Nr. 168.- 1914. Unterhaltungsblatt öes vorwärts Freitag, 38. August. �nstänüige Gegner. Im.Verl. Tgbl' schreibt ein Deutscher, der mit dielen anderen in Frankreich gefangen war. u. a. folgendes: .Bei der Ankunft um 7 Uhr abends in Alen?oü blieben Männer und Frauen weiter getrennt, und von aufgepflanzten Bajonetten Ihr habt es nicht gut, aber wir waren nicht vorbereitet, morgen wird es besser sein."... Mittag war herangekommen, wir sollten in einer Kaserne Essen erhalten. Leider war bei unserer Ankunft nichts mehr vorhanden. Als das Mannschaften und Offiziere, die im Hof aßen, hörten, standen sie auf, reinigten ihre Eßgeräte und gaben uns von ihrem Brot und Fleisch, Wer Geld hatte, erhielt die Erlaubnis, sich für die Nacht privatim ein Zimmer zu mieten. Unsere drei Frauen erhielten ein einfaches Unterkommen für 3 Frank. Abends erhielten wir Brot und Fleisch uud Obstwein: 1 Liter zu 25 Centimes. Am Montag, den 10. August erfolgte unsere genaue Messung auf der Präfektur in Alenson und unsere Pässe wurden uns übergeben, mit dem Bemerken, daß gerüchtweise verlaute, die Schweiz mobilisiere, und daß man uns an die italienische Grenze bringen müsse. Mittags bekamen wir in der Kaserne warmes Essen auf neuem Geschirr... Ein Soldat, der unsere Pässe nachsah, sagte zu meiner zitternden, weinenden Frau:.Weinen Sie nicht. Madame, ich bin kein Preuße, ich töte Sie nicht gleich."... Am Sonntag, den 16. August, früh 6 Uhr, wurden wir zur Bahn ge- rufen und von dort mit anderen Männern und Frauen, unter dem Verdacht der Spionage von bewaffneten Beamten nach Bourg trans« portiert. Dort empfing uns ein liebenswürdiger General auf dem Generalkommando. Er fand unsere Papiere in Ordnung, telephonicrte nach der Bahn, ein Spezialkommissar erschien, versah unsere Pässe mit seiner Unterschrift und seinem Stempel und sagte, daß wir zur Abreise nach Genf entlassen wären." Und im.Lok.-Anz." erzählt Fritz Skowronnek z. B. neben allerlei unverbürgten Schauergeschichten: die Russen.benahmen sich ganz anständig, nur die Obstbäume im Garten wurden geplündert, und der Besitzer mußte alle seine Zigarren und Spirituosen aus- liefern." Interessant ist auch folgende Episode aus dem Kreise Johannis- bürg: .... Während des Mähens ritten die Russen hin und her, kümmerten sich aber nicht um die arbeitenden Deutschen. Am Sonnabend wurde die Arbeit fortgesetzt und bis Vesper beendigt. Als die Arbeiter sich niederließen, um ihr Brot zu verzehren, sprengten plötzlich 1b Russen heran und umzingelten sie mit ein- gelegten Lanzen. Ihr Anführer, ein Leutnant, hielt eine Browning- Pistole in der Hand. .Guten Tag, Leute, was tut Ihr hier?" ftagte er auf russisch. Dann zeigte er auf die Mähmaschine und fragte deutsch:«Was ist das für ein Apparat?" Als er keine Antwort erhielt, fragte er weiter:„Habt Ihr Revolver?" Die Deutschen schwiegen wieder. Sie hatten alle die Ueberzcugung, daß sie im nächsten Augenblick niedergenietzelt werden würden. Nun stiegen einige Russen ab und untersuchten jeden, ob er eine Waffe bei sich hätte. Nachdem die? geschehen war, winkte der Leutnant den Inspektor näher an sich heran und fragte ihn, ob er ein Russe, Pole oder Deutscher wäre. «Em deutscher Masur." „Fürchten Sie nichts, ich tue Ihnen nichts. Ich werde jetzt einige Fragen an Sie richten, die Sic mir nach bestem Wissen be- antworten müssen Wo steht deutsches Militär?" „Ich weiß nicht, Herr Leutnant." „Steht in Proslkcn deutsches Militär? Stehen irgendwo in der Nähe größere Truppcnmassen?" „Das weiß ich auch nicht, Herr Leutnant, ich komme ja nicht ans dem Gut heraus." „Gestern sind zwei Züge nach Prostkcn gekommen. Haben sie Militär