Nr. 239.- 1914. Unterhaltungsblatt ües vorwärts Do«uer5tllg,?6. November. Der- Winter auf öem rutschen Kriegsschauplatz. . Werden unsere Truppen einen Winierseld�ug in Rußland rühren lonnen? Tos fragen sich heute viele Leute, da der Winter io nabe und das Ende des Kriege» io ferne ist. In manchem Gedächtnis ist die Erinnerung geweckt worden, daß Napoleon nach der Unter» Ivätung von fast gan� Europa im Jahre 1812 dtirch einen furchtbaren Winter genötigt wurde, den Feldtug gegen Rußland aufzugeben. Kann beute einer Armee, zufammengeieyi aus Bewohnern Mitteleuropas, Nt Nußland äbnliches geirdeben? ES ist nicht an�unebmen. Zur Zeit Napoleons waren die Verkehrsmittel dürftig, die Zufuhren gut Armee mangelhaft. Zudem stammten viele der Soldaten aus westeuropäi- Ichen Gebieten, in denen der Winter nur feiten sehr rauh wird, de»« halb entsprach auch die AuSrüsttmg der Mannichaiten nicht den An- kotdcrungen cineS ruinfwen Winters. Anders ist e». wenn heute unsere 'Soldaten eilten Wtnterfcldmg>n Rußland führen sollen. Sie kontmen vielfach au§ Landstrichen, deren Winter nicht viel weniger kalt ist. als der in Westrußlaitd oder Ruisisch>Po!en. So haben die Be» wohner von Ostpreitßen. von Schlesien, von Galizien. der Bukowina. der Alpenländer, von Bosnien und Sieben- bürgen fast jeden Winter Fröste zu ertragen, die in nichts denen nachstehen, die regelmäßig in Westrußland vorkommen. Die Schnee- tälle m Russisch-Polen oder in Westrußland sind nicht viel ärger, sie ergeben nicht viel größere Verkehrshindernisse als in Lndeutfchland, >n Nordost-Lesterreich und in den Alpen. Und schließlich ist die Dauer der Winterkälte in den Gegenden Rußlands, in denen sich der Krieg abspielen wird, nicht wesentlich verschieden, von der der Heimat unterer Truppen. Viel empfindlicher ist die Herrschaft deS russischen Winters erst um und nördlich von Petersburg, in Großrußland, der Gegend von Moskau und östlich darüber hinaus. Doch fallen alle diese Gebiete außerhalb unserer Betrachtungen. sie bieten nur soweit Jntereste, als von oort die Zufuhr für die russischen Armeen gu etfolgen bat. Von Warschau an, dessen Januar im Mittel 4 Grad unter dem Eis- Punkt bleibt, fallen die Winiertempcraturen durchschnittlich um 1 Grad. tvenn man etwa 150 Kilometer nach Osten reist: auch davon können Ausnahmen vorkommen. Im Gegensaß?tir Temperaturverteilung m Mitteleuropa— hier nimmt in den Ebenen in der Regel die Wtnterkälte zu. wenn man von Südwesten nach Nordosten schreitet— verlausen in Westrußland die Linien gleicher Januarkälte fast rein von Norden nach Süden. ES wurde berichtet, daß die Russen versuchen wollen, ihren nördlichsten Hasen A r ch a n g e 1 am Weißen Meer den ganzen Winter über mit Eisbrechern offen �u ballen, um von da aus ungestört von ihren Feinden ihren Schissverkehr durchführen zu können. Er bleibt ihr einziger Hafen in Europa, weil jetzt die Aus- und Einsuhr in die russischen Häfen am Schwarzen Meer unmöglich ist und der Schiffsverkehr aus dön russischen Ostsee- bäfen unter'Aufsicht der deutschen Kriegsfahrzetige steht. Es bleiben den Russen jetzt für den Verkehr mit der Außenwelt nur mehr zwei Möglichkeiten: ihre Schifte von Wladiwostok am fernen Ozean mit den Frachten auszusenden oder cinlaufen zu lassen, zu deren Verteilung die sibirische Bahn erforderlich, oder einen un- bcausiichiigten Schitssverkebr über Archangcl am Weißen Meer zu unterhalten. Beide Häfen sind im Winter durch Eis gesperrt. In Wladiwostok beginnt dies zumeist um den 11. November. Die Frostzcit dauert in der Regel 137 Tage bis Ende März. Noch früher friert der Hafen von Archangel zu: um Ende Oktober wird in den normalen Wintern das»Eis schon stark genug, um den Verkehr zu hindern und es hält sich dort ein volles halbes Jahr bis Ende April. So strenge Monate kommen in Rusfisch-Polen und in West- rußland gewöhnlich nicht mebr vor. In der Regel halten sich die Durchschnittstcmperaturen der Wintermonate in Russisch- Polen zwischen 2—7 Graden unter Null. Ebenso tief liegen sie in O st p r c u ß e n und G a l i z i e n. Schon im Oktober begmitt dort der Winter mit Schneefällen, die sich in manchem Jahr bi" gegen den Mai hin wiederholen. Als der kälteste Ort Ostpreußens und Teutschlands gilt M a r g- grabowa. unweit der russischen Grenze. In normalen Jahren fängt dort die Frostzeit in der dritten Noveuiberwoche an. Sie dauert init kleinen Pausen bis Ende März. Ziemlich ähnlich sind die Wetteroerhältmjsc im ganzen Seengebict, das sehr rauhe Winter hat, die oft schon anfangs Dezember auf den Sümpfen und Wassern eine tragfähize Eisdecke bildet. Dann würden sich dort und in Polen die Verhältnisse für die Kriegführung anders gestalten als in der warmen Jahreszeit, in der die aufgelvcichtcn Wege und die- vielen Wasserflächen den Verkehr lähmen. Der Frost härtet den Boden, die Flüffe sind oft schon im Dezember so zugefroren, daß sie überschritten werden können, der Verkehr wird erleichtert. Ganz das Gleiche gilt aber auch für die Sumpfgegenden am Pripet, der Beresina und dem Dnjepr in Westrußland, die unter dem Namen „Rokitnosümpte" bekannt sind. Klimatisch gleicht dieses Gebiet dem von Ostpreußen. Der Winter beginnt hier ziemlich zur gleichen Zeit wie dort; der No- vcmber ist ungefähr um 2 Grade kälter als der von Berlin oder Wien, auch der Weihnachismonat hält einen solchen Abstand von dem unseren ein, doch bleiben der Januar und der Februar in der Regel um 3 Grad frostiger als in Norddeutschland oder um Wien. Natürlich kommen auch Ausnahmen davon vor, weil sich ja die Jahreszeiten nicht immer an das übliche Wärmematz