»r 206-1914 Unterhaltungsblatt des vorwärts Versteigerung. Leo K o l i s ch. Nichts außer der Aufschrift läßt an dem trübseligen und der- ivittecten Hause einer alten Straße der inneren Stadt erkennen, daß oa ein Amt untergebracht ist. das wohl zu den besuchtesten Berlins gehört. Die Pfandkammer meine ich. An einem rauhnebeligen Morgen mache ich dort meine Auf- Wartung. Durch das verwaschene Tor und die düstere Einfahrt gehen unausgesetzt Leute ein und aus, drängen sich in dem lang- ge>lrecktcn Hof, der auf beiden Seiten eingefaßt wird von cinlönigen Vaussronten, deren Farbe früher einmal gelb oder grün oder rötlich gewesen� sein kann, jetzt aber ein schmutzpatiniertes Grau ist. Die allen Türen, die ausgetretenen Schwellen, die staubverklebten Fenster vervollständigen den beklemmenden Eindruck. Das alles sieht aus wie eiue� Vielheit von Altwarengeschäften, die irgendwo in einer vunklen Seitengasse sich zusammendrängen. Aber Leben ist in der Bude. Eben strömt aus einem Versteige- rungssaal eine Menge Leute. Ich werfe noch rasch einen Blick in ren verlassenen Raum. Er ist vollgestopft mit Möbeln und aller- band Kleinkram. Die wertvolleren Sachen, Schreibmaschinen, Grammophone, kleinere Ziermöbel, sind auf der Estrade des Auktio- vators untergebracht. Auf manche Gegenstände sind geheimnisvolle oeichen gemalt, die mir vorläufig noch ganz schleierhast erscheinen. In einem anderen Saale sammeln sich die Leute wieder, die vven jenen ersten Raum verlassen haben. Ein stattlicher Herr nimmt an dem Tische der geräumigen Estrade Platz: der Auktionator. Sein ivenio wohlgenäbrter stimmkräftiger Ausrufer in blauer Bluse steht ©Iv 011 � Brüstung. Von der ichwarzgrauen Decke hängt ein Schild herab und verkündet:„Freiwillige Versteigerung". Unten, »wrichen dem phantastisch hochgestapelten Hausrat, der in seiner ounten Fülle an ein Kulissenmagazin erinnert, wogen die Bieter auf und ab, beklopfen die Möbel, kratzen d a am Lack herum, schlagen ?ort ans irgendeine Matratze, befühlen jene Politur. Der Mann 'n der blauen Bluse verlündet, daß nun die Sachen, die mit Nummer i'A.Zeichnet sind, versteigert würden. Ein Stimmengewirr erhebt nch, so daß ich, der Neuling, verwundert um mich schaue. Ist das vltflich ein königlich preußisches Amtslokal? Freilich, die Anwesenden nnd in ihrer Mehrheit alte Möbelhändler. Das entschuldigt und °nlan vieles. Der Blusenmann ruft zur Ordnung:„Aber meine Herren, ist oas wieder mal laut heute!— Bitte um Ruhe, meine Herren 1"— •tun ruft auch der Herr Auktionator:„Wenn nicht Ruhe eintritt, onn ichließe ich die Versteigerung!" Der Lärm nimmt ab. Jetzt verlündet der Helfer kurz die Bietordnung: die eigentliche Ver- neigening beginnt. Eine gut erhaltene braunpolierte Kommode "acht den Anfang. Em zweiler Helfer, der unten im Saal unter ..� Bietern hantiert, zeigt den Kauflustigen das Möbel; elf Mark st das Mindestangebot. In kaum einer Minute ist das Stück zu- «eichlagcn; um zwanzig Mark. Der Helfer bezeichnet es mit dem Manien des Käufers, der natürlich sofort berappen muß und weiter geht das Geschäft. Ein Büchergestell, Nachtkästen, Bettstellen, «luhle, Waschlische, Spiegel, Schränke. Ganz gute Sachen sind »runter. Offenbar war das ein größerer, kinderreicher Haushalt, wird �er den Hammer des Auklignators auseinandergetrieben Immer dieselben Stimmen sind'S, die einander überbieten: jp.�ishändler. Und ich merke bald: da hat jedes Gerät seinen kstimnitcn Preis; darüber hinaus wird selten gegangen; nur wenn .�«nde-, Eindringlinge, mitbielen. dann wird die Stimmung etwas "vhafter. Dann jagen sich manchmal die Angebote I und erst wenn •w Amateurkäufer auf ein Gebot gelrieben ist, das ihin keinen Vor- E'i Mehr bringt, hören die Zurufe auf; dann zwinkern die Ein- jstwssenen einander fröhlich zu. Manchmal freilich ist der Händler Jl Aufgesessene. Aber auch das freut die andern, die den Schaden "'cht haben. t. Sie kennen sich gut und vertragen sich; natürlich gibts auch hier � wildere Frenndschafren und kleine Feindschaften. Die dicke Frau °it mit dem harren Gesicht zum Beispiel wird immer ganz wütend, ein, jener kleine dürre alte Jude sie überbietet; und dann kann Le wahrhaftig sogar manchmal mehr rufen, als es ihr Profit erlaubt. En Schluß dieser Feilbieiung machen einige Federbetten; sie de"« stwiig betastet und gedrückt. Dann wendet sich die Gilde Beruiskänier geringschätzig ab. Eine ärmlich gekleidete Frau mit einem Kinde auf dem Arm erhält sie für zehneinhalb Mark.— Kaum zweihundertfünfzig Mark hat Nummer zwei gebracht. Und da war noch ein Stück dabei, ein riesig hartes Spind, das allein etwa hundert Mark erzielte. Und während der Ausrufer schon eine neue Serie ankündigt, sehe ich, wie eine ältliche Frau leise heranschleicht; es kommt mir vor, als oh ihre faltige Wange tränenfeucht wäre. Das ist wohl die Hausfrau gewesen, die zwischen all deni hart erworbenen Gerät ge- waltet hat, das da eben versteigert wurde. Ein Kriegsopfer? Einige Händler halten mich für den früheren Eigentümer der Sachen Nummer zwei; wohl, weil ich mir einige erzielte Preise notiert habe. Ein besonders Kluger vermutet sogar, daß ich„auch" ein Schieber sei. Einer kommt der Wirklichkeit näher; der meint, ich sei sicher„so ein" Journalist, der es in die Zeitungen setzen wolle, wie die bösen Händler die Möbel verteuern. Dieser letztere Herr Nachbar gab mir dann auch— ebenso ungewünscht als ver- inutlich unrichtig— eine Menge Daten über die Kärglichkeit feines Verdienstes und die Mühen seines Berufes. Da glaube ich schon eher, waS mir ein anderer klagt: Daß seit den, Kriegsausbruch das Angebot in alten Möbel» gar so groß sei und daß auch die Zahl der Zwangsversteigerungen nicht gesunken sei. Für den Ein- lauf sei jetzt gute Konjunktur.