gebracht?" „Ich weiß das wirklich nicht." „Sagen Sie die Wahrheit, es wird Ihnen nichts geschehen. Wer will bei Ihnen den Krieg? Wollen die Bewohner Krieg?" „Nein, Herr Leurnant. Wir sind friedliebend." „Ah, Eure Soldaten wollen den Krieg haben?" „Nein, auch nicht." „Aha, Euer Kaiser wollte den Krieg." „Nein, Herr Leutnant, wir sind durch den Dreibund verpflichtet, Oesterreich zu Hilfe zu kommen, wenn es von Rußland angegriffen wird." „Weshalb schießt deutscher Landsturm auf unser Militär?" „Das ist kein Landsturm, das sind unsere Soldaten in grauer Uniform." „Ach wo, deutscher Soldat sieht blau und rot aus. Nun kommen Sie mit, gehen Sie nach Prostken und bringen Sie mir Nachricht, ob dort Militär steht. Ich werde Sie schwer dafür bezahlen... sehr schwer werde ich Sie bezahlen." Der Inspektor weigert sich, der Ruffe droht. Als er damit nichts erreicht, wendet er sich an einen körperlich und geistig zurück- gebliebenen Jungen von 18 Jahren mit dem gleichen Vorschlag und nimmt ihn mit. Im Abreiten sagt er ganz höflich:„Ich danke Ihnen und bitte um Entschuldigung. Sie können weiterarbeiten." „Der Sieg liegt in öen Seinen öer Soldaten!" „Der Sieg liegt in den Beinen der Soldaten I"— dieses alte Wort des Marschalls Moritz von Sachsen gilt heute noch genau so gut wie einst.„Eine Armee, die am 5. November bei Roßbach, am 5. Dezember bei Leuthen schlagen konnte, zählt für zwei"— dieser Ausspruch Moltkes enthält seine Begründung. Seit langem legt man bei uns außerordentlich hohen Wert auf die Marschtüchtigkeit und die Fußbekleidung der Truppen; Märsche sind und bleiben die Grundlage der Kriegstätigkeit; wer schneller und bester marschiert, schlägt den Gegner, und die Kriegsgeschichte kennt viele Beispiele, wo ein guter Marsch zum Siege, ein schlechter zur Niederlage geführt hat. Gut und schlecht bedeutet aber nicht nur schnell oder langsam und mit geringen oder großen Verlusten an Fuß- oder Marschkranken, sondern' es spielen auch viele andere Einzel- heften eine große Rolle. Es sei an den trefflichen Marsch der japanischen Garde-Reserve-Brigade erinnert, die während der Schlacht am Schaho in 2>/z Tagen vom rechten nach dem linken Flügel marschierte und sich dabei um 80 Kilometer verschob, sowie andererseits an den Marsch Mac Mabons im August 1870, der den französischen Führer gerade an dem Tage zur Schlacht führte, den er als Ruhetag angesetzt hatte. Gute und schlechte Marschleistungen hängen neben der Uebung und der Fußbekleidung von vielen Dingen ab, so von der Art und der Beschaffenheit der Wege, vom Wetter, von verzögernden Hindernissen wie etwa Flußläufen oder Brücken, schließlich aber auch von psychologischen Einflüssen. So ist eine sichere Erfahrung, daß der ferne Kanonendonner die Marschleistung einer zur Schlacht heranziehenden Truppenabteilung erhöht, so dgß auch Mann- schaften aufs Schlachtfeld kommen, die es ohne den Kanonendonner viel- leicht nicht rechtzeitig erreicht hätten. Unter einer guten Durch« schniltsleistung versteht man gegenwärtig bei Fußtruppen 20 bis 25 Kilometer Marsch am Tage; 25 bis 30 Kilometer sind schon be- deutend besser als Durchschnitt, und wenn Gewaltmärsche nötig sind, werden 60 Kilometer oder mehr innerhalb von 24 Stunden bewältigt. Es gibt aber auch gute Durchschnittsleistungen, die weit hinter diesen Zahlen zurückbleiben. Beim Balkankriege 1877/78 konnte Gurko im Sommer täglich nur 15 Kilometer zurücklegen, und im Winter sank die Marschleistung wegen des außerordentlich schwierigen Geländes auf eine Tagesstrecke von 5 Kilometer, wie sie bei guten Wegen und gutem Wetter Infanterie sonst in einer Stunde hinter sich bringen kann. Napoleons