M99-I914 Unterhaltungs blatt öes Vorwärts w Jn öer hohen heiöe. Von Hermann Lön s.») Sonne auf den Kopf und Wasser unter die Füße muß der Honigbaum haben, wenn er rechtschaffen blühen soll. Im vorvorigen Sommer hatte er zuviel Wasser unter sich und gar keine Sonne über sich und so brachte er e« nicht zum Blühen. Im vorigen Sommer ging e» ihm umgekehrt, und wieder wurde ev nichts mit ihm. Diese« Jahr aber hat er es damit richtig getroffen. und so blüht er, wie lange nicht mehr. So ist denn alle» rosenrot recht« und link» von der schnür- geraden, mit hohen Hängebirken eingefaßten Straße, die sich bei dem einsamen Wirtshause zwillt, in dem ich abgestiegen bin. Da geht e« heut laut zu, denn e« ist Sonntag und von allen drei Seiten kommen Heidfahrer zu Fuß und zu Rad. mit Gespannen und in Kraftwagen angeströmt und erfüllen da« Gelände um den Krug mit Gelächter und Gesang. Da« ist nicht nach meinem Ge- schmack, und so stehle ich mich durch die Fuhren nach der hohen Heide hin, wo ich sicher bin, keinem Menschen zu begegnen. Die Sonne meint es gut; kein Wölkchen ist an dem hohen, bellen Himmel, der sich über den rosenroten Plan spannt. Kreuz und auer über den Weg flirren die Schillebolde, grüne Sandkäfer schwirren vor mir auf, winzige blaue Falter flattern um die blauen Glocken und gelben Habichtkrautblüten, und die warme Luft, die von Honigduft und Kiengeruch erfüllt ist. bebt von dem Geläute der Bienen und dem Geschrille und Gezirpe der Heu- schrecken und Grillen. Die grünen, braunspitzigen Moorhalmc neben dem Fußwege schimmern wie Seide und die roten, gelben, blauen und weißen Feuersteinsplitter im Graben blitzen und funkeln nur so. Die Fuhren werden sparsamer und hören schließlich ganz auf, die Machandelbüsche werden kürzer und seltener und bleiben zu- letzt völlig weg, und platt und kahl erstreckt sich die Schnucken- Heide mit ihren knapp handhohen, zertretenen, verbissenen Heid- trautbüschen. deren dürftige« Gezweig auf seltsame Weise gewirbelt ist und flach auf dem Boden anliegt. Trotzdem aber der Schäfer. der dort an dem Anbergs hütet, feine dreihundert Schnucken Tag für Tag hier über die Heide treibt, blüht sie dennoch auf da« beste und gibt den Immen reiche Beute. Ich gehe auf den alten Schaftoben zu, der sich dort oben zwischen glatten Birken und knorrigen Eichen erhebt, umstanden von Hunderten von hohen und breiten, schlanken und krummen Machandclbiischen, von denen manche dreifach« ManneShöbe und mehr haben, und die vielfach auf ganz alberne oder unheimliche Weise verrenkt und verbogen sind und teilweise wie Untiere, teil« wie menschliche Gestalten aussehen. Mehr al« einmal habe ich, wenn ich zwischen Tag und Nacht am grauen Vormorgen den schmalen Fußweg zwischen ihnen dahinschritt. schnell nach der Büchse gegriffen, einmal, weil ich meinte, ein Hirsch stände vor mir, ein anderes Mal, weil ich einen Wilddieb zu sehen glaubte. Und es waren doch nur Machandelbüsch«'Wacholder), die mich zum Narren gehalten hatten. Die Fährte eine« guten Hirsche« steht nagelfrisch in dem an- »worigen Boden des Wege«. Ter muß ich nachgehen. Sie steht gerade auf den alten Schofstall zu, unter dessen moosigem Stroh- dache ich manch- Nacht geschlafen habe, wenn ich zur Brunst hier weilte. Der mannshohe Wachbolderbusch ist ganz kurz und klein- geschlagen, und wie ich ibn absuche, finde ich ganze Fetzen noch feuchten Baste» von dem Geweihe des Hirsche», dessen er sich hier heute nacht entledigte, und so gehe ich seiner Fährte weiter»ach, auer über den Anberg, hinter dem die Köpfe krauser Fuhren bervorsehen. An dreien von ihnen hat der Hirsch wieder geschlagen; schon von weitem leuchten die verwundeten Stämme, und einige andere *) Hermann Lön«. den unser« Leser au« manchen seiner Heidebilder kennen, ist al« KriegSfteiwilliger— 18 Jahre alt— in Frankreich gefallen. Deine urfrischen Schilderungen au« Natur, Tier- und Menschenwelt der Heide sollen un« ihn lebendig er- halten.(Seine Bücher sind im Verlag von Adolf Sponholtz in Hannover erschienen.) weisen ältere Male von den vorigen Nächten auf, auch sind wieder einige Machandelbüschc zuschanden gemacht, und die Reste der roten, gelben und weißen Pilze, die über die hellgrünen Polster der Krähcnbcere und das dunkle Gezwcige der Bärentraube ver- streut sind, geben an, daß der Hirsch sich an ihnen geäst hat. An der Quelle, die in dem moorigen Grunde liegt, hat der Hirsch ge- schöpft; seine Fährtc steht zwischen den srischgrünen, mit kupfer- roten Fruchtrispcn gezierten spitzen Beinhcilblättern, die aus den wirren WollgraSblüten hervorsprießcn, geht dann durch das üppige Schlingwerk von weiß blühendem Schweinsohr hindurch, das da? Wasserloch ausfüllt, und wendet sich der hohen Heide zu. Mir ist warm geworden, denn die Sonne sticht; über Nacht wird e« ein Gewitter geben. Da hinten über der dunkelen Wohld stehen weiße Wetterköpfc vor dem hellen Himmel. Ich kühle die Stirn und die Hände mit dem Qucllwasser und lasse mich für ein Viertelstündchen auf einem der drei großen Findelsteine nieder, die hier nebenein- ander ruhe» und ztoischcn denen die Reste einer Birkhennc liegen, die der Habicht kröpfte. Vor mir in den Doppelheidbüschen bewegt sich etwa»; eine Mooreidechse