„Man muß sich eben jetzt alles aufs Lager legen, kaufen tut ja niemand." Serie Nummer drei. Wieder Hausrat; unter ihm fielen mir ein Plüschsofa auf, das um sechzehn Mark zugeschlagen wurde, und eine schöne Wanduhr mit zwei Gewichten, die elf Mark brachte. Eine Zuglampe für elektrisches Licht fand für zwölf Mark einen neuen Herr», ein ziemlich hoher Wandspiegel erzielte vier Mark. Und ich erinnerte mich, daß erst vor wenigen Tagen die Zeitungen angekün- digt hatien, daß nun eine Verordnung in Kraft treten würde gegen die Verschleuderung der Sachen bei Versteigerungen. Wie aber können bei diesem Hausrat der Armen und Aermsten, bei diesem Strandgut der Schiffbritchigen die angemessenen Verkaufswerte fest- gesetzt werden? Da ist eine Ecke abgestoßen, die Politur zerkratzt oder der Plüich verschossen. Jener Rahmen ist etwas fleckig, der Spiegel dort hat einen kaum merklichen, aber doch vorhandenen blinden Streifen. Hausgerät der Armen! Oft jahrzehntelang ge- hegt, treulich durch ein Dutzend Mietskasernen geschleppt, wer soll dich abschätzen? Die abschiednehmende Liebe oder das kühle Händlerauge? Die Liebe sagt: Das war unser Alles! Der Bieter sagt: Das taugt nichts mehr... In meine Gedanken schallt die Stimme des Ausrufers: „Schluß, meine Herren. Morgen früh 10 Uhr in diesem Saale Ver- steigerung der Fahrnisse Nummer 4!" Und die Händler strömen heraus, lebhaft redend und gestikulierend; drängen sich in einen anderen Saal, in dem jetzt Zwangsversteigerungen stattfiiiden, be- ginnen einander von neuem zu überbieten, wenn's die Sache wert ist. Und init schwerer Hand schreibt der Helfer den Namen des Käufers auf ein braungestrichenes Vertiko, wischt einige ungeratene Buchstaben fort, schreibl wieder. Aber nicht fortwischen kann er die bitteren Tränen, die die frühere Besitzerin um das alte Stück geweint hat, die sich in die Farbe eingefressen haben und nun mit fortgetragen lverden in irgend ein finsteres Aliwareiigeschäit. Dort holt es wohl in einiger Zeit ein anderer Armer. Und dann kann sich wohl bald wieder der traurige Kreislauf wiederholen. Solange, bis das Gut der Armen keinen Handelswert niehr besitzt. Cambrai. So merkwürdig wie in diese alte Merowinger-Residenz sind wir bisher noch in keine Stadt eingefahren— nämlich auf einer Lokomotive. Es machte sich, whiie daß wir es wollten oder daran dachten. Ein Militärzug von irgendeiner kleinen Zwischen- station, auf der wir lagen, bis Cambrai hatte keinen Personen- wagen. Und so lud uns der Lokomotivführer ein, bei ihm oben auf seiner funkelnagelneueii Hentschel-Lokomotive Platz zu nehmen. Wir bedachten uns nicht und kletterten mit unseren Rucksäcken auf das schwarze Untier hinauf. Leider fuhr die Maschine rückwärts, so daß der kalte Nachtwind uns schonungslos bestrich. Wir haben in diesen ersten zlvci Wochen unserer Kriegssahrt manches Unaus- löschliche erlebt. Diese Nachtfahrt aber auf der Lokomotive in Feindesland lund immerhin dicht hinter der Front der großen Schlacht» wird zu unseren schönsten Erinnerungen gehören. „Dieser Krieg ist in erster Linie ein Eisenbahnkricg," so sagte io] die Erstürmung öer Rühle. Schlich| Bon Emile Zola. � Ter OZizter blieb uiioeugsam. Er befahl sogar zwei oioaten, sich des Madchens zu bemächtigen und sie fortzu- ' u'ren, damit die Hinrichtung des Greises mit Ruhe voll- /gen werden könne. Ta entbrannte ein gräßlicher Kampf � 1 Hirzen des Mädchens. Sie konnte ihren Vater nicht so �'norden lassen. Nein, nein, lieber wollte sie zusammen mit .ostimigue sterben; und sie stürzte fort, in der Absicht ihre 'Übe zu erreichen, als Dominique selbst in den Hof trat. � Offizier und die Soldaten stießen ein Siegesgefchrei 1' y Er aber, als ob nur Fran�oise anwesend gewesen wäre, ai mit Ruhe, sogar mit einer gewissen Strenge, auf sie zu. ..."Das ist nicht recht!" sprach er.„Warum hast Du mich zurückgeholt? Vater Bontcmps hat mir erst alles er- °°YIen müssen... Und nun bin ich da!" r Es war drei Uhr. Große schwarze Wolken waren lang- i» s 0111 Himmel heraufgestiegen, der Nachbote irgendeines c.. ver Nähe herniedergegangencn Unwetters. Dieser halbe |st»>Niel, diese kupferfarbenen Wolkcnfetzen gaben dem im �vstucnschein so heitern Tale von Rocreuse das Aussehen or,.im» düsteren Schatten Umlagerten Mordwinkels. Der Kubische Offizier hatte sich damit begnügt, Dominique ein- . stießen zu lassen, ohne sich über das ihm vorbehaltene Schick- c» auszusprechen. Seit dem Mittag war Fran?oise die ftCl»e einer unsäglichen Seelenangst.' Sic wollte nicht vom Mvfc weichen trotz der inständigen Bitten ihres Vaters. Sie .. mattete die Ankunft der Franzosen. Aber die Stunden �-strichen. Ter Einbruch der Nacht stand bevor und ihr TchMerz wurde ein so heftiger, als all diese gewonnene Zeit c furchtbare Lösung nicht mehr ändern zu sollen schien. , Gegen drei Uhr aber trafen die Preußen ihre Vor- Tötungen zum Aufbruch. Seit einer Weile hatte der Ossi- sich ww um Abend vorher, mit Dominique eingeschlossen. sttanr-oiic hatte begriffen, daß das Los über sein Leben fiel. ,0'Q faltete sie die Hände, sie betete. Vater Merlicr bewahrte ihrer Seite seine stumme, strenge Haltung des alten .»Uersmannes, welcher gegen das Verhängnis der Tatsachen aucn Kamps unternimmt. �"O mein Gott! o mein Gott!" stammelte Fran?oise;„sie �rden ihn erschießen!" Ter Müller zog sie heran und nahm sie wie ein kleines 'std aus seine Knie. .