Nr. 188.- 1914. Unterhaltungsblatt öes Vorwärts Aovvtag, LS. September. Deutsihe Gelehrte und englifihe würben. > Mit einem Protest von Geheimrat Wilhelm Förster fing leS an. Er schrieb am 22. August im„83. T.": „Unter der Ueberschrift„Der Wille zum Siege aus heiligem Zorn" wird im„Tag" vom 7. August durch Herrn Generalmajor Keim mit erhebenden Worten die gegenwärtige kriegerische Ein- mütigkeit Deutschlands gefeiert. Soll aber diese Einmütigkeit bis zu dem Endziel eines die Kultur des Erdenlebens wahrhaft fordernden SiegeserfolgcS� er- halten bleiben, so wird es jedenfalls erforderlich sein, auch unserm Zorn den„heiligen" Charakter, das heißt den Charakter jener Seelengröße zu wahren, die wir so gern und mit soviel Recht als wahrhaft deutsche Kultur rühmen. Der Schreiber dieser Zeilen würde selber gegen die von Deutschland ersehnte politische Weisheit sündigen, wenn er ,n diesem Augenblick auf die von ihm(bisher auch an mehreren Stellen im„Tag") vertretenen Mahnungen gegen Verhetzungen der Völker generell zurückkäme.„Der Mensch denkt und Gott lenkt" ist ein Spruch tiefster Resignation, aber zugleich ein Appell an die reinsten Höhen menschlicher Zuversicht. Diese Zuversicht aber verträgt sich nicht mit irgend- einem Ausdrucke tödlichen Hassen?, auch im kriegerischen Kampfe. Für eine gegnerische Nation das Zitat, sie sei ein Gemisch von Affe und Tiger, als zutreffend anzuerkennen, ist doch höchst bc° dauerlich. Ebenso ist der Ausspruch des vorgenannten Herrn Generalmajors, daß sich unser Zorn gegen England in vollkommen gerechtfertigten ewigen Haß umwandeln werde, gewiß nicht mehr als heiliger Zorn zu bezeichnen. Solche Gewalttaten in Worten, wie sie auch in den letzten Jahren mehrfach die raffinierteste Ver- hetzung gegen Deutschland in den Nachbarländern hervorgerufen haben, sollten doch jetzt unterlassen werden, wo unser ganzes Volk sich des Rechtes und der Würde gemeinsamer Erfüllung der Notwchrpflicht bewußt, aber doch auch von tiefem Mitgefühl gegen die einzelnen Menschen der gegnerischen Völker erfüllt ist." Dann kamen, trotzalledem, die berüchtigten„Verzichte" auf englische und sonstige„Auszeichnungen", die_ jetzt plötzlich als Schande empfunden wurden. Wieder schrieb Förster, am 1l. Sep- tember: „Es würde sicherlich nicht schlver sein, eine Anzahl von unter- schriftcn zu sammeln für eine Erklärung, in der ein anderer Standpunkt vertreten würde als in den durch Herrn Professor I. Schwalbe veröffentlichten Vcrzichtleistungen. Da der Unterzeichnete aber nicht in der Lage ist, sich der Sammlung von Unter- fchriften für eine solche Entgegnung zu widmen, so möchte er wenigstens für seine Person, als Ehrendoktor der Universität Oxford, sich lebhaft gegen jene« Borgehen verwahren, tu der Hoffnung, daß gerade in so furchtbar bewegter Zeit mitunter auch eine einzelne Stimme sänftigende Wirkungen hervorrufen kann. Es handelt sich doch um den Anteil, welchen die Gelehrtenwelt eines Staates auch an der sozialen und politischen Lenkung seiner Ge- schicke beanspruchen darf und soll. Nun wird in der vorliegenden Verzichterklärung betont, wir seien uns wohl bewußt, daß hoch- bedeutende englische Gelehrte, mit denen die deutsche Wissenschaft in fruchtbarer Arbeit jahrelang verbunden war, gegen diesen frevelhaft begonnenen Krieg gesinnt sind und gegen ihn gesprochen haben. Und das. sind doch im wesentlichen die Männer, von denen diejenigen Ehreherweisungen für die deutschen Gelehrten aus- gegangen sind, die wir ihnen jetzt vor die Füße werfen wollen. Die deutsche Gelehrtenwelt ist zurzeit in der beglückenden Lage, daß sie mit den anderen Lebenskreisen unseres Vaterlandes in betreff deS Krieges und der nächsten Zukunft völlig einmütig denkt und wirkt. Die englische Gelehrtenwelt ist offenl>ar nicht in derselben Lage in betreff der Politik ihre« Vaterlandes. Ist es nun nicht durchaus unweise, dieser unS so nahe verwandten und so sputpathischen Gelehrtenwelt jetzt auf Grund der wirklich bösen Politik ihres Landes, an der sie aber keine entscheidende Schuld trägt, eine scharfe Trennung auszusprechen, anstatt den englischen Freunden einen kräftigen Appell zu einer wirksameren Treue der Gemeinschaft in die Seele a« rufen? ES ist doch wohl ein Gesetz der Menschennatur, daß sie durch einen solchen Appell viel macht- voller und nachhaltiger in ihren Entschließungen bestimmt wird, als durch die Augenblickswirkungen einer übermäßig verallge- meinerten Erbitterung. Möchten doch die Freunde da drüben sich über die Erbebung Deutschlands nicht täuschen lassen, und möchten sie doch endlich ihrem Volke zu einer wirklichen Kulturpolitik ver- helfen an Stelle der noch immer überwiegenden schnöden Interessen- Politik." Darauf sprang einer der Hauptmacher in chauvinistischer Be° geisterung auf den Platt, Rudolf E u ck e n. Er schrieb am 14. Sep- tember u. a.: „UnS stellt sich zunächst der Tatbestand wesentlich ander? dar. Einige englische Gelehrte— meines Wissen« sind es sechs _ haben ihrer Hochschätzung der deutschen Kultur und ihrer Ab- neigung gegen den Krieg offenen Ausdruck gegeben. Ehre und Dank diesen mutigen Männern! Aber diese sechs Männer, so bc- deutend jeder einzelne von ihnen ist, sind nicht die englische Ge- lehrtenivelt, sie vertreten nicht die englischen Universitäten, chaß sie nur eine