halten. So brachte der strenge Winter von 1887/1888 in Ostpreußen außer- ordentliche Kälte. Obwohl der November im ganzen noch einen Durchschnitt von 1,7 Grad in Marggrabowa aufgewiesen hatte,. fiel an einzelnen Tagen das Thermometer bis auf 16 Grad unier Null, und zwar schon kurz nach Allerheiligen. Mit dem 12. No- vember setzte der Winter ein; er hielt sich nicht bloß in Masurcn, sondern in ganz Westrutzland mit seltener Strenge bis Mitte April. Einem Dezember mit einem Mittel von fast—3 Grad folgten ein Januar, ein Februar und ein März, dereU Mittel zwischen 7 und Z Grad unter dem Eispunkt lagen. Vom Dezember an stellten sich immer wieder Fröste zwischen 20 und 30 Grad ein. Nur selten laute es innerhalb dieser vier harten Monate; erst um Mitte März war die Kälte am größten. Damals litt ganz Osteuropa unter Frösten, die jede Krieg- führung unmöglich gemacht hätten. Mancher Winter bringt auf dem russischen Kriegsschauplatz ausgiebige Schneefälle und eine Winterdecke, die sich Wochen oder Monaic bindurch hält. In nor- malen Jahren ist sie nicht höber als bei uns, denn die Nieder- schlagsmengcn in den einzelnen Wintermonaten in Polen, Ost- Preußen und in Galizien steigen nicht viel über 40 Zentimeter Schneehobe an. wenn die ganze gefallene Schncemeüge liegen bleiben würde. �Da sie aber zum Teil verdunstet, Sonne und lindere Tage sie zum Schmelzen bringen, so liegt auch dort der Schnee im Winter selten 28 Zentimeter hoch. In dieser Höbe würde er hin- reichen, um es den Trupvcn zu ermöglichen, sich Schneehütten aa?- zugraben, die dann einen guten Schutz gegen die Winterfröste ab- geben würden. Sobald aber die Zeit der Schneestürme und von 20—30 Grad Kälte im Januar und Februar eintritt, würden die Kämpfe ruhen müssen, denn mit den erstarrten Händen wäre es kaum möglich, Schlachten zu schlagen, mit den eisigkalten Metallgegenständen der Geschütze umzugehen und sich erfolgreich aus dem bartgcfrorencn Boden Deckungen auszugraben, wenn der Schnee in dünner Schicht liegt. So müßte notgedrungen eine Pause eintreten, wenn der Winter seinen Einspruch erhebt. Manche der Winter sind ja so furchtbar, daß sie alles Leben im Freien läbmen. Einer dieser berüchtigsteii Winter war der von 1893. Ein ungewöhnlich kalter Januar hielt sich beharrlich mit sibirischer S.rengc. In W i 1 n a, etwa. 150 Kilo- metcr östlich von Eydtkubnen, erreichte er statt der normalen —5.7 Grad—16.7. in Moskau statt—11.1 Grad—20.5 Grad und noch in dem verhältnismäßig warmen Odessa— 10,2 Grad gegen —3,3 Grad, die er sonst hat. Auch im übrigen Europa gab es strenge Fröste bis zu 20 Grad und mehr. Das war allerdings ein ausnehmend harter Winter. Natürlich kommen auch Jahre vor, die ganz das Gegenteil von 1893 sind. So war es erst im letzten Winter. lieber ganz Oesterreich lagerte von Ansang Januar bis Mitte Februar 1914 ein barometrisches Hochdruckgebiet, das nicht weichen wollte. In seiner Ausdehnung berrschtc auf den Höben 5 Wochen lang Pracht- toetter vor, in den Niederungen Frostnebel. Kein einziger Tautag unterbrach diese Frostzcit. die in Jnneröstcrreich einen Winter brachte, wie er sonst in Petersburg üblich ist. Während dreier Wochen waren die Temveraturmittel jedes Tages im Durchschnitt: in Klagenfurt— 14,2, Innsbruck—IIB, Graz— 11,1, Szegedin. Budapest, Agram, Bukarest— 9,4, Wien— 8,8, Krakau— 5,1, München— 4,1, Berlin— 1,3, Warschau— 1,8, Kiew und Peters- bürg— 2,0 Grad. Eine Zeit von 10 Tagen, das letzte Drittel des Januar, war noch viel kälter. Es ergab sich daher, daß in diesen Wochen die Temperatur in Rorddeutschland etwa normal, in Wien und Miltelöstcrreich um 6— 7 Grade zu kalt war, daß aber zur gleichen Zeit in Westruhland ein so milder Winter eintrat, wie man ihn dort in 160 Jahren nicht heobachtet hat. Moskau und Petersburg waren um 6— 7 Grade zu warm gewesen. Sie hatten mit Wien und den Alpenstädten das Klima genau auSgc- tauscht. Man bekam also zuletzt gerade in Mitteleuropa einen russischen Winter zu spüren, dem sich die Leute in seiner Dauer allmählich so anpaßten, daß sie ihn nicht mehr so hart empfanden, als ant Beginn. Ilnbekannte Einflüsse atts dem Weltraum hatten mit etnemmal den höchsten Luftdruck iit ein anderes Gebiet gedrängt und nun verzog sich die ärgste Kälte in die Alpen. Sie ist auch dort nicht unbekannt. Von der Schweiz erstreckt sich ein Gebiet, in dem der Januar im Durchschnitt stet» gegen 5 Grad unter Null bleibt, über Tirol, die ganzen Alpenkämmc entlang, bis unweit von Wien. Ein zweites solches Gebiet umfaßt den ganzen Karpathenbogen bis nach Siebenbürgen. Lestlich davon zieht sich dasselbe Klimageöict, von Tarnopol beginnend, nach Osten und Norden in Russischpolen, bis nach den masurischcn Seen. Den Ostpreußen, den Bewohnern der Karpathen und den Aclplern sind also russische Temperaturen nicht gerade fremd und auch die anderen Bewohner von Mitte!