»r ies-m Ltnterhaltungsblatt öes Vorwärts Sein rechter Mm. Da? Klappen der Preßkohlen, die innner zu Fünfen inden Trag- kästen wanderten, übertönte das Schluchzen, da? irgendwo aus einer Ecke des halbdunklen Kellers kam. Erst als die kleinen, harten Hände der Kohlenfrau einen Augenblick in der Arbeit rnhlen, hörte man das leise Weinen beut- licher. Die Kohlenfrau lehnte den fertig gepackten Kasten an die Wand und durchschritt stampfend den schwarzen, knirschenden Keller. .Jammern Sie bloß nicht soviel, Wenken!— Ich bin viel schlimmer dran wie Sie.* Die Wenken erhob sich von dem umgestülpten Koksmaß, auf dem sie gehockt hatte. .Sein rechter Arm!*— wimmerte sie. Sie ließ die Hände vom Gesicht sinken, hielt ihre gesunde Rechte prüfend in die Höhe und siel wieder mit verzweifeltem Schluchzen auf ihren Sitz zurück. .Wenken,* sagte die magere, kleine Kohlenfrou mit rauher Stinune..Sie kriegen ihn doch wenigstens wieder. Was soll ich denn sagen?* Da? Weinen verstummte. .Da lesen Siel*— Die Frau nahm eine Karte auf, die gelb auf dem schwarzen Grunde leuchtete.—.Vermißt— I— Wissen Se, was das heißt, Wenken?*— Die dunklen Augen in dem bleichen, angerußten Geficht glühten wie Kohle».—.In Feindeshänden ist er oder gefallen.* Schreckhaftes Schweigen trat ein. In dem Sonnenstrahl, der sich durch die offene Kellertür Bahn brach, tanzten die blitzenden Kohlenstöubchen wie lustige, schwarze Teufelchen. .Und ich— nu das Geschäft allein auf dem Halse.* Die Wenken fiel ihr unwirsch in die Rede..Sie denken immer ans Jeschäft, ans Jeldverdienen.— Wenn mein Karl bot wäre, denn—' Sie sprach nicht weiter, aber in ihr verweintes Gesicht kam ein entschlossener Zug. .So lieb, wie Ihrer Sie voch hatte— I* sagte die Kohlenfrau neidisch. '.Ja-- 1— Un nu hatta bloß eenen Arm—!*— Das Schluchzen begann von neuem. Die Kellertreppe herab kam eine blonde Kleine. Auf der Stufe, die den Klingelapparat barg, machte sie Halt und vergnügte sich damit, durch anhaltendes Trampeln die Glocke recht lange in Be- wegung zu setzen. .Multa,' schrie sie in den Keller hinab,.de Wirtin hat mir det for Dir jejeben.' Sie hielt einen Brief in die Höhe. .Bon wejen die Mete, Wenken,* sagte die Kohlenfrau wichtig. »Paffen Sie auf!' Sie sah erstaunt zu, wie die Wenken das Blatt nach dem Lesen gleichgültig sinken ließ.. .Sie— das is»ich ohne!— Die Lehmann drüben hat en Zahlungsbefehl jekriegt. Sie soll mit den Kindern rauS.* .Mag man mich rausschmeißen l— Mein Karl!— Sein rechter Arm!* Die Kohlenfrau ging achselzuckend an ihre Arbeit zurück. Ihr fehlte da? Verständnis für die Wenken. Jammerte immer um ihren Mann, wo ihr doch viel schlimmeres Elend auf den Hacken faß! Die blühende, blonde Frau Wenk faßte die Hand ihrer Kleinen. .Kommt Vater nu bald?' »Ja, mein Kind.' Die Tränen kullerten schon wieder über die toten Backen. .Ra. denn Weene doch nich, Mutta!' »Sein rechte« Arm is ja wech, Friedet!' .Un nu kann a nich mehr so machen?' Die Kleine schlenkerte ihr braungebranntes, rundes Sermchen hin nnd her. Dabei stieß sie an einen Mann, der mit hängenden Gliedern am Borgarten entlangschlich. Die Wenken sah in daS vergrämte Gesicht de? Graubärtigen und vergaß auf einmal ihren eigenen Kummer. .Was is loS, Herr Fiedler?* Der Mann schluckte ein paar mal, ehe er zum Sprechen an- setzte..Daß meine Frau dot is. wiffen Ge doch?— oder nee?* »Was Sie sagen!" schrie die Wenken und schlug die Hände zusammen. «Blutsturz-- immer eenen nach den andern. Keen Arzt zu sinden. Sie wiffen: der Krieg!— Als endlich een freundlicher, alter Herr, der eijentlich jar nich mehr an'n Ruder is, mit mir jing, war's zu spät.* Er schwieg und ließ den Kopf tief auf die Brust sinken. ess?us und Recht. Roman von Fred B. Hardt. Am Ende des Korridors lagen zwei Beratungszimnier; in dem einen hatten sich die Richter zurückgezogen. Kein Laut drang aus diesem Zimmer heraus, es war beängstigend still. Gegenüber, das Beratungszimmer der dritten Straf- kammer. Sie mochten mit der Besprechung fertig sein und ab und zu kamen laute Worte bis auf den Korridor und Manchmal ein mehrstimmiges Lachen, schrill übertönt von einen: kichernden Gewieher. Das nnißtc der kleine verwachsene Landgerichtsrat Dallwitz sein. Sicherlich erzählte Man sich gepfefferte Anekdoten. Dieses Lachen kannte Frank Werner, es war für den dürftigen Verwachsenen eine Aus- lösung der Erotik: für gewöhnlich sagte er in den Sitzungen kein Wort, aber bei Sittlichkeitsdelikten stellte er eine Menge Fragen, wollte allerhand Genaueres wissen. Dann wischte er sich öfters den klebrigen Mund, und seine unsauberen Augen glänzten. „Das Trüffelschwein I" sagte Dr. Renker mit Wider- willen in der Stimme, als nochmals das mißtönende Lachen aus dem Zimmer schrillte. „Ja, und LandgerichtSrat in der dritten Strafkammer. Ein Rechtsuchender." Sie wendeten und gingen zurück. Einige Bekannte von Frank Werner hatten den Schlaf des alten Dieners benutzt Und waren an ihm vorbei in den Nebenkorridor eingetreten, um ihn zu begrüßen. Alle sprachen zusammen,' hastige Sätze, die keine Antwort erheischten. Frank Werner strengte es an, aufzuhorchen. Er ging zurück. Dort hinter der Tür saßen die fünf Männer, die über seine Ehre zu entscheiden hatten. Wenn er doch die Türe öffnen könnte und zwischen sie treten könnte, Mann gegen Mann—, was zaudert ihr noch! Hier bin ich. Ihr kennt mich alle, ihr habt mich nicht lieb, aber daß ich ein anständiger Mensch bin, das kann keiner von euch leugnen. Ich gebe euch mein Ehrenwort, versteht ihr wohl, mein Ehrenwort, ich bin frei von Schuld, ganz frei, hört ihr? Schnell, der Wahrheit die Ehre. Gebt den Freispruch, ich kann nicht mehr. Schnell!"