»r. 176.- 1914. Unterhaltungsblatt öes vorwärts Sonntag, 6. Septklnber. Ms öem Knegsbuch eines tzirnwesens. Alfred K e r r gibt im Septemberheft der ..Neuen Rundsckmu" Gedanken zum Kriege. Wir teilen einige mit. ...Später kommt Verstimmendes. Ter Zar(dies arme Nichts) Aird geschmäht, weil die Regierung es erlaubt... Ich würde das jetzt nicht tun, wenn ich es vorher nicht gewagt hätte. Nachher: m die Ecke, Besen, Besen, scids gewesen. Tas Blut soll in Hitze kommen. Falsche Nachrichten; vergiftetes Wasser; gesprengte Tunnel— alles nicht wahr. Ein unhörbares„Ktz— kß!" In einem Kaffeehaus der letzte Spiegel zerlöpferch angeblich wegen der Russenhymne. Darum alles Eigentum de?(schuldlosen) Wirts in Scherben. Mancher freut sich, viehisch sein zu dürfen. » Vor Jofty. Etwas Furchtbares trägt sich zu, das ich sehe. Spionenjagd. In dem Bierhaus gegenüber sitzt ein preußischer Landwehrmajor, mit einer Dame. Etwas an den Tressen stimmt angeblich nicht. Er wird geholt, gelangt— mit einem einzigen Schrei, der über den Potsdamer Platz schwillt. Wollen ihn ohne Prüfung in Stücke reißen, wie ein Tier blutet der grauhaarige Mann, von Schutzleuten in ein Automobil geworfen, ein Leutnant zieht blank, springt hinauf, der Schutzmann kniet auf den: Ge- tesselten, die Frau blutig geschlagen, man ruft ihr zu:„Zicke! Schwein! Schncppc!", das Auto fährt im Schritt, dann rascher, die Menge hinten schlägt auf den Halbbcwußtloscn ein, der wie ein grauer Knäuel daliegt und abgeschlossen hat. Wird nachher als unschuldig entlassen wie vierundsechzig noch. In alledem ist Besorgnis um das Land— aber auch das Glück, Roheit zu tätigen. « � Viele werden bemerkbar, ohne daß man auf den Grund ihrer Seelen klettern darf. Noch im Orkan braucht eines Menschen Blick über Menschliches nicht hinwegzusehen. Ein lateinischer Mime, der mal einen Empfang beim Papst(aus Religiosität) er- reicht hat, benutzt einen Weltkrieg(aus Patriolismus), dem Krön- Prinzen zu telegraphieren. Auch sowas gehört. in die Sintflut... rer Publizist(mit mehr unechten Tönen, als es gibt) hat andren Kriegsschürcrn nachgetan, geht jetzt nicht mit in? Feld— und macht wöchentlich zur Hebung des Blatts an den Litfaßsäulen seit Kriegsbeginn Spesen. Zeppelin, welchem der Herr(fach- männisch-sicher) den Wert absprach, hat den klarsten Erfolg des Kriegs bis jetzt �geschafft: dies Novum, daß ein stark befestigter Platz ohne Belagerung zu nehmen ist... Fragen. Ter Zar ist ein Trottel; die Kriegspartei gab den Ausschlag. Wo stecken(in Rußland) die Segnungen der Monarchie? Oder: Staatskunst. War eS Weisheit, immer mit Rußland knüppeldick befreundet zu sein: damit es uns schließlich überfällt? �taatskunst der zugelassenen Kaste!(Dummköpfig, wenn einer Bismarck verhimmelt, ist cS, den Kaiser zu tadeln. Bismarck schuf diese Verfassung; der'Kaiser überschritt nie sein Recht.) Staatskunst einer Kaste hat aller Völker Wut wider uns ge- wandt. Wer aber hat Frankreich von der Niederlage(die, nach meiner Kenntnis, für sein Schwert im Schicksalsbuch verzeichnet 'st) zu retten getrachtet?. Wer hat es vielleicht gekonnt? Der hohe, fernblickende Jaüres... den ein Tier abschoß. . � JaureS,— ich faß in seinem Haus; habe seine Hand gedrückt; leine Reinheit und seine Erkenntnismacht(beides gehört zusammen) einmal gespürt.