St. 162.- 1914. Unterhaltungsblatt öes vorwärts Mg, 21. August. Kriegstage in Petersburg. ii. Nach 3Lstündiger Fahrt wurde endlich da? finnische Hafenftädtchen Rouma erreicht. Der Zug hatte allgemach die fünffache Länge eines gewöhnlichen erhalten. Man mufi gestehen, die Bahnbeamten, aller» dings Finnen, liefien es nicht an Zuvorkommenheit fehlen. In Richiinjaki, wo sechs Stunden Rachtrast gemacht werden mufite, er- suchie mich der Schaffner, ich möchte den amerikanischen Herren ver- dolmetschen, die Schlafwagen kämen bald, und wir könnten darin bis zum Abgang unseres Zuges schlafen. Auch in Rouma wurden uns Schlafwagen zum Warten auf Abgang des Schiffes zur Ver- fügung gestellt. Als ich mit einem Amerikaner über die grofie Zu« vorkommenheit der Bahnbeamten wie auch über die Zurückhaltung der militärischen Begleitung' sprach, erwiderte er mit einer nicht mißverständlichen Handbewegung: Hwl; costs us a whole lot oC money(Das kostet uns eine Masse Gelds. Auf meine Frage, wie viel sie geschmiert hätten, antwortete er ausweichend. Engländer und Amerikaner hielten sich scharf getrennt. Ob es die alte Abneigung oder der Krieg war. was die Vettern vöneinander hielt, konnte ich nicht ergründen. Beide verdammten einhellig den Krieg, bejubelten zwar auch mit aller Lungenkraft die in den uns begegnenden Militärzügen gepferchten Soldaten, wünschten aber olle sehnlichst einen Streifen Meer zwischen sich und Rußland. Noch viel inbrünstiger ersehnten das die Deutschen. Ihre Ge- sichter verrieten bange Sorge. Unter ihnen waren Militärpflichtige und andere mit Pässen ohne Erlaubnis zur Ueberschreitung der Grenze. Würden sie in Rouma die Grenze passieren können? Oder von Weib und Kind gerissen als Gefangene wieder nach Petersburg zurückgeschafft werden? Bange Fragen, worauf niemand antworten konnte. In Rouma lagen zwei kleine Schiffe für die Fahrt nach Schweden bereit. Den unverschämt hohen Fahrpreis— 10 Bis 25 Rubel— zahlten die Flüchtlinge ohne Murren. Hier, wo es sich um Freiheit und Leben handelte, durfte nicht um Geld gefeilscht werden. Die beiden Kasten waren schrecklich überfüllt, Schlaf- oder Liegegelegenheit nur für wenige vorhanden. Uebrigcns fühlte man auch keine Neigung zum Schlafen. Noch war es nicht sicher, ob man miisahren durfte. Merkwürdigerweise wurde beim Besteigen des Schiffes nicht nach dem Paß gefragt: der wachhabende Polizist sagte, die Päffe würden im Laufe der Nacht kontrolliert. Das zwang zur Vorsicht. Ich hatte keine Lust, mir jetzt, wo Schweden, Meer, Schiffahrt, Seekrankheit und andere Annehmlichkeiten so nahe winkten, von der russischen Polizei noch einen Streich spielen zu lassen. Vorsicht konnte jedenfalls nicht schaden. Zum ersten hatte mein Paß einen Defekt, den mit Rubelzettel zu über- lleistern in diesem Augenblick und Art recht aussichtslos war. Und dann hätte ich Stein und Bein schwören und alle russischen Heiligen anrufen können als Zeugen dafür, daß ich nicht militärpflichtig sei, niemand hätte es mir geglaubt. Diese Gründe bewogen mich, als unten eine uniformierte Gestalt die Pässe forderte, in die Tiefe des Schiffes zu steigen und die Kessclanlage sowie die Kohlenbunker einer gründlichen Revision zu unterziehen. Als icki nach Beendigung dieser recht unsauberen Arbeit wieder aufs Bootsdeck kletterte, meldeten die ersten Lichtschimmer den anbrechenden Tag, Die Befürchtung, daß ich noch einmal die Unterwelt des Schiffes untersuchen müsse, erwies sich als unbegründet. Schlag 5 Uhr löste sich das Dampferchen vom Ufer loS und dampfte hinaus ins offene Fahrwaffer. Niemand war die Ueberfahrt verhindert worden; nur ein Ruff« und ein Finne mußten wieder zurück in den Schoß de» Mütterchen Nußland. Die Reisenden seufzten ordentlich auf, als sich immer mehr See zwischen Ufer und Schiff legte. Ihre Seufzer wuchsen sich binnen zwei Stunden zu einer anormalen Gurgelei aus. Alles, waS sie im Magen aus Rußland mitgebracht hatten, warfen sie tränenden AugeS hinunter in die See oder gar auf des Nachbars Kleider. Durch die Ueberfüllung und daS Schleudern des Schiffchens war es nicht immer möglich, die Entfernung einzuhalten, die die Achtung vor der Seekrankheit gebietet. Die Sonne hatte sich schon tief auf die See gelegt, als die schwedische Küste in Sicht kam. In Gefle bei der Landung wurden die Pässe nur daraufhin untersucht, ob die Inhaber keine Russen oder Finnen waren. Schweden glaubt Grund zu haben, in dieser bewegten Zeit besonders auf Spione achten zu müssen. Der Empfang auf schwedischem Boden ließ nichts zu wünschen übri�. Ein Zollinspektor kam mir entgegengerannt mit den Worten: Sie sind Deutscher!— Aber natürlich.— Der Krieg geht für Deutsch- land ausgezeichnet; wenn nur auch die Russen erst drankämen! Was mir der freundliche Zöllner berichtete, schien mir einfach unglaubhaft. Nach den Nachrichten, die unS in Petersburg die Blätter brachten, stand es mit den deutschen Kriegserfolgen elend schlecht. Tagtäglich lasen wir von der Gefangennahme deutscher Truppen, von der Mangelhaftigkeit der Kriegsausrüstung, von vor Lüttich gefangen genommenen Soldaten, die vollständig aus- gehungert waren, von Revolution in Berlin, von Verhaftung deS sozialdemokratischen Parteivorstandes und noch schlimmeren Dingen. Nun sollte das alles nicht wahr sein? Sollte die russische Presse- so infam lügen? Ich sah mich in Gefle nach Zeitungen um. Vergeb- lich. Zehn Tage war kein ausländisches Blatt in die Stadt ge- kommen. So blieb nichts anderes übrig, als die Ungeduld, die Zweifel, die furchtbare Ungewißheit noch bis zum andern Niorgen, bis nach Stockholm zu schleppen. Die Tatsache, nun in Sicherheit auf