Nr. 190.- 1914. Unterhaltungsblatt des vorwärts Souvabend, 26. September. Aussprache von Kriegsnamen. SZcm W. Holzmeie r.*) t. Sic Orte, von denen wir in diesem Kriege zu hören kriegen, führen meist fremde Namen, und das ist ein Glück für uns. Nur eine kleine Unannehmlichkeit ist für den Deutschen dabei: er kann sie manchmal nicht aussprechen, namentlich wenn er zu Hause sitzt und nicht hört, was die Leute an Ort und Stelle selber sagen. Dann begreift er nicht, wie der General v. Emmich aus die Frage, wem wohl die nächste Festung nach Lüttich in die Hände fallen würde, gesagt haben soll— oder nach Ansicht des Mannes, der das Wortspiel erdacht, gesagt haben könnte—:.Na tnfir!" Denn um den Scherz zu verstehen, mühte er wissen, dah die vielgenannte Festung in französisch-wallonischer Aussprache„Namür" heiht und nicht„Rainuhr", wie man es immer wieder um sich herum hört von Leuten, die nicht wissen, dah der Franzose mit dem Buchstaben u deutsche ü bezeichnet, während er unser deutsches u nur durch ou ausdrücken kann. Auch begreift er nicht, wie über Postkartenbildcrn von Lüttich in grohen Buchstaben das ehrliche deutsche Wort„liege" stehen kann, bis ihm einer erklärt, dah auch hinter diesem scheinbar so harmlosen Wort eine unvermutete Tücke steckt, indem das Wort Oiege, spr.„liäsche" imit weichem sch wie in„rangieren") heihcn soll, was der französische Name für Lüttich ist. Kurz und gut, um diesen Uebelständen zu steuern, hat die Redaktion uns aufgefordert, eine kurzgefahte Anweisung zu geben, w:e man die für diesen Krieg in Frage kommenden ausländischen Namen auszusprechen hat. Damit ist wenigstens erst einmal soviel erreich!, dah die Verlegenheit von den Schultern der Leser aus die unsrigcn gewälzt ist. Denn erstens ist es gar nicht so leicht, aus der Fülle des Stoffes die wirklich wesentlichen allgemeingültigen Aussprache gesetze auszuwählen und sie in der gebotenen Kürze dar- zusiellen, und zweitens versagen diese Yiesetze gerade bei Eigen- »amen immer noch am ehesten. Was Hilst es mir, dah ich weih, dah im Französischen das s am Schlüsse im allgemeinen nicht aus- gesprochen wird, wenn es doch gleich bei den drei Namen„Jaures", �tieims" und„Möns" anders ist und man„schorähtz"(mit dem Ton auf der zweiten Silbe?) und„Nengh" und„Mongh" sagen muß? Immerhin ist es im Französischen noch nicht so schlimm. Da geilen meistens auch für die Eigennamen die allgemeinen Aus- spräche gesetze. Toll wird es unter Umständen erst im Englischen. Keine Aussprachcregcl der Welt kann einen Menschen lehren, es leibst herauszufinden, wie man gewisse englische Eigennamen aus- zusprechen hat. Macleod wird ausgesprochen wie„mäcklaud", -succleugh wie„bökkluh" und O'Brien wie„o'breiän". Und kommt gar das Walisisch-Kcltische dazu, so klingt der bekannte Kohlen- Hasen Llanelly wie„thlancthli"(Ton aus der zweiten Silbe) und seichst das� Wort Amlwch, das aus jeden doch sofort den Eindruck Macht, dah es gar kein Wort sei, sondern bloh eine Herausforderung des gesunden Menschenverstandes, läht sich aussprechen, indem Man„ämluck" sagt, nachdem man erfahren bat, dah im Walisischen das w zur Bezeichnung unsere» u dient. Also wenn so etwas ganz Abenteuerliches auftaucht: lieber nicht erst lange spintisieren, son- dcrn ein möglichst dickes englisches Wörterbuch hernehmen oder auf irgendeiner grösseren öffentlichen Bibliothek einsehen: diese Bücher enthalten regelmässig ein besonderes Verzeichnis der englischen e.igennamcn init genauer Angabe der Aussprache. So bringt z. B. das� Wörterbuch von Thiemc-Preuher eine ziemlich umfangreiche Zusammenstellung dieser Art. die alle häufiger vorkommenden Namen und auch eine Reihe seltenerer berücksichtigt. Doch davon später noch einiges. Vorderhand möchten wir unS erst einmal einen Sckmerz von der Seele schreiben, der mit beiden westlichen Sprachen, dem Französischen wie dem Englischen, zu tun dat. Und zwar geht die Gcschichie nicht den Leser der Namen an, londcrn den Zeitungsmann und den Setzer, nicht den Verbraucher also, sondern den Erzeuger der Ware. Und es tut uns ferner herz- 'ich leid, daß wir nicht Arthur Schopenhauer sind, und also nicht das Recht haben, hier so göttlich erfrischend grob zu werden, wie cr in Iprachlichen Angelegenheiten zu werden pflegte. Wir werden also nicht weiter gehen, als dah wir hier von einem liederlichen Unfug reden, wofern es sich nicht vielmehr um wirkliche Unkenntnis *) Wir bringen hier einige aufklärende Artikel des Genossen H o 1 z m e i e r- B r e m e n über die Aussprache französischer, eng- 'ischcr und polnischer Wörter; Artikel, die nicht nur den ZeitungS- lefern, sondern auch, als Feldbrief nachgeschickt, den Soldaten nütz- 'ich sein werden. handelt. Nämlich, die Sache ist die: wir haben noch heute wieder irgendwo etwas von„Nanzy" gelesen. Wir haben auch schon irgendwo die Form„Journal offiziel" gesehen, und auch schon von englischen prinziplcs gelesen. Und in einem sehr feinen und an- geieheneu liberalen Blatt stand in der Ordensliste zweimal— zweimal!