-- Er war in Gedanken dicht an die Türe ge- treten. „So so, das ist Ihre Ansicht. Das ist noch eine recht unjuristische Auffassung, Herr Assessor." Landgerichtsdirektor Crantz hatte mit höhnender Stimme diese Worte gesprochen. Die Wenken suchte nach Worten des Trostes. Aber was ffollte man angesichts solchen Jammers sagen? „Wenigstens ha'm Se Ihr jutes Auskommen, Herr Fiedler*, begann sie stockend, verstummte aber erschrocken, als der iraurige Mann laut zu lachen anfing. „Hat sich was!— Jekündigt hat man mir!— Jüngere sind da. Un denn nehm'n se lieber Frauen. Die dun's halb oder janz umsonst; ich hab's satt."— Er griff sich an die Kehle, als müffe er ersticken. „Dieser fürchterliche Krieg!'— Die Wenken rang die Hände— „meinen schicken se mir ohne'rechten Arm zurück." „Können Se Jeschäfte mit machen*, sagte der Mann bitter. .Für kkrüppel wird jesorgt.— Sehen Se: ich habe zwee jesunde Arme und— keene Arbeit. Mir jibt ooch keener wat. Ich stelle ja keenen Soldaten int Feld.— Na, mir is jetzt allens Wurscht." Er ging mit schlürfenden Schritten davon. „Wovor haben wir denn'nen Arbeitsnachweis?" meinte die Kohlenstau, die gebückt, mit ihrem Tragkasten auf dem Rücken, aus dem Keller gekommen war.„Der Fiedler is bloß en Drücke- berger.* Die Wenken dachte, daß die geizige Kohlenhändlerin dem Manne lieber Arbeit geben sollte. Dann war sie im Geiste wieder bei ihrem Karl. Was hatte der Fiedler gesagt?— Geschäfte mit dem Krüppel machen?— Nimmer— I— Die Frau reckte sich auf. Ihre Muskeln strafften sich. Stolzes Krastgefühl durchströmte sie. „Nu bin ich eben sein rechter Arm," dachte sie, und aus ihren verweinten Augen brach ein Leuchten, daß Friede! staunend vor ihr stehen blieb und sie mit immer wachsender Zärtlichkeit betrachtete. .Freust Du Dir. Mutta?" „Ja, mein Find. Vater kommt doch nu wieder. Umfaffen kann a uns ooch mit'n linken Arm, nich wahr?" Die Kleine schmiegte sich an die Mutter. Kriegstage in Petersburg. V. Pogroms gegen Deutsche. Die Mobilisierung bewirkte plötzlich eine gründliche Wandlung des Straßenbildes. Viele Fabriken schloffen die Tore, Warengeschäfte und Banken schränkten den Betrieb ein. Die Arbeitslosen zogen in die innere Stadt, um zu sehen, was los sei. Die Militärpflichtigen eilten, oft von Frau und Kindern begleitet, zu den GestellungSorten. Ihre Habseligkeiten trugen sie in einem Lappen gewickelt unter dem Arm: die Frauen brachten die kleinen Kinder mit. Auf den Ge« sichtern der Männer die Ruhe des Fatalismus, die Frauen schluchzten herzerweichend. Die Militärbehörde hatte für taugliche Kleidungs- stücke annehmbare Preise festgesetzt, nämlich für ein Paar Stiefel 7 Rol., für ein Hemd S3, Unterhose 46. Hosenträger 14, Handtuch 19 Kopeken, Grund genug für die Reservisten, die beste Kleidung anzulegen. So erschienen fie denn an den Sammelplätzen in einem Gewand, das nicht sehr viel dürftiger war als der Arbeitsanzug unserer oft- elbischen Landarbeiter. Freilich marschierten in den Reservisten- gruppen auch viele, die ohne Hut, Rock und Stiefel waren. Sie trugen nichts als eine zerfetzte Hose und ein dünnes Hemd, beides für den Müllhaufen vielleicht noch gut genug. In keiner West- europäischen Stadt wären derartig notdürftig gekleidete, verwildert aussehende Menschen über die Straße gelassen worden. Woher diese entsetzlich schmutzigen, mehr wie halbnackten Leute kamen, wie sie lebten, was sie trieben, mochte- der Himmel wissen. Ihnen mußte die Kaserne, der Krieg wie eine Erlösung dünken. Nur wenige der Reservistenstauen hatten Fciertagsstaat an« gelegt, das heißt, sie trugen eine Art Nachtjacke und einen bunten Rock, unter dem schlechte Schuhe oder Männerstiefel hervorlngten; kurz, sie waren gefteidet wie die in Deutschland weilenden polniichen Gutsarbeiterinnen, wenn sie Sonntag die Stadt besuchen, um Ein« käufe zu machen. Was die mit weniger Kleiderreichtum versehenen Frauen auf der Haut trugen, war schwer zu sagen. Sie hatten trotz der schweren Hitze einen langen, dicken Mantel übergeworfen, dem Bürste und ausbessernde Hand nottaten. Dank dem berüchtigten russischen Organisationstalent ging die Musterung der Reservisten— nacki deutschen Begriffen wenigstens— äußerst längsam vor sich Die Männer standen tagelang vor den GcstellungSbureauS, bis sie an die Reihe kamen, oder lagerten mit Freunden, Weib und Kindern