neutralem Boden, im schönen Schweden zu sein, steigerte Lebenslust und Fröhlichteit. Man konnte sich jetzt wieder zur Ruhe legen, ohne befürchten zu müssen, von einem heulenden Mob oder von den Schergen des Zaren gestört zu werden. Zum ersten Male seit drei Monaten hatte ich wieder ein sauberes Zimmer und ein Nachtlager ohne Wanzen. Allein Freude konnte diese angenehme Tatsache nicht entfachen. Der Gedanke an die unglücklichen Landsleute, denen die Flucht aus Rußland nicht gelang, vielleicht nie mehr gelingen wird, verscheuchte jede Fröhlichkeit. In der Menschenhalle Petersburg stecken noch 30, 40, 50 Tausend Deutsche und Oesterreicher, die dem nächsten Tage, der nächsten Stunde, der nächsten Minute mit furchtbarer Ungewiß- heit entgegensehen. Alltäglich verschwindet ein Teil von ihnen spurlos. Sind sie verbannt oder verhaftet oder aus dem Leben ge- schieden? Wer wird der nächste sein? Werden sie jemals wieder auftauchen? Zum Glück für die unglücklichen Laitdsleute versteht die russische Presse— oder eigentlich die russische Regierung, denn keine Zeile darf gedruckt werden, ohne die Gulheißung der Militärbehörde— das Schwindeln ausgezeichnet. So lange nur von Niederlagen der Deutschen berichtet wird, können sich die in Rußland eingeschlossenen Landsleute beglückwünschen. Was aber wird dann, wenn die Wahr- heit durchsickert. Wa« dann, wenn die Russen einmal gründlich ge- schlagen worden sind und da? Lügengewebe zerreißt? Nun ist allerdings noch keineswegs sicher, gegen wen sich dann die künstlich bis zur Siedehitze gesteigerte Kriegslust des russischen Volke? richtet, wenn es die ganze traurige Wahrheit erfährt. Nach dem, was ich in Rußland gesehen und gehört habe, ist freilich daS ganze russische Volk kriegslustig, doch hierüber im nächsten Artikel. ______ C h a g r i n. Die Sonnenfinsternis vom 21. /lugust. Die Verfinsterung der Sonne, die heute Freitag stattfindet, dürste bei den Völkern Europas für lange Zeilen als die Kriegs- finsternis im Gedächtnis fortleben. In früheren Jahrhunderten brachte man mit Vorliebe die Erscheinung von Kometen mit Prü- fungen der Menschheit, wie mit Seuchen, Hungersnöten und Kriegs- ereigniffen in Verbindung; eine Sonnenfinsternis ist am einzelnen Orte der Erde ein zu seltenes Schauspiel, als daß ein solches Phänomen mit derartigen irdischen Ereignissen öfter hätte in Ver- bindung gebracht werden können. Immerhin kennt die Geschichte manche bedeutsame Ereignisse, deren Zeitpunkt durch da« Austreten einer Sonnenfinsternis kurz vor« oder nachher noch nach Jahr- Hunderten genau bestimmt werden konnte. Solche Zurückrechnungen haben bis in das sechste vorchristlich« Jahrhundert ihre genaue Zu- verlässigkeit erwiesen. Während des ganzen Mittelalters galt eine totale Verfinsterung der Sonne als ein schlimmes, unheilkündendes Ereignis, das wegen der Plötzlichkeit seines Auftretens fast noch mehr gefürchtet wurde als ein Komet, wenn auch an die Finsternis nicht jene oben er« wähnten abergläubischen Vorstellungen wie beim Erscheinen eines Kometen geknüpft wurden. Denn der Komet stand oft Wochen- und monatelang am Himmel; ward einer gesehen, so beobachtete ihn auch die ganze damalig« Welt. Die Sonnenfinsternis dagegen trat urplötzlich ein, ging rasch wieder vorüber und wurde immer nur auf einem verhältnismäßig schmalen Landstrich wahrgenommen. Dies- mal verläuft die Zone der totalen Verfinsterung vor allem durch daS ganze westliche Rußland, und der bei unserem östlichen Feinde in weiten Volkskreisen herrschende Aberglaube mag von dem ein- fältigen russischen Bauer sicherlich in Verbindung mit der seltsamen Erscheinung am Himmel gebracht werden. Die Männer der Wissenschaft, die seit langem umfangreiche Vorbereitungen zur Beobachtung des bedeutsamen Phänomens ge- troffen haben, sehen sich durch die kriegerischen Ereignisse in ihren wissenschaftlichen Arbeilen diesmal schwer beeinträchtigt. Günstiger daran als die Expeditionen nach Süd-Ruhland find die nach Skandinavien gerichteten, vorausgesetzt, daß sie bereits vor Ans- bruch des Seekrieges an Orr und Stelle gelangt waren. So hemmt der Weltkrieg, der augenblicklich alle Kulturvoller der Erde in Atem hält, auch die stille Arbeit des Gelehrten, die sonst fern von allen Händeln der Völker bleibt, und die gerade bei den Astronomen in mustergültiger Weise international organisiert ist. Und wenn bei diesem Kriege natürlich auch unendlich große und bedeutsame Dinge auf dem Spiel steheit, so bleibt es vom Standpunltder Wissenschaft noch zu beklagen, daß das seltene astronomische Ereignis aller Wahrscheinlich- keit nach nur unvollkommen wird beobachtet werden können. Jedes Kind weiß heute, wie eine Sonnenfinsternis zustand: kommt. Wenn der Mond sich auf seiner die Erde umkreisenden Bahn so zwischen Sonne und Erde schiebt, daß die drei Himmelskörper in eine gerade Linie bilden, so muß der Schatten des Mondes einem bestimmten Augenblick auf die Erde fallen. Das kann natür- lich nur dann der Fall sein, wenn wir Neumond haben, wenn also die uns zugewandte Seile des Mondes von der Sonne gar kein Licht empfängt. Man kann auch sagen, daß der Mond sich vor die Sonne schiebt und deren Licht so abblendet, daß wir von der Sonne nichts mehr erblicken. Allerdings kann der Mondschatten niemals gleichzeitig die ganze Erde bedecken; dazu ist er zu kurz. Der Mondschatten hat eine Länge von 375 000 Kilometerit. und daraus geht hervor, daß eine Sonnenfinsternis nur dann total sein kann, wenn die jeweilige Entfernung zwischen Mond und Erde nicht größer als die Länge dieses Schattenkegels ist. Immer aber trifft nur die äußerste Spitze dieses Echattenicgels