Nr. m.- 1914. Unterhaltungsblatt öes Vorwärts Mitwoch, 3. Septelllber. Die Glocke Roelanüt. Zu Gent im alten Rathausturm die Glocke Roelandt Sechshundert Jahr über Stadt und Sturm klang ihr Gesang herab vom Turm'— sechshundert Jahre. Viel tausend lasen den Glockenspruch: „Mein Name ist Roelandt. Klag' ich dumpf, so schützt euch vor dem Brand! Schlag' ich hell, so zieht der Sieg ins Land." Oft schlug sie dumpf. Llnd als neunzehnhundertvierzehn der o Glocke Roelandt, sSommer kam, Tag und Nacht war herrlich erhellt, Ernte segnete Feld um Feld— da schlug es dumpf. Nacht war's, kein Volk vernahm den Schlag, Glocke Roelandt, mitten aber im klagenden Schrei jäh sprang dein guter Guß entzwei—- erstorb'nes Geläute. Anderen Tags auflodert ein Brand, tote Glocke, vor dem kein Turmschlag schützen kann, Verschlingen wird er Kind, Weib und Mann in tausend, tausend Landen. Verstummen werden viel Kerzen wie du, Glocke Roelandt, Saat wird verheert. Tat wird zerstört, bis wieder Volk um Volk Glockenton hört. Glocke der Welt, kling' bald I Josef Luitpold. herweghs Lajlalle-Nachruf. .Wohl mag den Blick ein Trauerflor umfangen..." Das Gedichr mit dieser Anfangszeile, das in den ersten Tagen der Trauer um Lassalle entstand, galt bis in die neunziger Jahre unangefochten als eine Gabe Georg Herweghs. Rudolf Lavants revolutionäre Gedichisammlung.Vorwärts", die in der zweiten Hälfte der aus« nahmegesetzlichen Aera trotz Verbots eine gute Verbreitung im deutschen Proletariat fand, hatte dem Gedicht HerweghS Namen bei- gesetzt und damit ausgesprochen, was in sozialdemokratischen Kreisen festeingewurzelte Ansicht war. Auch der.Vorwärts" setzte, als er am Montag einige Strophen aus dem Gedicht abdruckte, der lieber« lieferung folgend. HerweghS Namen al« den des Verfassers. Aber schon in den neunziger Jahren hatte sich Widerspruch gegen Herweghs Autorschaft erhoben, zumal Emma Herwegh, des Dichters Gattin, trat in heftiger Abwehr jener Ansicht entgegen. Wir müssen in der Tat den Glauben an HerweghS Autorschaft aufgeben. Wer HerweghS Stil in jenen sechziger Jahren kennt, weih, daß die Diktion des Nachrufs sich um ein weites Stück von der knappen, schdell zufchlngendeii Festigkeit, die dem Dichter eigen war, entfernt. Der Abstand ist groß genug, um schon damit die besagte Nichtautorschafl zu begründen. Da§ Pathos des Gedichtes ist echt, doch e§ ist nicht HerweghS Pathos. Aber es gibt noch andere Mög- lichkeiten. die Sache zu klären. Wahrscheinlich ist der Irr- tum durch eine redaktionelle Unbebolfenheit mitverursacht worden. Man schlage den„Nordstern" vom 24. Sep- tember 1864 auf. De: von K. Bruhn redigierte„Nordstern", der in Hamburg herauskam, hatte sich den von Lassalle propagierten Anschauungen angeschlossen. In jener Septetnber-Nummer widmete er die erste Seite schwarzumrändert dichterischen Nachrufen an Lassalle. Er setzt den Namen des Toten mit Geburts» und Sterbedaiunr an den Kopf, fügt die Zeile hinzu:„Er starb, wie er lebte, im Kamps" und schließt zwei nebeneinander angebrachte Vierzeiler an. Der links- stehende ist ohne Unterschrift, der rechtsstehende ist von Sophie von Hatzfelds unterzeichnet, so daß man beim ersten Hinschauen meint, beide Vierzeiler gehörten zusammen. Aber das ist nach dem Inhalt und Stil ausgeschlossen, und was nun quer unter die beiden Grab- spräche gesetzt ist, kann nur auf den links stehende» Spruch Bezug haben. Diese Unterschrift lautet: .Die vorstehenden inhaltsschweren Worte aus der Feder unseres Dichrers Georg Herwegh waren als Inschriften für drei Schilder bestimmt, die in Berlin an dem Sarg Lassalles be« festigt werden sollten. Es mußte dieses unterbleiben, weil die Polizei des Staates der Intelligenz in ihrer unwiderstehlichen Weis- heit die Leiche entführt hatte." Erst nach diesen Worten ist unterschriftlos das Gedicht„Am Grabe Ferdinand Lassalles" fWohl mag den Blick usw.) als Abschluß der Seite abgedruckt. Nichts deutet in diesem zweifellos ersten Zeitungsabdruck auf die bisher angenommene Verfasserschaft Herweghs hin. Es gibt jedoch einen Nachruf von Herwegh und dies«, jener links angeordnete Grabspruch, heißt: Li ossibns ultor. Dein Werk, eS soll nicht untergehe«, Es soll ein Rächer Dir erstehe«, Er soll erstehen auS diesen Gebeinen, So schwuren, so schwören Dir die Deinen. Daß dieser Spruch in Vergessenheit geriet, rührt vor allem da- her, weil der Herausgeber der„Neuen Gediwte" Herweghs, die 1877 nach dies Dichters Tode in Zürich bei Schabelitz erschienen, ihn nicht abgedruckt hat. Aus einer Anhangsnotiz, in der die Quellen der Neuen Gedichte" genannt sind, geht hervor, daß der„Nordstern" für die Sammelarbe't außer acht geblieben ist. WaS auch daran zu merken ist. daß ein anbereS, von Herwegh mit einer kräftigen Prosa-Einleitung versehenes, von ihm aus einem römischen Land- arbeiterflugblatt