Nr. 174.- 1914. Unterhaltungsblatt öes vorwärts lreitag, 4. Zeplrmber. Neben öen Schlachten. (Bei den internierten deutschen in Holland.) II. Soldaten DaZ für die Deutschen bestimmte Jnternierungslager zählt sieben Zelte. Frisches Slroh und neue, warme Wolldecken bieten eine Ruhestätte, die vorläufig, so lange dos warme Sommerwetter anhält, annehmbar ist. Für die kommenden kälteren Nächte ist ein Holzbau vorgesehen. DaS Lager har einen Waschplatz mir fliehen- dem Wasser und auf der entgegengesetzten Seite einen regelmähig desinfizierten Abtritt. Eine sorgsame Reinigung beugt der gefähr- lichen Fliegenplage vor. Eine Feldküche ist errichtet. In der Mitte des Lagerplatzes trägt ein hoher Mast eine lichtstarke Bogenlampe. Ilm einen langen Tisch sind zwei Bänke gezimniert. die bei unserem Eintritt zum Teil besetzt sind. Es wird gerade ein Skat gekloppt vor einigen ungemein interessierten Zuschauern. Indes ist dies glücklicherweise nicht die einzige Beschäsiigung der Internierten. Eine Zeitung liegt auf dem Tisch, in den Händen eines der Soldaten sehen wir ein Buch. Für körperliche Uebungen ist durch ein Reck und vier, vom Obersten frisch besorgte Fuhbälle gesorgt. Und eine Harmonika dient zur Begleitung der Gesänge am abendlichen Biwak- feuer. Der in seinen Verfügungen streng neutrale und gerechte Depotkommandant gesteht den Deutschen auf dem musikalischen Gebiet die unbedingte Ueberlegenheit zu. Wenn sie zweistimmig oder dreistimmig ihre heimatlichen Lieder singen, sammelt sich drauhen am Zaun eine lauschende Menge an. Soeben wird das Holz für das Lagerfeuer von Deutschen und Holländern eingebracht, dle es in einem nahen Busch geschlagen haben. Der größte Teil der Internierten besteht aus Mecklenburgern, zumeist Landarbeitern. Sie sind in den Kämpfen um Lüttich auf das holländische Gebiet getrieben worden. Ihre Erzählungen be- siätigen die Darstellungen, die über den dortigen schrecklichen Volks- krieg in die deutsche Presse gelangt sind. In Visa haben sie keinen belgischen Soldaten gesehen. Es waren die Bewohner, die aus den Häusern und von den Wiesen her auf sie schössen, als sie geschlossen durch den Ort marschierten. Ein Grenadier zeigt mir zwei Wunden— eine«m rechten, eine am linken Arm. Hier ein Streif- schuh, dort eine schön geschloflene Wunde. Der Grenadier erzählt mir, dah einem seiner Kameraden durch eine Ladnng Schrot der ganze Arm zerfetzt worden ist und abgenommen werden muhte. lieber die Belgier herrscht unter den Soldaten einmütige Entrüstung. (Wir weisen hier nochmals darauf hin, dah das Wesen der belgischen ,,Garde civigiic", die als reguläre Truppe anzusehen ist. unsere» Soldaten wahrscheinlich nicht bekannt war. Die Red. d..Vorw.") Wir haben uns mit den Internierten ungeniert»mterhalten können. Sie sind ja, innerhalb des ihnen zugewiesenen RayonS, der übrigens in den nächsten Tagen bedeutend erweitert werden wird, frei. Nur ihre Korrespondenz wird kontrolliert. Um ihnen die freie Aussprache mit uns zu erleichtern, ist Oberst Lusannet abseits getreten. So entwickelt sich, nach de» ersten, allgemeinen Bemer- lunacn über das Wetter usw., die die Befangenheit der über den seltsamen Besuch Verwunderten überwinden, ein zwangloses Ge- sprach. Die Infanteristen berichten, dah sie mit der Unterbringung, der Kost, der Behandlung durchaus zufrieden sind. Nur die Badegelegenheit fehlt ihnen bisher und sie fürchten darum Ungeziefer. Auch möchten sie wohl das Meer sehen, da» sie so ganz nahe, hinter der Dünenlette wissen. In diesem Punkt aber' glaubt der Kommandant nicht nachgeben zu können. Die Zulassung zun» offenen Meer, hat er uns auf unsere Fürsprache geantwortet, würde ihm zu schwere Verantwortlichkeiten auferlegen. Nicht nur internationaler Art. sondern auch für das Lbbcn der Internierten, die beim Baden in der See ertrinken könnten. Ein Badeplatz iin Inneren soll indes gefunden werden. Das Land ist ja von vielen brciteir Kanälen durchzogen. Und wir haben selbst, von der Kleinbahn aus, badende Dorfbewohner gesehen. Der Briefverkehr mit dem Vaterland ist schon im Gang. Eurer der Soldaten aber beklagt sich— wohl nicht mit Unrecht—, dah«in Brief, den er an seine Braut schrieb, in einem holländischen Blatt abgedruckt worden sei. Wir beruhige» die Internierten insoweit. als wir ihnen versichern, dah der Brief sicher an seine Adresse be- fördert worden sei; indes ist es wohl richtig, dah die holländischen Militärbehörden, deren Entgegenkoinmen gegen die Presse wir selbst anzuerkennen ja allen Grund haben, immerhin Privatbriefe, die ein Soldat an sein Mädchen in Mecklenburg schreibt, nicht der JndiS- kretion stoffhungeriger Zeitungen auszuliefern brauchten. Im Lager sind Zeitungen— deutsche nämlich— noch rar. Wir können dem Mangel etwas abhelfen und holen einige Blätter aus der Tasche, die mit Freude angenommen werden. Ein lmrger Unter- offizier, der gerade daherkommt, ruft wohl, als er den Titel er- blickt, im gewohnten Vorgesetztenton:„Vorwärts*— ver- boten! Wir teilen ihm jedoch mit. dah in Deutschland das Bahnhofsverbot für das Blatt sowie das Militärverbot für Ge- werkschaftshäuser aufgehoben sei, und er findet ohne weiteres selbst, dah in der gegebenen Situation die alte Regel keine Geltung habe. lieber die Kriegsereigr.iffe selbst haben wir natürlich von