> Er war ein Vorläufermensch: in dieser Welt von Ausläufern. Sein Bildnis in die Walhalla der Einstigen. * Furchtbare Schäden des Inneren. Es hört jeder Versuch zur Gerechtigkeit auf. Wodurch allerdings etwa sechstausendjähriges Mühen, ja millionenjähriges Müben seit EntWickelung des Beuteldachses zu oer Gruppe Moses, Christus, Marx niedergetiert werden soll. . Nicht nur Muskelwesen: auch wir Hirnwesen sind, es ist wahr, in den tiefen furchtbaren Glanz dieser menschlichen Gipfelung (dieser unmenschlichen Gipfelung) hineingezogen. Hurra und patriotische Banalitäten haben wir gehaßt: aber was hat diese Zusammendrängung des Innersten damit zu tun? Etwas Riesenmähiges ergreift Besitz von uns; an tobender Kraft ollem verwandt, was mit letzten Dingen zusammenhängt; mit Leben und Sterben. Welche falsche Hochachtung davor!... „Ein großes Gefühl"... Auch ein Schiffbruch gibt ein große? Gefühl. Ter Weltuntergang erst recht. Zweck der hiesigen Tinge scheint mir nicht Schiffbruch noch Weltuntergang. * Wir sollen unser Auge nicht hindern auf das Wesen teuerster Werte zu achten. Eines vorläufigen Zustandes bewußt zu bleiben. Eines erzwungenen Mißgeschicks. Unter den furchtbarsten Schrecken ist jenes innere Fortgelcnkt- werden: daS Zuzcrstreutscin für Menschenarbeit. * Wir sind, noch im Schmerz, Wissende. Wohltuend sticht es ab, wenn ein Regierender heule sagt:„Was unsere Väter erworben haben...", während er sonst sagen würde:„Was Meine erlauchten Ahnen erworben haben"; es ist schön, daß er jetzt anders spricht. Aber dazu brauchte man keinen Krieg; keine Apokalypse: das müßte ja in währender Friedcnsdauer so sein. Es ist ja der ge° gebcnc Zustand. Kinder, Kinder! Ich selbst fühle manchmal so:„Mit einem Schlag erwuchs eine große Gemeinsamkeit..." Nicht wahr? man hört es allenthalben: „Die Standesuntcrschiedc werden weggewischt". Ich freue mich dessen auch, doch bei schärferem Zusehen scheint es mir seltsam, daß nur bei Furcht und gemeinsamer Schrecknis der Höhere zum Untcngchaltciren sagt:„Lieber, ein Bruderpaar sind wir, komm..." Der Kriegsweet öer Lustflotte. Es ist das erstemal, daß in einem großen Kriege zwischen den ersten Kriegsmächten der Welt die Luftflotte in größcrem Maßstabe in Tätigkeit tritt. Kein Wunder, daß alle Welt gespannt darauf ist, welche Erfolge und Lehren der„Luftkrieg" in diesem gigantischen Ringen bringen wird. Denn die Benutzung von lenk- baren Lustschiffen und Flugmaschinen während des Tripolisfeld- zuges und des Balkankricges geschah nur in so winzigem Maß- stabe, daß sich daraus allgemeinere und endgültige Schlüsse für Wert oder Unwert der Luftflotte nicht ziehen ließen. Diesmal ist eS anders, denn gerade die Militärstaaten, die sich in dem zurzeit tobenden Weltkriege gegenüberstehen, haben in den letzten Jahren ungeheure Summen für die Schaffung einer Luftflotte ausgegeben und in zahlreichen Manövern und Felddienstübungen die Ver- wendbarkeit dieser neuesten Kriegswaffe zu erproben versucht. Wenn trotzdem nur äußerst wenig über die Tätigkeit der verschie- denen Luftgeschwadcr an die Oeffentlichkeit