übersetztes Gedicht nicht berücksichtigt und des- halb ebenfalls dem Proletariat von heute auS dem Gesichtskreis entschwunden ist. Es steht im„Nordstern" vom 2S. März 186S und hat die Ueberschrift:„Die Soziale." Das bei dieser Gelegenheit. Aber wer hat nun den fälschlich Herwegh zugeschriebenen Nachruf auf Lassalle verfaßt? Man wird sich mit einer Vermutung begnügen müssen. In den Anmerkungen zur Anthologie.Von unien auf" wird erwähnt, daß einer der von Lassalle ernannten Bevollmächtigten zum Allgemeinen Deutschen Ar« bciterverein, der Schneider Gustav Deckwitz in Bremen, vor Jahren mündlich äußerte, die Gräsin Hatzfeldt habe ihm auf Befragen hin mitgeteilt, das schöne Gedicht auf LassalleS Tod sei von Eduard i l l m s. Der aus Solingen stammende Schwertarbeiter Willms war seit Anfang 1864, als Nachfolger Julius Vahlteichs, Sekretär de« Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein«, und Lassalle schätzte ihn be- sonders hoch. Franz Mehring hat gelegentlich privatim gesagt, daß die Annahm« der Autorschaft WillmS' durch mancherlei ihm zu- getragene Mitteilungen gestützt werde. Trifft die Vermutung da« Richtige, so ließe uns nun das Gedicht nachempfinden, wie nah Lassalie sein nächster Mitarbeiter stand, und wir hätten an dem Ge- dicht ein wertvolles Stück Psychologie des zum Klassenkampf er- wachenden deutschen Proletariats der Lassalle-Zeit. trd. Der moderne Kreuzerkrieg. Ursprünglich lvaren die Kreuzer nur Aufklärungsschiffe, deren Aufgabe es war, die feindliche Schlachtflotte aufzusuchen, ihre Stärke und ihre Beloegungcn auszukundschaften. So sind die Kreuzer geloisserinaßen der Kavallerie zu vergleichen, der im Felde ähnliche Aufgabe» in erster Linie zufallen. Gleich der Reiterei haben die Kreuzer im Seekriege auch den Vorpostendienst zu über- nehmen, um die eigene«chlachtflottc vor überraschenden Angriffen zu bewahren. Solche Angriffe erfolgen natürlich nicht durch gegnerische Schlachtschiffe; deren Annäherung und Angriff bleibt hegreiflicherweise nicht unbemerkt. Es sind die gefährlichen Flottillen der Torpedoboote und der modernsten Waffe zur See, der Unterseeboote, deren unbemerkte Annäherung es zu verhindern gilt. Wie gefährlich diese Torpcdoangriffe der Schlachtflotte wer- den können, das hat zu Beginn des russisch-japanischen Krieges der verblüffende Ueberfall der Japaner auf die russischen Schlacht- schiffe vor Port Arthur gezeigt, durch den von vornherein drei wertvolle Gefechtseinheiten der russischen Flotte kampfunfähig gemacht worden sind. Um ihre Ausgaben aus diesem Gebiet er- füllen zu können, ist es erforderlich, daß die Kreuzer nicht nur die Schlacktschifse an Geschwindigkeit, sondern auch an Aktionsradius erheblich übertreffen. Gleichzeitig bedürfen sie einer starken Ar- mierung und eines ausreichenden Panzerschutzes für den Kampf mit den Aufklärungsschiffen des Feindes. Zum Kampf gegen die Torpedo- und Unterseeboote tragen sie eine große?lnzahl sehr leistungsfähiger Schnellfeuergeschütze; denn nur mit deren Hilsc ist es möglich, einem Massenaiigriff der flinken und überaus be» weglichen Torpedoboote erfolgreich zu begegnen. Die großen Marinen verfügen im allgemeinen über zwei Kreuzer auf jedes Schlachtschiff. Befindet sich die Hochseeflotte auf dem Marsche, so laufen diese Kreuzer den Panzergeschivadern weit voraus, um sowohl die Klanken wie den Rücken der Schlacht- flotte gegen Torpedoangriffe, die vorwiegend unter dem Schutz der Dunkelheit versucht Iverdcn, zu decken. Eine der größten Schwierig- ketten im Seekriege bildet die Angriffsmöglichkeit von allen Seiten, namentlich dann, wenn sich der Sckiauplatz nicht in der Nähe der Küste, sondern auf hohem Meere befindet. Infolgedessen bedarf die Hochseepanzerflotte stets einer ganzen Kette von Aufklärungs- kreuzern, die über große Geschwindigkeiten verfügen. I« größer die Schnelligkeit der Kreuzer ist, um so eher sind sie imstande, die Torpedobootsfotiillen zu verfolgen und wirksam zu bekämpfen. Unabhängig von diesem Aufklärungsdienst bei der Schlacht- flotte ist die Verwendung dieser Schiffsklasse im eigentlichen Kreuzerkricg. Der Zweck des Kreuzerkrieges liegt denn auch vor- wiegend in der fortwährenden Beunruhigung der feindlichen Häfen und.Küsten sowie in der Zerstörung des feindlichen Seehandels. Der Schutz des eigenen HandclSschiffsverkehrS geht damit Hand in Hand. Schon daraus folgt, daß ein moderner, leistungsfähiger Kreuzer soweit wie nur eben möglich von eigenen Stützpunkten, d. h. Docks und Kohlenstationen, unabhängig sein muß. Er soll lange Zeit„kreuzen", also hin und her fahren können, ohne die hohe See zur Aufnahme von Kohlen, Munitton und Lebensmitteln ver» lassen zu müssen. Es ist das der Grund, weshalb gerade die Kreuzer loährend der neuesten Zeit in ihrem Deplacement außer- ordentlich gesteigert worden