen einen Angeklagten zu machen, Herrn Felix Blinker quasi auf die An- klagebank zu projizieren, das ist mir allerdings noch nicht vorgekommen. Wer ist denn der Angeklagte? Felix Blinker nicht. Tort auf der Anklagebank sitzt der Mann— er wies mit einer pompösen Handbewegung nach Dr. Werner der einer ehrlosen Handlung angeklagt ist. Tort sitzt der Bcairn, den Sie nun, meine Herren Richter ins Gefängnis schicken werden, wohin er gehört.— Ich kann mich verhältnismäßig kurz fassen und will den Kerir herausschälen aus dein ver- wirrenden Wulst von Gegenbehauptungen, die man sich hier geleistet hat." Nun hielt sich der Staatsanwalt fast wörtlich an die An- klageschrift. ignorierte die wichtigsten Ergebnisse der Beweisaufnahme, sprach von der erstaunlichen geistigen Frische der Zeugin Blinker, die er als vornehme, durchaus glaubwürdige Dame hinstellte, voltigierte über die vernichtenden Aussagen anderer Zeugen hinweg, wodurch die völlige Unglarrbhaftig- keit von Felix Blinker sich ergab, ging auf die grundlegenden zivilrechtlichen Fragen des Verhältnisses von diesem zu seiner Frau nicht ein, begnügte sich mit dessen haltloser Behauptung, daß er die Hypothek für seine Mutter mit deren Geld er- warben habe und schloß seine Rede mit ingrimmigen Worten, die von sittlicher Entrüstung flammten: „Nach alledem beantrage ich die Verurteilung des An- geklagten wegen Betrugs und Erpressung, und zwar unter Berücksichtigung der ehrlosen Gesinnung, die er gezeigt, und der schamlosen und hinterlistigen Art und Weise, wie er sein Verbrechen ausgeführt hat, zu einer Gesamtstrafe von drci Jahren Gefängnis."— Die letzten Worte hatte er so erregt, gesprochen, daß seine Stimme überschlug und ihn ein heftiger Husten befiel. Er wurde ganz rot im Gesicht, griff nach dem Wasserglas und trank einen Schluck. Dann rief er nochmals:„Zu einer ganz exemplarischen Gefängnisstrafe!" Das Publikum war verwirrt und unwillig. Geht denn das? Darf der Staatsanwalt jemandem, der noch nicht verurteilt ist, so beleidigen? Ist das die objektive Behörde? Wo bleibt da Würde und Takt? Die alte Frau Blinker eine vornehme Dame? Und Felix? Kennt den der Herr Staats- anwalt gar nicht? Wir kennen den Herrn!— Nun, Renker und Lasso werden ihm heimleuchten. Paßt nur auf.— Und die Freunde preßten die Zähne ziisamnien im Grimm— unser Freund! Der saß anscheinend ruhig, unberührt von dem Schmutz, mit dem mau ihn bewarf, nur war er sehr bleich geworden. Landgerichtsrat Krantz hob den Kopf, er hatte während der Rede des Staatsanwalts vor sich hingesehen, sein Gesicht blieb undurchdringlich, ruhig und gleichmütig klang seine Stimme:—„Ich gebe der Verteidigung das Wort." Dr. Renker stand auf. Man sah ihm an, daß er nur mit Anstrengung ruhig sprechen würde. Er hielt mit der einen Hand die Stuhllehne gefaßt, die rechte Hand lag zur Faust geballt auf dem Tisch: „So kurz wie der Herr Staatsanwalt kann ich mich allerdings nicht fassen, vor allem nicht mit souveräner Gleich- giiltigkeit über die Vorgeschichte dieses Prozesses hinweggehen. Denn dieser Prozeß ist das Fundament des gegenwärtigen Strafverfahrens. Ohne die zivilrechtlichen Fragen eingehend und gewissenhaft zu prüfen, kann man heute nicht zu der Frage kommen, ob schuldig oder unschuldig."