— rnedezin— zweimal dicht hintereinander! Also so geht es nicht, so geht cS ivirkliib nicht: es ist ein un- sagbarer Greuel— doch wir wollten ja nicht grob werden; fassen wir unS' Es ist ja ganz schon und nett, daß man das c aus deutschen oder deutsch uingewändeltcu Fremdwörtern entfernen will. Es soll gellen, dah man jetzt„rellamiert" und nicht mehr „reclamirl", dah man„niusiziert" und nicht„musicirt". Das c wird leicht undeutlich bei schnellem Schreiben und dergleichen. Aber es ivirkt ichon sonderbar, ivenn man beim Anführen eines natur- wissenschaitlichen lateinischen Namens..Bazillus-' schreibt statt ..Bacillus". Immerhin, es ist wenigstens lein Ulk. Ein Ulk aber ist es, iveim man„Nanzy" schreibt statt„Nancy" und die englischen Prinzipien prinziples nennt statt principles. Denn im Französischen wie im Englischen bedeutet das c überhaupt nicht den deutschen Z- Laut, sondern es wird wie tz gesprochen. Dieses letztere mühte man also setzen und nicht z, wenn mait schon einmal ein Äiagout von deutschen und fremden Bestandteilen wollte. Aber es kommt noch schlimmer. Dieses z, das man willkürlich gesetzt hat, bedeutet im Englischen und Französischen, wie fast in allen fremden Sprachen, überhaupt nichr den schärfsten Zischlaut wie bei uns, sondern gerade den weichsten, nämlich so viel ivie das weiche deutsche s. Also lauten die Worte oltiziol und prinziplcs nach den Gesetzen ihrer Sprachen gelesen wie„offisiel" und„Prinsiplcs", während sie doch lauten sollen und müssen:„offihiel" und„Prinhiples". Die beiden Mihgeburten„osstsiel" und„Prinsiples," gibt es gar nicht, itt keiner Sprache, und die beiden Mißgeburten „Nang— tzy" und„Priu— tzipies" aucki nicht. Also lasse inan sie, bitte, endlich auch vom Papier verschwinden I Mau schreibe Nimoy-, das man ausspricht wie„.Nang—Hy" und principles, das dann lautet wie„Prin— hiple»" oder Vir�mehr wie„Prin— Hippels". Nebenbei gesagt,„Nanzig" ist richtig; eS ist t'er aste deutsche Name der Stadt. Gehen wir nunmehr zu einigen SfgO'ilümIichkeiten zunächst der französischen Sprache über, die dem"»�.«tkenner besondere Schwierigkeiten bereiten, und halten wir uns zuerst an die Stimm- laute. Es ist ziemlich allgemein bekannt, dah mwt»i ivie äh ausspricht. Douai wird also ivie DuKH ausgesprochen, Cambrai wie Kangbräh imit dem Nasallaut», Aber hier schon kann man sich vcrgaloppiereu. Bei den sebr bekannten Nanieit Versailles, Caillaux. Vaillant stimmt es nichts Es heiht„verha— ij," ,ka— ijoh, wa— ijang(alle drei zweisilbig zu sprechen!) Woran liegt da«? Rm,. es gibt im Französiichen einen Laut, genannt der „erweichte-Laut", der bezeichnet wird diircss il(wenn ein Stimmlaut nachfolgt, durch ill). Dieser Laut klingt- wie ein i mit nach- geschlagenem j, also wie ij. Er schließt sich stets.an einen vor- hergebenden Siimmtaul an und verschmilzt mit diesem zu einem Doppellaut, läht ihn aber sonst unberändert. Läht also auch das a unberändert und verwandelt es nicht in ä! Darum wird auch das bekannte Wort ömail wie„ema— ij" lzweisilbig!) ausgesprochen, und übrigens nicht wie „emalltje"— das gibts nicht, obschon so was von einem 1 auch dabei sein soll, wie die Schreibweise zeigt, aber nur schüchtern, ganz schüchtern! Hierher gehört auch Marseille und seine Marseillaise— mar— he— ij— äs'(dreisilbig, mit sehr kurzem, hellem e!), ferner Bouillon— bu— ij— ong usw, Der Laut kann auch mit einem i verschmelzen, wie z. B. m dem Worte Alle(Mädchen»— fij'); doch ist dies seilen; die zahlreichen Ortsnamen auf ville xmh vitler z. 93. werden mit einem einfachen ihl»also mit langem i) ge- sprachen: Bunevills— liinehwthl', Manonvillers— manong— wihlähr. Erwähnen wir endlich hier noch die echt französischen Lautgruppen euil und ueil, sowie das Wort wil(— Auge); in allen drei Fällen spricht man ö— ij(einsilbig mit kurzem öl). Was im übrigen die Aussprache der Stimmlaute anlangt, so wird, wie schon erwähnt, u wie ü, ou wie u ausgesprochen. Be- kanm ist, wie man die Doppellaute spricht; au wie o, cu wie ö, ei wie ä, ai wie ä. Also Maubeuge wie»nobösch(weiches sch l). Zu bemerken ist, dah ui(— üi) ebenfalls als Doppellaut gilt, also ein- silbig zu sprechen ist, und dah ey und ay sich nach ei und ai richten, also wie ä lauten, sobald sie am Ende stehen(was bei ay selten ist), also Ciroz----- hiräh; dah sie aber, ivenn ein weiterer Stimmlaut folgt, einen Nachschlag von j annehmen: assoy�z-vems(setzen Sie sich) klingt wie„assejeh-wuh." Laon und Caen sind echte Eigen- »amentypen: sie lauten wie„lang" und„kang". Das ie ist immer getrennt zu sprechen; also„Dieppe— djepp". Ganz bekannt ist auch, dah cau und eaux wie o gesprochen wird. Also Mcaux—„moh" und Bordeaux—„bordoh". Warum man eigentlich den langen 0enf schreibt? Nun das hängt mit dem sogen, historischen Prinzip der französischen Rechtschreibung zusammen und wird gemacht weil es einst„Bordigala" geheihen hat, und damit man nachher toeih, warum ein Mann aus Bordeaux auf einmal un BorMaiz (= bordMH), ein Bordeleser heiht. Eine besondere Behandlung verlangt das oü Es gilt auch als Doppellaut und wird wie oa ausgesprochen. Soll eS einmal anders sein, so steht ein Trema. Die aus alten Zeiten berühmte IIÄoiss spricht sich wie„elo— ise", und wer eS anders macht, blamiert sich. Freilich nicht vor dem Pariser ssrMnt(herschaut) eis ville, d. h. Schutzmann, den ich einmal auf dem Friedhof Bors BacBaiss (pähr' laschäse) nach dem Grabmal des.Äbelarcl(abehlahr) und der Heloise fragte: er sagte in seiner Eigenschaft als Pariser und als Autorität„eloas'", und man kann sich denken, dah ich nur tränenden Auges dem philologisch minderwertigen Menschen den Frank Trink- gcld gab, den die Sachlage nun einmal anstand-shalber verlangte. 