Ausnahme bilden, zeigt mit voller Deutlichkeit die Tatsache, daß im englischen Parlament, unter dessen 670 Mitgliedern sich sicherlich eine Anzahl von Gelehrten befindet, nicht ein einziger Gelehrter für den Frieden eingetreten ist, fondern daß dies einem Führer der Arbeiterpartei vorbehalten blieb. ES ist auch unwahrscheinlich genug, daß die englischen Universitäten, welche weit mehr nationale Bildungsstätten als wissenschaftliche Anstalten sind, die im besonderen die Pflanzschulen der Staats- männcr bilden, sich von ihrem Volk trennen. Kurz, wir haben nicht den mindesten Anlaß, das Ganze der englischen Gelehrtenwelt als deutschfreundlich zu betrachten. Ferner aber ist es die eigentümliche Art des gegenwärtigen Krieges, aus der wir unser Verfahren begründen. Wäre es ein gewöhnlicher Krieg, eine Verfeindung über einzelne strittige Fragen, ein ritterlicher Waffengang, der die gegenseitige Achtung nicht mindert, so hätte die Mahnung an die Gelehrten, sich nicht zu sehr zu erhitzen und die innere Gemeinschaft der Arbeit zu loahren, gewiß ein gutes Recht. Aber der heutige Krieg ist wesent- lich anderer Art. England hat mit höchst bedenklichen Mittclii die halbe Welt gegen uns in den Krieg gehetzt— auch Rußland hätte, wie wir jetzt sehen, ohne England vielleicht nicht den Krieg begonnen—> und in diesem Kriege will eS nicht nur unseren Handel und Wohlstand vernichten, es will uns unsere gesamte politische Stellung, unsere nationale Selbständigkeit rauben: eS ist heute, wie oft ausgesprochen ward, für uns ein Kampf um Sein oder Nichtsein! Und daß in einem solchen Kampfe der Gelehrte beiseite stehen und Würden eines Volkes Iveitertrage, das darauf ausgeht, uns zu vernichten, daS dünkt vielen deutschen Gelehrten schlechterdings unerträglich. Friedfertigkeit und Sänftmut sind herrliche Dinge, aber nur an der rechten Stelle; heute, wo alles für uns Deutsche auf dem Spiele steht, sind andere Gesinnungen nötig, heute haben wir uns zum Worte Platos zu bekennen, daß sich ohne einen edlen Zweck nichts Großes verrichten läßt. Denn wahrlich haben wir heute Großes und Schwere? zu verrichten." Gleichzeitig wandte sich Professor K o h l e r gegen Foerster, der die große und wirkliche Neuigkeit verkündete, daß die deutschen Gelehrten stets verlangt hätten, sie müßten gegen alle und jeden stets für ihre Ueberzeugung einstehen: „Die Aeußcrung deS Kollegen Foerster möchte ich nicht ohne eine gründliche Erwiderung lassen, um den Schein zu vermeiden, als ob es sich hier um eine bloße unbedeutende Ansichtssache handele, über die wir als Ansichtssache einfach hinweggehen könnten. Er macht geltend, daß englische Gelehrte wohl mit der Politik ihrer Regierung nicht einverstanden feien, und eS klingt aus seiner Darstellung heraus, als ob hier eine Art von Tragik jener englischen Männer vorliege, für welche wir ein Verständnis haben sollten. Allein wir deutschen Gelehrten haben stets verlangt, daß der Gelehrte nicht nur Denker und Schöpfer ist, sondern daß er auch gegen allö und jeden stets mannhaft für feine Ueberzeugung ein- stehen müsse. Das ist unser freudiger Stolz. Wenn daher jene englischen Gelehrten die Schmach ihrer Regierung nicht b i l l i- gen, wenn sie in ihrem Innern erkennen, wie faul ihre Politik und wie ungeheuerlich das Gebaren gegen Deutschland ist, warum rübren sie sich nicht? Vor de»! Krieg hat eine kleine Anzahl und nicht eben der bedeutendsten Gelehrten sich ausgesprochen; warum ist ihr Mund seither verstummt? Und nachdem die große deutsche Nation, aus der die gewaltigsten Denker und erhabensten Künstler hervorgegangen sind, von den englischen Preßorganen in der niederträchtigste» Weise verleum- det worden ist, hat sich da auch nur einer dieser Gelehrte» ge- rührt, um für daS Deutschland einzutreten, dem er doch daS Beste seiner Bildung zu verdanken hat? Rein. Man mußte schon zu den Jrländern in Amerika gehen, um Verständnis dafür zu finden, daß man eine Nation, die an der Spitze der Geisteskultur steht, nicht verlästern darf. Sodann scheint Foerster vollkommen zu übersehen, daß die englischen Universitäten auch bedeutsam an der Politik beteiligt sind. Die englischen Universitäten wählen Mitglieder in das Parlament, �aben diese Mitglieder gegen den Krieg g est i m in t? Nein. Der Krieg wurde mit allen gegen eine Stimme beschlossen. Haben ihre Auftraggeber, die Universitäten, nachträglich dagegen Protest erhoben und erklärt, daß diese fluch- würdige Abstimmung gegen ihre Intention sei? Antwort: Nein. Die englischen Universitäten und damit die englische Gelehrten- weit tragen deswegen einen Teil der Schuld des Krieges mit. Wenn wir daher erklären, daß wir mit Persönlichkeiten, die auf solche Weise sich nicht gescheut haben, die Gehilfen einer Re- gierung zu sein, welche sich zum Henker deutscher Geisteskultur erniedrigen wollte, ketneu Verkehr häben wollen, und wenn wir er- klären, daß diejenigen unter uns, welche Auszeichnungen von ihrer Seit? besitzen, recht daran tun, wenn fi» ihnen diese Aus- Zeichnungen zu Füße werfen, so handeln wir nicht nur in gerechtem Zorn, sondern auch in jenem Stolz, welcher dem Gelehrte» der größten Kulturnation der Welt gebührt." lins amüsiert an diesen Pamphleten besonders immer wieder der Eifer, mit dem man von den ausländischen Gelehrten eine un- patriotische