Äu diesem Augenblick trat der Offizier heraus, während uwe; Mann hinter ihm Dominique führten. „Niemals! niemals!" rief der letztere.„Ich bin bereit zu sterben." „Ueberlegen Sie sich die Sache!" versetzte der Offizier. „Den Dienst, welchen Sic mir abschlagen, wird uns dann ein anderer leisten. Ich biete Ihnen das Leben an, ich bin groß- mutig. Es handelt sich einzig und allein darum, uns nach Montredon durch den Wald zu führen. Es soll dort Fußpfade geben." Dominique gab keine weitere Antwort.' „So bleiben Sie hartnäckig?"' „Erschießen Sie mich und machen wir ein Ende!" rief er. Franchise flehte ihn von neuem an mit gerungenen Händen. Sie vergaß alles, sie würde ihm sogar zu einer Feig- heit geraten haben. Aber Vater Merlicr ergriff ihre Hände, damit die Preußen nicht ihre weibische Erregung sehen sollten. „Er hat recht," murmelte er,„es ist besser zu sterben." Tie Rotte war zur Stelle. Ter Ossizier wartete noch auf eine Schwäche Dominiques. Er rechnete noch inimer daraus, ihn umzustimmen. Eine tiefe Stille trat ein. In der Ferne hörte man schwere Donnerschläge. Eine dumpfe Hitze er- drückte die Landschaft, und mitten in dieses Schweigen hinein ertönte auf einmal der Schrei: „Tie Franzosen! die Franzosen!" Sie waren es wirklich. Auf der Straße von Sauval, am Waldessäume, erkannt man die Linie der Rothosen. Eine außerordentliche Aufregung herrschte in der Mühle. Tie preußischen Soldaten liefen unter gutturalen Schreien durch- einander. Uebrigens war noch kein Schuß abgegeben worden. „Die Franzosen! die Franzosen!" schrie Fran?oisc, in die Hände klatschend. Sic war wie von Sinnen. Sie entglitt der Umarmung ihres Vaters und lachte laut, die Arme in die Luft reckend. Endlich kamen sie also und sie kamen noch zur rechten Zeit, denn Dominique war noch da, stand noch aufrecht. Ein fürchterliches Rottenfeuer schlug wie ein Blitzschlag an ihre Ohren. Sie wendete sich um. Der Offizier hatte eben gesagt: „Vor allem wollen wir das hier in Ordnung bringen!" Und Dominique persönlich gegen die Mauer eines Schuppens stoßend, hatte er Feuer kommandiert. Als Fran�oise sich umdrehte, lag Dominique am Boden, die Brust von einem Dutzend Kugeln durchlöchert. Sie weinte nicht, sie blieb wie blödsinnig. Ihre Augen wurden starr, und sie setzte sich wenige schritte von dem Leich- nam unter den Schuppen. Sie schaute ihn an; sie machte von Zeit zu Zeit eine unbestimmte Bewegung mit der Hand wie ein Kind. Tie Preußen hatten Vater Merlier als Geisel ergriffen. Es war ein prächtiges Gefecht. Der Offizier hatte seine uns vor einigen Tagen ein verwundeter Major, der in die Heimat zurückkehrte. Wenn das wahr ist, dann gebührt ein großer Teil der Anerkennung und des hohen Lobes, die unserm Heere jetzt überall gezollt ivird, der Eisenbahn lind ihren unermüdlichen Beamten und Arbeitern. Tie beiden Lokomotivführer, mit denen wir fuhren, hatten Nächte hindurch keinen ordentlichen Schlaf ge- sehen. Sic hatten die Strecke noch niemals befahren. Ohne rich- tigen Sicherheitsdienst, bei niangelhafter Telephonverbindung zwischen den einzelnen Stationen, hinter sich für daß Heer eine Ladung von unersetzlichem Werte— fuhren sie in die Nacht hin- ein, ihres eigenen Lebens nicht sicherer als jeder Soldat. Denn so ruhig das Land verhältnismäßig auch ist, Ueberraschungen müssen immer erwartet werden. Und wo würden sie für uns fühlbarer und gefährlicher sein als gerade aus dem so lvichtigen Gebiete des Eisenbahnwesens. Lasen wir doch jüngst erst wieder von ein paar„wilden Zügen", die die Belgier führerlos aus die deutschen Glcisstreckcn losgelassen hatten! Es ivar cine helle Mondiiacht. Tie Wiesen und Dörfer lagen verschlafen da. Ab und zu grollte Geschützdonner vom Westen herüber— ein Zeichen, daß unseren Soldaten auch nachts keine Ruhe gelassen würde. An Uebergängen und auf Brücken tauchten die dunklen Silhouetten deutscher Wachtposten auf. Die Sta- tionen zeigten meist nur den Kommandanten. Aus einigen Sta- tioncii fuhren wir durch. Bei anderen blieben wir endlos lange ohne Einfahrt liegen. Während das Feuer unter dem Kessel uns von der einen Seite erhitzte, schnitt der kalte Nachtwind uns fast unerträglich ins Gesicht. Aber der Gedanke an die merkwürdige Situation, in der wir lmS befanden, ließ Klagen gar nicht auf- kommen. Obschon wir zwei Nächte die Kleider nicht vom Leibe gehabt hatten, spähten wir angestrengt nach links und rechts, horchten wir gespannt ans Richtung und Stärke des Kanonen- donncrs. Endlich rollten wir durch ein Gewirr von Gleisen in Eambrai ein. Es war nuninehr 2 Uhr nachts geworden, aber in der Stadt herrschte reges Leben. Freilich war kein einziger Zivilist zu sehen. Soldaten. Pferde, Wagen und wieder Soldaten— durch die Hauptstraße der Stadt tuteten die Autos, klapperten die Hufe der Pferde, kuarrtcu die Räder der Bagagewageu. Und alles sah im Dunkel der Nacht unheimlich aus. riesengroß, gespensterhaft. An einer Ecke erschien die Spitze eines Gefaligenentriipps— Rot- hosen, Käppis, auch Zivilisten unterscheidet man, alte, junge, alles durcheinander, auch cine Abteilung gefangener Alpenjäger mit ihren schmucken Mützen. Nicht ohne Mühe fandeii wir ein paar Betten� Die paar Hotels der Stadt waren längst vom Militär belegt. So blieb uns nichts übrig, als mit einem Einquarticrungsschein der Militär- behördc uns ein Privatlogis am Marktplatz zu suchen. Nach vielem Klingeln wurde uns geöffnet, und nachdem wir uns gründlich ont- schuldigt hatten, bekamen wir jeder ein Zimmer. Ja, der Besitzer ließ sich sogar mitten in der Nacht mit uus in eine lange politische Debatte über das Bündnis Rußlands und Frankreichs ein. Eambrai ist eine uralte Stadt. Bei einem Rundgang am anderen Tage konnten wir die schicksalsreiche Geschichte der Stadt an ihren Monumenten ablesen. 