flitzt hervor und rennt über den in allen Farben glitzernden Kiez, wo sie sich ganz platt macht und von der Sonne durchbraten läßt. Uebcr ihr an einem Hcidkrautzweig ftißt die fingerdicke, leuchtend hellgrüne, herrlich rosenrot getüpfelte Raupe de« NachlpfauenaugeS. Weiterhin rennt ein grauer, weißgcbänder- ter Raubkäfer hastig dahin, eine blinde Fliege in den scbarf ge- zähnten Zangen baltend. Eine Schnarrhcuschrecke mit himmelblauen Unterslügeln. kommt angerasselt und läßtsich auf reinem roten Feuerstein nieder, wo sie wie ein dürres Stückchen Holz aussieht. Zur Linken schiebt sich der dicke Kopf einer Grille unter einem Grasbüschcl her, fährt aber wieder zurück, sowie ich den Kopf wende. Um alle Hcidbüsche flattern Bläulinge und ab und zu tanzt ein bräunlicher LieschgraSfaller vorüber. Ich erhebe mich. Tie Eidechse schlüpft unter den krausen Machandelbusch, die Heuschrecke schnarrt davon, und die Brachvögel fliegen laut klagend von bannen. Ich gehe wieder der Führte nach, die auf die Hobe Heide zusteht. Immer länger wird das Heidkraut; stellenweise reicht es mir bis über die Knie und bringt es zu mehr als fingerdicken Stämmen, die üppig grünen und überreich blühen. Das Gesumme der Bienen, die hier zu Tausenden schwirre», weil hinter dein Machandclhagcn ein großes, an hundert Körbe fassendes Jmmenschauer styht. klingt wie das Brausen einer fernen Qrgcl und die Luft ist gesättigt mit Honigduft. Es ist alle« ein und dasselbe Hcidkraut. da« hier wächst, denn die Topp- beide blieb im Grunde zurück, aber unglaublich ist die Verschieden- heit an Wuchs und Färbung. Hier ein spariger Busch mit langen, dünnen, weißlich blühenden Zweigen, da einer, kurz beastet und krau? und tief rosenrot, dort ein schneeweißer, der wenhin leuchtet. Dieser Busch breitet seine vielen Zweige flach über den Boden au», jener besteht aus einem Stanimc mit einer runden, dichten Krone. An dem einen Busche ist das Laub freudig grün, an einem anderen trübe, weiterhin bräunlich und dort gar kupferfarbig oder blutrot. Am reizendsten aber sieht die Heide hier dicht vor meinen Füßen aus. Da hat der Bauer den Boden abgeplaggt und ein junger zarter Heidbusch steht neben dem andern, hellgrün belaubt, und über und über hellrosenrot blühend. Jn der langen, mehr al« kniehohen Heide habe ich die Fährte verloren; ich mutz sie auf den Sandwehen und den abgeplaggten Stellen wieder aufsuchen. Einen Bogen nach dem anderen schlage ich, finde aucti übertägige Fährten in Menge, die frische aber nicht. So wate ich denn auf und ab in dem rosigen Blütcnmeer, atme nichts als Honigduft, höre nichts als Jmmengcläute, sehe den silbernen und goldenen Schillebolde» nach, die hin- und herflirren. und den Schnarrhcuschrecken, die laut rasselnd vor mir auffliegen und dabei ihre scharlachroten Untcrflügel aufleuchten lassen, nehme einen versteinerten Seeigel mit, trete einen der wenigen Hasen herau». die hier auf der hohen Heide leben, beobachte lange die glatte Natter, die sich vor dcni krausen Brombecrhusch. der einen roten Findelstcin umspinn«, sonnt, und die Goldregenpfeifer, die in der grasigen Quelle um da« Wasserloch rennen und alle« Getier mit klagendem Rufe vor mir warnen, und steige höher und höher, bis ich ganz oben auf dem Heidbcrgc bin. Da sieht et seltsam au«. Große und kleine Machandelbüsche, alle möglichen putzigen oder unheimlichen Gestalten vortäuschend, stocke» Kier, und zwischen ihnen erheben sich absonderlich verbogene 3] die Erstürmung öer Mühle. Don Emile Zole. II. Vier Wochen später herrschte Tag für Tag, just auch am Vorabende des heiligen LudwigstagcS, Furcht und Schrecken in Rocreuse. Die Preußen hatten den Kaiser geschlagen und rückten in Gewaltmärschen nach dem Dorfe vor. Seit acht Tagen schon meldeten Leute, die auf der Straße entlang zogen, die Ankunft der Preußen:„Sie sind in Lorniidre, sie sind in NovellcS!" und auf die Kunde hin, daß sie so rasch heranzögen, war man in Rocreuse jeden Morgen gewärtig, daß sie durch den Wald von Gagny hcrniedersteigen zu sehen. Tie kamen aber nicht: der Schrecken wuchs hierdurch: denn jeder fürchtete, sie würden zur Nachtzeit über das Dorf herfallen und alles würgen. Jn der Nacht vorher, kurz vor Tagesanbruch, war Lärm ge- schlagen worden. Die Einwohner waren erwacht durch daS Stampfen einer.zahlreichen, auf der Straße schreitenden Men- schenschar. Tie Weiber stürzten auf die Knie und bekreuzten sich, während die Männer die Fenster behutsam ein wenig öffneten und durch den Spalt hindurch die roten Hosen erkann- tcn. Es war ein französisches Detachement. Der Kapitän hatte sofort nach dem Vorstande de« Dorfes gefragt und war, nach- dem er mit Vater Merlier gesprochen hatte. ,n der Muhle ge- Die Sonne stieg an diesem Tage lachend am Hinimel herauf. Gegen Mittag wurde es glutheiß. Uebcr den Waldern flimmerte eine fahle Helle, während auS den Talgrunden und Wiesen weiße Nebel aufstiegen. Das saubere hübsche Torf erwachte in der frischen Morgenlust, und die Landschatt mit ihrem Dache und ihren Quellen sah aus wie ein taufeuchter Blumen- strauß. Aber in keinem Gemüt rief der schöne Tag eine frone Stimmung wach. Man hatte gesehen, wie der Kapitan die Mühle imischritt, die Nachbachäuser in