Haltung verlangt, eine Haltung, die man bei einem Deutschen als bochverräterifch bezeichnen würde. Nichts kenn- zeicknet besser die Blindheit des Chauvinismus, al» daß er jenseits der Grenzpfähle die pttlichen Begriffe schlankerhand umwerte:— und obendrein glaubt, das gefchehe aus sittlichen Motiven, statt eben aus primitiven nationalistischen Instinkten heraus, wenn nicht gar simple Streberei dahinter steckt, waS zwar von Gucken oder Kohler nicht anzunehmen ist, um so mehr aber von manchem.Pflanz- che», da» noch im Verborgenen blüht. liebrigenö wendet sich jetzt auch Max Verwohn gegen die Chauvinisten. Er schreibt im„23. T.": „Der Aufruf einer Anzahl deutscher Professoren zum Lffenk- lichen Kollektivverzicht auf die von englischen Uni-> versitäten und gelehrten Gesellschaften verliehenen Ehren hat, wie ich weiß, bei vielen Forschern lebhaftes Bedauern erweckt. Auch ich habe mir, als mir der Aufruf noch vor seinem Erscheinen zur Unterschrift vorgelegt würde, redlich Mühe gegeben, sein Zustaiide- kommen im Interesse der Objekt ivttät und Vornehncheit deutscher Wissenschaft zu verhindern. DaS ist mir leider nicht gelungen. Weit bedauerlicher aber als diese Eiklärrnig einiger Professoren selbst muß für jeden Deutschen, der die große Zeit feines Vaterlandes mit warmem Herzen durchlebt und zugleich den hohen Geist seiner Wisseiischaft verehrt, die Tatsache sein, daß sich an dies« Erklärung eine DiSknftsian über ihre Berechtigung oder Nichtberechtigung in der breiten Oeffentlichkeit zu knüpfen beginnt. Sieht man oenn nicht und fühlt man eS nicht, einen wie kleinlichen und den Geist deutscher Wissenschaft schädigenden Ein- druck es machen muß, wenn jn einer Zeit, in der das ganze Denken und Fühlen und Minschen jedes Deutschen dllrch gewaltige Er- eignisse in atemloser Spannung gehalten wird, deutsche Gelehrte Geschmack daran finden, sich über so kleine, fast möchte man sagen kindliche Probleme öffentlich zu ereifern? Ich möchte an die deutschen Professoren die ebenso dringende wie herzliche Bitte richten, doch die Erörterungen über diese Frage im Hinblick auf das Ansehen unserer Wissenschaft fallen zu lasseir oder wenigstens zu verschieben, hrS sie nicht mehr in einen gap so schreienden Gegensatz treten zu des gewaltigen Problemen und Gefühlen de? Tagest Wir haben diese Dokumente Zier mitgeteilt jjamit zu gegebener Zeit darauf zurückgegriffgll werde» kann. linset Standvui�t ist bekannt. Ex ist JIM.von Foerster und Verworn...."-.V Die Entwicklung öer Seeminen. Die Mine spielt im modernen Seekriege eine große Rolle; Wenngleich auch schon früher benutzt, erregte ihre Anwendung das meiste Aufsehen im rnsjjsch-japamichen Kriege, in dem eine fast ebenso große Anzahl von Schiffen durch Seeminen zerstört wurden wie durch Torpedo? und Artilleriefeuer. CS zeigte sich, daß sich durch Seeminen mit verhältoismäßig geringen Mitteln Zerstörun- gen herbeiführen lassen, die den Wirkungen der Kampfmittel auf den Riesenschlachtschiffen in nicht? nachstehen. Dabei lassen sich die Minen gleich gut zum Angriff wie zur Verteidigung ver- wenden. Die Fortschritte der modernen Sprengstofftechnik, die an die Stelle des alten Schwarzpulvers die brisanten Sprengstoffe mit ihrer ungeheuren Stoßkraft setzte, kettete dir hghe EntWickelung des Minenkrieges zur See ein. Der eigentliche Erfinder der Seeminen ist ver Amerikaner Bushnell. Er haute in den Jahren 1771— 1775 ein Unterseeboot, mit dem er eS versuchen wollte, Minen an feindlichen Schiffen zu befestigen, um diese in die Luft zu sprengen. Im Jahre 1776 griff er auf diese Weise das euglische Kriegsschiff„Eagle" an, doch glitt der Bohrer, mit dem die Mine am Schiffsrumpf be- festigt werden sollte, an dem Kupserveschlag deS Schiffsbodens ab und so explodierte die abgetriebene Mine später in ungesährlicher Entfernung vom Schiffe. Die Engländer warey damals über die Anwendung dieser neuen heimtückischen Wgffe überaus entrüstet. scheuten sich aber nicht, in der Mgendu» Heid selber davon Ge- brauch zu mache». � �,. Zwanzig Jahre später nahm FulköN» per Erbauer des ersten Dampfbootes, diese Pläne wieder auf. Es gelang ihm, Napoleon l. daftir zu interessieren, der in der Mine ein Mittel gefunden zu haben glaubte, um der überlegenen englischen Flptte ersolgreich entgegentreten z» können. Nach der für die Franzosen unglücklich verlmifenen Seeschlacht von Trafalgar ließ er aber diesen Gedanken wieder fallen. Bekanntlich wallte er ja auch von der praktischen Verwendbarkeit des Dampfbootes nichts wissen, und gab so die beiden Waffen, die Fulton ihm bot und die ihm gegen Rekrutierung in Selgien. Skizze von C y r i e l B u h s s e. Autorisierte Uebertragung von G. Gärtner. (Schluß.) Unter abscheulichem Gebrüll stürmen die beiden Banden aufeinander los. Arm an Arm nebeneinander forteilend, füllen sie die ganze Straße. Dicht vor dem Gemeindehaus stoßen sie brüllend zusammen, und für einen Augenblick erhebt sich ein Mordssvektakel von donnerndem Fußgctrappel und rasendem Wutgeschrei. Doch nein, diesmal raufen sie nicht. Wie es kommt, wissen sie selber nicht, aber si- ftmd nur flüchtig durcheinander gewirbelt, und gleich darauf sind die Patteien wieder getrennt und schreien unter Füßestampfcn und wildem Jauchzen ihr „Oez armes! Oez armes I" hinaus. In einiger Entfernung