'Na, jedenfalls sieht man, wie selten und wenig bekannt selbst beim Volke des eigenen Lande? die sprachliche Ausnahme ist. Aber eins ist wichtig: wenn auf oi noch ein Stimmlaut folgt, so verwandelt es sich in oy und erhält dann ebenfalls einen Nach- schlag von j. Der Ort Moyeuvrc in Deutsch-Lothringen spricht sich also wie„moajöwer'", und royal(= königlich) lautet wie„roajall" (alle französischen Wörter haben den Ton auf der letzten Silbe). während der Engländer, der das Wort auch besitzt, einfach reuäll (Ton auf der ersten Silbe!) sagt. Es gibt noch einen Fall, dah das oi wie ein richtiges oi und nicht als oa behandelt wird, nämlich in Verbindung mit dem Nasal-' laut(die Endungen oin. eins und oint lauten wie oäng und nicht wie oang); aber nicht ist das der Fall in Verbindung mit der Laut- gruppe gn, die bekanntlich wie uj klingt: Loigny, der Schlachtort von 1370, heiht„loanji". Was das e anlangt, so tritt es im Französischen mit und ohne Akzent auf. Das akzentlose e wird ganz dumpf oder gar nicht ge- sprocken. das e dagegen hell, und boch; de{— von) klingt fast wie dv mit sehr kurzem, dumpfem ö, elever(= erhöhen) wie ehl'weh, elevation(— Erhöhung) aber wie ehlehwahiong. Besonders wichtig wird diese Regel beim End-e; Lille sprich wie Lihl, Conde aber wie Kongdeh. Dabei ist zu bemerken, dah das helle, laute e am Ende auch in den sehr häufigen Formen er, ers oder ez auftritt, alle drei läuten einfach wie ein solches e, ohne dah man r oder z mitspräche. Namentlich er ist sehr häufig; cs ist die Endung der Nennform bei den meisten Zeitwörtern(siehe ölover); aber gerade bei Eigennamen loird eS häufig auch wie äbr auSgesprochenj so bei den elsah-lothringischeu Namen, die eigentlich auf„Weiler" enden, wie Guebviller(=� Gebweiler, sprich gebwihlähr. Auch sprich! man Anvers(-Antwerpen) wie angwähr. Die Laute e und 6 bezeichnen das breit gesprochene äh. Mö- ziores lautet wie mehsiähr'.(Das nahe gelegene berühmte Sedan sprich wie söddang). Ein breites äh dieser Art wird auch durch die Endsilbe et(sprich äh) bezeichnet. Malplaquet klingt also wie malplakäh. Das doppelgesichtige h mag den Uebergang zur Besprechung der Mitlaute bilden. Als Stimmlaul wird es wie ein reines i ge< sprachen, nie wie ü. Aber es tritt auch als Millaut aus und spielt dann im Französischen wie im. Englischen eine für die deutschen Sprachwerkzeuge wichtige Rolle. Es ist nämlich in beiden Sprachen der Buchstabe, der den richtigen Laut de? deutschen j ausdrückt. Ionne wird wirklich wie jonn' gesprochen und Dork wie jork. Schreibt aber der Franzose ein i, so spricht n es wie ein weiches sch, das wir im Deutschen gar nicht haben und nur nachahmen in Lehnwörtern, wie z. B. in„rangieren". Mi! diesem Laut sind alle Äamen wie Jaurös(schorähs) und Joffr, (schoffr's zu sprechen. Schreibt dagegen der Engländer ein j, so spricht er eS Ivie das eben erwähnte französische j mit einem Lorschlag von d. Der Jingo(Hurrapalriot) würde sich, wenn er sich selbst überhaupt mit diesem Spitznamen benennte, wie dschingo aussprechen. _(Schluh folgt.) RuPsihe Einquartierung vor 7 SS fahren. Interessante Ausschnitte aus dem Kriegsleben im Anfang der Befreiungskriege bietet das Tagebuch des damaligen Schauspielers und späteren Fabrikanten Karl August R i ch a r d i in B r o m b e r g, der im öffentlichen Leben der Kleinstadt eine Rolle spielte.(Zeitschrift der historischen Gesellschaft für Posen, Jahr- gang$5.) Der Ort hatte nach dem Zusammenbruch der frauzösi- scheu Jnvasionsarmee auf den Schncefeldern Ruhlands manches ourchzumachen; immerhin ist aus Richardis Tagebuch zu cntnch» 4[ Ein Solöat öes alten Zritz. Uli Braeker, 173S irr der Schweiz geboren, hat von 1770 °n ein Tagebuch geführt und daraus 1781 die Geschichte seines Gebens gebildet, die 1789 als„Leben und Abenteuer des armen Manne« im Tockenburg" erschienen. Aus diesem durch Frische. Natürlichkeit und Anmut ausgezeichneten Buche geben fvir das Stück, in dem er feine Erlebnisse im friderizianischcn Heere schildert. Er war einem Werber des Preuhenkönigs in die Hände Befallen, wurde nach Berlin und schliehli» in die Schlacht bei Lowositz geschleppt, au? der er glücklich desertierte. Eine neue und sorgsame Ausgabe des Buches hat Adolf Wilbrandt 1910 bei Meycr ü. Jessen in Berlin herausgegeben. » Berlin ist der größte Ort der Welt, den ich gesehen; und "och bin ich bei Iveitem nie ganz darin herumgekommen. Wir s'l'ei Schivcizer machten zlvar oft den Anschlag zu einer solchen Reise; aber bald gebrach s uns an Zeit, bald an s'teld, oder wir waren von Otrapazen so niarode, das; imr "»s lieber der Länge nach hinlegten.„ Von der Stadt Berlin sagen zwar viele, sie bestehe aus sieben Städten; unsereincm hat man aber nur drei genannt. Berlin, Neustadt und Friedrichstadt. Alle dm find tn der Bauart verschieden. In Berlin oder Coln. wie man auch 'agt. sind die Häuser so hoch wie m den ���Ätadten. abc s"e Gasseil sind nicht so breit wie in Neu- und Friedrich, tadt 'vo die Häuser wieder niedriger, aber gleichförmiger gebaut sind. Ta sehen auch die kleinsten, oft von sehr armen Leuten bewohnt, loenigstens sauber und nett aus. 5 Mbt ci- ungeheuer viele große. leere Platze, die teil- zum vertieren und zur Parade, teils zu gar nichts gebaucht werden; ferner Acckcr. Gärten, Alleen, alles m bie y-tabt Angeschlossen. Vorzüglich oft gingen wir auf � lange Drücke, auf deren Mitte ein alter Markgraf �Branden dnrg.') zu Pferd in Lebensgröße, von Erz gesso'sen ileht, "nd etliche Enakssöhne niit krausen Haaren zu �inm F'chen defesselt sitzen, dann der Spree nach, auf den Weidendamm d>o es aar lustig ist, dann ins Lazarett, um das trauriMe Spektakel unter der Sonne zu sehen, bei dem rimn, dar unsinnig ist, die Lust an Ausschuxifungen ba d veigeben '"uß. In diesen Gemächern, so geräumig wie Kirchen, s.ei