r. 7.- 1915. Unterhaltungsblatt öes Vorwärts Souliabeud, 9. Januar. Gehts ham, gehts Kam, ihr Lumpenhund'! Putzt mir nicht mit Hammerschlag, Putzt mir nicht mit Sand! Mit Kreide, mit Kreide! Sonst kommt der Herr Sergeant! ssonst wird'S Gewehr zu schand!) �Preußischer Zapfenstreichs Aus dem Lärme der Dreschflegel. auS dem Klappern der Mühle, aus den ArbeitSgeräuichen der verschiedensten Handwerker hört die Phantafie deS Menswen allerlei Worte heraus. Um wie viel mehr mußle sie sich verlockt fühlen, dem Klange der Glocken, dem Hornruf deS Hirten oder den Trommel- und Trompetensignalen des Soldaten passende Textlein unterzulegen! Hierher gehören das bekannte„Putzt mir nicht mit Hammerschlag" oder das alt- preußische: „Zu Bett, zu Bett, die Trommel geht, Aus daß ihr morgen früh aufsteht Und nicht so lang im Bette leet!" Neuere Texte verspotten in derber Weise Napoleon und die Franzosen oder bringen die Freude über deutsche Erfolge zum Aus- druck, wie z. B.: „Die Preußen haben die Schlacht gewonnen, Sie werden bald nach Paris hinkommen, 'S ist wahr,'S ist wahr,'s ist wahr!' DaS Liebchen, von dem der Soldat sich trennen muß, wenn das Abendfignal ertönt, spielt begreiflicherweise in manchen Texten die Hauptrolle. Einem Münsterischen Zapfenstreich legte man sogar die Klage einer verlassenen Braut unier und ließ das VerSlein mit den Worten beginnen: „Ich Hab' einmal ein HauS gebaut Am Eck. Ich Hab' einmal ein' Schatz gehabt, Ist weg.. Mit einem Hausbau sängt auch ei» altes, wohl von den Kin- der» einst gesungenes Zapsenstrcichreimlein an, daS in drolliger Weife ein Unding behauptet und sogleich widerruft: „Der Kaiser hat ein HauS gebtzast Von Buttermilch und Sauerkraut, Es ist nicht wahr, wahr, wahrl* Ter oldenburgische Zapfenstreich wiederum sollte klingen wie: ,.'T is'n Slump(Zufall), 'T iS n Slump Dal'n Soldat in Himmel kumbt.' Der österreichische Zapfenstreich wird folgendermaßen erklärt: „Drei lederne Strumpf, Zwei und drei find fünf, Und wenn ich ein' verlier, Hab' ich doch noch vier." Die Kinder bevorzugen wohl auch die Variante: „Drei lederne Strümps, Zwei und drei sind fünf, Mein Vater hat ein Kartenspiel, Hat nichts als lauter Trumpf." Und wer kennt schließlich nicht das lustige: „GehtS ham, gehts ham, ihr Lumpenhund. Ihr sreßt dem Kaiser's Brot(vom Mund), Gehts ham, gehts ham, gehts ham!" Doch nun zu anderen Signalen! Ist die Nacht verstrichen, so Hort der Soldat den Weckruf des Hornisten erklingen.„Ihr habt ja nun genug geschlafen! Steht auf! Steht auf! Steht auf!" so tont es ihm ins Ohr, auf das er sich so gern noch einmal legen würde. Und zu Mittag wieder glaubt er aus dem Eßruf an die Unteroffiziere die Schmeichelei zu vernehmen: „Halunken, Halunken, Halunken zu Tisch!" Derb ausgelegt wird dann wieder daS Signal für die einzelnen Kompagnien. Der Reichtum an Militärfignalen offenbart sich natürlich auch bei Feldübungen. „Jetzt kommt die stolze Kavallerie, Was macht denn nun die Infanterie? Karree, Karree!" So blies man früher, wenn nach dem Erscheinen der Kavallerie ein Karree gebildet wurde. Und dem lebhaften Signal, das den Reiter zur Karriere anfeuerte, legte man die gut angepaßten Worte unter: „Schenkel an, Schenkel an! Laßt ihn laufen, was er kann!" Etwas anders freilich klang es, wenn früher eine geplante Fclddienstübung des schlechten WetlerS wegen„abgeblasen" wurde: „Et zeit»ich, et geit»ich, et geit den ganzen Dag nich! Wie könnt nich rut!" Recht interessant ist schließlich die„Trommelsprache", mit deren Deutung sich dos Volk von jeher