schauen sie sich nach einander um. herausfordernd die Knüttel schtvingend, und dann taumeln sie wieder weiter, jede Bande nach einer anderen Richtung. Er- staunt erscheinen die'Dörfler wieder auf ihren Schwellen und schauen den brüllend abziehenden Rekruten nach, von denen sie nicht begreifen können, warum sie diesmal nicht gerauft haben. Zehn Uhr. Das ganze Dorf ist in lebhafter Bewegung. Aus allen umliegenden Gemeinden sind nun die Rekruten angekommen. Sie stehen dicht zusammengedrängt oben in dent großen Saale des Gcnieindehauscs. wo der im Wagen aus der Stadt gekommene Bezirkskommissär die Losung leitet. Er sitzt in der Mitte an dem großen grünen Tisch, um den sich sonst die Mitglieder der Gemeindeverwaltung versammeln. Ein Mann von schon vorgeschrittenem Alter, mit einem ruhigen. feierlichen Gesicht, schönem langen Graubart und ernsten Augen. Rechts von ihm sitzt der Polizeikommissär, der die Namen der Rekruten aufruft I Links waltet der Schreiber seines Amtes. Mitten auf dem Tisch steht die von dem Dorffcldwachter bewachte Trommel mit den Losen. Zwei Gendarmen in Gala, mit langen Stulpstiefeln und hohen Bärenmützen halten die Ordnung aufrecht. Plump und ungeschickt, mit glühendem Gesicht, die grell geschmückte Mütze zwischen den Fingern, tritt der Rekrut vor. Er sagt noch einmal seinen Namen, während der Feldwächter durch eine Krücke die Trommel zum Drehen bringt, so daß die Lose wie Nüsse durcheinanderklappern. Ein kleines Tiirchen wird geöffnet, durch das der Rekrut seine Hand in die Trommel steckt. Er zieht eine kleine Hülse aus Holz heraus. die er dem Kommissär überreicht. Jn dieser Hülse steckt, zu- sammengerollt, sein Los, sein Lebenslos. Langsam und ruhig nimmt der Kommissär mit einem dünnen Stäbchen das Los aus der Hülse, entfaltet es. ruft mit lauter Stimme eine Nummer und übergibt das Papierchen dem Rekruten. Jn dem weiten, dichtgefüllten Saal herrscht fortgesetzt das dumpfe Geräusch ttefster Bewegung. Ter halb gcisteS- abwesende Rekrut begreift anfänglich nicht. Ist er„raus?" Ist er„drin?" Plötzlich begreift er und beginnt Hände- ringend zu schluchzen oder in aipsgelassener Freude zu pottern. Wenn er eine gute Nummer gezogen hat. rennt er hinab, schwingt jauchzend und schreiend seine beblumte Mütze, fällt draußen Eltern und Freunde in die Arme, die in ängstlicher Aufregung auf den Ausgang gewartet haben. Er läßt sie von den Blumenweibern von oben bis unten schmücken, gibt ihnen alles, was sie verlangen, wirft Hände voll Münzen unter die Menge, läuft mit Verwandten und Freunden wie närrisch durchs Dorf, schreit seine Nummer aus, lachend, schluchzend, jubelnd: „Raus! Raus! Ich bin'raus!" Alle zwei oder drei Minuten kommt so ein Reknit her- unter. Die einen sehen leichenblaß auS und halten sich am Treppengeländer fest; andere stampfen mit den Füßen, knirschen mit den Zähnen, ballen fluchend und rasend die Fäuste. Manche sind bereit, mit allem, was um sie herum- steht, eine wüste Balgerei anzufangen, andere stehen mitten unter dem Volk auf der Straße, heulend wie kleine Kinder. Die einen muß man niit Gewalt fortschleppen, um ein Un- glück zu verhüten, andere stürmen wie wahnsinnig daher und schreien, indem sie die heulenden Frauen und Kinder, die sich flehend an sie angeklammert haben, wütend von sich ab- zuschütteln suchen, daß sie sich ertränken wollen. Zuweilen ist es gar nicht zu unterscheiden, wer„draus" und wer„drin" ist. Die gewöhnlichen natürlichen Aeußerungen der Freude- und Schmerzgefühle sind durcheinander geschüttelt, umgekehrt und entartet; der Unglückliche lacht schallend auf und der Glückliche weint, oder beide lachen oder weinen abwechselnd durcheinander, wie in iuuuer wiederholten, immer unheimlicher werdenden WahusmuLansällen., Nur die Wildheit bleibt, die grausame Wildheit. Das aufgepeitschte entfesselte Wenscheutier fordert seine Rechte. „Lauwegem gegen Baevel I" Lauwaegem gegen Baevebl Die Auslosung ist vorüber, und ringsum erschallt nun der Kampfruf, während die Leute wieder erschreckt ihre Türen schließen. Die traditionellen Feinde wollen fechten� sie schämen sich ihrer Mchttgen Schwäche, von vorhin. Es geht nichr au, daß oie diesjährigen Rekruten feiger sein sollen, wie die der vorausgegangenen Jahre, Und vlötzlich ist alles ein entsetzliches ChaoS, über den be- blumien Mützen funkeln wie fahle Blitze die geschwungenen Messer. Feldwächter und Gendarmen eilen herbei, suchen die Streitenden zu trennen. Aber es nützt nichts, die wilden Tiere ringen und brüllen, die Messer blitze», die Nüttel sausen nieder, die Füße scharren, bis endlich einep«iederplumpst und wie tot liegen bleibt. Es ist einer voll Baevel! Es ist de» dick« Rotkopf mit den weißen Haaren, der die beiden Weiber mißhandelt hat. Seine Kameraden stellen den Kampf ein und heben den Blutenden auf. ES ist eine Niederlage für Baevel und ein Sieg für Lauwegem. Drohend und rasend ballen die Baeveler in Haß und Rachsucht die Wüste gegeu die Lauwegemer, die höhnisch triumphierend abziehen. Ihr Jubelgebrüll donnert durch die lange Straße, die geschmückten Hüte und Wützeu wirbeln in den geschwungenen Händen wie ein wimmelnder Flug buntgefiederter Vögel über den wild hin und her geworfenen Köpfen, und wie Mörder- geheul dröhnt ihr Gesang zu den geschlossenen Häusern empor: ..Oez