2lus dem Mittelalter stehen nur noch wenige alte Gebäude. Dieser ganze Norden von Frankreich teilte ja mit Belgien und Holland jahrhundertelang das Schicksal: ein Fangball zwischen den verschiedenen Mächten zu sein; bald gehörte er zur Hausmacht der Habsburger, bald den Burgunder- herzögen, bald den Franzosen. In diesen Kämpfen, besonders den Eroberungskriegen der Franzosen unter Ludwig XIV., hat Cam- brai immer mehr seinen atten Charakter verloren, und heute macht es den Eindruck einer Stadt aus dem 17. Jahrhundert. Der Stadtturm, die Kathedrale, die große Saint-Gery-Kirche, alles stamiiit aus jener Blütezeit des sraiizösischen Absolutismus. Cambrai wie alle diese Nordstädte Frankreichs iwie zum Bei- spiel auch St. Ouentiiij haben bereits 1870 im deiitsch-französischen Kriege eine Rolle gespielt. Während bei St. Ouentin eine reget- rechte Schlacht unter General Faidbcrbe geschlagen wurde, cnt- ging Cambrai nur durch den Waffenstillstand knapp der Besetzung durch unsere Truppen. Heute ist die Stadt von deutschem Militär voll, und wir hatten in der Vormittagssoniic das große Vergnügen, vom Exerzierplätze aus einen deutschen Flieger übe» zu sehen, und zwar auf einem der in Reims erbeuteten französischen Flug- apparate. Trotzdem fehlte es in Cambrai auch an friedlichen Bildern nicht. Ja zur Mittagsstunde, als der Frucht- und Gemüsehandcl auf dem Marktplatz im vollen Gange war, hätte man meinen Mannschaften anfgestellt; er sah ein, daß er sich ohne die Ge- fahr einer totalen Niederlage nicht sofort zurückziehen könnte. Es war also besser, sein Leben teuer zu verkaufen. Jetzt waren die Preußen die Verteidiger der Mühle und die Fran- zosen die Angreifer. Das Gewehrfeuer begann mit einer bei- spielloscn Heftigkeit. Es dauerte eine halbe Stunde lang ununterbrochen fort. Tann ward ein dumpfer Krach ver- nehmbar und eine Kugel zerschmetterte einen Hauptast der hundertjährigen Ulme. Die Franzosen führten Kanonen mit sich. Eine Batterie wurde in demselben Graben aufgefahren, in welchem Dominique sich verborgen hatte. Sie bestrich mit ihren Geschossen die Hauptstraße von Rocreuse. Der Kampf konnte aus diese Weise nicht lange mehr währen. O! die arme Mühle! Kugeln zerschossen sie auf allen Seiten. Eine Hälfte des Daches wurde emporgeschleudert. Zwei Mauern zerbarsten. Aber am jammervollsten stand es auf der Seite der Morcllc; die von den Mauern losgerissenen Epheuranken hingen wie Fetzen herunter. Auf dem Bache trieb Trüminerwerk aller Art, und durch eine Bresche sah man die Stube von Franxoise, der jungen Dirne, mit ihrem Bett, dessen Weiße Vorhänge sorgsam zugezogen waren. Schlag ans Schlag trafen zwei Kugeln das alte Mühlrad, es knarrte noch ein letztes Mal, dann war's vorbei mit ihm; die Schaufeln wurden vom Bache fortgeschwemmt, dann brach auch der Rumpf entzwei. Es war die Seele der lustigen Mühle, welche eben ans derselben geflohen war. Hierauf schritten die Franzosen zum Sturme. Ein wütender Kaiilps mit der blanken Waffe begann. Unter dein rotfarbenen Himmel füllte der Nordwinkel des Tales sich mit Toten. Tie weiten Fluren mit ihren einzelnen großen Bäumen und ihren Pappelreihen schienen verödet. Die Wälder zur Rechten und Linken schlössen die streitenden ein wie die Mauern einen Zirkus, und die Quellen, Brunnen und Wässer- lein verursachten inmitten der Panik, welche die Landschaft ergriffen hatte, schlnchzerhafte Geräusche. Unter dem Schuppen saß unentwegt Francjoise, neben dem Leichnam Dominiques gekauert. Vater Merlier war soeben von einer Kugel niedergestreckt worden. Da trat, nach- dem die Preußen samt und sonders niedergeschossen waren und die Mühle in Flammen stand, der französische Kapitän allen voran in den Hos. Seit dem Anfange des Feldzuges war dies der einzige Erfolg, welchen er errungen hatte. So zeigte er jetzt im Siegesräusche, seine hohe Gestalt empor- reckend, das liebenswürdigste Lächeln als stattlicher Kavalier. Und als er Frano.oise zwischen den Leichen ihres Mannes und ihres Vaters inmitten der rauchenden Trümmer der Mühle erblickte, da begrüßte er sie galant mit seinem Degen und rief triumphierend: „Viktoria! Viktoria!" können, eine friedliche, geschäftige, kleinbsirgcrlichc Ztadt vor sich zu haben. Nur der grünberockle deutsche Feldgendarm mit der blanken Brustkette hielt mitteü auf dem Platze Wacht und zeigte an, daß in Cambrai für eine Zeitlang kriegerisches Regiment herrscht. Wirtschaftlich ist Cambrai nur durch einige Textilindustrie bedeutend. Weltberühmt aber sind seine kulinarischen Produkte. Die Würste Cambrais sind für den Franzosen, was uns die Wiener und Frankfurter Würstchen