t *} Der Große Kurfürst. Bett an Bett gereiht, in deren jedem ein elender Menschen- söhn auf seine eigene Art den Tod, und nur wenige ihre Genesung erwarten. Hier ein Dutzend, die unter den Händen der Feldschercr ein erbärinliches Zetergeschrei erheben; dort andere, die sich unter ihren Decken krümmen wie ein halb zertretener Wurm; viele mit an- und iveggefaulten Gliedern. Meist mochten Wir s nur ivenige Minuten aushalten, gingen wieder an Gottes Luft und setzten uns aus einen Rasenplatz. Da führte unsere EinbildmigSkraft uns fast immer unwillkürlich in unser Schweizerland zurück, und erzählten wir einander unsere Lebensart zu Hause; wie wohl's uns war, wie frei wir gewesen und was es hier für ein verwünschtes Leben sei. Tann machten wir Pläne zu unserer Entledigung. Bald hatten wir Hoffnung, daß uns heut oder morgen einer gelingen möchte; bald sahen wir vor jedem einen uniibersteig- licheu Berg; am meisten schreckte uns die Vorstellung der Folgen eines fehlschlagenden Versuches. Fast alle Wochen hörten wir nämlich neue, ängstigende Geschichten von ein- gebrachten Deserteurs, die, wenn sie auch noch so viele List gebraucht, sich in Schiffer und andere Handwerkolentc oder gar in Weibsbilder verkleidet, in Tonnen und Fässer ver- steckt, dennoch ertappt wurden. Da mußten wir zusehen, wie man sie durch 200 Mann achtmal die lange Gasse auf und ab Spießruten laufen ließ, bis sie atemlos hinsanken—, wie sie des folgenden Tags aufs neue dran mußten, die Kleider vom zerhackten Rücken heruntergerissen, und wie wieder frisch drauflosgehanen wurde, bis Fetzen geronnenen Blutes ihnen über die Hosen hcrabhingen. Tann sahen Schärcr und ich uns zitternd und todblaß an und flüsterten einander in die Ohren:„Die verdammten Barbaren!" Was hiernächst auch auf dem Ererzierplatz vorging, gab uns zu ähnlichen Bctrachungcn Anlaß. Auch da war des Fluchens und Karbatschens von prügelsüchtigen Innkerleins, und hinwieder des Lamentierens der Geprügelten kein Ende. Wir selber zwar waren immer von den ersten auf der Stelle und tummelten uns wacker. Aber cs tat uns nicht minder in der Seele weh. andere um jeder Kleinigkeit willen so un- barmherzig behandelt und selber jahrein,. jahraus so kujoniert zu sehen; oft ganzer fünf Stunden lang, in unserer Montur eingeschnürt, wie geschraubt stehn, in die Kreuz und Oncr pfablgerad marschieren, mid ununterbrochen blitzschnelle .Handgriffe mache» zu müssen, und das olles auf Geheiß eines Offiziers, der mit furiosem Gesicht und aufgehobenem Stock vor uns stand, und alle Augenblicke wie unter Kabis- köpfe*) dreinzuhauen drohte. Bei einem solchen Traktement mußte auch der starknervigste Kerl halb lahm und der ge- duldigste rasend werdep. Kamen wir dann todmüde ins Quartier, so gings schon wieder über Hals und Kopf, unsere Wäsche zurechtzumachen und jedes Fleckchen auszumustern. denn bis auf den blauen Rock Ivar unsere ganze Uniform weiß. Gewehr, Patronentasche, Kuppel, jeder Knopf an der Montur, alles mußte spiegelblank geputzt sein. Zeigte sich an einem dieser Stücke die geringste Untat, oder stand ein Haar in der Frisur nicht recht, so Ivar, wenn man auf den Platz kam, die erste Begrüßung eine derbe Tracht Prügel. Das währte so den ganzen Mai und Juni fort. Selbst den Sonn- tag hatten wir nicht frei; dann mußten wir auf das properste Kirchcnparade machen. Also blieben uns zu jenen Spazier- gängen mir wenige zerstreute Stunden übrig, und wir hatten kurz und gut zu nichts Zeit, als zum Hnngerleiden. Wahr ist's, unsere Offiziere erhielten gerade damals die ge- messenste Order, uns über Kopf und Hals zu tnuslern; aber wir Rekruten wußten den Henker davon und dachten halt, das sei so Kriegsyianier. Alte Soldaten vermuteten ivohl so etwas, schwiegen aber inausstill. Indessen ivaren Schärcr und ich blutarm geworden, und was uns nicht an dem Hintern gewachsen war, hatten wir alles verkauft. Nun mußten wir mit Brot und Wasser oder Kovent**), das nicht viel besser als Wasser ist, vorliebnehmen. Mittlerweile war ich von Zittemann we», zu Wolfram und Meewis ins �.artier gekommen, von denen der erstere ein Zimmer- mann, der andere ein Sckmster war, und die beide einen guten Verdienst hatten. Mit diesen machte ich anfangs eben- falls Menage. Sie hatten so ihren Bauerntisch: Suppe und Fleisch mit Erdäpfeln und Erbsen. Jeder schoß zu einem Mittagsmahl zwei Dreier; abends und zum Frühstück lebte leder für sich. Ich aß besonders gern eine Ochsenpfote, eine.i Herrng oder einen Dreicrkäse. Nun aber könnt ichs nicht mehr mit ihnen halten; zu verkaufen hatt' ich nichts, und wem Sold ging Meist für Wäsche, Puder, Schuhwachs. Kreide, Schmirgel, Oel und anderes Plunderzeug auf. Jetzt sing ich erst reckst au, Trübsal zu blasen, und keinem Menschen könnt ich so recht von Herzensgrund meine Wut klagen. Des Tags ging ich umher wie der Schatten an der Wand. (Forts, folgt.) *) Kohlköpfe; dann in der verächtlichen Bedeuhing: Dickköpfe. X Ursprüllglich: im Klchter gebrautes Bier;.hier: Dünnbier« tntri, daß Mfi so gefürchieten Kosaken keineswegs in Greueltaten schwelgten und oft genug die angeblich zivilisiertereii Truppen des napoleonischen Heeres beschämten. Als die erst« Nachricht nach Bromberg kam, die Kosaken seien bereits in Schwetz, gab es in der Stadt große Bestürzung,„weil uran noch nicht wissen kann, wie die Sitten dieser Herren be- schassen sein werden". Eine große Anzahl französischer Offiziere erch'isf aus diese Kuirde hin schleunigst die Flucht und zahlte für. Fuht Enerke jeden geforderten Preis. Die anfängliche Furcht dier BurAerschast weicht aber größerer Zuversicht, nachdenr berichtet wird, da die Kosaken in Schwetz„säuberlich verfahren".