Truppen haben, so weit es sich um die Marschgeschwindigkeit handelt, immer gute Durchschnitte gehabt; selbst auf dem Rückzüge marschierten sie von Moskau bis Kowno, also eine Strecke von 1200 Kilometer in 58 Tagen mit einer Durch- schnittsgeschwindigkeil von 21 Kilometer. Einzelne Marschierer können die Heeresleistnngen gewaliig übertreffen. Bei Gepäckivettmärschen mit feldmarschmäßiger Ausrüstung haben es die NekordleUte sogar auf 10 Kilometer in der Stunde gebracht, also etwa doppelt so viel, wie eine gut marschierende Truppe leistet. Im Kriege sind solche Leistungen selbst bei den schlimmsten Gewaltnrärschen auch nicht an- nähernd erzielt worden. Auffällig ist die Erscheinung, daß sich ge- schlagene Truppen aus dem Marsche ganz vorzüglich ballen. Bon Wörth ist Mac Mahon in 12 Stunden nach Zabern marschiert, so daß in dieser Zeit 51 Kilometer zurückgelegt worden sind. Teile der Brigade Abbalucci legten sogar in 38 Stunden 120 Kilometer zurück! Liegen die Marschverhältnisse sehr ungünstig, so rücken die Truppen nur im Schneckcnschritt vor. Als die Russen im Februar 1831 in Polen einmarschierten, machte die Schneeschmelze dos Marschieren so schwierig, daß nur 2 Kilometer in der Stunde zurückgelegt wurden. Am 26. Dezember 1806 sollte die Division Legrand von Ciechanow nach Bugurzyn marschieren. Die 15 Kilometer in dem aufgeweichten Boden erforderten volle 12 Stunden. Noch langsamer kam der Gegner vorwärts: Fürst Galitzyn brach am 25. Dezember von Golymin auf, um im Nachtmarlche nach Slubowo zu gelangen. Die zehn Kilometer lange Strecke wurde in dreizehn Stunden zurückgelegt. Kommen zu der schlechten Beschaffenheit des Weges noch Geländeschwierigkeiten hinzu, so sinken die Leistungen noch unter diese Werte, können dabei aber immer noch gute Marschleistungen bleiben. 1877 legte russische In- fanterie im Balkankriege bei den GebirgSmärschen Strecken von 15 Kilometer in 5 Tagen zurück! Die Geschwindigkeit des Marsches allein ist kein Maßstab für seine Güte: es kommt darauf an, daß die Truppen zahlenmäßig nicht zu sehr geschwächt und die Gefechtstüchtigkeit nicht durch Ermüdung herabgedrückt wird. Ohne Marschverluste geht es bei den Märschen fast niemals ab. Die Engländer marschierten im südafrikanischen Kriege von Bloem- fontein nach Pretoria. Ihre Marschgeschwindigkeit war gut. denn sie legten in 19 Tagen 4S0 Kilometer zurück, durchschnittlich am Tage 26 Kilometer. Allein sie verloren da- bei an Marschkranken 3—5 Proz. Wohl das furchtbarste Beispiel für große Marschverluste ist der Marsch der großen Armee Napoleons, die erstaunlich schnell vorwärts kam, aber Riesenmengen ihrer Kämpfer unterwegs verlor. Am 24. Juni 1812 am Njemen zählte sie 293000 Mann. Am 28. Juli bei Witebsk waren nur noch 193 000 Mann vorhanden, so hatte die tropische Hitze den Truppen mitgespielt. Der Marschall St. Ehr mußte melden, daß«täglich an Fußkranken und Nachzüglern ein volles Bataillon zurückbleibe". Die Verluste in Gefechten waren Verhältnis- mäßig sehr gering; vi« zur Mite des August etwa 10 000 Mann. Am 20. August nahmen am Nebergang über den Dniepr nur noch 156 000 Mann teil; am 7. September waren bei Borodino noch 142 000 Mann übrig, und am 15. September, nachdem man also in 83 Tagen 1000 Kilometer marschiert war, kamen in Moskau 105 000 Mann. also etwas über ein Drittel de§ anfänglichen Bestandes, an. Am 18. Oktober brachen 106 000 Mann von Moskau ans, am 9. November waren bei SmolenSk noch 50 000 Mann vorhanden, und am 28. November war die große Armee auf 32 000 Mann zusammen- geschmolzen._ kleines Feuilleton. Eine Philippika gegen Sie öeutschen Damen. sAus einem Artikel der bekannten