armes! Oez armes! Wij zijn al van Leopol ilCpCldepoll Oez armosl Oez armes I Wij jnjn vaa, Leopold l" die Engläyder Wehl hätten helfen können, aus der Hand. Der damalige französische Marineminister erklärte Fulton sogar, die Mine sei eine Waffe, mit der wohl Korsaren, aber nicht anständige Seeleute kämpfen könnten. Fulton wandte sich darauf mit seiner Erfindung an die Engländer. Es gelang diesen auch, mit einer von ihm konstruierten Mine die dänische Brigg„Dorothea" zum Sinken zu bringen. Da sie aber befürchteten, diese neue Waffe 'könnte auch einmal gegen sie zur Anwendung gebracht werden, boten sie Fulton große Summen an, wenn er sich dazu verstehen wollte, seine Experimente auf dein Gebiete des Minenwesens ein- zustellen. Arg verstimmt über die Erfolglosigkeit seiner Versuche, die Oeffentlichkeit für' seine Erfindung zu interessieren, ging Fulton nun nach Amerika. Er fand aber auch hier keine Gegen- liebe und widmete sich von da an nur noch der Erbauung seines Dampfbootes. Als im Jahre 1813 die englische Flotte die amerikanischen Häfen blockierte, schützten sich die Amerikaner durch verankerte Kontaktminen, Schwimmgefäßc unter Wasser, die eine Spreng- ladung von SO Kilogramm Schwarzpulver in sich bargen. Stieß ein Schiff mit dem Boden gegen einen Bügel, der sich über den Deckel des Gefäßes spannte, so wurde darin ein Gewchrlauf ab- gefeuert, der die Ladung zur Detonation brachte. Dreißig Jahre später konstruierte � C o l t, der bekannte amerikanische Waffen- rcchniker, Minen ntit elektrischer Fernzündung. Im Nordamerika- Nischen Bürgerkriege tmirden 22 Kriegsschiffe der Nordstaaten durch Minen zerstört und 4 außer Gefecht gesetzt. Wenn man bedenkt, daß es der Artillerie der Siidstaaten nicht gelang, auch nur ein einziges nordstaatliches Schiff zum Sinken zu bringen, so erhellt daraus ohne weiteres der Wert der Minen für de» Seekrieg. Der starken Panzerung der modernen Kriegsschiffe entsprechend, hat sich natürlich jetzt auch die Sprengladimg der Minen erhöht. Im nordamerikanischen Bürgerkriege waren Sprengladungen von 20 Zentnern Pulver das höchste, heute befinden sich in einer Mine 100 Kilo Schießbaumwolle oder Pikrinsäure, Substanzen, deren Spr�ngwirkimg die des Pulvers um ein vielfaches übertrifft, c. d. Der keimfreie Soiöat. Es wäre �ein an Vollendung grenzender Fortschritt, wenn die Soldaten zu Lande wie zur See in einen Zustand in die Schlacht gehen könnten, der einer nahezu keimfreien Beschaffenheit des Körpers und der Kleidung entspricht. Dadurch würde eine Ver- urweinigung der Wunden ausgeschlossen sein, soweit sie nicht durch das Geschoß selbst herbeigeführt wird. Leider läßt sich das Ideal »ichp erreichen. Namentlich bei einem so schnellen Vorrücken der Truppen und bei einer solchen Ausnützung der Evfolge wie feiten- der deuffchen Armeen in diesem Krieg läßt sich eine Rückficht ach die Reinigung des Körpers und der Ausrüstung nur mangelhaft durchführen. Bei Seeschlachten ist in dieser Richtung mehr zu er- zielen. Die Japaner haben in ihrem Krieg gegen Rußland zum ersten Mal einen Versuch mit der Vorschrift gemacht, daß jedes Mitglied der Mannschaft vor einem Gefecht ein Bad Nehmen und vollständig reines Unterzeug anlegen mutzte. Man hoffte dadurch zu verhindern, daß die Wunden durch Fetzen der Kleider verun- reinigt werden, und der japanische Generalarzt Zuzuki hat nach den Ergebnissen die Behauptung aufgestellt, daß der hervorragend [Nite Verlauf der Verwundungen im Seekrieg zum wesentlichen teil dieser Vorschrift zuzuschreiben gewesen ist. In der Tat haben nur sehr wenige Seeleute auf der japanischen Seite, die während der Schlachten und Belagerungen verwundet wurden, durch Ver- eiterung und ähnliche Verschlimmerungen gelitten. Selbst sehr schwere Wunden, und sogar solche, bei denen Gelenke durchschlagen waren, heilten so gutartig, als ob sie durch das Messer eines Chirurgen erzeugt gewesen wären. Das Geschoß kann meistens als keimftei gelten, schon wegen der hohen Temperatur, der es bei der Entladung ausgesetzt ist. Ilebrigcns haben diese japanischen Vorschriften einen Vorläufer gehabt, der vielfach lächerlich ge- macht worden ist, nämlich das keimfreie oder aseptische Dwcll bei den Franzosen. Wie die Franzosen bei der Ausfechtung ihrer Ehrenhändel überhaupt recht peinlich verfahren, so haben sie auch in dieser Hinsicht dafür gesorgt, daß die etwa entstehenden Ver- wundungen möglichst geringen Schaden anrichten. Die japanischen Marineärzte haben außer jener Anordnung noch die Maßregel durchgeführt, daß die BedienungMaunschaft der Geschütze während einer Seeschlacht mit einer schwachen Borsäurelösung vdrsehen waren, um sich- damit die Augen zu waschen, wenn diese durch Pulver, Rauch oder Schmutz besonders angegriffen waren. Der Zelösanttätsöienft. Die erste' Versorgung der Verwundeten ist von der Heeres- Verwaltung in langer, emsiger Friedensarbeit bis ins einzelne vorbereitet, worden. Bis in die letzte Zeit hinein war die gesamte Sanitätsausrüstung des Feldheeres unter ständiger Mitwirkung der Führer der Wissenschaft und Praxis nach dem neuesten Stande der ärztlichen Erfahrungen umgearbeitet worden. Wundbehand- lung und Verband Haben auf den Schlachtfeldern ihre Probe be- standen. Siechte und Sanitätsunterpersonal arbeiten mit völliger Selbstaufopferung Tag und