gedrungen ist. so ist das wohl in der Hauptsache dem überall mit eiserner Konsequenz durch- geführten System der Geheimhaltung aller kriegerischen Opera- Honen zuzuschreiben, von deren Bekanntwerden man auch nur im entferntesten eine schädigende Enthüllung seiner strategischen Ab- sichten und Aussichten befürchten zu können glaubt. Erst in einem späteren Stadium des Krieges oder vielleicht erst nach dessen Beendigung werden wir Genaueres über die Leistungen der Luftflotte erfahren. Bislang hörten wir nur aus inoffizieller Quelle, aus den Berichten ausländischer Korrespon- denten oder aus den Meldungen österreichischer Kriegsbericht- erstatter, daß Luftschiffe und Flugzeuge bei dem Erkundungsdicnst wesentliche Dienste geleistet hätten. So schrieb der Korrespondent der„Times", daß die. deutschen Armeen in Belgien und Nord- frankreich durch ihre Luftschiffe und Flieger ausgezeichnet über die Bewegung der feindlichen Truppenteile informiert worden seien, und die Berichte aus dem österreichischen Hauptlager rühmen nicht minder den ausgezeichneten Erkundungsdienst der Luftschiffe und Flugmaschinen. Angesichts der Schweigsamkeit der amtlichen Stellen über die bisherige Kriegstätigkeit der Luftflotte ist eS deshalb interessant, auf die Urteile zurückzugreifen, die in der militärischen Presse kurz vor Ausbruch des Krieges über die Verwendbarkeit der Luftschiffe und Flugzeuge abgegeben worden sind. Von besonderem Interesse erscheinen uns die Ansichten, die daS„Militör-Wochenblatt" im Mai und Juni d. I. über die vermutlichen KriegSleistungen der Luftfahrzeuge veröffentlicht hat. Sie beschränken sich zwar im wesentlichen auf die Inhaltsangabe eines Artikels des französischen Hauptmanns Blaise in dem„Journal des sciences militaires", lassen aber durch kurze Randbemerkungien auch die Auffassungen des referierenden deutschen Offiziers erkennen. Hauptmann Blaise glaubt zunächst, daß die Aufklärung aus der Luft für die Sicherung einer Armee im Zu stände der Ruhe wie auf dem Marsche unter Umständen eine gewisse Erleichterung bedeuten könne. Allerdings sei diese Sicherung durch den Wachtdienst der Luftfahrzeuge nur eine relative, da das Funktionieren dieses für die Schonung der Streitkräfte wichtigen Tienstes ja von Wind und Wetter abhängig sei. außerdem auch in der Zahl der für den Beobachtungsdienst vor»' handcncn Luftfahrzeuge seine Grenze finde. Für eine Begeg- ii u n g s s ch l a ch t dagegen, für den Zusammenstoß gegnerischer Armeekorps könne das neue Äufklärungsmittel wohl nur selten mit Nutzen verwendet werden, da hier alles auf rasche Eni- s ch e i d u n g ankomme und der hierzu erforderliche Nachrichten- dienst durch Luftfahrzeuge noch zu langsam und unzuverlässig funk- tionicce. Tenu die Möglichkeit, sich genau über die Stärke und die Manöver der in der Schlacht angesetzten feindlichen Streitkräfte zu informieren und diese Informationen mit der gebotenen Be- schleunigung an die leitenden Hccresstcllen weiterzugeben, sei zur- zeit noch eine allzu geringe, Tas wichtigste über den Ver- lauf und die taktischen Gebote der Schlacht erfahre man nach wie vor durch die Schlacht selb st. Immerhin glaubt Hauptmann Blaise, daß