gern befaßt hat. Zur Zeit einer mit Recht gefürchleten Soldateska hörte der arme Landmann aus dem Trommelschall nichts ande:es heraus als die spöttische Warnung: „Troimn, tromm, tromm, Hüt' dich, Bauer, ich komm. Ich bring' dir nichts, ich nomm. Ich stech' dir Küh und Kälber ab Und frag' dich nichts darom!" oder: „Rumpedde, Pumpedde. Pum! Hüt' dich, Bauer, ich kumm. Ich nehm' dir Küh und Kälber weg Und frag' dich nicht darum!" Auch verschiedene Trommelmärsche sind kulturhistorisch bemerkens- wert. Beim Spießrutenlauien— das man auch als das iogenannle „ehrliche Gassenlaufen" bezeichnete, weil diese«träfe den Soldaten nicht ehrlos machte, wie etwa das Gestäuptwerden durch Heulers- Hand— stand am Eingang der durch zwei Reibe» Soldaten ge- bildeten„Gasse" der Tambour: und während der Delinquent, nehmen wir an. ein Deserteur, von den Kameraden Birkenrulenhiebe oder, falls er ein Kavallerist war, Schläge mit Steigbügelriemen erhieli, wurde getrommelt, und diesem„Spießrutcmnarsch" legte man die cindringlichen Worte unter: „Warum bist du weggelaufen, Warum tust du das? Nun mußt du durch die Gassen laufen, Wie gefällt dir daS?" Ei» schweizerischer Trommelmarsch, der aus dem Ende des 18. Jahrhunderts stammt, sei ebenfalls noch erwähnt. Das 9a ira und die Assignaten der Franzosen sollen durch das Versche» ver- spottet werden, das man ihm untergelegt hat, und das lautet: „Seira(9a ira), seira. seirassa! Geld ist besser als Assigna, Aisigiia ist Lumpengeld, D' Patriot? ziehnd ins Feld. Ohne Strümps und ohne Schuh Kehren sie wieder der Heimat zu!" Das Völkerbabel in öen Schützengräben. Das Ringen auf dem flandrischen Kriegsschauplatz spielt sich noch immer in einein Gelände ab, auf dem das Geschiitzfeuer von beiden Seiten seit Wochen in allen Richtungen seine zerwühlende Arbeit geübt hat, so daß das ganze Gebiet ein echtes und rechtes Labyrinth geworden ist. Mit seinem unentwirrbaren Netz von Wegen und Stegen, die sich kreuzen und verschlingen, erinnert das Ganze, von fern gesehen, an cineii ungeheuren, unregelmäßig angelegten Brat- rosl. Ein Londoner Kriegskorrespondent im englischen Hauptquartier erfreut sich schon seit längerer Zeit der besonderen Auszeichnung, dieses Labyriiith nach seinem Gutdünken kreuz und quer diirchforsaien zu dürfen und als Äugenzeuge Dinge zu sehen und zu beschreiben, d'e die Mmderbegünstigten seine? Kollegen nur aus dem mehr oder weniger ergiebigen Schatz ihrer Phantasie heraus zu schildern vermögen. So gibt er auch jetzt wieder das nachfolgende Wirklichkeitsbild, das vor andern seinesgleichen den Vorzug persönlicher Anschaulichkeil besitzt. „Aus allen Seiten ist die Oberfläche der Erde mit Spreng- stücken der Granaten und Bomben durch furcht, ausgehöhlt und von Minen umgepflügt. Das Leben der Truppen auf�der einen und dcc anderen Seite ist, insbesondere dort, wo sich die Schützengräben ein- ander nähern, ein Leben, wie man es sich sonderbarer und aufregcndei: nicht vorstellen kann: es ist ein Leben, daS sich inmitten von Schlamm, Sumpf und Wasser abivickslt, und das einen jeden in jedem Augen-- blick mit Gefahr bedroht, daß der unterininierte Boden unter seinen Füßen ausfliegt. Die Biider, die man hier zu sehen bekommt, sind sicher die interessantesten uild sehenswürdigsten des ganzen Krieges., Dafür sorgt schon der Kontrast zwischen den verschiedenen Rassen-- typen, die da Schulter an Schulter kämpfen, und die eine buntscheckige Völkergalerie in Einzelbildeni darstellen, Bildern aller möglichen«oi- datengestalten, vom arabischen Wüstenreiter