Nr. 263.- 1914. Unterhaltungsblatt des vorwärts Domerstag, 24. Dnember. Wo öer Schnee leuchtet. Von Hans Aanrud. � Es liegt ein seltsamer Auftrieb in der norivegischen Natur; vielleicht nicht zum wenigsten im Winter. Man sollte meinen, daß die beiden jungen Männer, die aus Ski bei zwanzig Grad Kälte über die unermeßliche glitzernde weiße Hochebene dahinglitten, Hügelauf, lnigelab, genug hatten, wo sie so hoch hinaufgekommen waren,— über zwei Meilen hotten sie hinter sich, und mehr als drei Meilen und nur den kurzen Wintertag bor sich: aber trotzdem es cin Umweg ivar, waren sie unwillkürlich, ohne recht zu wissen wie, am Auß der Graukuppe angelangt. Tort verlangsamten sie die Fahrt, es siel ihnen schwer, abzubiegen. Zie hielten an und blickten nach der runden Kuppe hinauf, die sich blitzend im Sonnenschein erhob, noch Heller als die große Fläche um sie herum. Sie schien ganz nahe zu sein. Tie sahen einander an: ..Wieviel Uhr?" sagte der eine. „Elf," sagte der andere. „Sollen wir auf den Gipfel?" .Wir kommen trotzdem ans Ziel, che sie Weihnachten ein- läuten." So ging es zu, daß sie ungefähr eine Stunde nach Mittag auf dem Gipfel der Graukuppe standen. Und das, obwohl sie durchaus nichr Sportsleute wäre», die nur oben gewesen sein wollten, und obwohl es ursprünglich gar nicht ihre Absicht gewesen war, eine große Tour in die Berge zu machen. ES hatte ein Weibnachten werden sollen mit Fahrten auf glatten Landstraßen, unter zottigen Bärenfellen zu Fest und Tanz in großen woriwen Stuben im Heimatsdors des einen, und dann, gegen Ncnjohr, eine viele Meilen lange Schlittenfahrt zur Bahn- iwtion, und von da in ein anderes Tal hinauf, um das neue Jähr bei den Verwandten des anderen einzuweihen. So war es verabredet gewesen, und das Programm war fix uiw fertig gewesen, wie es sich für zwei Juristen geziemt, wenn sie auch erst Studenten sind. Aber Unvorhergesehenes war da- zwischengekommen. Acußerlich hatte es bis gestern abend gehalten. Peter Holmsen, der Sohn des Gefängnisdirektors und seit einem halben Jabr in der Amtsstube des Vaters tätig, war vor cin paar Tagen gemäß der Verabredung zu seinem Freunde Olaf Namstad, Sohn aus Siamstad, einem der großen GutShöse unten im Kirchspiel, gekommen— Olaf war schon vor vierzehn Tagen von seinen Studien weg nach Hause gereist. Aber die richtige Laune wollte sich nicht cinstellcn; das Programm gefiel ihnen lange nicht mehr so gut, sie wußten so ungefähr, was kommen sollt«. Doch da geschah etwas Unerhörtes im Kirchspiel. Eines Nachts wurde in die Vorratskammer auf Ramstadl eingebrochen. Es konnte kein gewöhnlicher Einbrecher sein, er hatic nur einen großen Rucksack ge. nommen, und den hatte er augenscheinlich mit Weibnachtskost ge- füllt, überall hatte er vom Besten, waS es gab, ein wenig mitge- rwmmen. ES war etwas so sonderbar Lustiges und wenig Bru- tales an diesem Diebstahl, daß eS allen ein bißchen märchenhaft vorkam. Der alte Ramstad kratzte sich denn auck hinterm Ohr und sagte: „Ja. ja, das Essen soll ihm gern gegönnt sein, aber«inen Ruck- sack hatte er sich ichon selber halten können." DieS nahm ihre Gedanken gefangen. Immer wieder kamen sie, ohne eS zu wissen, darauf zurück, wie es dem Dieb wohl ginge, wo er säße und schmauste, in einem Häuschen unten im Tal oder in einer einsamen Holzfällerhütte weit fort im Wald, und sie unternahmen eine. Skitour zum Waldrand hinauf.— das ivar gestern nachmittag. Dort wandten sie sich um und blickten zurück. Unten im Talgrund begann es bereits zu dunkeln, höher die Talseiten hinauf wurde es heller und heller, bis diese unmerklich in den klaren Himmel übergingen. Tief unten im Süden, wo das Tal sich öffnete, glimmte der Himmel in mattem Rat. das weiter oben in ein fahles Gelb und am weitesten gegen Norden in bläu- licheS Weiß überging. Auf der anderen Seite des Tales konnten sie über den oberen Talrand gerade noch den Gipfel der Grau- kuppe erkennen; er erstrählte in Rot und Gold in den letzten Abcndstrahlen der Wintersonnc. Sie blieben lange stehen.„. Allmählich verblaßte der Gipfel, der Hintergrund wurde blau- lich, die Umrisse verschwanden und glitten in den hellen Himmel über, die Sonne hatte ihn verlassen. „Tort oben ist es heller," sagte Peter Holmsen. „Ja, dort oben ist es, wo der Schnee leuchtet," sagte der anverc. Es war, als würde mit diesen Worten daö ganze WeihnachtS- Programm für sie blaß und farblos. Sie machteil es sich nicht recht tlar, aber es waren doch wohl diese beiden Worte, die sie jetzt zur Weihnachtszeit in die Täler hinaufgelockt hatten, und es waren diese Worte, die ihnen sagten, was sie eigentlick dort sollten. „Es wird klares Wetter morgen," sagte Olaf. „Wollen wir geradeswegs hinüber und den Weihnachtsabend drüben feiern?" „Wir wollen machen, daß wir hinunterkoinmen und packen." Am nächsten Morgen, als der erste rötliche Streifen sich im Osten zeigte und die Sterne noch über dem dunklen Dil flatterten, waren sie, die Rucksäcke auf dem Rücken, auf dem Weg zur Höhe auf der anderen Seite des Tales. Ta war es, wo der Aufbrrcb erst richtig Gewalt über sie bekam i Und sie im Lauf von cin paar Stunden bis auf den Gipfel der Graukuppe hinauftrieb. Aber eigenllich hatte er schon damals, in der