auf dem Straßenpflaster, teetrinkend und plaudernd. Wenn die Frauen, am Rande des Fußsteiges hockend, Frank Werner verstand jedes Wort. Da kam ihm zum Bewußtsein, daß er horchte. Er schämte sich, und trat schnell einige Schritte zurück, doch die höhnenden Worte blieben in seinen Ohren. Es mußte der junge Hilfsrichter gewesen fein, dem dies galt, denn er war der einzige Assessor im Richter- kollegium. Was mochte er gesagt haben? Jedenfalls dem Vorsitzenden widersprochen. Der arme Kerl! Krantz in seiner eigenen Kammer widersprochen! und noch dazu als Hilfsrichter, in seinem Fortkommen abhängig von der Beurteilung des Direktors. Das durfte sich höchstens Jnstizrat Schulz er- lauben, und der tat es auch, er allein. Aber er nahm ja an der Sitzung nicht teil. War er krank? Beurlaubt?-- Und der alte Larras? Nein, der sicherlich nicht. Der würde nicht widersprechen. Wahrscheinlich war er schon halb ein- geschlafen. Zehn Stunden Verhandlung, das konnte er nicht mehr aushalten. Er war gerührt gewesen durch die Rede von Justizrat Losso, das hatte man gesehen. Das war er jedesmal, wenn ein Verteidiger dialektisch vortrefflich sprach. Dann aber bei der Beratung wurde er schläfrig, und stimnite stets, wie der Vorsitzende vorschlug.— Wer saß denn noch in der Strafkammer? Landrichter Oehme. Mit achtundvierzig Jahren noch Landrichter. Eine Leuchte.-- Wer war aber der fünfte? Frank Werner strengte sich an, kam aber nicht auf den Namen und plötzlich wurde er sich bewußt, daß er bei all den Gedanken von vornherein Krantz als Gegner empfunden hatte. Und er als Gegner in dieser Kammer, ohne Justizrat Schulz, das war gleichbedeutend niit der Ver- urteilung!-- Den Gedanken wollte er nicht ausdenken. Er mußte zu den anderen zurück und immer noch hörte er die höhnenden Worte von Landgerichtsdirektor Krantz. Da kam Justizrat Losso schnell auf den Kreis zu:„Die Herren beraten, ja recht lange!" „Die haben Zeit!"— Wie konnte Frank Werner etwas so Törichtes sagen! Etwas so Ungeschicktes.— Aber nur nicht nachdenken. Er stellte die jüngeren Bekannten Justiz- rat Losso vor und begann hastig zu reden. Sprach von Berlin und verglich es mit London und Paris, sprang auf Kopenhagen über, redete von dem intimen Charakter der Stadt, von den trunkfesten Abenden mit Holgar Drachniann in Skagen. Sprach von Norwegen, von der nordischen Literatur--„Ja, aber Niens Lyhne konnte dort nicht ge- boren werden. Dazu gehört der kulturgekränkte Boden von Dänemark. Ganz anders, sehr interessant, das zu vergleichen, ist Schweden. Gösta Berling, der Romantiker, und Bellnian, der weinfrohe, sangesvolle Bellman, daf ist Schweden.""-- Und er sprach so fort, fließend, aber hastig, als ob er. Angst den Säuglingen die Brust reichten, konnte man sich leicht über" zeugen, daß nur wenige mehr als einen Fetzen zur Bedeckung der Blöße trugen. Allmählich gelang es, Vorkehrungen zur Unterbringung und Speisung eines Teiles der harrenden Reservisten zu treffen. In den töfen wurden Liegestätten zusammengenagelt, ja selbst fliegende üchen eingerichtet. Daß diese Einrichtungen nur wenigen zugute kamen, läßt sich bei diesem Massenandrang leicht denken. Die Ein- kleidung der Mannschaften scheint nicht gleich für notwendig gehalten oder nicht möglich gewesen zu sein, denn sie erhielten emstweilen eine Kokarde an die Brust gesteckt, womit sie noch tagelang herum- liestn. Andere wurden mir Kreide numeriert und zogen mit diesem Zeichen gruppenweise unter Bewachung ab, von schluchzenden Frauen und Kindern begleitet. Militärbehörde und Polizei hatten alle Hände voll zu tun, wußten nicht ein noch aus vor Arbeit und Ueberstürzung. Das witterte niemand besser als der Fanhagel der Millionenstadt. Die Gilde des Strolchtums wird in Rußland nur teilweise hinter Schloß und Riegel unschädlich gemacht; viele Strolche sind bloß unter Polizeiaufsicht gestellt, sind, wie man sich dort ausdrückt, registriert in Freiheit gelaffen. Freilich werden dieses Vorteils bloß gewöhn- liche Verbrecher teilhaftig; wer aber eine der herrschenden Klasse unangenehme politische Meinung hat, dem ist Einsperrung oder Verbannung nach Sibirien unbedingt sicher. In diesen bewegten Kriegstagen hatte der Janhagel größere Betätigungsfreiheit als sonst. Er kam auS seinen Schlupfwinkeln heraus in die innere Stadt, verband sich mit dem von den.echt- russischen Leuten* dirigierten patriotischen Mob zu zarensteuen Manifestationen. Den Treffpunkt bildete das GeschaftSgebäude des nationalistischen Blattes„Wetschernen Wremja* an der Verkehrs- reichsten Ecke des Newskiprospektes. Hier wurde durch lügnerische Nachrichten die gewünschte Kriegsstimmung gemacht; hier wurden die Weisungen für die allabendliche Tätigkeit gegeben. An den Abenden vor der Mobilisierung setzten sich die Mani« festantenhaufen vornehmlich aus Kaufleuten, Studenten und An- gestellten zusammen. Diese verschwanden mit dem Tage der Mobi- lisierung zum guten Teil; an ihre Stelle traten Arbeiter, Lumpen- Proletarier und die