— Nun wies er in meisterhaft klaren Warten mit unerbittlicher juristischer Schärfe nach, daß Felix Blinker die Schäffersche Hypothek nicht für seine Mutter und nicht mit derem Gelde erworben hatte, sondern für sich, zu seiner eigenen Verwendung. Daß seine Frau auf Grund des Anseinandersetzungsverfahrens zwischen den Eheleuten ein zivilrechtlich begründetes Recht batte auf Rückgabe dieses Sclnildtitels auch schon aus dem Grunde, da Felix Blinker die Verpflichtung hatte, seine Frau von allen Bürgschaften und Verpflichtungen zu befreien, und die Schäffersche Hypothek nichts anderes war, als die Um- schreibung einer Schuld, mit der er diese belastet hatte. Jedes Wort saß. Jede Behauptung wurde gestützt mit den Be- kyndungen einwandfreier Zeugen, glaubwürdiger Männer. Je länger er sprach, desto mehr gewann der überlegene Scharf- sinn des gewissenhaften Juristen die Oberhand über den Zorn, der im Anfang seiner Rede seine Stimme noch beben ließ. Er entwirrte die verwickelten Fäden der Vorgeschichte dieses Prozesses in so überzeugender und begründeter Weiie, daß ein Rannen und Flüstern der Anerkennung von den Bänken auf- stieg wie ein Aufatmen der Befreiung, als er seine Rede schloß mit den schlichten Worten:„Im Zivilrecht giibt es keine Uebertreibungen, nur unbeugsame Klarheit. Der Angeklagte ist unschuldig und seine Freisprache ist eine Ehrenpflicht des Gerichts." Dr. Renker verbengte sich steif nach dem Richtertisch und nahm Platz. Nach einer kleinen Pause erhob sich Justizrat Losso, er toartete noch einige Augenblicke, bis das Scharren und Husten im Saale aufgehört hatte, dann begann er: „Meine Herren Richter! Der ungeheure Ernst des Falles, der uns beschäftigt, hat wohl bei uns allen das Gefühl der Verantwortung bis auf das höchste Maß gespannt. Denn in diesem Falle bedeutet der Freispruch mehr als das Leben, die Verurteilung mehr als der Tod. Wird hier geirrt, kann das nie wieder gut gemacht werden."— Er hielt inne. Diese Worte waren tote ein tiefer Akkord, dessen Töne durch den Saal rollten und in eines jeden Herz wiederklangen.—„Es ist bemerkenswert, daß gerade in dieser Zeit, da Sie, meine Herren Richter, entscheiden sollen, ob aus die Aussage einer Zeugin ein unbescholtener Mann vernichtet werden soll, daß gerade in dieser Zeit wir Juristen uns darüber einig ge- worden sind, mit welcher Vorsicht Zeugenaussagen zu bewerten sind, wenn nicht andere Momente sie unterstützen. Und hier bilden den Tatbestand der Verbrechen, die man unserem Kol- legen zur Last legt, ausschließlich Worte, Worte, die vor vielen Monaten gesprochen sind, und über die eine einzige Zeugin Auskunft geben soll. Es sind aber nicht nur Worte, die über das Leben und den Tod eines unbescholtenen Mannes ent- scheidend sein sollen, es ist auch der Zusammenhang, in dein diese Worte gesprochen sind, ja noch mehr, die Betonung, die den Worten erst eine bestimmte Bedeutung gegeben hat. Wie unendlich schwer ist dieses Wahrhcitsfinden! Und eine Per- son als Zeugin. Und was für eine Zeugin!— Ich kann wohl behaupten, daß diese Zeugin olle diejenigen Momente in sich vereint, von denen ein jedes einzelne nnter allen Um- Ke�enseitige Vergeudungen und beiderseitiges Grützen. ?6ir iiogcn in Hemdsärineln und ohne Kopfbedeckung init Weh- juut im Herzen von der uns lieb gewordenen Arbeitsstätte. Es erfordert die Gerechtigkeit, anzuerkennen, daß der Rittmeister als Kavalier sich benommen hat. Seine Bemerkung, datz er sehr human gegen iniä verfahren ist. trifft zu. Er verlangte von uns keine Preisgabe irgend eines militärischen Geheimnisses, er durch- suchte nicht unsere Taschen, lietz auch in unserer Gegenwart alles unberührt, was auf dein Postamte war. Wir zogen darauf in die Wohnung des Postdirektors, die an der Hauptstratze gelegen ist, um uns zunächst durch Speise und Trank zu erquicken. Jeder schleppte herbei, was noch der verlassene Hausstand beherbergte. Nach erfolgter Sättigung durch Brot, Wurst und Rotwein trat die Abspannung ein. Manche verfielen in einen festen Schlaf, dem sie sich seit sechs Tagen nicht hatten hingeben können. Andere rüsteten sich, daS Mittagessen zuzubereiten. Eingemachte