Kr. 258.- 1914. Unterhaltungsblatt öes vorwärts lreitag, 18. Dezember. RuPsche Staöt. Vou Armin T. Wegner, zurzeit als Krmikenpfleger im Felde. Eines Morgens tauchte sie au-Z der Ebene auf. Sie ist eine von vielen. Grau und lrostlos liegt sie in der ungeheuren Weite, die vor uns in das Endlose zerfliegt. Die Augen der Uebermüdeten, die nach nächtelangen Eisenbahnfahrten, aus den hölzernen Boden der Wagen gepackt, über» und untereinander schlafend, ihre schwer- zenden Glieder erheben, schauen gleichgültig auf die Einsame hinab. Zögernd erbebt sich der Nebel auS den grauen S tragen, von dem steinernen Hügelland des geschwollenen Pflaster?, über die reizlose Menge nüchterner Fabrikgebäude streichend wie das kalte Laken, daS man vom Antlitz eines Sterbenden zieht. Vor dem Bahnhofsgebäude drängt sich das schmutzige Bolh das uns in allen Städten Polens empfängt, jüdische Knaben, zerlumpte Frauen, die„Herbala" rufen und in ihren ungewaschenen Hände» eine trockene Backware würgen. Auf dem freien Platz sammeln fich die Mannschaften, die Aerzte, die SanitätS- lruppen. Wir marschieren in die Trostlose hinein. In einer ver- lassenen Weberei liegen unsere Quartiere. Feuchte, moderartige Luft strömt uns auS den weiten Fabrikhallen entgegen, in denen Hunderte von Webstühlen in der Kälte des Todes erstarrt find, von den Schatten Tausender von Arbeitern belebt, die nun in der Enge licht- loser Wohnungen einer brotlosen Zukunft entgegensehen oder namen- los aus den Schlachtfeldern Polens verbluten. Die kalten, unbeweg- lichen Glieder der Maschinen, die eingeschlafenen Gelenke, die leeren Bauchwände der Kühllefiel, die tausend im Krampf geöffneten Finger der Strickstühle, die in eine graue, herzlose Leere greifen, erwecken in deni dumpfen Licht de» Herbsttages eilten unsagbar traurigen Eindruck. Zwischen den Webstühlen liegt etwas fahles, staubiges Ätroh ausgebreitet, in dem die Rotten fich paaren, das von Papier, von Eierschalen und menschlichen Exkrementen untermischt ist. Auf dies zerfallene, von Verwesung erfüllte Lager, auf dein der Körper Tausender ruhte, die vor unS kamen, um irgendwo in diese graue. unbekannte Ferne zu ziehen oder zu sterben, sinken die Leiber der Uebermüdeten nieder, von einem tiefen, ohnmächtigen Schlaf be- sangen. Roch ein paar Stunden aber erwachen sie plötzlich mit der traurigen Stimmung von Menschen, die einen Augenblick lang den Zusammenhang ihres Lebens vergasten: die. losgelöst von aller Gegenwart, in einem tiefen wtd bodenlosen Räume schwebten, um sich nur mühsam zurückzufinden in die Wege diese? fremden. Wechsel vollen Alltags und in die Umstände, die sie in diese sellsame Ilm grbung führten. Eine Stunde vor Abend aber, der früh und traurig hereinbricht, wandern wir noch einmal in die einsamen Gasse» dieser schwer- urütigen Stadt, zwischen kleinen tiefgiebligen Hütten, unter kahlen. von Kall unbeworfenen Mauern, die wie wundes, der Haut cnt- olösttes Fleisch in der Kühle des Abends zu frösteln scheinen. Eine 'chwarzumränderte Tafel hängt an der hölzernen Tür eines HaufeS: w dorn u tem panvije chorobo Tyfus. Der Schatten eines KaftanS schwankt vorüber. Wir schreilett bis vor die Stadt hinaus. Ein dunkler Schweif fjwht fich die von den Wagenrädern endloser Bagagezüge zermarterte «tröste mit ihren spärlichen gelben Pappelbäumen vor un« in die verschwimmende Ferne, über die blassen, rinderbedeckten Weiden unter °«r unfastbaren Mutlosigkeit des Himmels fort. Einsam erhebt sich °os letzte HauS an der Dorsstraste, als wäre eS die letzte Hütte der �elt. Ich must an einen BerS von Ntlke denken. Alz es ganz schwarz geworden ist. wandern wir in die Stadt Zurück. Weiber und Kinder mit schwankenden Reisigbündeln stolpern barsüstig vorüber. Aus den Läden der Juden bricht ein gelber Licht- schein auf die Straßen. Lachen dringt durch die Fenster der Tee- stuben. lieber das hüglige Pflaster der Bütgersteige aber schlendert »t der fallenden Dunkelheit die müstige. zerstreute Masse all jener, vre eine unbekannte und übergeordnete Macht, die sie fast mit der «rast eines Mythos empfinden, durch das weite Hinterland der Etappe dem Ungewissen Ort ihrer nächsten Bestimmung zuführ». � jener, die brausten lagen an den letzten Klippen der Front, die wge- und nächtelang an dem feuchten Leibe der Erde schliefen. lener. deren Hände mit mir blutig wurden auf den Fleisch. bönken der Lazarette, die die unheilvollen Tage de« Leiden« schauten, in deren Seelen die Augen der Toten und der Sterbenden und und die dumpf und wortlos da« Wissen de« Krieges in sich wogen. Und in dieser Stunde, da die finkende Ra»t all« Wehmut der setzten Herbsttage aus un« herabdrängt, obgleich ein Teil von ihnen 1«b. V...'..__.