Nacht. Auch von ihnen starbe» schon vi öle den Tod für das Vaterland. Vorzügliches leisten insbesondere die Feldlazarette. Freilich skcllcn die ununterbrochen in breiten Fronten er- folgenden, stetig fortschreitenden Gefechte auch bisher nie dage- ivesene Ansprüche. Massenverluste bei Freund und Feind drängen sich in verhältnismäßig kurze Zeitspannen zusammen. Die Zahl - der in Teutschland vorhandenen und verfügbaren, fürs Feld gc- eigneten Slerzle ist gegenüber den Millionen der Sireiter immer- hin gering. Dazu kommt, daß es aus militärischen Gründen nicht angeht, unbeschränkte Massen von Sanitätsformationen in der � ersten Linie mitzuführen. Schließlich ist hier nicht sede angebotene Unterstützung brauchbar. So eignet sich z. B. die an sich sehr wünschenswerte Sch'westernhilfe gar nicht für die wechselnden Ereignisse und Bedrängnisse des Operationsgebietes. Nach alledem kann es wohl vorkommen, daß in weitem, unübersichtlichem Gölände während tagelanger Kämpfe einer oder der andere Verwundete eimge Zeit ausharren muß, bis auch ihn die rastlos tätige Hilfe erreicht Das Menschenmögliche wird jedenfalls unter den ob- waltenden Umständen von unseren Aerzten und dem sonstigen Saniitätspersönal auf dem Schlachtfelde geleistet. Dahinter setzt dann die Fürsorge der Etappe ein. Das hierfür bestimmte Sanitätspersonal, zn dem auch zahlreiche Schwestern gehören, ist noch in letzter Zeit erheblich ver-ncehrt wor- den. Immer weitere Verstärkungen werden fortdauernd eifrig be- trieben. Freilich mutz auch hier gegenüber anderen, rein militäri- schon Anforderungen mit Schwierigkeiten der rechtzeitigen Heranführung gerechnet werden. An ihrer Ucbcrwindung arbeiten alle Heercsstellen unermüdlich. Die Rückbeförderung in die Hsimat besorgen Lazarett- züge in großer Zahl. Slllerdings können sie nicht, wie sich mancher Uneingeweihte wohl vorstellt, nach Belieben auf den langen Etappenlinien hin- und herfahren. Diesen Zügen gehen sehr oft die wichtigeren rein militärischen Ansprüche an recht- zeitigem Munttions- und Verpflegungsersatz vor. In Feindesland müssen oft Schienenwege dicht hinter dem Feldheer erst wieder hergestellt werden.> Manchmal erfordert die Kriegslage die Räu- mung großer Gefechtsgebiete von allen darin untergebrachten Verwundeten unter allen Umständen und in kürzester Frist. Da müssgn eben auch mit Strohschüttung versehene Güterwagen für den Krankentransport ausgenutzt werden. Schäden sind den Ver- wundeten dadurch nicht entstanden. Wohl aber kommen sie schnell in ruhige Pflege, unter dex die überwiegende Zahl der heutigen Verletzungen durch regelrechte Kriegsgeschosse gut ausheilt, Vergegenwärtigt man sich die Rieseuarbeit, die allein in der VerwundetenversorMug das Sanitätskorps in den verflossenen Kriegswochcn geleistet hat, und die Schwierigkeiten des Krieges im allgemeinen, die über alles Erwarten schnell fortschreitenden Er-' Kerantwortlicher Redaktemc: Kür eignisse dieses Feldzugcs im besonderen, so darf man wohl er- warten, daß Klagen Einzelner, die die Verhältnisse weniger über- sehen, incht vorschnell verallgemeinert werden, sondern daß die unter großen Entbehrungen in und hinter der Front ihr Bestes hergebenden Acrzte und-Sanitätsmannschaften die gebührende An- erkennung finden. Theater. Theater an der Weidendammcr Brücke:„A n- fang gut, alles gu t." Vaterländisches Volksstück mit Ge- sang von Gerhard Pvcuß. Musik von Max Roth. Das Bedürfnis, daß in diesen Tagen von dein, was jedermann bringt, auch von der Bühne herab gesprochen werde, läßt sich gewiß verstehen. Und es wäre Pedanterie, an solche für den Slugenblick bestimmte Aktualitäten� Maßstäbe künstlerischer Prüfung legen zu wollen. Slbcr ein gewisses Maß von Wille, Urteil und Empfindung und ein Gefühl für Würde wird man bei aller Primitivität in der Gestaltung wohl verlangen dürfen■— verlangen dürfen, daß nicht unter dem Slushängeschild„vaterländischer" Volksstücke auf die glatt ordinärste Gedankenlosigkeit der Massen systematisch spekuliert wird, Tie Sllbernheiten und Gehässigkeiten, die Herr Direktor Charte mit solcher Spitzmarke an dem Eröffnungsabcnd seines Theaters scr- vieren ließ, sind überhaupt kaum noch zu überbieten. Eine als französische Marketenderin verkleidete Berlinerin ve.rhilst einem ge- sangencn Landsmann zur Flucht, indem sie vor der französischen Wache eine Art von Bauchtanz aufführt, und singt darauf, im Tanz- schritt kokettierend, mit den deutschen Soldaten zusainmen ein Couplet:„Französchen, Fmnzöschen, wir ziehn dir stramm die Höschen." Die peinliche Beschämung vollzumachen, fand selbst diese widerwärtige Farce, wohl die widerwärtigste des ganzen Stückes, donnernden Applaus. Die Slrglist der Franzosen wird an einem in den Kommunaldienst eines clsässischen Grenzstädtchens einge- schmuggelten teuflischen Intriganten nachgewiesen, der als?ld- junkt des Bürgermeisters in dessen Bureau einen Slpparat zum drahtlosen Telegraphieren von Staatsgeheimnissen an den Erbfeind eingerichtet hatl Dabei wagt dieser Schurke, bis ihm deutsche Kugeln den Laufpaß geben, noch uin eine blonde patriotische El- säsferin zu werben. Gerade wie die Tücke triumphieren will, das Kriegsgericht der eingerückten Franzosen drauf und dran ist, den braven Bürgermeister zum Tode zu verurteilen, stürmen die Deut- scheu