Kirschen lieferten die Vorspeise, Kartoffeln ivurden von dem Felde geholt, und die vom letzten Markttage»och verbliebenen Eier lieferten eine kräftige Mahlzeit. Während die Vorbereitungen hierzu getroffen wurden, bewegten sich russische Infanteristen, Dragoner und Maschinen- gewehrabteilungen längs der Chaussee die sich vor dem Vorgarten der Wohnung de» Postdirektors hinzieht. jBon der Vortreppe des Hauses sahen wir diesem militärischen Schauspiel zu. Plötzlich ertönt ein Schutz, mit dem Ruf„Prutz, Prutz!" stieben die Russen auseinander, in den Vorgarten hinein, und fingen an zu schietzen. Zwei russische Infanteristen stellten sich an der Giebelseite des Hauses auf und zitterten an allen Gliedern. Ein Iluterbeaniter. der neben ihnen stand, inachte sie darauf auf- merksam, datz doch keine„Prutz" zu sehen seien. Tarauf beruhigten sie sich, und allmählich verstummte die Schietzerei. Von Preutzen ivar tatsächlich nicht? zu sehen. Anscheinend war einem russischen Infanteristen infolge ungeschickter Handhabung das Gewehr losgegangen. und dieser Schutz genügte einer Schwadron und einer Kompagnie Infanterie, um einen Kampf mit Luftblasen zu führen. Immerhin hatten sie von ihren Leuten einen Unteroffizier tot- geschossen, einen Infanteristen und einen Dragoncroffizier verwundet. Letzterer wurde in der Apotheke in Eydtkuhnen verbunden. Bei dieser Gelegenheit schimpfte der Osfizier auf die politischen Ver- Hältnisse und sagte:„Erst küssen sie sich und halten grotze Friede itsredcn und nachher hauen sie sich blutige Köpfe."..... sDie Beamten entkamen dann glücklich nach Stallupöneu.) Die Todgeweihten grüßen euch. Sie stehen ausgerichtet auf Deck. Jeder ahnt, datz etwas Besou- deres bevorsteht. Das lag im Befehlston, das schwirrt durch die Luft, das gurgeln die Wellen. Der Kommandant tritt heran, seine Stimme vibriert:„Es geht »m Grotzes. Der Feind soll ins Herz getroffen werden. Komman- dien dazu wird niemand. Freiwillige vor!" Es geht ein Zucken durch dreihundert junge Gesichter. Was kann das sein? Freiwillige vor? Dann gehls ums Letzie. Ein Ruck durch die Reihen, ein Säumen, ein sekundenlange» Wanen und dreihundert Mann treten einen Schritt vor. Ausgerichtet stehen sie wie zu Anfang. In den Augen des Kommandanten leuchtet es ank. Stärker bebt seine Stimme:„Jungens, wer sich meldet, kommt nicht wieder! Bedenkt da»! Wer will trotzdem mit?" Es straffen sich dreihundert Mienen, es geht der Atem von drei- hundert jungen Männern stotzweise, keiner sieht den andern an, ein kurzes Warten noch, ein Zagen und Wägen und dreihundert Mann trelcu einen Schritt vor. Ausgerichtet stehen sie wie zu Ansang. Der Kommandant wendet sich um; ihm ist ein Staubkorn ins Auge geflogen; mitten auf See; er hat Mühe, es zu entfernen. Daun wendet et sich:„Wir brauchen nur achtzehn zu stellen. Acht- zehn.Helden. Das LoS soll entscheiden.",.. * Sie stohen an Bord und klettern hoch. Was ist denn das? Ein Lurusdampfer, der die reichen Leute von Bad zu Bad bringt! Da die Liegestühle, die breiten Promenadendecks, die herrlichen speise- sälc, Rauchzimmer, Lesezimmer, die breiten prachtvollen Kabinen. Ei. hier ists ja urgemütlich. So viel Spiegel und Schmuck hat Jürgen Soot aus dem Fischerdörfchen soldin an der Lftfee noch nie gesehen, lind das soll gefährlich sein? Er will kurz auflachen, da fällt ihm ein, datz ja Krieg ist. Gottsdunner noch mal, wehren kann sich die„Königin Luise" nicht; die geht ja unter wie'nt angebohrte Nutzschale. Eiuhundertvierzehn Mann stehen ausgerichtet auf dem Prome- nadendeck, auf dem sonst die reichen Mütziggängcr flanierten und ständen ihre Glaubwürdigkeit erschüttern, das Vertrauen zu ihr schmälern muß: Frau Adele Blinker