da? Fuftfahrzeug für den Artilleriekampf eine entscheidende Rolle spielen könne. Der„Artillerieflieger" vermöge mit unbedingter Sicher- heit die Feuerwirkung gegen die feindliche Artillerie festzustellen, hinter welche Ansicht das„Militär-Wochenblatt" allerdings ein Fragezeichen setzt. Visher war man nach Hauptmann Blaise den verhängnisvollsten Täuschungen über die Wirkung des gegen feindliche Artillerie gerichteten ArtillcricfeiierS ausgesetzt, da das Schweigen der gegnerischen Artillerie, das man auf erfolg- reiche Niederkämpfung zurückführte, sich manchmal nur als t a k t i- fchcs Manöver entpuppte. DaS habe dann bei der Durch- führung des Angriffs zu den verdrießlichsten Ueberraschnngen führen können. Sehr wertvoll könne die Beobachtung durch Luftfahrzeuge auch für die aus den Flügeln fechtenden Armeekorps sein. Tas sei besonders wichtig gegenüber taktischen Manövern nach dem Type allemandc, den von der deutschen Strategie beliebten U m f a s- sung»Manövern. Auf diese könne man sich dank den Beob- achtungen der Luftflotte einrichten. Wozu wiederum der deutsche Referent die Anmerkung macht, daß es doch auch darauf ankomme, ob der von der Umfassung Bedrohte die als notwendig erkannten Abwehrmaßregeln treffen könne. Die Möglichkeit der Um- fassungsmanöver gibt denn auch Blaise zu, soweit sie mit e n t» sprechender Schnelligkeit und angemessener Stärke ausgeführt würden.* Aus ein wichtiges Moment aber weist Blaise vor allem hin. Die vorbereitende Aufklärungsarbeit der Luftflotte gestatte nun- mehr dem höchsten Schlachtenleiter wieder die großzügige und weit- ausholende Durchführung der Schlacht. Ter Oberbefehlshaber könne nun wieder nach einem allgemeinen Opcrationsplan vor- gehen, vorausgesetzt, daß er rasch und energisch zu disponieren ver- stehe. Vielleicht liefert gerade der gegenwärtige Krieg«ine Be- stätigung dieser Theorie! Eingehend behandelt Hauptmann Blaise dann die natürlichen, hauptsächlich in den atmosphärischen Verhältnissen liegenden Schwie- rigkeiten der Erkundung aus der Luft. Der schlimmste Feind der Aufklärung vom Lcnkballon und der Flugmaschine aus seien un- sichtiges Wetter, niedrig hängende Wolken und Nebel. Allerdings könne ein erkundender Flieger sich dem zu erkundenden Feind unter Umbänden auch in geringer Höhe nähern, um sich dann vor der Beschießung in die deckenden Tunstschichten zu retten. Aber das erschwere auch seine Beobachtung. Ucberdies erschwerten Wolken und Nebel auch die Orientierung überhaupt, die bei klarem Wetter für den geübten Flieger keineswegs schwierig sei, da Wälder, Eisen- bahnlinien und namentlich Flüss« die Orientierung nach der Karte ungemein erleichterten. Als erschwerendes Moment für die Luft- erkundung komme vor allen Dingen auch das von weitem alar- mierende Geräusch des Motors in Frage. Besitze man erst einmal Flugmotoren von der annähernden Geräuschlosigkeit der Automobil- motoren, so werde das eine ungemeine Erleichterung der Ertun- dung aus der Luft bedeuten. Wenig hält Hauptmann Blaise von den künstlichen Berheim- lichungsmitteln gegenüber der Lufterkniiduiig durch Hinlegen, Marsch durch die Straßengräben usw. Handele es sich für den Flieger doch nicht um