Gaffenjugend. Der derart beschaffenen Menge ward nun die Ausgabe überlasien, die„Begeisterung des gesamten Volkes' darzutun, als auch für den Sieg des russischen Heeres und besonders für die Erhaltung des Zaren durch den Allmächtigen zu beten. Auch diese Manifestationen wurden von Offizieren oder anderen Uniformierten angefeuert und geleitet. Die Polizei sah dem Unfug mit fteundlichem Auge, jedenfalls tatenlos zu. Diese Bewegungsfreiheit benutzten die radaulustigen Lumpenproletarier in den Arbeitervierteln zu besonderer Tätigkeit. Bis lange nach Mitter- nacht gellten die Sckreie von wildgewordenen Menschenhaufen inden Vorstädten, klirrten die Fensterscheiben der Häuser mit deutschen In- schriften. Nach alledem fühlte man, daß der Janhagel von dieser „harmlosen" Nachtarbeit bald zu größeren Taten übergehen werde. Die Berichte der Blätter von Mißhandlungen von flüchtenden Russen in Deutschland, von Drang- salierung eines Fürsten und der altenKais�erin durch deutsche Truppen erzeugte die von der Hetzpresse gewünschte Stimmung zu Pogroms gegen Deutsche, wenn sie nicht schon vorher stark genug gewesen sein sollte. Am Dienstag, den 4. August, begann die„beispiellose pa« triotische Begeisterung der Petersburger Bevölkerung", wovon die gesamte Presse alltäglich wortreich benchtete, größere Taten zu voll- bringen. Zuerst wurde das Kaffeehaus von Reiter demoliert. Die Freude, hiermit den deutschen Feind geschlagen zu haben, war nun allerdings vergeblich. DaS Lokal gehört der„Russischen Uradeligen W. R. Reiter", wie die Besitzerin tags darauf in den Zeitungen verkünden ließ, wobei sie ihre russische Gesinnung vorsichtshalber durch Einzahlung von 599 Rubel in die Kriegskasse dartat. Nach Zerstörung deS Kaffeehauses zog die Menge den Newskiprospekt hin- auf an die„Petersburger Zeiiung". Dieses Blatt erstirbt zwar in russisch-patriotischer Ergebenheit; aber eS erscheint in deutscher Sprache, Grund genug für die Patrioten, ihm einen Denkzefcel zu geben. Die dem Zuge vorangehenden Buben bildeten vor dem Hause dieser deutschsprachigen Zeitung auf ein Kommando eine Kette, so daß sich die Menge' staute. Mit lautem Geheul wurde die Be- seiiigung der deutschen Inschrift gefordert. Gleichzeitig wurden die Schaukasten der Jslerschen Buchhandlung zerschlagen, die Bücher zer- rissen und in die Menge geworfen. Ein paar Kerle kamen mit einer Leiter, worauf einer der Führer am Hause emporstieg, das große Schild der Zeitung abriß und auf die Straße warf. Währenddem wurden im Hausinnern die Scheiben und Türen eingeschlagen. Dann hätte, daß ihn jemand unterbrechen könnte. Kleine Schweiß- tropfen perlten auf seiner Stirn. Plötzlich unterbrach er sich und sagte laut:„Aber Hitzig ist ja noch da, der Landgerichts- rat Hitzig!" Die Umstehenden verstanden ihn nicht und sahen ihn betroffen an. Er schwieg, ganz außer Ateni. Er zog die Uhr, es war einhalb elf. Anderthalb Stunden währte schon die Beratung. Er fühlte, daß er ganz bleich wurde. „Einhalb elf Uhr," sagte er langsam. Dr. Renker sah vor sich hin und Jnstizrat Losso sprach mit gedämpfer Stimme mit einigen Herren. Keiner antwortete. Da hörte man auf dem Korridor lachen, ein arrogantes, gekün-steltes Lachen; Staatsanwalt Diestel kam in den Gang und ging dicht an den Herren vorbei, ohne zu grüßen, schnell, wie tänzelnd, und trat in das Bcratiingszinuner der dritten Kammer ein. Tie Stimmen wurden lauter, man hörte Lachen und nach einigen Augenblicken trat Staatsanwalt Diestel wieder aus dem Zimmer und sagte, noch in der halb offenen Tür:„Nein, nein, im Pfchorr, nicht im Bierstall. Ich denke, die Chose ist bald aus. Also dann auf Wieder- sehen." Er machte nach der Tür noch eine Verbeugung und kam näher. Er riß die Tür vom Schwurgerichtssaal auf und rief über den Gang laut mit schnarrender Stimme:„Eichler, machen Sie die Fenster wieder zu, ich kann die Kälte nicht vertragen." Dann tänzelte er an der Gruppe der Herren vorbei, wieder ohne Gruß, und verschwand auf dem Korridor. „Das ist unerhört!" brauste Justizrat Losso auf, brach aber schnell ab und sah besorgt nach Frank Werner. Der zuckte nur mit den Achseln, als ob er sagen wollte, was kann mir das noch tun. Er sah Justizrat Losso fest an: „Besinnen Sie sich, daß Krantz am Schluß der Vernehmung von Frau Blinker diese fragte— ob sie ihren Sohn vor der Abtretung gefragt hätte, wenn sie ihn hätte sprechen können, und wie sie antwortete, selbstverständlich." „Ja, ich kann mich dessen erinnern. Was meinen Sie damit?" Dr. Renker, der hinter Frank Werner stand, preßte die Lippen zusammen und nickte mit dem Kopf, als ob seine eigenen Gedanken laut geworden wären. „Das ist der Punkt, wo Krantz einhakt, glauben Sie mir." „Ich bitte Sic, das ist ganz unmöglich. Vollständig ausgeschlossen," meinten einige Herren aus dem Kreise. Justizrat Losso hatte den Blick von Dr. Renker auf- gefangen, er schüttelte energisch den Kopf;>,Ws die bona ertönten Stufe zum BeltermarsS. Der Weg gtng durch dte Mar«- tajastrahe zur deutschen