- europa werden in einem Winterfeldzuy nicht viel weniger kalten Januartempecaturcn angepaßt fein als die Russen. Allerdings würde den Franzosen, wie in den Tagen Napoleons, ein Winter- krieg in Ruhland hart fallen, weil Frankreich durchwegs ein mildes Klima hat, weil seine Bewohner nur in seltenen Jahren sich strenger Kälte erwehren müssen Als Napoleons Heere in Rußland zu� sammenbrachen, war der November und der Dezember nicht viel kälter gewesen als der letzte Januar in Miitelettropa. Im Vorfrühling wäre die Kriegführung erschwert, weil dann mit dem schmelzenden Schnee der Boden in Rußland vielfach so ausgeweicht wäre, wie im Hcrdst oder dann, wenn der abwechslungsreiche russische Frühwinter Tauwetter mit Kälte wechseln läßt. ' G u st a v W a I t e r. Der Dauernphilosoph. Z u Konrad Deublers 100. Geburtstag am 26. November. Zu einer der eigentümlichsten Persönlichkeiten aus dein vori- gen Jahrhundert gehört der Bauernphilosoph aus dem Salz- kammergut Konrad Deubler. Aber nicht nur zu den eigentümlich- sten, sondern auch zu den beute noch beachtenswerten. Wenn es noch eines Beweises bedarf, daß in den untersten Schichten des Volkes bedeutende Talente schlummern, daß große Geisteskräfte unter- drückt und unentfaltet bleiben, so haben wir ihn in Konrad Deubler. Aufgezogen als Tobn eines armen Bergmannes, in der-schule vollgestopft mit Bibelsprüchen und Katechismusgkaubcn, kannte er als Jüngling mebr von Tod und Teufel, Himmel und Hölle, al» vom Rechnen, Lesen und eechrciben. Tic einfachste Rechtschreibung sollte er Zeit seines Lebens nicht beherrscheit lernen und sollte doch eine höchst geachtete Persönlichkeit werden, in innigster Freundschait verbunden mit den bedeutendsten Männern der Wissenschaft. Als Müller von Hallstatt, der Tag für Tag die zentnerschweren Korn- säcke vom See die vielen hundert Stufen des Felsens hinaustrug und das vermahlene Getreide wieder hinab, als Bäcker und Gast- Wirt, zuletzt als Bauer schaffte er, solange die Sonne schien, wie nur einer seiner Knechte und Tagelöhner. Ganz aus sich seibst heraus, ohne jede Anleitung, nur von einem unersättlichen Wissens. dürft getrieben, erfüllt von dem Verlangen, hinter die Rätsel des Lebens zu kommen, studierte er in den Abendstunden in den neu:- sten Büchern der Philosophie über Gott und Welt, über Welt- scköpfung und Unsterblichkeit. Nie soll'c er als Verkündet ein:r neuen Wahrheit, einer neuen Weltanschauung irgendeine Bedeu- tung erlangen. Er war nur, da» aber ausschließlich und ganz, der feurige Jünger einer neuen Wcisbeit und als solcher in innigster Freundsck�tst verbunden mit Ludlvig Feucrbach, David Friedrich«trauß, Arnold Dodel, Ernst Haeckel u. a. Als Jüngling erfüllt vom U nsterblichkeitsdogma, suchte er hinter dieses Problem zu kommen. Von ungeheurem Lesehunger getrieben, durchforschte er Bücher und Bücher und stieß aus die von Heinrich Zschocke, Strauß und Feuerbach. Erfüllt von einem unendlichen Sinn für Natur, für die Pflanzenwelt seiner Heimat, entzückt von dem gestirnten Himmel, wie er war, mußte die sich auf die Eni- deckungen der Naturwissenschast gründende neue Lehre vom Werden und Vergehen allett Seins den tiefsten und nachhaltigsten Eindruck auf ihn machen. Mit innigster, bewundernder Verehrung hing er an den neuen Wahrheitssorschern. Von stolzem Bekennermut und einer unerbittlichen Wahrheitsliebe sogar gegen sich selbst erfüllt, von ausgezeichnet scharfem, folgerichtig abwägendem Verstände und einer eisernen Charakterfestigkeit mutzte er in dem engen Kreise seiner Gebirgsbaucrn auch der Verkünder dieser Wahrheit und deren festeste Stütze werden. Ganz erfüllt von der neuen Welt- anschauung wurde er der treue Freund. Berater, Fürsorger und 1] Zehn Wochen Sanitatsöienft. Liebe Schwester! Ich will einmal versuchen. Dir die t0 Wochen zu schildern, die wir nun drrniszen liefen. Am 4./8. stellten wir uns in Spandau und wurden bei der 2. Santiätskompagnie des 3. Armeekorps ein- gekleidet. Die Kompagnie teilt sich in zwei Züge zu je acht Pa- lrouillen, von denen jede 1 Unteroffizier und l2 Mann stark ist. Dazu kommen etliche Mann als Reserve, Krankenpfleger, Sanitätspersonal, das beim Verbinden bellen muß. Mitgeführt Iverden acht KrankenwaAen, iit jedem acht Tragbahren. Der Wagen kann vier Tragbahren belegt aufnehmen, zwei unten, zwei oben. Liegen nur zwei darin, kann eine Seite zum Sitzen für acht Mann eingerichtet werden. Im Felde sind aber auch schon zehn Mann befördert worden, obwohl zwei lagen. Vorn auf den Bock und oben drauf wird genommen, was irgend geht. Zu jedem Wagen gehört 1 Fahrer und 1 Mann. Dann hat jeder Zug einen Santläts- wagen, in dem etne vollständig eingerichtete Apotheke unter- gebracht ist. Nun noch 2 Packwagen und 1 Lebensmiitelwagen, und die Kompagnie ist voll. Jeder Zug wird von einem Leutnant, die Kompagnie vom Riiimeistcr geführt. Ein Stabsarzt als Evef- arzt und mehrere Oberärzte mit einem Unterarzt bilden das Arzt« personal. Am 6. August nachtö geht es von Spandau bis Hart, wo wir am 8. August mittags ausgeladen werden. Nach kurzem Manch bis Kirdorf bei Bebburg: dort kommen wir bi» lt. August in ein sehr gutes Ouartier. Hier haben wir Instruktion und Uebung und helfen den Ouartierlemen bei der Ernte. Am 12. August nach Steinstraß, kurzer Marsch. � 13. August: Ein schwerer, langer Marsch bi? Eschwetlcr-Aue. Einige 20 Mann machen ichlapp, auch ich fahre die letzte halbe Stunde. Gutes Ouartier. Nächsten Tag geht es 5 Stunden bis Forst bei Aachen. Die Fußkrauken nehmen stark zu: verwunderlich ist eS nicht, alles Landwehr, 10— 15 Jahre loS, den Tornister nickt gewöhnt, ebenso- ivenig die Stiefel. So hat denn die Mehrzahl Blasen, und was für welche! Bei Klein-Chavelle überschreiten wir am 15. August die belgische Grenze, lieber Battice, das zerichofien und niedergebrannt ist, geht ei bis Julemont, wo wir in Häuiern untergebracht werden.... Weiler gehl es über Wandte, Herstal, an Ltegne vorbei nach Milmort. Zum erstenmal sehen wir die Greuel des Krieges Brennende Dörfer. Das Vieh läutr brüllend vor Hunger umher, die Küde brüllen, weil sie nicht gemolken werden. Und wie viel Vieh sieht man ans den Weiden. Ein Dorf am arideren, iinmer dasselbe Bild. In einer Schule liegen wir ganz gutz Da wird erzählt, daß das Dorr unruhig ist, und einige Angsthasen wollen schon