•. � /T!.. r. I U m« C iS* v r« vm a � Leben«. Man hat fie nach einer wochenlangen übermenschlichen. alle Kräfte zerbrechenden und seelentötenden Arbeit aus irgendeiner Stadt unten im Osten zurückgezogen, man hat sie, in enge und regenfeuchte Güterwagen gepfercht, auf endlosen Umwegen hierher- geworfen, ein willenloses Ding, das seine Arbeit getan hat und beiseite gestellt im Winkel stehen und warten must, bis eS zu neuer Arbeit gebraucht wird. Hier verbringen sie die kurzen, untätigen Tage, an denen die schlaffen, nach der un- geheuren Anstrengung ausgespannten Muskeln zum erstenmal die ganz« Last der Müdigkeit empfinden, bi« die Selbstverständlichkeit de» rollenden Rades sie wieder ihrem nüchternen Handwerk zurück- führt. In der ungewohnten Ruhe aber erwacht plötzlich da« Denken von neuem in ihnen, das lange erloschen war, daS unterging unter der Sucht des Hungers und des Schlafes, unter der Atemlossgkeit einer unerbittlichen, alles Blut aussaugenden Arbeit. Sie begreifen die unaufhaltsam schnelle Formung des TageS. die die kaum ver- lebte Stunde schon zur historischen wandelt, und sie fühlen, wie traurig eS ist, in diesen schmutzigen und finstern Judenvierteln umherzuirren, losgelöst von aller Heimat... Dunkelheit vermauert die Slrasten. Wir wandern in unsere Quartiere zurück. An einem haushohen hölzernen Pfahl hängt un- erreichbar, von tiefer Finsternis umgeben, eine einzelne Laterne, die in ihrer unendlichen Verlassenheit an die einsame Tragik Nietzsches erinnert. Endlos dehnen fich die Plätze, Meere von Dunkelheit, über die unsichtbar das Rattern der Wagen zieht, an dessen Ufern, aus- geworfen wie faulendes Seegras, ein schmutziges und gestikulierendes Volk fich berumdrängt. Das Gelächter der Abschiednehmenden tönt durch die Slrasten. Die Wenigen aber, denen e« glückte, in einem verlassenen Hause ein Bett zu finden, gehen zu ihm mit einer stillen Verliebtheit wie zu einer Frau. Eine nie gekannte Zärtlichkeit zu der mädchenhasten Keuschheil der Kissen erwachr in ihnen, und stunun entsühn sie der Schlaf, die Mastlostgkeit dieses Landes noch immer in ihrer Seele. das weite Gefühl der Ebene, das fie nie mehr verlassen will, und auf denen unsere Sehnsucht in das Uferlose zerfließt. Weihnachten in Kriegszeiten. Der deutsche Boden ist frei vom Feind. Doch hat unser Land auch Zeiten erlebt, da deutsche Städte und deutsche Länder von stemden Truppen besetzt waren. Da konnte man nicht daran denken, den im Feld weilenden Angehörigen eine WeihnachtSsreude zu be- reiten, sondern hatte genug mit den eigenen Sorgen und dem eigenen Jammer zu tun. Eines der schrecklichsten Weihnachtsfeste erlebte wohl Hamburg im Jahre 1813. als die in der Stadt� weilenden Franzosen sich zur Belagerung durch die nach der Völkerschlacht bei Leipzig immer weiter ostwärts vordringenden Verbündeten rüsteten. Am Abend des 13. Dezember waren alle an der Alster stehenden Sommerhäuser abgebrannt worden; und am 20. erhielten die Be- wohner des Hamburger Berges den Befehl, innerhalb vier Tagen, also bis zum Weihnachtsabend, ihre Häuser zu räumen. Wie konnte da AeihnachlSstimmung aufkommen! Bus der Feder der Hamburgerin Marianne Prell, die jene SchreckenStage als Kind durchmachte, ist uns eine lebhafte Schilderung dieses traurigen Festes erhalten. «Am Mittag des 24. Dezember erhielt mein Vater einen Brief vom Bürgermeister, dost er unweigerlich sich diesen Abend beim Militärkommandanten einfinden solle. Gleich nach Tisch ging also unser Vater und verabredete mit Mutter, falls er um 7 Uhr nicht wieder da sei, so möge sie allein uns die kleinen Weihnachtsgeschenke teben. Trotz oller trüben Zeiten hatte Mutter doch einen lleiilen Tannenbaum für uns aufgeputzt, freilich nicht mit Konfekt, aber doch mit Aepfeln, Rüssen und Lichtern. Als Vater nun um 7 Uhr, auch um>/z8 Uhr nicht kam, da zündete Mutter die Lichter an, klingelte, und fröhlich wie früher stürzten die kleinen Geschwister ins Zimmer: ich erinnere mich, dost es mir aber doch sehr traurig war, Bater nicht dabei zu wissen. Desto lebhafter war unsere Freude. als bald darauf die HauStür geöffnet wurde und Mutter und ich gleich Baters Tritt und Stimme erkannten. Er kam aber nicht allein: ein französischer Adjutant begleitete»hn. Er freute sich, dast Mutter auch ohne ihn die WeihnachtSbeicherung angefangen und er- zählte ihr, dast er gleich wieder fort müsse. Dieser Herr, der Ad- jutant, habe nur die Gefälligkeit gehabt, ihn auf einige Augenblicke zu seiner Familie zu begleiten. Mutter machte nun geschwind Tee, ich mutzte einige braune Kuchen auf einen Teller legen und dann dem Adjutanten, welcher sich dickt an den Ofen gesetzt halte. Tee und Kuchen präsentieren. Als ich nun so mir dem kleinen Tee- brett vor ihm stand, bemerkte ich. dast er weinte. Natürlich flüsterte ich da» gleich ganz leise meiner Mutter zu. welche fich nun in ein längeres Gespräch mit ihm einliest. Da erzählte er denn, er sei Italiener: seit acht Jahren habe er keine Weihnachtsfeier mehr gesehen und diese Lichter erinnerten ihn an seine Kindheit. Doch nach