Nr. 232.- 1914. Unterhaltungsblatt ües vorwärts Dikkstag, 17. November. Das Kriegsbrot. Während der Kriegszeit sollen zum Brotbacken dem Weizen» mehl zehn Prozent Roggenmehl und dem Roggenmeljl mindestens fünf Prozent Kartoffelmehl zugesetzt werden, um unsere Vorräte zu„strecken". Unter normalen Verhältnissen würde diese Vor» 'chrift natürlich eine Verbilligung des Brotes bedeuten, denn Weizenmehl ist teurer als Roagenmehl und Roggenmehl teurer als Kartoffelmehl. Ta jedoch Höchstpreise für Kartoffeln noch nicht uberall bestehen, ist es kein Wunder, daß der Preis für Kortoffel- mehl plötzlich gestiegen ist und im Kleinhandel jetzt schon beinahe den Weizenmehlpreis erreicht hat. An eine Brotvcrbilligung ist unter diesen Umständen natürlich nicht zu denken, sie ist auch wohl nicht beabsichtigt; es fragt sich nur, ob eine Verschlechterung in bezug auf Geschmack und Nährwert mit der neuen Verordnung verbunden ist.— Was den Geschmack anbelangt, so wissen wir, daß über ihn nicht zu streiten ist, so daß ein Urteil über das neue Brot in dieser Beziehung je nach Herkunft und Gewohnheit des Verbrauchers schwanken wird. Auf den Zusatz von Roggenmchl zum Weizen- hrot hätten wohl viele gern verzichtet, besonders die Bevölkerung im Westen und Südwesten des Reiches. Wer gewohnt ist, entweder nur Weißbrot oder nur derbes Schwarzbrot zu essen, wird das Kriegsgemisch langweilig und charakterlos im Geschmack finden. Wenn behauptet wird, man schmecke den Roggenmehlzusatz zum Weißbrot nicht, so gilt das nicht für alle Zungen. Ten Zusatz des Kartoffelmehls wird man ebenfalls spüren, wenn er mehr als fünf Prozent beträgt, aber das werden alle Freunde eines sogenannten feinen Roggenbrotes nur als angenehm empfinden. Vielleicht wäre es manchem erwünscht, wenn dem Weizenmehl anstatt des Roggen. mehls Kartoffelmehl zugesetzt würde, denn in der Feinbäckerei ver- wendet man seit jeher Kartoffelmehl mit gutem Erfolg und für die HauSbäckcrei gibt eZ ganz ausgezeichnete Rezepte für Kartoffel» kuchcn. In manchen Gegenden pflegt man dem Broiteig ein paar ge- riebene Kartoffeln zuzusetzen. Das Brot erhält dadurch eine an» genehme Lockerheit und soll sehr gut schmecken. Starker Zusatz gekochter Kartoffeln gibt dem Brot jedoch eine„klantschige" oder »schleifige" Beschaffenheit, die daher rührt, daß das Brot unauö- gebacken bleibt, wodurch es schwerer verdaulich wird. Schon ein ubermäßiger Zusatz von Kartoffelmehl zum Brot verhindert das Uusbacken. Eine„Verfälschung" des Brotes durch Kartoffelmehl erkennt man nämlich daran, daß das Brot feucht ist, unausgebacken und nicht altbacken wird. Wenn also die Bäcker keine neuen Back- Methoden finden, ist der Kartoffclmehlzusatz begrenzt; gelingt es aber, ein gut durchgebackenes Brot mit viel Kartoffelmehl herzu- stellen, so wäre das nicht ohne wirtschaftliche Bedeutung, unter Um- standen auch in Friedenszeiten, wenn die Preise für Kartoffelmehl niedrig sind und wenn der TeklarationSzwang bestchen bleibt. Die Nahrungsmittdlchemiker werden dann schon neue Wege finden, um Verfälschungen zu erkennen, die natürlich dann vorliegen, wenn der Zusatz von Kartoffelmehl verheimlicht wird.