lieber im Freien liege». Wir hänseln sie, und das hilft. Was«in Soldat alle» gebrauchen kann! Unglaublich, was dieser oder jener glaubt mitnehmen zu können; am nächsten Morgen bleibt es liegen. In der Kirche hat man die meisten Männer der Be« völkerung festgenommen, und die Frauen bringen Essen. In Pieringen, einem völlig deutschen Ort. wird nach an- strengendem Marsch am näcksteit Tage Halt gemacht. In einem Pferdestall liegen wir vor Müdigkeit wie gewiegt.... Nun geht es über Looz nach St. Trouden und dann tveiter. bis wir nachts in Stooi auf Stroh uuicc freiem Himmel auf einer Wieie liegen. Am nächsten Tag beziehen wir nach langem, äußerst schwerem Marsch abends 10 Uhr Biwak in einer Borstadt von Brüssel. Von der Höde sehen wir den Lichtschein der Stadt. Nahe- bei fährt die Elektrische, und ant anderen Morgen haben wir ruhige Zeit. Wir lassen Brüssel rechrs liegen und ziehen nun in der Richtung auf Möns drei Tage weiter, bis wir am 23. August zuerst an die Arbeit kommen. An diesem Tage erreichen wir nachmittags JemappeS. einen Vorort von Möns. Nickis war zu hören, weder Infanterie- noch Artillerieseuer, auch Truppen haben wir an diesem Tage nicht gesehen. In einem Waiien- und zugleich Krankenhaus, einem schmucken, sauberen Haute mit schönem Garten, wird tn den Parterreräiimen der Verbandplatz ausgeschlagen. Das Sanitatspersonal bleibt zurück, ebenfalls die Reserven. Die Kirche wird zur Ausnahme Verwundeter eingerichtet und das rote Kreuz ausgerichtet, aus der Kirche slatten das Zeichen der Genfer Konvention neben der deutschen Fahne. Die Krankenträger rücken mit den Krankenwagen nun vor ausS GefechtSseld. Die Dorfstraße entlang kommen wir aus den Weg nach MonS, und als wir den Blick aus die Stadt frei hoben, sehen wir den schönen Kirchturm in Brand, Auf der Straße wirbelte alle-! durckeiuander. Artillerie. Munitionskolonnen wollen nach vorn, wir ebenso. Feldküchen, Kavalleriepatrouillen, dazwtsckcn rasen Autos mit Generalstäblern hin und her. das Tuten hört nickt aus. „Straße frei'.„Rechts ran', hiu und zurück. Born liegt ein Wagen im Graben, verhindert die Passage, und dazu die brennenden Häuser längs der Straße, die un» fast sckmorcn lassen, und deren fallende Dächer und Balken den Vorbeigehenden bedrohen. Also hier war der Kampf. RecktS und links der Straße ein von tiefen morastigen Gräben durchzogenes Gelände, über das unicre Infanterie kaum einen Schuß abgebend in eckigen Sprüngen gegen die Stadt vorgegangen ist. Bor dieser der Bahndamm, der verdeckt ist durch dichte», wenn auch iehr schmales Gehölz. Von hier aus haben wie aus den nahen Häusern unsere armen Kerle Feuer er- halten. Die Wagen halten, und je ein Zug sucht auf einer Seiw der Straße das Gelände ab. Die Trage in'der Hand. über die Gräben setzend, gehl alles wie ein Lichtkegel auseinander. Dir" hören noch ab und zu eine Kugel fingen, aber nur in den ersten Minuten, dann sind wir so sicher wie aus dem Tempelhofer Feld. Hier schemtS nichr so arg gewesen zu sein. Wir finden keinen. Da kommen wir an den Dammclr platz für die Verwundeten. die Stelle, wo die Krankenträge- der Truppe, deren vier bei seder Kompagnie find, die armen Kerle schon zuiainmengetrageit und verbunden haben. Ein junger Arzt gibt mit staunenswerter Ruhe die Anweisungen. Wir laden also die Verwundeten auf die Bahren, bringen sie in die Wagen auf der Straße, und fort geht eS zum Verbandplatz. Jeder bat schon seinen Zettel vorn am Rock oder Mantel hänge», aus dem genau angegeben ist. wetcke Verletzung er hat. wann er verbunden worden ist, und die Personalien. So weiß der Arzt i» unserer Verbaiidsstelle sofort, was los ist. Wir laden so Wagen auf Wagen, dunkel wirds, und noch einmal gehen wir mit den leeren Tragen über die Gräben, ob nicht doch noch irgendwo ein Verletzter siegt. Jedoch vergeblich, alles leer. Bald gehen die Wagen durch die Stadt vor. Unsere Infanterie muß wie rasend vorgegangen sein, denn weit vor der Stadl auf der anderen Seite hole» wir»och Verwundete. Dunkel ist es, und die brennenden Häuser zeigen den Weg. Dazwischen fallen in den Straßen noch vereinzelte Schüsse. Zivilisten iverden transportiert. Die Krankenwagen nehmen etliche als Führer mit, sie müssen uns durch den Ort führen, was auch den Vorteil hat, daß aus den Häuiern vielleicht wenigergeschossen wird. So geht es bis nach Mitternacht. Wie viele haben wir geholt i- An 200 sind's gewiß. Todmüde kommen wir zurück. Auf dem Rasen, in Mantel und Zeltbahn gewickelt, legen wir Krankenträger uns hin, und vor Müdigkeit schlafen wir auch bald. Ich habe zwei Berusskollegen neben mir, einer hat 40 Zigarren aus der Stadt mitgebracht, ganz naß sind sie am Morgen. Wir ivackeu vor Kälte auf und steigen im Mottdscheitt über die Echlafendeu. An der Feldküche ist Feuer und wir gehen dort hin. An den Fenstern leben wir Gestalten vorbeibutchen, Aerzte. Kranken- Wärter. Endlich finden wir den Heuboden. Hinauf, und wir schlafen noch zwei Stunden. Morgens das Gepäck in Ordnung gebracht: wir warten auf das Feldlazarett, das den Verbandplatz übernimmt, der nun Feldlazarett Nr.... heißt. Ein junger Leutnant gibt Geld zu Zigarren für die Krankenträger. Er freut sich, daß sie ihn aui der Trage eine Stunde wen zum Verbandplatz getragen haben, und sitzt lächelnd in der Sonne. Das Feldlazarett übernimmt nun den Platz, und wir rücken ab, denselben Weg. den wir nachts mit den Verwundeten machten, in die Stadt, wo ivir au der Grenze in einem Haufe gleich wieder ein Verbandplatz aufschlagen. Wieder rücken die Krankenträger mik den Wagen vor, und heute sehen wir zum erstenntal bei