ist vierundsiebzig Jahre alt und leidend, Herzkrämpfen unterworfen und ner- vösen Zuständen ausgesetzt, also Leiden, die das Gedächtnis im allgemeinen, besonders aber in Momenten der Erregung stark beeinflussen, auch wenn die leidende Person noch nicht eine Greisin ist und so naturgemäß schon mit einer Trübung ilires nachlassenden Gedächtnisses zu rechnen ist. Tie Zeugin ist aber noch von einem anderen schwerwiegenden Gewicht be- lastet, wodurch die Schale, in der ihre Aussagen liegen, sofort tief herabgedrüctt wird»ach der Seite der Unglaubwürdigkeit. Sie hat ein eminentes Interesse am Ausgange des Prozesses, dazu noch ein materielles Interesse, das eine vermögenslose Frau, die aber nach dein Aeußeren des Lebens die Hände aus- streckt, besonders stark beeinflußt. Wird der Angeklagte närn- lich verurteilt, so erhält sie den Schuldtitel über 23 000 M. zurück, wird er freigesprochen, so weiß sie ganz genau, daß sie in einem Zivilprozeß keine Aussicht hat, das fragwürdige Recht zu erstreiten. Sie ist also eine Zeugin, die in einein Zivilprozeß zum Eide nicht zugelassen werden würde. In einem Zivilprozeß, in dem es sich um Geld handelt, um ersetz- bare Güter! Und hier in dem furchtbar ernsten Strafprozeß. wo Unersetzliches in Frage steht, die Ehre, das Leben eines Menschen, kann sie nach der Strafprozeßordming beeidet werden, niiiß sogar beeidet werden.-- Meine Herren Richter, das sind Unzulänglichkeiten des Gesetzes, gegen die wir heilte, da die Reform unseres Strafgesetzes und unserer Strafprozeßordnimg nur erhofft wird, aber noch in weitere Ferne gerückt bleibt, nichts ausrichten können. Doch ans dieser, ich will offen sagen, Ab- snrdität des Gesetzts ergibt sich für uns, die Wahrheitslichenden, die gebieterische Pflicht, derartigen Zeugnissen mit der größten Vorsicht gegenüberzutrcten. Wir dürfen ihnen nur dann Glauben bcinieffen, wenn sie im innerlich logischen Zllsammenhange stehen und durch Moiiiente unterstützt werden, die außerhalb dieser Bc- kundimgen liegen. Ich glaube nun allerdings nicht, daß die Zeugin absichtlich die Unwahrheit sagt, sie gehört zu einer viel gefährlicheren, un- heilvolleren Art von Zeugen, bei denen eine Phantasiearbeit ein- setzt, wenn das Gedächtnis sie trübt. Nicht die Tatsachen, die die Zeugin bekundet, machen sie so gefährlich, aber die nachträgliche Beleuchtung, in die sie diese Tatsachen stellt, das Auseinander- reißen und wieder Zusammenschweißen von Sätzen, das Unterstreichen der einzelnen Worte. Sehen wir uns nun einmal die verschiedenen Aussagen und Bekundungen, die die Zeugin im Laufe der Monate gemacht hat, genau an, vergleichen wir mit- einander, und ziehen dann aus ihnen den berechtigten Schluß." lForts. folgt.) . Verantwortlicher Redakteur: Alfred Wiclevp. Neukölln. Für den weiche Mädchen in weichen Gewändern weiche Blicke ianschten. Der erste Lfsizicc steht vor ihnen wie vorhin der Kommandant. Seine Stimme klingt fest und stählern.„Kameraden, wir wollen die Mündung der Themse mit Minen blockieren. Jeder wcitz, was das heißt. Wer will, kann noch zurücktreten. Er ist kein Feigling." Eiuhundertvierzehn Gesichter werden bleich. Mitten durch die Feinde, mitten in die Feinde, ans diesem Bergnngungsschiff ohne die Möglichkeit, sich wehren zu können, ums Leben wenigstens zu kämpfen, wenn es nun doch mal verloren sein soll! Bleicher werden die Gesichter. Aber das ist was! Tie Themse blockieren heißt den Feind treffen, wo er am verwundbarsten ist. England hat noch nie erlebt, daß seine Welthandelsstratze ihm gesperrt worden ist. Tie Handelsschiffe sitzen auf der Themse wie in einer Mausefalle und die Kriegsschiffe, die drinnen noch ankern, wagen sich nicht heraus. Wenn» gelingt, wenn's gelingt! Und einhunderivierzehn Gesichter röten sich wieder, einhundertvierzehn Paar Augen blitzen wieder auf. Was werden die Engländer fluchen, wenn'» gelingt! Wenn's gelingt. „Wer zurücktreten will, noch ist es Zeit." starr sind die Blicke, straff die jungen.Körper, niemand tritt zurück. Das Boot stößt ohne Insassen von Bord. Und die Hundert- undvicrzehn gehen an ihre Plätze. * Jürgen Soot packt die Hebel und schaut fest auf die Signal- scheibc. Tie Glocke schlägt au, der Zeiger schnellt seitwärts.