— In Oesterreich soll cin KriegSbrot hergestellt werden, das aus 70 Proz. Roggen- oder Weizenmehl umd SO Proz. Gersten-, Mais» oder Kartoffelmehl bc- steht. Die Semmeln hingegen bleiben unverändert. In dieser Verordnung ist. Rücksicht auf den süddeutschen Geschmack genommen, während die deutsche Verordnung offenbar den östlichen oder mittel- deutschen Gewohnheiten entspricht. Wie der Zusatz von Gersten- und Maismehl schmecken wird, entzieht sich unserer Beurteilung. Aber in den gegenwärtigen schweren Zeiten kommt eS in erster Linie nicht allsgischr auf den Wohlgeschmack an, sondern auf die ausreichende und nicht zu teure Ernährung des gesamten Volkes. Tarum ist die Frage nach dem Nährwert des ZdriegSbrotcS bei weitem wichtiger als die Geschmacksfrage, besonders a�ch deswegen, weil Reis und Hülsenfrüchte im Preise steigen und mit der Zeit vielleicht vom Markte verschwinden, soweit sie aas dem feindlichen Ausland eingeführt werden. Kartoffelmehl, als reines Stärkemehl ist in feiner chemischen Zusammensetzung und Verdaulichkeit der Weizen- und Roggen- stärke völlig gleichwertig. Die Minderwertigkeit gegenüber dem -Kehl besteht lediglich darin, daß dem Kartoffelmehl das Pflanzen- �weiß fast vollständig fehlt. Wenn der Eiweißbedarf des Körpers durch Fleisch, Eier, Milch und Hülsenfrüchte neben dem Brot ge» deckt werden kann, spielt der Zusatz von Kartoffelmehl natürlich gar �eine Rolle, wohl aber, wenn die eiweißhaltigen Nahrungsmittel knapp werden. Die Grasfrüchte, zu denen auch unser Getreide gehört, sind sehr eiweißhaltig: durchschneiden wir ein Roggen- oder «eizenkorn, und betrachten den Schnitt bei schwacher mikroskopi- scher Vergrößerung, so lassen sich im wesentsicheu drei Schichten er- kennen, ein>c äußere harte Schicht, die Frucht- und Samenschale, mittlere, aus fast quadratischen Zellen bestehend« Kleberschicht und der Siärkekörper. Tie Zellen des letzteren enthalten neben den Stärkekörnern das Pflanzeneiweiß oder den Kleber, der sich in verschiedener Hinsicht vom Kleber der erwähnten Klebersckicht unter- scheidet. Der zermählene Stärkckern liefert allein das Mehl, wäh- rend die Schale und die Klebcrfchicht als Kleie abgesondert werden. Nur das ganz schwarze Brot, das aus sogenannten Ganzmehlen hergestellt wird, enthält Kleie, und demnach auch die Kleberzellen. Man sollte also meinen, daß dieses Brot ganz besonders nahrhaft ist. Aber nach der Anficht der meisten Sachverständigen wird das Eiweiß der Kleberschicht nicht ausgenutzt und verläßt den Darm wie die Zellulose der Frucht- und Samenschale unverdaut. Wenn dem Schwarzbrot trotzdem das Wort geredet wird, so deshalb, weil auch unverdauliche Substanz durch Anregung der Tarmtätigkeit nützlich sein kann. Auch ist nachgewiesen worden, daß das Schrot- brot den Zähnen bekömmlicher ist als feines Brot. Wem übrigen? das Kommißbrot oder die anderen Schwarzbrote nicht gefallen, ist auch in Kriegszeiten nicht gezwungen, es zu essen, denn die Vor- schrift, aus dem Korn fünf Prozent wehr Niehl zu mahlen als in Friedenszeiten, fällt nicht ins Gewicht, weil jetzt schon aus gutem Korn die verlangte Ausbeute von 75 Proz. für Weizen und 70 Proz. für Roggen erreicht werden kann. Kartoffeln enthalten nur sehr wenig Eiweiß, und zwar nicht in Form von Kleber, sondern als kleine Kristalle, die sich besonders in den Zellen dicht unter der Schale befinden. Beim Schälen der Kartoffeln gehen diese eiweiß- haltigen Zellen zum größten Teil verloren, weshalb denn auch Pellkartoffeln eiweißreicher sind als geschälte. Für die Bäckerei ist aber vor allem das Fehlen des Klebers wichtig, weil gerade der Klebergehalt des MehleS feine Backfähigkeit bedingt. Man hat