Botschaft� Daß dieses an eine Festung ge« mahnend« Gebäude von einem Mob erstürmt werden könne, hatte wohl kaum jemand für möglich gehalten. Die Erstürmung ging wie nach einem Plan: Zuerst klirrten Fensterscheiben, dann kamen Möbel, Aktenbündel, Wäsche usw. durch die eingeschlagenen Fenster geflogen. Die Gegenstände wurden auf zwei Haufen geworfen, die bald in Brand gesteckt waren. Diese Freudenfeuer beleuchteten eine vieltausendköpfige, Fahnen schwenkende und die Nationalhymne brüllende Menschenmenge. DaS Getöse wurde durch einen schweren Schlag unterbrochen. Von der auf dem Dache der Botschaft stehenden mächtigen Bronzegruppe— zwei Rosse mit zwei Lenkern— war eine der Männergestalten losgobrochen und hinunter auf den Platz geworfen worden. Die Menge machte sich sofort daran, die Figur in den unweit befindlichen Kanal zu werfen. Scheußliches Freudengeheul begleitete diese patriotische Arbeit. Gellende« Klingeln und Pfeifen zeigte den Anmarsch der Feuerwehr an. ES dauerte nicht lange, so flammte in dem Botschaftsgebäude das elektrische Licht auf. wodurch eS möglich wurde, die ganze Größe der Zerstörungsarbeit zu erfassen. Die dicken Wasserstrahlen, die die Feuerwehr von den Fenstern des Gebäudes auf die erhitzten Köpfe der.Patrioten' sandte, veranlaßte diese, weiterzuziehen. Daß sie auch aus dem Rückmarsch nicht untätig blieben, konnte man anderen Tag« an der Masse der eingeschlagenen Fensterscheiben und demolierten Wurstmachereien erraten, deren Inhaber nun allerdings nicht, wie angenommen, Deutsche, sondern Russen sind. So hat mancher Russe, der an seinem Laden die Bezeichnung: .Deutsche Wurstmacherei' anbringen ließ, um den Ruf seine? Geschäftes dadurch zu steigern, für den Mißbrauch de« guten deutschen Ramens schwer büßen müssen. Man hat sich an jenem Abend und auch noch lange nach diesen Pogroms gefragt: Wo st eckt eigentlich die Polizei? In dem Botschaftsgebäude wurde in Zeitungspapier«ingewickelt die Leiche de« Hofrat» A. Kattn er, des DragomanS der Botschaft, gefunden. Die Heypresse machte sich gleich daran, diesen Mord der deutschen Botschaft aufzubürden: Die Deutschen belohnten langjährige treue Dienste mit Dolchstichen; sie hätten den Verdienst« vollen Beamten nicht lebend zurücklassen wollen, weil er zuviel qe- wüßt hätte und im Geruch gestanden habe, russensreundlich zu fern. So habe man ihn erdolcht, um ihn ein für allemal unschädlich zu machen. Mit dieser Vorbereitung für Pogroms gegen Deutsche' hatte die Hetzpresse glücklicherweise kernen Erfolg. Es gab Zeugen genug, die Kattner am Abend der Erstürmung der Botschaft noch gesehen oder mit ihm gespeist hatten. Die Obduktion der Leiche sowie andere Umstände bestätigten, Wa« jeder Vernünftige angenommen hatte: daß der deutsche Beamte von d em p at rio ti sch e n M o b ermordet worden ist. Die russisch« Behörde hat nun allerdings eine Untersuchung ein» geleitet. Werden die Mörder auch wirklich gefunden werden? Und wenn ja, werden sie bestraft oder mit der Tapferkeitsmedaille be« lohnt werden? So fragten sich die Deutschen, die die vielen von den Behörden geduldeten Schandtaten mit erleben mußten. C h a g r i n. Das lothringische loch. DaS..Lothringische Loch'— unter diesem Namen ist in der französischen Literatur, insonderheit in der Militärliteratur, die Strecke zwischen den starken Festungen Epinal im Süden und Toul im Norden bekannt. Dieser Teil Französisch-LothringcnS, dessen Hauptorte Nancy und Luneville find, bildet die natürliche Einfallspforte von Westen nach Deutschland, und eS war seit langem be> kannt, daß die Franzosen dieses.Lothringische Loch" auSersehen hatten, um ins deutsche Land einzudringen. Ihr Borstoß ist nun gescheitert, ihre Heere fluten zurück, in den Schutz der Festungen Epinal und Toul, verfolgt von dem deutschen Heere. Ist die zehn Kilometer breite Lücke zwischen Toul und Epinal auch nicht durch einen Sperrgürtel von Forts verschlossen, wie die starken Sperr- gürtel von Belfort bis Epinal und von Toul bis zur belgischen Grenze, so ist sie doch ein Gelände, daS dem Vordringen erhebliche Schwierigkeiten entgegensetzt: die Berge und Wälder, die Flüsse und die Kanäle, die kunstvoll angelegt sind, zum Teil hoher liegen, als die Eisenbahnstreckcn und zuweilen sogar in Tunnels durch die Berge geführt find, werden Feind und Freund in gleicher Weise hindern. Den natürlichen Schutz deS Lothringer Loche» bilden die drei vielfach gekrümmten, �nm Teile tief eingeschnittenen Fluß. täler der Meurthe, ihre? linken Nebenflusses Mortagne und der Mosel. Geht man auS dem deutschen Lothringen, etwa von Cha- flde« so auf der Hand liegt? Nein! Wie können Sie sich solche Gedanken machen!" „Krantz wird das Urteil, ich meine den Freispruch, gleich begründen. Das macht er manchmal. Das nimmt immerhin einige Zeit in Anspruch, daher die lange Beratung," meinte ein Assessor. „Sie sind nervös geworden, lieber Doktor." unterstützte ein anderer. Frank Werner hörte nicht zu, er sah unverwandt Justizrat Losso an, der seinen Blick aushielt.