die Erde und da- her kommt eS, daß die Gebiete, auf denen eine Sonnenfinsternis total ist, immer nur einen ganz schmalen Streifen der Erdoberstäche ausmachen. Die Dauer der Totalität ist infolgedessen auch um so größer, je näher im Zeitpunkt der Verfinsterung der Mond der Erde steht. Denn dann hat auch der über die Erde streichende Teil des Schattenkegels seine größte Breite. Zu beiden Seiten der Towlitäts- zone ist die FmstenuZ nur partiell(eine teilweise), und zwar ist der Grad der Verfinsterung um so geringer, je weiter ein Ort von dem schmalxn Streifen der totalen Bedeckung entfernt liegt. In Deutschland ist die Finsternis überall nur partiell; der stärkste Grad der Verfinsterung wird in Echdtkuhnen mh 98 Proz. der Sonnenoberfläche erreicht. In Gumbinnen beträgt die Größe der partiellen Verfinsterung 0,97 in Teilen des Sonnendurchmessers, in Memel und Tilsit 0,96. Der geringste Grad der Verfinsterung wiro demgemäß im äußersten Westen Deutschlands, und zwar mit 0,68 Prozent zu Metz erreicht. Oeftlich der Elbe ist der Grad der Bedeckung der Sonne durch den Mond überall noch fo bedeutend, daß ein bc- merkenswertes Naturschauspiel zu erwarten ist, vorausgesetzt, daß die Witterung günstig und der Himmel heiter ist. In Berlin bei- spielsweise werden 83 Proz. de« Sonnendurchmrffers vom Monde bedeckt. Die Finsternis beginnt hier um IL Uhr 12 Minuten nachmittags und endigt um» Uhr 36 Minuten. Da sich der Mond ebenso wie die Erbe und fast sämtliche Körper unseres Sonnensystems von Westen nach Osten bewegen, so kommt eS, daß alle Finsternisse in tvestöstlicher Richtung, wenn auch unter sehr verschiedenen Winkeln über die Erde verlaufen. Die nächste totale Sonnenfinsternis in Deutschland wird der größte Teil der lebenden Generntton nicht mehr sehen; die fällt auf den 30. Juni 1954 und wird zu Königsberg i. Pr. eine völlige Be- deckung der Sonne bringen. Alle übrigen Sonnenfinsterniffe de» 29. Jahrhunderts sind für Deutschland nur parttcll. Sonnenfinsternis unö Gravitation. Die totale Sonnenfinsternis hat nicht nur astronomtfches Interesse, sondern auch ein sehr erhebliche? physikalisches. Die allgemeine Schwere oder Gravitation der Himmelskörper ist jähr- hundertelang als eine Eigenschaft aufgefaßt worden, deren Wirkungen keine Zeit gebrauchen, um sich durch den Raum fortzupflanzen, in demselben Moment, in dem eine OrtSverändcrung eines Körpers geschieht, soll die Veränderung der von ihm ausgehenden Kraft- Wirkung auch in den fernsten Räumen deS Weltalls auf andere Körper sich bemerkbar machen. Diese Auffassung steht zwar mit unseren Erfahrungen über die Bewegungen der Himmelskörper in Einklang, aber sie hat einen starken Stoß erlitten durch die Er- kenntnis, daß die elektrische Kraft, für die man früher ähnliches annahm, zu ihrer Ausbreitung Zeit gebraucht, und sie steht in direktem Widerspruch zu dem seil einem Jahrzehnt in der PHtffik aufgestellten Relativitätsprinzip, wonach absolute Bewegung nicht erkennbar sein kann, wenigstens nicht Bewegung in gerader Linie mit gleichförmiger Geschwindigkeit. Von diesem Prinzip ausgehend hat man versucht, auch Gravitationstheorien aufzustellen, in denen die Ausbreitung der Gravitation oder Schwerkraft durch den Raum K3j?us unö Recht. Roman von Fred B. Hardt. Mit unerbittlicher Schärfe und feiner Psychologie zerpflückte Justizrat Losso die Aussagen von Frau Adele Blinker; beleuchtete das mähliche Anschwellen und Verdichten ursprünglich be» deutungsloser Bemerkungen in dem ersten Brief bis zu der wuchtigen dramatisch aufgeputzten Aussage in der Verhandlung selbst; das Schleifen und Vergiften harmloser Worte zu juristisch prägnanten und überführenden Redewendungen; das Verhängnis- volle Vermengen von Aeußerungen in der zweiten Unterredung mit solchen der ersten Aussprache, wodurch sie eine andere Be- deutung erhielten. Justizrat Losso sprach fließend, in wohl ge- rundeter Sprache, die trotzdem den Eindruck der gegenwärtigen Inspiration hervorbrachte, da sein geistvolles Mienenspiel den Worten fast vorauseilte und die Modulation seiner Stimme seine Rede plastisch und zwiesprachig gestaltete. Bisweilen belächelte eine feine Ironie, oder ein hohnvoller Grimm hob einzelne Wen- düngen als eigen empfunden hervor und wirkten so um so stärker. Selbst der Vorsitzende wurde aus feiner anscheinenden Gleichgültigkeit herausgestachelt und verfolgte mit sichtbarem Interesse die Ausführmigen. „Tie Zeugin ist ein interessantes Phänomen,"— fuhr er fort.—„Je weiter die Unterredung zurückgerückt wird, je deut- licher wird ihr Erinnern, desto niehr Einzelheiten stellen sich ein. Um so interessanter ist dies, da die arme Frau nach ihrer eigenen Darstellung in einem krankhaft erregten Zustande sich befand, ja sogar, ich erinnere an das Protokoll der Schweizer Aussage, so erregt war, daß sie mit Herzkrämpfcn zusammenbrach und gar nicht verstand, was Dr. Werner sagte. Auch dieser Widerspruch ist zu erklären: Wo es darauf ankomnit. Mitleid mit der armen gehetzten Frau zu erwecken, Abscheu gegen den kaltherzigen Er- Presser zu erregen, muß sie die Impression einer hilflos Ver- gewaltigten geben, die aus blinder Furcht vor der Verhaftung in alles, was er von ihr forderte, einwilligt. Wo es aber darauf ankommt, aus den Worten einer langen, auf zwei Tage ver- teilten Unterredung demselben Dr. Werner eine Schlinge zu drehen, da hat die Erregung, die Herzschwäche, die Angst das klare Gedächtnis nicht getrübt, dann besinnt sie sich auf jedes einzelne Wort, ja aus den Tonfall und Gesten. Sonderbar, höchst sonderbar!