ohne Frage das Eiweitzbcdürfnis des Körpers über- schätzt, aber selbst der dänische Arzt Hmdhede, dessen wissenschaftliche Anschauungen durch vieljährige Beobachtungen am eigenen Leibe unterstützt werden, verlangt etwa 00 Gramm Eiweiß für den Tag. Hindhede.versucht nachzuweisen, daß der Mensch im allgemeinen viel zu teuer lebt, daß er zuviel Eiweiß verbraucht und daß cS gleich- gültig ist, ob das unbedingt notwendige Eiweiß tierischer oder pflanzlicher Herkunft ist. Für ihn kommt eS darauf an, daß man täglich die notwendigen„Kalorien" zu sich nimmt. Unter einer Kalorie versteht man die Wärmemenge, die nötig ist, um ein Liter Wasser um einen Grad Celsius zu erwärmen. Ter erwachsene Mensch braucht nun täglich 2500 Kalorien, das heißt, er muß soviel Nahrungemittel zu sich nehmen, daß die Wärme, die durch Ver- brennen dieser Nahrung erzeugt wird, ausreicht, um LS Liter Wasser von Null Grad zum Kochen zu bringen. Ter Kalorienwert eines jeden Nahrungsmittels ist festzustellen, so daß es sehr einfach ist, sich seinen Speisezettel nach Kalorienwertcn zusammenzusetzen. Ein Gramm Eiweiß enthält z. B. 4,1 Kalorien, ebenso ein Gramm Stärke, während ein Gramm Fett 0,8 Kalorien enthält. Die Zu- grundelegung des Kalorienwertcs für die Ernährung erklärt sich daraus, daß zur Aufrechthaltung des Lebens unser Körper mit Heizmaterial versehen werden muß, wie die Maschine mit Kohlen. Wäre also nur für die Heizung zu sorgen, so könnten die Kalorien auf die notwendige Höhe durch Verwendung beliebigen Heizmate- rialS gebracht werden, da aber der Körper auch ständig von neuem aufgebaut werden muß, so hat man seine Zusammensetzung zu be- rücksichtigen, darf also nicht nur Stärke und Fett essen, sondern muß auch Eiweiß und Salze zuführen. Au§ dieiem Grunde ist es also nicht gleichgültig, die Frage zu erörtern, ob das Brot mehr oder weniger eiweißhaltig ist. Von der Sorge, das richtige Verhältnis zwischen Eiweiß und anderen Nahrungsmitteln zu wählen, sind vollkommen frei nur die Organismen, die ausschließlich auf anorganische Nahrung an- gewissen sind, und das sind aNein die grünen Pflanzen. Sie leben lediglich von der Lust, dem Wasser und den Bodcnsalzen, und be- reiten sich ihre Eiweißstoffe und Stärke selbst. Diese besteht aus Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff, also drei Elementen, die sich in der Kohlensäure der Luft und im Wasser finden. In den grünen Blättern werden nun die drei Elemente mit Hilfe der Sonne zu Zucker und Stärke verarbeitet. Die Umwandlung der Stärke in Zucker und des Zuckers in Stärke ist ein täglicher Vor- gang in der Pflanze und wird mit Hilfe eines Fermentes oder EnzYmeS, der Diastafe, ausgeführt. Der Umwandlungsprozeh muß darum so leicht vor sich gehen, weil sonst die Stärke nicht in die Knollen. Wurzeln oder Samen abgeführt werden könnte. Denn nur flüssige Stoffe durchdringen die Zellwände, die festen Stärke- körncr vermögen nicht hindurch zu gelangen, und sie selbst sind nicht in Wasser oder im Zellsaft löslich. Die in den Knollen und Samen aufgespeicherte Stärke dient dazu, die jungen Keimlinge im nächsten Jahre solange zu ernähren, bis sie selbst wieder soweit herange- wachsen� sind, um sich selbst erhallen zu können. Die Diastafe, die aus Stärke Zucker machen kann, stirbt nicht beim Mahlen des Ge- treides,— nur Hitze macht sie Wirkungslos—, sondern sie behält ihre Wirksamkeit selbst noch im Mehl. Es ist eine jedem