„Laug- sam vorwärts" gleitet der Vergnüguugsdampfer in die See. Nicht lange und Jürgen Soot gibt Volldampf. Rasend arbeiten die Kolben, wie wahnsinnig drehen sich die Scheiben. Volldampf, Voll- dampf in deil�Tod! Aber vorher die Themse mit Minen verstopfen! Jürgen Soot streicht sich mit der Linken durch das blonde Haar, wie da» feine Art ist. wenn er schwerer Gedanken Herr geworden ist. Nun sieht er klar. Ein Minendainpfer mit Prähmen kann's nicht macken, den erkennen die Engländer ja aus zehn Meilen und rammen ihn in Grund. Wenn überhaupt, dann nur aus so einem weißen Prachtdampfer, dem keiner etwas Böses zutraut, der sich auf seiner Vergnügungsfahrt bloß ein bißchen verspätet hat. Jürgen Soot blickt auf den Manometer und wendet sich jäh zu den Heizern:..Schuppen, schuppen! Und wenn..." Tic�Worte brechen ab, er sieht Karsten vor sich, Karsten Stubbe, der, die schippe in der einen Hand, sich mit der andern den Schweiß aus dem Gesicht wischt. Sie recken sich beide, sie blicken sich an, dann schietzen zwei Hände einander entgegen und umklammern sich. „Karsten!"—„Jürgen!" Weiter wird nichts gesprochen. Und doch haben sie sich seit fünf Jahren nicht gesehen, seit jener Nacht, als sie nach dem Matrosen- ball sich packten und Karsten sich das Tor zum Zuchthaus aufge- stoßen hätte, wenn er nicht iii� letzter Minute weggerissen worden wäre. Tie Lina war noch in soldin und geheiratet hatte sie immer noch nicht. Jürgen fragt nicht und Karsten fragt nicht; jeder hält es für selbstverständlich, datz der andere an seiner Seite ist, jetzt in der Stunde der verwegenen Fahrt, sie waren ja immer zusammen gewesen als Nachbarskinder in Soldin am User der Ostsee, und joder hatte dem andern ein halbes Dutzend mal das Leben gerettet. wenn der Nordost in die Soldiner Bucht fegte und es galt, die Netze noch zu bergen. „Jürgen, Holl fast!" schreit Karsten und Jürgen packt die Hebel und.nickt. Ein Sonnenstrahl huscht über sein braunes gespanntes Gesicht. So hatte Karsten immer gerufen, wenn sie sich in ihre Riemen werfen mutzten, daß das Holz sich bog, um durch die Bran- dusig den Strand noch zu erobern. Es war ja wie einst, wie einst! Sie waren ja wieder zusammen, sie standen ja wieder ncbcncin- ander und jeder rettete dem andern das Leben. Tarin hatten sie ja Hebung. Wenn da» die Engländer wüßten! Karsten stützt sich auf seine Schaufel, mit der er eben drei Zeut- ner Kohlen oder mehr in die feurige Glut geschleudert hatte.„Wenn er bloß Kurs hält! Verdammich, das ist schwer!" Jürgen hält das für selbstverständlich, datz der erste Offizier Kurs hält. Er bedient ja auch seine Maschine und seine Augen verfolgen die Stangen und Kolben und Scheiben, ohne zu blinken. „Die Boote sind klar; im Nu sind sie'rübergebolt und schwim- men. Und dann geht'» ran an die Minen! Jürgen, wenn's was wird!" Karsten blickt fragend und reibt sich die Hände. Tie Glocke schlägt an und Jürgen horcht auf.„Schuppen, schuppen!" schreit er und gibt an Dampf, was die Kessel hergeben können. So hat die Maschine noch nie arbeiten müssen; es ächzt und stöhnt und wimmert in ihrem tausendfältigen Gefüge.