-- Ja, sonderbar wäre es, wenn wir hierzu den Schlüssel nicht hätten. Und der Schlüssel, das sind die beschlag- nahmten Briefe des Sohnes. Diese schamlosen Briefe, deren Wortlaut uns noch in den Ohren zittert. Dort ist die Regie zu suchen und zu finden. Eine nicisterhafte mise eu scdne: Vom Appell an die Mutterliebe, die Tapferkeit der alten Frau — vom Aufstacheln ihres Ingrimmes gegen den Schädling ihrer Familie bis zu dem geschickten Soufliercn der einzelnen Worte, und der Aufforderung des perfiden Aushorchens eines gefährlichen Gegenzeugens, des Notar Fabrice. Alle Register werden aufgezogen! An alles denkt er. nichts wird übersehen! Es ist, als ob dieser Felix Blinker einige Lehrjahre bei der Staatsanwaltschaft durchgemacht hätte, mn zu wissen, worauf es ankommt, jemand wegen Erpressung und Betrug anzuklagen. Und die Mutter ist in den Händen dieses Regisseurs eine ge- fügige Statistin.-- Von einer derart zustande gekommc- neu Darstellung einer vierundsiebzigjährigen, einer alters- schwachen und geistig getrübten Frau soll die Ehre, das Leben unseres Klienten abhängen? Nein, meine Herren Richter, daran werde ich nie glauben, solange ich die Ehre habe, vor einem deutschen Gericht, vor deutschen Richtern zu plädieren." Wieder machte Justizrat Lasso eine Pause. Seine Worte waren von tiefem sittlichem Ernst getragen, es war die feste männliche Ueberzeugung eines erfahrenen Juristen ausgesprochen. Und die Worte stinmiten harmonisch zu dem tief ernsten Ausdruck seiner klaren Augen, mit denen er die Blicke des Vorsitzenden, der ihm aufmerksam zuhörte, festzuhalten suchte. „Und wie hat sich Dr. Werner verhalten? Wie ein Mensch, der etwas Heimliches, Unerlaubtes im Schilde führt? O nein! Er erzählt allen, die es wissen wollen, sogar dem Staatsanwalt Grünlich, von seiner Absicht, nach Montreux zu reisen, und was er dort vor hat? Und wie hat er sich nach der Reise benommen? Wie ein Mensch, der etwas Un- erlaubtes, Unrechtes, ja Verbrecherisches begangen hat? O neinl Er gibt die Aktenstücke nach seiner Rück- kehr der Staatsanwaltschaft zurück, erzählt, was er in Montreux erreicht hat, und daß er der Ueberzeugung ist, daß die Mutter an den Betrügereien deS Sohnes nicht beteiligt ist. Ja. meine Herren Richter, handelt denn so ein Mensch, der etwas Unsauberes im Schilde führt, stelluug von Dr. Werner unterstützt durch einen einwand- freien und gänzlich unbeteiligten Zeugen, den Notar Fabrice Md— allerdings ganz gegen ihren Willen— durch die Zeugin selbst; Ter Notar Fabrice bestätigt klipp und klar das, was Dr. Werner von Anfang an als Motiv der Frau Blinker angegeben hat, für die Rückgabe des Schuldtitelö, einzig und allein den Wunsch, daß Frau Berta Blinker von ihrem geschiedenen Manne nicht weiter gequält werde durch Ausnutzung eben dieses Schuldtitels.—' Als Zwischenbe- merkung, meine Herreu Richter; Fügt sich dieses Motto nicht vortrefflich zu dem Bild einer alten vornehmen Dame, die mit einer signoriten Handbcwcgung etwas der Familie Unlieb- sames wegschiebt? Und Frau Adele Bliuker-Crighton wird uns ja immer und immer wieder als vornehme Dame geschildert!— Ich sagte soeben, daß die Zeugin selbst in einem der wichtigsten Punkte die Darstellung von Dr. Werner bc- stätigt: Ich meine die Stelle des Gesprächs, als sie ihm den bekannten Brief vorlegte. Er spricht seine Ueberzeugung aus, daß sie unschuldig ist, so werden seine Worte auch von der Zeugin aufgefaßt, wie sie heute hier hat zugeben müssen. Und trotzdem soll Dr. Werner mit Verbaftung und Auslieferung gedroht haben? Wie widersinnig! Wie völlig unlogisch! Wie offensichtlich unwahr;--- Meine Herreit Richter! Ich fühle mich hier nicht bloß als Verteidiger, sondern mich als den älteren, erfahreneren Herrn Kollegen, der für einen ange- feindeten und ins Unglück geratenen jüngeren Kollegen noch ein warmes Wort aus eigenstem Herzen einlegen möchte. Dr. Werner ist ein junger Anwalt, kaum drei Jahre in der Praxis. Seilt impulsives Temperament hat ihn angetrieben, einer unglücklichen Frau seine Dienste als Anwalt zu weihen. Ganz uneigennützig, wie wir wissen, und in einem Umfange, wie es ein älterer, skeptisch gewordener Anwalt nicht getan hätte. Aber ehrt das nicht seine Ritterlichkeit? Und wie urteilen andere Männer über denselben Dr. Werner? Ge- reifte Männer, die in hoch angesehenen Stellungen mitten im Leben stehen, die nach Erziehung und Beruf Menschen- kenntnisse besitzen müssen? Sie alle haben den schönen sitt- lichen Mut gehabt, hier an dieser Stelle für ihn einzutreten. Sie haben einstimmig unter ihrem Eide gejagt; Wir kennen ihn jahrelang, er ist ein Ehrenmann durch und durch. Und das ist auch die öffentliche Meinung in Dresden."... Die Blicke von Justizrat Losso glitten über die Hunderte und Hitnderte, die im Saale saßen und standen, als ob er sie alle zu Zeugen aufrufen wollte. Sie lauschten seiner Rede mit tiefer Ergriffenheit. Es war still und feierlich in dem großen Saale geworden. Justizrat Losso sah in sich ver-. Sott erfordert. Ter Begründer des RelotivLätSprinzipZ. Ernstem. dot das Prinzip in eigenartiger Weise erweitert; er nimmt an. dag ai'.cki eine»ngleichsörmige Bewegung nicht erkennbar ist, datz man auch bei einer beschleunigten oder verzögerten Bewegung nicht feststellen kann, ob die Veränderung an der Bewegung dc-5 betreffenden KörperS vor sich gebt oder ob nicht vielmehr die Be- wcgnngen der anderen Körper Veränderungen in umgekehrtem Sinne erleiden. Diese Erweiterung des Relativitätsprinzips auf ungleichförmige Bewegungen fährt ihn zu einer allerdings ziemlich komplizierten Gravitntionsiheorie, dir aber manche Vorzüge vor anderen GravitationStheorien hat. Eine noiivendige Folgerung der Einftcinschen Theorie