mit seinen flatternden blauen oder scharlachroten Gewändern bis zu dem Gebirgskrieger von der Westgrenze Indiens, lind der Rahmen, in den dieses Bild ge- stellt ist, lrägt mit seinen weiten Wasserflächen und armseligen Trum- mern von Ziegelhäusern nur dazu bei, den grotesken Zug des Bildes zu erhöhen. Zwischen die flatternden orientalischen Mäntel der algerischen Reiter mischt sich in grellen, Widerspruch die starre Wucht der blitzenden Harnische französischer Kürassiere, die aus einem Ge- mälde Mciffoiiicrs herauszurciten scheinen, und die dem Bilde einen Pinselstrich ritterlicher Romantik hinzufügen, die so ganz und gar nicht in die IlmweU hineinpassen will. Der blitzartig auftauchende Eindruck der Ritterromantik wird auch nur zu bald wieder durch die prosaische Nüchternheit eines Zuges von Kraftfahrzeugen verwischt, die mit ohrenbetäubendem Getöse die Straße entlang poltern. Ihnen zur Seite wälzt sich eine lange Reihe von Maultieren, die den Indern die Munition zuführen, und deren eingeborene Führer bis zu den Augen in Mäntel eiiigemuinmelt� sind. Ein Bataillon englischer Territorialtruppeu, das aus dem Schützengraben abgelöst wurde und ins Quartier zurückkehrt, zieht ins Dorf ein, und ihrem Vorbeizug schaut ein buntgemischter Haufe von Gurkhas, Sikhs und Balukhis zu. deren Schädel nach der Sitte der eingeborenen Inder in der kalten Jahreszeit mit den sonderbarsten Kopfbedeckungen umwickelt sind." Auch in den Schützengräben des iwrdfranzöjischen Kampfgebietes gibt es allerlei Seltsamkeiten. Hier hat Gustav Hellström, der Pariser Korrespondent von„Dagens Nyheter", geivcilt, und er weiß von dem Leben in den Schützengräben des Argonnenwaldes bezeichnende Ein- zelheiten zu erzählen. Da gab es— und vielleicht gibt es sie noch—< im Innern des Waldes zwei Laufgräben, einen deutschen und einen französischen, die nur ein paar Sprünge voneinander entfernt sind. In jedem der Gräben lag etwa ein Dutzend Soldaten. Tag und Nacht hatten die Feinde hier einander gegenüber gelegen, ohne sich auch nur ein einziges Mal zu Gesicht zu bekommen. Bei der geringen Eni- sernung den Kopf über den Grabcnrand zu stecken, wäre ein toll- kühnes Wagnis gewesen. Trotzdem war das Verlangen, einander ins Auge zu blicken, aus beiden Seiten gleich groß. Man hörte auf jeder «eile deutlich die verschiedenen Stimmen aus dem gegnerischen Grabe», und zwar infolge der großen Nähe so genau, daß mmi die einzelnen Mannschaften an ihrem Organ unierickieiden konnte. So hatten die Franzosen den Männern, die sie nie gesehen hatten, Namen gegeben: Dem Mann mit der Baßstimme, wie dem, der erkältet war, einem dritten, der gern die Wacht am Rhein sang, und so fort. Kleines Feuilleton. Die Gedenkfeier für Andreas vefalius. Tie tobende Kriegsivut hat in Europa lveuig Aufmerksamkeit für die Erinnerung an einen der Begründer der modernen Medizin übrig gelassen, dessen GeburtSlag in diesen Tagen zum 400. Male wiedergekehrt ist. DaS unglückliche Belgien und vor allem ieine Hauplstadt haben ihrem große»«ohn Andreas Vefalius ieine Jubelfeier rüsten können, nur die deutichen Aerzte in Brüssel haben seiner gedacht, und so ist der Niiiversitäl Leiden im neutralen Holland die Aufgabe zugefallen, den großen Revolutionär der Anatomie zu feiern. Eine Ausstellung und eine Reihe von Bor- rrägen, die Besalius in seinen Beziehungen zur Wisseiischafr und allgemeinen Kultur seines Zeitalters betrachteten, war dieser Aufgabe gewidmet worden. Vefalius' entscheidende Leistung war der Bruch mit der zum lyranniichen Dogma