Tageslicht ein GefechtSseld.. Vorwärts geht es mit den Tragen, die ganze Kompagnie, je vier Mann an einer Trage: zwei sollen trag?». zwei zur Ablösung und zum Gepäcktragen. Jede Bahre da: ihre LerbandStasche. darin Binden. Heftpflaster, ESmarchbinden. große und kleine Tücher, eine Binde zum Unterbiiiden vom Schtagllderblunmgen und eine Lerbaitdschere. So geht» strahlen- förmig vor. jForti. folgt.) inid) Kämpfer aller Unterdrückten. Und wie er die neueren Philo- suphdu studierte, ihre Werke zu seinen täglichen Haus- und Äe khrungslnichern machte, so eifrig vertiefte er sich in die Schriften von Laisalle. Marx und Enpels und hat mir seinem Wissen, mit seinein Scharfsinn manchen Gelehrten vom.Tfarf) beschämt. ör war ein eifriger Anhänger der Revolution von tä48 und ihrer Ideale. So sehr er sich von ihnen angezogen fühlte und ihren Sieg wünschte, so genau wnhte er doch, dach die Zeit der iieuen Weltanschauung und ihrer Herrschaft noch picht gekominen sei. Er war üherzeugl, dach nie eine Umwälzung, sondern nur die Entwickelung die Menschen für die neue Zeit schaffen könne. Nach ihm waren vor allem Bildung und Aufklärung zur Erziehun'g des Volkes not. Aus dieser Erkenntnis hatte er als Bürgermeister und Schulvorsteher seiner Heimatgemeinde die Vereinigung der beiden konfessionellen Schulen durchgesetzt. Deubler war davon überzeugt, dach nur in der höheren Bildung der Fortschritt begründet liege. Dar- um ivar er unablässig um sie bemüht und er, der einsacke Bauer, hielt Zeituiigen und Zeitschristen, nannte eine Beöliothei und Kunstwerke sein eigen. Sein Haus war ein kleines Museum,>» das bedeutenoe Wissenschaftler und Künstler ihre Einkehr hielten, und das nicht mit Unrecht als die Sommerfrische der Philosophen galt. Die Ge- lehrten, die sich in ihre» Studien vor der Welt und den Menschen verschlossen, sanden in dem einfachen Bauern den aufrichtigsten Mensche», der ihnen in Liebe und Verehrung anhing. Zur sei«« Ueberzeugung hat dieser Bauernphilosoph auch ge- litten. Tust man eine erkannte Wahrheit auch aussprechen und verbreiten dürfe und müsse, war ihm zweite Natur, und so wurde sein»Gasthaus zur Wartburg" in Goisern der Sammelpunkt gleich- gesinnter Freunde. Sie bildeten eine Lesegemeinde, für die Deubler Zeitungen und Bücher beschaffte. Aber das Büchcrlesen machte damals auherst verdächtig. Weiterzuerzählen, wieviel Staatsschulden Oesterreich habe, das; es zuviel Papiergeld ausgebe, unaufgefordert die„ordamerikanische Republik, die Lust am Auswandern zu lobe», das schon bedeutete Hochverrat. Der vernach- kässigie Kirchenbesuch, das Lesen und Verleihen von naturwissen- schastlichen Büchern, Broschüren und Flugschriften war ReligionS- störung. Deubler wurde, wie die meisten seiner Freunde im--alz- kammergut in seinen; Heimatlande Interniert und polizeilich bc- wacht, schliesslich wegen der oben genannten Verbrechen zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt und nach Abbüßung wieder interniert. Man möchte es heute nicht glauben, aber in der Tat waren für die Strafe nichts anderes massgebend, als die angeführten„Verbrechen". Verboten von der Kanzel hemb unler Androhung von Stocksch ägen auf den Magen, wurde der Besuch von Deublers Wirtschaft, kein Mann ging mehr über deren Schwelle, und nur die eiserne Energie der Frau hielt während der Aesangenschafi des Mannes den völligen Zusammenbruch der Familie aus. Kniefall und Bitten der Frau, ihr den Mann zurückzugeben, nutzten nichts. Nur aus ein Gnadengesuch Deublers selbst wurde es diesem gestattet, in seinen HeimatSort zurückzukehre» und seine geliebten Berge wieder zu schauen. Aber erst nach weiteren langen Jahren wurde er in da» volle Bürgerrecht wieder eingesetzt. Seine Mildtätigkeit, seine Hilfsbereitschaft, sein biederer sinn und sein mannhafter Eharakt« veranlassten die Gemeinde, ihn zuni Bürgermeister zu wählen und ihn mit öffentlichen Ämtern zu betrauen. Deubler unterhielt einen lebhaften Brieftvechsel, so mit Paul Heyse, Peter Rosegger, Anzengruber, Johannes Scherr, Robert Reitzel, Ludwig Büchner, Minna KautS!» u. v. a. Aus diesen Briefen lernen wir den wunderbaren, eigenartigen guten Menschen erst recht kennen und erlangen eine seiner lebhaften Freude an Kunst und Wissenschaft. und herzlich Ahnung von A. R. nächst die Blottgemiise,| Kohlsorten zu verbrauchen, von begrenzter Dauer sind. Rationelle Küche in öer Kriegszeit. Wie es Pflicht der staatlichen Organe ist, jetzt jeder Per- schkeuderung und Vergeudung von menschlicher Nahrung ent- gegenziilvirken und die Verteilung der Vorräte planmässig zu organisieren, so müssen auch die HauSirouen zu ihrem Teile dazu milivirken, das; unier Bestand an LebenSmitlcln bis zur nächsten Ernte zweckmässig verwendet wird. Eine Veranstaltung im Lette- haute gab an zwei Tage» der vergangenen Woche manche wert« volle Anregung hierzu. Im Rabmen einer Ausstellung von Produkien des Vereins zur Förderung deS Obst- und AemüscverbraucheS in Deutsch- land hatte die Kochschule de-Z Leilevereinö eine sehr zeiigrmässe kleine Sonderausstellung veranstaltet, die teils neue, teils wenig bekannte BereitunpSarien von Geinülen zeigte. Die Gemüse werden in der Kost de» Proletariats häufig nicht gemig gewürdigt Ihr Gehalt an den Houptnährstoffen, an Eiweiss, Fett und Koblehiidrotcn ist freilich nicht gros, aber sie entbolten in reichem Masse die für die Er- baltung des menschlichen Körpers nicht minder wichtigen Nährsalze. Ueberdie« haben wir es in der Hand, die Gemüse durch Zusatz von Fett und Getreideprodulten mit Nährstoffen anzureichern. In der KnegSzeil ist es zweckmässig, zu- wie