„Oelen, ölen, um Himmel» willen mehr Oel!" Jürgen donnert es durch den Maschinenraum, iüni. sechs Mann laufen, klettern, kriechen mit den Oelkanncn, Oelströme ergießen sich in da» Gestänge. Und der Vergnügungsdampfer, der sonst durch die Wellen tänzelte, wirft den Gischt haushoch auf. Näher und näher geht's an Englands Küste; die Augen bohren sich durch das Tuntel. Da das Licht der„Nore", des Leuchtturms der Tbemsemündung! Sie haben das Feuer nicht gelöscht, die Dummköpfe. Das haben sie nicht geahnt, datz wir, datz wir... Atemlos steht jeder oben ans Teck an seinem Platze, von Sekunden hängt das Gelingen oder Mißlingen ab. An Karstens nacktem Oberkörper läuft der Schweiß stromweise herunter.„Wir hier zimeii ersaufen, wie die Katz' im Sack. Ich halt's nicht aus, ich mutz nach oben, ich mutz Lust haben, ich mutz sehen, wie weit wir sind." „Ein Soldiner Jung' verläßt seinen Posten nicht!" Jürgen sagt's ruhig und der andere zuckt zusammen. Aber der Muskel seines Oberarms springt hoch und eisern empor und der verzerrte Mund kreischt:„Zehn Engländer her, und ich schlage sie alle nieder!" Tic Glocke schlägi, der Zeiger schwankt.„Stopp!" Einen Mmnent stehen sie alle wie festgewurzelt im Maschinen- räum. Jetzt gilt's! Jetzt mutz alles klappen! Oder sie haben ihr Leben umsonst aufs Spiel gefetzt. Nach oben, nach oben, helfen, anpacken, damit's schneller geht! Und keiner rührt sich vom Platze. „schuppen, schuppen!" Und jeder schüppt. Und Jürgen schaut un- verwandt auf die Signalscheibe. „Langsam vorwärts". Leise dreht er den Hebel, wie wenn er ihn liebkosen wollte. Jetzt gleitet eine Mine ins Wasser, jetzt zwei, jetzt fünf, jetzt acht, jetzt zwölf. Sic werden doch auch Sireuminen nehmen, das schafft ja viel mehr, und mit der Flut schwimmen die ja bis London... „Langsam vorwärts!" Legt Minen, legt Mmen! Ihr seid ja so langsam. Schneller, schneller. Herrgott noch mal, das ist doch kein Kunststück! So'ne Blechbüchse wiegt ja bloß'nen Zentner! Karstens Augen leuchten hell auf; die fürchterliche Spannung weicht aus seinen Zügen. Er packt Jürgen, wie er ihn in jener Nacht packte, als sie um Lina rangen, Brust an Brust. Aber dies- mal schüttelt er ihn vor Freude.„Jürgen, es wird was! Noch zehn Minuten, und kein Engländer kann rein und raus!" Jürgen läßt die Hebel nicht aus den Händen, während er jubelt:„Karsten, ja, und wir soldiner Jungs sind mit dabei!" Da— ein Krachen, ein Bersten, ein Schäumen und Wogen und eine eisige Kälte.„Jürgen," will Karsten riiien, doch das Wasser schließt ihm den Mund. Aber er sieht ihn noch, den Freund der Jugend, und er packt seine Hand, und Jürgen greift nach der seinen. Jeder rettet dem anderen da» Leben. Das haben sie doch schon ein halb Dutzend mal getan... ♦ Der Mond tritt hinter dem Gewölk hervor und wirft sein Licht auf die Wellen, die in der Themsemündung neckisch Haschen mitein- ander spielen. Ihre Kämme leuchten weiß auf und überstürzen sich, um gleich aufs neue sich wieder hochzubäumen. Zwei Männerköpfe tauchen zwischen ihnen auf und unter. Sie spielen mit den Wellen wie die Wellen mit ihnen. Und dann und wann sieht der Mond auch zwei verkrampfte Hände... - Das war die Nacht an der Themsemündung für die beiden Jungens aus Soldin... *» *___ Inseratenteil verantw.: Tb. Glocke. Berlin. Druck u-Verlag: Vorwärts Vor dem breiten glänzenden Schaufenster einer großen Stadt im Innern de» Landes drängt sich die Menge. Ein Herr liest das neueste Extrablatl vor, das dorr aushängt.„Ist das gefährlich, Sceminen legen?" fragt eine Dame ihren Begtener.