einer Biertelstunde ging er und Vater schon wieder weg." Gc- rneinsam mit sechs anderen Hamburger Bürgern mutzte der Senator Prell m der Weihnachlsnacht nun alle diejenigen armen Fa- Milien, die sich nickt rechtzeitig mit Proviant für die bevorstehende Belagerung hatten versorgen können, zürn Verlassen ihrer Wohnung und ihrer Heimat auffordern. Gegen Mtternacht erschien er mit dem italienischen Adjutanten und 33 Soldaten vor der Wohnung eines Tabakarbeiters. „Als er Baters Stimme erkannte— berichtet unsere Chronistin — kam er gleich: doch wie erschrak er, als er die vielen Soldaten sah. Er zitterte so sehr, dast er daS Licht kaum halten konnte. Während dessen war auch die Frau herbeigekommen. Bater und der Adjutant gingen mm hinauf: da wachten auch die Kinder in der Kainmer aus, erschraken und fingen an zu weinen.«Da» hilft alles nicht— sagte mein Vater— machen Sie sich nur geschwinde fertig. Sie müssen zur Stadt hinaus!"«Aber mein Gott, mitten in der Nacht Mit all den Kindern Z Und bei dieser Kälte?* Und man kann sich das Jammergeschrei denken! Selbst dem Adjutanten war eS zu viel; er stürzte zum Zimmer hinaus, winkte mein«» Vater, fiel diesem aus dem Vorplatz mn den HalZ:«Um GotteS willen! Seien Sie doch nicht so hart gegen diese armen Leute, ich bin ja kein Barbar. Ich muh leider meine Order vollziehen." Nachdem die Kinder noch ivarmen Tee getrunken hatten, mutzte die Familie aber dock ihr Heim Verlasien. So wurden die ganze Weihnacht-?- nacht hindurch die armen Hamburger hinaus in Kälte und Schnee gejagt; viele von ihnen sahen, durch Angst. Hunger und Kälte aufgerieben, ihre Heimat nicht wieder. Am 27. Dezember aber war der Himmel am Abend wieder ganz rot; die Häuser des Hamburger Berges wurden von den Franzosen in Brand gesteckt. DaS war da? letzte Weihnachtsfest, das feindliche Truppen auf deutscher Erde sah. 1873 feierten dagegen unsere Soldaten, ebenso wie jetzt, Weihnachten in Feindesland und die Angehörigen in der Heimat hatten ihrer nur dankbar zu gedenke», indem fie ihnen reichlich Geschenke schickten. billige Gerichte. Ein alter Koch, der in der billigen Küche erfahre» ist, sendet ims eine Reihe von praktischen Kochaniveisungen, die wir zu Nutz und Frommen unserer Leser verössentlichen. seitens der Heeresverwaltung werden täglich graste Mengen von schierem Fleisch zu Gulasch, Rindfleisch in Brühe und Schmor- braten als Konserven benötigt, die Folge davon ist, dast Rinder« knochen, Köpse, Leber. Lungen, Herz, Euter, Kaldaunen in solchen Massen aus den Martt geworfen werden, dast findige Unternehmer in allen Stadtteilen leerstehende Läden gemietet haben. In manchen Läden bekommt man schon 2 Pfund Rinder knochen für 13 Pf. Der.Vorwärts" wies nun jüngst darauf hin. dast man wohl eine ganz erträgliche Fleischbrühe davon herstellen könne, aber als .Knochenfleisch" seien die Knochen nicht zu bewerten, weil eben fast gar kein Fleuch vorhanden sei. In den Arbeiterfamilien begnüg» man sich nun. diese Knochen nur einmal zu kochen, dann wandern sie in den Mülleimer. Setzt man aber die Knochen nochmals mit frischem Wasser auf. unter Zu- satz von Salz, etwa» Suppengrünes und einer halben Zwiebel, so lästl sich daraus nach l'/j— 2 Stunden Kochen noch eine gute Brühe gewinnen, die man zu dicken Suppen von Gries, Graupen, Erbsen, Kartoffeln verwenden kann. In der jetzigen Jahreszeit kann man die Knochen im Keller. Boden ambewahren: Hai man genug Leüammen, verkauft man sie an die Produtten- Händler. Ebenso lassen sich die faserigen Teile der Kohlslrünke von Wirsing-, Weist- oder Blumenkohl abziehen, kleinschneiden und mit zur Verlängerung des Gemüses oder zur Suppe verwenden. Wenn auch Holland das Ausfuhrverbot wieder ausgehoben hat, so kommt eS doch durch die Fracht ziemlich so leuer wie unser Gemüse. Wenig bekannl dürste sein, dast man im Hause selbst Mohr« rüben, die man geputzt, gerieben und mu Zucker(ein Diiltel ihres Gewicht«) vermengt hat. auf dem Herd zu einer schmackhaften Marmelode einkochen kann. Sie werden als Ersatz von teurer Fruchtmarmelad« von den Kindern gern zu Schrippen und aufs Brot gegessen. Ebensogut lassen sich die schwarzen Hollunderbeeren mit etwas Zitronensaft oder Weinsteinsäure verschärft als Mus ein- kochen. Auf erfrorene Glieder gestrichen(besonders für unsere An- gehörigen im Felde sei das betont), zieht eS den Frost sofort aus, auch schwellen die Glieder nicht an. Man sollte auch die Kartoffelschalen nicht in den Müll- eimer Wersen, kann man sie nicht zum Füttern verwenden, so sollte Lanüjkurm-Tagebuch. Der Bevölkerung ist es, erläutert treffellt» ein freundlicher tadtrat, als sei sie im eigenen Lande gefangen. Wer nach >t Uhr abend auf der Strasse einer Patrouille in die Mnger tat. wird unbarmherzig eingesperrt. Wer auf emen Stein- lrf weit die Stadt verlassen will, bedarf eines Paftagwr. eins. Wer Kaffee. Salz oder Petroleum einhandeln