«Einige Tage später erscheint die erste Kosakcnabtcilung am Danziger Tor..„Die Furcht ist weg, sie halten Manneszucht." Vor einem Ausfall der Thorner französischen Garnison ziehen sie sich über den zugefrorenen Brahefluß zurück und gehen einem offenen Kampfe aus dem Wege. Tie Franzosen machten insolgcdesien tvieder Kehst,„taten sich gütlich in der stadt und hatten nicht übel Lust,«k» prendre un peu". Diese Plünderungsgelüste sind um so erstaunlicher, als doch Bromberg zum Großherzogtum Warschan gehörte, das den Franzosen verbündet war. Nachts zogen sie nach Thorn zurück; tags darauf erschienen wieder die Kosaken. Ihr Hetmann, Herr von Luklveiken, verlangte eine ganze Zimmer- flucht; er verordnete, daß binnen einer halben Stunde alle Zimmer geräumt sein müßten, wenn nicht seine Kosaken die Mühe über- nehmen sollten., Es geht alles, wenn der Kantsch�l hinterher ist: in einer halben Stunde waren wir ausgezogen." Im übrigen benahmen sich die Russen inanierlich, ihre Osfi- ziere veranstalteten Festlichkeiten und die Genieinen machten Post- dienst und brachten„die Berliner Post und Zeitungen". Ter russische Befehlshaber Woronzew, der inzwischen angelangt ist, hält strenges Strafgericht über einen Denunzianten, der sich durch Verleumdung des Bürgermeisters bei den Russen beliebt machen will. Ueberhaupt wird viel aus Disziplin gehalten.„Heute früh wurde einigen Soldaten die Manneszucht durch 6000 Rutrn- hiebe eingeschärft." Im übrigen leben sie harmlos vergnügt.„Bei Schneiders haben die Russen einen Ball gegeben, wo es recht artig hergegangen sein soll." Verstöße gegen die guten Sitten kommen anscheinend nicht vor.„Ein Osfizico ist gestern herumgeritten. zum Ball auf heute inbitieren. Also fuhr ich mit der Frau gegen 9 Uhr nach oer„Harmonie" und fand den bal psre ebenso an. ständig als unter Europäern. Tie Herren tanzen ebenso gern als sie sich schlagen, wo nicht noch lieber." Erst acht Wochen nach der Besetzung der Stadt verlangt die russische Behörde 21 000 Gulden und Lebensmittel. Eine einzige Rempelei geschah zwischen dem Dokhor Friedrich Busler und einem russischen Offizier, der Pferde requirieren wollte.„Solches schlägst er patzig ab, und im Diskurs bedient er sich ungescheut eines Instrumentes, um Flüssigkeiten loszuwerden, welches man sonst nicht in fremder Gegenwart ergreift. Siehe, da ergrimmt der Krieger und wirft den Doktor in einen weinleeren Keller, wo er annoch sitzt." Er wurde aber nach kurzer Zeit wieder heraus- geholt. Monat auf Monat verstreicht, eine russische Truppe wechselt die andere im Quartier ab, doch gibt eS keinen Anlaß zu Klagen über unangemessenes Benehmen. Ter General Miloradowitsch wird sogar als„braver Mann" bezeichnet, und selbst die Bäsch kirxn benahmen sich anständig....L_ c, b. kleines Feuilleton. Der andere. De» einen haben wir am Freitag vorgeführt. Nämlich den Berichterstatter des„Berliner Tageblattes" auf dem östlichen Kriegsschauplatz, Herrn Paul Lindenberg. Den andern, Herrn teinrich Binder, der das„Tageblatt" auf dem westlichen riegSschauplatz repräsentiert, wollen wir mit den Worten kenn- zeichnen, die die„Aktion" dem Cheftedakteur des„Berliner Tage- blattes" widmet: „Vielleicht lesen Sie noch einmal, WaS im Feuilleton des .Vorwärts" vom 11. und vom 12. Oktober 1S12 über jenen literarischen Diebstahl steht, den der heutige Mitarbeiter Ihres B'altes, Heinrich Binder, verübte? Erwischter Binder hatte den Roman.Hafenstürme' des Engländers W. W. Jacobs kurz und binderich unter dem schönen Titel.Krischan Twietmeher, die Ge- schichte einer guten Seele" als eigenes GeisteSprooukt an die „Altonaer Nachrichten' verlaust. Zur Sicherheit hatte Binder den Namen des Romanhelden gefälscht. DaS Plagtat erschien— aber gleichzeitig erschien(zum Verhängnis des Plagiators) das Original st anderen Zeitungen. Doch das stört wohl nicht?" Kriegsberichterstatter sind, scheint's, oft wunderliche Leute, Die Katheürale von Reims. Der Dom von Reims brennt! Die Meldung, die vom Schlacht- felde zu uns herübertönte, ließ das Herz jeden Kunftfteunde» schmerzlich erzittern bei dem Gedanken, daß französische Leicht« fertigkeit diese erlesene Perle frühgotischer Architektur in ernste Ge- fahr gebracht hat. Die Kathedrale, deren Bau im Jahre 1212 nach den Plänen des Meisters Robert de Couch begonnen wurde, war bereits 1241 so weit fertig, daß das Domkapitel sie beziehen konnte. Die prachtvolle Fassade mit ihren reichen Verzierungen wurde aber erst gegen Ende des 13. Jahrhunderts in Angriff genommen, und etwa 100 Jahre später war sie vollendet. WaS dieses Wunder der Gotik por allem auszeichnet, ist die edle Harmonie aller Masse im Inneren wie im Aeußeren. Dem dreischifffgen Langhaus schließt sich vom Ouerschiff auS eine sünfschiffige Anlage an. Zu den fünf Kapellen, die den Thorumgang umftänzen, steht dieser in seiner schlich len Ein- fachheit in wirkungsvollem Gegensatz. DaS Mittelschiff steigt in stolzer Höhe mehr alS doppelt so hoch wie die Seitenschiffe. Die Kirche hat sieben Türme. Fünf davon sind 1481 durch einen Brand bis zur Dach- höhe herab zerstört worden. Auch die beiden Haupttürme der Fassade verlöre» damals ihre Spitzen, die auch nicht mehr ergänzt wurden. Aber trotz diesem Schönheitsfehler, der der Gesaintwirkung keinen Abbruch tut, ragen diese Türme immer noch zu der stattlichen Höhe von etwa 