die Ermittelung kleiner Truppcnkörper wie von Bataillonen und Regimentern, sondern um die nicht leicht zu verbergenden Bewegungen von Divisionen und Armeekorps. Wich» tiger schon sei, so große Anmarschlinien durch die Wahl gedeckten Mutter Warnken. Von P a n. Mutter Warnken kommt im Sommer täglich in unseren Ort. J'it zwei Körben voll Gemüse, die sie an einem Riemen über der ucken Achsel trägt. In der Rechten hält sie noch ein besonderes 'orbchen; darin sind Blaubeeren, Pilze, Waldhimbeeren oder sonst eine Frucht, die man im Forst erntet. Der Erlös aus diesem Körbchen verursacht Mutter Warnkeu 'miner eine besondere Freude.„Tat iS funnen." sagt sie— ge- k en' eigentliche Arbeit steckt in dem Gemüse, das sie in yrem dörflichen Garten baut. Die Pilze und Beeren nimmt sie so «-Uaustg aus dem Walde mit, wenn sie sich auf ihrem langen Wege »Das Mehrste muß verfulen," behauptet sie.„Es kummt ja kein Mensch nich da lang. Jammer und schad' l" ...Und sie schüttelt ihren dürren Vogclkopf mit dem grauen, dünn» urahnjgen Haar und bedauert, nicht noch mehr tragen zu können. »Zwei Händen Hab' ich man bloß." Diese Hände bestehen aus Knochen, Sehnen und faltiger Haut, uf der dicke Adern hervortreten; sie sind so trocken, so dürr, wie aä Kauze Weibchen. v-.-."'t" Warnken ist sechsundsiebzig Jahre alt; seit mehr als „j'B'K Jahren kommt sie mit ihren Körben in unseren Ort. Mit Hen Körben ist sie so zu sagen verwachsen. Rücken und Achsel tm» r Uch unter ihrer Last krumm und schief gezogen, der Körper das ra-.e'nen neuc" GleichgewichtSpunkt suchen müssen, und so steht Gesicht in beinahe horizontaler Linie über dem Erdboden. |?�Wns um sieben Uhr ist Mutter Warnken mit ihren Körben ii+i Dann hat sie einen Weg von gut zwei Stunden hinter ae' � Nuheansenthalr und die Zeit des BeerenpflückenS nicht mit- mtüm et- Zuweilen darf sie auf einem Wagen mit aufsitzen, der hi f,®C9?ährt. Aber meistens tragen sie nur ihre Füße krher und tragen sie am Nachmittag wieder nach Hause. „Denn feul'(fühle) ich das aberst auch und schlap' warraftig '"onchnwl aus'n Stuhl in." S!„ Uer Warnken erzählt gern; es ist nicht leicht zu verstehen. tT;. wngt.mil einer Art Hochdeutsch an, gerät dann ins Platt und iv.lcht jchiießlich so breit, daß man die Hälfte erraten muß. 'n T0"'h!:cm Manne erzählt sie, der achtzig Jahre alt is.„He is itn"» k �'r'' Q�etft die Augen kann he mch aushalten." Er sitzt [Q �bnstuhl und schläft. Von ihren Töchtern gibt sie Kunde, die vor beri!*" schon in Dienst gegangen sind, sich in der Fremde ryeiralet haben und nun nichts mehr von sich hören lassen. Bon ihren Söhnen erzählt sie, deren einer ein Maurer ist, während der andere sich aus einer eigenen kleinen Scholle abplagt. „WaS mein Flitzing is, de will ja nu endlich frigen(heiraten)," erzählte sie anfangs dieses Sommers und meinte den Maurer.„He hat sich jüminers noch besunnen, he wnll ja woll ganz was Be- soiinereS hewwcn." Sic lachte verschmitzt dabei.„EL is'n forsches Mädchen, he ja. Un Knaken(Knochen) het se, da bün ich ja woll n reines Kind gegen. Die hebt mir auf wie'ne Puppe. Die Körbe hier, über und über voll, sind gar nix für sie." „Danir ist dies wohl der letzte Sommer, daß Sie mit den Körben koiwuen?" Mutter Warnken nickt glückselig.