sind. Cambresor Salate sind in ganz Frankreich beliebt. Endlich befindet sich bei Cambrai eine der größten Zuckerfabriken der Welt, eine Fabrik, die aus einem Zen- trum und mehreren bis 20 Kilometer entfernten Nebennnlagcn be- steht. Von diesen Nebenanlagcn wird der Zuckersaft mittels eines großen Kanalsystems zum Zentrum geleitet, wo er weiter ver- arbeitet wird, bis schließlich Zuckerhüte daraus geworden sind. Cambrai liegt an der Scheide, die hier l'Escaut heißt. Als tvir auf der kleinen Brücke am Tor von Cantimpre standen und das kleine Wasser träge nach Norden fließen sahen, eilten unsere Gedanken unwillkürlich an den Ufern des Flühchens hinab bis nach seiner Mündung, wo Antwerpen liegt. Der Krieg aus öer Vogelperspektive. Das ganz neuartige und seltsame Bild, das der Krieg dem Flieger darbietet, schildert ein englischer Fliegerleuinant in an- schaulichcn Briefen an seine Mutter, die die„Daily Mail" ver- öffentlicht. „Das Leben hier draußen und hoch oben ist so völlig ver- schieden von allem, was Du Dir vorstellen kannst, daß es fast un- möglich ist, es zu beschreiben. Laß Dir mein gewöhnliches Tage- werk erzählen. Um morgens ß Uhr nimmt man in aller Eile sein Frühstück, und dann geht es los. In weniger als einer Stunde ist man 30 Kilometer entfernt über einer Schlacht, die dicht unter deiner Nase tobt: Hunderte und Tausende von Menschen, die in den verschiedensten Stellungen aus den verschiedensten Gräben und Schanzen aufeinander losschießen, und nicht wonige schießen auch auf einen selbst. Das alles sieht von der Lust her so komisch und merkwürdig aus, weil man die Geschichte auf beiden Seiten der Kämpfenden und von jedem Standpunkt aus sehen kann, wäh- rend die da unten in den meisten Fällen nicht einmal das sehen, worauf sie schießen. Es ist ein durchaus wissenschaftliches Hin- schlachten. Eine Batterie erfahrt z. B., daß ein Trupp der Feinde an einer bestimmten Stelle sich eingegraiben hat; sie richtet ihre Kanonen auf diese Stelle, ohne zu sehen, welche Wirkung ihre Ge- schösse haben. So habe ich z. B. neulich Kanonen gesehen, die Granate über Granate auf eine bestimmte Stelle niederhageln ließen, und doch war auf einen Umkreis von Kilometern kein Mensch dort. Vorgestern sah ich, wie einige deutsche Granaten mit gewaltigem Gedröhn mitten in einem unserer Schützengräben explodierten. Eine nach der anderen. Die Verluste müssen furcht- bar gewesen sein. ES ist ein gewaltiger Anblick von oben. Wir kriegen auch unser Teil ab, denn sie haben besondere Ka- nonen, mit denen sie gegen Flugzeuge schießen, und diese gefähr- lichen Dinger lauern überall auf uns, ganz abgesehen von dem Gewehrfeuer und den Schrapnells. Neulich machte ich einen Er- kundungsflug von etwa 200 Kilometern; ich ivar völlig verfroren, aber da einem das täglich passiert, so geivohnt man sich daran. Es war kein besonders interessanter Aufklärungsflug. Wir warfen ein oder zwei Bomben auf einige Biwaks, die dadurch doch etwas in ihrer Ruhe gestört wurden, denn sie fingen an, auf uns mit Ge- wehren zu schießen. Dann aber kamen diese deutschen„Nnti-Flug. zeug-Kanonen", und das ist eine recht unangenehme Sache. Diese Kanonen feuern eine Art Schrapnell, das in einer bestimmten Höhe explodiert. Sobald sie unsere Höhe herausgefunden haben, schleudern sie mit diesen Kanonen so sieben oder acht Schrapnells zu gleicher Zeit, die alle um einen herum explodieren. Jedes Schrapnell ist mit runden Kugeln geladen, etwa so groß, wie die Murmeln, mit denen wir als Kinder spielten, und die pfeifen einen nun um die Ohren. Eine von diesen Kanonen hat es be- sonders auf uns abgesehen und trifft mit einer wahrhaft instinktiven Sicherheit. Wir haben ihr den Spitznamen„Archibald" ge- geben. Während meiner Feuertaufe bei Äaubeuge blieb ich noch von ihr verschont. Wir flogen damals in Wolken weit über die feindlichen Stellungen, und als wir glücklich zurückkamen und die franzö- fischen Linien erblickten, da gingen wir tiefer herunter und wur- den plötzlich mit einem Feuer aus wohl tausend Getvehren begrüßt. Man hatte mich für einen Deutschen gehalten, weil meine Maschine von den anderen verschieden ist. Das war meine Feuer- taufe, die ich nie vergessen werde. Mein erstes Gefühl war lieber- raschung, der sogleich eine Art Furcht folgte, die dann in eine Art Bezauderung' überging. Ich war wirklich fasziniert von den Löchern, die in den Tragflächen erschienen, wenn eine Kugel durch- schlug; es waren glücklicherweise nur wenige. Ich guckt« aus meinem Apparat herunter, um zu sehen, in was für einer Höhe ich war, als mir ein Holzsplitter an die Stirn flog, den eine Kugel losgerisseu: gleichzeitig zerschlug eine Kugel den Petroleumbel, älter und alles Petroleum floß aus. So mutzte ich den» herunter und konnte froh sein, daß ich glücklich landete. Das nächste Mal machte ich Bekanntschast mit„Archibald". Wir waren bei Balenciennes aufgestiegen, und plötzlich sah ich fünf oder sechs dicke Rauchwolken um mich, und dann regnete es Kugeln. Das alte Ding richtet jeden Tag bei uns Schaden an. Das Flugapparatmodell, das auch meine Maschine hatte, hat großes Unglück gehabt. Es waren nur vier solcher Apparate und sie sind alle futsch. Der erste fand sein Ende bei Amiens; er stürzte zu Boden und ging in Flammen auf, wobei Flieger und Mitfahrer verbrannten. Der zweite wurde zwischen Amiens und Maubeuge heruutergeschossen. Der