erstameir Lehre des Galen, die auf der medizinischen Wlssenschafl des Miitelalters lastete wie die des Aristoteles auf der Philosophie. seine revoluiionäre Tat war das Studium am menich» l ich en Körper. Als lljähriger Knabe einschloß sich Vefalius, die Analomie zu studieren, und neun Jahre später war er ihr bester Kenner unlcr seinen Zeirgenosien. Wie damals diese Wlsieiiichaft betrieben ivurde, geht daraus hervor, daß er selbst von einem seincr Lehrer erzählt, daß er ihn nie mit dein Messer i» der Hand ge- sehen habe, als beim Essen. Anatomische Unlersuchiinaeii wurden Ueberfluß. Voit Martin Andersen N c x ö. Karl Bander, der aus einem sehr nüchternen Heim stammte, wo der Alkohol nie eine Rolle gespielt hatte, hörte hier zum erstenmal den Namen einer Menge von Getränken, von deren Dasein er bisher keine Ahnung gehabt hatte. Der leidensebaftliche Wetteifer dieses Abstinenzlerwirtes belustigte ihn als� Phänomen der eigentümlichsten Art. „Zagen Sie mir: kann einer Ihrer Gäste ebensoviel wie ein Trinker zu sich nehmen?" fragte er tiefernst. „Nein, bei weitem nicht," erwiderte der Wirt schnell. „Den höchsten Rekord unter den Trinkern hat. soviel ich weiß, ein Maurergeselle in Kopenhagen aufgestellt, der dreißig Flaschen Bayrisch Bier in einer Tour trank— ein anderer soll es freilich sogar auf vierunddreißig gebracht haben, aber er starb daran, darum kann man ihn nach meiner Ansicht nicht mitrechnen. Das Höchste, was wir erreicht haben, sind siebzehn Malzbier, das hat im vorigen Sommer hier in der Schenkstubc ein Seemann fertiggebracht. In beiden Fällen handelte es sich um eine Wette: da kann man wohl annehmen, daß beide Teile ihr Bestes getan haben. Und selbst wenn man jetzt— wie ich— geneigt ist zu glmiben, daß der Maurer am meisten Uebung batte, so muß man es doch für feststehend erachten, daß der Atkohol die größten Chancen hat, in einer solchen Konkurrenz den Sieg davonzutragen." Karl schien aus t4esen Worten ein resignierter Seufzer hervorzuklingen. „Worin das eigentlich liegen mag?" fragte er. „Ja. weiß Gott, der Alkohol macht's! Aber wieso, das Hab ick nicht herausgefunden, obwohl ich mich redlich mit der Frage beschäftigt bflbe. lvitl>>hnen was sagen, ich Hab selber ein kleines Laboratorinm. Haben Sie vielleicht Lust, es sich anzusehen?" Doch Karl war müde und wenig aufgelegt dazu. Er hatte sich von diesem schnurrigen Patron mit fortreißen lassen und zum erstenmal seit langer Zeit vergessen, daß er krank war. Nim meldeten sich alle seine Schwächen mit vermehrter Stärke. Cr sagte, er möchte das lieber für einen anderen Tag zugute haben, niid bat, ihm sein Zimmer anzuweisen. »Tann haben wir das für einen anderen Tag zugute, sa," erwiderte der Wirt bereitwillig und begleitete Karl die Trepve hinauf. „Sehen Sie, im Parterre haben wir augenblicklich gerade nichts frei," sagte er und blieb mitten ans der Treppe stehen, mdeni er ans das Hans zeigte,„aber als Kopenhagener haben Sie wohl keine Angst vor dem Treppensteigen? Sie sollen unser bestes Zimmer im zweiten Stock bekommen: es ist so- eben ein Großkausmann ausgezogen— übrigens auch aus der Hauptstadt. Das war ein vornehmer Mann— ein Gentelmann— und Abstinenzler bis zur Nasenspitze: aber Frauen gegenüber war er ein bißchen schwach. Na, es kann ja nicht alles beisammen sein.