Nr. 1.- 1915. Unterhaltungsblatt des vorwärts MG, 1. Zaimar. Eröffnung öer Volksbühne. Die überlchwänglichen Illusionen, mit denen man einst an das Werk einer Freien Volksbühne heranging, sind längst aus ein nüchternes Mast zurückgeführt worden. Die einen erhofften in der Freien Volksbühne ein' neues Kampfmittel für den EmanzipationS- kämpf der Arbeiter, die anderen rechneten mindestens auf die längst fällige Wiedergeburt der dramatischen Kunst. Aber jene übersahen, daß die Bühne, im klassischen Zeitalter des Bürgertums ein nolge- drungener Schauplatz des geistigen Befreiungskampfes, diese Eigenschaft längst zugunsten anderer Kriegsschauplätze abgelegt hatte. Parlament und Presse stellten in all ihrer Beschränkung und Unvolllommenbeil doch einen so riesigen Fortschritt dar, daß die Rückkehr zur Schaubühne als der politischen Arena nur ein komischer Rückfall gewesen wäre. Bei dem ganzen Irrtum wirkte die politische Fesselung der achtziger Jahre noch bestimmend mit. Nicht viel anders stand es mit dem Wahne derer, die da glaubten, das Drama auf dem Boden der Freien Volksbühne zu neuem Leben erwecken zu können. Auch hierbei lag der Fehler zugrunde, daß man die Verhältnisse von einst aus die Gegenwart übertrug. Aber die klassische Zeit nötigte ja eben durch die völlige politische Unfruchtbarkeit ihre besten Köpfe zu jenen geistigen Grofftaten, unter denen das klassische Drama mit obenan steht, während hundert Jahre später die ungehemmte Wirtschaft- liche Betätigung die Geisteskräfte des Bürgertums lahmlegte und der politische Kampf die Kräfte des Proletariats absorbierte. Und so blieb denn gerade den regsamsten Geistern in der Freien Volksbühne schließlich das die lockendste Aufgabe, im_ Rahmen dieser Organisation auch nur den politischen Kampf gegen die äußere Bedrückung dieser Organisation zu führen. Das Theater war nicht mehr der Schauplatz, es war der Gegenstand des Kampfes geworden und eben nur ein Gegenstand. Und dieser Kamps wurde um so erfolgreicher, je mehr die Freie Volksbühne ihren proletarischen und Kampfcharakler ablegte und eine dem Wesen nach bürgerliche, genauer: eine klassenlose Organi- salion wurde, die ihre Ausgabe nur darin sah, möglichst weiten Kreisen möglichst billig möglichst gute Kunst zu vermitteln. _ Der organisatorische und wirtschaftliche Erfolg der.Volksbühne' darf freilich nicht zu neuen Illusionen verführen, wie zu der von Bruno Wille im Einführungshest geäußerten, der„Kultur- sieg' dieser Bühneneröffnung zeige die Möglichkeit,„daß in mancher Großstadt deS neuen Vaterlandes, vielleicht auch auf dem Lande, und zwar dann in Form der Naturbühne, das Thealer dem Volke in ähnlicher Weise gewidmet sein kann, wie bei den allen Griechen, und wie es dem sittlichen Erzieher Schiller vor- schwebte'. Gott bewahre I Noch viel weniger als zur moralisckien Anstalt des jungen Schiller kann das Theater heute zur religiösen Staatsanstalt der Alten werden. Die Eröffnungsvorstellung war, und zwar nach Stück und Dar- stellung, ebenfalls geeignet, den Blick vergleichend auf die Anfänge der Freien Volksbühne sderen Haus aber nur Volksbühne heißt) zu richten. Ja sogar die entichuldigenden Worte Julius Babs vor der Vorstellung standen im Gegensatz zu jenen Ansängen. Damals proklamierte man den Realismus, die Wahrbeitskunst. Bab ent- schuldigte ihn sozusagen, bedauerte die Alllagskunst, zu der man. am „Götz" verhindert, habe greifen müssen. Und wenn Wille im Em- sübrungshefl seine Rede vom 29. Juli ststcht Juni) 1890 zitiert, so zitiert er sie sehr schlecht und läßt alles aus, was ihr damals das eigentümliche Gevräge gab. Nach dem Kriege wird man daraus zurückkommen dürfen. Heute nur zwei Urteile über die Eröffnung. Eines aus der„Deutschen Tageszeitung':„Daß im Festspruch auch die schönen Worte„Teutschland, Deutichland über alles' enthalten waren, und daß der Redner sich durchaus aus großdeutschen, aller Parteieinseitigkeil fernen Boden stellte, trug wesentlich zur all- gemeinen frohen Stimmung der Gäste und zum hoffentlich dauernden Erstlingserfolg der jungen Bühne bei.' Das anders aus dem '„Reichsboten':„Wir können nur wünschen, daß in diesen Räumen eine Kunst für das Volk gepflegt werden möge, die neben dem Zwecke der Stärkung wahrhaft vaterländischen Geistes eine von Sonder- tendenzen freie Pflege des Edlen, Wahren und Schönen sich angelegen sein lasse." Und nun die Wahl des Stückes: Am 18. Oktober 1890 begann inan mit— den„Stützen der Gesellschaft". Den jetzt angesetzten„Götz", � dieses zweideutige und fast reaktionäre Drama, das damals in der Freien Volksbühne undenkbar gewesen wäre, wollte das Schicksal wohl eben deswegen nicht baben und griff daher im letzten Moment mit zerstörendem Finger in eine Maschine des neuen Theaters. So behalt mau sich mit dem jugendfrohen, aber altersschwachen Lustspiel Björnsons„Wenn der junge Wein blüht". Mit der Geschwätzigkeit seines Alters(der andere Alte war gerade im Alter wuchtig knapp) gestaltet Björnson in seinem letzten Stück die Ein- renkung einer Ebe. An den mancherlei Liebesersahrungen, die ihre drei Töchter machen müssen, entzündet sich aufs neue die langerloschene Glut zweier Ebeleute. Was diesen Vorgang wertvollmacht, ist der Lebensrnut. Auch Ibsen predigte ähnliches im Epilog. Ader wie zeigen diese beiden Nordmänner in ihren Schlußstücken neben der Aehnlichkeit auch den Gegensatz ihres Wesens' Die Aehnlichkeit— im Preis- lted auf das Glück des Daseins als