heran, und unter Kanonendonner stürzen Mauerstücke auf die Erde. Als charakteristisches PrÖbchen sei endlich noch das Marketenderinnenlied des Schlußakts:„Ein Leutnant und zehn Mann" erwähnt, das, auf die Vergeßlichkeit des Publikums speku- liercnd, des Januschauers berüchtigtes, den Reichstag verböhnendes Schmähwort zu kriegerischer Phrasenrenommistik ummünzt. clt Kleines Feuilleton. Gefährliche komööie. Zwei Oberleutnants in der Feste Boyen geben eine»Kriegs zeitung" heraus, in der u, a, erzählt wird: ,... Die 20 Infanteristen von der Feldwache in Camionken waren auf zwei vierspännige Leiterwagen gesetzt, damit sie den Dragonern rüscher folgen konnten. Diese Wagen wurden nun so frisiert, daß eS aussah, als ob Flüchtlinge drauf wären. Sie wurden mit Betten, Stroh usw. bepackt, und darin versteckten sich die Infanteristen. Sluf dem ersten Wagen saß der Feldwebel Schmidt als Bauer verkleidet und neben ihm als seine Frau mit einem großen Kopftuch usw. der Gefreite Meier, zwar nicht rasiert und einen Tobak rauchend, aber ans einige Entfernung konnte man ihn für die Gattin des Feldwebels in Zivil Ivohl halten. So kamen die Infanteristen dieses Mal ganz nahe an die Brüder heran und schössen in die Schwadron und die Handpferde, die im Gutshofe ab- fütterten, hinein. Das Feuer der braven Infanteristen wirkte un- gehener...." Dieser Mummenschanz ist ja sehr nett, aber wir mochten eines zu bedenken geben, Muß der Anblick des vermeintlichen Bauern- paares, das plötzlich zu schießen anfängt, die Feinde und vollends die als so ungebildet geschilderten Russen nicht auf den Gedanken bringen, die Zivilbevölkerung beteilige sich hinterlistig am Kampfe? llnd droht damit nicht eine furchtbare Rache bei ge- gebcner Gelegenheit? Man denke doch an Belgiens Ein deutscher dichter. Der elsäsfische Dichter, bitte. Dichter, Dr. Artur Dinier, hat ein Marschlied gedichtet. Die.Post" würdigt es als ein Dokument aus großer Zeit, unv so beginnt es: Poincarö und Telcasss llnd den Obergauncr Grey Und die russischen Halunken, Wie werden wir euch tunken, Tunken in die rote Sauce, Und die Strammheit eurer Hose Hauen wir, juchhei, juchhe, Voran den Obcrgauner Grey Samt Poincarö und Delcasjö Zu Poinca-Delca-Frikassee! Allen, die es noch nicht wußten, was mit der modernen bürger- lichen deutschen Dichtkunst los ist, wird der Krieg die Augen öffnen. Solche Zeit ist ein Prüfstein. Kaum einen Dichter wüßten wir, den dieser Krieg noch nicht entlarvt hätte. die»eiserne depefthe*. Die amerikanische Presse sorgt für den Humor, der den Europäern teils verboten und teils ausgegangen ist. Ein Beweis dafür ist die eiserne Depesche", die die New Yorker„Evcning Post" allen ihren Kollegen als„eisernen Bestand" für diesen Krieg zur Verfügung stellt. Diese Depesche, die als stets paffend empfohlen wird, wenn man mal uichts anderes zu meldeii hat, lautet:»Paris, Brüssel oder Berlin sganz nach Belieben). Ein neuer wichtiger Sieg über den Feind wurde von einem französischen(oder belgischen� oder deutschen) Heer erfochten in einem Raum zwischen J.?Ian6 und Sizilien. Unsere Tnrppeu kämpften gegen vierfache liebermacht, aber unsere Kanonen feuerten viermal so gut wie des Feindes Artillerie und viermal so schnell. Der Feind zog sich mit einem Verlust von so und so viel tausend Mann lnach Belieben) zurück. Unsere eigenen Verluste sind drei Tote und sieben Verwundete, die nur der Ver« räterei auf Seiten des Feindes zum Opfer fielen. Nach heftigem Kampf wurde das Land»om Feinde geräumt. Gefangene berichten, daß der Feind keine Lust zum Kämpfen hat. Bei ihren sehr ge- schickten Manövern zwischen einem Berg und einem Hügel, die unsere Leser, wie wir sie versichern können, auf jedem anständigen Atlas finden werden, unternahmen unsere Truppen wiederholte Slngriffe durch die Kornfelder und hinein in die Weinberge, die in regcl- mäßigen Abstände» zwischen Rotterdam und Liffabon liegen. Aehn- liche Siege wcrden von der ganzen Linie gemeldet, die mir dem Feind in Berührung ist, ohne daß ivir genau sagen können, wo der Feind ist._ Die Neugierigen. Wie.die Geier bei in Aas, so sammeln sich die Neugierigen an bei den Stätten des Unglücks und des Menschenclends. Herbert Eulenburg hat diesen aus den besseren Ständen bestehenden Ab- schäum der Menschheit in der„Köln. Ztg." gekennzeichnet. Die Militärleitung hat erklärt, daß Vcrgnügungsreiscndc in Belgien nicht erwünscht wären und daß ihnen gegebenenfalls die Auto- mobile requiriert würden. Man muß sie gesehen haben, diese Neugierigen, wie sie mit ihren Autos durch Aachen rasen. Meist hat einer oder der andere der Insassen irgendeine Binde um den Slnn; vielfach fahren sie unter der Flagge des Noten Kreuzes die Autos huckepack voll mit Männlein und Fräulein! In Belgien erwecken sie die Wut der Bevölkerung, die es niederträchtig findeft daß ihr Elend und ihr Unglück diesen Elementen zur Augenweide dient. Sie sind es, die die Allüren des Siegers zur Schau tragen; sie, die zum Siege auch nicht das geringste beigetragen haben. Wo Osff- ziere und Mannschaften ruhig und zurückhaltend auftreten, gefallen sie sich in Ueberhebung und Slnmaßung, die von tiesinnerer Roheit zeugt. Sie sind es, die die Ueberwundenen noch tiefer durch Wort und Benehmen zu demütigen suchen. Es war kurz vor Lüttich, wo ein Sluio anhielt