Augenschein nahm: dann war er a»f das andere Ufer der Morelle hinübergesetzt und hatte von da auS die Gegend mit einen: Feldstecher abgesucht: V.fler Merlier, welcher sich in seiner Begleitting fand, schien ihm Er- läuterungen zu geben. Dann hatte der Kapitän Soldaten hinter den Mauern, den Bäumen und in den Erdlöchern aufgestellt. Das Gros der Abteilung lagerte im Hofraum der Muhle. Es stände also eine Schlacht bevor? Und als Vater Merlier zurück- kehrte, fragte man ihn aus. Er nickte, sprach aber nichts. Ja, "s stände ein Gefecht bevor? Fran?oise und Dominiaue standen im Hofraume und kchauten den Greis an. Zuletzt nahm derselbe die Pfeife aus dem Munde und sprach die wenigen Worte: „Kinderchen! morgen wird'S wohl nicht? werden mtt der H>"b,eitl" Dominique biß die Lippen zusammen und runzelte die Ztirne, Er reckte sich bisweilen in die Höbe und schaute niit starren Blicken auf die Wälder von(ssagny. Es ivar. als wünschte er daS Herannahen der Preußen. Frantzvise war sehr blaß und sehr ernst, sie ging ab und zu und brachte den Soldaten, wonach sie Verlangen äußerten. Sic kochten in eincin Winkel des Hofes ab und scherzten in Erwartung der Mahlzeit. Ter Kapitän schien inittlerweile Grund zu einer besonderen Freude gesunden zu haben. Er hatte die Stuben und den großen Saal der Mühle, die sämtlich nach dem Flusse hinausgingen, bc sichtigt. Jetzt saß er neben dem Brunnen und redete mit Vater Merlier. „Ihr habt hier eine richtige Festung," meinte er.„Wir werden uns bis heute Abend ohne Schwierigkeit hier halten. Tic Halunken haben sich verspätet: sie müßten schon hier sein." Ter Müller blieb ernst. Er sah seine Mühle wie eine Fackel lodern. Aber er klagte nicht, da er das für nutzlos hielt. Er öffnete nur den Mund, um zu sagen: „Sie sollten den Kahn hinter dem Rade verstecken lassen. Es ist ein Loch dort, wo er sich unterbringen läßt. Vielleicht werden Sie ihn brauchen." Ter Kapitän erteilte einen Befehl. Dieser Soldat war ein stattlicher Mann im Alter von etwa vierzig Jahren, von großer Figur und mit freundlichem Gesicht. Der Anblick des jungen Liebespaares schien ihm Freude zu machen. Er beschäftigte sich so eifrig mit ihnen, daß man glauben konnte, er habe des bevor- siclienden Kampfes vergessen. Er folgte Frantzoisc mit den Blicken und seine Miene sprach es deutlich aus. daß er Gefallen an dem Mädchen fand. Dann wendete er sich mit der derben Frage an Dominique: „Ihr seid also nicht beim Heere, Bursche?" .Ich bin eii, Ausländer." Dem Kapitän schien diese Antwort nicht recht zu behagen. Er blinzelte mit den Augen und lächelte: mit Frantzoise zu scherzen, ivar freilich angenehmer, als den Tornister zu schleppen. Al§ Dominique das Lächeln des Kapitän? bemerkte, setzte er hinzu: „Ich bin Ausländer, aber ick' treffe einen Apfel auf fünf- hundert Meter Schußweite. Tort hinter Ihnen steht mein Jagd- gewehr." „Wir werden S wohl brauchen können, war des Haupt« inann-Z einfache Erwiderung. Frantzoisc war; zitternd herangetreten. Und ohne sich um die umstehenden Leute zu bekümmern, erfaßte Dominique die beiden .Hände, welche sie ibm reichte, als wollte sie sich unter seinen Schutz stellen, und preßte sie in den seinigen. Der Kapitän hatte wiederum gelächelt, aber kein Wort weiter gesprochen. Den Degen zwischen den Beinen, blieb er sitzen und schaute wie trau- mend inS Leere. ES war bereit? zehn Uhr. Die Hitze wurde sehr bedeutend. und gekrümmte Fuhren sowie ganz wahnsinnig gewachsene Fichten. Als sie noch jung waren, haben die Schnucken sie verbissen. So wuchs die eine wie eine Leier, die andere wie eine Harfe, diese hat zwei Spitzen, jene drei, die dort sogar sieben, weswegen sie einem Armleuchter ähnelt. Auch die Birken, die hier stehen, haben zumeist einen ganz verrückten Wuchs und die wenigen Eichen cbenfalls. Ich werfe mich unter eine wie ein Schirm gewachsene Fuhre auf das dichte Krähenbeerenpolster und sehe in da« rosenrote Land unter mir, in dem die Fischteiche silbern blitzen, und das dort hinten, wo es wieder bock ansteigt, von dunklem Walde besäumt ist, der eine Kirchturmspitz« überschneidet und eine Mühle, deren Flügel sich langsam drehen, denn ein heißer Wind hat sich auf- gemacht. Er ruschelt in der langen Heide, raschelt in den hohen Halmen und raunt in den wirren Kronen der gespenstigen Bäume und vermischt sein Gesäusel mit dem Geläute der Immen und dem Geigen der Grillen zu einer wunderlichen Schlummerweise. Mir wirb zumute, als läge ich auf einer rosenroten Wolke und würde von ihr in den Himmel getragen, von dem der Lobgesang der Engel und der Schall silberner Glocken herniederklingt. Tann ist auf einmal die Heide himmelblau und der Himmel heiderot, bis daS Bild sich wieder umkehrt, der Traum verfliegt und ich wieder die Bienen summen und die Grillen fiedeln höre. Doch aus den kleinen Stimmen höre ich allerlei Worte heraus und der Wind singt ein ganz bestimmtes Lied, dessen Worte ich nur halb verstehe und dessen Weise ich bloß ein einziges Mal gehört habe. Ich mutz wohl eine geraume Weile geschlafen haben, denn nun steht die Sonne als runde, rote Scheibe schon tief über der hohen Geest, und die Fischteiche im Grunde sehen nicht mehr wie Silber, sondern wie Gold aus. Das Summen der