zwsigeschlechtige Lebewesen. Erst dahinter, und wenigstens bei Ibsen bewußt dabinter gestellt, kommt die Lebensaufgabe. In dieser Tendenz liegt soziologisch das Urteil gegen beide eingeschlossen. Der Gegensatz— steckt am greif- barsten natürlich in der Tonart und im Ausgang. Bei dem Dur- Björnson ist es immer noch nicht zu spät. Er geht nicht, wie der öloU-Jbseu, rücksichtslos und starr bis aus Ende. Sanguiniker können das nicht. Sie bringen sicb eher um. Ehe Björnson auch nur das zahmste der späteren Jbsenstücke geschrieben hätte, würde er ver- zweifelt abgetreten sein. Ohne Optimismus, ohne SiegeSgewißheit, ohne Erfolg zu leben, war dem Politiker nicht möglich. Tiefere Probleme werden übrigens nicht aufgedeckt, eine Welt- anschaunng steht nicht zur Debatte. Höchstens etwa die, daß die Frau kein' Drache sein soll. Und viel liefsinniger sind ja die Pointen in Björnsons Dramen selten oder nie. Er rückt, wenn man von der Psychologie absieht, weit näher zu L'Arronge als zu Ibsen. Den norwegischen Bauern hat er nie abgelegt, und das ist für die Kunst immerhin kein Vorteil. Die technische Primitivität des Stückes wurde durch die Regie wenig getrübt. Man spielte lang und breit. Ein paar Kräfte scheinen aber dabei zu fein. Nur haben sie noch keine Namen und hatten am ersten Abend überhaupt keine, da der Zettel fehlte. Kurz, diese Eröffnung war eine Noltrauung; aber das soll ja immer die besten Ehen geben— vorausgesetzt, daß die Beteiligten am Leben bleiben._ ßudolf Franz. Neue Ausgrabungen in Pompeji. Während der Kriegssturm, der mit rasender Gewalt über die Lande braust, erbarmungslos viele Stätten neuer und alter Kultur in Schutt und Trümmer legt, fördert die Ausgrabung von Pompeji immer wieder neue Wunderwerke aus der durch die Wut der Elemente zerstörten alten Stadt zutage, die vor mehr als 1800 Jahren der Vernichtung entgangen find. In Begleitung seines mit der Aussicht über die italienischen Museen betrauten Abteilungs- direttorS Spinazzola hat sich in diesen Tagen der Minister Grippo nach Pompeji begeben, um die neuen Ausgrabungen zu besichtigen. Mau zeigte ihm zunäckist einen großen Balkon, dessen gewaltige Brustwehr noch völlig unversehrt"geblieben ist, die Fassade eines Hauses mit überlebensgroßen Götterbildern, sowie ein zweites Haus mit riesigen Plakaten, aus denen Hunderte von Anzeigen über öffentliche Spiele und Wahlen angezeigt werden. Besonderes Interesse zeigte der Minister aber für die jüngst aus- gegrabene großartige Waschanstalt, in der noch alles an seinem Platze steht. und ein prunkvolles Patrizier- haus mit reichem künstlerischen Schmuck, dessen schönstes Stück ein Altarschrein mit Friesen und buntausgemalten Arabesken ist. Man sieht hier Reliefbilder, die in Weiß und auf blauem Grunde den Kampf zwischen Hektar und Achill und die Auslösung der Leiche Hektars durch König Priamus veranschaulichen. Neben und hinter diesem Hause ist ein ganzes Labyrinth von Kellern, von Gärten. von wiederhergestellten Häusern erstanden, das in seiner Größe und Lebendigkeit außerordentlich eindrucksvoll wirkt. Das Haus hat die Treppe bewahrt, die nach dem oberen Stock hinaufführt, die beiden Zugangslüreu, den gemalten Deckenhimmel, der sich über die Vor- balle spannt, einen Wandschrank und Marmortische, die von Künstler- Hand bemalt sind, kleberraschend an üppiger Pracht und ust- lerischen Reizen sind die Zimmer mit ihren Säulen, ihren Stuck- Verzierungen und mit ihrem reichen Bildschniuck, wie er schöner und feiner bisher in Pompeji noch nicht gefunden wurde. Zwischen all diesen Wundern befindet sich eine Gruppe von Skeletten, die noch die Stellungen zeigen, in denen sie der Tod überraschle. Es wurden auf einem Platz neun Personen gesunden, die ersichtlich in dem Keller Schutz gesucht hatten, und die die Furcht, daß der Aschenregen ihnen den Ausgang versperren würde, schließlich nach oben getrieben Halle, wo sie an der Schwelle des hängenden Gartens den Erstickungstod fanden und auf das Aschenbett sanken, das das Grab der Stadt wurde. Eine der Leichen ist die eines kleinen Mädchens. Sie umschlingt die Brust einer Er- wachsenen, wahrscheinlich auch einer Frau, als wenn sie dort Hilfe suchen wollte. Eine andere Leiche liegt auf dem Bauch. Es ist die eines Jüngling?, der noch an den Füßen die Sandalen mit den Riemen und den nägelbeschlagenen Sckmhen trägt. Minister Grippo teilte mit. daß er sofort nach der Wiedereröffnung de» Parlaments ein Gesetz einzubringen gedenke, das den Hügel von Lumae, auf dem die Ausgrabungen vorgenommen werden und wo erst kürzlich die gewaltigen Mauern der Stadt und der Tempel des Apollo freigelegt wurden, zum nationalen Baudenkmal erklären soll. /tos öer Kunftgefthichte des Kalenders. Nun hängen lvir wieder den tteuen Kalender an die Wand, dessen mit Bildern gezierte, mit weisen Sprüchen und schönen Lehren bedruckte Blätter uns durch alle Tage des Jahres bc- gleiten sollen, und bei der Betrachtung des mehr oder weitiger geschmackvollen Reichtums, der sich hier austut, gedenken wir der bescheidenen Anfänge, aus denen unser Äalenderwesen hervorgegangen. Wie einfach waren die mittelalterlichen Kalender- tafeln, die nur über die Zeitpunkte der beweglichen und der stehen- den Feste unterrichten wollten und nach denen man die Daten der einzelnen Tage festlegte. Denn nach den Wochen- und Monats- tagen zu rechnen, wie wir es tun, bat man erst zu Ende des IS. Jahrhunderts allgemeiner angefangen. Zu