den Internierten nichr viel erfahren können. Sie sagen uns nur, dah die holländischen Berichte über die Kämpfe um Lüttich, wo sie selbst dabei waren, unwahr und gehässig seien. Tie holländischen Zeitungen hätten die belgischen Berichte über einen von Reitern ausgeführten „Ueberfall* auf General Leman gebracht. Tntsächlich seien zwei Regimenter Infanterie in die Stadt eingedrungen. Die Bewohner hätten sich zunächst ruhig verhalten, am nächsten Tage sei aber auf die Deutschen ein nrörderische? Feuer aus den Häusern eröffnet worden. Die Forts hätten auf die Fliehenden gefeuert, seien aber durch die herbeigeholte schwere Artillerie zum Schweigen gebracht worden. Wir nehmen Abschied. Die Gesellschaft im Jnterniertenlager hat sich unterdes vergröhert. Von einem kleinen, kriegerisch drein- blickenden, brünetten Offizier— indisches Halbblut— geleitet, den uns Oberst Lusannet schon auf dem Bahnhof als Kommandanten des Bergener Lagers vorgestellt hat, sind die deutschen Offiziere eingetreten. Sie sitzen jetzt in demokratischer Gemeinschaft am langen Tisch neben den Soldaten. Am Zaun stehen neugierige Dorfbewohner. Auf dem Wege nach Alkmaar, wo wir den dort noch internierten Belgiern— die in den nächsten Tagen nach Friesland transportiert werden— einen Besuch abstatten wollen, fragt uns der Oberst nach unseren Eindrücken und auch nach den etwa von den Internierten geäußerten Wünschen. Die internierten Belgier sind fast lauter Soldaten der Lüttichcr Besatzung. Viel intelligente Leute darunter. Dah sie über die deutsche Kriegführung nicht mit Objektivität sprechen können, wird man ver- stehen. Jndes� fanden wir nicht lauter„Fanatiker*. Einer der Internierten— ein Brüsseler Rechtsanwalt— fragte uns, ob es wahr sei, dah Rosa Luxemburg füsiliert worden sei. Bekanntlich waren in Belgien die abenteuerlichsten Gerüchte über die deutsche Sozialdeinokratie verbreitet. Man hat sich eben auch hier in ihr schwer getäuscht. Eine Erzählung verdienen auch die Erlebnisse des oben erwähnten Anwalts. Er war als Estafette dem General Läman zu- geteilt und gerade zu einer Meldung ausgeschickt, als der Versuch gemacht wurde, den General zu überrumpeln. Bei seiner Rückkehr fand er die Leichen der deutschen Soldaten— auch er glaubt, fast nur Offiziere gesehen zu haben—, aber nicht den Gouverneur. Niemand wühle oder wollte sagen, wo sich dieser verborgen hielt. Auch höhere Offiziere gaben keinen Bescheid. Da er so Antwort nicht zu überbringen vermochte, stellte er bei Lütticher Verwandten sein Motorrad ein und nahm sein Gewehr, um sich der nächsten voriiberkominenden Abteilung anzuschliehen. Er wurde mit dieser zusammen gefangen genominen, entwischte jedoch beim Trans- Port, lief wieder zu seinem Onkel, zog Zivilkleider an und setzte sich von neuein aufs Rad, in der Absicht, über das holländische Gebiet wieder nach einer von den Deutschen noch nicht besetzten belgischen Gegend zu kommen. Ein deutscher Hauptmann hiel» ihn au. Er bezeichnete sich ihin gegenüber als flüchtender Holländer, der nach Mastricht tvolle und übernahm es auf Ersuchen, dort die Entsendung von Ainbulanzwagen für die sehr zahlreichen Ver- wundeten zu erwirken. Den Passierschein— er ist in deutscher Sprache auf einer Visitenkarte ausgefertigt, die den Namen eines in einem Berliner Vorort wohnhaften VerlagSbuchhändlers und Hauptmann» d. R. trägt— hat er aufbewahrt. Beim Ueberschreiten der holländischen Grenze wurde er aber vou Zollbeamten angehalten. Da sein Rad keine Nummer trug, er auch nicht iin Besitz der zu hinterlegenden Suinmc tvar, schien er verdächtig und gab sich schlichlich in einen» Verhör olö belgischen Soldaic» zu erkennen, Sein Fall ist indes mit dem der andere» Internierten nicht identisch. Genosse De Roode, der sich in diesen Tagen zum Gelehrten auf dem Gebiete des Völkerrechts ausgebildet hat, entdeckte nämlich, dah nach den Haager Beschlüssen flüchtende Gefangene benn lieber- tritt ans ein neutrales Gebiet nicht festzuhalten sind, und unser Mann war sicher von dem Augenblick an, da er seiner Begleil- Mannschaft entkonmien war und als Zivilist die Grenze zu erreichen trebte, dieser Kategorie zuzuerkennen. Die juristische Entdeckimg unseres Genossen hat ihn» deshalb grohe Freude bereitet und er will aus Grund dieser Bestimmung seine Enllajsnng erwirken—»m aufs neue in den Kampf zu gehen. Q. p. vaterlanös-Lieöer. Im„Kunstwart" stellt Wilhelm Stapel die patriotische Lyrik von 1813 und 1870 gegenüber. Dabei kommt er zu folgenden Er- gebnissen: „Vergleichen wir� mit den Freiheitsliedern die patriotischen Lieder aus dem deutsch-französischen Kriege von 1370 und die der späteren Zeit, so ist es, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, wie wenn wir eben auf einen Geigenkörper geklopft haben und nun auf eine Zigarrenkiste klopfen. Es klingt plötzlich hohl und klappernde Der Unterschied ist nicht nur auffällig, er ist erschreckend, Woher kommt das? _ Einige Vergleiche mögen zunächst deutlich machen, was wir meinen. Wir stellen dabei nicht irgendwelche schlechten Lieder neuerer Dichter der guten Poesie einer früheren Zeit gegenüber, sondern wir wählen mit Bedacht nur solche Lieder, die heut von der gebildeten Jugend bei vaterländischen Feiern a l l g e in e i n gesungen werden. Wir wählen Lieder, alte wie