Schriftstellerin Gabriele Reuter im„Tag" vom 26. August.s .... Auch waren diese vierundvierzig Friedensjahre des Wohl- lebenß, der satten Behaglichkeit keineswegs geeignet, große heroische Gefühle in uns zu erwecken, uns zu ftohen Kämpferinnen zu er- ziehen. Ich fürchte, es gibt unter unS einige, die weniger um die Ehre des Vaterlande« als um die eigene Existenz bangen, die sich erbittern laffen, weil ihrer Selbstsucht plötzlich Opfer zugemutet werden, die sie niemals gedacht haben.... ... lieber Europa waltet die Zuchtrute Gottes! Furchtbar und schauerlich hat er sich aufgerichtet, der Weltgeist, und mit grau- samer Gewalt hineingegriffen in den trägen Fluß des Geschehens. Er wird sie durcheinanderwirbeln, die in hochmütigem Nationalismus sich abschloffen von ihren Menschenbrüdern, und die sich nicht kennen lernen wollten in»der Liebe— die werden sich nun kennen lernen im Haß wie nie zuvor. Mit scharfgeschliffenem Messer wird er das freffende Geschwür der unermeßlichen Geldgier und des wilden Neides, das unS gleich unseren Feinden zu vergiften drohte, heraus« schneiden aus dem fetten Fleische diesss Geschlechtes! Zerpettschen wird er die wüsten und die feinen GeniSßer, bis ihren bebenden Nerven die Sucht nach neuen Sensationen vergeht und sie ohnmächtig im Staube nur noch mn Stille flehen. Hinweg- fegen wird er mit dem Sturmwind sausender Geschosse, in den Feuern berstender Granaten die Werke dieser' Afterkultur, die sich zu- jammensetzte aus Protzentum und Geilheit.... ... Heraus aus dem Schlemmerleben, heraus aus dem Mammonsdiünst! Waren wir denn glücklich in diesem Aufschwung der Industrie, mit diesen verfeinerten Bedürfniffen, mit ckll den Triumphen der Technik, mit dieser hochgesteigerten Zivilisation, die uns die Welt erschloß?... Nach Japan und ans Nord- kap reisten wir, aber wie viele fanden dort große Eindrücke? Sie erlebten nur überall ihr kleines, armseliges Ich I Waren Unsere Ehen friedevoll— waren unsere Kinder von Herzen froh?... ... Wieviel können wir von den Frauen dos Volkes lernen im schweigenden Ertragen von SchicksalShärten, im klugen Einteilen und Maßhalten mit Wenigem. ... Laßt uns nicht schreien in überheblichem Hochmut: Am deutschen Wesen soll die Welt genesen I Nein— laßt uns in Demut arbeiten und ringen, auf daß wir dieses deutsche Wesen, daS verschüttet und zexnichtet wurde von Prahlerei und Ehrgeiz, von Kleidertand und Frivolität, von allem, was ihm gegensätzlich war, erst einmal in unserem eigenen Kreise zurückerobern..."_ Männerftolz hinter Kaiserautos. Dem„Lolal-Anzeiger" schreibt ein Landsturmmonn, der dicht vor der Einberufung zu unserer siegreichen Armee steht, folgende Zeilen: vsj?us unö �echt. Roman von Fred B. Hardt. „Das ist ungeheuerlich! Und dagegen ist nichts zu machen?" „Gar nichts. Diese wahnwitzige Konstruktwn ist eine Folge der Beweiswürdigung, in deren Rahmen der Richter ganz unkontrollierbar ist— es auch sein mutz, füge ich aus- drücklich hinzu. Es wäre dasselbe, wenn die Kammer den Aussagen der Zeugin Blinker geglaubt und die phantastische Beschuldigung der Erpressung für wahr angesehen hätte, und infolgedessen zu einer Verurteilung wegen Erpressung ge- kommen wäre. Wie gesagt, das ist eine Beweiswurdigungs- frage, die der Nachprüfung in der Revision nicht unterliegt." „Also Revision an sich wäre möglich?" „Selbstverständlich." „Und hat denn die Revision keine Chancen?" Doktor Renker zuckte die Achseln.