den unbehilflichen und doch so fein beobachteten?Nonatsbildchen, die sich allmählich in köstliche Werke der gotischen Miniaturkunst wandelten, treten in bunter Mannigfaltigkeit Auskünfte, astrologischer� und praktischer Natur, in denen nicht nur aus den Gestirnen die Zukunft kühn geweissagt wird, sondern in denen man sich auch über alle Angc- legenheiten des Feld- und Gartenvaues, der Viehzucht, über Heil- mittel und Aderlaß unterrichten kann. Die alljährlichen und au- geblich„ewigen" Kaleiwer werden zu den wichtigsten Aufzeichnun- gen der Bauernregeln, und noch heute findet sich wohl hier und da im Kalender das Wetter für das ganze Jahr und auf jeden Tag vorher bestimmt. Mit der EntWickelung der Luchdruckerkunst nahm auch das Kaleuderwesen einen großen künstlerischen Aufschwung. In Form von Wandtafeln der verschiedensten Größe, die aus einem Blatt den ganzen Text vereinigten, sowie von bildergeschmücktcn Heften wurden die„Alrnanachs" seit der Mitte des Ib. Jahrhunderts die verbraitetsten Truckerzeugnisse, die in alle Schichten des Volkes drangen. Sie erzählten nicht nur vom Kreislauf des Jahres, sondern auch von allerlei seltsamen Ereignissen, von Krieg und Pestilenz, von Sonnen- und Mondfinsternissen und nahmen in auf- geregten Zeitläuften in Predigt und Spott Partei für bestimmte Ideen und Persönlichkeiten. So boten sie auch dem Künstler mannigfache Gelegenheit zur Betätigung; Holzschneider und Kupferstecher zierten die Kalender mit würdigen Bildern und frechen Karikaturen. Kunstwerke höheren Ranges entstanden auf diese Weise, nachdem die prachtvolle Bolkskunst der Gotik dahin- gegangen war, hauptsächlich in Frankreich und Holland, wo der Kalenderzeichner eilt geschmackvolles Publikum fand. In Deutschland wandte man dem Schmuck deS Kalender? erst im 18. Jahrhundert höhere Aufmerksamkeit zu, als eine einzig- artige und nie wieder errcichtq Blütezeit des Almanachwesens anbrach. Die Anftlärnug räumte mit all dem abergläubischen Kram, der die Kalender bis dahin erfüllt hatte, energisch auf; die besten Tage zum Purgieren, die Wetterregeln traten in den Hinter- grund, und statt dessen machte sich neben praktischen Mitteilungen über den Postverkchr, über Münzen, Getvichte usw. das belehrende und unterhaltende Element mehr und mehr geltend. Der Kalender trat nun erst mit der Literatur in enge Beziehung; die Buchform verdrängte die Tafelsonn völlig, und seit 1720 etwa wird der AI- manach ein wichtiger Teil des«christtums, ein ebenso vielseitiges wie aktuelles Buch, das besonders den Interessen der Damen durch Aufnahme von Gedichten und Modeberichten entgegenkommt. Welche Bedeutung der Kalender in der Geschichte unserer Literatur und besonders in der Entwickelung unserer klassischen Lyrik spielt, be- weist die Tatsache, daß sich jede neue poetische Richtung von nun an eine» eigenen Kalender schuf, vom Göttinger Musenalmanach an über den Schillerschen l�id die zahlreichen romantischen Al- inanachs bis zu den Musenalmanachen der Jüngstdeutschen. Das Rokoko'.nachte aus dem Kalender ein Buchtunsttvcrk, das den ftin- sten Duft dieses eleganten, das Niedliche und Pikante betonenden Stils atmet. Die Kalender waren so winzig, daß sie sogar als Berlocquen an der Uhr getragen werden konnten; in den seidenen und vergoldeten Einbanddecken waren vspiegcl und Täschchen mit Necessaires angebracht, die Atmanache mit seinen und dauerhaften Parfüms getränkt. So wurde der Damenalmanach zu einem Zierstück des Boudoirs, und seinen höchsten Reiz verlieh ihm die Kunst des Kupferstechers, die ihn mit entzückend feinen, auf klein- ster Fläche ein reiches Leben entfaltenden Blättern schmückte. Der 1] Ueberjtoß. Von Martin Andersen Nexö. � i Einzig autorisierte Uebersetzung'aus dem Tänischen von Hermann K i y. 1. Das Leben hatte ihn im Stich gelassen! Keine schwellende Blutfülle war in ihm. kein Schimmer von Uebermut in seinem grauen Blick, keine Spannung über- starker Muskeln in seinem Körper. Sein Körper war wie eine Gegend, verheert von Seuche und Dürre, Ivo das Leben allerorten floh und dem nächsten Ansiedler— dem Tode— den Platz räumte. Ja, versengt war er, fieberdürr, mit etwas unreiner Feuchtigkeit in den ausgetrockneten Ftußläufen. Unfruchtbar, außerstande, das geringste Leben zu erzeugen, aber ertötend für jeden Samen, jeden Keim, der sich hierher vorirrte. Und mehr als das. War er nicht wie eine tote Hand auch für seine Umgebung, erstarben nicht Lächeln und Jugend auf der Lippe derer, die sich ihm näherten? Er war in der Tat ein Pestloch, ein giftiger Sumpf, der weit über sich selbst hinaus tödlich wirkte. lind erst sechsnndzwanzig Jahre! Er war gezeichnetl In Jahr und Tag hatten anders ihn wie einen vom Tode Erkorenen behandelt. Die Alten seufzten, wenn sie ihn sahen, wie vieles doch in die Erde wandern sollte. Er war für sie der Inbegriff aller gesunden Jugend, sittlich, streng ernsthaft, eine suchende Natur. Nur den Frieden in Gott hatte er nicht, aber das würde schon kommen, bei seinem ernsten Suchen m u ß t e es kommen. Und sie behandelten ihn wie einen, der Gott nahe stand. � Auch die Jugend hatte ihn gezeichnet. Sie verkehrte aus Mitleid mit ihm, machte aber am liebsten einen großen Bogen um ihn, wie uni einen Kirchhof. Er zog das Alter an und stieß die Jugend ab— bedurfte es Wohl eines besseren Zeugnisses? Das Leben hatte ihn im Stich gelassen, das fühlte er bis zum Ueberfluß in allein, seden Augenblick am Tage. In dem heftigen