und einer der Insassen von einem deutschen Unteroffizier durchaus den Weg nach dem Fort Loucin erfahren wollte. „Sie kommen nicht hin," sagte ruhig der Unteroffizier,„es ist alles da gesperrt." „Warum sollen wir da nicht hinkommen; wir haben es doch erobert?" erklärte der Frager. Der Unteroffizier zuckte die Achsel. Ein Mädchen, das im Auto saß— es war zwar erst zwanzig Jahre alt— meinte: „Lassen Sic uns doch hin. Es sollen da ja noch Leichen herum- liegen. Das ist doch furchtbar interessant!" Der Unteroffizier warf dem Weib einen unbeschreiblichen Blick zu. Währenddessen hatten sich einige Zivilpersonen um das Sluto- mobil gesammelt, die auf die Insassen nicht gerade mit zärtlichen Blicken sahen. Der Wortführer der Gesellschaft herrschte den Unteroffizier an: „Machen Sie uns mal ein bißchen Platz! Man hat von den Biesters noch viel zu viel leben lassen. Uebrigcns werde ich mich bei der Kommandantur beschweren." Das Auto wendete und fuhr nach Lüttich zurück. Notizea. — Eine„Abfertigung". Das„Börsenblatt für den deutschen Buchhandel" erzählt: Ein Londoner Verleger versuchte auf dem Umwege über die Schweiz das Verlagsrecht von Schön« Werth, Vademekum des FeldarzteS, für eine englische Ausgabe zu erwerben. Die Drahtautwort des Münchener Verlegers lautete: Englische Ausgabe von Schvnwerths Vademekum des FeldarzteS un- nötig, die verhauenen Engländer befinden sich in deutschen Lazaretten und werden nach der deutschen Ausgabe behandelt. Verleger Leh- mann.— Dieser Stammtischpatriotismus vergißt ganz, daß es auch „verhauene Deutsche" bei den Engländern gibt, denen die deutsche ärztliche Wissenschaft zu statten kommen könnte. Möchten das doch dem Herrn Lehmann nach dem Kriege mal ein paar von ihnen gründlich klarmachen! — ZumBcstenderKriegshilfskasse deSVereinS Berliner Journalisten findet am Donnerstag, abends 8 Ubr. im Lessing-Museum, Bniderstr. 13, eine außergewöhnliche Vortragsveranstaltung statt. — Der amtliche Nachrichtendien st wird von den Engländern trotz der Pressezensur folgendermaßen verulkt:„Wenn das Pressebureau seine bisherige Vorsicht und Aengstlichkeit fortsetzt, können wir uns gefaßt machen, nächstens in der Tagespresse nur noch Nachrichten von etwa folgender Art zu finden: Die Sonne ging gestern früh auf und gestern abend wieder unter. Diese Mitteilung hat dem Pressebureau ordnungsgemäß vorgelegen, das ihre Ver« öffentlichung nicht beanstandet, aber für ihre Richtigkeit keine Ge« währ übernimmt." Schach. sz £* eo + Die 7. Teillieferung des„PilgucrS" ist soeben erschienen. Auf den W Seiten enthält sie: das„Englische Springerspiel"..Un« regelmäßiges Königsspringerspiel"(u. a.„Eröffnung Alapin"), das „Königsläuferspiel", die„Wiener Partie" nebst ihren gambitartigen Wendungen, das.Mittelgambit" und noch den Anfang des„Königs« springergambits". Bei so zahlreichen Eröffnungen auf so gedrängtem Räume ist begreiflich, daß vo» einer Slusführlichleit keine Rede sein kann. Ebenso wie die Lücken sind auch viele inneren Mängel und analytischen Fehler wegen der KriegSzeitcn leicht verzeihlich. Wir entnehmen der Lieferung nachstehende Partie, die vom Genossen H. H e i l m a n n lRedaktcur unseres Chemnitzer Partei« blatteS) als Anziehendem gegen den bekannten Wiener Meister R. S p i c l»i a n n(Schivarz) gewonnen wurde. 11. 8b 1—03 Englisches Springcrspicl. 1. o2— e4 e7— e5 2. Sgl— f3 Sb8— c6 3. c2— c3..... Daher der Name der Erössnung. (Auch„Ponziani" genannt.) Sic ist sicher und gut. 3......(17-65 Man beachte folgende interessante Wendung: 3...... Sf6; 4. 64, SXe4; 5. 65, Sb8; 6. L63. Sc5; 7. SXeö, SXL; 8. DXS(SXSl) 8...... Le7; 9. 0-0, 66; 10. DbSf, c6?<867! oder Kk8); 11. 6c, de; 12. SXc6, 1,67. Nun behauptet Weiß den Bauer mit dem merkwürdigen Zuoe 1Z. DXb8!! usw. Eincäutzerstseltcne Kombination. 4. V61— a4 1,08—67 Ein zweifelhaftes Bauernopfer, um den Angriff an sich zu reißen. Vor- sichtiger ist die Defensive mit 4...... f6; 5. Lb5, Sge7. Es könnte folgen: 0. k6, DX65; 7. 0-0, 1,67; 8. 64. ed; 0. cd, Se5!(Sl'chiqorin); 10. Sc3, 8X131; 11. gXf3, Dfö Ulm. Auf 4..... de folgt 5. SXe5, Ddö; 8. SXc6, bXc6!; 7. Lc4, 1)67; 8. 63!, ed; 9. 1,X63 usw. mit gutem Spiel für Weiß. 6. s4X65 So6— 64 6. Da4— 61 864X131 7. D61Xf3 17— k5 Besser ist 7...... Sf6; 8. Le4, Ld6; 9. 63, Lg4; 10. De3, 0—0 u>w. mit EntwickelungSvorsPrung sür den Bauer. 8. 62— 64 eo—»4 9. Df3— 61 Sg8-f6 10. c8— c4 Lf8— b41 12. Lfl— e2 Vorzuziehen Lf4! 12...... 0-0 15-14! mit Sicherung der Sonst 164 Stellung 13. LolXf4 14. 164-62 15. fiXeS Richtig war: 15. 16, bXo3, Dh4t; 17. g3, De4 nebst evnt. SXe3. 16. D61-b3..... Falls 8X8?, so 31. Angängig war auch 8e4. 16...... 17. Xsl— 61 18. b2Xc3. 19. K61— c2 20. Tal— el 21. Kc2— ol Mit I,f5! hätte Schwarz manche Aussicht gehabt. 22. Tbl— kl Ta8—£8 ES drobtc 163 23. 1)83—02! 24. Kc1Xc2 25. Tf 1X181 26. I,e2—k3 Etwas besser war hier(auch im nächsten Zuge) d7— b6 27. Xe2— 63 g5— g4 816X65 e4— e3! Lb4— 60 LXSt; D68— h41 S65Xc3t c7— c5 Tf8— f2 Dh4— e4t Tk2Xg2 noch Do4Xc21 Tg2Xh2 Kg8Xf8 g7— gö 28. 1,13X87 29. e3— e4 30. e4— e5 31. Tel— gl 32. K63— e2 33. Ko2— b2 34. TglXhl 35. Lb7Xhl gl— g3 g3— g2 I,66-e7 Th2— h31 1,67— kift Th3— hl g2XblD Aufgegeben. Inseratenteil verantw.: Th. Glocke. Berlin. Druck u. Verlag.'Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co, Berlin SW.