„Das macht ja denn meine Schwiegertochter. Nich, daß ich feiern will. I Gott bewohr'! Ich arbeit' zu Hans rum und tu die Kinder betreuen, wenn welche kommen. Gewiß kommen welche. Und ich freu mir drauf." Sie lacht und wischt sich die Augen.„Ganz bannig freu ich mir!"... Zunächst aber lud Mutter Warnken sich noch mehr als vorher auf, pflückte noch eifriger im Walde. „De Winter is lang", sagte sie.„Nu in'n Harwst is Hochtied. Da willn wi uns ok nich lumpen laten!" Nun aber war der große Krieg gekommen. Ueber Nacht. Ganz plötzlich wie ein jäher, schwerer Hagelschauer. Es donnerte an die Türen der brausenden, lebendigen Stadt und klopfte an die Tore der einsamsten, schläfrigsten Dörfer. In jedeö Hans drang seine rauhe Stimme, in jede Kammer, in Werkstati, Scheune und Stall. Und alles horchte auf. legte das Handwerksgerät hin, lehnte Forke und Harke in die Ecke�ind griff zu vernichtenden Waffen. Auch Mutter Warnkens Söhne. Der Bauer nahm die Lanze zur Hand, der Maurer die Flinte. Sogar Vater Warnken wachte in seinem Lehnstuhl auf und blickte seit Jahren wieder einmal mit großen, erstaunten Augen um sich. Mutter Warnken seufzte, drückte ihren Söhnen mit zitternden Fingern die Hände und buckelte sich ihre Körbe auf. Nach wie vor. Tag für Tag. „Wal helph't?" Sie blickte die Kunden mit ihren alten, glänz« losen Augen rotlos an.„Dat iS kommandeerr. Und wat komman- deert is, muß ja woll fien." Aber warum kauften die Kunden nun so wenig? Sie ließ den Riemen mit den Körben vor allen Türen von der krummen Achsel gleiten, wie bisher. Sie bor ihre gute Ware an, wie bisher. Aber öfter und öfter mußte sie die Last unvermindert aufnehmen. Hier war der Vater ins Feld, dprt die Söhne. Und in mancher Familie gab es überhaupt keine männlichen Esser mehr. Die Frauen zuckten bedauernd die Achsel:„Man mutz sich ein- richten, Frau Warnken!" „Jo, io." Sie begriff es. Und schleppte die Last weiter. Sah am Nachmittage noch ein, zwei Stunden zu. Und nahm doch noch einen Teil des Mitgebrachten mit nach Hause. Nun war Mutter Warnken einige Tage ausgeblieben. Man wunderte sich. Etwa so, wie wenn eine Uhr, die jahrein, jahraus ihren regelrechten Gang geht, ohne erkennbare Ursache aussetzt. Gestern war sie wieder da. Wie immer: mit den zwei Körben am Riemen und dem kleinen Körbchen in der rechten Hand. Nur etwas krummer noch als sonst und still, ganz still. „Mi wör nich recht— sagte sie nur und bückte sich, um einen Kohlkopf herauszunehmen. Und drehte sich um und wischte sich mit dem Schürzenzipfel die Augen. „Ist etwas passiert, Frau Warnken?" Sie nickt:„Mein Flitzing—", schluchzt. „Gefallen? Tot?" „Ja." Zwei trübe, nasse Augen blicken ratlos und verzweifelt auf. Ueber das alte, dürre Numpelqesicht läuft daS helle Waffer. „He wnll doch fliegen in Harwst." „Ja..., ja... „Un ick wnll to Hus bliewen.. „Ja.... ja..." „Wnll leiwe kinnerkens üm mi hewwen...