ist nun, dast die Lichtstrahlen in der Nähe eines schweren Körpers eine Ablenkung vom geraden Wege, eine Krümmung, erleid«?. Daher müssen die von Fixsternen ausgehenden Lichtstrahlen in der Nähe der Sonite abgelenkt werden." Dadurch ist bei einer totalen Verfinsterung der Sonne Gelegenheit gegeben, experimentell zu prüfen, ob diese theoretische Folgerung tatsächlich zutrifft. Photographiert man die Sonne während der Dauer der Verfinsterung, so inüfieit auf der pholographischcn Platte auch die Fixsterne erscheinen, deren Licht nahe an der Sonne vorbeigeht, und die Photographie mutz darüber Ausschlim geben, ob tatsächlich eine Ablenkung dieser Lichtstrahlen durch die Nähe der Sonne stattgefunden hat. Die von der Theorie geforderte Abweichung ist so stark, dag sie bei der Vorzüglichkeil unserer Meszinstruinente wahrnehmbar sein musz. So wird also die bevorstehende Sonnenfinsternis zu einem Prüfstein für die Einsteinsche Erweiterung des Relativitätsprinzips werden. Das Relativitätsprinzip in seiner ursprünglicheil Form ist nicht völlig unbestritten, und noch viel iveiiiger die Einsteinsche Erweiterung. In den Kreisen der Physiker sieht man daher den Beobachtungen am 21. August nur begreiflicher Spannung entgegen, die durch die politischen Ereignisse nicht vetmiuderl weiden lonnie. Die Beschießung Lüttichs. Das Antwerpcner„HandelSblad" schildert die Vorgänge, die sich am Donnerstag, den 6. August, dem Tage vor der Einnahme der. Stadt abspielte», also: Tie Nacht von Mittwoch auf Donnerstag war schrecklich. Das Kanoncngebrüll schwieg keinen Augenblick, außer bei Anbruch des Tages. Aber danach begann die Musik aufs neue, und man nahm an, daß die deutsche Artillerie ihre Stellungen näher herangerückt habe. Man vernahm in Lüttich, daß eine deutsche Hceresabteilung mit Artillerie zwischen den Forts von Evegnee und Feron durchgedrungen sei und in Bressonx, nördlich von der Chartreuse, eine günstige Stellung beseht habe. 4.30 Uhr. Bilm! Eine Bombe fällt auf das Haus eines Notars an der Ecke der Nue de Pitteur-Z und des Quai des Pccheurs und seht es in Brand. Buin! Eine zweite Bombe fällt genau ans den Pont Moghin, der danach sofort einen traurigen Anblick bietet. Eine dritte Bombe fällt auf den Exerzierplatz von Bressonx, wo man das Vieh für die Heeresversorgung zusammen- getrieben hat. Das Vieh mußte sofort nach Ans gebracht werden, was bei dem tjuge durch die Stadt dm Bevölkerung in Unruhe versetzte. Tie Bomben fallen noch weiter. In der Rue Puits cn Sock wird ein Haus zur Hälfte verwüstet. In dem Hospital de Baviere zerstört eine Bombe das ärztliche Laboratorium. Auch in der Station Jonsosse und dem nahegelegenen militärischen Spital ist einiger Schaden angerichtet worden. In der Rue Saint Laurent fiel eine Bombe aus eine Wiese zwischen Kinder. Zwei davon blieben tot. 11.30 Uhr fällt eine Bombe auf eine Brücke, schlägt einen Teil davon weg und platzt in der Maas, wobei eine hohe Wassersäule aussteigt. Alles das aber scheint nur einem Zweck zu dienen, nämlich dem Ultimatum Nachdruck zu verleihen, das General von Emmich an die Stadt Lüttich richten wollte. Nachmittags 2 Uhr kam ein Packanientär in einem Auto, von einem belgischen Offizier begleitet. Ein Ulan mit der weißen Fahne ritt neben dem Auto, welches auf den Hof des Lütticher Rathauses fuhr. Hier fanden die ersten Unterhandlungen statt. Acht Minuten später fuhr dos Auto nach dem Palast des Provin- zialgoitverncurs, wohin auch der Bürgermeister Klcyer und der Kommandant General Leina» sich begaben. Von diesem Augen- blick fiel keine Bombe mehr aus die Stadt. Ter deutsche Parlamentär erklärte, es stehe eine ansehnliche Kricgkniacht vor der Festung, und aus einem Gefühle der Men- schetrlicbe werde jetzt zum letzten Male die Uebergabe der Stadt und der Forts verlangt. General Leman antwortete, er habe Be- fehle und werde die Befehle als Soldat ausführen. Cr könne und snnken vor sich hin, dann reckte er sich auf und es kam ein freudiges Strahlen in seine Angeii, als er fortfuhr: „llnd wenn er nun durch Ihr freisprechendes Urteil, an dem ich nicht einen Augenblick gezweifelt habe, seinem Be- rufe wiedergegeben wird, und reifer und besonnener die Herr- lichen Gaben, die ihm für seinen Berns gegeben sind, wieder segensreich verwertet, dann möge er auch die Kraft finden, über das unsagbar Schmerzhafte, das er erlitten hat, hinlveg- zukommen und schaffensfroh weiter zu bauen, als ein Kollege, den wir wert halten, als ein Mensch, den wir lieb haben!" Tie lebten Worte hatte Justizrat Losso mit jugendlicher Frische, mit so jubelnder Sieghaftigkeit hinausgerufen, daß, als er geendet hatte, ein Jauchzen, ein Bravorufen im Saale sich erhob, so überzeugend aus dem Herzen kommend, daß aus Achtung vor diesem Empfinden der Vorsitzende schwieg und es unterließ, zur Ruhe zu mahnen. Er mochte fühlen, daß jedes wehrende Wort von ihm in diesem Jubel häßlich und roh wirken müßte. Erst nach einigen Augenblicken sah er ernst und gemessen auf und hob nur die Hand. Tie lauten Rufe verstummteil und die Begeisterung kehrte in die Herzen der Menschen zurück; es wurde wieder ganz still im großen Saale. Was noch? Nur ein Wort konnte sich in diese Stirn- mulig fügen.