Bienen ist leiser ge- worden, die Grillen geigen lauter. Nur wenige blaue Schmettcr- linge fliegen noch, und hier und da taumelt ein rostroter Abend- falter in nnstetem Fluge dahin. Ich steige den Berg hinab und suche solange, bis ich die Fährte wieder habe, die auf das Porstbruch zusteht, über der vor der schwarzen Wohld wie ein Gespenst eine helle Weihe hin- und herschaukelt. Bis in die Wohld hinein halte ich die Fährte; dann drehe ich um und steige wieder den Heidberg hinaus. Kühl weht der Wind. DaS Summen der Bienen bat aufgehört. Die Heide strömt keinen Honiggeruch mehr aus. In Nebel schwimmen die Tiefen; am Himmel steigt dunkles Gewölk empor, in dein die Sonne zerlodert. Der helle Tag hält den Atem an; ächzend»nd stöhnend sil'Icicln die Nacht über die hohe Heide. Silöer und Stimmungen aus öen» belagerten Antwerpen. Eine kurze Spanne Zeit noch, und Antwerpen, die letzte Sf� flucht des belgischen Heeres, ist auch in deutschen Häudeo. wie die anderen Festungen Belgiens. Erst seit den allerletzten Tagen beginnt in den Antioerpenern die Erkenntnis aufzudämMern, daß gegen die deutschen Geschütze keine Panzerfcstuog der Welt Tckutz bietet, und so habe» sie die ersten Qklobertage, bald nieder- gedrückt durch die bitteren Ereignisse, deren Zeuge ji« wurdeu. bald wieder ausgerichtet durch falsche Nachrichten uou ihren Ver- dündcten, zwischen dein Gipfel der Siegeszuversicht und dem Abgrund tiefster Hoffnungslosigkeit hin und her gerissen im Zustand qualvoller Angst zugebracht. Ein holländischer Kriegr-verichter- stotter. der diese Zeit in Antwerpen zugebracht bat, schildert in einem lebensvollen Briese an daS Amsterdamer»Allgemeen£>08= delsblad" die Erlebnisse der Antwerpener und den Wechsel ihrer Stimmungen: ganz plötzlich, wie mit einem Schlage hat siel, der Anblick von Antwerpen verändert. Längst war Brüssel von de» Tculschen besetzt, längst wurde fast ganz Belgien durch v. d. Golf. verwaltet, was kümmert« das die Antwerpencr. die in dem eigcnt- lichen Belgien, eben der Stadt Antwerpen, saßen? Die Not de» Krieges inochte in Frankreich wie in Belgien herrschen, die wohl- genährten Antwerpener. die seit langem tüchtige Vorräte ausge- stapelt hatten, machten sich nichts daraus; sie dünkten sich sicher hinter den Forts und Mauer», ja sie hätten beinahe vergessen. daß der Krieg sie bedrohte, wenn nicht ab und zu so cm un.'.ngc- nchine» Zeppelinlustschiss am Himmel erschienen wäre. Mau er- Eine dumpfe Stille lagerte iibcr der Gegend. Im Hofe, im Schatten der Schuppen und Ställe, saßen die Soldaten und ver- speisten ihre Suppe. Kein(sseränsch drang aus dem Torfe her- über, wo die Einwohner ihre Häuser, Tore und Fenster ver- barrikadiert hatten. Ein Hund, der allein auf der Straße ge- blieben war, heulte. Von den nahen, unter der Hitze schmachten- den Wäldern und Wiesen stieg ein langgezogener, ans allein per- einzelten Hauch zusaininengesetzter Ton heraus. Ein Kuckuck rief. Dann trat eine noch tiefere Stille ein., Und mitten in diese erschlaffte Lust krachte plötzlich ein Schuß. Ter Kapitän sprang empor. Tie Soldaten ließen ihre noch halbvollen Suppenteller im Stiche. Binnen wenigen Se- künden standen alle auf ihren Plätzen, in Kanivfbereitschast. Die Mühle twr von unten bis oben besetzt. Ter Kapitän war aus die Straße hinausgetreten, hatte aber nichts bemerkt. Zur Rechten und Linkess dehnte sich die leere, weiße Bahn der Landstraße. Ein zweiter«chuß krachte, und noch inimer sah er nichts, nicht einen Schatten. Aber beim Umdrehen gewahrte cr ans der Seite nach Gagnn zu zwischen»wei Bäumen, einem ÄUweiberiouunerfadevc ähnlich, ein leichtes Rmickigewölk aufsteigen. Der Wald bewahUe seine tiefe, milde Ruhe. „Sie haben sich in den Wald geworfen." murmelte er,„sie wissen, daß wir hier sind." Nun begann zwischen den in der Nähe der Mühle ausge- stellten Franzosen und den hinter den Bäumen gedeckten Preußen das Feuergesecht, das allmählich an Heftigkeit ziinahm. Tie Kugeln pfiffen über die Morelle hinüber, ohne weder auf der einen, noch auf der anderen Seite Verluste-..i bewirken. Die Schüsse nxiren unregelmäßig, knallten hinter jedem Gebüsth hervor, und immer sah man nur die leichten, vom Winde lantt geschaukelten Ranchwölkchen. Das währte beinahe zivei Stun- den. Der Offizier trällerte mit gleichgültiger Miene ein Lied- chen. Fsan�oise und Dominique, welche im.Hofe geblieben waren, stellten sich auf die Zehen und lugten über eine niedrige Mauer.. Ihre A»s>nerksamkeit war besonder? auf einen kleinen Soldaten� gerichtet, welcher am Ufer der Morelle hinter dein Rumpf eine? alten Kabnes postiert war: er laa platt auf dem. Bauche und lauerte, zielte, gab seinen Schuß ab und duckte'ich in einen, dicht hinter ihm befindlichen kleinen Graben, um sei Büchse wieder zu laden: seine Bewegungen waren so poE'-rlich. w pfiffig, so gewandt, daß man sich zum Lächeln veranlaßt wenn man ihm zusah. Er mußte den Kopf eines Preußen er-- kennen, denn er erhob sich rasch wie der Blitz und legte an: aber. noch ebe er abgefeuert hatte, stieß er einen Schrei ans. drehte sich um sich selbst und rollte in den Grobe», wo seine Beine noch eine Weile lang zuckten wie die Pfoten eineS gewürgten Huhnes. Der kleine Soldat war mitten in die Brust ge- schössen worden. Das war der erste Tote. Instinktiv hatte Fran�oise die Hand ihre? Dominique ergriffen und hielt sie mit einem nervösen Krämpfe umschlossen.