„Gott ja, so ohne ist es wohl nicht," kommt die Antwort,„aber so ein Sturm auf die Festung, das ist doch ganz was anderes." Und sie gehen be- friedigt weiter, neuen Meldungen entgegen. Ter Herr schlägt wage- mutig mit seinem Spazierstock die feindlichen Staubkörner zu Boden, die im Licht der Bogenlampen seine weiße Weste angreifen... Ein Mann, in dessen Bart das Weiß das Blond zu überwinden beginnt, hat das Extrablatt auch gelesen. Er lehnt sich still in die Ecke und seine Aizgen bohren sich in den Asphalt:„So viel Helden- grötze für die Vernichtung! Wann schlagt die Stunde, in der die Helden wachsen für den Aufbau, die Verbrüderung, für die Ver- wirliichung der großen Menschheitsidee, die alle Völker einen und befreien soll? Wann, wann?"... kleines Zeuilleton. Die Herren vettern. „Mein Herr Vetter" oder„Liebwerter Herr Vetter", so lautet oft die Anrede bei den von Fürsttichkelteii gewechselten Briefen. Meist mit gutem Recht, denn die regierenden europäischen Herren stehen fast sämtlich in mehr oder minder engem Verwandticbasts- Verhältnis. So kommt c» denn auch, datz die Herren Veltcxn jetzt gegeneinander zu Felde ziehen. Stark und zahlreich sind die ver- wandlschaftlichcn Bande zwischen dem russischen Kaiserhause und den deutschen Fiirstenfamilieii. Nikolaus ist bekanntlich mit einer hessi- scheu Prinzessin vermählt, der Schwester de» Grotzherzog» von Hessen; seine Mutter ist eine dänische Prinzessin, ihr Neffe ist der Herzog von Braunschweig. Die Großmutter des Zaren war eine hessische Prinzessin, seine Urgro'tzntulter eine preußische Prinzessin: Schwester Kaiser Wilhelm» j., seine Ur-Urgrotzmutter eine württembergische Prinzessi»; weiter wollen wir gar nicht gehen. Tie russischen Großfürsten haben fast olle deutsche» Blut in den Adern, sie sind auf engste verwandt mit den württembergischen, oldenburgischen, niecklenbnrgi- schen, sachsen-attenburgischen und-koburgischen, weimarischen, baden- scheu Fürstenfamilten. Die Mutter der Kronprinzessilr Cecilie ist eine Tochter des Großfürsten Michael von Rußland, eine» Bruders Kaiser Alexanders II. König Georg von Griechenland stammt aus koburgischer und braunschweigisch- hannoverscher Verbindung; er ist der Vetter unseres Kaisers. Nahe verwandt sind ihm auch die Herzöge von Sachsen- Koburg und von Braunschweig, die Prinzen von Schleswig- Holstein, die Großherzöge von Mecklenburg-Schwerin und Sirelitz. Beim König Albert voii Belgien steht nun Hohenzoller gegen Hohenzollcrn, neben anderen Gegnerschaften. Er ist koburgischen Ursprungs, seine Mutter war die Prinzessin Marie von Hohenzoller», Tochter des Fürsten Karl Anton, früheren preußischen Ministerpräsidenten und Schwester de» Königs Karl von Rumänien. Die Gemahlin de» Königs Albert ist eine Herzogin von Baiiern, Tochter des beknm'.tcn Augenarzte» Karl Theodor, deren nächste Verwandte wichtige Fülrer« stellen in der deutschen Armee haben. Die Sonnentemperatur. Professor L u m m e r hat kürzlich in Breslau seine Vorrichiung gezeigt, durch eine Bogenlampe„Sonnentemperatur" zu erzeugen. Als solche nimmt er<>000 Grad Celsius, das Toppelte der bisbcr künstlich herstellbaren Temperatur au. Diese Annahme ist aber in der Wissenschaft nicht unbestritlcii. Vor allem muß die Wärme auf der Sonne selbst bedeutend höher sein, als unsere Meßinstrnmeiüe angeben, da die Sonne mit einer Atmosphäre umgeben ist. lind die verschluckt Licht- und Wärmesttahleu. Man hat, nach irdischen Ver« Hältnissen beurteilt, Grund zur Annahme, daß etwa die Hälfte der Sonnenstrahlung auf diele Weise verloren geht. Auch ist es wahrscheinlich geworden, datz die einzelnen Schichten der Sonne in sehr verschiedener Weise Strahlen aussenden. Und zwar schließt man wieder nach der Erde, datz die inneren Sonnen- schichten eine höhere Temperatur haben als die äußeren, so datz man schlechthin gar nicht von„der Soimentemperatur" reden kann. Aus der Strahlungsintensität