Müller bekannte Tatsache, daß das Mehl erst„reifen" mutz, bevor eS back- fähig wird. Das Reifen des Mehle? besteht in der Hauptsache darin, daß gärungssähiger Zucker gebildet wird, was nur mit Hilfe der Diastafe möglich ist. Würde das Mehl nämlich keinen Zucker enthalten, so würde der Teig nicht aufgehen, wenn man ihm Hefe zusetzt. Die Hefe ist ein einzelliger Pilz, der imstande ist, aus Zucker Alkohol und Kohlensäure zu bilden; daS wirksame Mittel ist auch hier wieder ein Enzym, die„Zymasc". Seit etlichen Jahren wissen wir durch Buchner, daß die Gärung durch Hefe nicht an das Leben des Pilzes gebunden ist. Das Aufgehen des Teiges beruht also darin, daß die sich entwickelnde Kohlensäure den Teig austreibt; der Alkohol geht dann bei der Erhitzung aus dem Broiteig heraus. Im Sauerteig/ der beim Schwarzbrotbacken verwendet wird, ist dos Wirksame ebenfalls die Hefe, die neben der Hefe im Sauerteig bc- findlkben Bakterien geben dem Brot nur den säuerlichen Geschmack. Anstatt der Hefe verwendet man in der Kucken bäckerei vielfach so- genannte Backpulver, die in der Regel aus doppeltkohlensaurem Natron und Weinsäure bestehen..Hier vertreibt die Weinsäure aus dem Natron die Kohlensäure ans rein chemische Weise, also ohne Enzymwirkung. Für die Brotbäckerei zieht man aber Hefe vor, wahrscheinlich deshalb, weil die Kohlensäurecnuoickelung dann eine gleichmäßigere ist und den zähen Teig besser durchdringen kann. Die Steigfähigkeit des Mchlcs hängt nun nicht allein von der Zuckergegenwart ab, sondern auch wieder vom Kleber. Au? diesem Grunde schon läßt sich also aus reinem Kartoffelmehl kein Brot backen. Vielleicht gelingt e» einmal, durch Kleberzusatz da? Kartoffelmehl backfähig zu inachcn, aber da nur der Weizenklebcr sich mit Wasser auswaschen läßt, so würde man den Weizen auf keinen Fall entbehren können. Dr. W, Das Dirnenwesen im Kriege. Die deutsche Gesellschaft zur Bekäinpfung der GcscklechtSkrauk» heilen hat kürzlich eine öffentliche Mahnung erlaflen, Maßnahmen gegen di« im Kriege erfahrungsgemäß gefährlich anschwellenden �e- schlechtlichen Erkrankungen zu treffen. Die deutsche KriegSsanitatS- ordnung von 1878 sieht schon gewisie Ueberwackungsmaßrcgcln vor. Bei der jetzigen Mobilmachung ging man in großen Städten äußerst streng gegen die�Prostilution vor, ohne verhindern zu können, daß in nickt wenigen Fällen Soldaten einstweilen in den Lazaretten zurück- bleiben mußten. Es mag übertrieben sein wenn ein Fachmann behauptet, daß in Kriegszeiten durch das Gift geschlechtlicher Ansteckung eine größere Anzahl von Streitern kampfunfähig gemacht wird, als durch die Kugel des Feindes. Aber R. T ö p l y, dem wir eine große ivissenschaftlicke Arbeit über die venerischen Krankheiten in den Armeen verdanken, hat auch durch das Steigen der ErkrankungS- ziffer im deutsch-frauzösischen Kriege 1870/71 die Erfabrung be- stäligt gefunden,„daß Kriegsschauplätze einen üppigen Nährboden für venerische Krankheiten bilden und deren Wucherung vortrefflichen Vorschub leisten". Im Chinakreuzzug von 1900 waren beim deutschen Kontingent der Zugang an Geschlechtskranken achtmal größer als in der Heimat, so daß dann während der Besetzung Bordelle unter militärärztlicher Kontrolle eingerichtet wurden. Solche Militärbordelle baden ganz offiziell die Japaner im russisch-japanischen Kriege mit sick geführt, ebenso die Engländer im Burenkriege, die für diesen Zweck