(Forts, folgt.) V fuSr, daß zwischen Mecheln und Vilvvrd sich Feinde gezeigt Wien — für Antwerpen, die stärkste Stadt Europas, bedeutete auch das noch nichts, denn um sie zu belagern, wären doch mindestens ein paar hunderttausend Mann nötig! Und die Beschießung der Stadt? Ein unsinniger Gedanke, ebenso unsinnig wie die Mär von den -tü- Zentrmeter-Mörsern der Deutschen, die sind Legende, Bluff, Fabel. Man spottete über die Deutschen: Die Deutschen sollten nur kommen, wenn sie Lust hätten! Die Deutschen kamen wirklich. Wieder wurde Mecheln be- schösse», Lierre bekam deutsche Kugeln zu fühlen— es wurde Ernst. Jetzt begann die Flucht. Die Ulanen tauchten wieder aus, am Himmel sah man den Schein brennender Dörfer, fliehende Bauern kawcn mit weinenden Frauen und Kindern, mit Sack und Pack, das sie in Hast zusammengerafft hatten; von überall her kamen verängfngte Menschen, und die unheimlichsten Gerüchte durchschwirrten die Stadt. Es war etwas geschehen, aber niemand wußte was, bis schließlich glaubwürdige Nachrichten kamen: Die Forts erster Linie Waelhem. St. Catherine und Wavrc wurden beschossen. Der Tonner der deutschen Geschütze ließ die Ant- werpener nicht schlafen. Als sie nach schlaflos verbrachter Nacht den ganzen folgenden Tag über die deutschen Geschütze ini Süden ihre Kriegsmusik spielen hörten, wurde manchem bis dahin so tapferen Antwerpener doch bänglich zumute. Er wanderte nach dem Hafen, um eine günstige Gelegenheit zur Abreise zu er- toischen, und so trafen sich in den Hafenstraßen Hunderte und aber Hunderte bepackter Gestalten zusammen, die der„stärksten Stadt Europas" den Rücken kehren wollten. Freilich, wenn man die amtlichen Berichte las, war das ein unsinniges Vorhaben; die Forts halten Stand, die Zustände haben sich seit gestern nicht verändert, der deutsche Angriff ist abgeschlagen, der Munitions- verbrauch der Deutschen steht völlig außer Verhältnis zu dem, was sie erreichen— so las man. Allein flüchtige Soldaten er- zählen, die Forts Waelhem, St. Catherine, Wavre und Korringshoycht hätten den deutschen und österreichischen Geschützen nicht standgehalten, und diese Nachricht wirkte schnell. �Jn Antwerpen brach furchtbare Angst auS; es war wie die schwüle Stim- mung vor einem Gewitter, es begann eine allgemeine Welle der Flucht sich nach dem Hafen zu ergießen. Sollte der Sturm aus die Stadt bevorstehen? Mit schrillem Geheul ratterten Msiitär- autos durch die Straßen, eine Taube erschien über der Stadt, man beschoß sie mit Schrapnells, tötete dadurch einige neugierige Zuschauer, und das Endergebnis des Tages war, daß wieder kein Antwerpener nachts ein Auge zutun konnte. Tags darauf wurde die Angst zur Panik: die amtliche Nach- richt ließ durchblicken, daß den Belgiern ihre Tapferkeit nichts genützt hatte; sie hatten„sich in guter Ordnung auf die Nethe zurückgezogen", aber die Deutschen sollten nur kommen, wenn sie Lust hätten, den Angriff fortzusetzen. Die Antwerpener wußten zwischen den Zeilen zu lesen; die erste Fortslinie war durch- brochen. So mancher, der bis dahin noch an die Forts geglaubt hatte, wurde blaß vor Schrecken; wieder stürmten Scharen von Flüchtlingen zum Hafen, und diesmal war der Andrang stärker als je zuvor. Um die Schiffe nach Rotterdam entspann sich ein förmlicher Kamvs. und man bot fabelhafte Summen, um von irgend einem Schleppdampfer nach Vlissingen mitgenommen zu werden. Sogar die Regierung wollte nach Ostende, so hieß es jetzt, die Militärlazarette sollten verlegt werden! Aus der Panik wurde eine Art Delirium: die Deutschen sind in Düffel, in Linth, in Lierre, so hieß es weiter, und nun schloß man alle Häuser zu und bestürmte die Behörden und Konsulate um Pässe. Ein Umschlag in das krasse Gegenteil folgte alsbald. Die Ministerien bleiben in Antwerpen, wurde befohlen, und es er- schien die Mitteilung, die Armee Klucks sei von den Verbündeten völlig geschlagen, lOOGOo Deutsche seien gefangen, Antwerpen werde binnen 24 Stunden entsetzt, ja die Engländer seien bereits in nächster Nähe. Alles atmete befreit auf, selbst die ärgsten Pessimisten schöpften wieder Hoffnung. Tatsächlich tauchten von irgendwo einige Engländer auf, denen man überall zujubelte, ja man wollte in einem Auto das bekannte Gesicht Winston Churchills erblickt haben. So gab man sich wieder den schönsten Hoffnungen bin. Ganz Antwerpen blieb bis in die Nachtstunden auf den Beinen und staute sich in den Straßen der Hafengegend, wo man die Engländer erwartete. Viele wurden schließlich des Wartens müde und kehrten heim, ohne auch nur einen einzigen Engländer ghsehen zu haben. Die aber, die ausharrten, wurden belohnt; tatsächlich, so erzählten sie, erschien sehr spät ein langer Zug von khakifarbenen Männern; eine lange Reihe großer Wagen mit schweren Antwervener Gäulen bespannt, folgte mit riesigen Ge- schützen. Nun faßte man wieder Zutrcrnen, und am nächsten Tage. einem allgemeinen Bettage, strömten die Antwerpener in die Kirchen, um Rettung vor den Deutschen vom Himmel zu erflehen. Theater. Kleines Theater. DerHexenkessel, Schauspiel