—„Offen gestanden, ich glaube nicht." Diese Befürchtung bestätigte sich. Als das Urteil einige Tage später Frank Werner zu- gestellt wurde und er es geprüft hatte, mutzte er sich über- zeugen, datz eine Revision gar keine Aussicht auf Erfolg haben könnte Das Urteil war sorgsam ausgearbeitet und in der Begründung folgerichtig. Auch während der Sitzung waren keine Verstötze gegen irgendwelche prozessuale Bestimmungen vorgekommen. Und nur dieses Formale hätte das Reichs- aericht nachzuprüfen. Es war keine, aber auch gar kerne Hoff- nung mehr vorhanden, datz das Urteil umgestotzen werden konnte..... r...... In der Nacht nach der Verurteilung, m dieser unsäglich grausigen Nacht, da die Verzweiflung ihn würgte und fem Körper noch geschwächt war von den Ohnmächten, die Nerven seinem Wollen noch nicht wieder gehorchten, war ihm wohl der Gedanke gekommen, sich selbst zu erlosen, aus freiem Ent- fchlutz aus dem Kreise des Lebens zu treten. Hatte er m dieser jammerreichen Nacht eine Waffe bei sich gehabt oder ein Freund ihm Gift gereicht, wäre er in Groll und VerMeiflung fortgegangen. Aber heute, fünf Tage nach dieser Nacht des Entsetzens und der Schwäche, hatten sich m ihm die lebendigen Kräfte der Bejahung wieder geregt. Jämmerliche Feigheit wäre es gewesen, sagte sich Frank Werner, da er empfand, wie nahe er daran gewesen war, sich selbst auszulöschen— als ob ich mich für schuldig, noch nach- träglich für schuldig bekennen wollte! Er schrieb mit klarer fester Hand auf einen Bogen, datz er auf die eingelegte Revision verzichte, und die über ihn ver- hängte Strafe sofort antrete. Aber seine Uebcrlegung reichte nur für das Nächste. Wie er die Kraft finden würde, auch die weiteren Schritte zu gehen, das wutzte er noch nicht. Er war wie einer, der einen steilen Abhang hinabklettert, von Felsen zu Felsen springend, und bei jedem weiteren Sprung einen neuen Abgrund vor sich auftauchen sieht und noch nicht weitz, wie er die neue Gefahr überwinden wird. Den ersten Schritt hatte er getan, und er war entschlossen, hinabzusteigen. Er war mit beiden Fützen abgesprungen, doch was auf dem Boden des Abgrundes lag, erkannte er noch nicht. Erst nach und nach sah er die Scherben und er fühlte ihre zerbrochene Schönheit uud bitterlich weh tat er sich an den Dornen, die da unten wucherten. Es war ja nichts heil gebliben bei dem Erdrutsch, der ihn erfatzt hatte. Wohl selten war ein Mensch so unverhofft niedergeschlagen, so unbarmherzig herausgestotzen worden aus einem gesegneten Wirken, aus tausend Hoffnungen und Plänen, die wie reife köstliche Trauben um das Haus sich rankten und der Ernte warteten. Es war ihm nichts geblieben. Auch darüber wurde sich Frank Werner klar, datz diese Verurteilung und die erzwungene Aufgabe seines Berufes seinen pekuniären Zusammenbruch herbeiführen mutzte. Um allen Verpflichtungen gerecht zu werden, war er gezwungen, auch das Erbteil anzugreifen, auf das er nach dem Tode seines Vaters zugunsten seiirer Mutter verzichtet hatte. Allein das Auflösen des Haushaltes der Mutter in Leipzig, seiner Kanzlei, das Lösen. des Mietvertrages der Villa auf dem Weitzen Hirsch, würde grotze Summen verschlingen. Er konnte sich auch nicht entschließen, diejenigen, die ihm treu beigestanden hatten in den vielen Monaten, von heute zu morgen zu entlassen. Er wollte nicht, datz sie aus dem zusammenbrechenden Hause flüchteten, und suchte ihnen wenigstens aus den Trümmern noch eine Hütte zu bauen, in denen sie Schutz finden konnten, wenn er dazu auch Planken und Bretter verwenden mutzte, aus denen er für sich vielleicht noch ein Floß hätte zimmern können. Und dann, dann würd? ihm fast nichts inehr bleiben. Er war arm geworden, bitterlich arm. Vor dem Annsein, vor der Dürftigkeit hatte er immer ein Grauen empfunden. Er war auf der Sonnenseite geboren, es fröstelte ihn, wenn er nach der Schattenseite