ftanzSsische Dirnen— die Freneb. lady"— verwandten. Die Zeiten wüster Dirnenromantik, da die Muffe der Frauen und ihre? Anhangs die Zahl der Soldaten ums Mehrfache übelstieg, sind freilich für immer vorüber; nur die Russen haben sich auch in dieser Hinsicht noch nicht von der allen Zeitrechnung getrennt: Im russisch-japanischen Kriege folgten ganze Schwärme von Dirnen dem russischen Heere, und die Großfürsten sollen bis jetzt nicht von der Gewohnheit lassen, Harems mitzuschleppen. Aber die Reizungen des Krieges lassen auch heute noch den Soldaten leicht zum Opfer unvorsichtigen Verkehrs werden, besonders in den, durch die furchtbaren unmittelbaren Anforde- rungen des Krieges minder berührten Etappenstationen und okku- piericn Plätzen. Doch ist der erstarrende Ernst und die blutige Strenge des heutigen Krieges in seinem innersten, fast abstrakten Wesen unverträglich und fremd mit jenem durch die Jahrtausende hindurch lärmenden und raufenden erotischen Lagergetümmel, in dem zwischen den Waffen, im verwegenen Spiel mit dem Tode und der Not das Leben seine Rechte forderte und in zügellosen Aus- schweifungen sich vertobte; in dem aber auch die arme, mit jeder Arbeit bepackle und jeder Gefahr und Mißhandlung ausgesetzte Dirne ein Stück wie immer verwilderten, dennoch ergreifenden Menschlichkeit in die rauhe Barbarei brachte— nicht zu Unrecht in un- gezählten Liedern echter BolkSkunst poetisch verklärt. Heute findet nur noch die melancholische, zugleich ein wenig bittere und zärl- 10] Nensthenopfer. Von Tabayoshi Sakurai. Inzwischen verloren wir den Weg: wir konnten Wuchia-fang nicht finden, sondern gerieten vlötzlich ins Stabsouartier der 9- Division. Wir sahen den General Oshima, den Kommandeur derselben, trotz der warmen Jahreszeit in seine schwarze Winter- uniform gekleidet, um seine Hüfte einen seidenen„Obi"(Gürte!) geschlungen, an dem ein langes japanisches Schwert hing. Beim Anblick des tapferen Generals fühlten wir uns in die Sphäre des Wunderbaren versetzt. Als seine Division Paulung-shan be- letzte, stand, wie man erzählt. General Oshima an der Spitze leiner Armee, selbst die einzige dunkle Scheibe für den Schuß des Feindes bietend, und versuchte, auf diese Weise seinen Leuten Mut und Selbstvertrauen einzuflößen. Ich fragte einen Generalstabsoffizier nach dem Weg, und unsere Kompagnie 'chtvenkte nach der rechten Richtung ein. Indessen konnten wir den richtigen Platz nicht finden; auf erneutes Fragen wurden >vir nach rechts gewiesen. Als wir nach rechts gingen, wurden chir nach unserem Ausgangspunkt zurückgeschickt: wir wußten Überhaupt nicht, wohin wir uns wenden sollten. Um 1 Uhr sollten wir in unserer Bereitstellung sein; es war jetzt nur noch �oenig vor dieser Zeit. Wenn es uns nicht gelingen sollte, zur Achten Zeit aus dem Sammelplatz zu erscheinen, so hätten wir uns blamiert. Und wir mußten nicht allein an unsere Person- "che Schande denken, sondern daran, daß der in Aussicht stehende Angriff so viele Kämpfer fordere wie nur irgend möglich. Kamen zu spät, so konnte dies unsere Niederlage zur Folge haben. Ter Hauptmann war, wie wir alle, äußerst unruhig und besorgt. Gerade in diesem Augenblick kam indessen glücklicherweise ein )uin Ingenieurkorps gehörender Mann vorüber, der uns ganz flcnou auseinandersetzte, wie wir Wuchia-fang finden könnten. Wir sollten nämlich durch die kleine Oeffnung gehen, die etwas weiter weg lag und wo unsere Pioniere gerade beim Ausheben �on Laufgräben waren. Wir gingen nach dieser Weisung vor- wärts und fanden bald unsere Annäherungsgräben. Diese jungen wir entlang, bis wir zu einer Oeffnung kamen, jenseits welcher wir vom Feinde eingesehenes Gelände durchschreiten wußten. � Wir liefen weiter, aber plötzlich kam ein Strahl vom �ck>einwerser.