Spinat und d>e verlchiedeneu deren Haltbarkeit und Wohlgeschmack WW Später erst sollten nackeinaiider die eingelegten Gemüie sSauerkohI, Salzbohnen), dann die getrockneten Gemüse, ferner Wurzelgemüse mit den leider iehr teuren Hülsen- srüchien zusammen und zuletzt Hülsenfrüchte mit Haferflocken und dergleichen zusammen verwendet werden. Das ist eine der Voraussetzungen, unter denen es möglich ist, mit unseren Borräten bi« zur nächsten Ernte zu reiche». Die Ausstellung zeigte u a. folgende sehr rationelle Mitchgertchte: Spinat mit Graupen. Sauerkohl mit Kürbis, Weisskohl, einmal mit Graupen, einmal mit Haferflocken zusammen- gekocht, Graupensuppe mit Spinat, Suppe und Gemüse von Sauer- kohl mit Haferflocken, Salzbohnen mit Mohrrüben, getrocknete Bohnen mit Graupen, Grünkohl mit Graupen, weisse und netrocknete grüne Bohnen mit frischen Mohrrüben, ein Gericht, da» sich sonder- barerweise buntes Huhn nannte; ferner gab eS Gemüsesalate auS frischen und gedörrten Gemüsen gemischt. Da Eier jetzt für den gewöhnlichen Haushalt zu teuer sind. hatte man Versuche angestellt, Hackbraten. Kuchen, Eieriucken. Plinsen und Klösse ohne diele nahrhafte und wohlschmeckende Zutat herzu» stellen. DaS Ergebnis war recht befriedigend. Ebenso hatte man bei Gebacken und Mehlspeisen das teure Weizenmehl mit gutem Er- folg zur Hälitc durch das um 25 Proz. billigere Noggenmehl ersetzt. Roggeumehl läht sich auch zu Suppen, Saueen und Einbrennen wie Weizenmehl benutzen. Zum Einhüllen sPanieren) von Fleischschnilten und Fischen bedient man sich vorteilhast statt der zerquirlten Eier eines Breis von Roggenmehl und Milch. Die in diese Mischung getauchten Fleisch- und Fischstücke werden in geriebener Semmel gewälzt und in gewohnter Weise gebraten oder gebacken. Angesichts des grossen, folgenschweren Ernstes, der auch in der Frage der BolkSernahrung in der KnegSzeit an unS herantritt, der- dient jeder brauckbare Hinweis zu vollkommenerer � Ausnutzung unserer Vorräte grösste Beachtung. Werden wir in den kommenden Zeiten ein Defizit in der Ernährung mcht immer vermeiden können, so müssen ivir doch trachten, dass eS so klein wie möglich sei. Bielen, denen der Krieg mit der Arbeit jede Möglich- keir zu einer leidlich geordneten Existenz genommer hat. kann freilich auch mit den besten Ratschlägen für baushälterischeö Wirt- schaften nicht geholfen werden. Hier haben Gemeinde, Staat und Reich mit weitreichender Fürsoige und nach Möglichkeit mit Arbeits- beschaffung emzulreien._ mkt Tout chez nous. comme Von den vielen Singspiekballen. die eö sich mit so regem Fleiss angelegen sein ließen, den Paris besuchenden Fremden die Zeit zu kürze», halten nur noch drei oder vier ihre Pforten geöffnet, und auch, deren Existenz ficht sich bedroht von dem Machtiprnch des Gouverneurs Gallien«, der in dieser bitterernsten Zeit das Zer- ftreuungs- und Unterhaltungsbedürlnis der Pariser als eitel Fri- volität betrachtet und dementsprechend beoandell. Die paar Heber- lebenden der Pariser Tingeltangelherrlichkeit haben sich natürlich den veränderten Zeitumständen anpassen müssen. Sie haben ihre Natur von Grund aus geändert, und zwar in einer Weise, die den ehemaligen Stainingästen, die hier ihr Vergnügeil suchten, wenig Freude'machen dürste. Wo sind die schlüpfrlgen Eouplets, hie zweideutiaen Witze und die kecken Refrains geblieben? Wo sind die vom Teufel besessenen Tänzerinnen mit und ohne Trikot, die halbnacklen oder ganz nackten Ehansonellensängerinnen hin- gekommen, die singenden und rezitierenden Dirne», die eher Geld als Beifall von ihrem verständnisvollen Publikum heischen? ..Ich kann cö nicht sagen", plaudert Campolongh; in einem Pariser Briese des„Secolo",»ich weiss nur, daß ihre Bilder sich nicht mehr auf den grellen Plakaten breit machen, dass diese viel- mehr heute das Bild der»Trommelvirtuosen" zeigen, der uns die ..Attacke von Wagram" ins Ohr donnert, oder das der züchtigen, im geschlossenen schwarzen Kleide erscheinenden Dame, die uns mit geziemendem Ernst die»Jagd aus die Barbaren" vorsingt, aller- dings nach der wenig marschmassigen Melodie des schönen Liedes „Bei meinem Blondköpfchen". Aber auf die Melodie kommt es heute nicht an, dafür umsomehr aus den Text, der unbedingt der Kriegsstimmung Rechnung trage,; muß. So hört man denn überall Marsch- und e-chlachtgesänge, historisch-patriotischc Lieder, da- zwischen humoristische und sentimentale Gesänge. Aber alle sind unweigerlich aus die patrioftsch« Note abgestimmt. Das zeigt ein Blick aus das Programm, etwa des..Petit-Casino de Paris, des derzeitig besuchtesten der Pariser Tingeltangel. Es wird eröffnet durch mehrere Orchesterstücke, darunter den»Lothringer Marsch". die»Tochter des Tambourmajors".»Vorwärts, JungenS", und»Im Tritt marschiert". Zweite Nummer Fräulein Rehmond:»Spiel- zeug", dritte Nummer Fraulein Ruzzo:»Der Elsässer Junge". »Viel Tank. Ihr guten Deutschen",»Wilhelms Traum". Vierte Nummer Herr Eouchoud: Der»Sang unseres Landes", die»Felsen des Rheins",»Ich>m.'rde zur Stelle sein". Fünfte Nummer Vor- trag des Trommelvirtuosen Rohus. Sechste Nummer Fraulein Camilla Stefany:„Dem Kaiser zur Beachtung".»Eine Taube über Paris".»Wilhelm hat den Schnupfen" usw. Der Inhalt dieser Programme setzt sich gewiss nicht aus Meisterwerken zusammen; aber sie spiegeln den Geist und das Fühlen wider, das heute dw Volksseele erfüllt. Die Rührseligkeit bildet hier natürlich einen überall scharf hervorklingcnden Grund- ton. Beliebt ist von diesen sentimentalen Sachen insbesondere »Die Waise von Paris", di« eine tränenreiche Geschichte aus dem siebziger