— Er wohnt immer hier, lvenn er in unserer Stadt ist. der Sache wegen, und dann weil wir unsere Kopenhagener(Niste gut behandeln. Sie verleihen uns nämlich Ansehen hier am Ort." Sie gingen jetzt durch einen kleinen Gang mit Bretter- wänden zu beiden Seiten, von wo aus numerierte Türen in die verschiednen Zimmer führten. Ter Wirt öffnete die Tür zu einem Giebelzimmer, und Bauder sah sofort, daß das, was der Wirt so freigebig„zweiten stock" nannte, mit größerem Recht Dachgeschoß heißen konnte.„Man ist hier wohl nicht in Gefahr, n 0 ch höher wohnen zu müssen?" sagte er lächelnd. Der Wirt überhörte die Bemerkung und machte eine Handbewegung nach dem Zimmer hin:„Es ist noch nicht instand gesetzt nach der Abreise des Großkaufmanns, aber Sie machen gewiß sowieso einen kleinen Spaziergang, um sich die Stadt anzusehen,-ann kann das Mädchen das Zimmer in Ordnung bringen. Dann wird's hier gemütlich werden." Er schrapte mit der Hand den Kochraum des Ofens aus und steckte eine ganze Handvoll zerkauter Zigarrenstummel in die Tasche— wahrscheinlich war das die Hinterlassenschaft des vornehmen Großkaufmanns. Karl glaubte zuerst, daß der Wirt diese Handlung aus Reinlichkeitsrücksichten vornahm, doch dann iah er ihn noch zwei Stuinrnel aus dem Kohlen- kästen und einen aus dem Tpucknapf herausholen: sie wurden ordentlich abgeplistet und dann zu den übrigen in die Tasche gesteckt. „Sollen Chinesenkinder damit gerettet werden?" fragte Karl. „J bewahre. Aber ich will Ihnen etwas sagen, ich rauche ziemlich viel, ein bißchen Vergnügen muß man ja haben,— und auf die Dauer wird das kostspielig. Darum schneide ich dies Zeug hier dazwischen, das gibt dem Tabak zugleich Ge- schinack. Wenn Sie also ihre Stummel für mich., „Ich rauche nicht," unterbrach ihn Bauder mit einem Ausdruck des Ekels. „Niiiicht? Haben Sie die Aussicht gesehen? Der Blick über Bell und Sund ist großartig." Seine Hand zeigte nach dem Fenster. Bander tat der Kopf weh, so oft der andere sprach.„Ich möchte gern Ruhe haben," sagte er endlich.„Ich fühle mich nicht recht wohl." „O. entschuldigen Sie! Ja, Sie sehen allerdings schlecht aus, wie der Tod,— ohne was Böses damit sagen zu wollen. Wenn's sich jedoch um Weiber handelt, so sollten Sie ein wenig vorsichtig sein. Man hatte in seiner Jugend selber einmal eine Periode-- als es aber anfing, bergab zu gehen, da nahm man sich zusammen." „Und verlegte sich aufs Trinken?" fragte Karl boshaft. Er konnte es nicht vertragen, an sein schlechtes Aussehen er- innert zu werden. „Ja, und verlegte mich aufs---" Der Wirt hielt verwirrt rnne und betrachtete Karl mit gaffender Verwunde- rung.„Wer kann Ihnen denn erzählt haben... Ach, richtig, die hier Hab ich ganz vergessen." Dabei faßte er an seine rote Nase.„Wenn man so eine mitten im Gesicht hat, bleibt man immer, wer man ist. Sie sind vermutlich der Ansicht, ich hätte das eine Emblem abnehmen können, als ich mir das andere zulegte. Aber das ließ sich nicht machen, denn während der hier von Zeit zu Zeit gevntzt werden muß, damit er leuchtet,"— er zeigte ans seine» Abstinenzlerstern— „strahlt die Nase ganz von selber, obwohl sie in den letzten zehn Jahren nicht blank gerieben worden ist. Sie ist echt in der Farbe, aber es hat auch Geld genug gekostet, sie so anzu- streichen--- dreißigtausend und ein Familienglück!" „So teuer ist wohl kein königlicher Purpur gewesen," sagte Karl matt. „Nicht wahr?