— Frei! Kalt und geschäftsmäßig wurden die Worte laut;„Hat der Augeklagte noch etwas hinzuzufügen?" Frank Werner zuckte zusammen. Auch er hatte mit immer regerem Interesse den Worten von Justizrat Losso gelauscht und war dabei von seinem eigenen Leide iimner mehr sortgeglitten, hatte sich nur dem Genuß an dieser vor- trefflichen Rede hingegeben. Er sollte jetzt sprechen? Warum? Toch, er war es ja, um den es sich handelte. Er erhob sich und blieb schweigend stehen. Er sah zum Richtertisch und ließ seine Blicke über seine Richter gleiten. Sein Gesicht hatte einen Ausdruck, als ob er die widerstrebendsten Ge- danke» zurückdrängen müßte. Ein seltsames, nicht verständ- liches Lächeln irrte über seinen Mund. Er schwieg immer nach. Landgerichtsdirektor Krantz hatte die Akten zusammen- geschoben nnd sah jetzt befremdet auf. Sein Blick traf den von Tr. Werner, der fest auf ibu gerichtet blieb. Das selt- same, nicht verständliche Lächeln verwischte sich, er straffte sich, und leise, aber deutlich kamen die Worte von seinen Lippen: „Geben Sie mir das zurück, was man mir zu nehmen ver- sucht hat, meine Ebre." Er blieb noch stehen und hielt den Blick wie prüfend auf den Vorsitzenden gerichtet. Dieser erhob sich breitschultrig;„Tas Gericht zieht sich zur Beratung zurück." Tie fünf Talare vcrsck)wanden, einer nach dem andern durch die kleine Tür in der Täfelung.__(Forts, folgt.) ' versotwekMex SSefcglteui;»lsretz Wielex?. gculöflu. Lux den 'wolle die Fori? nicht übergeben, bielmebr bis zum ketzken Mann kämpfen. Was freilich die eigentliche Stadt Lüttich angehe... Oho! antwortete der Parlamentär. Alles oder nichts! Wir müssen sowohl die Stadt als die Forts haben. Das ist für uns eine Frage uiibediiiigter Notwendigkeit. Der Bürgermeister machte nun Vorstellungen im Namen der Bevölkerung von Liittich. Doch vergebens. Der Parlamentär ging fort, wobei er sagte, daß bis 0 Uhr die Antwort gegeben sein nliissc. Andernfalls werde die effektive Beschießung der«iadt be- ginnen. Blitzschnell verbreitete sich die Nachricht durch die ganze Stadt und versetzte die Bevölkerung in unbeschreiblichen Schrecken. Zahl- reiche Familien packten das Allernotwendigstc in einen Reisesack und stürzten nach der Station Guillemins, um mit den nach Brüssel fahrenden Zügen zu flüchten. Ilm 6 Uhr war Lüttich eine verlassene Stadt; keine lebende Seele mehr in der ganzen Umgebung. Alle Häuser geschlossen und verbarrikadiert. Die Einwohner, die zurückgeblieben waren, krochen in die sicheren Keller. Eine Stunde verlief und noch keine Beschießung. Um 7 Uhr siel dann der erste Schuß. Die erste Bombe fiel ans den Theater- platz und machte ein tiefes Loch an dieser von Bäumen um- gebenen gepflasterten Stelle. Der Bombcnregen hielt nun an, während die Forts das deutsche Feuer bcantworteien. Häuser brannten ab. Wie viele weiß man in diesem Augenblick noch nicht. Die Demonstrationsbeschicßung am Morgen— so nennen es die Deutschen— hat zwar viel �Aufregung verursacht, aber wenig Schaden angerichtet. In die Stadt sielen insgesamt nur sechs Bomben. Wstter unö Crnte. DaS nur von Strichregen unterbrockieiie strahlende Wetter der letzten Wochen hat die deutsche Ernte in ungewöhnlichem Maße be- günftigt, und die Aussichten sowohl für ihre Einbringung wie für ihre Güte werden durchaus befriedigend beurteilt. Was das jetzt zu bedeuten hat, ist jedem Deutschen um so mehr bewußt, als die Verhältnisse für Rußland gerade umgelebrt zu liegen scheinen, wo nach Berichleir nicht nur innerhalb weiter Gebiete ein Mißwachs erfolgi ist, sondern auch die Erntearbeiten selbst wegen der großen Ausdehnung des Gebiets und seiner schon sonst dünnen Bevölkerung die größten Schwierigkeiten machen werden. DaS Weiler beeinflußt die Ernte aber von der Zeit der Aussaat an, ja sogar darüber hinaus. Ist es doch fest- gestellt worden, daß die Ergiebigkeit deS Weizens schon von dem Wetter des vorausgegangenen Sommers abhängig ist, also des Sommers des Jahres, in dein die Saat für die betreffende Ernte gewachsen war. Das Ausbleiben des Regens während der Blütezeit und genügende Wärme während der Reife sind notwendige Be- dingungen für die Gewinnung einer guten Aussaat. Auch darin halte also das vorige Jahr innerhalb Deutschlands im allgemeinen trefflich vorgearbeitet. Uebrigens werden die Herbstregen als das wichtigste Witterungsereignis für die Weizenernte bezeichnet, und zwar scheinen die 37. bis 44. Woche des Jahres für die Ernte des nächsten Sommers ausschlaggebend zu sein. Gerste und Hafer ver- langen hauptsächlich einen kühlen Sommer, der Hafer auch noch Regen im Frühjahr. Für weiße Rüben ist es günstig, wenn im Juni und Juli Regen fällt, namentlich wohl desbalb, weil bei trockenem Wetter die Jnseklenschädlinge diesen Gewächsen zu viel »schaden tun. Für die Heuernie kommt die große Bedeutung des RegenfalleS im Frühjahr und Frühsommer voll zum Ausdruck. Im ganzen läßt sich aus den während der letzten Jahre mir Wissenschaft- lichcr Genauigkeit angestellten Beobachtungen der Schluß ziehen, daß mit merkwürdig allgemeiner Gültigkeit kühles Wetter im Spät- frühling und Sommer iür die Feldfrüchle vorteilhaft ist. Nur die Kartoffeln sollen eine Ausnahme davon bilden können. Dieser Satz stimmt auch mit den Erfahrungen dieses Jahres durchaus überein, denn die einzige Gefahr der Ernte war die längere Hitzezeü im Frühsommer. Daß diese immerhin durch Gewitterregen gemildert und dann später durcb eine kühle Zeit ab- gelöst wurde, ist von unberechenbarem Segen für die deutsche Ernte gewesen. Körner sowohl als Wurzeln liefern nämlich die größten Ertrage, wenn sie sich allmählich und gleichmäßig entwickeln. Die sogenannte Frühreife oder Notreise des Getreides wird deshalb so sehr gefürchtet, weil sie den Abschluß des Wachstum» vorzeitig herbeiführt und de» Gehalt der Körner llerabsetzl. Saatjahr und Erntejahr stehen nach Witterung und Ernteergebnis in einem engen Zusammenhang. Dabei fällt der Umstand auf, daß die Witterungsverhältnisje, die einer guten Oualüät der Saat günstig sind, in mancher Beziehung denen