„Hinlegen!" wurde befohlen, und mit ver- polten ein Atem warteten wir auf das Verschwinden jenes schrecklichen Lichts. Aber der Scheinwerfer wollte nicht ver- Ichwinden. Inzwischen war die Verbindung nach rückwärts abgerissen. Aber schließlich kamen wir an den Fleck, von dem wir annahmen, daß es unser Rendezvousplatz sein sollte. Wir fanden jedoch niemand von unserer Armee dort, aber dunkle Leichen waren über den Erdboden verstreut. Wahrscheinlich hatte unsere Armee sich bereits am Fuße des Ost-Paulung- Forts versammelt, wo voraussichtlich die Mitte unseres An- grisfs sein sollte. Ein Blick auf die Uhr belehrte uns, daß es einige Minuten nach 1 Uhr war. Wir gaben uns furcht- bare Mühe, unsere Haupttrtlppe zu finden, aber vergeblich. Kamen wir zu spät? Die Medergeschlagenheit unseres Hauptinanns war unbeschreiblich, unsere Enttäuschung fürch- terlich. Sollten wir wirklich diese unsere Gelegenheit, an dem allgemeinen Angriss teilzunehmen, versäumen? Der Hauptmann sagte:„Ich kann nicht einmal durch meinen Selbstmord diesen Fehler sühnen." Nicht allein er, sondern wir alle fühlten, daß, wenn es uns nicht gelänge, an der Schlacht teilzunehmen, die ganze Kompagnie für ewige Zeiten ehrlos werden würde. Und im Vergleich mit diesem Schimpf würde unser einmütiger Selbstmord nur eine Kleinigkeit ge- Wesen sein. Es wurden nun Kundschafter nach allen Richtungen hin ausgeschickt, aber keiner brachte irgendwelche Nachricht zurück. Wir hattten keine Zeit zu verlieren und kamen daher zu dem Entschluß, daß wir jetzt nichts Besseres tun konnten, als nach dem alten Fort von Ost-Paulung zu gehen und dort auf eigene Faust zu fechten, und daß wir dann, wemi inzwischen unsere Hauptabteilung den Kampf begonnen hätte, dort an einem für ein Eingreifen in das Gefecht günstigen Ort wären. In dem Gedanken, daß das gelegentliche Geknatter von Ma- schinsngewehren. welches wir gehört hatten, von Paulung her kommen und daß ein Hohlweg, den wir entdeckt hatten, dort- hin führen müsse, machten wir uns von Wuchia-fang durch diesen Hohlweg hindurch aus den Weg. Ach. dieser Hohlweg! Ein enger Pfad von weniger als zwei Ken Breite. Es war der Ort, wo die 9. Division und das 7. und 9. Regiment der zweiten Reserve einen so harten Kampf am gestrigen Tage gehabt hatten. Welcher Ort des Schreckens! Keine Tragbahre, kein Medizinkasten konnte dorthin gebracht werden; die Toten und Verwundeten waren in Ecken und Winkeln alifeinandcrgepackt, einige stöhnend vor Schmerzen, einige um H'Ife rufend und einige völlig rullig, schon ohne zu atmen. Wir fanden knapp Raum zum Gehen, ohne auf sie zu treten. Es war ein höllischer Tunnel voller Toten und Sterbenden. Tasteten wir uns rechts ent- lang, um nicht auf einen toten Kameraden zu treten, so stießen wir einen Verwundeten auf der Linken an. Wohin wir auch im Glauben, daß es Erde sei, unseren Fuß setzten. marschierten wir über die kakhifarbenen Toten.„Tretet nicht auf die Körper!" rief ich meinen Leuten zu. aber im gleichen Moment trat ich selbst einem auf die Bnist.