mochte. ne Erlaubnisschein der Kommandmitur darf ihm kein Hand- von den gelichteten Vorräten auch nur ein Lot verkaufen. e Kommandantur ist mit der Allmacht umkleidet, die d,e 'lische Geschichte dem Herrn Zebaoth zuschreibt. Wie ne ' Zeit gebieten kann- sie hat die Turmuhr des gothtachen lthaufes um eine Stunde vorrucken, d. h. nach deutscher it stellen lassen— so ordnet, regelt und bestimmt sre alles Leben der Einwohner. daS Trosse wre das Kleine, da-, lchtige wie das Unbedeutende. � � c, Gefangene im eigenen Lande— mancher brave--Press- rger. der um die Dämmerzeit zum Kaffee wandelt, vor den len Assichen der Kommandantur an der nächsten Mauerecke iss ein wenig verschnauft und seinem gepressten Herzen durch himpsen Luft macht, sieht sich plötzlich zahneklappernd aus ' Gauptwache unter Feldaraiten und aufg�slanzten �lten- vehren und versckftvindet, statt zum Abendschoppen zu fom- >ta hastdunichtgesehen bis zum anderen Morgen m einer Aberdas ist schliesslich geringe Tragik. Wer sich'.�verer rgehen gegen die grausamen Gesetze des Kn�es södtallng cht. den karrt eines Nachmittags ein Wagelchen mmilttel- ' von der Kriegsgerichtssitzung nach der Kaseme des trän- tachen Llnieninfanteriereglnrents. das m FrledenSzelten r in Garnison lag. Ter begleitendeOftlzierrun drei Mn von der Wache herber, rn ernem kleinen, schauerliwen fchen, das von hohen, schmutzigen Backsteinmauern de- !nzt. so recht einer Hinrichwngsstätte aus dem � Roman, schwindet die Gruppe, der Verurteilte wird ,n ein altes, nzösisches Schilderhaus gestellt, das mit Strohlacken aus- 'vlstert ist. die drei Mann treten mit schussserngem lse- hr ein paar Schritte davor... Trotz alledem ist die Bevölkerung nicht in blindem Haß, !en die Eindringlinge verhärtet. Man sieht nicht nur! finstere Gesichter, denn die Leute beobachten, wissen Unter- schiede zu machen und überzeugen sich bald, dass die Legende von den Barbaren, mag auch allerhand Unerfreuliches sich er- eignen, im ganzen doch eine Legende ist. Ein Teil der besser gestellten Einwohner hat. noch ehe die erste deutsche Reiterpatrouille mit schnell eni Huf über das Straßenpflaster klapperte, die Stadt Hals über Kopf verlassen. Die jetzt leerstehenden Häufer geben treffliche Quartiere für die Invasion. Uns erschließt sich eine Villa, in der zu Friedcnszeiten Monsieur Goitrguechon. ein reichgewordener Viel, Händler, sein Pfeifchen raucht und sich freut, daß er sein Schäfchen ins Trockene gebracht hat. Ohne viel Federlesens nehmen wir von dem Häuschen Besitz und richten uns wohn lich ein. Mehr: wir setzen die Leute in der Nachbarschaft in Nahrung: Madame Carrion ist glücklich, uns die Wasche besorgen zu können, der Ofensetzer versiebt den Ofen mit einem neuen Robr und ist wahrhaftig nicht billig, die Gas- lampen werden in Ordnung gebracht, und damit auch der Glaser als Ehrenmann nicht zu kurz kommt, zerschlage ich aus Versehen eine Fensterscheibe. Nichts in dem Hause wird angetastet, ausser dem iinum- gänglich Notwendigen. Ueber meinem Bett hängt, schier in Lebensgröße, Herr Raymond Poincare. Mag er hängen! Ter Krieg ist in allein ein Rückfall in überwundene Kul- turstufen. Jetzt wird hier Ware gegen Ware getauscht. Der Küchenunteroffizier der ersten Kompagnie läßt verkünden, dass Kaffee oder Salz erhält, wer ihm Suppengemuse bringt. Und schon strömen die Weiber mit grossen Körben herbei.... Ansang November. Der dritte Zug sichert die Bahnstrecke von...... bis ....... Infolgedessen guartieren wir uns auf dem Vor- werk L. B. ein. Mit echt französischer Gastlichkeit empfängt uns Monsitzur Touai. das Urbild eines Gutsbesitzers, wie ihn MaupassantS Griffel gezeichnet: fehnig und knochig steht er seine sieben Fuss in den Stiefeln, hat bei den S. Kürassieren in Paris, einem feudalen Regiment, sein Jahr abgedient und haust, verwitwet und einsam, auf seinem Gut mit einer un- verheirateten Tochter, einem ruhigen und kaum wahr nehm- baren späten Mädchen. Desto munterer sind die beiden Terrriers Quick und Lutine. Noch nachdem wir spät abends nach stolperndem Gang über dunkle Stoppelfelder vom Revidieren der Posten in den GutShof zurückgekehrt find, sitzen wir bis nach Mitternacht bei Wein und Pfeife beieinander und reden Politik. Mon- sieur Douai ist als Agrarier klerikal und Monarchist, für die gegeuwärtigeu Machthaber der Republik hat er mir ein verächtliches Achselzucken, aber er läßt sich die Ueberzeugung. nicht nehmen, daß Wilhelm il. an dem Kriege schuld sei. Allen Einwänden bört er geduldig zu, tut dann einen Zug aus der Pfeife und beginnt wieder gelassen: Mtais Guillaurnc Deux... Aber schließlich stößt er doch mit uns au: A la paix* Auf den Frieden? >. Letzte wundersame Spatherbsitage. Unter blauem Him- mel flammen die Bäume wie Fackeln, und welke Blätter tau- meln im langsamen Sterbeflug zu Boden. Wir schunkeln im Milchwägelchen des Monsieur Butin dahin, die