dritte war meiner; er zerbrach beim Landen und ich kam wie durch ein Wunder davon. Di« vierte Maschine wurde verbraunt gesunden, nachdem man sie seit zwei Tagen vermißt hatte. Bon dem Schicksal des Fliegers wußte man nichts, bis ein Kriegskorrespondent, der� von den Deutschen ge- fangen genommen worden mar, berichtete, er hätte das Grab des Fliegers bei Enghien nördlich von Möns gesehe». Die Deutschen hatten ein Kreuz darauf gestellt, auf dem geschrieben stand:„Herr Flier"(Flier englisch fiür das deutsche„Flieger"). Ein örief /llexanöer v. humbolöts. Tie„Deutsche Revue" veröffentlicht einen vor kurzem entdeckten interessanten Brief von Alexander von Humboldt an Ludwig Boll- manu. Humboldt und Bollmann kannten sich seit 1790 von der Handelsschule in Hamburg her, waren aber durch BollmannS k?ebersiedelung nach Amerika einander fremd geworden, bis Hum- holdt nach Südamerika reiste. Ter Brief ist in winziger Schrift auf schlechtem Papier geschrieben. Wir geben ein paar Stelle» daraus wieder. Cumana in Südamerika, d. 15. Okt. 1799. Im Besiz eines ansehnlichen Vermögens nach dem Tode meiner Mutter, habe ich meine Stelle in Preuß. Diensten aufgegeben, um als Privatmann u als Bürger eines Staates von dessen Freiheit wir damals träumten, halb wachend oft noch träumt, ein mensch- liches, freies, hülfreich, nüzliches Leben zu führen. Ich brachte das letzte Jahr in Frankreich zu, wo ich auf das liebreichste auf- genommen, im Begrif meinem Freunde dem General Tessaix nach Oberägypten zu folgen, von dem Direetorium zu einer Reise um die Welt unter dem Cap. Band!» berufen ward. Dtit den Zu- rüstungen zu einer 5jährigen Reise beschäftigt, stöhrtc ein, durch die gleiche Unmoralität der Republik, und monarchischen Ver- fassungen erregter, blutiger Krieg alle meine Pläne. Ich blieb L Monathe in Marseille um mich nach Alger einzuschifken u von dort mit den Äaravanen nach Egypten zu reisen. Sic wissen welche Gräuele unter Englischem? Einfluß in Alger ausgeübt wurden. Mein Genius hat mich von der berberischen Küste abgehalten. Die schwedische Fregatte, die mich abbolen sollte, ging unter. Eni- schlössen meine Jugendjahre thätig zuzubringen, und begierig Europa ans viele Jahr zu verlassen, begab ick« mich mit dem großen Vorrath gesammelter Instrumente nack Madrid wo ich durch persönl. Zuneigung des Königs, durch Bekanntschaft mit dem dort herrschenden 27jähr. Minister eine Erlaubnis sonder Beispiel er- langt habe— alle ersinnlichen Physik, naturhistor. Untersuchungen in den Span. Kolonien anzustellen.... Genug! für einen wahrscheinlich verlorenen Brief. Da die Correspondenz mit Europa so unterbrochen ist. u� io viele Menschen sich für meine Reise interessieren, so bitte ich Sie in 1 od. 2 der gelesensten Amerika». Zeitungen isolche die nach- England gehen! die simple Notiz einrücken zu lassen„daß H nachdem er physikal u mineralog. Beobachtungen auf dem Gipfel des Pico von Teneriffa angestellt, sehr gesund u glücklich Anfang Julius mit der Samm- lung seiner Physik, u astron. Instrumente in dem Hafen von Cumana angelangt sei, von wo aus er(Ich habe Gründe zu diesem Zufaz) unäer tbe prorecticm of bis Cathol. Majesty(unter dem Schutze Seiner katholischen Majestät, d. i. des Königs von Spanien) bereits seine Arbeiten in den Gebirgen von Paria u Aueva Anda- lucia angefangen. Er wird von hier nach Mexico abgehen.... Der Zustand, ich meine der sittliche Zustand von Europa war als ich es verließ«(Ich verließ Frankreich im Tecember 98 Corunna d 4 JuniuS) fürchterlich. Ein fühlender Mensch wußte(nicht), ob er die mehr verachten sollte die dem menschl. Geiste Fesseln an- legen, od. den Haufen derer welche im Besiz der Freiheit, sie mit Gleichgültigkeit von sich stoßen. Ich unterscheide Individuen von den Massen, aber als Masse betrachtet, ist republikan. Denkart jetzt in Frankreich eben so viel als in China od Jndostan. Wer dies Land 1789 sah, u der Geschichte der Revol. gefolgt ist, hat davon kaum einen Begrif, und bei einem Volksfeste, wo das Volt die Sinnbilder der Freiheit zu verhöhnen zusammengekommen scheint, sagte Sieycs mit recht die fürchterlichen Worte: Freiheit diesem Volke, nein, ein goldnes Kalb! So ist es jetzt, aber es wird nicht immer so sein, u die Abschaffung des Feudalsystems, das geheiligte Recht der Gleichheit wird die Menschen glücklicher u besser machen...._ kleines Feuilleton. Nie man Kriegsgefangene behandeln soll. Der Bürgermeister der belgischen Stadt Kortrijk(Courtrai). die jetzt auch von den Deut'chen besetzt ist. bat Ende August seinen Mift bürgern VerballungSmaßregeln gegenüber Kriegsgefangenen emp- fohlen, die vorbildlich sind. Der Aufruf des Bürgermeisters lautere nach der„Köln. Ztg.": „Miibürger! Erlaubt mir, an euer gesundes Urteil und an eure menschlichen Gefühle zu appellieren. Wenn es in den, ungerecht- fertigien Krieg, den wir durcbmachen, geschieht, daß französiiche oder belgische Truppen in unsere Sradr deursche Kriegsgefangene bringen, so bitte ich euch, eure Ruhe und eure Würde z» bewahren. Die Ge- iangenen, ob sie verwundet find oder nicht, nebme ich unter meinen Schutz, weil ich mir sage, daß sie doch mir Befehlen gefolgt sind. denen sie gehorchen niußten. wolllen sie sich nicht schwere Strafen zuziehen. Ja, Mitbürger, ich nehme sie unter meinen Schutz, weil mein Herz bei dem Gedanken blutet, daß auch sie geliebte Menichen