sind. Gleichzeitig find aber auch Panzerschutz und Armierung entsprechend verstärkt worden, so daß die großen Panzerkreuzer heute den Schlachtschiffen sehr ähnlich sind. Mit dem Bau dieser Schiffe sind die Engländer und Ameri» kaner voraug-gangen; aber auch die Flotten der übrigen Länder haben damit Schritt gehalten. So haben unsere großen Kreuzer der Moltke-Klasse, der ,. B. der Panzerkreuz«„Goeben" angehört, ein Deplacement von 28 006 Tonnen und eine Geschwindigkeit von 28 bis 30 Knoten. Die Besatzung dieser großen Panzcrkreuz:r beträgt tausend Mann. Auch die Bestückung steht nicht wesentlich hinter der der modernen DreadnoughtS zurück. Noch vor wenigen Jahre» überschritten die Panzerkreuzer aller großen Marinen nicht wesentlich das Deplacement von 14 000 Tonnen. Für den Kaper- krieg würden erheblich kleinere Kreuzer von großer Geschwindig- 1] Tin baprijcher Soldat. Eclebnisse des Taver Glas im Jahre 1870. Von Ludwig Thoma. Ich heiße Xaver Glas. Mein Pater war der Korbinian GlaS, und er hat das Kreiller- anwefen in der Gemeinde Gaimersheim gehabt. Wir waren drei Geschwister. Der Aeltestc, mit Namen Joseph, dann ich und eine Schwester, die Anna Marie. Der Joseph ist um vier Jahre älter gewesen als ich. Mich hat die Mutter im Jahre 1846 zur Welt gebracht, und die Anna Merie ist spät gekommen, wo man eS schon nicht mehr dachte; erst fünf Jahre nach meiner. Das Anwesen meines VaterS war nicht groß und auch nicht gar zu klein. ES sind zweiundzwanzig Tagwerk gewesen; über sechzehn Tagwerk Ackerland, vier Tagwerk Wiesen und nicht ganz zwei Tagwerk Holz. In der heften Zeit hat mein Vater vier Kühe gehabt, auch zwei Ochsen, und er hat sich nicht leicht gehaust, weil er beim Uebernehmen zwei Schwestern hat hinauszahlen müssen. Wie ich«us der Schule gekommen bin und bei der Arbeit ge- Holsen habe, ist es leichter gegangen, denn der Joseph war fleißig dabei und er hat schon viel versehen. Da ist aber gleich wieder das Unglück dagewesen, weil beim Holzfahren der Wagen umgeschmissen hat, wodurch dem Joseph der rechte Fuß abgeschlagen worden ist. Das ist gewesen im Winter 1864. Die Doktorkosten haben den Vater zurückgeworfen, daß er im selbigen Jahre die Hypolhekenzinsen hat schuldig bleiben müssen, und sie sind ihm bloß gefristet worden, weil man ihn als fleißigen Mann erkannte. Der Joseph ist krank geblieben, und nach anderthalb Jahren haben wir ihn eingegraben. Jetzt war ich der einzige Sohn, und das Anwesen ist mir zugestanden. Selbiges Mal habe ich wenig dabei gedacht, und ich habe erst viel später erfahren, was das heißt, wenn man um ein Anwesen sorgen muß. Ein junger Mensch weiß das nicht und lebt bloß lustig dahin. Ich habe bei der Arbeit frisch zugreifen müssen, wie der Joseph nicht mehr da war, und ich habe meiner Sache gut vorgestanden. Da bin ich aber im Jahre 1867 zum Militär gekommen. Den Vater hat es hart getroffen, denn er ist schon im sieben- undfünfzigsten Jahr gewesen, und er hak einen Knecht einstellen müssen. Wer man kann nicht- machen, und so bin ich zum zweiten Jnfantuieregiment Kronprinz eingerückt, und ich habe meine Dienstzeit zwei Jahre ohne Strafe hinter mich gebracht. Im Herbst 1869 habe ich herausdürfen, weil sich auch unser Lehrer Hofmann für meinen Vater verwendet hat, indem er eine Eingabe machte. Daheim habe ich das Anwesen regieren müssen; der Vater war den ganzen Winter nicht recht gesund, und er hat {chon idaray gedacht, daß ich bald übernehmen und heipgten soll, Ich war vermeint, dem Sedlbauern von EdelShausen seine Tochter zu heiraten, weil sie dreitausend Gulden hatte, und auch hatte ich mit ihr schon eine Bekanntschaft. Wir waren Übereins, daß wir nach der Ernte protokollieren, und alles war in Ordnung. Da ist eS im Juli 1870 gewesen. DaS Heu war herein, und weil es bis zur Ernte noch Zeit war, habe ich für den Zimmermeister Maier Holz aus dem Forst gefahren. Eines TageS, da waren wir jungen Burschen im Wirtshaus beisammen. Da kam der Dienstbube vom Joseph Osterauer herein und sagte zu dem Jakob Knerrer, daß er mutz hinauskommen: es ist ein Soldat draußen. Wir erschraken alle, weil der Postbote schon gesagt hatte, daß es im bayerischen Kurier steht, es gibt Krieg mit dem Napoleon. Alle jungen Burschen gingen hinan», und wirklich ist ein Unteroffizier dagewesen. Der Jakob Knerrer fragte ihn, waS er wolle, und« sagte, daß er einen Einrufzettel habe. Ich fragte ihn, ob er für mich auch einen habe. Da sagte er, wir sollen zum Bürgermeister kommen; dort werden loir es sehen.' Als Ivir beim Bürgermeister in der Stube standen, zog der Unteroffizier seine Brieftasche heraus und nahm die Zettel in die Hans und las sie vor. Er sagte: Jakob Knerrer, und gab ihm den Zettel. Er nahm den zweiten und sagte: Joseph Sturm. Der war beim Stegmaicr als erster.Knecht im Dienst, und als er den