Schwindel, der ihn ergriff, wenn er sich bloß ein wenig bückte, in der Uebelkeit, so oft er etwas gegessen hatte, in dein mattmachcnden Schweiß, wenn er schlief. Er war der letzte gewesen, es einzugestehen, Alber als das Zugeständnis erst gemacht war, überfiel ihn die Tatsache mit unheimlicher Stärke und verdrängte alles andere aus seinem Sinn. Gesund war er nie gewesen; er konnte sich jedenfalls nicht dar ms besinnen. Aber in seiner Kindheit hatte er doch so einigermaßen niit den anderen Kindern Schritt halten können, war wie sie in die Schule gegangen, ohne nennenswerte Unterbrechungen, war wie sie zum Studium angehalten worden und hatte seine Examina bestanden, sogar in verhältnismäßig kurzer Zeit— ganz wie sie. Bei aUedem hatte er das ewige Nagen in seinem Innern immer wacher nnd wacher verfolgt. Aber er ertränkte das Gefühl in Fleiß nnd Uebermüdung, suchte Schmerzen und Unwohlsein, Kraftlosigkeit und Flimmern vor den Augen einfach lvegzuerklären, schob die Schuld auf Uebergangsalter und Pubertät— er hatte sich ja so spät entwickelt. Und er klammerte sich an diesen Punkt, die späte EntWickelung: war er doch noch mitten im Uebergangsalter, gerade in der kriti- schon Periode. Er fühlte schon einen Fortschritt; und wenn er über den Berg weg war, so würde es mit reißender Ge- schwindigkett vorwärts gehen.— So betrog er sich lange Zeit selbst. Das Kriteriilin für seinen wirklichen Zustand, das die Auffassung der Umgebung für ihn hätte sein können, zer- störte er, indem er ihr von vornherein andere Beweggründe als die wirklichen unterschob. Bei vielen war es Neid oder Schadenfreude, Wenn sie mit ihrem;„Herr Gott, wie schlecht siebst Tu aus!' zu ihm kamen. Bei anderen wars Gefühls- duselei; sie liebten es, die Leute totzuschlagen, um sie her- nach beweinen zu können. Namentlich für die Familie galt das letztere, jede Familie hatte gern ihr S ch m e r z e n s- k i n d. so gut wie ihren begabten Jungen: nun hatte man il?n zu beidem erkoren... das war so pikant! Da er jedoch zu nüchtern war, sich auf die Dauer mit dieser Vertuschung beruhigen zu können, suchte er die Auf- fassung, die andere von ihm hatten, durch seine Arbeitskraft zu beeinflussen. Obwohl ihm alles, was Bücher und Studium hieß, von Grund aus zuwider geworden war, seitdem er sein Staatsexamen gemacht hatte, peitschte er sich dazu auf, weiter zu studieren: und mitten in der für ihn strengen Arbeit für die Doktorpromotion, für die er nur aufrichtige Verachtung übrig hatte, unterrichtete er vier Stunden täglich, um nicht hinter dem ärmsten Studenten zurückzustehen.-7 Er wollte seine Umgebung in den Glauben versetzen, daß er hinter seinem schwächlichen Aeußern eine eiserne Gesundheit verbarg. Dies war der iunerste Ursprung all seines Fleißes, in Wirklichkeit war alle Arbeit seinem kranken Körper zuwider — und war cS gewesen, seitdem er Kinft war. Es gelang ihm tatsächlich, seiner Umgebung— und durch sie sich selbst— Sand in die Augen zu streuen. Nur de?; Vater, den er am meisten liebte, bot nicht die Hand dazu, die falschen Illusionen zu nähren; und das erfüllte den Sohn mit einer Bitterkeit, die sich allmählich stark dem Haß näherte, Aber dann kam der Zusammenbruch. Er kam nicht tu der Form einer ungestümen Enthüllung, nicht einmal plötzlich. Jahr auf Jahr hatte sich Gering- siigiges zu Geringfügigem gehäuft: alle die Tatsachen, die er zu einem Nichts verleugnete, hatten sich aufgetürmt und einen unsichtbaren Berg gebildet. Und eines Tages, ganz unver- mittelt, während er unterrichtete, nahm es feste Form an und versperrte ihm den Weg als der massivste Koloß unum- gänglicher Wahrheit. Es war nicht einmal ein Stoß für ihn. Nur ein bitteres Lächeln durchzuckte ihn, und er ertappte sich beim Nachsinnen, welche Geringfügigkeit wohl belvirkt habe, daß das Ganze sich kristallisiere— bis er Zu dem Ergebnis gelangte, daß in Wirk- lichkeit. alles die ganze Zeit hindurch sichtbar gewesen war. Schwieriger war es also nicht, sein eigenes Todesurteil zu fällen. Und er hatte gekämpft wie ein Wahnsknniger. bloß um eine Lebenslüge zu retten! Er war nahe daran gewesen, seinen Vater zu hassen, bloß weil der die gleichgültige Lüge nicht mitlügen wollte!--- Aber ein Zusammenbruch war es trotzdem. Von dem Augenblick au. Ivo die Wahrheit ihm klar wurde, wich all sein Wille zum Leben. Der Unterricht hatte ihn stets ermüdet, nun vermochte er ihn nicht mehr fortzusetzen, Er konnte sich nicht bis zum Ende der Stunde aufrechthalten. sein Kopf wurde müde: es war ihm eine schmerzhafte lieber- Windung, den Mund zu öffnen und zu sprechen. Und die Gedanken! Er konnte das Erforderliche nicht denken, konnte überhaupt nicht im Zusammenhang denken.