zurückgelassen haben: einen alten Baier, eine alte Mutter, eine Frau und Kinder, Schwestern und zärtlich geliebte Bräute, die die Trennung in Todesangst versetzt hat. Vergeßt das nicht, wenn ihr die Gefangenen vorbeikommen seht; ich flehe euch an, sangt nicht zu lärmen, zu rufen und zu schmähen an; beobachtet vielmehr, wie sichs für bedachtsame Menschen ziemt, ein ehrerbietiges Schweigen. Ge- liebte Mitbürger, wen» ihr in diesen ernsten und peinlichen Verhält- nisten meinen Rat anhören wollr, wenn ihr euch erinnern wollt, daß es bald dreißig Jahre ist, seit ich euer Bürgermeister bin. und daß ich in diesen langen Jahren emsiger Arbeit nie eine Gunst von euch erbeten habe, so bin ich von vornherein sicher, daß ihr meine Bitte erfülle» werdet, und euerseits dürft ihr überzeugt sein, daß meine Dankbarkeit euch nicht fehlen wird. Kortrijk, 23. August 1914. Der Bürgermeister: A. Reynaert. keimfreie Lektüre. Einer Berliner Tageszeitung wird aus einem Lazarett des Ostens ein Blies geschrieben, der folgenden Wortlaut hat: „Lektüre gefällig? Mit diesen Worten betrat eine alte Dame, die einen Büchcrpack bei sich trug, unier Krankenzimmer. Wir rügten zunächst das Wort„Leklüre" und ersetzten es durch„Leseftoff". Die alte Dame aber pries uns nun Romane von Ohnet, Zola und Bücher ähnlichen Schlages an. Als ich ablehnte, wurde die freundliche Frau sehr bekümmert, da sie mich augenscheinlich für einen Barbaren hielt. Sie wandte sich zu meinem Nachbar, einem jungen Leutnant, rmd bot ihm„Marie Made- leine" und„Das Spielerparadies" und gleichartigen Schund an. Als dann noch durch ein junges Mädchen eine ganze Anzahl alter Hefte des„Simplicissimus" freundlichst hin- gelegt wurden, da kam mir die Ueberzeugung, daß gegen diesen Unfug entschieden Fchmt gemacht werden müsse. Im Lazarett hat man vt«l Zeit und liest gern. Wieviel Schaden kann aber durch schlechten Lesestoff angerichtet werden! Es scheint fast, als ob manche Leute wahllos olle alten Schwarten dem Lazarette zur Ver- fügung stellten, ohne irgendwie zu prüfen, ob sie geeignet feien. Es muß deshalb in den Lazarettbüchereien schart und bewußr der Kampf gegen allerhand geistiges Gift aufgenommen werden." Zola als geistiges Gift! Und Humor ist bekanntlich ein vor« zügliche« Heilmittel; in den allen Simplicifsimushefren ist er so lebendig und kräftig, wie nur irgendwo. Die Bevormundung der Verwundeten in ihrem«Lesestoff" ist geradezu unhygienisch. IelSpostbeiefe, Sie ihn nicht erreichten. Die Klagen über die Feldpost höre» nicht auf. Zweifellos wird noch vieles zu bessern sein und mit der Zeit auch gebessert werden müssen. Aber ein Teil der Schuld, daß so viele Briefe ihr Ziel uicht erreichen, fällt auch den Absendern zur Last. Die Adressen sind vielfach so ungenau, daß keine Findigkeit der Post sie an ihr Ziel geleiten kann. Die Feldpost hat aus dem nach Tausenden von. Stücken zählenden unbestellbaren Briefmatecial eine Blütenlese falscher oder unzulänglicher Adressen zur Ver- öffentlichung zusammengestellt, von denen manch eine von wunder- licher Naivität ist. Da schreibt z. B. einer mit wahrhast mitttä- ri scher Kürze: �Artillerist Zt. N., 2. Armeekorps vor Paris." Eine andere Adresse lautet:„N. N., jetzt auf der Fahrt noch Frank» reich" Wieder ein anderer adressiert etwas ausführlicher:„An Kanonier N. N., Res.-Reg. im Stabe, z. Zt. im Felde in Belgien." Nicht weniger schwierig dürfte ein« Briefibestellung nachfolgender Adresse sein:„An N. N., Jns.�Negt. 11 Komp., Frankreich-Belgien." Ein anderer Bricfschreiber, der offenbar die Ereignisse aus dem Kriegsschauplatz gewissenhaft auf der Landkarte verrolgt, adressiert: .�Herrn Hauptnmnn N. N. aus Sagau, Führer einer Munittons- kolonne am äußersten rechten Flügel im Westen." Wem diese genaue Ortsbestimmung nicht genügt, der ergänzt seine Adresse durch ein untrügliches Detail, das wie ein Muttermal unbedingt zur Auffindung und Rekognoszierung des Adressaten führen muß. Hier eine Probe:„Reservist N. N., zuletzt in Königsberg, weil ich seine Adresse nicht genau weiß, und jetzt in Rußland, geboren am 15. 5. 1890 zu Rügen, Kreis Neustettin." Oder so:„Im Feld- lazarett, N. N., geb. 17. 3. 1888 Berlin, Schützen-Jnfanterie, ver- mundet, 1. Ers.-Bat., 1. Komp., Stettin nachsenden, suchen getaust Petrikirche." Diese kleine Auslese ließe sich nach Belieben ver- mehren. Die Fehler, die in der Adressierung gemacht w«rd«n, sind um so mannigfaltiger, je ausführlicher die Adressen sind und je mehr sich der Absender der Abkürzungen bedient. Eine Haupt- Ursache falscher Adressen ist vielleicht in der allgemeinen Verwen- dung der nicht für alle Fälle passenden Adressen-Vordrucke für Feldpostbriese zu suchen. In Kriegszeiten gibt es nämlich eine ganze Menge von Militärformationen, die im Frieden nicht existieren und deren Bezeichnung den, der niemals etwas mit dem bunten Rock zu tun gehabt hat, vor ein schlechterdings unlösbares Rätsel stellt. Da gibt es z. B. ein: x-tes Brigade-Ersatz-Bataillon der y-ten gemischten Ersatz-Brigade. x-te Ersatz-Division, eine Kavallcrie-Ersatz-Abteilung der x-ten gemischten Ersatz-Brigade, Y-te Reservedivision. und eine Tritte planmäßige FestungS-Fuß- artillerie-Munitionskolonne des 2. Bataillons Rcserve-Fuhartillc- rie-Regimenrs Nr. x. Wer das Pech hat, in eine Formation mit so komplizierten Namen eingereiht zu werden, kann lang« aus Briefe warten, wenn sich seine Lieben und Freunde nicht absoluter Genauigkeit in der Adressierung Vesleitzigen. Notize». — Tbeaterchronik. Tie„Volksbühne" bereitet als iiäcbsie Aufführung das Lustspiel von Björustjerue Björnsou„Wenn der junge Wein blüht" vor. Die Erstaufführung ist aus Freitag, den 23. d. M. angesetzt. — Vorträge. erste wissenschaftliche Abend der Humboldt- Akademie findet diesen Sonnabend 8 Uhr tu der Aula Georgen» siraße 3v/3l bei freiem Einrritt statt.