Stadt, in ihnen gewirkt, als sie beschlossen. Weihnachten oben im Tal zu verbringen, sie hatten eS nur nicht gemerkt. Eines Tages, im Anfang'Dezember, als Olaf Ramstad unten in der Stadt auf seiner Studentenbude saß. hatte es an die Tür geklopft, und es war eine Frau in mittleren Jahren hereingetreten. Sie war gut in dicke wollene Kleider gekleidet, und einen wollenen Schal hatte sie fest um den Kopf gebunden. Der Herbst- oder Wintcrnebel, der draußen dicht und wlt über der Stadt lag. hatte aus der Wolle einen feinen Tau von winzigen grauen Porten ab- gesetzt, und an den Enden der langen Wimpern hingen feine Tau. vcrlen, so groß wie Stecknadelköpfe, und machten die braunen Augen noch größer und lebhafter. An dem einen Zeigefinger trug sie«inen großen flachen Silberring oiit allerlei Geklingel daran. Er sah gleich, baß sie zu den Zigeunern gehörte, und er meinte auch, sie schon früher gesehen zu haben, aber solche Leute sehen ja alle ungefähr gleich aus. Sic bat vielmals um Entschuldigung, daß sie ihn störte, aber ob er nicht aus— und sie nannte den Namen seines Heimatsortes — wäre. Ja. das wäre er. Und von Ramstad, dem großen Gut—? Ja, sie hätte gehört, daß er der zukünftige Besitzer sei. Und er möchte nur entschuldigen, aber sie wüßte auch, daß die Leute dort oben so gut wären gegen die, die„reisten" und lein Heim hätten, und eine alleinstehende Frau hätte niemand, an den sie sich in der alten großen Stadt wenden könnte, ob der Herr Gutsbesitzer nicht für ein gutes Wort und GotteL Segen ihr zu dem verhelfen könnte, was ihr am meisten am Herzen lag. Ja, womit er ihr helfen könnte, sie sähe nicht aus, als ob sie etwas brauchte. Ach nein, ach nein, nicht Geld und nicht Lebensmittel; nur ein paar Worte auf ein Blatt Papier für ihren armen irregeleiteten Mann, der jetzt das fünfte Jahr im Gefängnis saß und noch ein Jahr absitzen mußte. Ob der Herr Gutsbesitzer nicht— ach nein, das wäre wohl nicht zu erwarten, es war ja so viele Jahre her— von einem gehört hätte, den sie oben in den Gebirgsgemeinden Andreas Leichtfuß oder nur den Leichtfuß nannten? Das wäre, Gott sei's geklagt, ihr Mann vor Gott und der Welt, in LöitenS Hcmptkirche ihr angetraut. Ja, das hatte er wahrhaftig.> Er raffte schnell zusammen, waS«r von Andreas wußte: der hatte sich einmal, vor langen Jähren, als Hirtenjunge auf Ram- jtad versucht, mar aber mitten im Sommer aus dem Dienst ge- lausen; und seitdem war er bekannt und berüchtigt in den Ge- meinden droben. Er gehörte eigentlich nicht zu den Zigeunern, aber kaum war er konfirmiert, so schloß er sich ihnen an und zog mit ihnen im Lande herum. Er war ungewöhnlich rund und ge- drungen gebaut, ganz klein, und immer trällerte und sang er. Ein bißchen für den Hausbedarf stahl er auch. da. wo er bekannt war, aber niemand machte etwas daraus; er war so lustig und munter, nur wenn er zornig wgr, war er gefährlich; er verfiel auch bald in Strafe, weil er im Zorn einen anderen Zigeuner zum Krüppel geschlagen hatte, und noch dazu um eines Frauenzimmers willen. das zehn Jahre älter war als er. Aber der Jähzorn wurde sein Unglück. Ein paar Jähre zu spät wurde er eingefangen, wegen Entziehung von der Dienstpflicht bestraft und zum Soldaten ee- macht. Er war geschickt und munter, erwarb sich die Schießaus- zeichnung, aber keine Disziplin. Eines Tages, als er«ine arove Zurechtweisung erhielt, bekam er rote Säcke unter den Augen, und hinterher schoß er scharf auf seinen Hauptmann. Aber diesmal fehlte er, und so kam er mit sechs Jahren Z'lcksthaus davon. Er hatte sogar von seinem Freunde Holmsen gehört, daß ex sich de- sonders gut aufführte, uiid daß die anderen Gefangene« ihm de» Namen Napoleon gegeben hatten, weil sie meinten,«r sähe ihm ähnlich. Was sie denn geschrieben haben wollte? Ach, Gott segne den Herrn Gutsbesitzer, nur� Gutes. Zuerst wollte sie etwas Frommes haben über das große Fest, das sich jetzt wieder näherte. Ferner, daß sie sich nach ihm sehnte und von ihm das gleiche hoffte: aber er sollte nur alles in GottcS Hand legen, sich zur vollen Zufriedenheit seiner Borgesetzten aufführen und geduldig abwarten, bis dos Jahr, das ihm noch bevorstände, zu Ende wäre. Sie wartete aui ihn. Jetzt, in der Heiligen Weihnachtszeit, wollte sie aus der häßlichen schwarzen Stadt fort- ziehen, an einen Ort. woderSchneelcuchtet. Weiter wollte sie nichts haben, sie bat nur noch um die Feder und setzte zwei schräge Kreuze darunter. Was das bedeuten sollte? Das wäre ihr Zeichen, damit er sehen könnte, daß sie selber dabei gewesen sei— man müßte sich Helsen, so gut man könnte. Aber wie hätte sie gedacht, den Brief ins Gefängnis hinein- Zubringen? Ach, Gott segne den Herrn Gutsbesitzer? Wenn sie zum Tü rektor ginge und zeigte dies vor, so unschuldig wie es war—? er würde einer christlichen Frau in der heiligen Festzeit nickst ein Trosteswort an ihren Mann verweigern, und l>esonderS. wenn der Herr Gutsbesitzer, der schon so viel getan hätte— Gott segne ihn — noch eine gute Tat hinzufügen, mit zum Dircttor gehen und bc- zeugen wollte, daß er den Brief geschrieben habe. Er sagte ohne weiteres ja und sah nicht, daß es siegesgewiß in ihren Augen aufblitzte— er konnte ja nicht ahnen, daß sie, ebenso gut wie