entferntesten unserer Posten zu besichtigen. Das Schicksal von Monsieur Butin gibt im Ausschnitt das ganze Elend des Krieges wie- der. Ju demselben Hause war er Kutscher, in dem seine Frau als Köchin wirkte. Jean sparte, Louison sparte, und als sie genug gespart, heirateten sie und kauften das Estamlnet (Kneipe) in L. B.. dessen erster Besitzer�durch die ständige Arbeiterkuildschast aus der nahen grossen Spinnerei sich einen netten Batzen aus die hohe Kante hatte legen können. Aber kamn stand Monsieur Butin hinter dem Schanktisch, als au allen Straßenecken die Mobilmachungsplakate auftauchten: die Fabrik leerte sich, die Kundschaft zerstob, das Ersparte ging zum Teufel, und als zum lleberfluss Madame Louison am Tage der Schlacht Milch zur Stadt fahren wollte, geriet sie ins Feuer. Eine Kugel streifte den Hals, eine zweite zerschmetterte die instinktw zur Abwehr erhobene rechte Hand. Die Hand fiel dann unter dem Messer des Arztes. Ein Menschenschicksal, ein Kriegsschicksal, und wenn der, den es grausam traf, mit alter Schrofflinte hinter der nach- sten Pappel stände und auf uns. als die Urheber seines Elends. anlegte, wer könnte es ihm menschlich verargen! Statt dessen laßt er munter sein nervöses Schimmelcheu, Papillou ge- heissen. vor unserem WagLN traben, berichtete ohne Wehleidigkeit von dem, was ihm der Völkerkrieg zugefügt und deutet leidenschaftslos mit dem Peitschenstiel auf die Kugel- locher in der Plane, HSchluss folgtZ man die Schälen in der Wärmröhre dc° Heerde-5 trocknen und nnt verfeuern> man erspart etwas Brennmaterial dadurch. Es ist ja minimal, aber aus Pfennigen werden Markstücke. Vor allem müssen die Vorurteile gegen Gerichte, wie Herz und Lunge überwunden werden. Naturell gekocht mit einigen Knochen gibt das Herz eine gute Brühe, das Fleisch kann zu Kohlrüben. Mohrrüben, Spinat, sauren Kartoffeln und dergleichen wie Rind- fleisch gegeben werden. Auch süffiauer gekocht und geschmort schmeckt es vorzüglich, das Pfund ist schon für 30— 3ö Pf. erhältlich. Rinderlunge kostet 20 Pf. das Pfund. Sie kann gehackt als Lungenmus hergerichtet werden. Man röste etwas Zwiebel mit Schmalz, füge raiige Löffel Mehl hinzu, fülle mit der Brühe auf und würze mit Salz, Pfeffer und etwas Majoran— oder man füge etwas Essig hinzu. Als„Beuschel" gibt die Lunge ein gutes Gericht. Man koche sie zu dem Zwecke weich und schneide sie in dünne Scheiben. Dann mache man eine Einbrenne wie oben, schneide eine bis zwei Zwiebeln fein und lasse sie mit einem Tassenkopf voll Essig weich kochen und gebe sie dazu. Kuheuter kostet 15 Pf. das Pfund, allerdings mutz es einige Stunden kochen: wenn es ireich ist, lätzt man es erkalten. Dann schneidet man Fett, Haut und sehnige Teile ab saufheben, hacken mir etwas gehacktem Fleisch vermischen zu Buletten nehmen) schneidet eS in dünne(5 Cent.) Scheiben, nimmt statt Ei ein wenig Roggenmehl mit Wasser zu einem dünnen Brei verrührt, dreht es darin um und brät es in Schmalz oder Talg braun. Als Beilage zu Kartoffelmus. Milchreis oder Milchhirse, zu allerlei Gemüsen ist es nicht zu verachten. Die Verwendung der Leber kennt ja jeder, aber die Zubereitung von Fleck sRindskaldaunen, die 13 Pf. kosten) ist weniger bekannt. Der Fleck wird in Salzwasser mit einer Zwiebel, ein wenig trocknem Gewürz weich gekocht, erkaltet, in fingerlange Streifen geschnitten, mit der Brühe, etwas gestampfiem Pfeffer und Majoran aufgekocht als Supve. Als Ragout schneidet man den Fleck in markgrotze Würfel, macht eine sützsaure Sauce von der Brühe oder eine weitze Sauce, in die man ein wenig Zitronensäure sowie ein wenig Sardellen, Salz- oder gehackten Hering gibt. Auch gehackt mit rohem gehackten Fleisch vermischt, als deutsche Beefsteaks mit warmem Kartoffelsalat angerichtet, mundet eS vorzüglich. Vom Kopffleisch, das 35 Pf. das Pfund ohne Knochen kostet, macht man Schmorbraten oder Gulasch. Alles Sehnige, Gaumen usw. kocht man nnt Suppengrün weich, verwendet die Brühe zur Suppe, die Abfälle dreht man durch den Wolf oder wiegt sie fein, vermengt sie mit rohem Fleisch und etwas eingeweichter Semmel und kann dann falschen Hasen daraus machen. Auch Kalbsgekröse, mit einer weitzen pikanten Sauce, wie zum Herz an- gegeben, gibt ein billiges Mittagessen. Schweineköpfe, 25 Pf. das Pfund, kann man ungesalzen kochen oder selbst einsalzen. Dazu gibt man Rot- oder Sauerkohl, bayrisch Kraut(von Weitzkohl wie Rotkohl gekocht, mit ein wenig Kümmel dazwischen). Eine vor- zügliche Sülze erhält man auf folgende Weise: Man koche un- gesalzene Schweineköpfe weich, lasse sie erkalten, schneide sie hieraus rn Würfel, dazu nehme man etwas Zwiebel, Pfeffergurke, Essig, Pfeffer mit soviel Brühe, datz das Fleisch bedeckt ist. und lasie das Ganze eine halbe Stunde weiterkochen, schütte eS hierauf in eine Schüssel und stelle es aufs Fensterbrett. Ebenso kann man die ' SchweinSlöpfe mit etwas Essig, trockenem Gewürz kurz(aber weich) einkochen, in der Brühe erkalten lassen, datz sie Stand bekommt, und dann als Abendbrot zum Butterbrot verwenden. Frische Wurst kann man sich zu Hause in der Bratenpfanne selbst herstellen. Ein weichgekochter Schweinskopf wird erkaltet in kleine Würfel ge- schnitten und auf die Seite gestellt. 