„Nein, nein, das ist ganz unmöglich. Ich habe auch meine Erfahrungen. Ich denke mir..." Da schwirrte ein heller scharfer Ton auf. Die Glocke im Beratungszimmer: das Gericht war spruchfertig. Frank Werner schloß einen Augenblick die Augen, es war ihm schwindlig. Die Bekannten traten zurück, keiner sagte ein Wort. Zwischen Justizrat Losso und Dr. Renker trat er in den Saal. Noch mehr Menschen, neue waren hinzugekommen: Viele Juristen hatten nach Schluß der Gerichtszeit gewartet, um dem Ausgange des Prozesses beizuwohnen. Sie standen dicht gedrängt vor den Stühlen der Zeugen bis an den Verteidiger- tisch heran. Sie machten vor Frank Werner scheu, der- legen Platz. Die fünf Richter standen schon vor dem langen Tisch, alle mit verschlossenen Gesichtern. Landgerichtsdirektor Krantz hoch aufgerichtet, er hielt einen Bogen Papier in der Hand. Frank Werner trat in die Bank und blieb stehen. Bei den hinteren Bänken fiel ein Stock um. es gab einen polternden häßlichen Ton. Tie Leute sahen sich ärgerlich nack» dem Störenden um, dann richteten sich wieder aller Blicke dem Richtertisch zu. Es wurde ganz still im Saal. Das Schweigen peinigte. „Im Namen des Königs"— laut und deutlich klang die Stimme von Landgerichtsdirektor Krantz, jedes Wort scharf, wie ein Schlag in dieses Schweigen—„Der Angeklagte Dr. jur. Frank Werner wird von der Anklage der Erpressung freigesprochen." „Hurra!— Bravo, bravo!" Krantz sah einen Augenblick von dem Bogen auf. Er hatte einen harten Zug lim den Mund. Dann las er weiter mit derselben lauten scharfen Stimme:„Tagegen wird der Angeklagte wegen Betrug? zu sechs Monaten Gefängnis kostenpflichtig verurteilt. Von der Untersuchungshaft werden zwei Monate angerechnet." Landgerichtsdirektor Krantz setzte sich, und die vier Richter nahmen Platz. Das Publikum blieb noch stehen. Sie wußten nicht, was sie tun sollten, sie sahen sich verwirrt an. Dann fielen sie auf die Bänke und Stühle in sich zusammen. Major von Köstritz stieß klirrend mit dem Säbel auf. tForts. folgt.) teau-SalinS her, über die Grenze auf Nancfj zu, so bildet der dichte Wald von Chapenoux daS erste große Hindernis; Nancy selbst ist ungeschützt, obwohl die Berge seiner Umgebung geradezu zur An- läge von Fort», die da» Flußtal beherrschen, herauszufordern scheinen. Die Schönheit deS MeurthetaleS hat hier durch die In- dustrie bedeutend gelitten; gewaltige Schlote senden überall ihren Rauch gen Himmel, und die sanften Hügel find durch Drahtseil bahnen, die die Bodenschätze den Fabriten zuführen, entstellt. Flußaufwärts beginnt das Gebiet des Salze». Die Lothringer nennen die Gegend Le VernoiS»eigentlich heißt sie Le SaulnoiS/, und sie verstehen unter dieser Bezeichnung nicht nur den franzö- fischen Teil des Landes, sondern unter Le VernoiS ist ein größeres Gebiet begriffen, das auch deutsche Teile einschließt, und die oben genannte Stadt Chatrau-salinS ist der natürliche Hauptort dieses Gebietes. Nicht nur Salz wird hier verarbeitet, nicht nur Schätze der Berge, sondern auch Ackerbau wird im Gebiete zwischen Meurthe und Mosel betrieben. In Luneville, dem nur wenig flußaufwärts gelegenen„Versailles" des Königs Stanislaus dagegen gewinnt man kein Salz mehr. In dieser prachtvollen Stadt mit ihrem Herr- lichcn Schlosse, ihren ausgedehnten Parkanlagen und den schönen Häusern au» rotem Vogesengranit hat sich eine ausgedehnte Klein- industric für Luxuswaren, Stickereien usw. entwickelt, und die Stadt inmitten der grünen Berge mit den Weingärten und den schönen Eichenbeständcn macht einen wundervollen Eindruck. In dem Abschnitt zwischen Meurthe und Mosel wird besonder» viel Wein gebaut. Die Berge enthalten zwar, wie man wohl weiß, große Eisenschätze, besonders in dem nordwestlichen Teile, allein aus strategischen Gründen werden sie nicht ausgenutzt. Der linke Nebenfluß der Meurthe, die Mortagne. bildet ein ziemlich breites, reiches, aber etwas langweiliges Tal: Hopfenfelder, zulveilen Weingärten und Ackerflächen ziehen sich am Wasser zwischen den Wäl- dern entlang. Das dritte Flußhindernis des„Lothringischen Loches" ist die Mosel, die östliche Grenze der als Hohe bezeichneten, sehr wald- reichen Landschaft um Toul herum. Wenn man von Nancy aus nach Toul vordringt, erreicht man bei Pont-St.-Vincent den Fluß. Hier liegt ein stark ausgebautes Fort auf einem steil aufragenden Berge, dessen Höhe ringsum die Flüsse, die Kanäle, die Eisenbahnen und die Landstraßen beherrscht. Das Flußtal der Mosel ist hier ziemlich eng, von Pont-St.