von Georg Engel. Dies vor zwei Jahrzehnten geschriebene Kriegsstück sticht von der heutzutage auf Bestellung gelieferten Massenware, die bereits vielfach auf das geistige Niveau der Kriegspostkartenindustrie herabgesunken, immerhin wohltuend ab. Kein billiges nach Beifall spielendes Renommieren, kein schimpfendes Verhöhnen der feind- lichen Nation. Vielmehr ein ernsthaftes Bemühen, den tausendfach sich wiederholenden Konflikt natürlicher am Leben hängender Empfindung mit dem eisernen Gebote der Soldatenpflicht im Rahmen einer die Gegensätze auf die Spitze treibenden Situation dramatisch zu gestalten. Das gab dem Schauspiel Engels Anregungen und Perspektiven, wenn auch die Kraft nicht durchhielt und in die Lücken der Erfindung allerlei blutleere Theatralik trat. Den Hintergrund des Ganzen bildet die Swlacht von Saalfeld. die unmittelbar'der entscheidenden preußischen Niederlage bei Jena 180« voranging. Ein junger preußischer Major, dem der Gamaschen- dienst die angeborene freundlich teilnehmende Liebenswürdigkeit. die Zartheit deS Gefühls, den freien Blick nicht hat trüben können, quartiert sich im Hause eines alten Sonderlings ein und scherzt die üble Laune des Widerwilligen fröhlich weg. Sein Weien gewinnt den Vater und das Herz der schönen Tochter. Fäden spinnen sich hinüber und herüber. Da kommt Befehl, daß er mit seiner Truppe am nächsten Morgen durch die von napoleonischer Artillerie besetzte Schlucht des Hexenkessels nach Saalfeld durchbrechen soll; man könne in dem Kampfe keinen Mann entbehren. Das ist der sichere Tod und obendrein ein nutzloser. Nicht einer wird das Schlachtfeld so erreichen. Angst und grenzen- loses Mitleid erweichen die stolze Sprödigkeit des Mädchens. In ihm selber bäumt sich der Lebenswille gegen das grausam un- vernünftige Schicksal auf, und wildes Verlangen faßt ihn, wenn er dem dunklen Los doch nicht entgehen kann, in seinen letzte» Stunden noch ein volles Glück zu kosten. Die flüchtige Neigung, die er eben noch empfand, schwillt an zum Sturm heißesten Begehrens. Er ringt, sich zu bezwingen, um ihretwillen. Ein Todgeweihter bat kein Recht zur Liebe. Umsonst. Sie will mit ihm vereint sein. Was bloßer Trieb des Blutes war, erhöht sich zum Gefühl innerster Zusammengehörigkeit, und so schließt sich der Bund. Aber dieser menschlich schlichte Vorgang ist, um des leidigen Effekts willen, mit arg verfehlten Zutaten versetzt. Da wird ein äußerst unklarer Pfarrer, der auf die Hand Marias hoffte, ein- geführt, und der alte Sonderling muß, um den Major zu retten, noch unklarere Taten planen! Am stärksten aber wird die Wirkung durch den völlig überflüssigen, quälend sentimentalen Schlußakt be- einträchtigt. Harry Molden mir dem ganz eigenen Charme seines Mienenspiels und seiner Stimme war ein ausgezeichneter Vertreter der ritterlichen Hauptfigur. Leuore E hn erfreute in der Rolle der Maria durch frische, einfache Natürlichkeit. In den Beifall mischte sich am Schluß nach dem mißratenen letzten Aufzug vernehmliches Zischen._ dt. ' kleines Feuilleton. Hollanü als 5remöenkolonie. Schon in Friedenszeiten hat Holland einen internationalen An- strich: zahlreiche Holländer beherrschen verschiedene Sprachen, und viele verstehen sie wenigstens; seit dem Kriegsausbruche ist aber Holland internationaler geworden, als je zuvor, und es beherbergt in seinen Grenzen eine Unmenge freiwilliger und unfreiwilliger Gäste ans aller Herren Länder. Vor allem sind es natürlich die zahlreichen flüchtigen Belgier, die sich durch den Sprung über die Grenze vor den heranstürmenden Deutschen gerettet haben; ferner sind Amerikaner und Reisende anderer Länder zahlreich in Holland, die dort wohl oder übel mangels ausreichender Reisegelegenheit haben sitzen bleiben müssen, und schließlich fehlt es auch nicht an französischen und englischen Deserteuren. Das Leben im Lande ist dadurch eiqen- tümlich verändert. Während der Außenhandel zum größten Teile lahm gelegt ist, hat sich im Lande das Geschäft auf vielen Gebieten außerordentlich gehoben, und das gilt nicht nur für die Städte, sondern selbst für die kleinsten Dörfer. Man stelle sich vor, daß kleine Grenzdörfer, die vielleicht 500 bis 1000 Ein- wohner haben, plötzlich doppelt soviele Menschen zu ernähren haben. Sint Geertruid beherbergt 460 Flüchtlinge, Heer deren 400, und Noorbeek, ein Ort ,von 800 Einwohnern, deren 450. Es ist fast wie in der Schweiz während der besten Fremdenzeit, und tatsächlich machen einige Teile der holländischen Geschäftswelt jetzt die guten Geschäfte, auf die sonst die Schweizer rechnen konnten. Wirtshäuser und Privatwohnungen, die Frcnide beherbergen können, sind überfüllt, und die sonst als schwerfällig geltenden Holländer entpuppen sich plötzlich als ganz gute Geschäftsleute. Die fremden Gäste Hollands werden übrigens für ihr Geld recht gut verpflegt, denn an vielen Nahrungsmitteln, so an Butter, Eier. Käse, Milch und anderen landwirtschaftlichen Eizeugnissen ist kein Mangel; überdies hat sich der Viehstand Hollands dadurch ge- hoben, daß viele belgische Flüchtlinge ihr Vieh mitgebracht haben. Fische, die die Holländer recht gern essen, sind jetzt knapp oder fehlen völlig, seitdem die Holländer Fischer