- Sein Denken tvor Verbitterung und Resignation, er bäumte sich zu galligem Protest aus und sank hin in unüberwindliche Lethargie. Und dann ärgerte er sich über weniger als ein Nick? st. ärgerte sich, daß er lau! und hysterisch vor der Klasse schrie und die Jungen lachten. Danach sank er zusammen und' rührte sich auch nicht, loeun die Schüler auf die Pulte sprangen. So schleppte er sich fast zwei Jahre laug weiter, dann lösten er und der Schnldirektor die Verbindung. Sein»Studium gab ex auf— nicht vorläufig, sondern fUc Ädtenff« SatSe 8mnakS Sai SsTieSfcffe flsufaKrlgeTäjen?. Setn inuffratieer SKumck bestand gewöhnlich in den Monatskupfern, die aiier in ihren Themen nicht mehr an den Krcislanf des Jahres imkiiüpsicn. sondern völlig freie Stoffe behandelten. TaS Wichtigsie für die künstlerische Blüte des deutschen Äalcnders hat Chodowiecki getan. Bor seinem Auftreten hielt sich die Ausstattung der Berliner Kalender in sehr bescheidenen Grenzen. Die Verfertigung und der Vertrieb der Kalender lag zwar bereits seit langem in den würdigsten Händen, denn cö war ein Privileg der Berliner Akademie der Wissenschaften, die cincn namhaften Teil ihrer Einkünfte aus diesem Handel bezog. Doch war nicht viel Geschmack bei den gelehrten Herren zn spüren, bis im Jahre 1770 die Ausführung dce Ronatskupfer für den gencalo- gischen Kalender Chodowiccki übertragen wurde, der dafür seine berühmten Illustrationen zu Lessings„Minna von Barnhclm" schuf. Jahraus, jahrein lieferte nun der Meister fast regelmäßig die prächtigsten Gaben seiner Kunst für diesen Kalender, der da- durch eine ganz neue Beliebtheit und große finanzielle Erfolge errang. Auch die Konkurrenzunternehmen des Berliner Kalenders wußten sich seine Mitarbeit zu sichern, und so hat er denn fleißig illustriert für den„Gothaischcn Hofkalender", den Göttinger Taschen- kalender und den in Lauenburg erscheinenden Großbritannischen Historisch- Genealogischen Kalender. Diese Tätigkeit Ehodotoieckis bedeutet einen Höhepunkt in der Kunstgeschichte des Kalenders, so- viel Schönes auch seitdem sonst dafür geschaffen worden. Die Strategie öer Ameisen. Man weiß, welch bewunderungswürdige Organisation daS Win- zige Völkchen der Ameisen sein eigen nennt, eine Organisation, die dem Ameisenstaat geradezu etwas von der bewußten geistigen Ueber- legenheit der menschlichen Gemeinschaft verleiht. Einen interessanten Beitrag hierzu vermochte der Koch eines großen Restaurants in Rom zu liefern. Er inachte wiederholt die Entdeckung, daß seine in der Speisekammer untergebrachten Pasteten ungeladenen Gästen zum Opfer gefallen waren. Schließlich fand er Heraue, daß die Räuber Ameisen waren, die zweimal täglich, um 7 Uhr trüb und um 4 Uhr nachmittags, auf Raub auszogen. Jede-mal kamen sie im langen, geschlossenen Zuge an, machten sich aber nur über die Pasteten her, die für sie augenscheinlich ein hervorragender Leckerbissen waren. Der Koch, den die Sache zu interessieren begann, zog nun rund um daS Pastelentablett einen Leimring und goß über diesen ganz dünnen Syrupteig. Dann verbarg er sich hinter einer Gardine und harrte des nächsten Ameisenraubzuges. Zehn Minuten vor vier Uhr kam die wohlgeordnete Kolonne auS einer Ecke der Speisekammer ainnarschiert. Eine größere Aineise marschierte an der Spitze den anderen voran wie ein General. Vor deni unerwarteten Hindernis blieben sie stehen, worauf unniittelbar augenscheinlich eine Art KriegSrat einberufen wurde. 11 Ameisen lösten sich hier und da aus dem langen Zuge und versammelten sich um den Anführer; diese 15 bildeten scheinbar den Generalstab. Nach kurzer Beratung marschierte jede von ihnen auf einen gewissen Punkt des Leimfeldes zu, das offenbar in ebenso viele Abteilungen von ihnen eingeteilt worden war. Jede der vierzehn Ameisen hatte eine Abteilung zur näheren Untersuchung angewiesen erhallen; aber keine dachte daran, von dem Shrup zu kosten. Sie machten vielmehr in ihrem Segment die am wenigsten beklebte Stelle ausfindig und blieben dort stehen. Hierauf unter- nahm der General eins Art Inspektionsreise rund uni den ganzen Leimring und suchte seinerseits nach der am wenigsten beklebten Stelle. Darauf wandte er sich zu den unbeweglich stehenden Mann- schatten der großen Kolonne und erteilte unvernehmbar, aber den Ameisen sicherlich genau verständlich, seine Befehle zur Ueberbrückung des Leimringes. Sofort setzte sich die ganze Kolonne wieder in Bewegung, ebenso wohlgeordnet, wie sie gekommen war. Die vierzehn Mitglieder des GeneralstabeS hatten ihre Plätze wieder eingenommen, und die ganze Schar verfügte sich bis zu einem Punkt an der Wand, wo einmal ein Nagel gesessen hatte, und wo der Kalk insolgedessen abgebröckelt war. Hier schwärmten sie aus- einander; jede Ameise eilte an die beschädigte Stelle und nahm ein kleines Stückchen von dem brüchigen Kalk. Dieses wurde an die Stelle des Leimfeldes, das von deni General als das schmälste er- klärt worden war. gebracht und auf die klebrige Masse gelegt. Da- bei dienten die ersten niedergelegten Bröckchen den folgenden Last- trägern als Brücke. Sie kletterten auf sie hinauf und warfen von der Brücke ihre Last so ab, bis schließlich der ganze Leimring an der schmälsten Stell« völlig überdeckt war. Nunmehr ordneten sie sich wieder in Marschkolonne und zogen ohne Aufenthalt über das Hindernis hinweg. Vier Stunden hatte die harte Arbeit erfordert. Nun winkle den fleißigen Arbeitern auch der Lohn. Sie stürzten sich auf die Pasteten und fraßen mit Herzenslust. Der Koch, der mit angespannter Aufmerksamkeit dem fleißigen Werk der winzigen Tierchen zugeschaut hatte, brachte eS, so erzählte er selbst, nicht über da? Herz, die intelligenten Pasteten- i Iraner; Abscheu packte ihn vor jedem Entschluß, der wie ein Versuch, die Wahrheit zu verschleiern, aussehen konnte. Er fühlte nur ein Bedürfnis: liegen, liegen— und sich vor aller Welt verbergen. Dann lag er beinah ein Vierteljahr lang Tag und Nacht zusammengekauert auf seinem Sofa und brütete vor sich hin; mit Willen hielt er sich den Tod vor Augen und zwang seine Gedanken zu ihm zurück, wenn sie sich auf Abwege begaben. Auch heute hatte er sein Leben vom allerersteil?lnbeginn an sich vorüberziehen lassen, so wie es ihm erzählt worden war: Wie er als kleines Kind geschrien hatte, geschrien, daß die Mutter es nicht aushielt, sondern ihn einem Kindermädchen überlassen mußte, das weder Tag noch Nacht Ruhe fand. Er konnte es sich vorstellen, wie diese fremden Menschen ihn behandelt hatten, die für geringen Lohn daS ertragen mußten, was seiner eigenen Mutter unerträglich war. Er sal, es deutlich, wie sie das kleine, schreiende Bündel aus der Wiege rissen, es schalten und schüttelten— vielleicht auch schlugen, bis das Kind vom Schreien blau im Gesicht wurde und Krämpfe bekam. Die Krampfansälle reichten bis in die Zeit hinein, wo seine eigene Erinnerung begann; es hieß, daß sie auf ein ungeschicktes Kindermädchen zurückzuführen seien. Und er wußte auch, daß die Kindermädchen ihm Branntwein gegeben hatten, um ihn zum Schweigen zu brin- gen. Er hatte das einmal als kleines Kind aufgeschnappt, als die Eltern sich seinetwegen zankten und der Vater es der Mutter vorwarf— und das war als etwas Drolliges in ihm haften geblieben. Später aber hotte er erfahren, daß der Branntwein ein allgemeines.Hausmittel beim niedrigsten Volke war. Dann folgte die Kindheit mit ihrem Siechtum und ihrer Freudlosigkeit' wie er selber sie im Gedächtnis hatte. Und das Aufwachsen in Einsamkeit. Gemieden von Kameraden wie von Lehrern auf Grund seiner Ungeselligkeit. wurde er nur noch eckiger und ungeselliger. Und dann kamen die Jahre. wo er sich abmühte und log, um sich die Angst und das hochmütige Mitleid der anderen vom Leibe zu halten. Niemals hatte ihm, soweit er zurückschauen konnte, ein großes, warmes Gefühl von den Menschen entgegengeleuchtet, nur Eigenliebe, Ungeduld und Mißvergnügen. Einige hatten ihre Nachsicht so lange bewahrt, während sie sich freundlich nickend aus seiner Nähe zurückzogen; andere ließen es sich nickt einmal angelegen sein, den Schein eines menschlichen Gefühls aufrechtzuerhalten, wandten ihm vielmehr kurz und bündig den Rücken. Selbst für seine Anverwandten war er Unvernunft und Plage.___ kForts. folgt.) «erantwortlicher Redakteur: Alfred«ielepp, Neukölln. Für de? räubu zu stören. Bon da ab verwahrte er freilich seine Pasteten an einem anderen fichererm Ort. Da in diesen Zeiten niemand weiß, ob er den 1. April noch er- leben wird, so baben wir es vorgezogen, diese Geschichte für alle Fälle schon am 1. Januar zu berichten. Kleines Theater. Ernste Schwanke. Einakterzpklus don Herbert Eulenbcrg. Im Fluge, leider allzusehr im Fluge hmgeworfen— dieser Eindruck, mit der man meist aus einer Eulenbergaufführung heimgeht, wiederholte sich bei diesen �chwänkeu. Nur daß, wenn er in seinen ernsten Dramen seiner Phantasie sorglos die Zügel schießen läßt, durch Sprünge spielerischer Willkür die angestrebte Wirkung ab- schwächt, von einer llebersülle. einem Gedräng im bunte» Hin und Her sich kreuzender Einfälle, hier nichts zu spüren ist. An Stelle der Einbildungskraft tritt an daS Fangballspiel der Reiuic als in- spirierendeS und kein Besinnen duldendes Moment. Man hat die Vorstellung, als höre man blitzschnell des AutorS Feder rascheln, die der am Faden deS Reimklangs sich abhaspelnden Wort- und Ideen- assoziation kaum noch zu folgen vermag. Indessen diese Flinkigkeit wird an ein Nichts gewendet, das so hilft über ein verdrießliches Gefühl unnützen Hingehaltenwerdens nicht hinweg. Auch Schwänke, zumal«ernste Schwanke", wollen in allen Einzelheiten abgewogen sein, lassen sich nicht nach Belieben aus dem Aermel schütteln. Da? erste Stückchen, das dem ironischen einleitenden Prologe folgte,.Die Welt will betrogen werden", vermochte durch satirische Beleuchtung der Bluffs, mit denen der moderne Kunsthandel auch staatlich approbierte Museumsdirektoren manchmal hinters Licht führt, am ehesten noch zu interessieren. Der gerissene Leiter eines großen Bildersalons, von Herrn Lugu Pick drastisch ergötzlich dargestellt, hängt seinen falschen Rembrandt, von dem kein Mensch mehr etwas wissen will, einem staatsvertretenden, groviläliswen Geheimrat an. Ein gaunerischer Kunstschriftsteller, de: iür Prozente zur Bezeugung jeder Art Begeisterung stets bereit ist, sekundiert dem Chef und er- teilt dazwischen dem jungen MalerSmann, der sich ob des Schwindels entrüstet, Anweisungen, wie man in der Karriere am besten reüssieren könne. Die Verspottung des Geheiinnnttelabergloubens, dieses so lukrative Ausbeutungsobjekls für dreiste Spekulanten, im zweiten Einakter bleibt in ermüdenden Wiederholungen stecken. Apotheker und Proviior in einem kleinen Städtchen haben einen greulichen Heiltrank gebraut, dessen geheimnisvoller Reklamenamo„Pansana- dum" die ganze leidende Menschbeit anlocken soll. Eulenberg begnügt sich, ein paar neugierige Kunden aufmarschieren zu lassen. Was der Idee nach eine Darstellung des Triumphzugs der Reklame hätte werden sollen, endet nach kümmerlichen Ansätzen mit einem moralischen Strafgericht, das der Doktor an den Schul- digen vollzieht. Doch de- und wehmütig kriecken sie zu Kreuz. Dem„rührenden Lustspiel", wie der Theaterzettel diese Komödie nennt, folgte als Schlußstück„Die Wunderkur", ein„lehrreicher Schwank", dessen Belebrsamteit nur eine Anhäufung peinlicher psychologischer Unmöglichkeiten ist. Ein Ehemann klagt dem als Arzt herbeigerufenen Jugendfreund, daß seine Frau nun dreizehn Jahre schon geläbmt im Rollstuhl liege, worauf der kluge Mediziner ihn zum Geständnis bringt, daß er just vor dreizehn Jahren von der Galtin auf einer Eheirrung ertappt sei. Der Doktor kombiniert nicht nur sofort, daß die ganze Krankheit eine Folge dieser Kränkung sei, er weiß auch, wie der Fall kuriert wird. Er redet der Verbitterten ganz einfach vor, ibr Gemahl, von Reu� gefoltert, habe seither Woche um Woche Messen für seine arme Seele lesen lassen. Das bringt die Dame als ein Liebeszeichen in solch freudige Erregung, daß sie nach einigen tastenden Versuchen sich erbeben kann und bei dem Klange einer Spieluhr erst an der Hand des Arztes, dann des hinzueilenden Gatten sich im Tanzschritte be- wegt. Fortan wird sie gesund und ihre Ede glücklich sein.— Das Publikum nahm alles mit freundlichem Applaus auf. dt. tNuflt. Ferrucio Busoni ist fraglos einer der eigenartigsten Künstler im Bereich aller„futuristischen" Musik. So zählt denn auch jedes seiner Konzerte zu den interessantesten Ereignissen im Berliner Kunstbetrieb. In diesem letzten mit dem Philharmonischen Orchester gegebenen präsentierte sich Busoni in dreifacher Art: als Orchester- dirigent, Klaviervirtuose und Komponist. WaS an ihm fesselt, ist seine starke Künstlerpersönlichkeit. Sie hat neues zu sage»— und sagt es, obgleich in Formen, die oft das ganze seit Jahrhunderlen gefestigte Tonsystem von Dur und Moll zerbreckien. Busoni ist nämlich als der Schöpfer, genauer gesagt, Rekonstrukteur einer neuen aus Moll und Dur gemischten Tonleiter mit zunächst fremdartig anmutenden Aklordfolgen anzusprechen. So ohne weiteres ist dies neue Klanggebret nicht verständlich. Das Ohr muß sich erst daran gewöhnen. Dieser neue klaugswöpferische Geist tat sich kund in der Auffassung und orchestralen oder klavieristischen Verarbeitung unserer Klassiker tMozart, Weber usw.) sowohl, als in Gebilden eigener Erfindung. Hier natürlich am eigenwilligsten und charukteristiichsten. In einem„elegischen Wiegen- lied für Klavier und Kammerorchester", das nicht ganz widerspruchslos hingenommen wurde, vernimmt man völlig futuristische Laute. Der si mnambule Zustand eines Traumscbläsers ist da mit seltsamer Eindrucksfähigkeit geschildert. Originell orientalisch erklingen Märsche und Tänze aus der Musik zu einem Märchen„Turandot". Die Totentanzvariationen über Franz LiSztS„Dies irae" sind entschieden von großartiger Kraft. Busoni hinterläßt eine große Gemeinde. Sie dürfte wachsen, wenn er aus Amerika wiederkehrt. et kleines Zeuilleton. Krieg auf Eröen. Bon Richard D e h m e I.*) Auf die mächtige Schützengrabenkette Vom Gebirge bis zum Meeresbette Legt der volle Mond sein friedhofftilles Licht. Keine Seele spricht; Und der Glanz de» Abendsternes spannt Heimatfrieden übers Feindesland. Die Geschütze schweigen. Plötzlich konimt ein zischender Feuerbogen Zwischen Stern und Mond durchs bleiche Dunkel geflogen: Granate nach Granate kracht. Der Gewehrlauf zuckt gradauS in taufenden Händen, Todesfunken ins Weltgrau zu entsenden; Ueber Kampsbefehle, jäh belebende, Schmettern die Geschütze ihre schwebende Sphärenmusik. Eine Weile prasselt'S, rollt, sprüht, saust; Blitz und Donner in der Menschenfaust, Herrlich spannt ihr über Tal und Hügel Eure gollentsprossenen Siegesflügel Himmelan. Wollt ihr so den irdischen Geist beschwingen, Sich zum ewigen Frieden Hochzuringen? Sprecht! euch fragt ein ruhig sterbender Mann. Die Geschütze schweigen. •) Nach einer Fülle lebensgefährlicher Kriegsgedichte hat Dehme! den Ton wiedergefunden, der ihm liegt. Der Aufenthalt im Schützen« graben scheint ihn beeinflußt zu haben. DaS Gedicht erschien in den Künstlerflugblättern.Kriegszeit"._ Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck«.Verlag: Borwärt» fiuß einem englischen Zelöbrief. Ein junger Offizier aus einem Dorkshire-Jnfanterieregiment schreibt vom 6. Dezember, wie die„Nordd. Allg. Ztg." mitteilt: Wenn einem ein Deutscher vor Augen kommt, wundert man sich, ob es denn wirklich einer von jeneir Teufeln ist, die solcke Ver- Wüstungen angerichtet haben. Denn das haben sie doch wohl getan. Es ist aber schwer zu glauben, denn er siebt gerade so auS wie andere Soldaten. Ich kann Ihnen versichern, daß von dem uu- sinnigen Haß, wovon man immer hört, nichts zu bemerken ist. Wir sind alle hier draußen, um zu töten, und das tun wir bei jeder Gelegenheit. So wurden in einer der letzten Nächte vier deutscbe Sckmepser(srüper nennen die Engländer von der Schnepfcnjagd her die einzelnen Swützens vor unserm Drahtverhau erschossen. Die nächste Nacht holten unsere Leute einen der Gefallenen, der ziemlich nahe lag, herein und be- gruben ihn. Und das taten sie mit derselben Ehrfurcht und Trauer. als wäre es einer von unseren lieben Kerlen gewe'en. Am anderen Morgen sah ick> mir das Grab an, und einer von den größten Ranh- bsinen meiner Konrvagnie hatte ein Kreuz zu Häupten des Grabes errichtet und darauf geschrieben: Elsrs lies a German. We don't know his name. He died bravely fighting For his Fatherland. Got mitt uns. (Hier liegt ein Deutscher. Wir wissen seinen Namen nicht. Er fiel tapfer kämpfend für sein Vaterland.) /tos Vorposten in Suöwestafrika. Unsere Truppen kämpfen jetzt in Winterkälte, in Schnee und Eis und Regen, allen Unbilden der Witterung ausgesetzt. Aber zu glercher Zeit stehen in einem andern Teile der Welt deutsche Soldaten im glühenden Sonnenbrand und unter allen Entbehruu- gen, die ein heißer Sommer den Kämpfend-ii bringt, den Feinden gegenüber. Dieser Weltkrieg bringt es mit sich, daß wir auch der ..Antipoden" gedenken müssen, wenn wir uns die ganze Ausdehnung der Kämpfe vor Augen halten. An solchen Vorpostendienst an der Grenze von Teutsch-Südwest erinnert der Brief eines englischen Soldaien, der in einem englischen Blatte veröffentlicht wird. „Ich will Euch eine ungefähre Vorstellung geben von dem, Iva- Vorpostendienst hier bedeutet. Unsere Komvaguie verläßt das Lager ftüh am Morgen, um die bis jetzt auf Vorposten befindliche Kompagnie abzulösen. Wir erklimmen die Hügel rund um das Lager und nehmen unsere Stellungen ein, so daß wir das weite, jetzt so friedliche Land überblicken können. Wie leicht kann der Feind im Augenblick auftauchen und uns den Tod bringen! M«n muß alle s sehen und darf selbst nicht gesehen werden. So liegen wir denn ganz flach in den Sand hingestreckt; kein freund- licher Baum gibt Schatten, kein überhängender Felsschutz, und erbarmungslos brennt die Sonne mit ihren glühenden Strahlen nieder. Um Mittag springt der Wind um und wird zum richtigen Sandsturm. Augen, Ohren, Mund, alles ist voll Sand. Man fürchtet, zu ersticken. So liegt man, das Auge auf die nächsten Sandhügel gerichtet, um zu spähen, ob nicht vielleicht hinter diesen Kopjes der Feind hervorkäme, und wenn man essen will, dann hüllt der Sand, der beständig über mich hinweht, jeden Bisten in eine trockene heiße Kruste, und man bringt nichts herunter. Des Nachts ist es kalt, bitter kalt, und der Wind stößt schonungslos durch die dünne„Armeedecke" und den dünnen Rock, so daß man bis inS innerste Mark erschauert, während die Glieder weh tun von dem Liegen in zusammengekrümmter Stellung. Da gibt es wenig Schlaf auf so einer windumwehten Äopje bei Nacht, das kann ich Euch versichern. Eine andere große Schwierigkeit ist der Mangel an Wasser. Waschen kann man sich überhaupt nicht, aber selbst zum Trinken hat man manchmal nicht genug, und der Durst peinigt sehr. Ein nicht minder hartes Stück Arbeit wie Vorpostenstehen ist daS Schanzen und Befestigen der Stellungen in der glühenden Hitze. Dabei sind wir immer in Gefahr, von den Deutschen über- rascht zu werden. In unserer Mußezeit suchen wir nach Diaman- ten. Es ist ein merkwürdiger Anblick, so ganze Gruppen von khaki- bekleideten Burschen mit sieben und Drahtnetzen hcrumlaiiicn zu sehen.., Lanöftroßen aus Seton. Bisher wurde Beton als unbrauchbar für den Bau von Land- straßen betrachtet, weil er hart fei und dadurch die Pferde zu sehr ermüde und sckiädige, und weil er ferner bei Regenwetter zu glatt, bei Sonnenschein zu blendend und sehr empfindlich gegen Tempe- raturswwankungen sei. Jetzt haben jahrelange, in Amerika beim Bau kleinerer Landstraßen gemachte Verluibe zu zuftiedenstellenden Ergebnissen gefübrt, so daß der Staat Michigan den Bau großer Landstraßen aus Beton beschlossen hat. Diese Straßen werden in einzelnen Abschnitten von je 7,5 Meter Länge gebaut und erhalten eine Betondecke, die je noch der Straßenbreite 10 bis 20 Zentimeter dick ist. DaS Betongemisch be- steht aus einem Teile Zement, 1,5 Teilen Sand und 3 Teilen KieS. Wie„Prometbeus" niitteilt, bildet sich auf ihnen weder Schlamm nocki Staub; sie find immer sauber und können von Automobilen und Pferdefahrzeugen benützt werden, ohne daß die schädigenden Wirkungen in höherem Maße als auf geschoiterten Straßen auftreten. Außerdem sind die Unterhaltungskosten iehr ge- ring; sie beliefen sich bei einer schon seit zwei Jahren im Gebrauch befindli-ben großen Landstraße aus jährlich nur 3 bis 5 Cent für den Geviertmeter Einzig und allein die Temperaturschivankungen erwiesen sich als schädlich und führten zu Brüchen in der Beton- decke. Doch bewährte e? sich, wenn man größere Spalten mit Asphalt ausgoß._ Notize«. — Vorträge. Die Verhütung und Bekämpfung der Seuchen im Kriege" wird Herr Ministerialdirektor Professor Dr. Kirchner, am Sonnabend, den 2. Januar, abends 8 Uhr, im Hauptsitzungssaale des Reichstags behandeln.— Vorträge am Institut für Meereskunde. Georgenstr. 84/33. Dienstag, den 5. Januar, Prof. Otto Hoetzsch-Berlin: Rußlands Drang zum Meere.— Freitag, den 3. Januar. Prof. A. Merz-Berlin: Die« d r i a und der Krieg.— Sonnabend, den 9. Januar, Physiker W. Pauck- Berlin: Funkentelegraphie im Land-, Luft- und Seekrieg. (Mit Experimenten.) — Ein Kriegskino im Reichstag. Die Leitung der „Ausstellung für Verwundeten- und Krankenfürsorge im Kriege" bat die Genehmigung erhalten, im Zusammenbang mit der Ausstellung Kinovorstellungen zu veranstalten. Sie finden jeden Nachmittag um 5. 6 und 7 Uhr statt. Die Besucher der Ausstellung haben zu dem .Kino' freien Zutritt. — Professor Gustav Roe th«, der alldeutsche Philologe, hat stch der Militärbehörde zur Verfügung gestellt und ein„Bahn- kommando" bekommen. �Worin die» besteht, sagt da?„Lit. Echo", dem wir die Meldung enmehmen, leider nicht. — Die„saubere Verwandtschaft". DaS„Liegnitzcr Tageblatt" erzählt, vor mehreren Wochen habe der Kaiser ein in der Nähe des östlichen Operationsgebietes liegendes Lazarett besucht. Dabei sei auch von den Engländern die Rede gewesen, nicht eben freundlich. Da erhob sich plötzlich ein biederer Bayer und rief aus: „Majestät, so isch'S! Sö ham a saubere Verwandtschaft I' Alle Anwesenden waren entsetzt über den drastischen Ausruf des naiven Bayern, aber der Kaiser lachte herzlich auf. schritt auf das Bett des Bayern zu. klopfte ihm auf die Schulter und nahm mit einem langen Händedruck von ihm Abschied._________ Zuchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Eo, Berlin SW#