neue, die nur allzu vielen heute als gleichwertig erscheinen. Man benutzt 1870 die alten Worte und Vorstellungen nicht nur, was ganz in der Ordnung, sondern man überbietet sie und kommt gerade dadurch ins Hohle. Einst hieh es:„Er reitet so freudig sein mutiges Pferd." Jetzt:„Es schnaubt sein Roh von Trakehner Art, weil das Plänkelfeuer knattert." Einst:„Von Herz zu Herz, von Mund zu Munde erbrause freudig der Gesang!" Jetzt:„Nun steige der Begeistrung Flamme helloderiid auf in unserm Sang." Bezeichnend für die neue Zeit ist die Selbst- be wunderung. Man sonnt sich in dem„Staunen" der an- deren Völker:„J»n Schlachtenwetter uns verjüngend, hast du zun» Staunen aller Welt, mit edlem Heldcnblnt ihn düngend, den dein- sehen Acker neu bestellt." Der alte Arndt war naiver und be- scheidener:„Juchheirassassa! Und die Deutschen sind du, die Deut- scheu find lustig und rufen Hnrral" Aber bei wein ist die echte freie Siegesfreude? Ferner, jetzt erscheint die Rettung des Vater- landes vor allem als Werk der Fürsten und Führer,„Heil dir, des Vaterlandes Retter! Heil, Bismarck, dir, du deutscher HeldI" Die Freiheitssänger suchten das Volk anders zu fassen, sie riefen es selbst fü»: daS Vaterland auf:„Vater, wir danken dir, dah w i r zur Freiheit ertvachten!" Echenkendors malt das Land seiner Sehnsucht so:„Wo sich Männer finden, die für Ehr und Recht mutig sich verbinden, weilt ein frei Geschlecht," Der Dichter von 1870:„Wonne der Völker ist«S, zu wohnen unter dem Schatten so herrlicher Kronen." Trotz der großen Worte sind d i e Gefühle»natter geworden. Auch der Haß.(?) Wie fand einst der Ingrimm Worte:„Schlagt ihn tot! Das Weltgericht fragt euch nach den Gründen nicht!" Nach 1870:„De? llieichcs Feinde allesamt, Gott inöas sie verdammen!" Am schlagendsten und allgelneinsten wird wohl der Unterschied der früheren und der neueren Poesie gclennzeichnet, wenn wir die Verse gegenüber- stellen:„Freiheit, die ich»neine(»ninn«). die mein Herz erfüllt, kom»n mit deinem Scheine, sühes Engelsbild" und Freiligratbs „Hurra, du stolzes, schöne? Weib, hurra, Germania! Wie kühn mit vorgebeugten» Leib am Rheine stehst du dal" Das Gefühl schweift ab ans eine ästhetische Bildvorstellung. Oder Kleefelds„O Vater- kand, luie stark und mild, Ivie herrlich stehst du da, du hohes, schönes Götterbild, Heil dir, Germania!" In allen drei Liedern die Vor- stellung eines idealen„Bildes", aber wie verschieden ist dabei der Geist. Bei Schenkendorf ernpfinden wir das innige Aujquellen der Sehnsucht mit, was aber geben unS die Dichter von 1870? Lautes Feslpathos, Wir wiederholen die Frage: woher der Unterschied? Können die neuen Dichter nur schlechter dichten als die alten? Wir haben auch vortreffliche Dichter, Was uns fehlt, ist da? echte Vater- ländische Erlebnis. Man möchte es gern haben»»nd begeistert sich darnu» für.,. Bismarck, für den Kaiser, für das Reich. Aber da? bleibt F e st a u f w a l l u n g. Oder sogar mir eine gute Absicht cineS Manne? am Schreibtisch. Diese Glut reicht nicht zu, um da? Gold aus den Schlacken zu schmelzen, sie wühlt das Herz nicht auf bis dahin, wo die Keime zu neuen Schöpfungen schlummern. Wir»verde,» keine bessere patriotische Dichtung be- kommen, wenn das Volk und Vaterland nicht wieder zu einem großen Erlebnis werden wie einst vor hundert Jahren." Diese Ausführungen Wichelin Stapels sind zu unterschreiben. Mit einigen Ausnahmen. Erstens ist der„Haß", der ihm 1870 zn matt war, jetzt Iveit wilder als 1813. Er vertvandell sich vielfach geradezu in Blutdurst, wie wir»nehr als einmal schon nackige- wiesen haben. Und ganz natürlich, denn die Kriege werden mckit menschlicher, sondern immer ui'menschlicher. Dann noch eins. Stapel hotte den Aufsatz vor dem Kriege geschrieben. Er fugt jetzt hinzu:„Wenn nicht alle? täuscht: jetzt ist da« neue Erleb- nis da." »j Ein bayrisiher Solöat. Erlebnisse deS Taver Glas im Jahre 1870. Von Ludwig Thoma. DaS sieht auch der Soldat in Reih und Glied, wie auf einmal eine Aufregung da ist; die Offiziere treiben und schreien lauter, »md man marschiert schneller, und es ist ein Gefühl, das man nicht recht beschreiben kann. Mir hat schon das Herz geklopft, und es ist mir gewesen, als wenn mir alles zu eng wäre. Es tut einem ganz wohl, wenn»nan beim Marschicren reden darf; das macht einem Luft. Manche tun ganz schneidig und reihen einen Witz; vielleicht lacht man auch dazu, aber innerlich schaut es nicht so lustig aus. Der General Orfl ist wieder daher geritten, ganz aufgeregt und hat immer angetrieben. Vorwärts! hat er geschrieen und ist auf und ab gesprengt. Tie Mantel haben wir unter dem Marsch gerollt, denn zum Halten tvar keine Zeit, und vor uns hat es gepumpert ohne Aufhören. Es kamen uns preußische Husaren entgegen, und sie hatten französische Bauern dabei. Sie mutzten neben den Pferden her- laufen und wurden an das Kriegsgericht geliefert, weil sie auf deutsche Soldaten geschossen haben. Was ihnen geschehen ist, weih ich nicht. Wir haben fort müssen, immer weiter auf den schlechten Wegen, die vom Regen ganz durchweicht waren. Und dann ist es querfeldein über die Wiesen gegangen. Tie Kräuter und Vlumen haben schön gerochen, und ich habe nur so schauen müsse», wie gut das Krümmet gestanden ist. Ganz fertig zum Mähen, und eS wäre mir wohl lieber gewesen, wenn