8—10 alte Schrippen weicht man ein, drückt sie gut aus, nimmt einen Liter Schweineblut dazu, Salz, Pfeffer, etwas Majoran, arbeitet dies gut uniereinander und gibt den geschnittenen Kopf hinein. Dann schmiert man eine Bratpfanne mit Schmalz aus, gibt die Masse hinein und lätzt sie in mätzig heitzem Ofen langsam gar(steif) werden. Dazu Sauerkohl und Kartoffelmus und das„Schlachlfest" ist fertig. Leberkaus erhält man auf folgende Weise: Man hacke Fleiickresie, darunter etwas Pökelfleisch, fein, röste sie mit Zwiebel und Sckimalz etwas an, fülle mit Brühe auf und rühre sie unter Kartoffelmus, backe sie hierauf im Ofen(wie oben angegeben). Zum Schluß teilen wir noch einige F e l d g e rr ch t e mit, die unsere Leute drautzen„erfunden" haben. In Frankreich blieb in der ersten Zeit der forcierten Gewaltsmärschc des öfteren die „Gulaschkanone"(Feldküche) aus. Wie half man sich? Aepsel, Kar- toffeln waren auf den Feldern und Bäumen, Speck war auch da. Also hurtig heran I Einige Landstürmler schälten Aepfel, die anderen Kartoffeln, einer hieb Speckwürfel aus. Aepfel wurden zu Mus gekocht, desgleichen die Kartoffeln, mit dem Speck gestampft und als „Himmel und Erde"(rheinisches Gericht) gegessen.'Fm Osten wurden Backsteine in die Glur gelegt, abgewetzt mit dem Seitengewehr, darauf wärde auf diesem„improvisierten Rost" fetter oder magerer Speck geröstet und mit Kommißbrot als„warmes Abendbrot gegessen. Ein anderer Feldgrauer wässerte weitze Bohnen ein, nahm alles aufzutreibende Fleisch von Schwein, Hammel oder Rind, schnitt das Fett in Würfel, schmorte dies mit Zwiebeln im Kompagnietopf. Dann gab er das andere, gleichfalls kleingeschnittene Fleisch darauf, röstete es noch ein wenig, füllte alles mit Wasser auf, nahm Salz. Pfeffer, dazu die eingeweichten Bohnen, ließ es zugedeckt halbweich kochen, fügte Suppeugrünes dazu, alles klein- geschnitten, ebenfalls geschnittene Kartoffeln und ließ alles zusammen noch eine Stunde kochen, datz es suppenartig, aber noch ziemlich dick war. Nun atz die ganze Gesellschaft, genau wie bei Muttern zu Hause. Nuflk. Lohengrin im Deutschen Opernhaus. 1817 am Geburtstag Goethes vollendete Wagner die Partitur seines Lohengrin. und genau drei Jahre danach ward das Werk unter LiSzts Leitung in Weimar zum allerersten Male aufgeführt. Die Sage vom Schwanenritter ist alt. Wagner schöpfte sie aus ver- schiedenen Quellen; er entwickelte aber solche Genialität in dem Zusammenschweißen der einzelne» Motive und dem Aufbau der Handlung, daß der geborene Dramatiker unverkennbar ist. Datz er zudem die Sage in Einklang mit dem Geist unserer Zeit gebracht hat, ist besonders hoch zu bewerten. Der Kernpunkt: die Erzählung von der Braut. die dafür bestrast wird, datz die Neugier sie zum Bruch eines abgegebenen Versprechens verleitet hat, ist übrigens inter- national. Entstanden ist in Wagner der Lohengrin aus der tiefempfundenen Vereinsamung des Künstlergenies. Lohengrin kann deshalb als dessen Repräsentant betrachtet werden. Die Sehnsucht des Künstlers, sich mitzuteilen und aus trauter Liebe heraus Ver- ständnis zu finden, verkörpert sich in Lohengrins wunderhaftes Erscheinen. Wer mutz, wenn er sich die künstlerischen Lebensumstände Wagners während der Jahre, in denen dies Werk entstand, ver- gegenwärtigt, nicht in Lohengrin den Werkschöpfer selbst erkennen? Als Dichtung, textlich und musikalisch gesprochen, zählt diese Oper m WagnerS zweite Schaffensperiode. Zwar stellt sie darin, datz Wort und Musik poetisch einheitlich sind, schon ein vollendetes Kunstwerk dar. Um es jedoch Wagners Allkunstdramen aus der letzten Schaffens- Periode anreihen zu können, dazu bedürfte Lohengrin mehr und ausschließlich jener charakteristischen Themen, die unter dem Namen „Leitmotive" begriffen werden. Erstaunlich, eigentlich nur noch von den Meistersingern übetroffen, ist der Reichtum an musikalischen Ideen im Lohengrin— zumal im zweiten Akte. Abgesehen von der eigenherrlichen Erfindung der Ortrud, werden hier die tragischen Elemente des Dramas, sowohl die Geiühle des Hasses wie die der Liebe, musikalisch in einer nie zuvor auf der Opernbühne gewagten Weise illustriert und verstärkt. Wagner zeichnet die Hauptpersonen nicht bloß durch Melodien, sondern auch durch die verschiedenen Klangfarben. So verwendet er Blechinstrumente überwiegenderweise zur Begleitung König Heinrichs und der Chöre, die hohen Holzblasinstrumente zur Schilderung Elsas, das englische Horn und die Batzklarinette zur Zeichnung Ortruds und die Violinen endlich, zumal in hohen mehrstimmigen