„Verzeihung!" war die einzige Entschuldigung, die ich dent unfreiwilliger« weise beleidigten Toten sagen konnte. Es ivar völlig unmöglich, auf diesem langen, engen, mit Leichen angefüllten Wege nicht auf unsere armen, stummen Kameraden zu treten. Wir waren fast am anderen Ende der Schlucht angc- langt; wenige Schritte weiter würden uns dicht an Draht- Hindernisse gebracht haben, als wir plötzlich für einen Augen- blick kurz halt machten. Auf einmal begannen nämlich die feindlichen Maschinengewehre zu unserer Linken Feuer und Flammen durch das Dunkel zu speien. Jetzt hörten wir auch das Geräusch einer Artillerieabteilung, welche nüt sechs Ge- schützen durch den gleichen Hohlweg den Paulung zu erklim- men versuckste. In diesem engen Weg drängten sich Jnfan- teristen und Artilleristen, um dem Feuer der russischen Ma- schinengewehre zu entgehen. Wir befanden uns nun am Fuße des Angriffsobjekts, aber keine Spur von der Hauptkolonne war zu finden. Welche Enttäuschung, welcher Schmerz für uns! Wo waren sie? War der erwartete Angriff aufgeschoben worden? Der Haupt- mann entschloß sich nach reiflicher Ueberlegung, nach Wuch'a« fang zurückzumarschieren und aus weitere Befehle zu warten. Dies war der sorgfältig abgewogene Entschluß, und wir hat- ten selbstverständlich, wenn es uns auch sehr schwer wurde, zu gehorchen. Noch einmal alo mußten wir den höllischen Hohlweg durchschreiten. Die Leichen der toten Kameraden, au? welch: wir getreten waren und bei welchen wir uns mit Schaudern eutschuld'gt hatten, sollten also noch einmal mit Füßen getreten werden. Wir schauten nach den Toten und Verwunde- ten im Dunkel der Nacht und fanden ihre Lage noch schlimmer und beklagenswerter als vorher, weil nämlich die Artillerie nach uns durch denselben Weg gezogen war, und so waren über viele Tote und Sterbende Geschütze und Munitions- wagen gefahren. Diejenigen, welche noch schwach geatmet hatten, mußten unter den eisernen Rädern ihren letzten Seufzer tun, und die bereits Gestorbenen wurden in Stücke geschnitten. Zer- schmetterte Knochen, zerrissenes Fleisch, fließendes Blut waren vermengt mit zerbrochenen Schwertern und zersplitterten Gewehren. Gab es einen scheußlicheren Anblick? Haje Satire eines Maupasiant den Weg zu den LiebeSepü'oden des heutigen Krieges, wenn er die opfernden Abenteuer seiner dicken Patriotin, der boiüs de suif, dem Philistergeschmeiß zum Trotz verherrlicht. Aber in aller Vergangenheit gesellt sich natürlich und auftichtig zum Kriege das Weib. Selbst der alte Germane, der sein treu ge- liebtes Weib und die Kinder auf seine Kriegsziige mitnahm, er- leichterte sich den Heldentod, indem er an die unvergleichlichen Ilm- armungen dachte, mit denen die Walküren die Tapferen im Walhall beglücken. Und dem Türken würde sein tapferer Fatalismus des Sterbens weniger selbstverständlich erschienen sei», wenn er nicht in dein Glauben die Erde verlassen hätte, im Paradies die guten und großäugigen Mädchen auf grünen Kissen zu finden, die Huris, die weder ein Mann noch ein böser Geist je berührte. In einer eben erschienenen Schrift„Das D i r n e n w e s e n in den Heeren und seine Bekämpfung(Leipzig bei I. A. Barth) gibt der Garnisonsarzt der'Festung Köln Dr. H a b e r l i n g in übersichtlicher Zusammenfassung eine kleine Weltgeschichte der Prostitution im Kriege tauch in den Friedens- garmsonen), die in eine Reihe von Vorschlägen zur Unterdrückung der Geschlechtskrankheiten in den kriegführenden