ich hätte arbeiten dürfen. Aber das Schauen und Denken ist mir bald ver- gangen, denn hoch in der Luft über uns hat es gekracht, und kleine. weihe Wolken sind aufgestiegen. Das waren die Schrapnell, und sie taten noch keinen Schaden. Wir sind im Laufschritt durch ein Kartoffelfeld und einen kleinen Berg hinauf. Vor uns war eine Ebene, durch die ein Bach lief, und er hieh der Sauerbach. Ueber dem Bach war ein Wald, ans dem der Rauch aufging, weil dort drinnen alles voll von Feinden war, die auf uns heraus kchosfta. Als wir auf der Höhe waren, hieh es Halt! und auf den Boden nieder? Wir muhten das Bajonett aufftecken und laden. Jetzt hörten wir schon ein spaßiges Pfeifen über den Köpfen. und hie und da patschte es in den Boden hinein, dah der Dreck aufflog. Das waren die Chassepotkngeln. Auf einmal schreit neben mir einer:„Jesus Maria! Mich hat's!" Und er hat sich auf die Seile gewälzt»nd mit den Armen geschlegelt. Es war der erste Verwundete von meiner Kompagnie; einer vom Oberland— wir haben ihn den MieSbacher Franzl geheißen. Gleich darauf hat es noch ein paar getroffen; einer hat laut geschrien, der andere hat bloß so einen Gluckser getan und wieder einer hat halblaut gejammert. „Nur ruhe, Ihr Leut'l" hat der Hauptmann gerufen.„Nicht umschauen! Es kommt schon Hilfe für die Verwundeten." Dann ist kommandiert worden: Auf und Vorwärts! Wir haben im Laufschritt die Höhe hinunter müssen, dah wir über den Sauerbach hinüber kominen und angreifen. Bei diesem Laufe sind wieder einige gefallen. Einen habe ich gesehen, der hat die Arme kerzengerad in die Höhe geworfen und ist in die Lust gesprungen. Später ist das noch öfter vorgekommen, und ich wuhte dann, dah es die Leute so wirft, wenn sie ins Herz geschossen werden. Also wir sind schnell bis zum Sauerbach gestürmt und haben mit Erlenbäumen oder was zur Hand war, eine Notbrücke gemacht. Rechts von uns loar das zweite Bataillon, links das erste; wir waren mit dem vierten Jägerbataillo» in der Mitte, und wir setzten jetzt über den Bach. Aus dem Walde schössen sie ganz verrückt auf unS, aber sie trafen nicht gar zu viele. Ucverhaupt muh ick den Franzosen ein schlechtes Zeugnis über ihr Schiehen geben; sie haben sich keine Zeit genommen zum Visieren, und haben einfach losgedrückt; wenn es bloß kracht, ist eS schon recht. Das ist ja bei uns auch öfter vorgekommen, dah in der Auf. regung einer bloß halb aufgefahren ist, aber da war unser Feld- webel der Richtige. Der hat scharf Obacht gegeben, und wenn er so etwa? gesehen hat, ist er imstond gewesen, und haut dem Mann gleich im Gefecht eine Spellen, herunter. Der war ganz kalt. Hinter dem Sauerbach sind wir durch nasse Wiesen bis an die Straße gelaufen; da ist meine Kompagnie links abgeschwenkt gegen einen Hopfengarten, der von den Turkos besetzt war. Der Spektakel ist jetzt ärger geworden. Wir baben eine Salve nach der andern abgegeben, bei de» Turkos krachte es, und links und recht? von uns da pfiff und heulte es, als wenn alle Teufel los wären. Von den Turkos habe ich in der Schlacht selber nicht viel gesehen. Man hat bloß Rauch und Feuer gesehen, und wie durch einen Nebel hat man drüben die Leute gesehen. Auf einmal mit lauter Schreien und Brüllen und Schiehen waren wir mitte» in den Hopfenstangen und ich merkte, dah wir die Turkos hinansgehaut hatten. Es lqgen auch viele herum, aber eS war kein« Zeit zum An- schauen; denn jetzt mußten wir gegen den Wald. Wir waren schnell an dem Rand, aber eS ging nicht vorwärts, denn die Franzosen haben Verhaue angelegt im Wald, und sie waren gut verschanzt. Da sah ich einen Baum bor mir, und ich legte mich geschwind dahinter. Ich habe gedacht: Xaver, da kommst Du lebendig nicht davon, denn man hat sich nicht vorstellen können, daß bloß ein Mensch in diesem Durcheinander mit heiler Haut bleibt. Ober mir sind die Aeste von den Bäumen weggeflogen mit Krachen, in den Blättern hat es gepatscht, als wenn ein schivcrer Hagel niedergeht; und Baumrinden sind weggespritzt, und gepfiffen und geheult hat es, und dazwischen hat man durch da? Pumpern und Krachen ein lautes Knarren gehört; das ist ganz regelmäßig weiter gegangen, und hat gerasselt, als wenn einer die allergrößte Karfreitagratschen dreht. In den Ohren hat eS mir gesungen, und ich habe schreien müssen, weil ich eS sonst nicht ausgehalten hätte. Ich habe fiir mich hingeschrien:„Draufl drauf!! Haut's zu!" Ich bin aber liegen geblieben und geschossen und immer gedacht, in der nächsten Minut bist Du hin. Auf einmal ist das Schießen bei uns noch stärker geworden, weil Verstärkung gekommen ist. Wir sind aufgerumpelt und vorwärts gelaufen, und wir haben große Sprünge gemacht, bis wir uns wieder hinlegten. ... 