* „Ja.. ja.. Sie schüttelt den Kopf mit dem grauen, dünnsträhnigen Haar, schüttelt ihn immer wieder und trocknet sich mit dem Schürzenzipfel die Augen. Greift dann nach Riemen und Körben und lacht kurz und trocken auf:„Hüb, du ol Perd! Jümmcr hllh! De Winter is lang und Badding will eien un slapen! De jung iünd un frisch, de möten slarwcn, de aberst all halwdot op düsse Erd' herümkrupen (herumkriechen), de bliewen leben. Ick verstah dat nich. Ick verstah dat nich." Der alte graue Kopf wackelt. Steif und lrumm setzt sie sich in Gang. Und wendet sich im Geben noch einmal:„Ick kam wedder... nächsten Sommer... un vbernächsien... un— wat wet ick I... War helpl dat allns!" Mit einem tiefen Seufzer:»Wat helpt dat allns, .©elänbcS, die Wahl der Nachtzeit oder den Marsch durch nebek> erfüllte Täler zu verschleiern. Ter deutsche Berichterstatter wirft freilich demgegenüber die berechtigte Frage auf, ob die strategische Lage solche Vorsichtsmaßregeln im Ernstfalle allzu häufig gestatten werde. In einem früheren Artikel des„Militär-Wochcnblattes" lvom Dezember 1913) wurde bereits die Frage der Verwundbarkeit der Luftfahrzeuge behandelt. In großer Höhe, so wurde hier ausge- � führt, sei das Jnsanteriefeuer den Flugzeugen sowohl wie den Lenkballons nicht allzu gefährlich, da nur ein Treffer gegen den Propeller oder Benzinbchältcr verderblich werde. Lenkballons könne dagegen schon ein einziger Trefter mit einem Zündgeschoß gefähr- lich werden. Da wir die Verluste der Luftflotten und ihre Ursachen einstweilen nicht kennen, wird es erst späteren Feststellungen vor- behalten bleiben, über diese Frage Klarheit zu verbreiten. Im allgemeinen scheint die Gefährdung der Luftfahrzeuge durch Bc- schießung vom Boden keine allzu große zu sein. Jedenfalls hat sich die Auffassung keineswegs bestätigt, daß bereits einige Wochen nach Kriegsausbruch überhaupt keine Luftflotte mehr existieren wepde. Kleines Feuilleton. Slutöurst. Im„Kleinen Journal" betet nun auch ein Landsturmmann. Auch er ist nicht mit der Fernhaltung der Feinde zufrieden. Denn da kann er ja nicht töten! Also bittet er den„Herrgott im Himmel" flehentlich um Feinde. Ein netter Patriot! Ja, er will uns sogar die Japcmer auf den Hals ziehen: „Herr, auch die Japaner herübersende, Damit ich den Kerls dann in Gottes Namen Mit dem Kolben den Schädel zerschlage!— Amen!" Daß dieser wertvolle Mitbürger den deutschen Namen Kozuszek trägt, sei noch hinzugefügt. Aber was sollen wir vom„Kleinen Journal" erwarten, wenn wir im„Wahren Jakob" lesen: Witze solchen Kalibers kann man in einem sozialdemokratischen Blatte nur mit einem Gefühl lesen, das das gerade Gegenteil von Heiterkeit ist. „Wenn ich wiederkomm', Justc, darfst« mir nur noch Poincare- schnitzet mit Nikolaustunkc vorsetzen! Auf was anderes Hab' ich keinen Appetit mehr!* öerichtigung. Herr Rechtsanwalt Artur Wolff sendet uns folgendes: „Ick kenne keine Parteien'mehr." Unter dieser Spitzmarke brachte der„Vorwärts" vom 2. September 1914 eine Notiz aus dem„Neuen Weg", in der dem Grafen von Hülsen-Häseler vorge- warfen wurde, er kehre in den Beziehungen zu der„Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger" den schroffen Parteistandpunkt her- aus, Kabe entsprechend seinem früheren Verhalten den Mitgliedern der Königlichen Theater die Mitwirkung an Darbietungen der Genossenschaft, obwohl diese sich an den Grafen durch einen Vcr- trauensmann ehrerbietig gewandt habe, verboten, dagegen zahlreichen Mitgliedern die Mitwirkung an anderen Veranstaltungen erlaubt. Tie in dieser Notiz aufgestellten Behauptungen sind sämtlich unwahr. 