hinübersah. Das Bedürfnis nach einer heiteren Umgebung, die Sehnsucht nach Schönem und künstlerisch Wertvollem,— seine Bücher und Teppiche,— die Freude, da und dort helfend eingreifen zu können,— das köstliche Gefühl der Unabhängigkeit— alles das, worin sein Wohlbefinden wurzelte, sein Wesen Frische und Schaffensfteude schöpfte, futztc auf einem geregelten Wohlstand. Wenn er erst ängstlich hätte nachrechnen müssen, so wären die Wünsche schon verblatzt, die Freude hätte ihren Duft verloren. Sein Gutsein, seine Lebensbejahung war ans gesegnetem Boden erblüht und hatte leuchtende, stark duftende Blüten hervorgebracht, nicht blasse duftlose Blümchen der Be- scheidung, der Askese. Und dieser Garten war jämmerlich zerstampft. Bei diesem Gedanken tauchte das Bild des Vaters auf: Sie saßen bei Tisch, etwas— er konnte sich nicht erinnern, was es gewesen war— mißfiel ihm, er wollte etwas Schönere�, Leuchtenderes haben, und im Unverstände seiner siebzehn Jahre murrte er. Da meinte der Vater nachsichtig und liebe- voll:„Wenn es Dir, mein Sohn, bis an Dein Lebensende so gut geht, wie bisher, und Du eS immer so behaglich um Dich hast, wie in Demein Elternhause, dann kannst Du wohl recht zuftieden sein."— Er hatte nie inehr an diese Worte des Vaters gedacht, doch jetzt, nach langen Jahren des Wohlseins, da seine beiden treue» Gefährten von ihm gegangen waren, und der väterliche Tisch zerschlagen lag, tauchten diese Worte des Vaters aus irgendeinem fernen Winkel seines Erinnerns wieder auf, bekamen lebendigen Wert und ließen ihm um so trostloser seinen Zusammenbruch empfinden. Und in der Ein- samkeit der Gefängniszelle fehlte jedes versöhnende Licht, das die Härte hätte glätten oder da und dort noch einen Schein von Hoffnung aufleuchten lassen können. Wohl kamen Briefe von seinen Freunden, die in herzlichen Worten zu ihm sprachen. Datz seine Freunde trotz dieser Schmach nicht an ihm irre werden würden, dessen war er sicher gewesen und es hätte gar nicht dieser Briefe bedurft, um ihn daran zu erinnern. Aber sie alle konnten nicht den Schmerz lindern und ihm von außen einen Trost geben. Eorts. folgt.); „STTü die Kaiserin gestern abend gegen Ist Uhr turnt Brandenburger Tor her zum Schlosse heimfuhr— es war kein Fahren, son« dern ein mühseliges Vorwärtsdringen des Kraftwagens durch die der hohen Frau zujubelnde Menge—, da war auch ich gleich hinter dem kaiserlichen Auto und durfte die Kaiserin auf der ganzen Strecke be- obachten, wie sie immer und immer wieder grüßte und winkte, und manchmal einem gar zu stürmischen Bürger die Hand zum Kusse hinausreichte. Dabei sah man auf ihrem Gesicht doch die nie völlig unterdrückte Besorgnis, daß bei dem Sturme auf ihren Wagen jemand von den Rädern verletzt werden könnte. Ich immer hinterher.... An der Friedrichstratze wandte sich die Kaiserin um und meinte mit einem herzlichen Lächeln zu mir:„Sie werden sich krank machen mit Ihrem Dauerlauf I" Und als sie mich auch noch beim Opernhause als ihren treuen Begleiter hinter sich erblickte, da gab sie auch mir die Hand zum Kusse und reichte mir zum Andenken an diese denkwürdige Fahrt durch die„Linden" ihr Taschentuch. Nun wandte sich die Aufmerksamkeit der Menge mir zu und jeder wollte wissen und sehen, was mir die Kaiserin geschenkt habe. Da gab'S Raum für daS Automobil und im Nu war es davongehuscht. Ich war natürlich noch lange Gegenstand des Interesses, und ein Amerikaner mit dem Sternenbanner auf der linken Brust bot mir für das kaiserliche Taschentuch..casit down" hundert Mark. Als wenn das mit Geld zu bezahlen wäre...." Ein stolzer Bürger, der Landsturmmann. Wie ein Hund lief er hinter dem Auto