Lagen zur Andeutung des Grals und seines Abgesandten Lohengrin. Ja, sogar die Wahl der Tonarten scheint nicht ohne Absicht voll- zogen zu sein. Alles in allem erweist sich Wagner im Lohengrin als glanzvoll hinreißender Tonmaler, wie ihn die Musik, speziell die Oper bisher noch nicht aufzuweisen gehabt hatte. Merkwürdig bleibt, datz Wagner selbst am Erfolg dieses seines hernach zu einer geradezu beispiellosen Popularität aufschnellenden Werkes zweifelte. Allerdings war diese Beliebtheit schuld daran, datz der Lohengrin bald furchtbar abgeleiert wurde— sogar an den großen Opern- bühnen. Erst Ernst Possart in München schaffte Wandel zum Bessern. Es kam wieder Stil und dramatische Struktur hinein. Was nun die Aufführung im Deutschen Opernhaus angebt, so wird man über die durchweg schöne Inszenierung eines Lobes sein. Der erste Akt erfuhr in musikalischer wie dramatischer Hinsicht eine prachtvolle Steigerung bis zum Erscheinen des Schwanenrillers, der solcherweise wirklich als Krönung des Wunderbaren unter die ver- sammelten Menschen tritt. Bald jedoch war Heinz A r e n s e n (Lohengrin) total heiser und kam nach dem ersten Akt nicht wieder. Für ihn sprang Herr H o f e r ohne Probe ein. und während des Mittel« wie Schlußaktes bis zur großen Verwandlungsszenc stimmlich und darstellerisch mit frischem Gelingen. Leider ereilte ihn dann das doppelte Mißgeschick des Unsicher- und Heiierwerdens. ES war nicht mehr schön zu hören. Henriette G o t t l i e b ist keine annehmbare Ortrud und Eduard Schüller„trifft" den Telramund auch nicht, so. datz er Freude macht. Lediglich Werner Engel(König Heinrich) und Emmy Zimmermann(Elsa) befriedigten. Hoffent- sich gelingt die nächste Aufführung bester! ell. kleines Jeuilleton. Der rnßlfthe Nimmersatt. Deutschland führt gegenwärtig Krieg gegen die beiden größten Reiche, die die Welt jemals gekannt hat. Weder Alexanders Welt- staat, noch das römische Empirium, noch das Reich Karls des Großen, noch das Karls V. geboten über eine Fläche, die derjenigen des heutigen Rußland und England gleichkommt. Dabei übertrifft das britische Weltreich das russische an Flächeninhalt noch um ein Drittel. Während aber Englands Haupllandbesitz in überseeischen Kolonien besteht und sein europäisches Territorium vsrhältnismätzig klein ist, bildet der russische Koloß eine einzige ungeheure zusammenhängende Fläche, ein einziges Reich. Natürlich ist auch dieses Reich durch Eroberungen zu stände ge- kommen. In welchem Tempo der russische Nimmersatt sich dabei groß„gefreffen" hat, darüber finden wir eine recht inwresiante Zahlenzusammenstellung aus der Feder Dr. E r n st S ch u l z e s in der„Umschau". Um das Jahr 1500 war das damalige Großfürsten- wm Moskau noch ein kontinentaler Staat von verhältnismäßig be- scheidenem Umfange, der nur an einer Stelle, bei Nowgorod, das Weitze Meer berühne. Das Gebiet des Zarenreichs umfaßte dann beim Tode Iwans III.(1505). 2.3 Millionen Quadratkilometer „„ Peters(1725)... 15,3„„ .. Alexanders I.(1825). 20,2 1914 23.9„„ Die gesamte Gebietsfläche des Ricsenreiches hat sich also in diesen vier Jahrhunderten genau verzehnfacht. Allein in der Er- oberungSperiode von 1826 bis 1890 hatte Rußland einen jährlichen Gebietszuwachs von 55 000 Quadratkilometer, das ist fast die vier- fache Größe des Königreichs Sachsen. Dabei fällt in diese Periode die Abtretung Alaskas, das 1867 an die Vereinigten Staaten für 7,2 Millionen Dollar verkauft wurde. Dieses Land bedeckt eine Fläche von 1,4 Millionen Quadratkilometer. Um so viel ist also der Betrag der tatsächlichen Eroberungen noch größer. Immerhin, hat sich da-s Eroberungstempo im letzten Fahrhundert etwa? verlangsamt, da neue Gebiete eben nur in weiterer Ent- fernung vom Zentrum des Reiches zu erobern find. In den letzten zweieinhalb Jahrzehnten ist, nachdem die Oasenländer MittelafienZ d er letzte Bissen waren, kein neues Land dazu gekommen. Ein für Rußland günstiger Ausgang des jetzigen Krieges würde das natür- lich mit einem Schlage ändern und dem russischen Leviathan wieder neue Gebietszuwachse vor allem auf Kosten der Türkei und Oester- reich-llngarns, wahrscheinlich aber auch auf Kosten Deutschlands bringen. Erwähnt sei noch, daß die Bevölkerung Rußlands sich von 1722 bis 1908 von 14 auf 155 Millionen Seelen vermehrte. Die humanitäre Kiste. Ein Redakteur des„Het Volk", der die Lager besucht bat, wo die nach Holland geflüchteten Belgier untergebracht sind, erzählt folgendes Geschichlchen:„Man führte uns in eine alte Kirche in der Stadt(Bergen op Zoom), wo das Kleidermagazin untergebracht ist. Dort berichtete man uns, datz aus Kanada nicht weniger als 175 Kisten mit Kleidern angekommen seien. Schöne große Kisten waren es, auf die Zettel mit nachstehendem Text geklebt waren: „Für die Belgier, unsere tapferen Verbündeten, mit Be- zeugung der Sympathie von den Bewohnern der Provinz Neu-Scbottland." Von außen sah das alles recht viel- versprechend aus. Aber der Inhalt... Meist abgeschabte und verwitterte Ueberzieder, Hosen, Blusen, Röcke und �Mäntel. Unterwäsche, die zu Lumpen geworden war, ungewaschene Strümpfe mit Löchern. Der größte Teil hatte zum Lumpenhändler gebracht werden müssen. In allen Kisten zusammen sind im ganzen zwei ganze Frauenhemden gefunden worden."