entgegengesetzt zu sein scheinen, die auf die Erzielung einer reichen Ernte hinwirken. So ist dem Weizen während der Blütezeil ein Regenmangel und während der Reife warmes Wetter zur Gewinnung guter Saat, für den Ernte- ertrag selbst aber kühles Welter wünschenswert. Dann müßte man freilich annehmen, daß sich der beim Getreide oft beobachtete Wechsel von guten und schlechten Jahren dadurch erklärt, daß schlechte Ermen ein besseres Saatgut liefern, während bei reichen Ermen die Körner zur Saat weniger geeignei sind. Darüber aber sind die Akten der Wissenschaft noch nichl geschloffen. Keines Zemlleton. Eine grausame Ironie. Aus Hamburg wird der»Franks. Ztg.' geschrieben: Mitte Mai dieses Jahres waren ungefähr ISO englische Arbeiter und An« gestellte in Hamburg zu Besuch, die von Anhängern der Friedens- bewegung in Freiqnarlieren gastlich aufgenommen wuiden. ES waren Vertreter der„Adulfc School üuions"(Schulverband für Erwachsene), einer in zirka 100 000 Köpfen über ganz England verbreiteten unpolitischen Bewegung. Eines ihrer Hauptziele ist die Förderung der internationalen Verständigung. Jetzt ist nun den hiesigen Gastgebern ein Dankschreiben zugegangen, da» u. a. folgenden Satz enthält:„Der Besuch hat bei allen, die an ihm teilnehmen durften, einen unverwischbaren Eindruck hinterlassen und ein neues Glied in der Kette der Freundschaft und des Brüderlichkeitsgesübls geschmiedet, die unsere beiden Völker vereinigt. Der Austausch solcher Besuche wird das gemeinsame Gewissen unserer Völker stärken und einen Krieg zwischen ihnen zu einem undciikbareii Verbrechen machen." Diese lauge unterwegs gewesene Zusendung ist mir dem Poststempel: London, 1. August, versehen. Eine grausige Ironie liegr darin, daß diese Erklärung erlassen und abgesandt worden ist zur selben Zeit, als in PortSmouth die englischen Panzer schon versammelt waren, um über 7>aS Leben und den Besitz des deutschen Volkes herzu- fallen! Sie trägt auf der Stirnseite die friedlich gekreuzten Handels- flaggen Deutschlands und Englands und darunter zwei verschlungene Hände. Schützt Euere Mgen! Eine Mahnung zur Sonnenfinsternis. Trotz den kriegerisch ernsten Zeiten wird das große Natur- ereignis, das sich am Freitag, mittags zwischen 12 und 3 Uhr am Himmel abspielt, sicherlich von Millionen Menschen aufmerksam beobachtet werden. Deshalb gilt es, rechtzeitig aus die außer- ordentliche Gefahr hinzuweisen, die das Hineinblicken in die Sonnenstrahlen für das ungeschützte Auge bedeutet. Bei der letzten Soiinenfinsternis vom 17. April 1912 sind zahlreiche schwere Schä- digungcn der Sehorgane von den Augenärzten festgestellt und be- handelt worden. Diese Schädigungen können unter Umständen so groß sein» daß sie zu zeitweiliger oder daucriidcr Erblindung führen. Die Beschädigung des Auges beruht beim Hineinblicken in die Sonne auf einer mehr oder weniger schweren Berbrenining der feinen Zäpfchen in der Netz- und Adcrhaut im Hinteren Pol des Augapfels, nnd zwar gerade an der Stelle des schärffteu Sehens. Man mutz bedenken, daß die Linse des Auges die. �Lnjeratenteil'vergntwu' Tk Glocke. Berlin. Druck u.VerIag:PorwärtjZ Sonnenstrahlen in 5er Art eines BrcnnglascS ffsreinigk, und bei der großen Empfindlichkeit dieses kostbarsten menschlichen Organ» genügt unter Umständen der Bruchteil einer Sekunde, um schwere, nicht mehr gutziimachendc Störungen der Sehkraft zu verursachen. Gewöhnlich stellen sich die Beschwerden nicht sofort, sondern erst nach längerer Zeit und sogar erst am nächsten Tage ein; sie be- ruhen auf einem grauen Flimmern, das sich vor das Auge wie ein undurchsichtiger Nebel legt. Zur Verhütung derartiger Augen- schädigungen ist es unerläßlich, das Sehorgan bei der Beobachtung der Sonnenfinsternis durch tiesdunkle Gläser zu schützen. Am besten sind dunkelblaue oder schwarze Brillengläser, die man sich gecigncterweise beim Optiker besorgt. Es ist dabei auch Wert darauf zu legen, daß man sich ein Glas geben läßt, dessen Köm- Position den Dnrchgang der ultravioletten Strahlen verhindert. Man kann sich aber auch insofern helfen, als man eine gewöhn- liche Glasscheibe oder ancb nur einen Scherben berußt; nur muß mau darauf achten, daß die Rußschicht überall gleichmäßig ausge- tragen ist. Man sichert diese dann dadurch, daß man ein zweites Glasstück auf die Ruhschicht auflegt und beide Glasplatten am Rande zusammenklebt, wozu einige Streifen Markenpsspier völlig ausreichen.__ die Iunkentelegraphie im öeutjchen Heere. In den letzten Jahren ist die Funkentelegraphie so weit aus- gebaut worden, daß ihre Organisation einen gewissen Abschluß er« reicht hat. Es werden, wie der„Prometheus" mitteilt, feste, fahr« bare(schwere und leichte) und Lustschiffstationen unterschieden. Die festen Stationen befinden sich in Festungen(Festungsgroßstationen) und haben eine Reichweite von 1000 Kilometer. Alle Festungen sind imstande, sich mir Nauen in Verbindung zu setzen und von Luftschiffen Nachrichten zu erhalten. Die fahrbaren Stationen sind den Kommandobehörden zugeteilt. Die Fahrzeuge sind wie die Gcschützfahrzeuge nach dem Protzsystem gebaut und werden von 6 Pferden gezogen. Bei den schweren Feldstationcn sitzt das Personal ans den Fuhrwerken auf, bei den leichten ist es beritten; auch sind die Fahrzeuge leichter und mithin beweglicher. Letztere sind den Kavalleriedivisionen zugeteilt und lo erden denjenigen Aufklärungseskadrons beigegeben, bei denen die Meldesammelstellen errichter werden. ES können alle Nachrichten der Offizierspatrouillen, die hier zusammenströmen, über die Kavalleriedivisionen zu den Armeeoberkommandos gelangen. Die schweren Stationen befinden