auf dem Trocknen sitzen. Aus begreiflichen Gründen sind sie über diese Beschränkung ihrer Tätig- keit wütend, und das um so mehr, als sie ihren Groll gegen die Engländer nicht äußern dürfen. Eine Sorge lastet auf dem ganzen Lande. In jeder holländischen Zeitung findet man mehrere Artikel, die mit dem inhaltschweren Worte Tarwebrood überschrieben find. Die Weizenfrage ist seit dem großen Fremdenznstrome für Holland brennend geworden. Kleine Bäcker, die immer nur Vorräte an Weizenmehl für eine Woche zu kaufen pflegte». können überhaupt kein Weizengebäck mehr herstellen; größere Bäckereien haben noch Vorräte für einige Wochen, aber es ist keine Aussicht vorhanden, daß Weizen ins Land kommt. Tag für Tag erwartet man vergeblich die amerikanischen Weizenschiffe, von denen man nicht weiß, ob sie versenkt worden oder auf eine Mine aufgelaufen sind. Auf die Beschuiis— die wohlschmeckenden holländsichen Zwiebäcke— und anderes köstliches Weizengebäck muß man in Holland nun verzichten. Den Belgiern, Franzosen und Engländern, die an Weizenbrot gewöhnt sind, dürfte es recht schwer fallen, in dieser Beziehung plötzlich umzulernen. Die belgischen Flüchtlinge haben noch eine andere Sorge: sie sind Hals über Kops aus ihrer Heimat geflohen und tragen noch ihre Sommer- kleider. Die Geschäfte, die mit Kleidung, Wollwaren usw. handeln, machen daher ebenso gute Geschäfte, wie die Wirtshäuser und die Bauern, aber die Belgier, die kein Geld zum Kleiderkaufen haben, müssen erbärmlich frieren._ Sanöomir in üer deutschen Literatur. Die Eroberung des russischen Brückenkopfes bei der Stadt Sandomir, die den deutschen und österreichisch-ungarischen Truppen nach den neuesten Meldungen gelungen ist, gewinnt dadurch eine be- sondere Bedeutung, daß sie den Uebergang über die Weichsel sichert und einen weiteren Vormarsch gegen die Rüsten gestastet. So erhält die altpolnische Stadt Sandomir oder Sendomir, wie sie früher wohl auch genannt wurde, nach mehr als 100 Jahren eine neue Bedeutung in der Geschichte, denn das letzte Mal hatte Sandomir 1809 eine Rolle gespielt, als die Polen hier die Oesterreicher zurückwarfen. 1236 ge- gründet, war der Ort lange die Hauptstadt des umliegenden Ge- bietes; die Mongolen verwüsteten ihn 1240 und 1259, doch dann blühte er unter Kasimir dem Großen auf, und noch heute kündet das alte Schloß auf steilem Felsen von der einstigen großen Vergangenheit. Im 19. Jahrhundert hat der Name Sendomir durch eine zufällige Verknüpfung mit der Literatur einen hellen weithin tragenden Klang erhalten. Eine tragisch düstere Geschichte, die die Chronik der Stadt von der Gründung ihres Klosters berichtet, bot Grillparzer den Stoff zu einer Novelle, die 1823 in der Zeitschrist„Aglaja" erschien und das erste voll- gültige Zeugnis von der bedeutenden epischen Begabung des genialen Dranialikers ablegte..Nach einer als wahr überlieferten Begebenheit" erzählt der Dichter von dem Stifter des Klosters von Sendomir, dem Grafen slarschensky, der die schöne Tochter des Starosten von Larosch Elga heiratete und, als er von ihr hinter- gangen wurde, furchtbare Rache nahm, indem er die Gattin tötete und die Stätte des Verbrechens, den alten Turm in Flammen aufgehen ließ. Aus seinen reichen Gütern stiftete er dann daS Kloster von Sendomir und tat als Mönch Buße für seine Bluttat. Dies grausige Nachtstück, von Grillparzer mit künstlerischer Meisterschaft in eine dämmerige Traumstimmung getaucht, hat dann im Jahre 1896 Gerhart Hauptmann zu seinem viclgespielten „Noklulnus",„Elga" angeregt, in dem der moderne Dichter die phantastische Stimmung des zerfallenen Schlosses, des einsamen Klosters, wirkungsvoll ausnutzt und auf dem Hintergrund des lreff- [ich gezeichneten mittelalterlich-polnischen Milieus die dämonische�Ge- stalt des verführerischen Weibes darstellt, die im waghalsigen Spiel mit der Gefahr ihren Galten und ihren Geliebten wie sich selbst ins Verderben zieht. So hat der geschichtlich denkwürdige Boden von Sandomir zwei packende Werke der deutschen Dichtung erblühen lassen._ Papier als Wärmeschutzmittel. Ter Diplom- Ingenieur Artur Klein gibt in.Danzers Armee- Zeitung" die folgenden beachtenswerten Anregungen: An einem bitterkalten Tage fiel mir in Kopenhagen auf, daß der verstorbene König Christian ohne Mantel von einer längeren Besichtigung zurückkam. Ich war damals auf der Reise nach Nord- schweden und erzählte meinen nordischen Freunden diese Be- obachtung. Ein früherer schwedischer Offizier Tresckow, der die Verhältnisse des dänischen Hofes genau kannte, erzählte mir dann, daß der König stets ohne Mantel reite und sich vor Erkältungen dadurch schütze, daß er seinen nackten Körper in Papier einschlagen, beziehungsweise mit Papier um- wickeln lasse. Tresckow meinte noch, daß er selbst auch niir einem japanischen Seidenpapier Aehnliches erprobt habe. Als ich vor etwa zwei- Jahren im rumänischen Donaudelta(sumpfige, im Winter sehr kalte Niederung) im Winter war und der kalte Nordost trotz meiner warmen Seiden- und Wollunterkleider durchpfiff, als ob ich gar nichts angehabt hätte, erinnerte ich mich der Sache. Das einzige Papier, das ich initbatle, war eine Rolle Klosellpapier(dünnes, recht festes und geschmeidiges