Heeren mündet. Ueber diese ärztlichen Vorschläge soll hier nicht diskutiert werden. Aber die kulturgeschichtlichen Ergebnisse dieser Wanderung durch Zeiten, Völker und Kriege mögen kürz angedeutet werden; auch sie beweisen, daß die Unlösbarkeit des Problems der Prostitution im Kriege und im Heere erst recht bisher aller Maßnahmen ge- spottet hat. In den astatischen Feldzügen der alten Zeit schleppten die Heere ganze Armeen von Frauen mrt. Ein Perserkönig zog nicht in den Krieg, ohne für sich allein einige hundert Flötenspielerinnen mitzu- nehmen. Alexander der Große fand nach der Schlacht bei Jssus im Jahre WS v. Chr. 32S Musikantinnen im Lager deS Königs Darius, die nun den Siegern preisgegeben wurden. Nur bei den Juden scheint den Dirnen der Eintritt ins Kriegslager verboten gewesen zu sein. Dagegen finden wir im Lager der homerischen Helden Alt- griechenlandS ein holdes Gewimmel schöner Sklavinnen und Hetären. Auch später zogen Dirnen zahlreich in den griechischen Heeren mit. In dem militärischen römischen Reich wurden die Weiber grundsätz- lich von den Heeren ausgeschlossen. Das hindert aber nicht, daß ein eifriger Verkehr stattfand. Sprichwörtlich ist ja das Leben in Capua geworden, durch dessen liebenswürdige Mädchen die karthagischen Krieger Hannibals zerrüttet wurden. Im ftühen Mittelalter fehlt die Dirne im Heere. Erst mit den Kreuzzügen beginnt jenes tolle Treiben, das in den Landsknechts- zeiten des dreizigjährigen Krieges seine höchste Steigerung erreicht. Die Dirnenschwänne, die die Kreuzfahrer in? heilige Land be« gleiteten, waren unübersehbar; vielfach entlaufene Nonnen. Allein im Gefolge Gottfried von Bouillons sollen 2(XX) Frauen gewesen sein. Bald beginnen auch die unzähligen ebenso grausamen wie vergeblichen Slrafverordnungen gegen das Dirnenwesen in den Heeren; übrigens wurden im Gegensatz zu den Christen die Türken als enthaltsam geschildert. Barbarossa befahl, als er 1158 gegen Mailand zog, daß jedem Weibe, das im Heere bettoffen würde, die Nase abgeschnitten werden sollte. Aber die Dirne triumphierte. Mit der Ausbildung des LandsknechiswesenS begannen die Heere mehr aus Frauen als aus Männern zu bestehen. Zugleich breitete sich Ende des 15. Jahrhunderts durch die KriegSzüge die Syphilis in ihrer furchtbarsten Form aus, die seitdem nicht ausgerottet werden konnte. Bon dem KriegSzug des französischen Königs Karls Vm. nach Italien schleppten die Söldner die Seuche in alle Länder. Dem Landsknecht war die Dirne eine opferwillige Gefährtin. In einem Gedicht wird geschildert, wie nützlich»wir Huren' dem Heere sein: Kochen, fegen, waschen; und wer Krank ist, dem warten wir dann auff. Wir Huren und Buben sind ein Gfinbj Ob wir schon werden übel geschlagen, So thun wir'S mit dem Landsknecht wagen, Bor uns ist auffzuheben wohl l Wenn man räumen und graben sol, Braucht man uns das Holz zu tragen; Thun wir'S nicht, so werden wir geschlagen. Unter den deutschen Landsknechten war das Dttnenwesen am stärksten entfaltet. Hier blieben die vielen Verbote auch glimpflich. Dagegen verfügte man in anderen Ländern die grausamsten Strafen: Spießrutenlaufen. Folterungen, Austreibungen und jeglicher Schimpf wurde den armen Wesen angedroht und zugefügt. Aber alle Strafen und Verbote blieben erfolglos. Am Ende deS dreißigjährigen Krieges waren bei der kaiserlichen und bayerischen Armee 10 000 Soldaten, aber der Frauentroß zählte 14()