her. Ordentlich lästig war das schon der Kaiserin. „Sie werden sich krank machen mit Ihrem Dauerlauf," sagte sie ihm an der Friedrichstratze, aber er ging nicht von der Fahne. Schon gab sich die Kaiserin geschlagen. Aber am Opernhaus kam ihr ein glücklicher Gedanke zu Hilfe. Sie warf dem schwitzenden Bürger ein Taschentuch zu, und nun konnte sie sich der ganzen Menge durch die Flucht entziehen. Der Bürger schwamm in Wonne, und jäh tauchte der bekannte Amerikaner vor ihm auf, der in solchen Fällen immer in der Nähe lauert. Der Byzantinismus, der sich in den ersten Tagen des Krieges ziemlich verkrochen hatte, kommt jetzt wieder mächtig zum Vorschein. vke Technik im Kriege. 8S Arbeiter der Krefelder Hauptwerkstätte wurden am Sonn- abend(8. August), abends, mit Extrazug über Aachen nach Belgien befördert. 3fn einem Tunnel zwischen Nasgroue und Verviers hatten die Belgier 17 der schwersten Lokomotiven aufeinander- fahren'lassen, um den Tunnel für die Durchfahrt von Militär- zügen der Deutschen zu sperren. Man hatte vorher vergeben? ver- sucht, diesen 400 Meter langen Tunnel zu sprengen. In den vor- handenen Minen befanden sich noch 188 Kisten Dynamit. Sie sind von einem Unteroffizier des 1. Eisenbahnregiments herausgeholt worden. Unter militärischer Bedeckung, auf der Maschine 6 Mann und in jedem Wagen 6 Mann Militär, wurde der Zug ohne Licht über die Grenze geschoben und kam Sonntag morgen um 4 Uhr vor dem Tunnel, an. Hier bot sich ein schreckliches Bild der Ver- Wüstung. Von den 17 Maschinen standen noch sieben in dem Tunnel kreuz und quer durcheinander geworfen. Bis Dienstag nachmittag 5 Uhr waren fünf von diesen herausgeholt und gleich- zeitig ein Gleis frei geworden zur Durchfahrt. Mit Hilfe des Eisenbahnregiments wurden neue Schienen eingebaut, so daß am Mittwoch vormittag um 9 Uhr der Truppentransport mit Eisenbahn bis Lüttich losging. Als zweiter Zug fuhren schwere Mörser- gcschütze durch. Nachher wurden die Oppumer Arbeiter mit einem Panzerzug nach HerbeSthal gebracht, um sich die Nacht in Wagen zweiter Klasse mal auszuruhen. Notize«. jp — Der heimliche Fußtritt. Aus einem Briefe, den die„Tägliche Rundschau" mitteilt:„Mein liebes Hrrzensfranchen! ... Gefangene werden wir nicht viele machen... Die Wut ist zu groß, ste haben gesengt und gemordet, und wir werden uns rächen. ... Wir müssen, so schwer es auch fällt, unsere Gefangenen an- ständig behandeln, ein heimlicher Fußtritt fällt wohl mal ab, das ist auch alles, und wir müssen darüber noch obendrein schimpfen." — Männer stolz vor Königsthronen. Nach be- rühmten Mustern teilt der Koburg-Golbaische Oberhofmeister Frei- Herr von Ruexleben mit:„Ich habe mich meiner russischen, belgischen und bor allem englischen Orden entäußert und stelle den Erlös der Nationalstiftung für die Hinterbliebenen der im Kriege Gefallenen zur Verfügung."— Dieser plötzliche allgemeine Boykott „feindlicher" Orden ist nicht ernster zu nehmen als ihre frühere Annahme. — Fort mit dem Oberlicht aus dem Lazarett! Den vernünftigen Protest gegen den Unfug der„Liebestätigkeit", die sich die Damenwelt vielfach zuschulden kommen läßt, benutzt die schwarze„Kölnische Volkszeitung" zu einem weiteren Vorstoß: „Wenn man beispielsweise junge Frauen und Mädchen sieht, mit dem Genfer Kreuz am Arm, in durchbrochener Bluse, dann hat man als unbeteiligter Zuschauer von solcher„Liebes- tätigkeit" schon genug." Demnächst wird man wohl auch in Berlin das Oberlicht verbieten. Es ist jetzt eine Lust zu leben— für Mucker! — Theaterchronik. Eröffnungsvorstellung deS D e u t s ch e n Theaters heute:„Prinz von Homburg".