-Vincent auS sieht man den Fluß teil- weise als schmales Band sich durch die Bcrgwäldcr winden. Ein schmaler Wiesenrand begleitet ihn stellenweise; meistens sind die Uferhänge mit Wein bepflanzt, und im Jlußial findet sich eine Reihe blühender, lieblicher Ansiedelungen, z. B. Chaligny, Sexey- aux-ForgeS. Unmittelbar vor Toul liegt das Dorf Billey-le-Sec, das außerordentlich stark befestigt ist, und mit seinen zahlreichen Verschanzungen von Eisenpfählen, hinter denen Artillerieanlagcn im Buschwerk versteckt sind, bei den Franzosen als uneinnehmbar gilt. Toul selbst liegt im Herzen deS gewaltigen HahcgcbieteS, das sich bis nach Thiaucourt und bis zur Mündung deS Rupt-de-Mad in die Mosel ausdehnt. Ueberall dehnen sich auf dem Bergrücken die Baumbestände, tiefe Seitentäler vereinigen sich mit dem Haupttalc, aber größere Ortschaften gibt eS im Havegebiete nicht, außer am Laufe der Mosel selbst. Der Fluß ist nicht schiffbar, und der ganze Wasierverkehr de» Gebietes wickelt sich auf dem gut ausgebauten Kanalsvsteme ab. Wenn man dem Laufe der Mosel immer auf- wärt? folgt, gelangt man schließlich bi« nach Epinal, der Festung, die seit dem deutsch-franzöfischen Kriege a»S einer kleinen Ka- valleriegarnison zu einer außerordentlich starken Feste geworden ist. Am rechten Ufer deS Flusses liegen die Forts unmittelbar bei der Stadt, und im weiteren Umkreise ist ein starker Gürtel von Außen- forts angelegt. Von der Stadt au», die da» Zentrum einer Baum- Wollindustrie ist. deren Fabriken über die ganze Umgegend verstreut sind, führen zahllose Schienenstränge nach den Erzgruben der Berg«, und andere Eisenbahnanlagen verbinden die Festung mit ihren Fort». Natürlich find diese auf gewöhnlichen Karten nicht verzeichnet, sondern sie werden streng geheim gehalten. Theater. Kgk. Schauspielhaus: Zum Besten der Kriegshilfe. „DaS Volk in Waffen". Ein vaterländische» Liederspiel von Paul Oskar Höcker. Die Aufführung fand im Opernhause statt, dessen Orchester den Wagnerschen Kaisermarsch als Ouvertüre und in den Pausen Tchubertsche Märsche und einen Teil aus BectbodenS fünfter Sinfonie vortrug. Da» Stück, vor einigen Fahren geschrieben, gibt Bilder au» der Zeit der Freiheitskriege. die, auf jede künstlerisch individualisierende Vertiefung und Be- seelung verzichtend, doch durch die Erinnerung an jene Zeit, die unS heut wieder nahe gerückt ist, Resonanzen wecken. Die Fär- bung ist volkstümlich und hält sich von chauvinistischen Beschimpsun- gen wie monarchisch schönfärberischer Verherrlichung der Rolle de» Preuhenkönig» freu Die beiden ersten Akte, im März t8IZ in Breslau spielend, gruppieren sich um die historische Persönlichkeit de? freigesinnten PhvsikprofessorS Steffen», der, mit Scharnhorst befreundet, unter den Studenten warb und selbst in daS Frei- willigenkorpS eintrat. Seine Ansprache findet degeisterten Wider- hall, da» Arndtsch« Gedickt.Der Gott, der Eisen wachsen ließ" wird von den jungen Burschen gesungen, der lang ersehnte Aufruf de» König» an da» Volk mit stürmischem Jubel begrüßt. Mit „Morgenrot, Morgenrot, leuchtest mir zum frühen Tod" hebt sich der Vorhang über dem Lager der Lützowschen Jäger. Körner, tödlich verwundet, stirbt in dem Kreise der.Kameraden. DaS Schlußbild führt nach der gewonnenen Völkerschlacht den Einzug der Preußen in Leipzig unter Blücher, das Fraternisieren der sächsischen Be- völkerung mit dem siegreichen deutschen Bruderstamme vor. Die Erregung der Zuschauer bei einzelnen Wendungen fand ihren Au». druck in einer Ovation. Als der Beifall verklungen� erhob sich das Publikum und stimmte„Deutschland, Teutschland über alleS"� an. Kleines Zeuilleton. Eine französisthe kulturstimme. Der deutschfranzösische Schriftsteller und Boriragskünstler Marc Henry sendet der„Franks. Ztg." folgenden au» Basel datierten Brief: Seit neunzehn Jahren lebte ich in Deutschland. Als ich hinkam, war ich ein blutjunger Mensch und wußte wenig vom Leben. Neunzehn Jahre lang habe ich gekämpft und gearbeitet in der Hoffnung, ein nützliches fruchtbare» Werk zu schaffen. Als Schriftsteller, als Künstler habe ich tatkräftig bei der intellektuellen Entwickelung diese« großen Lande» mitgewirkt. Ich habe versucht. zuerst mit dem exaltierten Eiser der Jugend, dann später mit der gereisten Ressgnaiion de» Alters, zwei große gleichwertige Nationen einander näher zu bringen, auf einem versöhnenden, rein mensch- lichen Gebiete, auf dem Gebiete der Kunst, de» Geiste», der Schön- heit. Ich glaubte: nichts mehr könnte die Eintracht der Jntclli. genz zersprengen, die höchsten Aufgaben der Menschheit gefährden. Nicht einen einzigen Tag während dieser langen Jahre habe ich da» Gefühl gehabt, ein Fremder unter Euch zu sein. Ich habe stets mit Euch empfunden, und Euer Schaffen und Blühen war mir eine Freude. Vielleicht bewegte ich mich in den Kreisen, wo die brutalen Notwendigkeiten der Weltpolitik keinen starken Wellen- schlag heraufbeschwören. Aber ich als Romane lebte arbeitsam und sorglos inmitten der Germanen, überall herzlich empfangen, ich kann sogar behaupten, beliebt und verstanden. DaS harte und doch frohe Leben knetete mich also, den Pariser, gleich mit Euch allen Deutschen. So wurde der Jüngling zum Manne. Und jetzt? Jetzt kehre ich nach dem Lande zurück, wo ich Sprache, Kultur und Geist mit dem Leben empfing. Ich erfülle meine fi Pflicht. Wer könnte eS mir vorwerfen? Keiner meiner deutschen Freunde. Um so schwerer und härter die Pflicht, desto i�orr». ivlgi.) wertvoller da» Opfer— auf beiden Seiten hin. E» bleibt aber in Hecanstror-licher R-tzakteur:«lftetz Wielepp, N-ukvllv.