Zettel nahm, sprangen ihm die Tränen über die Wangen herab, denn er sagte, er wisse schon, wie es im Kriege zugeht, weil er Anno 66 dabei war. Der dritte Zettel war ich. und als den vierten rief er auf den Georg Scheffler, und dann war er fertig. Der Unteroffizier sagte, den anderen Tag müßten wir nach München, wie es auf dem Zettel stehe, und dann sagte er uns Lebewohl, er geht noch bis Siegmertshausen. Wir Burschen sind noch mal in das Wirtshaus hinüber und haben lange miteinander geredet, denn für uns war kein Schlaf mehr vorhanden. Der Vater und die Mutter waren schon im Bett, wie ich heim- gegangen bin; da habe ich sie nicht geweckt. Den andern Tag in aller Frühe bin ich zum Klceholen hin- aus, und dann habe ich es den Eltern gesagt, daß ich fort muß in den Krieg. Die Mutter hat es hergestoßen vor Weinen, und auch dem Vater und mir sind die Tränen heruntergelaufen. Ich habe sie um den Segen gebeten und habe meine zwei Hände aufgehoben. Da haben sie mir das Kreuz gemacht und haben mich mit Weihwasser besprengt. Dann fragte mich d« Vater, ob ich ein Geld auch habe, und ich sagte, nicht recht viel. Er ist in sein« Kammer hinein und hat mir sechs Gulden gebracht, Aber die Mutter hat noch vier Gulden dazu getan, Jetzt habe ich mein FciertagSgewand angezogen und habe ihnen noch einmal Lebewohl gesagt und reichte ihnen zum letzten- mal die Hand, und auch der Anna Marie. Wie ich dreißig Schritte von unserem Hause weg war, habe ich umgeschaut, und ich habe mir gedacht, ich sehe Vater und Mutter nicht mehr. Da habe ich auf ein neues weinen müssen. Ich ging schnell bis EdelShausen. Es war aber ein Sonntag und noch sehr früh bei Tag. Als ich an das Haus beim Sedlbauer kam, war die KreSzenz noch nicht aufgestanden. Ich nahm eine lange Stange und klopfte an ihr Fenster. Sie öffnete und fragte herunter, was es gibt. Ich sagte:„Kreszenz, komm herunter, ich bin es und muß Abschied nehmen von Dir." Sie erschrak und kam schnell. Da habe ich ihr erzählt, daß cZ Krieg gibt und daß ich einrücken muß. Sie sagte mit Weinen:„Was fange ich an? Ich bin das fünfte Monat in der Hoffnung, und wenn das Kind kommt, hat es keinen Bater nicht mehr." Ich sagte:„In Gottes Namen, ich werde doch nicht gleich er- schössen werden, und wenn es aber der Falle wäre, so bete einen Vaterunser für mich, denn Du weißt es schon, daß wir zwei ein- ander hätten geheiratet." Ich nahm sie um den Hals, und sie weinte bitterlich. Ich sagte:„Lebewohl, es hilft nichts mehr, und ich habe nicht länger Zeit, denn in JnderSdorf mutz ich beim Vetter auch noch Abschied nehmen." Da» war der Schuhmacher Berling, der eine Schwester von meiner Mutter hatte. Ich ging bis JnderSdorf, wo ich den Vetter besuchte. Er tat seinen Geldbeutel heraus und gab mir fünf Gulden. Ich sagte ihm Vergelisgoit und nahm ihn bei der Hand, und die Base auch. Dann ging ich weiter. Beim Klosterbräu traf ich den Joseph Sturm; mit dem mar- schierte ich bis RöhrmooS, wo wir die Einrufzettel vorzeigten und in den Zug stiegen. Alle Wägen waren voll Reservisten, die haben einrücken müssen. Ein paar haben gesungen und Spektakel gemacht, aber die mehre- ren sind still gewesen, denn es war uns nicht lustig zu mut. Einer war dabei von Hohenkammer, der hatte erst vor acht Tagen Hochzeit gehabt und das Anwesen übernommen. Jetzt hat er alles hint lassen müssen. So einen trifft e? gleich noch härter. In München habe ich mich in der Kaserne vom zweiten Rcgi- ment gestellt, wo wir unsere Ausrüstung faßten. Dann kamen wir ins MarSfeld. Ich bin in der neunten Kompagnie eingestellt worden. Da habe ich viele alte Kameraden getroffen, und wir haben uns begrüßt und aufgemuntert. Der Georg Scheffler war jetzt auch in meiner Kompagnie, was mich sehr gefreut hat, weil wir von daheim reden konnten; in der elften Kompagnie standen einige von unserer Gegend; der Michael Hechtl und der Kaspar Pfündl, der Knecht beim Eitel in Habbach gewesen ist. Korks, solgt.s feit genügen; denn selbstverständlich ist dns kleinste Kriegsschiff dem grötzten Handelsdampfer gewachsen, sofern es das Kauffahrtei- schiff an Geschwindigkeit üvcrtrifft. Aver es gilt nicht nur Handelsschiffe aufzubringen oder zu vernichten; der Kapcrkreuzer muß auch den die feindlichen Handelsdampfer begleitenden Schutz- kreuzern in seiner Gefechtsstärke gewachsen sein. Eine weitere Ausgabe des Kreuzerkricges liegt in den Angriffen auf die Kolonien und überseeischen Flottenstützpunkte des Feindes; aller- diugs iverden solche Aufgaben wohl kaum jemals dem einzelnen Hcbisf zufallen; man wird vielmehr zu diesem Zweck mehrere Kreuzer zu einem Krcuzergcschwader vereinigen. Niemals ist aber der Kreuzerkricg imstande, die Zeemacht des Gegners zu brechen und eine Entscheidung herbeizuführen, mag der Gegner auch durch die Zerstörung seiner Handelsflotte erheb- lich geschädigt werden. Tie Entscheidung wird stets durch den Kampf der beiden �chlachtflottcn widereinander fallen. - Crkunöungsflug. Der„Lübecker Generalanzeiger" teilt folgenden Brief eines Flicgeroffizixrs an seinen Vater mit: „Ich liege hier in einem schönen belgischen Schlosse, das von seinem Besitzer verlassen ist, und wo die Fasanen zu Hunderten hcrninlaufen. Als ich Tir den letzten Brief schrieb, ahnte ich noch nicht, daß ich in den letzten Tagen so viel erleben sollte n»d nur durch ein Wunder mit dein Leben davongekommen bin. ?ch flog am-22. morgens bei nebligem Wetter mit Leutnant F., einem vortrefflichen Flieger, nach Ted an und stellte den Vormarsch feindlicher Truppen nach Norden fest. In der Gegend Bcrtrip kamen wir in schwere Regenwolken und muhten auf IllOK Meter heruntergehen. In diesem Augenblick hörten wir auch schon das Aufschlagen feindlicher Artilleriegeschosse gegen die Maschine und schien unter uns eine ganze französische Division in Bereit- stclluug. I. erhielt eine Kugel in den Leib. Der Motor blieb stehen, und die Maschine sank steil herunter, mitten aus die feind- lichcn Truppen zu, die ein rasendes Feuer auf uns abgaben. In Bieter bäumte sich die Maschine auf, ich drehte mich um und sah I. mit einem Schuh mitten durch die Stirn tot daliegen. Nun ergriff ich über die Lehne des Sitzes das Steuer, und es gelang mir, fo den braven Doppeldecker wieder in Gleitflug zu bringen. Ter Wald jenseits der Franzosen war mein Ziel. Tie Minuten, in denen ich in 200 Meter Höhe über dem Feind dahinglitt, wurden zu Ewigkeiten. Ein Hagel von Geschossen sauste �nrir dauernd um die Ehren. Plötzlich fühlte ich einen heftigen Schlag gegen die Stirn, das Blut lief über beide Augen. Aber der Wille siegte. Ich blieb bei Bcwuhtsein nnd dachte nur daran, die Maschine über dem Feind fort und glatt herunterzubringen. Da warf ein Wind- stoß die Maschine herum, und da mein toter Kamerad auf dem Seitcnsteuer lag, konnte ich nicht anders, als mitten im Feinde zu landen. Dabei überschlug sich die Maschine, die an einen Zaun anrannte. Ich flog in hohem Bogen hinaus. Von allen Seiten liefen die Rothoscn auf mich zu, immer noch schießend. Ich zog die Pistole und streckte noch drei zu Boden, dann fühlte ich ein Bajonett auf der Brust. Dann kam ein höherer Offizier und rief: Laßt ihn leben, er ist ein tapferer Soldat! Ich wurde zum Kommandierenden General des 17. französischen Korps gebracht, der mich ausfragte. Natürlich ohne Erfolg. Dann sagte er mir, ich würde als Gefangener nach Paris gesandt werden, wo schon vier Flicgcroffjzicre wären. Da ich jedoch durch den starken Blut- Verlust sehr schwach war, blieb ich zunächst an Ort und Stelle. Zwei Aerzte zogen das Geschoß, dessen Wucht durch den Sturz- beliu gebrochen war, aus meiner Stirn, die nicht durchschlagen war. Ich wurde verbunden und erhielt Rotwein. Ucberhaupt benahmen sich die Offiziere sehr nett und achtungsvoll zu mir. In meinem Kopfe lebte aber nur ein Gedanke, der, aus der Gefangenschaft zu entfliehen. Der Tonner der deutschen Geschütze kam immer näher, Gewehrfcuer klang dazwischen, und nach zwei Stunden platzten die ersten deutschen Granaten in unserer Nähe. Da eilten die Fran- zoseu an ihre Pferde. Ich benutzte den unbewachten Augenblick und kroch unter einen Busch. Dort blieb ich liegen, bis der fran- zöfifcke Rückzug hinter mir war. Tann schleppte ich mich nach Bcrinr, wo ich im Hospital freundliche Aufnahme für die Nacht sä'iid'.' Am nächsten Morgen brachte mich ein deutsches Auto zu meiner Abteilung zurück."_ Ueber öie Wirkung üer moöernen Infantem-Spitzgeschofle. verbreitete sich in einem Aufsatz der„Umschau" vom vorigen Herbst, der aber jetzt wieder aktuell geworden ist, auf Grund der Erfahrungen des Balkankrieges 1912/13 der Hauptmann O e f e l e. In jenem Kriege kamen zum ersten Male, und zwar auf lürkischer Seite, die modernen Spitzgeschosse. wie wir in unserem deutscheu Infanterie- geschah 98 eins besitzen und wie sie heute auch in der französischen Armee säst durchgängig zur Einführung gelangt find, zur Anwendung. Die neuen Spitzgeschosse haben mit den neuzeitlichen klein- kalibrigen Geschossen das leichte Gewicht, die geringe Größe gemeinsam. Aber ihre schlanke Form befähigt sie, den bei erheblich vergrößerter Anfangsgeschwindigkeit auch wesentlich stärkeren Luftwiderstand leichter zu überwinden. Ein Nachteil ist freilich, datz solche Geschosse mit langer schlanker Spitze, bei denen der Schwerpunkt weit hinten liegt, die Neigung haben, sich zu drehen nnd mit dem hinteren Teil voran zu fliegen. Die moderne Technik hat durch hohe Anfangsgeschwindigkeit, straffere Zugjühruug und schnellere, sichere Rotation einen stabileren Flug gewährleistet und damit die Verwendung solcher Spitzgeschosse erst ermöglicht. Die gesteigerte Anfangsgeschwindigkeit gibt dem Ge- schoß gleichzeitig eine gestrecktere Flugbahn und dadurch aus- gedehntere bestrichene Räume sowie eine größere Gesamtschutzweite. Tie straffere Führung vermindert die Streuung und gewährt größere Treffähigkeit. Vor ollem zeichnet sich das Spitzgeschoß natürlich durch eine größere Durchschlagskraft aus. Dies zeigt sich besonders deutlich bei widerstandsfähigeren Zielen. Beste Nickelstahlplatten von 5 Millimeter Stärke werden von dem Spitzgeschoß noch auf 10» Meter, solche von 3 Millimeter noch auf 500—00,0 Meter durch- schlagen, wogegen das RunMopfgeschoß 88 die 5 Millimeter starken Platten überhaupt nicht, die 3 Millimeter starken nur auf 200 bis 300 Meter durchschlägt. Daraus ergibt sich, daß die 4—5 Millimeter starken Schntzfchilde der Feldartillerie bei einer Entfernung von unter 300 Metern keinen Schutz metyc gewähren. Was die Wirkung auf den menschlichen Körper anbelangt, so unterscheiden sich glatte Weichteilwunden nicht von denen anderer Mantelgeschosse. Trifft das Geschoß jedoch auf mit Flüssigkeit gefüllte Gefäße, so wirkt es infolge seiner großen Stoßkraft, die in den Gefäßen eine lokale Dampfentwicklung hervorruft, explosiv. Kopf- oder Magenschüsse bei gefülltem Magen sind daher auf nähere Entfernungen fast immer tödlich. Diese Explosivwirkung hat im Balkankrieg verschiedentlich zu der Vermutung Anlaß gegeben, daß die völkerrechtlich ver- botenen Tum-Dum-Geschosse zur Verwendung gekommen wären. Eine weitere Steigerung der zerstörenden Wirkung wird durch die euvähnteNeigung des Spitzgeschosses zum Pendeln erzeugt. Auf größere Entfernung, auch bei Anstreifen des Geschosses an Zweigen oder bei sehr spitzem Einfallwinkel kommen häufiger Querschläger vor. Hierdurch werden einmal größete Wunden erzeugt und außerdem die Gefahr der Wundinfektion durch Mitreißen Von Kleiderteilen in die Wunde erhöht. Die auf bulgarischer Seite tätigen Aerzte, die die Wirkung der türkischen SpitzgesSosse studieren konnten, haben Strantwortsicher Netzakteur: Alfred Wielep.p, Äenlöllg. Für tzeg auch bezeugt, daß S2 Proz. der Gewehrwunden infiziert waren, während dies im rufsisch-japanischen Krieg mir bei 15 Proz. der Fall lvar. Endlich nimmt bei einem Querschläger auch die Kraft des Ge- schosses in der Wunde ab, die Wirkung ist ein häufigeres Stecken- bleiben in der Wunde. Im Balkankrieg blieb das Geschoß in 12—13 Proz. der Wunden stecken gegenüber 5 Proz. im allgemeinen Weiter reichende Knochensplitterungen und mehr Gefäß- und Nerven- Zerreißungen sind gleichfalls Folgen der Querschläger. Im ganzen ist also die Wirkung der Spitzgeschosse gefährlicher als die der Rund- kopfgeschosse, wenn dies auch nach dem Generalarzt Dr. Körting nicht in so hohem Maße der Fall ist, wie man dies auf Grund der bei uns und in Frankreich angestellten Schießversuche hätte glauben können. von öen himmeiserfcheinungen im September. Trotz der Kriegswirren war das Interesse an dem himmlischen Schauspiel, das uns Sonne und Mond am 21. August boten, nicht crlabmt, so oft auch Wolkcnschlcier den Ausblick verhinderten. Dem Referenten ist es gelungen, die Serie von Aufnahmen durchzu- führen, die er den Besitzern photographischer Apparate in dem Ar- tikcl zur Sonnenfinsternis, der leider nicht überall zur rechten Zeit angelangt ist, angeraten hatte. Mit wenigen Lücken, und abgesehen von dem Beginn der Verfinsterung sind alle Phasen in Abständen von rund 5 Minuten fixiert worden, so daß sich eine Linie verschieden nebeneinander gelagerter Sicheln ergibt, die wie ein Film den Verlauf der Finsternis anzeigen. Vielleicht bietet sich Gelegenheit, das Bildchen an weitverbreiteter Stelle zu ver- öffentlichen. Die Gewinnung solcher kleinen Ergebnisse würde vielen sicher Freude bereiten und ihr Interesse für den Gcgeikstand recht beleben. Aus den Bedingungen für das Zustandekommen der Finster- nisfe ergibt sich, daß zwei Verfinsterungen sich leicht kurz aufein- ander, im Abstände von zwei Wochen, folgen können. Das ist auch diesmal der Fall. Am 4. September findet eine Mondfinster- nis statt, die allerdings bei uns nicht beobachtbar sein wird. Die Verfinsterung ist nur partiell; sie beginnt um 1 Uhr 17 Minuten und endet um 4 Uhr 33 Minuten nachmittags. Sie wird im West- lichen Nordamerika, im Pazifischen Ozean, in Australien, fast dem ganzen Asien, im Indischen Ozean und an der Ostküstc Afrikas zu sehen sein. Die Frage nach den Quellen der Sonnenwärme, die durch Arrhenius in eine so vcrheihungsvollc Richtung gewiesen war, ist durch A. Veronnct kürzlich wieder einmal unter die Lupe ge- nommen worden. Er kommt zu ganz abweichenden Ergebnissen, ivie vor ihm andere, die ebenfalls das Problem bereits kritisch durchgearbeitet haben, und meint, datz die durch die chemischen Prozesse freiwerdende Wärme in der ganzen Sonnenmasse höchstens eine für 2000 Jahre ausreichende Wärmemenge liefern können. Ferner: Um die gegenwärtige Sonnenstrahlung unverändert er- halten zu können, müsse man 2 Gramm Radium in jeder Tonne der Sonn ensub stanz annehmen, erhielte aber auch dadurch nur eine für 2000 Jahre reichende Wärmequelle. Zudem mühte man annehmen, datz die ganze Sonnenmasse aus Uranium bestände, aus dem sich stets eine genügenidc Menge Radium bilden könne. Eine Berechnung des durch'die Alphastrahlen des Radiums er- zeugten Heliums in der Sonncnatmosphäre führt gleichfalls zu einem Widerspruch zwischen der erforderlichen Menge des Ra- diums und der beobachteten Menge des Heliums. Zu der An- schauung, daß durch den Aufsturz von Meteoren auf die Sonne die erforderliche Wärme erzeugt sein könnte, bemerkt er, datz die dadurch notwendig entstehende Verkürzung der Tageslänge um 0,53 Sekunden in jedem Jahrhundert eine Zunahme der Sonnen- masse angibt, die nur dem 400. Teil derjenigen Strahlung ent- spräche, die die Sonne wirklich aussendet. Veronnet meint daher, daß die Helmholtzsche Anschauung die richtige sei, wonach die Warme dutch die Zusammenziehung der Sonne allein erzeugt wäre. Sie würde die Sonnenstrahlung in gleichem Matze wie jetzt ungefähr 20 Millionen Jahre lang decken. Wenn die Geologen mit diesen Zeiträumen für die Entwickelung der Erdformationen und der Lebewelt nicht auszukommen glauben, so komme das da- her, weil sie nicht berücksichtigten, daß auch die erdbildnerischen Kräfte in kürzerer Zeit um das Vielfache wirksamer gewesen wären.— Es macht den Eindruck, als ob dieser französische Rechner ebenso falsch gerechnet habe, wie seine Kollegen im Generalstabe. Von den grotzen Planeten sind Merkur und Mars unsichtbar, die Venus ist den ganzen Monat hindurch etwa Y* Stunde lang des Abends im Südwesten zu sehen. Jupiter geht immer früher am Tagesanbruch unter, so datz die Dauer seiner Sichtbarkeit allmählich wieder abnimmt bis auf etwa 6 Stunden am Ende des Monats. Saturn steht in der Mitte der zweiten Hälfte d. M. bei Sonnenaufgang hoch im Meridian; seine Sichtbarkeitsdauer nimmt bis auf IVi Stunden zu. Der Sternenhimmel bietet jetzt, wo die herbstlichen Bilder des Abends im Osten heraufzusteigen beginnen, wieder schöne Ge- legenhcit zu allerlei anregenden Beobachtungen. Die Freunde der Himmelskunde sollten sie über der kriegspolitischen Kannegictzerei nicht ganz vergessen und der Mahnung ernster Männer folgen, mehr ihre gewohnte Beschäftigung zu verfolgen, als es jetzt ge- wöhnlich geschieht, um alles das in Gang zu erhalten, was in langer mühseliger Kulturarbeit aufgerichtet wurde und dessen Sicherung doch den Gegenstand des Kampfes bildet. Wir werden uns deshalb in unserer Berichterstattung nicht beirren lassen, so- lange das möglich ist._ Kleines Feuilleton. Mch Du, Srutus! Unter die Imperialisten sind sie ja alle gegangen, die deutschen Dichter, soweit man sehen kann. Von Hauptmann, der einst, vor langen Jahren, auf die Anregung, ein patriotisches Tendenzstück zu schreiben, erwidert haben soll, er heiße nur Hauptmann, von ihm bis zu Ludwig Thoma, der so zahlreiche Gedichte gegen den Krieg geschrieben har, oder bis zu Richard Dehmel, der jetzt alle Tage ein Gedickt und Sonntags drei, das macht ihrer neun in der Woche, „schafft". Einer fehlte noch. Einer von vorgestern. Aber nun ist er da und verschickt gleich zwei Stück an die Zeitungen, mit dem Vermerk„Honorierung an den Verfasser". Die anderen Lyriker arbeiten jetzt meist gratis— puräou(Verzeihung!): umsonst. Arno Holz aber... nun ja, er braucht's halt. Und was dichtet er? Von dem„Plunder, dem eitlen Weltverbrüderungstand", den er schon vor 80 Jahren erledigt habe, von England, der„falschen Katze", von dem„Tag voll Blut und Wunden", den er grüßt, usw. usw. Auch Du, Brutus I „Ich kenne keine Parteien mehr!" Der„Neue Weg", das Organ der Schauspieler, schreibt unter dieser Ueberschrift: „So der Kaiser! Anders verfährt S. M. Kammerherr, der Graf von Hülsen-Haeselcr, Exzellenz, und Präsident des Deutschen Bühnenvereins. Er kehrt den Parteistandpunkt schroff hervor in einer Zeit, wo das ganze deutsche Volk einmütig zu- sammenarbeitet, um die allgemeine grotze Not des Krieges zu lindern. Die Genoffenschaft Deutscher Bühnenangehöriger hat sofort nach dem Kriegsausbruch die umfassendsten Matznahmen getroffen, um dem grotzen Elend unter den Bühnenangehörigen nach Mög- lichkeit zu steuern. Man versuchte zunächst, auch während der Kriegswirren die Bühnenkünstler in ihrem Berufe zu beschäftigen, Lnjecaieiiteit veramw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwarft nnd organisierte„Vaterländische Kunstdarbietungen", die fien er* wcrbsloseu Schauspielern eine Beihilfe bringen sollten. Eine ebr- crbietige Bitte unseres Verkrauensinanncs, den Mitgliedern der Kgl. Hofbühnen die Mitwirkung bei diesen