— Kammerspiele: Sonnabend:„Der verlorene Sohn" von Schmidtbonn Sonntag: „Frühlings Erwachen"; Montag:„Maria Magdalene'; Dienstag (Premiere): Drei Einakter von Sckmtidtbonn. — Die Diederichssche Zeitschrift„Die Tat" stellt, wie ihr Herausgeber mitteilt, bis zum Friedensschluß ihr Erscheinen ein, da es überflüssig sei, zu reden, wenn Taten geschehen. An Stelle der„Tat" treten Kricgspublikationen, zunächst Kriegslieder. (Ganz überflüssig scheint das„Reden" also doch nicht zu sein.) — Kino-Sondervorträge werden auf der Treptow« Sternwarte am Sonnabend, den 29. und Sonntag, den 30. August, nachmittags S Uhr und abends 7 Uhr veranstaltet. Programm: Manöverieren eines Unterseebootes, Panzerschiffe, Torpedoboote, Brückenbau deutscher Pioniere usw. Mit dem großen Fernrohr werden Mond und Jupiter gezeigt; kleinere Fernrohre stehen für die Beobachtung eines Kometen und verschiedener Doppelsterne zur freien Verfügung. — Die Große Berliner Kunstausstellung bleibt im Interesse der Künstler geöffnet. Ein Saal' wird mit Kriegs- bildern behängt, der Eintrittspreis ermäßigt. Einlaßkarten sind unter den bekannten Bedingungen bei P. Horsw, Engelufer, zu haben. — Durch die Blume. Ein Berliner Blatt erzählt von einer Rose, die ein Jäger 1870 in der Schlacht pflückte und dem Berliner Mogistrat für diewnige Dame in Berlin schickte,„welche sich am hervorragendsten snr die Pflege der Verwundeten hervorgetan hat." Der Berliner Magistrat— wen wundert es?— hatte nichts eiligeres zu tun, als die Rose ehrfurchtsvoll der— Königin darzubringen. Diese aber bewies mehr Geschmack und erwiderte:.... nicht für mich nehme ich die Gabe an, da ich mir die Auszeichnung allein nicht beimessen kann. Die Gabe gehört der allgemeinen Wirksamkeit aller unserer in Berlin tätigen Frauen." — Der Amtsschimmel trabt weiter. Der Wiener „Arbeiter-Zeitung" wird aus Krakau berichtet:-Ein Bürgerkomitce halte in Krakau einen Aufruf erlassen, in welchem es unter anderem heißt: Taufende von Bewaffneten und glänzend Ausgebildeten sind im Bunde mit den österreichischen Heeren ins Königreich ein- gedrungen und bringen der dortigen Bevölkerung das Losungswort von dem bewaffneten Kampfe gegen den Zarismus. Dieser Aufruf wurde konfisziert und in der Begründung heißt es, daß die Ver- fasser dieses(am 13. d. M. erschienenen) Aufrufes sich des Hockverrats schuldig gemacht haben, indem sie zur LoSreißung der Provinz Königreich Polen von dem mit Oesterreich befreundeten Staate (Rußland) verleitet haben.(ßZ 58 und 68 St.-G.) Das Landesgericht in Krakau— glücklicherweise von dem Kriegsausbruch zwischen Oestcrreich-Ungarn und Rußland verstündigt— hat die Konfiskation aufgehoben. — Genosse Liebknecht ist einstweilen noch Zivilist, aber da«. Salonblatt" bringt in seiner Nr. 34 ein Bild von ihm in Uniform. Die SensationS- und Profilgier schreckt eben vor keiner Fälschung zurück, und der photographischcn Schwarzkunst ist es ein Leichtes, durch Klebe- und Retuschierkünste jeden Bürger in einen Soldaten zu verwandeln. — Die Notscheidung. AuS Koburg wird der.Framr.'' Zeitung' folgendes Geschichichen erzählt: Auf dem hiesigen Ratbaus erschien dieser Tage ein stämmiger Landwehrmann und verlangte die Nolscheidung.„Jetzt Hab ich'S satt mit meinem Hauskreuz, jetzt möcht ich lieber's eiserne Kreuz haben. Meinen Bruder, den DöSkopp, ham Se gestern„not'geiraut— wollen Sie mich, bitte, sofort.notscheiden"; morgen rück ich ein, da möcht ich die Sache in Ordnung haben..." Vemaltullgsstejle Kerlin. N 54, Finienstr. 88—85. Telephon: Amt Norden ISS. 1289. 1987, 9714. Bureau geöffnet von V bis 1 Uhr und von 4 bis 7 Uhr. Sonntag, den SV. August, vormittags 9'/- Uhr, l« Obiglos Festsälen(früher Keller), Koppenstr. 29