er, wußte, daß der Direktor fortgereist war, und daß der Sohn das Gefängnis leitete. Sie kamen in die Amtsstube und brachten ihr Anliegen vor. Der junge Holmsen las den Brief. „— einen Ort, w o der Schnee leuchtet. Hm. WaS ist das, was darunter steht?" „Ach, Gott segne den Herrn Oberdirektor, daS ist nur mein armseliges Zeichen; ich kann nicht schreiben." „Gut, es wird besorgt werden." Mit tausend Danksagungen an den Herrn Gutsbesitzer und den Herrn Oberdirekwr ging die Zigeunerin ihrer Wege. Die beiden blieben eine Weile sitzen, sahen zum Fenster hinaus in die schmutzig-graue Luft und sprachen vom Wetter. Aber. wie es auch zugehen mochte, es war, als sähen sie querdurch über weiße Felder hin, und ehe sie sich's versahen, hatten sie verabredet, Weihnachten oben im Schnee zu verbringen. Acht Tage später war Andreas Leichtfuß oder Napoleon ent- wischt, und zwar aus so schlaue Weise, daß man vermutete, er habe Hilfe von außen gehabt. Und da muhte sicb Peter Holmsen von dem richtigen Direktor den Kopf waschen lassen— man gibt Ge- fangenen nicht Briefe, worin steht, daß jemand auf sie warte:; aber auch der Direktor konnte es nicht recht verstehen, denn Gc- fangene pflegen nicht im Winter auszubrechen.(Schluß folgt.) Sis Weihnachten! Er marschierte neben mir. Anfangs kümmerten wir unS recht wenig um einander. Die Welten, aus denen wir kamen, waren zu entfernt, und die Unterschiede machten sich bemerkbar. Er ein einfacher, unverbrauchter Bauernbursche, ich— der Großstädter mit dem leidigen Hang zum Besserwissen.... So redeten wir u: den ersten Tagen nur das Notwendigste: manchmal hielt einer dem andern wohl das Gewehr, wenn er sich das schweißige Gesicht trocknen oder einen Schluck aus der Feldflasche nehmen wollte. Auf dem Wege dieser kleinen Handreichungen kamen wir unS lang- sa m näher und gewöhnten uns dann recht schnell zusammen. Sj Erinnerungen. Von Zygmunt Bartkiewicz. «Schluß.) „Was denn, mein Kind, was, ich möchte Dir nichts ab- schlagen. Was Ivillst Du von Deiner Madame, mein Kind?" Bei diesen Worten faßte sie Mankos Kopf mit beiden Händen und küßte ihn mit der Würde einer Matrone. „Sie bitten alle. Du möchtest so gut sein. Alle... Madame/ uns heute zu beurlauben, wahrscheinlich kommt ohnehin niemand, wir werden unS alles allein herrichten." Tie Alte begann mit dem Mund zu kauen, mit den Augen Zu zwinkern und stammelte schließlich: »Macht, was Ihr wollt, Regina wird Euch Helsen, aber ich weiß nichts davon, ich mische mich nicht in solche An- Gelegenheiten, Gott schütze mich vor Unannehnilichkeiten, vor Schmach, die auf mein graues Haupt fallen könnte— o weh!" Sie seufzte tief und zog aus der Tasche einen zerdrückten Rubetschein heraus. „Da. nimm. Reginka, kaufe Ihnen zu Weihnachten ein Gans. Ich habe ein Herz, es darf aber nichts davon wissen. letzt geht aber, denn ich bin ein wenig gerührt und das be- kommt mir nicht gut." Sie legte ihr rotes Taschentuch an ihre kranken Augen. „Die gute Alte, wir wollen ihr danken," rauschte es in dein Mädchenkreis. Und sie kamen heran, eine nach der anderen und beugten ihre strahlenden Gesichter über die in den kostbaren Schlaf- l(ock eingehüllte Masse und küßten die von Diamanten und Schweiß glitzernden Hände. Sie umfaßte ihre Köpfe, wie eine gute, alte Dame, schmiegte sie an die Brust, schließlich erhob sie sich und sagte zu ihrer Gehilfin: „Sollte der Vogel fünfviertel Rubel kosten, geb' ich es auch." Dann ging sie taumelnden Schrittes hinaus. „Die aute Alke," folgte hinter ihr das Geflüster dummer, armseliger Freude. . Ein weißer, goldverzicrter Saal, in dem Vorbereitungen zu eiiienl ärmlichen Mahl getrosten ivurden. Auf mehreren. mit bunten Tischtüchern� bedeckten Tischen von verschiedener Größe leuchteten weiße Teller, durch die Mitte hob sich eine Reihe Platten in eincni dunklen Streifen ab. Mohn. Back- pflaumen. Heringe, Kartoffeln, ein Topfkuchen und auf einem verbogenen Tablett Oblaten. Das rothaarige Mädchen w einem roten Samtkleid.putzte Messer und Gabeln, eine andere stützte sich auf den Tisch und ließ die Augen über die Gedecke umherschweifen. Es war keine heitere Wanderung, denn das blasse Antlitz verdüsterte sich, nur in den Augen leuchteten ungewöhnliche Blitze auf, kleine Lichter düsterer Gedanken,— Boten der Verzweiflung. Dort saß der Alte, dort die Mutter,— flogen die Er- innerungen vorüber— daneben die verheiratete Schwester, zwei Bruder und dann sie selbst, an ihrer Seite er, glück- strahlend. Er drückte schüchtern ihre Hand, sie träumten von Glück, von dem nahen Hochzeitstage.... O weh! An8 den untermalten Augen des Mädchens fielen aufrichtige Tränen. „Plärre doch nicht aus die Heringe, Wikta. Sie sind schon genug gesalzen, und mit Tränen holst Du nicht zurück, waS gewesen ist." An der weißen Wand mit den goldenen Lilien trat aus der Umrahmung des schwarzen Rocks der Kopf des Haus- dieners Wladyslaw hervor: cin gelbes, ruiniertes Gesicht mit rötlichem Schnurrbart und einem spärlichen Backenbart. Die erloschenen Augen sagten gar nichts, sie blickten gedankenlos aus die heutigen Vorbereitungen. „Freuen Sie sich. Herr WladySlaw?" Die wohlklingende Stimme des geschäftigen Mädchens weckte ihn aus der Er- starrung. Die gebückte Gestalt