Seidenpapier). Ich bewickelte meine Unter- Wäsche von den Knieen aufwärts überall dorr, wo ich nicht durch kurze Lederweste und Ledergamaschen ohnehin geschützt war, und fühlte mich tagelang recht warm und wohlig. Ich erinnere mich eines angenehmen, ivarmen Gefühles, weil anscheinend die Hautansdünstnng durch die Poren des Unterzeuges und die Zwischenräume der Papierumwicklung vollständig genügte. Bei sorgfältigem Abwickeln verwendete ich eine Papierwicklung mehereremal. Die Kosten können, weil das Papier sehr dünn war, ein paar Heller nicht überschritten haben. Zur Benützung dürften sich feste dünne Seidenpapiere, etwa 20—25 Gramm(der Quadrat- meter) schwer, eignen, ferner auch billigere gekreppte, vollständig un- präparierte, dann besonders gewachste(mit Wachslösung getränkte, aber geschmeidige!) Papiere. Die Papierichicht wirkt wie Pelz oder richtiger wie Leder auf die Wärmeausstrahlung ein. Notizen. — Konzertchronik. Heute Freitag, abends 3 Uhr, findet in der Philharmonie das Konzert von Willi Burmester mit dem Philharmonischen Orchester(Dirigent Camillo Hildebrand) statt. Der Gesamtertrag kommt notleidenden Musikern zugute. — Musikchronik. Das Deutsche Opernhaus be- reitet drei Neuheiten vor. Mitte des Oktober geht die tragische Oper„Der Ueberfall" von Heinrich Zöllner zum ersten Mal über die Bretter. Ende Oktober folgt die„Walküre" und Mitte November der, L o h e n g r i n". — Naturwissenschaftliche Vortragskurse. Am nächsten Donnerstag beginnt Dr. M. H. Baege zwei natur- wissenschaftliche Vortragskurfe mit Lichtbildern in der Lehrflätte der Humboldt-Akademie(Georgenstr. 30/31). Von 8—9 Uhr spricht er über„DerKampf ums Dasein als Entwickelungs- faktor", von 9— 10 Uhr über das Thema„Zum Streit um die T i e r s e e l e". Eintrittskarten zu ermäßigtem Preise in allen Gewerkschaftsbureaus. — Die Kant-Gesellschaft hat aus ihrem DiSpositions- fonds, der sonst nur wissenschaftlichen Zwecken dient, für die in Be- drängnis geratenen Ostpreußen dem Oberbürgermeister von Königs- berg(wo Kant zu Haufe war und zeitlebens blieb) die Summe von sechshundert Mark überwiesen. — Der Literarhistoriker Richard M. Meyer ist Donnerstag plötzlich gestorben. Er hat ein Alter von 54 Jahre» erreicht, gehörte zur Schererschen Schule und galt als sehr belesen. So brachte er denn u. a. mit großer Fixigkeit ein dickes Buch über die„Deutsche Literatur im 19. Jahrhundert" heraus. Neues und wesentliches hat er. gleich der ganzen Richtung mit ihrer antiquierten Methode, nicht zu sagen gehabt. nkeater. Tleater liir Freitag, 9. Oktober: Deutsches Kttnstler-Th. 8 Uhr: Gewonnene Herzen Deutsches Opernhaus, Cbarlotlenb. 8 uhr Fidelio. Deutsches Theater 7 Uhr: Zum erstenmal: Die Ficcolonilni. Kauimerspicle 8 Uhr: Jedermann. Ocbr. Herrnf eld-Theater 8 Uhr: Er kommt wieder. Zwei leuchtende Punkte. Ende gut— alles gnt! Kleines Theater. 8 Uhr: Der Hexenkessel. Gastspiel Ilarrj Waiden. Komödienhaus 8 Lhr Es braust ein Ruf! Ee ssIng-Theater 8 Uhr: pge,, ßyn| Enlsen-Theater 8j,4 U.: EroderEr. Der heilige Krieg. tSonntag S'l, Uhr: Die Räuber. Enstspielhaua 8 i' ü Graf Pepi. Residenz-Theater 8Uhr Der Kaiser rief... Rose-Theater 8 � Die Waifen her. Schiller-Theater O. 8 Uhr: Prinz Friedr. v. Homburg Schiller Th. Charlottcnbg. 8 Uhr: Kleiner Krieg. Thalia-Theater 8 nf,r: Kam'rad Männe. Theater am Kollendorfpl. 8Uhr: Immer feste drulf! Sonntag 3'/, Uhr: Immer feste druff! Volksbühne Montis Operettentheater(Neues Th.) 8'ltU.: Tlinna von llarnhelm Walhalla-Theater 8 ühr: Berlin im Felde. V oigt-Theater. Badstr. 58. Badstr. 58. Heule Freitag, den 9. Ollober: Historijches Trauerspiel In 5 Auszügen von Franz Grillparzer. Kassenerössnung 7 Uhr. Ans. 8'ft Uhr. URANIA Taubenstrafie 48/49. 4 Uhr: Liittieh ond das belgisebe Land. (Halbe Preise.) 8 Uhr: Die Weichsel n. djasmiSeen. Casino-Theater. Lothringer Straße 37. Täglich 8 Uhr. Kriegsbilder— Spezialitätenteil usw. Z. Schluß daS neue NriegS-VoltSstück: »Met« Leben dem Baterland-. Loge 1.25, Sessel 1,10, Parkett 80 Ps. Rang 50, Stuhl 30, Sonnt, kl. Ausschl. Sonntag4Uhr: Kriegers Heimkehr. Reiedsdailen-Tdeater. Ansang 8 Uhr. Sonnt. 71/, Uhr. Theater Folics Capricc BHi Possen-Theater&U Täglich: Blinkfeuer. Landwehrleute. Fest steht und treu... Leonhard Haskel, Martin Kettner a. G. Gewerkscbaftsbaus. Sonnabendabend: E Sehlaehtelest nLSellaehtiisik Wurstverkauf auBer dem Hause, Sonntagabend im Saal 4: Konzert(Opern) bei freiem Ein- tritt. Ansang 7 Uhr. :: Erstklasslze Briketts:: Iii. 8..-»o r. 1000 stttek, i Riesenformat 7, Halbsteine I 85 Pf. für 1 Zentner, feinst. I Brennholz billigst. I Michel-Brikett-Vertrieb| Neukölln, Kneseheckstr. 148. Telephone: 1610 u. 2133. Metallbetten Holzrahmenmatratzen, Kinderbetten. billigst an Private. Katalog frei Elsenmöbclfabrlk ft-i nhl. ■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■ Sehtmpfer! achtet auf die gesetzlich geschützte Packung, üm Goldfarb echt zu erhalten! Heallh snuff fobacco. labac ä priser de sanft tBbaka do zazywania dta zdrovirf«. labacco da naso afla salute, Msrep Melep»' Neukölln. Für tot Snjeratenteil verantw.: Tb. Glocke. Berlin. Druck». Vir mg; Vorwartß -■■■■■■■■■■■■■■■ Luchdruckerei u. Lerwgsanstolt Paul Singer u. So.. Berlin»»