80 Metern empor. Die Fassade ist mit einer wahren fülle von Skulpturen ausgestattet. Die Fensterrose über dem tiefen iittelportal zeigt bei einem Durchmesser von zwölf Metern eine so wundervolle Formenschönheit, daß sie sich durchaus der be- rühmten Fensterrose der Notre- Dame in Paris an die Seit« stellen kann. Darüber ist die Taufe Chlodwig«, des erste» christlichen Frankenkönigs, dargestellt, der im Jahre 49« von dem Schutzheiligen von ReimS, dem Heiligen Remigius, getauft und gekrönt wurde. Noch höher zieht sich die sogenannte KönigSgalerie entlang, die ihren Namen den 42 Statuen französischer Könige verdankt, die in lebenswahrer Gestalt in Spitzbogennischen nebeneinander stehen. Diese Königsgalerie geht als dritter Stock quer über die ganze Fassade hinweg. Steht man so vor der Käthe- drale und versenkt sich in Ruhe in die Betrachtung der Einzelheiten, die sich zu so wunderbarem Einklang verschmelzen, so wird man den Eindruck haben, daß die Fassade als Gesamtheit viel weniger bizarr und unruhig wirkt, als die von Notre-Dame in Pari». Selbst da« Strebewerk zeichnet sich durch den ruhigen Adel seiner Formen au« und ist höchster Bewunderung wert. Die Seitenportale sind weniger reich geschmückt. Am Ende der Apsis strebt ein zier- licher Dachreiter empor, der„Engelsglockenturm'. Er wird gelragen von acht Riesenfiguren und gekrönt von einem Engel, der in seiner Hand das Wahrzeichen des Christentums, das Kreuz, emporhält. DaS Innere der Kathedrale ist verhältnismäßig einfach und wirkt gerade deshalb wohl besonders stark auf den Besucher. Sehr schön ind die runden Pfeiler, die das Gewölbe tragen. Sie find von v er Halbsäulen umgeben und ihre Kapitelle find reich mit Blattwerk geschmückt. Von den Glasmalereien der Fenster ist be- sonder« kunstvoll der malerische Schmuck der Fensterrose de« Südportals, die Gottvater im Kreise der zwölf Apostel darstellt. Unter den Gemälden, die die Kapellen schmücken, zeichnen sich zwei durch ihren Kunstwert aus. Das eine, das Tizian zugeschrieben wird, gibt die Begegnung des auferstandenen Christus mit Maria 'Verantwortlicher Redakteur:«kfreh Melepp, Neukölln. Für de» Magdalena wieder; das andere. Christi Geburt, zeigt TintorettoS Meisterband. (Nach englischen Meldungen ist die Zerstörung der berühmten Kathedrale keineswegs so arg, daß sie nichr wieder hergestellt werden könntet Die Fassade mit ihren drei Toren ist fast unbeschädigt; ebenso sind die beiden Türme und die Fensterrosetten unbeschädigt.. Die Schäden des Dachstuhls sind reparierbar.) Kulturüokumente. Die folgenden Strophen sind einem sogenannten.Soldatenlied' entnommen, das betitelt ist:„Hau sie. lieber Gott!" Verfasser ist der Realschulprofessor Fritz Ludin in Freiburg i. B. Vertont von einem Kapellmeister des Stadttheaters und„künstlerisch" geschmückt, wird das Machwerk zum Besten des Roten Kreuzes für eine Mark verkauft. Nur ein paar Strophen: Wieder juckt es den FrckiizoS Unter seiner roten HoS: Flöh in Hosen, Muck im Kopf. Laust ihm doch den welschen Schopf, :,: Oder besser:.: Haut ihn ab, dem falschen Tropf II Und in Rußland der Barbar, Der von je ein Schnapslump war: Reißt ihm�doch die Buddel'rus. Deutschen Schnaps schenkt ein dem Ruß, :.: Oder besser:,: Setzt den Kerl in Spiritus I! Und in England, Numro Drei, Lebt der Herr Minister Brey, Büffsteck frißt er roh und rot: Haut den feigen Krämer tot. :,: Oder besser:,: Hackt ihn breit zum EntrekSt! I Und im Balkan auch der Serb, Will, daß man ihm'S Leder gerb: Michel, nimm ihn beim Genack. Gerb ihm seinen laus'gen Frack, :,: Oder besser Zieh' ihm'S Fell ab. dem Schlawack l! Das ve*�?etie Lachen. Als wir beide Sck>T.1ter an Schulter an der Werkbank standen, wie konnte er de lachen. So hell, so laut, so fröhlich und von Herzen, daß es fast das Getöse der Maschinen, der Niethämmer, übertönt.� und alle Kehlen ansteckte. Es war ein gesundes,«in starkes Lachen, und gesund und stark war er auch, der ewig lachende üstaxe. Er lachte viel und gern, und doch traf das Sprichwort vom vielen Lachen auf ihn durchaus nicht zu. Er war kein Narr, nicht mal ein närrischer Kauz, sondern ein beller, kritischer Kops, der allzeit wußte, was er wollte. Aber sein Lachen war ihm alles und half ihm über alle Bitternisse seines Lebens hinweg: und die waren trotz seiner 80 Jahre nicht gering. Das Lachen war seine Medizin und seine Waffe, jawohl, Waffe. Wer sich an ihm reiben wollte, den setzte er mit seiner schmetternden Lache glatt in den Sand. Und als einmal in einer öffentlichen Versammlung ein antisemitischer Konfusionsrat seine krausen Ge- dantengänge über die Partei entwickeln wollte und sich dabei ver- schluckte, da klang mit einem Male aus der hintersten Ecke des Saales ein Lachen, das wie«in ungestümer Bergbach über die dicht gedrängte Zuhörerschaft prasselte. Maxe lachte, und da wußten wir, die wir neben ihm sahen, daß der arme Schwätzer vorn auf dem Podium unrettbar verloren war. Einige Sekunden stutzte die Versammlung, dann aber brach eine Lachsalve los, so stark und un- gehemmt, daß die Fenster dröhnten und der Redner mit offenem Munde wie in einer Versenkung verschwand. So konnte unser Maxe lachen. Die spätere Zeit trennte mich von ihm. Kürzlich aber sah ich ihn wieder, als ich über dem Alexanderplatz ging. Er war fcld- grau gekleidet und stand an einer Haltestelle der Straßenbahn. Ich hätte ihn beinahe nicht mehr erkannt. ES war noch immer das alte, gutmütige Gesicht, aber die Augen— Herrgott, die Augen waren eS nicht mehr. Die Augen, die