konnte man nur einen Rückichlutz wagen, welche Wärmckonstante durchschnittlich von der sonne in den Wellen« räum strahlt. Und daraus macht man sich Begriffe von der Sonnen- temperalur in» allgemeinen. Wie schwankend aber diese Methoden sino, sieht man aus den überaus wechselnden Ergebnissen dieser Rechnung, zu denen die einzelnen Astronomen gelangt find. So be« hauplete' der Italiener S e c ch i, daß die Soimentemperatur 10 Millionen Grad betrage, dann korrigierte er sich selbst auf 140 000 Grad. Der Deutsche Zöllner nimmt 32 000 bis 70 000 an, die französischen Astronomen schwanken zwischen 1600 bis 5200 Grad und eine der letzten Schätzimgen lvon Stefan) behauptet 5760 Grad E. Es ist dabei schon vor längerem gelungen, im elektrischen Kohle- bogen Temperatureir von 4000 Grad C. herzustellen, und L u in m e r hat die? auf 6000 Grad E. erhöht. Ob aber dadurch die Sonnen- temperalur hergestellt ist, bleibt, wie man nach obigen Vorkennt- nisten einsehen ivird, nach wie vor ungewiß. Wir kennen die Sonne noch zu wenig, um solches behaupien zu können. Notizen« — DasDeutfcheTheater wird am 28. August mit Kleists „Prinz Friedrich von Homburg" eröffnet. Es wird von der Bruttoeinnahme jeder Vorstellung 10 Proz. an das Rote Kreuz überweisen. Es garantiert sämtlichen Miistliedcrn und Angestellten ein Existenzminimum und läßt alle Ueberschüsse an sic zur Verteilung gelangen. Alle Mitglieder, und vor allem die ersten, haben auf ihre vertraglichen Bezüge verzichtet und sich mit dem gleichen garantierten Anteil begnügt. — Di e Genossenschaft Deutscher Bühnenange- höriger hat mit der Sachse-Oper eine neue Truppe zusammen- gestellt, die im kostenlos zur Verfügung gestellten Theater am Nollendorfplatz spielen wird Ter Einheitspreis der Plätze, die per- tost werden, beträgt eine Mark. Zur Aufführung ist zunächst eine patriotische Oper..Franzosenzeil" von Joh. Döbber vorgesehen. — Ein Theologe über den Krieg. Professor Dr. Martin Rade schreibt in seiner„Christlichen Welt" zum Kriege: „Das ist wahr, einen sentimentalen Krieg haben die christlichen Völker Europas redlich vermieden. Aber die viel gepriesene Realistik hat sie auf den Punkt geführt, wo ihnen anscheinend nichts übrig blieb, als sich gegenseitig hinzuschlachten. Reeller Gewinn winkt uns wenig aus diesem Krieg, und sehr von ferne. Und doch können wir von keinem reinen Verteidignngskrieg reden. Wir waren auch mitschuldig an dem bisherigen Zustande, der nur einen Nichtkrieg bedeutete, aber keinen Frieden. Nun will also die furchtbare lahrelange Spannung ein Ende haben. So wirkt der rechtliche Krieg wie eine Wohltat, jetzt hört wenigstens die Heuchelei auf. Tie Völker Asiens stehen und staunen über die christlichen Völker und bereiten sich, ans den wohlgedüngtcn Schlacht- feldern von heute einst zu ernten." — Wieviel Fremde wohnten in Frankreich? Das französische Ministerium des Innern hat uumittelvar vor dem Kriegsausbruch eine Ausnahme der Fremden angeordnet, die stck in Frankreich aufhalten. Bisher war man nur auf statistische Schätzungen angelviesen, die die Zahl der in Frankreich lebenden europäischen Ausländer auf nahe 3 Millionen Köpfe angaben. Danach entfällt der Haupttcil auf Belgien, von denen mehr als 600 000 Staatsangehörige in Frankreich leben. E» folgt Italien mit mehr als 400 000, die Schweiz mit 122 000, Spanien mit 120 000, Rußland mit 30000 und Oesterreich mit 22 000 Angehörigen. Was die deutschen Staatsangehörigen anbetrifft, so wird ihre Zahl auf mebr als 170 000 geschätzt. — Der Panamakanal sollte am 18. August dem Ver- kehr übergeben werden, und zwar zunächst für Schiffe von 30 Fuß Tiefgang.__ Zuchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW.