»r i92-1914 Unterhaltungsblatt des Vorwärts Die Mobilisierung öes Crnahrungswesens. Uober die Mobilisierung des ErnährungsweseuS veröffcnllickiie kürzlich der Münidener Universiiölsproftssor Max v> G r u l> e r eine sebr bemerkenswcrle Abhandlung. Tie Sozialdemokralie bat für den Politiker Gruber nichts übrig, jedoch als Hiigicniker verdient Herr Gruber Beachtung. Professor Gruber untersucht sehr eingehend die Frage, ob Teutschland, wenn ihm die Zufuhr von aichen völlig ab- geschnitten ist, sich selbst ernähren kann, wenn der lttrieg, wie es wahrscheinlich ist. längere Zeit, vielleicht ein Jahr danern würde. Ob genug Arbeit und Verdienst auf die Tauer geschaffen werden kann, will Gruber, weil nach seiner Ansicht nebensächlich, nicht untersuchen.„Wenn es nicht anders geht, so schreibt Gruber, werden wir uns entschließen müssen, die Bedürftigen auf Staats- kosten zu speisen und die Rosten dafür auch noch auf die Kriegs- rechnung zu setzen, die boffenilich unsere Feinde zu begleichen haben werden. Es handelt sich darum: ob wir im Jnlande genug Lebensmittel für alle haben, und neu erzeugen können? Professor Gruber beantwortet diese Frage vorneloeg'mit dem Satz:„Wir können auf die Dauer ohne jegliche Zufuhr von außen leben; wenn wirnur mit dem, was wir haben, sorglich haushalten und von unserem vaterländischen Boden vernünftigen Gebrauch machen. Aber diese Bedingungen müssen un- weigerlich erfüllt werden." Mit' interessant gruppierten Zahlen aus dem„Statistischen Jahrbuch für das Deutsche Reich, Jahrgang 1914" unterstützt Grubcr seine Untersuchung. Auf den ersten Blick ergibt sich bei dem Vergleich der Einfuhr und Ansfubr in der Reichsstatistik bei dem Wegfall der Einfuhr ein Ausfall von ganz beträchtlichen Massen! Jedoch will man sich über die Be- deutung dieser Zahlen klar werden, müßte man den richtigen Maß- stab anlegen. Bekanntlich braucht der Mensch zum Leben außer Wasser und gewissen mineralischen Stoffen organische Substanzen, unter denen das Eiweiß durch Licbig eine besondere Volksiümlich- kcit erlangt hat. Eiweiß liefern in Deutschland in ge- nügendcn Mengen unsere 29,9 Millionen Rinder, 6,5 Mil- lionen Schafe, 3.5 Millionen Ziegen und 26.6 Millionen Schweine, die 1913 bei uns gezählt wurden. Da der Futier- mitlclimport wegiällt, mehren sich sogar die Schlachtungen. Man wird im Gegenteil einer Verschwendung im Fleischgebrauch vor- beugen müssen, indem möglichst große Mengen durch Räuchern und Pökeln haltbar gemacht werden. UcberdieS genügt die Hälite der Eiweißmengen, die die städtische, Bevölkerung in Friedenszeiten heute verzehrt. An Salzen ist kein Mangel. Das wichtigste ist die ständige Versorgung unseres Körpers mit Energie. Es ist zu fragen:„Wieviel Energie steckt denn in diesen Massen von Nahrungsmitteln, die bisher bei uns eingeführt wurden bezw. hinausgegangen sind? Viele Posten, die uns die Statistik zeigt, könne man sofort ausschalten. Kaffee, Tee, Pieffer, Fleisch- extrakt haben keinerlei Nährwert, sondern sind nur werlvolle, aber völlig entbehrliche Gcnußmittel. Bei dem Mißbrauch, der vielfach mit Kaffee und Tee und Gewürzen getrieben wird, wird es unserem Volke nur nützlich sein, wenn es sich ihrer wieder entwöhnt. Vor den Surrogaten müsse man warnen, in ihnen hat man zumeist nur braune Farbe nnd einen brenzlichen Geschniack um teueres Geld erkauft. In Kricgszeilcn ist jedes Fabrikat verwerflich, das Rohmaterial, das für die mensch- liche Ernährung wertvoll ist, eniwcrlet sz. B. Malzkaffee.) Eichel- kaffee und Zichorienkaffee sind billiger. Einen Maßstab, den wir an den verschiedensten Tingen, die beim Ernährungsproblem in Frage kommen, anlegen können, be- sitzen wir in der Kalorie. Indem man die Kalorien eine? Ijc- stimmten Nahrungsmittels festsetzt, findet man den Encrgiegehalt dieser Nahrungsmittel. Unter Kalorie versieht nian die Wärme- menge, die man einem Liter Wasser von 15 Grad EelfiuS zuführen muß, um seine Temperatur um einen Grad EelfiuS zu erhöhen. Gemessen wird der Energiegebalt der Nahrungsmittel, indem man sie verbrennt. Gruber versucht nun den Jahrcsbedarf an Kalorien des deutschen Volles festzustellen. Er findet, daß ein Voll von 68 Millionen jährlich rund 68 Billionen Kalorien braucht. Bei dem Vergleich dieses Bedarfes mit den Mengen, die die Statistik in einem völlig isolierten Deuischland feststellt, ergibt sich ein Ausfall von 29.6 Proz. des Bedarfes. NiNlMl man an, daß die Einfuhr anS den noch neutralen Staaten bestehen bleibt, so reduziert sich der Ausfall des Bedarfs auf 9,1 Proz. Trifft es zu, daß 6 Millionen unserer Soldaten in Feindesland stehen und sich vollständig aus den eroberten Gebieten verpflegen, so würde die Zähl der Münder im Inland um 8,8 Proz vermindert sein. Es würde dadurch der kalorische Bedarf der Jiilandsbcvöllciung um zirka 11 Proz. herabgesetzt. Professor Gruber nimmt aber an. daß unsere Truppen in Feindesland Zu- fuhr von zu Hause brauchen, und er berücksichtigt, daß wir vielleicht ein paar Millionen Kriegsgefangene mitzuernähren haben und kommt zu dem Schluß, daß selbst im günstigsten Falle ein Defizit von 19 Proz. des Bedarfs sich herausstellen wird. In langen Aus- führungen iveist Professor Gruber nach, daß wir eine ganze Reihe von Möglichkeiten haben, dieses Defizit zu decken. Er verweist auf die große Verschwendung, die die Alkobolmdustrie mil unserem Boden treibt. Im Jahre 1912 wurden im Reiche 67 872 Millionen Hektoliter Bier laleich 68,89 Millionen Doppelzentner) erzeugt. Hierzu sind 1357 Tonnen Gerste nötig, die 4,36 Billionen Kalorien v o r st e l l e u. Togegen liefert ein Doppelzentner Bierr Ouasiier aufgeschlagen halten, imKcllcr unlerstanbigen Weinflaschen. Ein winziges Oellämpchcn warf einen dürftigen Flackerschein durch den Ratnn. Alle klagten über Mangel an Lebensmitteln. Seit Tagen ist kein Brot mehr gebacken worden, es fehlt am Not« wendigsten, und diese„Troglodyten" in ihren Kellern leben küm- mcrlich von den kargen Vorräten, die sie mit heruntergebracht haben. In den großen Weinkellern der Ehampagnersirma Heidsieck sind allein 4000 Flüchtlinge in furchtbar schlechter Lust und unter den elendesten Lebensbedingungen zusammengedrängt. DaS T a g e- b ii ch, das ein Neimser Not�r ivährcnd der denkwürdigen Stunden der Beschießung geführt hat,/ gibt ein Bild von den Erlebnissen der Reimser:„8 Uhr lö Mi nebten früh. Die Beschießung beginnt, wir flüchten in die Keller. 9alhr 50: die Granaten fallen ohne Unter- brechung rings um unter HauS nieder. 4 Uhr 30: die Kathedrale brennt. Von einem Fenster aus kann man es sehen. Das Dach sieht aus wie ein ungeheures Stück Spitze aus Feuer; zwischen dem durchbrochenen Sparrenwcrk züngeln die Flammen heraus und winden sich wie feurige Schlangen empor. Das Ganze sieht ans wie ein riesiges Feuerwerk, dessen wahre schreckhafte Bedeutung man nicht sogleich fühlt." Der Lufischiff krieg und öas Völkerrecht. .... Angesichts der Tatsache, daß die Engländer zwar die offene Stadt l£>ar-es-Sa>ain beschießen, sich aber über das Wersen von Bomben in die Festung Antwerpen aus den Zeppelinen au so höchste J entrüsten, erhält eine kurze Betrachtung über diese Frage vorn «tandpuntt des Völkerrechts, die Pros. Dr. Arndt im'neuesten Heft der„Deutschen Strasrechtszeituug" veröffentlicht, Interesse.„Die Kriegführenden haben kein unbeschränktes Recht in der Wahl der Mittel zur Schädigung des Feindes", so heißt es in Artikel 22 des Abkommsiis betrefsend die Gesetze und Gebrauche des Landkrieges vom 18. Oktober 1007, aber es ist doch gewiß, daß im Kriege gegen den Feind völkerrechtlich alles erlaubt ist, was nicht völkerrechtlich Vom elften bis zwölften September saßen wir in unsenn Lager ganz still, und wer gern Soldat war, dein mußt' es damals recht wohl sein. Da ging's vollkommen wie in einer Stadt zu. Ta gab's Marketender mid Feldscblächter zn Hanfe». Ten ganzen Tag. ganze lange Gassen durch, nichts als Sieden und Braten. Ta konnte jeder haben, was er wollte, oder vielmehr, was er zn bezahlen vermochte: Fleisch, Butter, Käs, Brot, aller Gattung Bailin- und Erdfrüchte. Tie Wachten aiisgenonnnen, mochte jeder macken, was ihm bc- liebte, kegeln, spielen, in und außer dem Lager spazieren gehen. Nur wenige hockten müßig in ihren Zelten. Ter eine beschäftigte sich mit Gewehrpichcn, der andre mit Waschen, der dritte kochte, der vierte flickte Hosen, der fünfte Schuhe, der sechste schnitzelte was von Holz und verkauft' es den Bauern. Jedes Zelt hatte seine sechs Mann und einen Ueberkompletten. Unter diesen sieben war immer einer ge- freit, dieser mußte gute MannSzucht halte». Von den sechs übrigen ging einer ans die Wache, einer mußte kochen, einer Proviant herbeiholen, einer ging nach Holz, einer nach Stroh und einer machte den Beckelmeister, alle zusammen aber eine Haushaltung, einen Tisch und ein Bett aus. Ans den Märschen stopfte jeder in seinen Habersack, was er, versteht sich in Feindesland, erhaschen konnte. Mehl, Rüben, Erd- Hirnen, Hübner, Enten. Wer nichts aufzutreiben vermochte, ward von den übrigen ausgeschimpft, wie denn mir das zum öfteren begegnete. Was das für ein Mordiogeschrei gab, Wenns durch ein Torf ging, von Weibern, Kindern, Gänsen und Spanferkeln. Ta mußte alles mit, was sich tragen ließ. Husch! den Hals umgedreht und eingepackt. Da brach man in alle Ställ und Gärten ein, prügelte auf alle Bäume los und riß die Aeste mit den Früchten ab. Ter Hände sind viel, hieß es, was einer nicht kann, vermag der andre. Da dnrft' keine Seel' Mux machen, Wenns nur der Offizier erlaubte, oder auch bloß halb erlaubte. Ta tat jeder sein Tevoir zum Ikeberfluß. Wir drei Schweizer. Schärer, Bachmann und ich, es gab unsrer Landsleutc zwar beim Regiment noch mehr, wir kannten sie aber nicht, kamen keiner zun; andern ins Zelt, auch nie zusammen aus die Wache. Hingegen spazierten wir oft miteinander außer des Lagers bis auf die Vorposten, be- sonders auf einen gewissen Bühel, wo wir eine weite zierliche Aussicht über das Sächsische, unser ganzes Lager und durchs Tat hinab bis Dresden hatten. Ta hielten wir unfern Kriegsrat: was wir machen, wo hinaus, welchen Weg wir nehmen, wo wir uns wieder treffen sollten. Aber zur Haupt- fache, zum Hinaus, fanden wir alle Löcher verstopft. Zudem wären Schärer und ich lieber in einer schönen Rächt allein, otnie Bachmann, davongeschlichen, denn wir trauten ihm nie zanz und sahen dabei alle Tag' die Husaren Deserteurs ein- 'ringen, hörten Spießrutenmarich schlagen und was es�solcher »lusmnnterungcn mehr gab. Jedoch sahen wir alle Stunde 'inem Treffen entgegen.__(Forts, folgt.) ausdrücklich verboten wird. Nach der Petersburger Konvention im Jahre 1868 über die Verwendung von Sprengstoffen im Kriege war früher das Werfen von Geschossen und Sprengstoffen aus Luftschiffen überhaupt verboten. In der zweiten Haager Friedens- konferenz sollte dieses Verbot wiederholt werden; die daraus bezüg- liche Konvention isl jedoch von Deutschland und von anderen Mäch» ten nicht anerkannt worden, sie gilt also nicht für und gegen Deutsch- land. Demnach ist das Wersen von Geschossen für und gegen Deutschland grundsätzlich erlaubt. Eine Einschränkung erfährt dies indessen durch den Artikel 25 des Anfangs erwähnten Abkommens von 1907, das u. a. von Deutschland, Oefterreich-Ungarn, Groß« Britannien und Rußland ratifiziert worden ist;„Es ist untersagt, unverteidigte Städte, Dörfer, Wohnstätten oder Gebäude, mit welchen Mitteln es auch sei, anzugreifen oder zu beschießen." Dieser Artikel bezieht sich unstreitig auch auf die Beschießung von Lustschifsen aus. Es dürfen also nur verteidigte Ortschaften, ins- besondere Festungen, von Lustschissen aus beschoffen werden. Für den Seekrieg gilt das Abkommen betrefsend die Be- schießung der Seestreitkräfte in Kriegszeiten vom 18. Oktober 1007. Sein erster Artikel lautet;„Es ist untersagt, unverteidigte Häsen, Städte. Dörfer, Wohnikätten oder Gebäude durch Seestreitkräfte zu beschießen." Eine Einschränkung bringt Absah 1 des zweiten Artitels;„In diesem Verbote sind jedoch nicht einbegriffen mili- lärische Werfe, Militär- und Marineanlagen, Niederlagen von Waffen oder von Kriegsmaterial, Werkstätten und Einrichtungen, die für die Bedürsniffe der feindlichen Flotte oder des feindlichen Heeres nutzbar geinachl werden können sowie im Hafen befindliche Kriegsschiffe." Im zweiten Absah wurde bestimmt:„Eine Ort- schaft darf nicht aus dem Grunde allein beschossen werden, weil vor ihrem.Hafen unterseeische selbsttätige Kontaktminen gelegt sind," aber dieser Absatz ist weder von Deutschland, noch von England und Frankreich ohne Vorbehalt angenominen worden. Wenn eine Kriegsflotte Luftschiffe mit sich führt, so kann man diese zu den Seestreitkräften zählen, und es gelleu auch für sie die aufgeführten Beschränkungen des Beschießungsrechts; besonders dürfen unver- teidigte Häsen, Städte, Dörfer, Wobnstätten oder Gebäude von Lustschisfen aus, die zur Kriegsflotte gebären oder für deren Zwecke verwendet werden, nicht beschossen werden. Dieses Abkommen von >007 ist, abgesehen von dem erwähnten Borbehalt, allgemein rati- siziert worden. Es ergibt sich aus diesen Aussülirungen Pros. Arndts ofme weiteres, daß die Beschießung von Tar-es-'Salam eine Ver- letzung des Völkerrechts bedeutet, während das Werfen von Spreng- stofsen aus die Festung Antwerpen durch das geltende Völkerrecht nicht verboten ist. Nufik. Deutsches Opernhaus. Als letzte Neubeit präsentierte sich ein Singspiel„Die Marketenderin" von Robert Misch, zn dem Engelbert Humperdinck, der Schöpfer der reizvollen Märchen- oper„Hansel und Gretel", die Musik geliefert hat. Mit Blüchers Uebergang über den Rhein in der NeujahrSnacht 1814, also einem zweiiellos kriegerischen Vorgang, ist eine schablonenhafte LiebeS- geschichte verknüpft. Anders tun es ja die Librettisten nicht! Da- durch wird der alte„Marschall Vorwärts" zu einer schemenhaften Staffage heruntergedrückt, die nicht das mindeste mehr mit der bistorischen Persönlichkeit gemeinsam hat. HumperdinckS Musik nimmt sich hiergegen weil echter aus. Zwar ist sie ziemlich mager an Erfindung: ober eine gewisse noch immer warmblütige Volks- tümlichkeit wird ihr zuzumessen sein. Und vor ollem bewährt sich Humverdinck wieder als Meister der JnstrumentierungSkulist. Das anspruchslose Werkchen fand bei einer stimmungsreichen Inszenierung und zum Teil guten Darbietung großen Beifall. Freilich, der endlose Enthusiasmus, mit dein hier aufgewartet wird, zeugt nicht gerade für ein in Sachen der Kunst kritikfähiaes Publikum. eß. kleines Zeuilleton. Die 5reie Volksbühne kündigte in diesen Tagen de» Beginn ihrer neuen Spielzeit an und legte ihr Programm vor. Man muß schon sagen:' ihr neue« Pro- gramin. Den» der Krieg HM natürlich die im Frühjahr gesponnenen Pläne nicht bestehen lasse». Er hat au» die Arbeit der Freie» Volksbühne gehemmt und gestört. Das ivar vorauszusehen: denn er riß viele Tausende ihrer Mitglieder ins Feld und nahm vielen Familien die Mittel, auch während der draußen und daheim opfer- schweren Zeit dem liebgewordenen Verein anzugehören. Aber trotz deS Schlages: die Freie Volksbühne kann lebens- kräftig weiterarbeiten. Sie hat das schon in den ersten Wochen kriegerischen ErschiitternS bewiese»: Tausende haben die Abende genossen, die sie im Verein mit ihrer Schwesterorganisation ins Leben rief, und neue Tausende werden dort verspüren, was Dichtung und Musik, zur rechten Stunde aufgeboten, für da« Leben jedes einzelnen bedeuten können. Jetzt gerade ist zu erfahren, daß Kunst nicht ein müßiges Spiel, auch nicht bloß ein tröstender Heiser. sondern der Wecker und das AuSdruckSmiltel gesteigerter, höchster Lebenskraft ist. So hat die Arbeit der Freien Volksbühne in diesen Monaten wuchtiger Völkertragik einen Berus, der ihr das Recht gibt, zur tätigsten Mithilfe aufzurufen. Ein starker Stamm Mitglieder stützt das neue Werk, das sie von Anfang Oktober ab zunächst in süns Theatern und bald auch in der neuei bauten eigenen Bolksbühne am Bülow-Platz leisten wird. Aber der Stamm braucht neue Aeste und Zweige zum Gedeihen, und so ruft die Freie Volksbühne alle, die ihre Bedeutung kennen und wirtschaftlich leistungsfähig geblieben sind, auf. unverzüglich die Mitgliedschaft zu erwerben. Alle Zahlstellen nehmen neben der Geschäftsstelle iBerlin C 25, Liniensir. 227, Telephon Amt Norden 2044, 2945) neue«»meidungen entgegen. Auf die Notwendigkeit, die alten Mitglieds- karten gegen neue Karten umzutauschen, sei be- sonders aufmerksam gemacht. werden die Kriege jetzt grausamer geführt als früher! Diese Frage wirst der ehemalige italienische Fiiurnzminister Luigi Luzzatti im„Corriere della Sera" auf. und er kommi dabei zu dem Ergebnis, daß nicht nur der Kampf aus den Schlacht- feldern blusiger und grausamer geworden sei als früher, sondern daß auch das wirtschaftliche Leben bei Ausbruch und im Verlauf eines Krieges eine Entartung zeige, die man in diesem Umfange bisher nicht kannte. Luzzatti rechnet dahin nicht nur das Einstellen jeglicher Zah- hingen im internationalen Verkehr, sondern auch die von den Engländern angeordnete WertloSerklärung aller Patente, die einem Staate an- gehören, mit denen es sich im Kriegszustände befindet. Noch weil schärfer aber zeige sich der Wandel gegen früher auf den Schlachtfeldern, denn seit Jahrbunderlen komme kein Krieg dem gegen- wärtigen an Blut und Greueln gleich. Diese Kriegführung habe ihr Vorbild in den Kämpfen der Ballandölker untereinander, und in ihren Kriegen gegen die Türken, und es könne ruhig ausgesprochen werden, daß die Balkankriege der Jahre 1912—13 gewissermaßen die Schule gewesen seien, von der andere Völker Europas gelernt hätten. Bei der überwiegenden Mehrzahl solcher Grausamkeiten bleibe nicht einmal die Entschuldigung, daß es sich etwa um die Ver- teidigung einer Fahne, oder um den Kampf für den heimatlichen Boden handele, sondern die Grausamkeiten würden nur der Grau- samkeiten wegen verübt, oder wie wolle man sich sonst erklären, daß man verwundeten und hilflosen Soldaten auf dem Schlachtfelde im rohester Brutalität die Augen aussteche! Zu den Verwilderungen der modernen Kriegführung rechnet Luzzatti auch die Ver- Wendung von asiatischen und afrikanischen Truppen in europäischen Kriegen, wodurch naturgemäß die Kampfart der Wilden auch auf europäische Schlachtfelder übertragen würde. Er erinnert daher an die Kämpfe, die das alte Rom mit Griechenland geführt.habe, und meint, daß sich zwischen damals und jetzt ein Vergleich ziehen lasse, der nicht zugunsten unserer Zeit ausfalle, denn wie Rom die Sitten des besiegten Griechenland angenommen habe, so seien gewisse Völker Europas auf dem Wege, fich die Sitten der von ihnen besiegten Wilden Asiens und Afrikas an- zunehmen. Luzzatti schließt seine Auseinandersetzungen damit, daß die moderne„Kultur" keinen Grund habe, achselzuckend auf frühere Zeiten herunterzusehen; wohl seien unsere Vorfahren in den Aeußer- lichkeiten des Lebens nicht so fortgeschritten gewesen wie wir, aber sie hätten eine Kultur des inneren Menschen besessen, die unsere viel» gerühmte Zeit stets mehr vermissen lasse. Saint Mihiel unö sein Römerlager. Mitten zwischen Toul und Verdun liegt an einem 8-sörmigen Bogen der Maas die Militärstadt Saint Mihiel. überragt von dem jetzt von unseren Truppen eroberten„Camp des Romains", wohl dem stärksten Sperrfort der sich im Tale der Maas emlang ziehenden franzöfischen Festimgslette. Breil strömt der durch künstliche Bauten schiffbar gemachte Strom dahin, über den sich die Bogen einer alten steinernen Brücke spannen, des Verbindungsgliedes der von Osten. also aus der Gegend von Metz, über das Gebirge kommenden Siraße mit der großen, westwärts durch den südlichen Ausläufer der Argonnen hinüber in da? Tal der Aisne führenden Chaussee. Saint Mihiel ist ein kleines Jndustriestädtchen von kaum 10 000 Einwohnern mit Stickereien und Leinwandwebereien. Doch das bürgerliche Leben in den von alten Kloster- bauten und Privathäusern aus der Blütezeit des gotischen Stils eingerahmten Straßen verschwindet vollständig unter dem Treiben der hier in Garnison liegenden Soldaten. Erreicht schon in Friedens- zeilen die Zahl des Militärs die der Einwohner, so übersteigt sie diese im Kriege uin das mehrfache. Oben auf den kahlen, südlich der Stadl gelegenen Höhen, die man durch die Vorstadt von Nanci; erreicht, ragen drohend schwere Befestigungen, um Saint Mihiel mit seinem wichtigen Nebergang über die Maas zu verteidigen. Schon Roms Legionen sollen hier verschanzte Lager bezogen haben, woher sich der Name„Camp des Romains" erhalten hat. In neuerer Zeit spielt der Platz jedenfalls bei der Verteidigung der ftanzösischen Ostgrenze eine große Rolle. Nur 5 Kilometer unterhalb von Mihiel mündet ja der die„Cotes LorraineS" tief durchschneidende Engpaß von Spada in das Tal der Maas. Hier liegt das Sperrfort LeS ParocheS, doch auch die weit« tragenden, dos Tal beherrschende» Geschütze des Römerlagers sollen den Ausgang des Engpasses schützen. Nur 10 Kilometer sind eS über daS Gebirge bis in die östlich gelegene Ebene von Woevre, 10 Kilomeler, von denen unsere Truppen jeden Fuß breit unter schweren Kämpfen den Franzosen abtrotzen mußten. Durch seine großen Kasernen und militärischen Vorratshäuser erscheint Saint Mihiel viel größer, als es�in Wirklichkeit ist. Ein nicht un- bedeutender Haien vermittelt den Schiffsverkehr auf der MaaS, die ebenfalls imlilärischen Zwecken dienstbar gemacht ist. Das Weihnachtsschiff See Kriegswaisen. Ein schöner Gedanke ist von einem Unbekannten in Chieago an« geregt und in den ganzen Vereinigten Siaaten mit freudigem Eifer aufgenommen worden; die Kinder der Vereinigten Staaten sollen zu Weihnaivten au olle Kinder in Europa, die ihren Vater aus dem Schlachtfelde verloren haben, Geschenke senden. Während Amerika sich des Friedens erfreut, so beißt es in der Begründung dieser Idee, und kein feindlicher Einfall den Frieden der Häuser stört, werden in dem vom Kriege schwer betroffenen Europa viele Tausende von Kindern vergeblich den Vaier suchen, wenn Weihachten herannaht. Deshalb werden alle Knaben und Mädchen Amerikas aufgefordert, wenigstens einen Strahl der Freude in die vielep Häuser zu senden, bii der Krieg in Trauer gestürzt hat. In ganz Amerika rüstet man sich, den Gedanken in großem Ilmsange zur Durchführung zu bringen. Die Kinder werden Spielzeug selbst mit ihrem eigenen Gelde kaufen. Viele einflußreiche Frauen geben ihre Unterstützung, die Zeitungen werden Geschenke sammeln, daS Weiße HauS billigt und fördert die Bewegung, und die Botschafter aller im Krieg befindlichen Länder haben versprochen, daß ihre Regierungen dafür sorgen werden, daß die Geschenle sicher an ihren BestinnnungSort gelangen. Die Ge- schenke werden nicht auf den gewöhnlichen Handelsdampfern über den Ozean geschickc werden, sondern es soll ein besonders hierfür beslimiitier amerikanischer Dampfer unter amerikanischer Flagge ent- iandl werden. Der Dampfer mit einem weißen Stern und den Worten Christi„Lasset die Kindlein zu mir kommen" wird mit seiner Ladung in allen in Betracht kommenden Häfen Europas anlegen und sicher durch die Minenfelder geführt werden. Leraniwortlicher Redakteur: Alfred Wielepp, Reukölln. Für den Inseratenteil verantw.: Th.Vl--i�Berhn. Druck».Verlag: Lorwärl, Buchdrückeret u. Verla Notizen. Theater chronik. Mit„M inna von Barnhelm� erössiiei die„B o l k s b ü h n c" am Donnerstag, den l. Ottober, 8)4 Uhr, ibre Vorsiellungen in Montis Operettentheatersck»t und vom Bajonett der TurkoS gespießt wird." 23a§ der läckier liche Hanswurst schreibt, der-längst vom sozialen Dichter zum gewöhnlichen fetten Nutznießer der bourgeoisen Krippe nw entwickelt hqt, ist an sich gleichgültig. Aber ckiarakteristisch für unteren nteraritchen Snobismus ist es doch, dah der gleiche Bursche ?"hn gefeielt wurde, als er uns mit einem albernen und oanleliangeruchen Napoleonkultus aufwartete. J? 1 f r e d Schmieden, der frühere Direktor des Berliner Neuen Theaters, ist als Landwehrhauptmann in Frankreich gefallen. Seme gutgemeiitlen Theaterbemühungen waren wie die mancher anderer m Berit» ohne Erfolg und er war zuletzt froh, daß er als kreis fand«chwermer HofthealerS einen günstigeren WirkungS- „„„fitÄ,.~ Ii* tJ>cn K r! e g z k o st e n. Aus offiziellen englt,chen Veröfteuthchungen. die in Londoner Blättern mitgeteilt erden, geht hervor, daß der Krieg für England in den 50 Tagen rom I. Augu,, ab gerechnet rund 780 Millionen Kosten erforderte. In �einielven Zeitachchnitt sind die Einnahmen, verglichen mit der gleichen Zeit des VoriabreS. um 55 840 000 M. gesunken.