ehemals so lieb und lustig gucken konnten. Und der sonst ewig lachende Mund war herb ge- schloffen. Es lang etwas Verkniffenes über den Zügen, etwas Fremde». Fürchterliche».... Er drückte mir die Hand, ganz kurz und hart, dann versenkte er sie wieder in seine Hosentasche. Er konnte mir nicht mehr voll in die Augen sehen. Sein Blick hatte ein scheue» Flimmern. Wir gingen eine Tasse Kaffee trinken und sprachen lange. Aber fröhlich wurde er nicht. Er blieb düster und ernst, als drückte etwas mit Zentnerschwere auf ihn. Es tat mir weh. „Maxe, lach' doch mal!" bettelte ich. „Lachen?" fragte er schmerzlich,„ach, das Lachen Hab' ich ver- loren, dort," er zeigte mit der Zigarre in die unbestimmte Ferne, „dort haben wir'S verscharrt, bei Lüttich!" Line Kriegsausfteilung in Leipzig. Auf der Leipziger Weltausstellung für Buchgewerbe und Graphik, die ihren Betrieb aufrechterhält, wird zurzeit eine KriegSauSstellung vorbereitet, deren Eröffnung am 1. Oktober stattfinden soll. Die Ausstellung wird nur den gegenwärtigen Weltkrieg behandeln; historische Rückblicke auf frühere Kriege find im allgemeinen nicht beabsichtigt. Diese neu« Sonderausstellung steht in gewissem Zu- sammenhang mit der Bugra, indem unter anderem gezeigt werden wird, wie groß der Einfluß ist. den der Krieg bereit» auf Buch- aewerbe und Graphik ausgeübt hat. So werden Bücher. Broschüren, Plakate, Maueranschläge, Karten von de»» Kriegsschauplätzen. Bilder- Postkarten ausgestellt werden. Sehr reich wird sich voraussichtlich die Ausstellung der Tagespress« und illustrierten Zeitschriften ge- stalten. Dabei werden nicht nur deutsche Zeitungen, sondern auch die Presse der neutralen Länder und die Zettungen unserer Feinde zu sehen sein. Die Grenzen der Ausstellung bleiben aber nicht auf das Buch- gewerbe beschränkt. Sondern der Krieg wird noch in vielen anderen Einzelheiten zur Anschauung gebracht werden. Uniformen deutscher und feindlicher Truppen werden ausgestellt, Waffen, Munition, Material der Sanitätskolonnen usw. Was verwundete Soldaten an Keinen und großen Kriegserinnerungen(??) in die Heimat mit- bringen, ist alles willkommen und wird nach Schluß der Ausstellung gut verpackt zurückgesandt. Die Leitung der Leipziger Kriegs- auSstellung liegt in den Händen des MuseumSdirektorS Dr. Schramm, dem ein kleiner Ausschuß, bestebend aus den Herren Verwaltungs- direktor Fiedler, Maler Prof. Hsroux. Redakteur Meyer und Schrift- steller Dr. Stettenheim zur Seite steht. Theater. Schiller-Theater 0: Kleiner Krieg, historische Komödie von Ludwig R o h m a n n. Ein Schulmädchenstreich in dem adligen Altenburger Fräuleinstift, der in den von Herrn Roh- mann herausgegebenen„Briefen an Fritz von Stein"(den Sohn von Goethes berühmter Weimarer Freundin) mit ein paar Zeilen erwähnt wird, hat ihm den unglücklichen Gedanken dieser Komödie eingegeben. Die Fräuleins demonstrierten 1807 nach den Rapoleo- nischen Siegen ihre deutsche Gesinnung durch einen Boykott gegen ihren französischen Sprachmeistcr, erklärten, überhaupt kein Wort mehr in der verhaßten fremden Sprache reden zu wollen. Zu vier verdrießlich langen Akten ist diese Anekdote auSgereckt. Dem Lehrer. der die Gesinnungslumperei franzmännischer Großmannssucht in Reinkultur zu repräsentieren hat, bekommt von den Damen und anderen gutzti Deutschen ordentlich die Wahrheit zu hören, um zu guterletzt-Mn dem Minister des Ländchens selber vor die Tür ge- setzt zi� werden. Aber eS gibt unter den Franzosen und den Deutschen, die in französische Dienste traten, auch gute -xrm'chen. Einen Major, der, als er Fräulein TrudeS Liebhaber, den tapferen preußischen Offizier arretieren soll, ihm— man weiß nicht recht warum, doch jedenfalls zur frohen Ueberraschung des Publikums— einen Freipaß ausstellt, und einen Provinzialrat, der den Berfolgten über die Grenze schmuggelt. Alles löst sich aufs erfreulichste, und nach dem Sieg über den Sprachmeisler wird auch der allzu radikale Streikbeschluß der Damen wider den französischen Unterricht zurückgezogen. So wenig wie in der Erfindung, traten in Dialog und Charakteristik irgend welche über das Niveau farblosester Routine sich erhebende Züge hervor: loas indes dem Beifall. namentlich bei den sogenannten patriotischen Stellen, nichts anzu- haben vermochte. Gespielt wurde im Ganzen flott und temperament- voll. Besondere Erwähnung verdient, daß Herr W e r a n a in der Figur des Sprachlehrers sich dankenswert von jedem billigen Kari« kieren fernhielt._ ät. Notize». — Schweine-Humor. Die„Hamb. Nachr.' veröffentlichen aus einem Feldposibriese folgendes: „... Gottlob gibt es auch heitere Episoden. Am Sonntag morgen zogen wir in das brennende Ethe(Belgien) ein. Hier blühte unS ein Straßenkampf, der aber durw die Feigheit der Bewohner nicht sehr blutig für uns war. Wir nahmen alles Män»- liche und auch alle Schinken und Speckseiten mit, denn ersten« muß der Mensch leben, und von hinten läßt man sich auch nickt gern er- schießen. Vor einer HauStür lag ein verwundeter Franktireur, und dicht hinter ihm grunzte friedlich eine schöne fette«au. Der vorbeireitende Major rief uns zu: Nehmen Sie das Schwein mit! worauf prompt ein Mann fragte: Welches denn, Herr Major?' � Diese Art„Humor' ist— das 1« hier festgestellt— seit dem 30jährigen Kriege in Deutschland nickt mehr üblich gewesen. Sie findet ihre Vorbilder im„SimpliciuS SimpliciffimuS" des Grimmelshausen. Vielleicht daß auf diesem Gebiete die vielbetufene„Auferstehung der deutschen Kunst" erfolgen wirdl — Theaterchronik. HumperdinckS„Marketenderin', die am nächsten Montag ihre Erstaufführung am Deutschen Opern- hause erlebt, ist ein Singspiel, daS am letzten Tage des Jahres 1813 spielt, unmittelbar vor dem Uebergange BlücherS bei Caub. Das Textbuch ist von Robert Misch. — Konzertchronik. Am 3. Oktober findet in den Kammer« sälen. Teltower Str. 1, ein Konzert zum Besten der Kriegshilfe statt. Eintritt 30 Pf. — DieKun st schätze deSLouvre sind in Sicherheit ge« bracht worden. Alle Fenster wurden vermauert. Die Mona Lisa wurde nach Toulouse gebracht. Sehnliche Maßnahmen wurden m allen anderen Pariser Museen getroffen. — Die Große Berliner Kunstausstellung am Lehrter Bahnhof ist am Sonntag zum letzten Male dem Besuch ge« öffnet. Bei Eintritt der Dunkelheit wird sie geschloffen. — Der Schutz von Kunstwerken im Kriege.