58» HM ich gemerkt, daß mein Gewehr nicht mehr geht; ich Nun, Stapel hak Urteil unS WahrheitSmuk. Er soll uns sagen, ob bisher auch nur eine Schöpfung(unter zehntaufenden) zutage getreten ist, die sich künstlerisch rechtfertigen ließet Kriegerische Kunst. Da? Berliner Künstlerhaus hat den Ansang gemacht. Es zeigt Oelbilder und Zeichnungen, auch einige Tempera- und Aquarell- Malereien zum Thema: Heer und Marine. Es ist durchaus zu ver- stehen und auch zu billigen, daß in diesen Zeiten die Kunst daraus- hin geprüft wird, welche Werte sie aus dem Krieg zu heben vermag. Es wäre ein Irrtum zu glauben, daß Kunst und Krieg nichts mit- einander zu tun haben können. Im Gegenteil, die Kunstgeschichte zeigt zahllose und fruchtbare Verknüpfungen zwischen diesen schein- bar so verschiedenen Lebonsäußerungen der Menschheit, zwischen der rücksichtslosesten Wirklichkeit und dem heitersten Schein. Von der Zeit der Höhlenbewohner an hat der Krieg die Künstler erregt, hat sie begeistert oder in Verzweiflung gesenkt, hat aber jedenfalls heftig an den tönendsten Saiten ihrer Seele gerissen. Der Schmuck, der den Waffen angeheftet wurde, die Federkrone des Häuptlings, die Hieroglyphe, die das Erschlagen des Feindes mit tastenden Linien festzuhalten versuchte, die klirrenden Worte, mit denen Homer den Schild des Achilles leuchten machte, jeder Schlachtgesang, jeder Triumphbogen: das alles sind Beweise dafür, daß die Kunst sich an den Feuerbränden deS Krieges zu gewaltigen Flammen zu entzünden vermag. Von jeher haben sich große Künstler durch die er- schlitternde Tragik und die heldenhafte Lebenssteigerung des Krieges packen lassen: der Triumphzug vom Parthenon, die Gigantenschlacht vom Pergamonaltar, die sterbenden Gallier, das Mosaik der Alcxanderschlacht, die Sarkophage der Römer, die Feldherrenstatuen der Renaissance, Schlüters Totenmasken am Berliner Zeughaus, die schlichte Gestalt, die Schinkel dem Eisernen Kreuz gab, das sind nur einige beliebig gewählte Zeugen für die Leidenschaft, mit der die Künstler aller Zeiten und aller Völker den Rhythmus des Krieges zu bannen suchten. Man muß wissen, daß Lionardo ein großer Artillerist gewesen ist, und daß Benvenuto Cellini, der köstlichste Goldschmied, mit Büchsenkugeln und Kanonenschüssen zahllose. Feinde des Papstes hinstreckte; man muß sich der Kanonen, wie sie das siebzehnte und achtzehnte Jahrhundert gössen, erinnern, dieser aus- gezeichneten Bronzearbeiten, die nach Stichen bedeutender Meister mit Figuren und Ornamenten geschmückt waren. Dürer hat sich theoretisch mit der Kriegskunst befaßt; VelaSquez hat das kriege- rische Pathos der königlichen Modelle mit besonderer Sinnlichkeit gestaltet. Goya erfüllte seine genialen Radierungen mit dem Furiengeschrei der Gemetzel. Delacroix, der die Rubenssche Wild- heit fortsetzte, ist zu nennen und dann die Entwickelungslinie, die von Chodvwiecki, dem Ruhmzeichner des zweiten Friedrich, über Krüger, den trockenen Berliner, zu Menzel, dem Klassiker des Preußentums, führt. Der Krieg kann gezeichnet und gemalt wer- den; wie jeder Ausbruch menschlicher Kraft, so vermag auch das Gcgeneinanderstiirmen der Gewappneten den Künstler zu berauschen. Auch die Kunst ist eine Waffe; sie hilft den Völkern zum Sieg und zum ewigen Bestand. Sie wandelt auf den Spuren der Helden und setzt ihnen Denkmale, die aus dem irdischen Blutgeschäst das Diagramm deS Geistes und der Kraft entklären. Indessen: nur dem wirklich großen Künstle» kann es gelingen, das Geheimnis großen Geschehens festzuhalten und durch die Gewalt der Form den nachfolgenden Geschlechtern zu überliefern. Die sich Wunden und Tod holen, dürfen verlangen, Maler zu finden, denen es eine Erschütterung deS ganzen SeinS,«in angestrengtes Ringen und Sieg oder Untergang ist, wenn sie vor der grausamen Leinwand stehen und von dem Dämon sich treiben lassen. Es ist Heldenläste- rnng, de» Krieg zum Publikumsmoiiv für schlechte Bilder zu machen. Aus solcher sittlichen Erkenntnis heraus verneinen wir die Berechti- gung solcher Oelpinseleien, wie sie das Künstlerbaus vorführt. Die Leistungen unseres Heeres sind Qualitätsarbeit, Arbeit, die den ganzen Menschen zu seiner höchsten Spannung fordert. Es ist un- erträglich, wenn Tubenquetscher und Pinselwäscher, die kaum zu stammeln vermögen, es wagen, von sturmenden Kolonnen, stürzen- den Geschwadern, von triumphierenden Wunden und lachend brechen- den Augen klägliche Bildlein zu faseln. Um etwa? anderes handelt es sich aber nicht bei den Anmaßungen dieser Herren Röchling, Echuch, Pape, Bohrdt usw., die vorgeben, den Krieg malen zu können, und die nicht einmal das Vermögen besitzen, ein einziges Blatt oder eine Sandscholle mit Inbrunst zu gestalten. Diese kon- vcntionelle, abgeklapperte Schlachtenmalerei darf nicht wieder auf- kommen; wir sind verpflichtet, da? gewaltige Geschehen dieser Tage vor solchem Schimpf zu bewahren. R. Er. * Zur Ergänzung dieser Ausführungen unseres Mitarbeiters teilen wir folgende amtliche Nachricht mit: „In der bis 21. September d. I. dauernden Großen Berliner Kunstausstellung 1914 sind, den Zeitereignissen Rechnung tragend, die drei Sedan-Dioramen von Anton von Werner (1. Bismarcks und Napoleons Zusammentreffen aus der Chaussee bei Tonchery, 2. General Reille überbringt den Brief Napoleons an König Wilhelm, 3. Die Kapitulationsverhandlungen in Dort- chery) zur Ausstellung gelangt. Die Werke waren seit Jahr- zehnten der Oesfentllchkeit entzogen. Tie Kom- Mission der Großen Berliner Kunstausstellung hat dem Magistrat mitgeteilt, daß sie sämtlichen Schulen die tägliche freie Besichtigung der drei Dioramen unter Führung der Lehrer gewährt." Also läßt man die weislich gehüteten Wernerschen Schinken auf das Volk los. Die Kunst scheint die a ch t e Macht zu sein, gegen die Teutschland jetzt Krieg führen will. Sanitatshunöe. Bei der verheerenden Feuerwirkung der heutigen Schußwaffen ist die gruppenweise Verwendung von Krankenträgern unmöglich. Natürlich beeinträchtigt diese Tatsache die Genauigkeit der Nachsuche erheblich. Die Hauptmenge der Verletzten vermag man überhaupt erst nach dem Kampfe zu bergen. Indessen ist die Nacht für dieses Vorhaben nicht günstig, da die Krankenträger bei der Verwendung künstlichen Lichtes das feindliche Feuer auf sich lenken. Diese Ilm- stände hatten auch zur Folge, daß im russisch-japanischen Kriege auf japanischer Seite 32 Krankenträger erschossen und 294 verwundet wurden. Besonders erschwert wird die Bergung der Verwundeten noch durch die große Ausdehnung des modernen Schlachtfeldes. Sehr ost kommt es vor, daß Verwundete, um sich aus der Feuerlinie zu schleppen, hinter einem Gestrüpp oder sonst in einem verlorenen Winkel liegen bleiben und vergeblich auf Hilfe warten. Trotz der angeblich schlechten Erfahrungen mit Sanitätshunden im Hererofeldzug haben sich diese im englischen und russischen Heere nicht übel bewährt; namentlich taten sich in Transvaal dressierte schottische Schäferhunde, Collies, hervor. In den europäischen Staaten bestehen Gesellschaften zur Zucht solcher Hunde, wie die„Deutsche militärärztliche Wochen- schrifl" erwähnt. In Frankreich wurde vor drei Jahren eine mili« tärische Anstalt für SanitätSbunde in Avon-Fontainebleau gegründet. Etwa fünfzig Hunde befinden sich dort dauernd in Dressur und werden durch häufige Uebungen in ihrer Ausbildung gefördert. Im Kriege erhält jede Krankenträgertruppe der Abulanz solche Hunde als Beistand für das Aufsuchen von Verwundeten. Auch private Organisationen Pflegen diese Art der Dressur; im Kriegsfalle gehen die ausgebildeten Hunde, sofern sie den Bedingungen genügen, in den Besitz des Heeres über. Am geeignetsten erwiesen sich bisher Schäferhunde und Ayredaleterriers, Sie zeigten Klugbeit, Sanftnrut, Gehorsam und ein ausgezeichnetes Witterungsvermögen. Auch bei uns in Deutsche land existieren Vereine für die Zucht von Sanitätshunden. Der Bedarf des deutschen Heeres ist mit zweitausend Hunden angesetzt. Indessen reicht die Tätigkeit deS Vereins troy eigener Zucht und Dressurstationen nicht aus. Man machte infolgedessen den Versuch, Polizeihunde für den KriegSsanitätsdienst auszubilden; die Befürch- tung, diese Tiere könnten zu scharf sein, erwies sich als irrig. Sie verletzten keinen der Verwundeten, zeigten sich vielmehr ihrer Auf- gäbe als Sanitätshunde im vollsten Maße gewachsen. Die Zahl der im Dienst stehenden und in Privathand befindlichen Polizeihunde beläuft sich auf über sechstausend, so daß der Bedarf leicht gedeckt werden kann. Verschiedene Uebungen der ausgebildeten Hunde zeigten durchaus zufriedenstellende Resultate. spüren. Der Lärm der vielen Stimmen, da? nächtliche von Lage«» feuern nur matt erhellte Dunkel, in dem sich die Aktion vollzleht» verwirren und erschweren das Verständnis. kleines Zeuilleton. Eine französische Kriegskontribution. Achnlich, wie es den Belgiern jetzt geht, ist es den Deutschen im Jahre 1793 ergangen, als die Truppen der jungen französischen Republik mit Waffengewalt Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit über den Rhein trugen. Als die freie Reichsstadt Franrsurt hörte, daß die Franzosen vor Mainz ständen, daß sich Mainz ergeben und Custine dort sein Hauptquartier aufgeschlagen hätte, erfaßte die Bürger ein furchtbarer Schreck. Ehe sie sich davon noch erholen konnten, stand ein Korps von 890 Franzosen, von General Neu- winger befehligt, vor den Toren der Reichs- und Wahlstadt und begehrte Einlaß. Zuerst verlies alles ziemlich gut, und die Frank- furter, die französisch parlieren konnten, fanden in ihren unge- betenen Gästen ganz umgängliche und amüsante Leute. Als aber am folgenden Morgen, am 22. Oktober, bekannt wurde, daß Custine eine Kontribution von zwei Millionen Gulden von der Stadt ver- langt habe— da hörte auch für die Frankfurter die Gemütlichkeit auf. Der Senat sandte in seiner Angst eine Deputation an Custine und bat ihn um Ermäßigung und in der Tat ließ der General eine halbe Million ab. Tie Erklärung, die Custine in Frankfurt anschlagen ließ, lautete: „Bürger, als ich mich entschloß, im Namen der fränkischen Nation Frankfurt eine Brandschatzung aufzulegen,»m diejenigen zu bestrafen, deren Anschläge die unverjährbaren Rechte der Völker zu vernichten zielten, glaubte ich nicht, daß Ihre Vorsteher ihre Ungerechtigkeit so weit treiben würden, diese Auflage von den Dürstigen unter Euch zu erpressen. Nach den Grundpfeilern der Gerechtigkeit, die nunmehr die Richtschnur unserer Republik ist. befehle ich dem General, den ich in Eure Mauern beorderte, das verlangte Geld nur von den Schuldigen und den Reichen zu er- heben, die ihre Gewalt und ihre Reichtümer mißbrauchen, die Armen zu unterdrücken, und die offenbaren Feinde aller Gerechtig- feit sind. Ter Bürger-General Custine." In unglaublich kurzer Zeit war die Kontribution bezahlt, was natürlich bei einer so reichen Stadt wie Frankfurt nicht wunder- nehmen kann. Aber die Freude über die inzwischen auf 4 Mann angewachsene Besatzung hatte bei den Einwohnern merklich nach- gelassen und man betrachtete sie mit äußerst kritischen Augen. Aus einem naiven Briefe, den ein Senator damals an einen Freund schrieb, können wir heute noch feststellen, aus wie hoher Kultur- stufe die französischen Soldaten standen. In dem Briefe heißt es: „O, wie tief kann der Mensch doch sinken! Die Franzosen, die alle Völker frei machen wollen, rauchen und singen in den Straßen und auf den öffentlichen Plätzen in Gegenwart ihrxr Anführer und sind ihre eigenen W a s ch w e i b e r!" Theater. Lessing-Theater. Vaterländische Vorträge;„Die Tor« gauer Heide", Schauspiel von Otto Ludwig. Die Rezitationen Kayßlers gaben dem Abend Ton und Farbe. Seine verschlossene herbe Männlichkeit, die die ins Innere zurückgestauten Empfindungen nur wie«in ferne» Wetterleuchten sehen läßt, wirkten anregender, anfeuernder, als jugendlich stürmisches Pathos es ze vermocht hätte, wahrte auch in den Ueberschwenglichkeiten des Hardtschen Prologs noch den Eindruck ruhig stiller Kraft. Es folgte das Arndtsche Kampflied auS den Freiheitskriegen:.Der Gott, der Eisen wachsen ließ", LiliencronS„Unter der Buche" und, wunderbar anschaulich in ihrem martialischen Humor nachgeschaffen, eine Kriegsanekdote Hein- rich Kleists.— Theodor Loos trug einige Fontanesche Gedichte, Jlka Grüning einen Abschnitt aus GoetheS„Hermann und Dorothea" vor: Das menschlich teilnahmsvolle freundliche Gespräch, in dem die Alten der durch den Krieg aus Frankreich vertriebenen Flüchtlinge gedenken. Otto Ludwigs, nun vor mehr als einem halben Jahrhundert geschriebene„Torgauer Heide", stimmungsvoll von Barnowsky in- szeniert, bringt bunte Szenen aus dem Preußenlager nach der Schlacht von Torgau, die den Geist der friderizianischen Armee, ihre Begeisterung für den König schildern wollen. Ziethen und Friedrich selber treten auf. Von der plastischen CharakterisierungS« kunst, die Ludwigs„Erbsörster" berühmt gemacht hat, überhaupt von dichterischen Qualitäten ist in dem Stücke, das sich eigentlich nur aus allerhand Soldatenerzählungen zusammensetzt, nicht viel zu Notize». — Theaterchronik. Die erste Aufführung deS.Feld« Prediger" von Millöcker findet im Deutschen Opern« Hause am nächsten Sonnabend statt. — Schöne Septembertage. DaS sommerliche Wetter, das fast den ganzen August hindurch geherrscht hat, ebenso wie auch im Juni und Juli, scheint sich auch im September noch fortzusetzen. Es trat zwar durch den Vorbeigang eines Nordeuropa durchziehenden Minimums Abkühlung ein. und in den östlichen Landesteilen, auch in einzelnen Gegenden Mitteldeutschlands, kam es zu leichten Regen- fällen; in allen anderen Gebieten dauerte jedoch, von kurzer Trübung und einzelnen Schauern abgesehen, das heitere Wetter fort. Da von der Nordsee schon wieder ein neueS hohes Maximum herannaht, wird das schöne, sommerliche Wetter auch weiter an« halten. — Wie weit schießen die Kanonen? Die größte Schußweite der Feldgeschütze und leichten Schiffskanonen beträgt etwa 7 Kilometer, die der Belagerungs« und FestungSgeschütze sowie der mittleren Schiffsartillerie annähernd 12, während schwer« Schiffs- und Küstengeschütze 17—24 Kilometer, also über drei deutsche Meilen reichen! — Der militarisierte Sankt Ballhorn geht jetzt sogar im Lessing-Theater um. Der Theaterreferent des.Berliner Tageblatts' stellt fest, daß„in Otto Ludwigs dramatischem Vorspiele„Die Tor- gauer Heide" plötzlich der preußische Feldwebel von den Engländern Iprach, die„die ärgsten Krämerseelen von ganz Europa" seien. Da» gab eine jubelnde Zustimmung im Publikum; nur schade, da« Wort steht nicht bei Otto Ludwig, der die„Torgauer Heide" vor siebzig Jahren gedichtet hat und damals gewiß nicht so abfällig über das Volk seines Shakespeare dachte."— Manchmal ist man doch versucht, die Theaterspielerei während des Krieges zu bedauern. habe den Verschluß nicht mehr ausgebracht, weil der Zündstift nicht zurückgegangen ist. Jetzt ist mir der Spektakel noch ärger vorgekommen, und ich habe gemeint, eZ trifft mich leichter, weil ich ganz wehrlos ge- Wesen bin. » Vielleicht zehn Schritte vor mir hat es einen Kameraden hin- geschmissen, und er hat sich herumgedreht, und hat die Hände zu- sammengcschlagen, als wenn er um etwa? bittet. Ich habe gedacht, wenn ich nur sein Gewehr hätte; er braucht es doch nicht mehr, und mit meinem verdammten Prügel kann ich nichts machen. Aber hinspringen habe ich nicht kbnnen, weil über mir die Kugeln wir närrisch gepfiffen haben. Da bin ich hingekrochen und habe schnell nach dem Gewehr gelangt. Er hat sein Gesicht zu mir gedreht, vielleicht, weil er gemeint hat, ich will ihm helfen. Der Atem ist ihm kurz gegangen und er hat gelechzt, wie ein Hund, der Durst hat. „Ganz tot schießen! Ganz tot schießen!" hat er schnell hinter- einander gesagt und die Stimme ist ihm alleweil höher geworden. Ich habe mir gedacht, ich darf eS wohl nicht tun,.armer Teufel, und er hat mich erbarmt. Ich war aber froh, daß ich wieder schießen konnte; wenn man selber etwa? tut, gibt man nicht so Obacht, waS links und rechts geschieht. Die Offiziere sind aufgesprungen, und es ist daS Kommando „Vorwärts!" gekommen. Ihr Leute, das ist das härteste. Wenn man liegt und glaubt, man hat eine Deckung, und es müssen dann alle Mann in die Höhe und den Schutz verlassen. Man muß sich in der Gewalt haben und alle? tun, als wie von selber; das Denken und Ueberlegen darf einer nicht anfangen. Also ich bin aufgesprungen und vorwärts gelaufen, und ich bin an die Bäume gestoßen, und ich bin über die Wurzeln ge- stolpert. Geschrieen habe ich ganz furchtbar, als wenn ich damit den Feind verschrecken könnte. Wir sind an eine Straße gekommen, und ich habe vor mir einen Pack Franzosen gesehen. Von links sind Preuße» zu uns gekommen, und jetzt haben wir wieder teufelsmäßig geschossen. Mein Nebenmann ist ein Preuße gewesen; ich h abe ganz gut SevBÜKwltljcher Redakteur: Alfred Wiclepp, Neukölln. Für dea unterscheiden können, daß er schneller fertig war, weil die Metall- Patronen beim Laden nicht aufhalten, und weil sie herausfliegen, wenn man das Schloß aufreißt. Ich habe auch jetzt zum erstenmal gesehen, wie unsere Kugeln getroffen haben. Aber nicht lange, weil eS den Rauch niedergedrückt hat, denn es war nach dem Regen eine dämpfige Luft, und der Rauch hat nicht in die Höhe können. Ich weiß nicht, ist noch ein Feind vor unS gewesen oder nicht, aber auf einmal sind wir aus dem verdammten Wald heraus und haben vor uns daS freie Feld gesehen. Sakrament, da ist mir aber schon wohler gewesen, und ich bin gleich lustig geworden. Jetzt fehlt eS soweit nicht mehr, habe ich gedacht. Die Schlacht war gewonnen, und wir haben bei Lembach daS Biwak bezogen in einem großen Durcheinander, aber für die Ver- pflegung haben die Franzosen gesorgt, denn sie haben ihre Koch- geschirre zurückgelassen. Meine Kompagnie ist auf Wache zu den Gefangenen gekommen und da waren verwundete Turkos dabei. Einer hat mich angerufen und hat auf meine Feldflasche hin- gedutet, daß ich ihn trinken lassen soll. Ich habe es getan, und da hat er mich mit seinen kohlschwarzen Augen ganz dankbar an- geschaut und hat immer gesagt, ah Musfiö! Am Morgen haben die Turkos bei Sonnenaufgang ihre An- dacht verrichtet, und es war spaffig, weil sie sich auf und nieder gebückt haben. Sie sind aber bald forttransportiert worden. Der 7. August ist ein Sonntag gewesen, und wir haben noch am Platz bleiben müssen, weil viel Militär nachgerückt ist. Wer mögen hat, der hat das Schlachtfeld abgehen dürfen, aber ich habe mir schon am vorigen Tag genug gesehen. Links von der Straße haben bayrische Soldaten vier Gruben ausgeworfen, und dahinein sind die toten Kameraden gelegt worden; vielleicht zwanzig nebeneinander, dann hat man Kalk darauf ge- warfen und die zweite Schichte hinaufgelegt, auch wieder zwanzig Tote und so weiter, bis vier Reihen aufeinander gelegen sind, dann drei Schuh hoch Erde darauf, und fertig ist es gewesen. Währenddem ich dabei zuschaue, haben die Feldgendarmen ein paar Zivilisten daher gebracht, und es waren Bauern und ein Schullehrer dabei, dje haben verwundete Soldaten mißhandelt. Sie haben jeder seine eigene Grube einzeln graben müssen, und dann sind sie von rückwärts hinein gsschossen worden. Der Tag verging und abends kam ein Gewitter, und ich bin bis auf die Haut naß geworden, und in Schlamm und Morast bin ich gelegen. Am 8. August früh wurde aufgebrochen, und es ging im Regen vorwärts, und wir haben nicht einmal einen trockenen Stecken zum Feuer machen gehabt, wie wir in Bärnthal das Biwak bezogen haben. Den 9. August ging es weiter. Wir kamen in einen Ort, den Namen weiß ich nicht mehr, ins Quartier, mußten eS leider gleich wieder verlassen, weil zum Abmarschieren geblasen wurde. In dem anderen Dorf, wo wir sodann hinkamen, bin ich in der Kirche untergebracht worden, und mehrere Kameraden er- krankten von der kalten Luft. Es gab keinen Bissen zu essen, nicht einmal Brot.) Im ersten Ort, wo schon welsch geredet ist worden, da ging eS mir schlecht, denn ich kann kein Wort französisch, und ich brauche Waffer zum Abkochen. Ich kam in ein Haus und redete eine Frau um Waffer an und deutete aus meinen Feldkessel, aber da war kein Verstehen, bis mir die Geduld riß und ich zum fluchen anfing. Da kam ein Artillerieleutnant und fragte, was ich will, und er mußte lachen und redete welsch mit der Frau. Sie brachte gleich Wasser, und dann sagte der Leutnant zu mir, wir sind jetzt nicht mehr in Deutschland, das merkt Euch, Wasser heißt de Loh. Von diesem Biwak ging es fort über Luneville nach Nanzig, wo wir aber bloß durchzogen und nach Toul mußten, daß die Festung eingeschlossen wurde. Wir marschierten weiter bis Barleduc, und in diesem Ort haben wir den Namenstag von König Ludwig gefeiert, aber noch in der Nacht hieß es plötzlich auf! Es war der Marsch nach Sedan, und da haben wir marschieren müssen, daß einem jeden seine Füße gebrannt haben. Am 39. August ist das Gefecht bei Bcaumont gewesen, und wir müssen vorwärts, einen Wald durchsuchen. Es ging schnell in eine Talschlucht und wieder hinauf, und von ferne sahen wir, daß ein französisches Biwak überfallen wurde. Gegen Abend mußten wir dann vorrücken und bei einem Wald übernachten, und dursten aber kein Feuer anzünden. Am 31. August marschierten wir nach Remillh und als wir ein paar tausend Schritt entfernt waren, hören wir Gewehrfeuer, und hat auch schon eine Kugel den Georg Schefsler getroffen. Er schreit erbärmlich, weils ihm in den Bauch gegangen ist, und vor lauter Schmerz sangt er zum fluchen an, ein Sakrament nach dem andern, und beißt mit den Zähnen in den Boden. (Schluß folgt.). Lnseralentert veranlw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. KTerlagT Lorwärth Vttchdruckerci u. Verlagsanstalt Paul Singer u. Co., Berit«