richtete sich an der Wand ans und erwiderte mit langsamer, müder Stimme: „Dumm ist, wer sich freut, denn was bringt die Freude? Nur so viel, daß morgen schlimmerer Kummer Eure Kehlen zusammenwürgen wird. Wer in dem Kehricht wühlt, den er einmal aus den Gedanken hinausgeworfen hat, stößt immer auf Kummer und Leid." Er machte eine ungeduldige Bewegung mit der Hand und fuhr fort: „Ich bin alt, kenne das alles und habe viel gesehen. Ich war auf dem Wagen und unter den: Wagen, einmal fiel ich vom Wagen und geriet in solchen Schmutz, daß es schwer ist. darin zu leben und furchtbar— zu sterben. Ach. wozu sich der alten Dinge erinnern, wenn män richtig bedenkt, war alles den Teufel wert.... Denn in allem, und sei es auf dem äußersten Boden, steckt Schurkerei. In der liebenden Frau, im Bruder, in der Schwester.... Und die Kinder? Schütten Sie ein bißchen Pfeffer in den Schnaps, Fräulein, es schadet nichts." „Das brennt." „Eben darum. Es soll brennen. Deshalb ist der Schnaps ja auch ein Trost, er läßt den Menschen nicht vor Kummer sterben, er brennt alles aus, wonach das Herz sich sehnt, um was eS weint. O. wie werdet Ihr morgen trinken, nach diesenl Heiligcnabend... werdet nicht genug Pfeffer be- kommen können." Er bekam einen.Hustenanfall, wurde blau im Gesicht. konnte nicht sprechen und schnappte nach Lust. Endlich atmete er auf. „Gießen Sie mir ein Schnäpschen mit dem Pfeffer ein, Fräulein.. flüsterte er. „Sofort! Ich will nur die anderen rufen." Die Mädchen drängten sich am Eingang, aber sie traten ängstlich und schüchtern ein. wie geblendet von dem inatten Glanz, der von dem armseligen Tisch ausstrahlte. Sie konnton sich nicht anziehen, wie sie es gewünscht hätten. Nur einige hatten eitlen alten Rock oder eine zerrissene Bluse aus früherer Zeit hervorgeholt und blickten voll Stolz und Glück auf die anderen, die ihre Seidenkleider mit einem wollenen Tuch ver- deckten. Aber angesichts dieses Mahls fühlten sie sich alle gleich, aller Neid und Stolz fiel von ihnen ab. Tränen quollen in ihren?lugen und rollten über die durchfurchten Gesichter, an denen ein ausdrucksloses Lächeln für immer zu hafteo schien. Das rothaarige Mädchen hob die Oblaten vomjleller. Dreist und freudig ging sie in die finstere Ecke des Salons, Ivo sie von leisem Schluchzen begrüßt wurde. „Nun, Liebste, laß uns die Oblate teilen, wie einst—- wie damals," erbebte ihre leise Stimme.„Möge jede dessen gedenken, was ihr das Teuerste auf Erden war, diese der Mutter, jene der Schwester, und jene"... etwas schnürte ihr die Kehle zu, schnitt ihr den Atem ab.„Und jene...", das Mädchen wankte und flüsterte init Anstrengung:„Ich kann nicht." Die leichte» Oblaten zitterten in ihren Händen und sanken mit leisem Geräusch, wie späte Herbstblätter, auf die Erde. Ein ängstlicher Aufschrei und ein Augenblick schmerz- hafter Stille. Aus der dunklen Ecke drang ein Stöhnen, das, lange unterdrückt, in einem furchtbaren Schrei hervorbrach. Dann erhob sich ein zweiter, ein dritter, ein zehnter Schmerzens- schrei, bis ein Weinkrampf jede Brust ergriff und durch den Ballsaal tobte... Ein verzweifeltes Heulat grenzenlosen Leids, hoffnungslosen Kummers, in einem einzigen Augenblick durchlebt, er hob sich und zerrte an dem menschlichen Gedanken bis zuni Wahnsinn. Immer neue Stimmen traten hinzu, in mächtigen Akkorden erklang diese düstere Improvisation, die die Verzweiflung aus diesen schmerzdurchwühlten Seelen her- vorgeholt hatte. An der Wand tauchte eine schwarze, zerwühlte Gestalt auf. „Mag Euch... der Schlag treffen..." Und da» Gc- brüll der greisen, gebrochenen Stimme eines vor Schmerz rasenden Menschen vereinte sich noch mit dem Geschrei des so unbarmherzig beredten Jammers. Aus dem Polnischen von Stesania Goldenring. Peier Moosanger ließ es gulmülig ichniunzclnd geschehen, daß ich ihm dann und wann die geistige Höhe zeigte, aui der ich ihm gegenüber zu stehen meinte, und schlug mich höchstens voll derber Bewunderung auf die Schulter, wenn ich eine nach seiner Meinung besonders treffende Äußerung tat. Nur in einem Punkt Wider- sprach er mir und allen anderen unbedingt und das war über die Dauer des Krieges. Wenn das Gespräch darauf kam uich das war ziemlich jeden Dag der Fall, so lachte Peter Moosanger über olle noch so scharssinnigen Erläuterungen. Er hielt mit der ganzen Zähigkeit seines strenggläubigen Gemütes daran fest, daß er Weih- nachten längst wieder in seinem weltcntlegenen Seimatdorfe sei, und fragte ihn einer, woher er das so bestimmt wisse, dann zuckt« Peter die breiten Schultern und meinte geheimnisvoll:„Werd's fcho sehg'n!" Die Kameraden neckten ihn oft, indem sie lachend die Adresse der Wahrsagerin verlangten, der Peter diese Wissen schaff verdanke. Dabei hegte insgeheim jeder im Grund seines Herzen? die Hoffnung. Moosanger möge recht behalten, und die Hoffnung frischten sie jeden Dag an der felsenfesten Ileberzeugung Peter Moosangcrs auf. Außer dieser fixen Fdec hatte Peter Moosanger noch eine Eigenheit, die ihn scharf aus der Masse der Kameraden hob— er schrieb leidenschaftlich gern, und wahrend andere ihre Ruhepausen mit Essen und schlafen ausfüllten, saß, stand oder lag Peter, je nach der Bequemlichkeit der Unterkunft und malte mit