— Dr. Felix Borchardl spricht über„Ostpreußen und die deutsche Volkskultur". � Geographische Bilder aus den kriegführenden Ländern gibt Professor B a s ch r n n einem Lichlbildervorirag diesen Sonn» abend 8»-., Uhr in der Aula Dorotheeustr. 12. — ZNusikchronik. Musikdirektor Fritz S t e i n b a ch ver» anstaltet am Montag, den 19., in der„Philharmonie" zum Besten notleidender Musiker ein Sinfoniekonzert(BraHmS, Weber, Beethoven. Bach) linier Miiwirkung Lilli Lehmanns. Hauptprobe Somttag. den 13., mittags 12 Uhr. — Das« u fg b o t der Bücher. Der Gesamtausschuß M Verteilung von Leiestoff im Felde und in den Lazaretten(Geschäfts» stelle Berlin, Reichstugsgebäude, Portal V, Zwiichengeschoß Zimmer 8) hm bislang, an 400 000 Bücher und eine Unmenge Zetlimgen und Zeitichrifletr — Ein Regiment in zehn Minuten vernichtet! In dem Feldpostbrief eines bayerischen Artillerieoffiziers, den dw „Münch. N. Nachr." veröffentlichen, wird berichtet: „Eine ruhmreiche Waffentat verbrachte unsere vierte Infanten«» Brigade, als sie eine Marokkaner-Brigade im Handgemenge vowg vernichtete. Auch die Maschinengewehr-Kompagnie des.. gimentS hat sich sehr ausgezeichnet. Am Morgen des 25. über» raschle sie daS harmlos ohne jede Sicherung im Biwak bei.-> lagernde 9. ftanzösische Kürassier-Regimcnl und vernichtete eS inrier» halb zehn Minuten. Die Offiziere, die gerade im Schloß be»» Frühstück saßen, wurden sämtlich gefangen. Mit den vortrestbäHM Kürassierpferden haben wir unsere Abgänge an eigenen Pferden auw beste ausgeglichen." — D ie verschmähten Betten. Ein Berichterstatter der „Danziger Zeitung", der eine Fahrt durch die zerstörten Ctifcki»"'11 unternommen hat, erzähl: u. o.: Die Bewohner von Arys lonnien, als sie in ihre zerstörten Wohnungen zurückkehrten, eine eigenartig Emdeckung machen: Die Russen haben fast in keinem Falle>» de» Federbetten der Bürger geschlafen; sie hatten vielmehr die Bettgeswu auseinandergenommen, die Federbetten beiseite geichafft und da» auf den unbedeckten Matratzen geschlafen. Ei» Hausbewohner wunden« sich bei seiner Rückkehr darüber, daß sein Schweinestall mit gute» weißen Lalen ausgeschlagen war. Ter Befund des Schweinestaue ließ die eine Annahme zu, daß russische Soldaten sich hiev baus lich eingerichtet und in der Behausung der Borstentiere genachuZ hatten I Schach. B N s 3 w 6S * Wir entnehmen nachstehende lehrreiche Partie einem Werke v Dr. Tarrasch. Sie ist in Nürnberg gespielt worden und wurde» Heilmann(Redakteur unseres Chemnitzer Paneiblattes) als» ziehendem gegen den Wiener Amateur L. Löwy(Schwarz) gewon» ist rückständig und mutz stühev»dev späler sallen. 16,..... fT-fS Englisches Springerspiel. 1. e2— e4 e7— e6 2. Sgl-fS Sb8— c« 3. c2— o3..... Hiermit der Name der Eröffnimg, die ganz sicher ist. 3...... Sg8-f6 lieblich ist auch 3.... 65. Aber auch hierbei behauptet Wettz mit 4. Da4, de; 5. SXeS guten Angriff. A. B.: S____ Dd5, SXS; 8. bc6!, Lc4 K. 4. 62-<44..... Auf 4. Da4, de t; 5. d4?, SXe4; 0. d5 folgt 0.... ScS; 7. Db5, a0 X. 4...... Sf6Xe4 5. 64—65 ScÖ— b8' Minder gut wäre 5.... 8s77. wegen 0. ZX«5, 66?: 7. Da4t:c. 6. Lfl-63 S63— c5 7. Sf3X65 ScSXdSf 8. 8sSX63..... Beachtenswert iff hier folgende Wendung: 8. VX3, De?; S. 6—0, 66?: 16. Dbfrs. c»?; 11. de. be; 12. SXc6, Ld7; und nun rettet ©ritz den gewonnenen Bauer mit der merkwürdigen und ieltenen Kombination. bestehend in 13. vbbXbS!! nebü SXD oder DXD mit einfachem Tausch. 8...... 67-66 9. Ddl— 13!(Sonst Lf51 9...... Lf8-e7 10. 0—0 0—0 11. Lei— eS! Sb8-d7 12. Le3— 64 b7— b6 Besser war I,f6 sosort zu spielen. 13. Sbl— 62 14. Tfl— ol 15. 362-o4! 16. eSX64 Wettz hat zwar Le8— a6 Le7— fß 166X64 rinnt isolierten Doppelbauer, aber der schwarze So? Schwächt das Feld e>0 und iA besser durch l,X3 nebst 8k0 werden. ,, 17. 864— c8 1)68— w 18. 868—£4 Tf8— n 19. Sf4— e6 867-k3 20. Df8— dl! Dies ist der entscheidende»c t Mit 20..!. Lc8; 21 DM, Tel w» die Partie noch zu hallen. 21. Ddl-a4 La6-b7 22. Tel—«2 l 8k8X«6 23. Tal— ei Dfö-g» Auf 23---- Ta«8 könnte 24. dXc6, TXeö; 26. DXTt'-TA*" 2«. TXTf, Kk7; 27. Tb8 sc. 24. h2— h4!. Falls sofort 24. TXS?. TXT und Weitz kann nicht««Z. nehmen wegen Matt aus gfi»ott 24. 25. Te2Xe6 26. TelXeö 27. f2— f3 28. Da4— 67 29. Te6— e7 30. Dd7— eßf 31. dSXeö 32. Sc8-b5 Dg5-g4 Ts7Xs6 £3—£4 Dg4— ho dIs-P Vk7-ke Dfex«6 Ta8-c8 ihi»! oewowst? Hiermit ist das Endspiel gewoN".� »n eS drab» 8Ve7»»d dx, denn eS droht SXc" 11110, 32...... Lb7— 65 33. Sb5Xc7 1.65 X»2 84. Sc7-b5 Kg8-f8 35. To7— f7t Kf8-g» 36. Sb5X66 La2X0T EtwaS längeren Widerstand Tei-M nebst hl-M..„ 37. Tf7-e7! Ausgegebest- (Denn Tc8 ist angeg-�1»"»"d Tclf kann--■ weil TeSf leifl� erat Tc8 ist angegrissen m>d A kann Dell nicht gcdcckl®erfl TeSf Matt droht) cht)__•" iße Ttft» KI» Ieranttvortticher Redakteur: Blsrep Wielrpp» Neukölln. Für de» Lnjeraienieil verantw.: Th. Glocke. Berlin. Druck u. Vertag. VorwarK Buchdrucker«; u. Bertagsansiatt Paul Singer»Ea.