1. ES ist unwahr, daß die„Genossenschaft deutscher Bühnen- ungehöriger" sich an den Grafen Hülsen durch einen Vertrauens- mann gewandt har. Lediglich der Regisseur Carl Schönfeld hat sich in dem abschriftlich beigefügten, am Schlachtensee datierten Schreiben an den Grafen Hülsen gewandt, das mit keiner Silbe verriet oder erkennen ließ, daß Herr Carl Schönfeld als Ver- trauensmann der Genossenschaft fungieren will. Herr Carl Schön- fcld hat heule den abschriftlich beigefügten Brief an den Grasen Hülsen gerichtet, aus dem zur Geniige hervorgeht, daß Herr Schön- seid gar nicht Genossenschafter ist, sich außerdem persönlich an den Grasen Hülfen gewandt hat. 2. ES ist unwahr, daß Grai Hülsen früher Mitgliedern der Königlichen Theater die Mitwirkung in den Veranstaltungen der Genossenschaft verboten hat. Gerade das Gegenteil ist der Fall. Es mag darauf hingewiesen werden, daß gerade die ersten Kräfte der Lper, wie Herr Jadlowkcr, die Hauptstützen aller genossen- schaftlichcn Wohltätigkeitsveranstaltungen gewesen ist. 3. Es ist unwahr, daß Graf Hülsen zahlreichen seiner Mit- glicder die Mitwirkung bei gleichartigen Veranstaltungen gestattet hat. Graf Hülsen wird die Mitglieder der Königlichen Theater, die sich dazu erboten haben, allerdings in dem von dem Verein für Volksunterhaltung in Gemeinschaft mit Herrn Generalintendanten veranstalteten Volkskunstabende heranziehen. veutschtümler. In der„Tägl. Rundsch." wettert der Vorsitzende des Allge- meinen Deutschen Sprachvereins, mit dem schönen französischen Namen Sarrazin, gegen die Fremdwörter.„Hinweg mit der öden, fast- und. blutlosen Weltbürgerci!" Und zehn Zeilen weiter empfiehlt dieselbe„Tägl. Rundsch." den Aufruf eines Vertreters der Blumengeschäfte, der„ja stets gegen internationales A e st h e t e n t u m" eingetreten sei. Hilf, Sarrazin! Tags darauf entschlüpft demselben Blatte, da es die Ueber- setzung von„Petersburg" in„Petrograd" bespöttelt, folgendes: „Tie Lehnwörter beweisen stets Kultureinfluß, und der ist es ja gerade, von dem man nichts mehr hören will." Aha! Sollt« das nur für Rußland gelten? Warum empört man sich denn so gegen die Fremdwörter im Deutschen? Denn die Lehn- Wörter sind auch nur Fremdwörter, bloß bejahrte, eingewurzelte, eingedeutschte. Und das Einwurzeln und Eindeutschen der Fremde Wörter wollen die wunderlichen Heiligen vom„Allgemeinen Deut- schcn Sprachverein" ja gerade verhindern. Wo bleibt da die „Logik"? Aber dieses Fremdwort ist den Leuten natürlich so zu- wider, daß sie es sich prinzipi... will sagen: grundsätzlich vom Leibe halten. Oder wollen auch sie vom„Kultureinfluß" nichts wissen?.___ Sabotage. Das Wort ist französisch, aber die Sache beginnt, deutsch zu werden. Karl Hans strobl, ein nicht unbekannter Autor, wendet sich in der„Tägl. Rundsch." inatürlich!) an die deutschen Schriftsteller, sie sollten einen„Nationa lbund deutscher Kritiker" gründen: „Mit dem Beitrit zu diesem Bunde verpflichtet sich der Schrift- steller ehrenwörtlich, künftighin keine Uebersetzung literarischer