Veranstaltungen zu ge- statten, hat Exzellenz von Hülsen abgelehnt mit der Begründung, es sei eine grotze Anzahl seiner Künstler zum Heere einberufen, die Zurückgebliebenen seien aber unentbehrlich. Zu gleicher Zeit hat jedoch Exzellenz von Hülsen zahlreichen seiner Mitglieder gestattet, bei gleichartigen Veranstaltungen, die nicht von der Genossenschaft ins Leben ge- rufen sind,„zum Besten notleidender Bühnenkünstler" mitzuwirken. Die Absicht ist klar erkennbar und entspricht ganz dem früheren Verhalten des Herrn Grafen gegenüber der Genoffenschaft. Wer durch die Mitwirkung des Herrn von Hülsen Unterstützung in seiner Not erstrebt, darf solche nicht aus der Hand der nnbot- mätzigen Genossenschaft empfangen, sondern durch den Kgl. Schau- spieler Mar Winter, der über allen Verdacht, der Sache der Ge- nossenschaft nahe zu stehen, erhaben ist. Wir überlassen das Verhalten des Herrn von Hülsen getrost der Kritik der Ocffcntlichkeit."_ wie es jetzt in Srüssel auslieht. Die„Daily Mail" bringt in einer ihrer letzten Nummern fol- gendes Slimmungsbild aus Brüssel: „Die 3000 deutschen Soldaten, die die Hauptstadt besetzen, be- handeln die Bevölkerung mit aller Menschlichkeit und enthalten sich jeden herausfordernden Benehmens. Die Offiziere logieren in den großen Hotels, die Soldaten sind in Kasernen, auf Bahnhöfen nnd in Eiscnbabnschuppen einquartiert. Die Oifizicre lassen es sich angelegen sein, große Vorräte von Konserven zu kaufen. Auf Befehl des deutschen General- kommandos wird alles bar bezahlt, während die großen Anläufe mit Requisitionsscheincn bezahlt werden. Die unenibchrliwen Lebensmittel haben keine bemerkenswerte Steigerung erfahren. Die Zeitungen haben ihr Erscheinen eingestellt und der Polizeidienst wird von belgischen Zivilgardisten besorgt. Die Stadt hat ihr ge- wohnliches Aussehe» wiedergewonnen. Die Caföhäuser sind wie in früherer Zeil bis auf den letzten Platz gefüllt. Von den 200 Millionen Frank, die die Deutschen als KriegSstcuer fordern, ist bereits eine Abschlagszahlung von 20 Millionen er- legt worden. Die Deutschen lassen es sich mit Fleiß angelegen fem, die belgische Bevölkerung davon zu überzeugen, daß sie von der Okkupation nichts zu besorgen hat. Ein einziger Akt von Wider- ipenstigkcii ist bisher borgekommcn. und zwar seitens des Staiions- Vorstehers von Grundenberg, der sich weigerte, die Bahnbofsräume als Soldatenquartiere zu überlassen. Die Lebensmittelzufuhr nimmt wieder ihren geregelten Gang. Händler mit Obst, Gemüse und Getreide haben Erlaubnis, in der Stadt überall frei zu verkehren. Ueber der Stadt schweben bestündig deutsche Flugzeuge, die da? Terrain aufklären."_ vom Norüpol. Amundfen hat feine Expedition aufgegeben und der norwegischen Regierung mitgeteilt, daß er auf die seinerzeit vom Storthing für seine Nordpolrcise bewilligte Staatsunterstützuiig— 200000 Kr.— Verzicht leiste. Anlaß zu Amundsens Entschluß gab der Umstand. daß die Ausrüstung Schwierigkeiten bereitet und daß Norwegen, wo die Schiffahrt und das ganze Erwerbsleben infolge ves Krieges gänzlich darniederliegt, jetzt selbst notwendig das Geld gebraucht.— Tie Expedition des russischen Leutnants Sedoff nach dem Nordpol kam, nachdem sie im Winter 19l2 und 1913 Neuland entdeckt hatte, nach Franz-Josefs-Land. Sedoff war von dort mit zwei Malrosen nach dem Nordpol aufgebrochen, wurde auf der Reise krank und starb. Die Expedition kehrt nach Archangelsk zurück. So wird jetzt gemeldet. Hoffentlich sind keine Polarexpeditionen der kriegführenden Mächte mehr unterwegs,«onst müßten sie sich ver- mutlich bei einer Begegnung in Nacht und Eis an den Kragen gehen und einander umbringen oder als kriegsgefangen heim- bringen._ Notize«. — Die Revanche. Der Zar hat seine Hauptstadt PeterS« bürg umgetauft. Sie soll jetzt Petrograd beißen. Vielleicht ist daS auch ein Druckfehler und soll heißen„Retrograd", was bei einigem guten Willen durch„Rückschritt" übersetzt iverden könnte. — Ein KriegSkomet hat noch gefehlt. Jetzt wird au» Sofia gemeldet, daß nach einem Bericht des meteorologischen Zentral- bureaus in der Nacht zum Montag zwischen 1 und 2 Uhr morgens (Greenlvicher Zeit) ein Beobachter der meteorologischen Station von P l e w n a mit freiem Auge zwischen dem Großen Bär und den Zwillingen einen neuen Kometen bemerkt habe. — Theaterchronik. In den Kammer spielen findet am Donnerstag die Erstaufführung des Einakter-Zyklus von Wilhelm Schmidtbonn„Der junge Achilles",„Die Versuchung des Diogenes", „Pygmalion" statt. — Auf der Treptow- Sternwarte werden heute unter anderm vorgeführt:„Ein Panzerschiff, Orkangefahr für unsere Schiffe, Kriegsübungen der Torpedo- und Unterseeboote, Brücken- bau deutscher Pioniere, Land und Leute in Togo" usw. Für die unterstützungsbedürftigen Familien im Felde stehender Krieger werden auf telephonischen Anruf