Kriege in rührseligen Versen wiedergibt. Und unter den humoristischen Vorträgen überwiegen die. die die Person Kaiser Wilhelms zur Zielscheibe des Spottes nehmen.,.. Gern hört man auch die»Jagd aus die Barbaren", die auch wieder nach der Melodie des..Blondköpschens" gesungen wird, und den..Walzer des Boches". All diese Voriragsnuminern sind fast ausschließlich Erzeugnisse der Poeten von Montmartre, soweit diese noch vorhanden sind; denn die Mehrzahl der bekannten Chantantliederdichler de« Montmartre steht im Felde und sorgt h!er für die Unterhaltung der Kameraden. DaS Publikum lauscht all diesen, nicht eben bedeutenden poetischen Erzeugnissen mit gleichem Interesse, und wenn die Sache in« Rühr- selige gerät, so hört man allenthalben Husten. Naseschnäuzen und Niesen, Geräusche, die das aufsteigende Schluchzen bemänteln sollen. Und wenn die Leute das Haus verlassen, so summen sie die leicht ins Ohr fallenden Kehrreime der Lieder, die sie gehört haben, die so Flügel erhalten und nach Montmartre, wo sie hergekommen sind, zurückflattern." Wie gesagt: ganz wie bei uns. kleines Feuilleton. die Münchener Verleger für die /luslanösliteratur. Ter Münchener Verlagsbuchhandel hat sich zur Herausgabe eines gemeinschaftlichen Bücherverzeichniffes vereinigt, das in nächster Wocke erscheinen soll. Es heißt Bücker im KriegSjahr 1914", und im Vorwort wird u. a. sehr richtig gesagt: .... Ter fremde Sckund, a» dessen Einführung kein Stand ohne Mitschuld ist. dors nicht wieder hereinkommen. Es steht aber zu befürchten, doss man»e der Leute, die jetzt jede« Fremdwort ver- tilgen, jedes ftemdiprachlich« Ladenschild zerirümmern. nach dem Krieg ihre Erholung wieder beim inieinarionalen Abhub suchen. wenn erst einmal für Vanetö ein deutsches Wort gefunden ist. ... Tie Engländer werden dadurch geschädigt, dass unsere. Unterseeboote ihre Kreuzer zerstören, nickt dadurch, dass unseres Kritiker ibre Bücher demolieren. Kindisch stnd auck die Vorschläge, kerne ausländischen Bücher mehr zu übersetzen. Der Krieg sollie da» Gegenteil gelehrt haben. Wir können die Welt gor nickt zu gut kennen, um un« und uniere Kultur zu behaupten. Eins der Mittel dazu ist die Kenntnis fremder Literaturen..." In München erscheinen allerdings sehr viele Uebersetzungen auS allen möglichen Sprachen. Ein neues künstliches Sein. Künstliche Beine stnd schon im Aliertiim hergestellt worden. Man bat immer und immer wieder»ine Berdesterung versucht, ohne daS Ziel vollständig zu erreichen. Eme wesentliche Verbesserung ist von Privatdozent Dr. Boeyer na» der.Feidärztlichen Beilage" der »Münch, medizinischen Wochenschrift" heibeigeführt. Er Hot den Bau eine« StelzfusseS angenrebl. der die kosmetischen Vorzüge«ine« künstlichen BeincS hat. Die Konstrulnon ist sehr einfach und infolge- dessen dauerhaft und billig. Eine Vorbedingung kür eine gute Tätigkeit des Beincrsatzes ist, dass er am Stumpf oder Rumpf sehr festsitzt und dass die Körperlast auf mehrere tragende Punkt« verteilt wird, sowie dass die äusseren Teile des Beines so leicht wie möglich stnd. Diese letzte Fordetui, g läßt sich erfüllen, wen» auSgehöolter Kork ver- wendet wird, der durch Stahlbänder versteift, reichlich mit Zelluloid imprägniert und mit Leinwandband umwickelt ist. Glkich;eitift läßt Boeyer das Knöchelgetenk weg, weil solche» auf ebenem Boden keinen wesenilichen Nutzen bat, den Gang unnatürlich macht und die BeiricbSsicherbeit de« Beines bedeutend herab- setzt. Dafür bar er«« Kussgelenk hergestellt, durch da« doS Ab- heben des Beines vom Boden in natürlicher Weise nachgeahmt wird. SS hat sich berouSgestellt, dass die Patienten mit dieiem künst- lichen Bein sehr rasch das Gehen wieder lernen und auch ziemftch weit geben können. Selbst bei einem Er'ay des Hüftgelenle« hatte die erwähnte Konstruktion einen verblüffenden Erfolg. Die sehr schwächliche 21 sährige Patientin konnte sofort allein ohne Stock gehen und Stiegen Neigen. Nach 8 Tagen ging sie schon über eine halbe Stunde allein und stieg täglich in ibre im zweiten Stock gelegene Wohnung. Allmählich konnte sie zweistündige Spaziergänge machen._ Das /lbenteuer öes Krankenpstegers. Wie schnell unsere Soldaten im Felde jede Gelegenheit, die sich ihnen zur Erlangung eines Vorteils bietet, auszunutzen sucken, davon legt die Erzählung eines belgischen Krankenträgers, die im.Nieuwe Rölterdami'che Courant" wiedergegeben wirb, beredte« Zeugnis ab: .Bei Dtxnimden, wo ich ols Krankenträger hinter der Front mit dem Abzeichen des Roien Kreuze» versehen war, wurde ich plötzlich ergriffen, und bevor ich mich von meinem Entsetzen erholt balie, stand»ch. von demichen Soldaten umringt, die mich kragten: »Was machen Sie da?" Ich erklärte ihnen, dass ick meinem Kranken- rrägerberus nachginge. Tie Deuischen aber hielten mich fest, weil sie in mir einen Spion vermuteten. Eist mein« Papiere retteten mich aus der peinlichen Lage. Als die Deutschen diese sahen. nahmen sie den Fund hastig an sich und befahlen mir. den Mantel abzulegen. worauf ich freigelassen wurde. Nach einem gefährliche» Rückweg erreichte' ick die belgischen Vor- Posten, bei denen ich mich meldete und mein merkwürdiges Erlebnis einem Offizier mitteilte. Dieser schien mir nicht zu glauben, sondern gab Befehl, mich unter Bewachung abzuführen. Wie fest ich auch selbst zu en-MA gesahrlichkeit von der Paslbeiäri? �®or,f wegen ibrer?'"� vetfiditiU. dass ich da« Opser der Deutschen geworden war, man man sie als Flftae?vse?i��'°�"ung au«geschlofl/m"Vielleicht lon« g-K. tUlnife.Berlit«. ,i_ Ölprirtn■ Nnri..»»,*.tj..-.....