sich bei den Stäben, die wir heute im einzelnen nicht angeben wollen. Ihre Reichweite betrögt 200 Kilometer, die der laichten 60— 70 Kilometer. Jede Stelle ist mit 1— 2 Stationen ausgerüstet, die abwechselnd den Betrieb aufnehmen. In der Ruhe bildet die eine Station die Reserve, in der Bewegung bleibt eine Station so lange auf dem alten Platz besetzt, bis ans dem neuen Ort die Tätigkeit aufgenoinmcn ist. Ter Auf- und Abbau einer Slalion ersorderl etwa 15 Minmen. Der Vorderwagen nimml die Empfangs-, der Hinlerwagen die Senderapparate auf, sowie den zur Erzeugung der elektrischen Kraft erforderlichen Benzinmotor und die Dynamomaschine. Die Apparate sind mit den an Masten hoch- geführten Drähten verbunden. Die aufgefangenen Wellen werden in Snmmertöne umgesetzt und in einem Fernhörer hörbar. Die Lenklustschiffe find nur mit Senderapparalen ausgerüstet, deren Reichweite 300 Kilometer beträgt. Sie können auf diese Weile mit den Kavalleriedivisionen und Festungsgroßstationen in Verbindung treten. �V. C. Modell 70. Im Kriege ist die Ernährung des Heeres ein» der wichtigste« Momente. Dem fast gleichwertig ist— man verzeihe das Wort— die Verdauung. Das stille Kämmerlein, das durch das Talent und die unablässigen Bemühungen unserer jetzigen Feinde, der Eng- ländcr, auch in Deutschland derartig reinlich und behaglich ist, daß der Aufenthall! daselbst auch in den kleinsten Städten des Deutschen Reiches, wenn nicht zu den Annehmlichkeiten, so doch nicht zu den Unannehmlichkeiten gehört, ist in Frankreich immer vernachlässigt worden. Jetzt findet man vielleicht in den ersten Hotels der Groß- städte etwas Äehnliches wie das, was der Engländer VV. C. nennt. In den kleineren Orten und Dörfern sieht es damit heute noch ebenso schlecht und skandalös aus wie 1870, und durch nichts haben unsere Truppen, möchte man fast sagen, so sehr gelitten, wie durch das Fehlen dieser allernotwendigsten Bequemlichkeit. Man weiß, wie im Biwak die Truppen diesem dringenden Bedürfnisse Rech- nung tragen. In den Quartieren der Dörfer und«chlösser glaubte mrfn aber in Frankreich damals besondere Anlagen nicht nötig zu haben. Man irrte sich aber sehr. Selbst die Schlösser der Reichsten wiesen in dieser Beziehung einen beschämenden Mangel auf, von den Dörfern und kleineren Städten gar nicht zu reden. Was Wunder, daß unsere Truppen sich mit Gewalt auch in dieser Be- ziehung Lust zu machen suchten. Sehr amüsant ist die Erfindung, die in dieser dringenden Not der Zeit der Rescrveleutnant eines rheinischen Jnfanterie-Regimenis gemacht.hat. Längere Zeit in einem Dorre mit gänzlichem Mangel erwähnten Mobiliars liegend, nahm dieser kluge Kopf einen der zierlichen französischen Rohr- stähle, schnitt das Stroh heraus und schaffte so ein immer bereites wandelndes W. C., das jeder, der sich seiner bedienen mußte, in einen stillen Winkel trug. Dieses W. C. Modell 70 ist, so viel wir wissen, nicht zum Musterschutz angemeldet, und es steht daher jedem frei, davon auch heute noch Gebrauch zu machen. Vielleicht ist unseren braven Jungen im Felde sehr damit gedient, diese Er- findung eines alten Kriegers auch heute noch kennen zu lernen. Die Enttvickelung 0er Handfeuerwaffen. DaS Pulver sollen die Chinesen einer Legende zufolge schon um 1150 erfunden haben. Es heißt daß sie 1232 bei Belagerung einer Stadt boinbenähiiliche Wiirfgeschosse verwandten. Es scheint sich aber nicht um wirkliches Schießpujver gehandelt zu haben, sondern um brennende Stoffe, die aus Röhren geschleudert und bei denen Salpeter verwendet wurde. Um die Mitte des 13. Jahr- Hunderts wurde in Deutschland die erste Handfeuerwaffe erfunden: eiserne Büchsen, aus denen Steinkugeln, Blei- und Eisenstiicke ge- schleudert wurden. Die älteste erhaltene Waffe(aus dem Ende des 14. Jahrhundert) besitzt das germanische Museum in Nürn- bcrg. Diese Schießgewehre waren aber weniger wirksam als Armbrust und Wurfspieß. Sie entwickelten sich auch sehr langsam. Die Steiuschoßgewchrc, die um 1800 in Preußen in Gebrauch waren, batten bei Schußweiten über 250 Meter keine auiraichende Durchschlagskraft mckbr und eine sehr geringe Treffsicherheit. Auf Bretterwände von 1,8 Meter Höhe und 36 Meter Länge gab es bei 300 Meter Entfernung nur 16 Proz. Treffer. Das preußisch« Gewehr von 1808 hatte eine Münduiigsgeschwindigkeit von 1300 Meter in der Sekunde, eine größte Schußweite von 300 Meter; 4 bis 5 Schüsse konnten höchstens in der Minute abgegeben werden. Mit den französischen Gewehren vor hundert Jahren stand eS ähnlich. DaS sranzöfische Chassepotgewehr von 1866 hatte eine Geschwindigkeit von 420 Meter, eine Schußweite von 720 Meter und eine Höchstleistung von 10 Schuß in der Minute. Das preußische Zündnadelgewehr von 1870 erzielte um ein Geringes stärker« Leistungen— 12 Schuß in der Minute. Seitdem sind die Wir- klingen ungeheuer gestiegen. Tas deutsche Mauscrgewchr trägt 4000 Meter weit und ermöglicht bei einer Geschwindigkeit von 900 Meter 25 Schuß in der Minute. Tas Kaliber ist seit' hundert Jahren von 13 Millimeter auf 5 Millimeter verringert worden. Diese furchtbaren Wirkungen erscheinen freilich gering gegen- über den Maschinengewehren, diesen Gießkannen des Teufels, wie sie die russischen Soldaten im japanischen K liege nannten. Das in den meisten Ländern gebrauchte Maxim-Maschinengcwehr er- inöglicht 400—,-.00 Schuß in der Minute; ja. in letzter Zeit hat man es ans 600 gcoracht. Ein einziges solches Maschinengewehr würde also— die iiuendlich größere Schnhwcite und Durchschlag»- kraft nicht gerechnet— etwa 60 Infanteristen von 1870 ersetzen. Buchdruckerei u, Lerlagsänstalt Paul Singer& Co, Berlin SW,