dem ernsthaftesten Gesicht von der Welt Karten und Briefbogen voll mit großen, ungelenken Buchstaben. War er um einen Ausdruck verlegen— z. B. das Wort Schrapnell wollte ihm nie recht eingehen—, so kam er regelmäßig zu mir. rieb die mäch- tigen Pratzen am Hcssenbobcr ab und begehrte Auskunft. Zum Dank durfte ich alles lesen, was Peter schrieb, und ich muß sogen, daß unter den Millionen Priesen, die heute vom Feld heimgeschrie- den werden, nicht viele die seltsame und rührende Schönheit dieser stilistisch, grammatikalisch und crrhographisch durchaus nicht ein- wandfreien Epistiln haben. Und regelmäßig begann der Schlußsatz: „Vis Weihnachten kmran ich wieder... Aus den Briefen erfuhr ich auch, daß Peter außer feiner alten Mutter noch ein Mädchen vnt einem Kinde daheim hatte. Alle Stellen in seinen Briefen, die an das iffiädchcn gerichtet waren, atmeten eine wilde und rauhe Zärtlichkeit. Mit allen Fasern feiner kerngesunden Natur mußte Peter an diesem Geschöpfe hängen. So zogen wir neben einander durch das deutsche und dann durch das französische Lothringen, schössen uns mit den Franzosen herum und oft genug bewarf dieselbe Granate Peter und niich mit dem gleichen Dreck. Rechts und links fielen die Komeradeu— uns beiden geschah nichts, und als wir Lothringen mit Nordfrankreich vertauschten, hofften wir stark, auch auf dem neuen Kriegsichou- platz immer dort zu sein, wo die Geschosse gerade nicht einschlagen. Auf der ganzen drei Tage langen Fahrt hatte Peter mit unbegreif- lichcr Hartnäckigkeit behauptet, wir würden nun wohl kaum noch eine Kugel pfeifen hören und hatte von einer Stadt geschwatzt, in die wir angeblich als Besatzung kommen sollten. Acht Tage später lagen wir schon 48 Stunden in blutigen Gefechten gegen Arras, und Peter macht« ein sehr nachdenkliche» Gesicht, als ich ihn an seine Behauptung erinnerte. TaS Gefecht ging an dieser Stelle äußerst zäh vorwärts, und wohl deswegen wurden wir in der Nacht gut drei Stunden nach rechts gezogen in der Hoffnung, hier mit unserem Angriff schneller durchzudringen. Im Morgengrauen schickte der Zugführer die acht Mann unserer Gruppe vor in eine Kapelle, die auf der beHerr- Übenden Höhe stand. Hier sollten wir beobachten— eine ungemütliche Aufgabe, denn die Kapelle stand so im Richtkreis der fran- zösischen Artillerie, daß hundert gegen eins mit einer Beschießung zu rechnen war. Der Pairouillenführer schärfte uns deshalb auch äußerste Vorsicht ein..Keine Hclmspitze zeigen, sonst fährt die Spitze mi' dem Kopf und Helm zum Teufel! Die Kapelle wurde eben neu hergerichtet. Baumaterial lag umher und einige volle Zementsäcke luden zum Hinsetzen ein. Langsam stieg der Unteroffizier die Leiter hoch und spähte durch ein kleines kreisrundes Fenster. Dann traf er seine Anordnungen. Jeder von uns mußte eine Stunde auf der Leiter stehen Sud Ausguck halten. Tic Sache ging glänzend. Den ganzen Bormiitäg und noch bis in den späten Nachmittag hinein blieb unser Posten unentdeckt, und die französi- schc Artillerie schoß überall anders bin. nur nicht auf die Kapelle. Einige Kameraden fingen schon an sorglos zu werden und Peter, der eben zu beobachten hatte, steckte plötzlich in einem Anfall von Uebermut den dicken Kopf durch das Fenster und schaute iuter- cssiert den einschlagenden Granaten zu. Das hotte aber noch keine fünf Minute» gedauert, da hörten wir über uns schon das bekonnte unheimliche Singen. „Jetzt haben wir sie glücklich auf dem Hals, hätt'st deinen der- dämmten Dickschädel auch berinlassen können..." Tie Kameraden waren wütend auf Peter, daß er das schöne Versteck verraten hatte und hielten mit Ausdrücken ihres Unmuts durchaus nicht zurück. Da— ffsst— wup! Ein betäubendes Krachen, Peter wurde durch den Luftdruck von der Leiter geworfen und mitten im Raum tanzte eine ansehnliche Granate wie ein wahnsinnig gewordener Kreisel immer um ihre Mittelachse. Gott sei Tank, nur ein Blindgänger! Nun aber raus aus der Kapelle. Wir stürzten in größter H�ist durch die Tür ins Freie, gerade recht, denn als Peter kaum durchgemischt war. schlug schon eine zweite Granate ein und diesmal war es kein Blindgänger. Recht» und links, vor uniT und hinter uns spritzten Erd- und Mauerbrockcn aus. Zu viert sausten wir einem nahen Hohlweg zu und warfen uns direkt an der Bö- fchung nieder. Kaum hatten wir uns ziemlich dicht nebeneinander gelegt, da Ijörten wir schon das wilde Pfeifen eine» Geschosses; un- willkürlich schützt jeder die Augen mit der Hand— ein furchtbarer Krack und ein wilder unmenschlicker Schrei— Peter Moosanger hat die volle Ladung des Schrapnells in den Leib bekommen. Von uns ist nur einer und der ganz leicht verwundet.... Das war um fünf Uhr abends. Zwei Stunden später holten wir die Leiche Peter Moosangers ab. Er war durck seinen Tod der Lebensretter von drei anderen Kameraden geworden, denn er hatte mir seinem Riesenkörper die ganze Wirkung des inörderischen Geschosses aufgefangen. Davon weis der arme Bursche freilich nichts mehr, aber wir, die ihn dicht hinter der Kapelle begruben, dankten es ihm. Als der letzte Spaten Erde auf ihn fiel, dachte» wir alle un- tvillkürlich dasselbe und einer gab dem Gedanken Ausdruck:„Bis Weihnachten??.. Karl B r ö g e r. 2. Weihnachtsfeiertag desselben Jahres mußte Napoleons General Dutaillis die Festung Torgau au die Preußen unter Taucntzien ausliefern. 1817 hatte sich der Radjah Appa Sahib empört und rückte mit überlegenen Streitkräften den englischen Truppen cnt- gegen. Er wurde am 21. Dezember bei Mehadpur geschlagen, zog sich aber in größter Ordnung zurück und sammelte neue Streit- kräfte, mit denen er bereits am Heiligabend die nur 18 000 Mann starken Engländer von neuem bei Nagpur angriff. Trotz seiner Uebermackt wurde er aber vernichtend geschlagen. Antwerpen hielt während der Weihnachtstage 1832 Europa in Spannung. Der Londoner Vertrag hatte die Stadt dem neuen Königreich Belgien zugesprochen, doch weigerten sich die Holländer, deren Befestigungswerke auszuliefern. Darauf wurde der fran- zösische Marschall Gerard mit der Durchführung des Londoner Be schlusses betraut. Er belagerte Antwerpen und stürmte am 23. De- zember dessen Zitadelle. Am Heiligabend konnten dann die Belgier in ihre neue Handelsstadt einziehen. Die Weihnachtsfeier des Jahres 1843 wurde durch den Mahraltenkrieg gestört. Sir Hugh Gough schlug in der Weibnachtswoche die Jndier entscheidend bei Maharajpur. wobei diese nicht weniger als 18 000 Tote auf dem schlachtfeldc ließen. Zwei Jahre später stand Sir Hugh im Kampfe gegen die Sikhs. und die beiden Schlachte», die er ihnen lieferte, fanden eigenartiger Weife auch in der Weihnachtswoche statt. In der ersten, am 21. Dezember bei Modkc. wurde der Feind zwar zu- rückgeschlageu, doch setzte die einbrechende Nacht der Verfolgung ein Ende. Daher wurde der Kampf am folgenden Tage bei Fero zeschah erneuert und dauerte drei Tage hindurch bis zum Weih nachtsmorgen. Taufende der Sikhs— desselben Stammes, der heute Hilfstruppen für die Engländer nach Europa stellt— wurden vernichtet, 3000 Engländer, darunter 115 Offiziere, blieben �auf der Walstatt. Während der Belagerung von Sebastopol versuchten die Russen, das Weihnachtsfest der Berbündeten durch einen Ausfall zu stören; sie wollten am 24. Dezember die Lausgräben stürmen. ES entwickelte sich auch ein blutiger Kampf, der bis in die Weib- nachtsnackt anhielt, doch mußten sich die Russen schließlich zurück- ziehen. Drei Jahre später begannen die verbündeten Engländer und Franzosen während des Opiumkrieges gegen Ehina am zweiten Weibnachtsfeiertag Kanton zu stürmen, das allerdings erst am 29. Dezember in ilfte Hände fiel. Am Weihnachtsiage 1878 lieferte Lord Roberts den Afghanen ein blutiges Gefecht, das für ihn sieg- reich ausfiel. Dagegen verdarben die Buren im Jahre 1K80 den Engländern ihre Weihnachtssrcude�indem sie am 1. Feiertag gegen das englische Lager bei Bronkers Sprutt vorgingen und ihnen eine schwere NicAerlage beibrachten. Nimmt man zu dieser Liste noch all die kleinereu Kriege auch der ferneren Nationen, so kann man getrost behaupten, daß das Wort„Friede auf Erden" weder zu Weihnachten, noch sonst jemals bisher Wahrheit geworden ist. Schlachten am Veihnachtstage. Eine der ersten Weihnachisichlachten ist die vom 24. Dezember 1610, wo im Kampf der weißen gegen die rote Rose Herzog Richard von Stork bei Wateffeld von der Königin Margarete besiegt wird und fällt. Eine andere. Weihnachtsschlacht auf englischem Boden brachte das Jahr 1745. Damals standen sich bei Elrfton Moor die Truppen des Stuartprätendenten Karl Eduard und das Heer Georgs II. unier dem Herzog von Eumberland gegenüber. Der Zusammenstoß war äußerst blutig, und die Verluste auf beiden Seiten waren groß: doch mußte sich das Heer Karl Eduards zurück- ziehen und wurde dann zu Beginn des folgenden Jahre» bei Eulloden gänzlich vernichtet. Eine bange Weihnachtszeit für Eng- land brachte auch der Krieg mit Frankreich im Jahre 1703. Da traf am Heiligabend die Nachricht ein. daß Toulon erfolgreich gestürmt und genommen set, und die Weibnachtsfestlichkeiten traten toährcnd der nächsten Tage hinter den nationalen Freudenfeiern zurück. Während der Kämpfe in Indien brachte die WeihnachtS- tooche des JahreS 1808 den glänzenden Sieg bei Sahaguu. der durch den tollkühnen, aber erfolgreichen Angriff der englischen Kavallerie ans eine gewaltige llebermacht berühmt geworden ist. Im Jahre 1813 erzwangen englische Truppen zu Weihnachten den Uebergaug über den Nive. Bereits am 13. Dezember hatte zwar die eigentliche Schlacht stattgefunden, in der Wellington den französi» scheu Gegner schlug, doch vergingen noch zwei Wochen mit Schar- inÄtzelu, ehe sein Heer den Flußübergang erzwingen konnte. Am Nuflk. Ins Friedrich- Wilhelm si ädtis che Theater ist mit der Direktion des Opernsängers Gustav Friedrich anscheinend auch ein neuer Geist eingezogeu. Dem bisher in der Pflege der Operette herrschend gewesenen Schlendrian soll energisch zu Leibe gegangen werden. Von dieser ernsten Absicht war die Aufführung der Millöckerschen„GaSparone" getragen. Nicht bloß, daß auf die Her stellung des Textes, namentlich ober der ursprünglichen Partitur MillöckerS Bedacht genommen wurde, hat sich auch die Regie einer auf Hervorhebung innerer lünstlerischer Feinheiten gerichteten Wieder- gäbe befleißigt. Manches klappte ja bei der ersten Vorstellung noch nicht so, wie man gewünscht hätte. Indessen— das wird die Uebung briogen. Denn das Solopersonal weist sehr tüchtige Kräfte auf. Die Cböre sind auch reckt gut, und das Orchester unter feinem Dirigenten Mox Werner spielt flott und exakt.„GaSparone" wird stch als Kassenmagnel bewähren. vir. kleines Zemlleton. Eine Unterhaltung zwischen Schützengräben. Ein im Felde stehender Fahnenjunker, der beim Ausbruch des Krieges am Grunewolder Gymnasium das Notexamen ablegte, erzählt im.Grunewald-Echo Gestern, den 24., hat eS viel geschneit. Heute Treckwetter, aber gemütlich ist eS hier! Zu ersehen aus folgender kleinen. wirNich wahren, wenn auch unglaublich erscheinenden Geschichte. Wir haben mit einer Sappe eine sranzöfische durchbrochen und an dieser Stelle verbarrikadiert. Auf secks Meter Emsernung stehen sich nun dort ein deutscher und ein sranzöfischer Doppelposten gegenüber. Gestern hatte ich in der Nähe zutun. Da bat mich ein Unteroffizier, einige französische Worte auf einen Zettel zu schreiben, den er zu den Franzmännern hinüberwerfen wollte. Ich tat das natürlich, da ich auf den Erfolg riesig gespannt war Der war der: Wir hörten ganz deutlich, wie einer daneben den Zettel vorlas. Darauf rief ich hinüber und stellte französisch einige Fragen. Von drüben antwortete einer und fragte dann, ab ich glaube, daß wir zu Weihnachten zu Hause wären, ob wir nachts frieren u. a. in. Dann rief mich plötzlich eine Stimme auf deutsch an. ganz tadelloses Deutsch, und ffagte, wo ich der sei. Im Lause der weiteren Unterhaltung erzählte er. daß er Oberlehrer sei. er habe viele Jahre als Sprachlehrer in Lichterielde gewohnt und an der Steglitzer Realschule unterrichtet. Er kannie auch das Grunewolder Gymnasium und unfern dortige» Franzosen DeSchoiilpS, bei dem ich ja jahrelang Konversation getrieben habe. Bei Euch soll ich anjragen, ob man in Lichterselde oder Steglitz ihn, den Ober- lehrer Perigard, kenne. Er warf uns dann Tobak, mir dagegen Schokolade herüber. Er Ivollte beute um 1 Uhr wieder da sein, ich habe aber mit dem Unteroffizier vergeblich aus ihn gewartet, und so bin ich auch die deutschen Zeitungen, die ick heute hinüberwersen wollte, heute nicht losgeworden. Alles war ganz ungefährlich, und braucht Ihr Euch deshalb nicht zu ängstigen. Unserm Major mußte ich soeben Bericht über dos Erlebte erstatlen. Im Laufe meiner geschilderten, ungefähr einstündigen Unterhaltung batte sich unser Laufgraben mit vielen Neugierigen gefüllt, die gespannt zuhörten. UebrigenS kam ich mal auf unseren Kaiser zu sprechen: da inachte der Franzose eine undeutliche Bemerkung und fügte schnell hmzu, daß wir Politik beffeile lassen wollen. Die Kanone. A r i o st, der große italienische Dichter der Renaiiianeezeir, hat in seinem klang- und erfindungsreichen Epos.„Der ratende Roland" (1516 zuerst ertchienen). die Erfindung der Kanone besungen— in einer so klassischen Weise, daß auch heute noch daran erinnert werden mag. Di« Stelle findet sich im 3. Buch, 11. Gelang, Strophe 22—27.(Zum Verständnis des Zusammenhanges genügt der Hinweis, daß Roland die Kanone CimoskoS. das„verfluchte. zu Sünd und Mord erkorene" und vom Satan höchstselbst geschmiedete Rohr, in die See versenkt hat— freilich umsonst.) „Genug hiervon! Ich muß nach Roland fragen, Der jenen Blitz, Cimosko unterthan. Geworfen in des Meeres tieffle Gründe. Daß keine Spur sein Dasein mehr verkünde. Doch wenig half eS un?; denn leider wachte Der böse Feind der menschlichen Natur, Der dies Geschoß nach jenem andern machte. Der niederfährt vom Himmel auf die Flur; Wodurch er uns nicht mmderu Schaden brachte Als uns durch Evas Apfel wiederfuhr. Er wüßt es kurz vor uns'rer Väter Zetten. In eine« ZaubrerS arge Hand zu lerten. DaS höllische Gerät ward aus den Wogen Nach langen Jahren, durch des Zaubers Macht Aus hundert Klafter tief hervorgezogen Und dann zuerst den Deutschen zugebracht, Die mancherlei Versuch damit vollzogen: Und da. auf unser» Schaden stet« bedacht Der böse Geist verfeinert ihre Sinne So ward man endlich de» Gebrauches mne. Italien, Frankreich, samt den Ländern allen, Hat all so bald die grause Kunst erreicht. Der füllt die hohlen Formen mit Metallen, Die man zuvor in glühender Est' erweicht; Der bohrt das Eisen, dieser, nach Gefallen, Macht groß und klein das Rüstzeug, schwer und leicht, Nennt dies Bombarde, Büchse das, nach Laune, Einfache bald, bald doppelte Karthaune. Haubitze heißt e». Falkonett, Feldschlange, Wie. der es macht, den Namen dem beschert. Was fteie Bahn sich schafft aus seinem Gange Und Erz zerschmettert, und durck Marmor fährt. Gieb, armer Krieger, gieb der Schmiedezange All deine Waffen bin, bis auf das Schwert: Die Flint und Büchse sei dafür genommen! Sonst wirst du wahrlich leinen Sold bekommen. Wie hast du Raum in Menschenbrusl aemnden, Erfindung, voll des Frevels und der Wehn? Durch dich ist Waffendienst der Ehr' enlbunden, Durch dich muß Kriegesruhm zugrunde gehn. Dckrch dich, soweit sind Kraft und Mut geschwunden, Scheint Wackern oft der Schlechte vorzugebn. Durch dich sind Stärk' und Heldensinn enthoben Der Möglichkeit, im Feld sich zu erproben. Durch dich erlag und wird hinfort erliegen So edler Herrn und Ritter große Zahl, Eh' wir das Ende sehn von diesen Kriegen, Der ganzen Welt, doch mehr Italiens Qual. Drum, sagt ich's euch, so war mein Spruch gediegen: Von den verruchten Geistern allzumal War keiner böser, noch im Frevel dreister. Als dieser greulichen Erfindung Meister. Und daß dafür ihn ew'ge Rache quäle, Hat in den tiefsten Abgrund Gottes Hand— Das glaub ich sicher— die verruchte Seele Zu dem verruchten Judas hingebannt. Wie es im Mlitärhospital von£e havre aussieht. Ueber das große Militärhospital in Le Havre gibt ein hollän- bischer Journalist genauere Auskunft, die uns besonders deshalb interessiert, weil in Le Havre neben Engländern, Belgiern und Franzosen auch ein paar Deutsche gepftegt werden.„Das Hospital ist sehr hübsch gelegen." erzählt der Berichterstatter im„Algcmeen Handelsblad",„die frische Seeluft kann unbehindert hineindringen, denn es liegt aus einer kleinen Anhöhe. Das Gebäude hat Zcn- tralheizung(allerdings eine große Seltenheit in Frankreich), und die Haupträume sind elektrisch beleuchtet. Die Säle fassen durch- schnittlich 30 Betten, alles englische Feldbetten. Das Ganze sieht sehr frisch und sauber aus. Die Pflege der Kranken haben die Schwestern vom St. Thomas-Lrden übernommen, demselben Orden, der bereits seit mehr als 200 Jahren solche Liebesdienste verrichtet. Diese Schwestern sind von einer rührenden Sorgfalt, und sowohl die Kranken als auch die Aerzte find ihres Lobes voll. In dem ersten Saal, den ich unter Führung de» Chefarztes besuchte, fiel mir besonders ein Singhalese aus. Es sieht doch zu seltsam aus. wenn so ein schwarzer Kopf in den schneeweißen Kissen liegt! Dieser Verwundete hatte bei einem Jnfanterieaefecht eine Kugel in das Gesicht bekommen und wird wohl zum Andenken an diese Schlackt zeitlebens eine dickgeschwollcne linke Wange behalten. Am meisten aber interessierten mich die drei Deutschen, die im nächsten Saal lagen. Es waren drei Landwehrmänner. Ihre Betten standen dicht zusammen, damit sie Gesellschaft aneinander hatten. Ich bekam die Erlaubnis, mich mit ihnen in ihrer Sprache zu unterhalten. Alle drei erklärten, daß sie mit der ihnen zuteil werdenden Behandlung außerordentlich zufrieden seien; denn sie würden in keiner Wefte im Vergleich zu den anderen zurückgesetzt. Auch bekämen sie alle aus der Heimat gesandten Briefe. Packchen mit Zigarren und anderen begehrenswerten Dingen. Da es gc- rade ll Uhr war, so konnte ich auch sehen, was es als Mittagessen gab. In gleichmäßigen Portionen wurde den Verwundeten Fleisch mit Gemüse in bester Zubereitung zugeteilt. Was ich über weniger gut fand, ist der Umstand. �daß die Genesenden in demselben Saal rauchen dürfen, wo die Schwerverwundeten liegen. Sonst aber nahm ich den Eindruck mit, daß dieses Hospital in Le Havre mustcr- gültig ist." Rotize». — Theaterckronik. Da-5 Eharlottenburger Schiller- Theater hat, mit Rücksicht ans die Scküler und Schülerinnen von Groß-Berlin, an den Nachmittagen der Weibnachtsfeiertage folgende Werke angesetzt: Am Freftagnachmiltag 3 Uhr:„Prinz Friedrich von Homburg"; Sonnabend„Wilhelm Tell" und Sonntag das Sckau- ipiel.Grüne Ostern" von Heistrich Lee, das zur Zeit der Beffeiungs- kriege spielt. Für alle diese Vorstellungen gelten die bekannten Er- Mäßigungen. Die belgischen Kunstwerke. Franzöfische und auch italienische Blätter haben die Behauptung ausgestellt, die Deutschen entführten Kunstwerke au» öffentlichen belgischen Sammlungen. Insbesondere wurde der Generaldirektor der Berliner Sammlungen, Bode, beschuldigt. Dieser läßt jetzt im„Berliner Tageblatt" er- klären: „Es ist nicht beabsichtigt, auch nur ein Bild auS den belgischen Sammlungen zu entführen. Lediglich� jene wenigen Kunst« werke,� die unter Napoleon im Jahre 1814 aus deutschen Kirchen und Sanimlungen geraubt wurden, werden, soweit al» möglich, wieder zurückgenommen werden." Ueberdie» sollen die öffentlichen Sammlungen in Belgien, so- weit si« nicht in gefährdeten! Gebiet liegen, wieder eröffnet werden. — Ein rheinischer Kunsts ammler. Der Domkapitular- Alexander Sckrutgen ist in Köln gestorben. Er hat sich um die Er- Haltung und Sammlung alter krrchlicher Kunstwerke sehr verdient gemacht. Seine Sammlung hat er bereits vor Jahren der Stadt Köln geschenkt. — Das Buch der Bücher. Der Börsenverein der deutschen Buchhändler, gibt als Fortsetzung deS von ihm angekauften «atsserichen Buchlexikons jetzt den Gesamtkatalog aller in Deutsch- land erscheinenden Schriften heraus. Der erste Band umfaßt die Jahre 1911— 1V14. — W i e d e r e i n e r. Wir lesen in der„Schaubühne":.All' Ihr Schweine, welche Deutschland mästet': D'Annunzio. Verhaeren. Hodler. �haw. Maeterlinck. Dalcroze et cefera. Die zum Dank durch stinkende Verleumdung Deulschlandö Ruf in aller Welt verpestet...": doS ist die erste Strophe eines GedichlS, dessen poetischer Wen nur von seiner wahrhaft vaterländischen Gesinnung ubertroften vnrd. Aen hat der Krieg nun eigentlich„entlarvt": die fremden Künstler oder die deutschen? Diesmal ist es H a n 5- P f i tz n e r, und das Blatt, das sich von ihm feine Dezember- nummer hat verderben lasten, sind die..Süddeutschen Monatshefte' ■Hnchc: Netakteur: S»t"d Wielepp, NeuIöUru Lür feeu Lnferat/mteil veran�v.: Th. Glocke, BerlinI Druck u.Veäaz:OoQVartA Buchdruckere» u. Lerlag�anstal: Paul Singer v-Eo.. Berlin ZM