— Die Neu-Schottländcr sind, wie man sieht, gefühlvolle Leute. Aber ihre Großmut hat Löcher wie die Strümpfe, die sie wegschenken. Die�Belgier werden über diese„Sympathie" wohl denken: Weniger Seele und mehr Leibchen._ wie lange kann man im Unterseeboot aushalten! Gegenwärtig, wo die Unterseeboote zu einer immer wichtigeren Waffe im Seekrieg werden, dürfte die Erinnerung an einen Ver- such Interesse erregen, der in der dänischen Marine über die obige Frage vor vier Jahren angestellt worden ist. Es wurde dazu das Tauchboot„Dykkeren" benutzt, das eine Besatzung von 11 Mann aufnehmen konnte und für diese einen Raum von 63 Kubikmeter Luft besaß. Nach den gewöhnlichen Anschauungen verbraucht ent Mensch in der Stunde ein halbes Kubikmeter Luft. Es wäre aber selbstverständlich unrichtig, die Rechnung einfach so anzustellen, daß man mit der Zahl der Menschen in die verdoppelte Zahl der vorhandenen Kubikmeter dividiert und den Schluß zieht, datz die Leute nun soviel Stunden am Leben bleiben könnten, wie das Ergebnis besagt. Im geschlossenen Raum verschlechtert sich die Luft derart, daß die Möglichkeit der Atmung immer mehr beschränkt wird. In schlechter Luft muß man daher schneller atmen, um die genügende Sauerstoffmenge dem Körper zuzuführen, und dadurch vermehrt sich der Verbrauch der Atemluft. Das Experiment mit dem dänischen Tauchboot dauerte 12 Stunden, aber nur die ersten neun Stunden verliefen für die Besatzung erträglich. In den letzten drei Stunden trat beschleunigte Atmung mit peinlichen Begleiterscheinungen ein. Die Leute waren von einem unbestimmten Angstgefühl befallen und konnten schließlich nur noch mit großem Aufwand von Willens- kraft sprechen. Als' der Versuch endlich abgeschlossen wurde, stürzten sie ins Freie, um Luft zu schnappen, wie etwa ein ver- dürsteter Wüsterrpilger sich auf einen Trunk Wassers stürzen mag. Und ebenso wie dieser bei zu schnellem Trinken leicht Schade« nimmt, verspürten sie alle bei dem plötzlichen Uebergang in dw frische Lust ein schmerzhaftes Brennen in der Kehle. Entscheidend sind solche Versuche aber nicht, denn die moderne Chemie gibt uns zahlreiche Mittel an die Hand, um die verdorbene Lust zu ver- bessern, und vor allem kann in einem Unterseeboot ebenso wie in einem Luftschiff komprimierter und flüssiger Sauerstoff mit« genommen werden, der die notwendige Lebenslust für lange Zeu gewährleistet. Notizen. — AuS Krakau wird der„Frkf. Ztg.' erzählt: Zn bezug auf einen in bei Kriegsfürsorge tätigen Herrn, der stch weniger durch seine Arbeitsleistung als durch Wichtigtuerei auszeichnet und nament' sich um jeden prominenten Besucher des Bureaus dienstbeflissen scharwenzelt, wurde versichert, es sei für ihn das Eiserne Kreuz be' antragt worden wegen feiner„kriecherischen" Verdienste. — Ein italienisches Kanalprojekt. In Novara fand die feierliche Grundsteinlegung�für einen neuen Kanal zwischen dcm Lago Maggiore und Domodossola statt, dessen Baukosten auf etwa acht Millionen Lire geschätzt werden. Der neue etwa 24 Kilometcr lange Kanal soll der Schiffahrt dienen und gleichzeitig die Gewinnung von 20 000 Pferdekräften aus dem Gefälle gestatten. — Zum Kampf gegen den Wutki. DaS ruffif4c Finanzministerium hat bedeutende Mittel bewilligt für die Organisation eines internationalen Wettbewerbs zur Auffindung neuer Gebiete der technischen Verwendung von Alkohol. Für Entdeckungen aul diesem Gebiete sollen Preise bis zu hunderttausend Rubel be' stimint werden. — Zum Bock kommandiert. Ein KriegSfrei williger es' zählt: Zur Verhütung der Spionage ist es der Zivilbevölkerung dem besetzten stanzösischcn Gebier nur in Begleitung eines Soldaten gestattet, sich zur Abwicklung von Geschäften in ein benachbarte» Dorf zu begeben. Eines TaqeS kam nun eine Frau zum Orts' kommandanten und bat. ihre Ziege zu dem Bock im benachbarten Ort führen zu dürfen. Der Ortskommandant gab die Erlaubnis und bestimmte einen Landwehrmann, der die Frau zu begleiten h"'� Soldat. Frau und Ziege zogen nun gemächlich ihres Wegs. dem Ruckweg begegnete den dreien der Divinonsgeneral mit ieincw Stabe. Der Landwehrmann meldete nun stramm:„Kanonier dtt ... len Batterie mit Frau und Geis zum Bock kommandiert". � Sehmipfer! achtet auf die gesetzlich geschützte Packung, um Goldfarb echt zu erhalten! » ■ ZSMsard. D.lR.W.Z-1tifi.V?. 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Für de» Inseratenteil verantw.: Th.Glockc.B-rlin. Druck u.BerIag:iÜorwärr, Buchdruckerei». Serlagsansta�PauiSing« Si E�BÄ.tsL�.