-— Z_ tzseile verwenden. blieb misstrauisch, und ich wurde wieder als Spion eingeschlossen. Ich erzählte, was in meinen Papieren stand, da ich hoffte, dass die Obrigkeit daraus die Wahrheit meiner Erklärung würde ermilteln können. Da kamen schon nach wenigen Stunden Offiziere und wünschten mir Glück. Sie erzählten, dass soeben ein deulscver Sal- dal ergriffen sei, der meinen Anzug mit meinen Papieren trug; er halte die günstige Gelegenheil in die feindlichen Linien zu gelangen, nicht unbenutzt lasten wallen. Man gab mir alles wieder zurück, und ich war lange der Mittelpunkt van zahlreicheir Soldaten, die neugierig der Erzählung meines Abenteuers lauschten." Der Rriegsbart. Der Krieg wird zweifellos die Baritrocht dauernd beeinflussen. Dabei mag daran erinneri werden, dass de> deulich-ftanzöfische Krieg van 1870/71 ebeniall« iniofern benimniend für die Bortlrackn war, als er mit den Bariverboten ausimimle, die da und doit»och bis dahin in Deuischland bestanden halten! Natürlich l eswränkien sich diese Bariveibole nur aus besummie Kreiie. So bestand zum Bei- ipiel in Hessen-Tarmsiad» ein Ban-Regulnnv vom Jahre 1851, das wörtlich laniete;„Ten Zivilbeamlen ist nicht geiiaiier, andere Vörie als Backenbörie zu tragen, mit AuSnadme der Forstdeamien, Postbeamten und Eiienbahnbeamien, welchen aussei dem gestaltet»st. auch Schnur, bärle zu tragen. Änebelbärte, ipwie um das Kinn gebende Bäite sind verbalen." Erst nachdem dann im Kriege diese Bart Ordnung vielsach notgedrungen üdeiichriiten wurde und viele der heimgekehrten Beamten mit vorschrisiewidrigen Bällen den Dienst wieder aufnahmen, erschien im Juli 1871 die Kabinett-?a:dcr: „Ich finde mich veranlasst, die in Meiner Kabinensarder vom 28 November 1851 enthaltene» Vorschriften über das Tragen der Bäite der Zivilbeamlen nunmehr wieder aufzuheben." Heutzutage bestehen wohl Barlverbole nur noch bei den niederen Hofbeamien, denen zumeist daS Tragen der Schnurrbärie verboten ist, und zwar besteht dieteS Perbot bei den meisten fürstlichen Hofhalten. Am kaiierlichen Hoke war e« während der kurzen Regteru� gSzeu Katter FiiedrichS ausser Kraft gesetzt, aber wohl auch nicht oifiziell ausgehoben. Soweit die Meldung emer Korrespondenz. Es tsl aber bekannt, dass auch in der deutsche» Marine, und zwar nach englischem Bor- bild, der Schnurrbart vor einer Reihe von Iahren verboten wiilde, kür Mannschaften wie kür Osfiz>«r«. Sine Stimme aus dem Leide! Es gibt für uns kein« grössere Freude, wenn die grossen grauen Autos mit der Aufschrift.geldpofi" ankommen. In erster Linie» inicressierr uns ein Lebenszeichen unserer Angehörigen, Freunde usw., aus der lieben Heimat. Nebenbei erhalten dann auch viele meiner Kameraden, so auch ich, die Zeitung ins Feld nachgesandt, um von den neuesten Ereignissen unserer Kriegsschauplätze unterrichtet zu sein. So finden wir auch Seiten voll Todesanzeigen unserer im Feld« gefallenen Kameraden. Auf einer der nächsten Seiten finden wir bann als krassen Gegensatz, woraus wir nicht die jetzige ernste Zeit entnehmen können, das fettgedruckie Wort..Vor- gnügungs-Anzeiger". Wer wird wohl von den Schrecken des Krieg« >n der Heimat verschont geblieben sein? Doch gewiss recht wenige. wenn nicht der Vater, oder der Sohn, so doch ein naher Verwandter oder guter Freund, einer davon sieht sicher im Felde. Meine An- ficht wird wohl jeder mit mir teilen, wenn ich das Wort»Vergnü- gungS-Anzeiger" au« der Zeitung, wenigstens zur jetzigen Zeit, verbanne. Damit nicht genug; in der Annonce eines Kino-Theaters finden wir unter anderem angeführt:»Tränen wird man lachen über,.- usw." Da« grenzt dach ans Unerhört«, ja sogar der Herr Tanz- lehrer sucht zu seinem jetzt begjnneyden Tanzkursus noch junge Leute. Sa finden wir noch so manche» Anstosserregende, wenigstens !ter im Felde, denn wie sich danach di« Zurückgebliebenen einen wieg porfiellen. können wir un« nicht denken. Diejenigen Leute. die diese Vergnügen aufsuchen haben wohl keine blasse Ahnung da- von. Polizeilich sollte» derartige Veranstaltungen untersagt wer- den, denn sie paffen sich der jetzigen ernsten Zeit nicht an. Unsere Kameraden, die schon wochenlang in den Schützengräben zubringen, dazu bei der bereits eingesetzten kalten nassen WitlerunS, empfinden die« keinesfalls als Ritgefühl unserer zurückgebliebenen Bevölkerung. Für Liebesgaben, bestehend in warmer Unterkleidung, wäre» derartige Ausgaben besser angebracht. Diese Zeilen im Sinne vieler Kameraden. __..... XVIII. Nottze». --- Tüchtige Geschäft-Patrioten. Die«»nftleitung der.Leipziger Jllustrmien Zeitung" ersucht un« um nachfolgend« Venchttgung.' ,*3n»?iV325Ä?. Unterhaliungsvlatte« wird unter der Lp!?/ marke„Ta»tig« GeschaflSpatrioten" die Behauptung aufgestellt, da« .� der � di«»Illustnerte Zeitung" auf dem westlichen Krieg?' schauplatz tätigen Sonder, eichner gleich, eiijg an der»Jllustraied London NewS' milarbetmen. Diese Rftietlung ist falsch, llnftr« auf den Kriegsschauplatz entsandten zeichnenden Mitarbeiter find ' Ebensowenig haben wir seit standen'"nt englischen Zeichnern in Verbindung g«' hieÄÄaJ?"?««.Schaubühne" entnommen und unk«.- F l'"l"1®ie.Schaubühne" Hai ober unicttv, Wissens blSher keine Berichtigung gcbrachr i«» 8 Ubr im0«n!®/' Wo5 Deri hält am Sonnabend, abend? vorlrag üfcr$».®"linet Rathauses einen Lichtbild«' oryv"» � �« n e r*3oC(dtl)fcitcri}tf{3 tnt©ctroflC i-i->w°° """" jetzt schon schaff?» solle®mr, erfreut, Z5""funb-n sind, scheinen rJ°* die in �«ewntwortlicher Rebakteur: Alfred Wielepp. Neukölln. Für de? Inseratenteil verantw.: Tb. Glocke. Berlin. Druck u.Vertagi Vorwärts Luchdrückerei ' u. VcrlagSanstalt Co» Berlin