§27 des Uebereinkommens der zweiten Friedenskonferenz über den Landkrieg vom 18. Oktober 1907 bestimmt:„Bei Belagerungen und Beschießungen sollen alle erforderlichen Vorkehrungen getroffen lverden, um die dem Gottesdienste, der Kunst, der Wissenschaft und der Wohltätigkeit gewidmeten Gebäude, die geschichtlichrn Denkmäler, die Hospitäler und Sammelplätze für Kranke und Verwundete, soviel als möglich zu schonen, vorausgesetzt, daß sie nicht gleichzeitig zu einem militärischen Zweck Verwendung finden.' — Die Geistesarmut. Auch bei den Komponisten langt es nicht. Also langen sie zu. Will sagen: da sie nicht« eigenes schaffen können,„leihen' sie, nach guter alter Komponistensitte. S» ersckeint bei Karl Simon, Mufikverlag, Berlin W 35, ein„Deutsches Kampflied' von Emund Kühn, Text nach(!) Julius Rodenberg. Titel sehr kühn:„Nach Paris! 1813. 1870. 1914." Mitten der Strophe geht die sogenannte Melodie einfach über in den alte« „ITridoricus rex". Eine merkwürdige„Wiedergeburt der deutschen Kunst", von der chauvinistische Aesthrtiker bereits allenthalben faseln — Kein Ruß' Musikus. Der von seinen Tharlotteu« burger Kollegen kaltgestellte Tenorist Arensen gastierte in Hamburg als Walter Stolzing! Weniger anständig ist maxi in Bremen, wo die Chauvinisten nach Charlottenburger Muster einen russischen Untertan, den Tenoristen Spivak, hinausgesetzt haben. — Dem Protest gegen die chauvinistischen Ge« lehrten haben sich auch die Professoren W a l d e y e r und Orth angeschlossen. — Wie'S gemacht wird.„Belgische Jäger, die si# nach einem Gesecht mit einem Schwerverwundeten sechs Tage lang in einen, Kanalrohr versteckten." So nennt der. T a fl ein Bild, daS er bor einigen Tagen bracht«. Die München« Zeitschnsi „Zeit im Bild" macht die Sache interessanter und schreibt unter genau dasselbe Bild:„Absuchen eines Schlachtfeldes. Einet« Icho ssener Franktireur wird aus einem Graben gezogen- — Wenn das übrigens mit Schlacktfeldbildern so weiter gehen soll, wie bisher, können wir noch nelte Dinge erleben. Un» soll eS rechs sein.„Zeit im Biw" brachte, nebenbei bemetft, kürzlich ein Bild- Deutsche Ulanen vdr Paris. Natürlich keine Photographie, sondern ein« Zeichnung! Just als sie erschien, war der rechte deutsche Flügtt zurückgenommen worden. — Künftlerpolitik und Kun st Politik. Der Vorstand der„ArtisteS gran?aiS" hat beschlosien, in Zukunft keine deutschen Künstler mehr als Aussteller zuzulassen. Der Salon der.Artist«« FranyaiS" ist die Gesellschaft der Kitscher und Zuckerbäcker, die jedem Frühjahr daS Grand Palais der elytäischen Felder� ZN einer Wüste macht. Die Ironie deS Schicksals will, daß es just He» Bonnat und seine �ippe waren, die im offiziellen Deutschland bisher als die Vertreter einer.gesunden" Kunstrichtung galten und in hohen Gnaden standen. — Charles Peguy, einer der vornehmsten und eigen« artigsten Spracklünstler Frankreichs, ist auf dem Schlachtfeld gefallen- Ein Kind des Volkes, hatte er in seinen ersten Schöpfungen d» moderne Weltanschauung und ihre sozialen Ideen verkündigt, aber dann wie so manche seiner Generation einen Weg gegangen- der ihn den traditionellen Patteien in Religion und Polirik imntt- näher führte. So wurde auS dem revolutionären Vorkämpfer dS DreyfuS-Zeit der schwärmerische Poet deS Jeanne d'Src-KuItus, den nur noch sein Glauben an die Demokratie von den raffinierteren Machern der neumonarchistischen ReaktionS- Ideologie trennte- Idealistische Selbstlosigkeit und edler Trotz haben Pvguy bi» zuw Schluß ausgezeichnet und ihm ermöglicht, sein Werk, die„veffie» äs 1s gurnrsius" am Leben zu erhalten. — Roda Roda über die Kosaken. Der auf der« galizischen Kriegsschauplatz weilende Schriftsteller Roda Roda schreibt aus Grund von Mitteilungen, die ihm Verwundete machten:„Vnn den Kosaken erzählen die Verwundeten überhaupt nichts. Wenn P das Gelichter jemals zu Gesicht kriegen, zeigen die Kosaken imw» den Rücken. Sine» Kampf zu Pferde nehmen sie nickt auf. Furcht vor den Kosaken besteht auch nur bei den Einwohner» GalizienS. Sie sind es, die jeden Tag da und dort KoiakeN' Patrouillen gesehen haben wollen. Leute aber, die mit den donisdsi» Reitern wirklich schon zu tun halten, die Flüchtlinge au« Ostgalizie» etwa, berichten erstaunt, daß jene Halbbatbaren gar nicht so unebew Gesellen wären. Sie rauben und sengen nicht. Sie bezahlen, w"« sie brauchen, dann trollen sie sich ibre» Wege«, der österreichisch� Kavallerie entgegen. Haben sie sie aber gefunden, dann nehmen vc Reißau».' viermuttur zu repraientteren yar, oeiotnmr von oen xximen uno zneigau».____ Inseratenteil verantw.: Td. Glocke, Berlin. Druck u.Verlag:BorwSrr»Buchdruckerei tu VerlagZanstalt Paul Singer St Co. Berlin SW.