�Lür Mt Jnj-ratenl-A v�antw.: TH.Gl-ck� Berlin. Druck».Verlag: Lorwärl, diesen Schreck enSiagen eine leise schimmernde Hoffnung, und MHk Hoffnung muß uns allen zum Trost und zur Stärke werden. Wenn die Menschen die Trostlosigkeit des Hasses und de» Blutvergießens erkannt haben werden, dann müssen wir Dichter, Künstler und Denker, die den unschätzbaren Wert des geistigen Schaffen» kennen, alle die seelischen Wunden heilen und schlicht und geduldsam an dem Wiederausbauen der zerstörten Kultur arbeiten. Welche schöne Aufgabe für besser« Menschen! S Mögen unsere Nachkommen an die Wahrheit glauben: eS gibt keinen Fortschritt und kein Glück hienieden ohne Frieden! Dafür starb vor 2000 Jahren ein Gott, dessen Hilfe in dem heutigen mörderischen Konflikt jeder für sich in Anspruch nimmt! Ich will doch nicht an der Zukunft zweifeln. ES ist der Wunsch eines Mannes, der einen gewissen Platz in der deutschen Oeffentlichheit einnahm und glücklich bei Euch gelebt hat._ Marc Henry. Grenzen der Menschlichkeit. Jetzt, Ivo die Zahl der Feinde ringsum so groß ist. stempelt man die Prostitution zum gefährlichsten inneren Feind. Mit einem Schlage sind die Mädchen, die gewiß nicht aus Rosen gebettet sind, auch dem Breslauer„Generalanzeiger" ein Dorn im Auge. In einer Stimme von„angesehener Seite" ruft er das Volk unter die Knüppel gegen den Feind, der„unsere Männer in den Pfuhl des Lasters hinabzieht und den�Gottcs Zorn immer von neuem entfacht. Weg von der Straße mit diesen unglücklichen Lastermenschen! Hinein mit ihnen in die Arbeitshäuser, damit sie dort ihre faulen Kräfte entfalten zum Besten unserer Solda- ten! Dort mögen sie waschen und sonstige Arbeiten verrichten, um ebenfalls ihr Brot zu essen im Schweiße ihres Angesichts und inne zu werden der schweren Zeit, die aus unserem Volke lastet." Tic schwere Zeit, die auf unserem Volke lastet, geht schon auch nicht an einer Prostituierten spurlos vorüber, und klein ist die Kon- kurrenz gerade auch nicht, die diesem inneren Feind in den Mädchen erstanden ist, die man beim Ausbruch des Krieges auf die Straße gesetzt hat, und die„schlecht" werden, weil sie beim besten Willen keine Arbeit sinden können. Was Wunder, daß sich die Freudenmädchen in dipscr Zeit sogar an alle Männer heranwagen. Wer nicht wagt, nicht gewinnt, und leben will ein jeder. In einem Löffel Wasser möchten heute unsere Tugend- fritzen jedes einzelne dieser Geschöpfe ersäufen, aber von der Quelle, aus der diese in da» elendste aller Leben gespien werden, schweigen sie._ Notizen. — K onzertchronik. Zum Besten der Angehörigen unserer Krieger findet in der St. Georgcnkircke lGeotgenkirchpliitz, am Alexandcrplatz) am Mittwoch, abends 8— 9 Uhr, ein geistliches Konzert statt. Dirigent: Kgl. Musikdirektor Willn Herrmann. Ein- tritt gegen Entnabme eines Programms zu 10 Pf.— Int To in. wird Professor Beruh. Jrrgang heute a b e n d 8 U b r in seinem Orgelkonzert die Bach-Äantatc„Ein feste Burg" zur Aiifsükruna bringen. Ter Ertrag ist für den Hilfsfonds zur Linde- rung von Notständen bei den Angehörigen der Krieger bestimmt. Programm(2 0 P f.> berechtigt zum Eintritt. — Das Deutsche Opernhaus eröffnet seine neue Spielzeit am Sonntag, den 30. August, mit einer Vorstellung der .Meistersinger von Nürnberg' zum Besten der Frauen und Kinder unserer Wehrmänner. Bis dahin werden die Abonnenten nochmals ersucht, ihre Abonnement« abzuholen, die in der Knegszcrt auch in monatlichen Raten eingelöst werden können. — Der e r st e T h e a t e r i t> n k u r s. Die neue Hamburger Oper hat als erstes Opfer de» Kriege» den Konkurs erklären müssen. — Praktische Sprachkurse für Militärpflichtizze. Pfleger und dergleichen hat die Humboldt-Akade�mie errichtet. Zu» nächst sind drei loöcheniliche Zyklen mit drei Unterrichtsstunden ,n der Wockc festgesetzt worden. Lehrstätte Falkrealgymnasium. Lützow« straße 84/,. Spielmann 8. Usw. Nachstehende theoretisch interessante Partie soll in der letzt» Rund« zwischen Flamberg und Tarrasch gespielt worden sein. Spanisch. 1.«2—»4,«7—«6: 2. Sgl— kZ, Sb8— c« 8. Lfl— b5 a7—»6 4. Lb6Xc6 b7Xc6 6. 62-64!..... S. SX®5, De7; 6. 64, 66; 7. SXc«, DX«4t; 8. DeS, DXDf; 9. KXD, Lb7; 10. 65, LXS; 11. 6c6, Se7 nebst 8Xc6 6...... 17— f6! 6. 64Xe5 kSXvS 7. D61— 63 67—66 8. D63— o4 Lo8— 67 9. Sf8— g5 D68— f6 10. 0-01..... 10. Sxh7?, TXS; 11. Dxs, Dg« (droht Le«) nebfl teenl. DXgS. 10...... h7— c6 1 Sonst f2-f4 11. Sg5-h7 12. Dc4Xf7t 13. Sh7Xf8 14.{2-f4 15. LclXf4 Plausibler erschemt Ke7I Df6—£7 KeSXf? Ta8X(8 e5Xf4 Kf7-e6 Sg8-e7 Luchdruckerel u. ver 16. Sbl— 62 17. Tal— el 18. Lf4-g3 19. KglXfl 20. e4— e5 Borzuziehen 66—65 21.«5X66 22. 862—04 23. Lg3X66 24. KflXel 25. Sc4— o5+ 26. Se5— g4t 27. L66-c5 Nach mehreren Zügen wurde bis Parte Remis. 8-8- f:7-g5 TfSXüt Ke6— 17 Se7-f6 07X66 Th8— e8 TeSXelf L67— e6 Kf7-f6 Kf6— g Le5-d Trrrrvn i Paul Singer&«o, Sedin SW«