-- Das ist wenigstens ein Trost! Und glücklicherweise hindert sie die Leute, die mich kennen, nicht, mir Vertrauen zu erweisen. �-- Na, doch nun will ich Sie nicht mehr ermüden Sic entschuldigen wohl, aber nicht alle Tage findet man bei der Jugend ernste Interessen: die jungen Leute wollen sich lieber amüsieren und überlassen uns Alten die ernsten Dinge allein." In der Tür drehte der Wirt sich nochmals um:„9Idi richtig, wenn Sie einen Wunsch haben sollten, so seien Die bloß so gut, mit einem Stuhlbein auf den Fußboden zu klopfen." (Forts, folgt.) nm Schwsin getrieken, der Seklion de? menschlichen Körpers standen religiöse Vorurteile gegenüber.. So fand der Wissen-Z- dürft des jungen Forschers weder an der berühmten P a- r i s e r Universitär noch in L ö iv e n Befriedigimg. Hier aber er- öffnete er sick, selbst den Weg, indem er Sektionen auf eigene Hand ausführte.' Ein Jahr später� geht er nach Padua, wo er den Doktor' Ittel erwirbt und 1343 durch Herausgabe seines Hauptwerkes„Do humani corporis fabrioa" tüber den menschlichen Körper) seine Wissenschaft auf völlig neue Grundlagen stellt. Er bricht darin nrit dem Dogmatismus und der Tradition und siebt mit seinen eigenen Augen. Was das bedeutete, gebt z. B. daraus hervor, daß er bei einer Sektion mehr als 200 Irrtümer des Galenus nachweisen kann. Nach den Werken der griechisch-römischen Zivilisation ist das Werk des Vesalius die erste vollständige Beschreibung deS Baues des menschlichen Körpers und die gange spätere Anatomie ist ans dieser Grundlage errichtet. Wohl zeigt er sich in manchen Punkten noch von der ileberlieferung be- fangen. Er drang nicht bis zur Tätigkeit der Organe vor, in der Physiologie stisttc er noch ans der galenischen Wissenschaft, und im besonderen ist die große Frage des BlutumlaufS ihm noch ein Rätsel geblieben und erst'70 Jahre später von H a r v e y geklärt ivorden. -- Nach seinem frühen Tode wurde sein Werk stark angegriffen, ver- lästert und fast vergeffen, bis eZ in der aufblühenden Schule von Leiden, bei Pauer, Albinus, Boerhave wieder zu Ehren kam. So hat dicie Hochschule das Anrecht, diesem mächtigen Geist, von dein Albrccht v. Hallcr geiagt hat, daß sein Werk alles Frühere überflüssig gemacht habe, den Ehrcngrnß zu bringen. Lonüon ohne Katzen. Trotz dein Kriege und seinen Sorgen zerbricht man sich in London heute angelegeinlsch den Kopf darüber, wohin die vielen Katzen gekominen sind, die früher die Stadt belebten. Eine Katze zu treffen, ist in London heute tatsächlich eine Seltenheit geworden, und die Schuld au ihrem Verschwinden trägt der gesteigerte Bedarf an Pelzwerk, für dessen Imitation das Katzenfell den besten Grund- sioff liefert. Infolge dieses gesteigerten Begehrs ist die Katzenjagd für viele Leute ein gewinnbringendes Geschäft geworden. Die Wild- diebe durcheilen die Straßen Londons zumeist mit einem als Lock- mittel dienenden Stück Lunge in der Hand, das besser als jeder andere Köder die Katzen anlockt. Die Tiere werden dann mir ge- schickte, ii Griff gepackt und in den mitgefühlten Sack gesteckt. Wie stark die Preise' der Katzenfelle gestiegen sind, beweist der Umstand. daß das Fell der persischen Katze eine Preiserhöhung von 8 auf 12 Schilling, das Fell von schneeweißen Katzen von zwei auf drei Schilling und das der gewöhnlichen Hauskatze von l'/z auf 2>/-> Schilling erfahren hat._ Englisch-öeutjche Veihnachtsunterhaltung. Ein Herr Achilles aus London hat einen Brief von seinem in Flandern stehenden Bruder erhallen, der von, 27. Dezember datiert ist und folgende idyllische Schilderung einer Weihnachtsgesellschaft zwischen deii englischen und deutschen Schützengräben gibt:„Schon am Vorabend beschäftigten sich die Dculsche» mit den Vorbereitungen für die Feier des Weihnachtsfestes und riefen uns zu, bis zum Neu- jahrstage das Jeuer einzustellen. Am Morgen des WeihnachtStages lag' dichter Nebel über der Landschaft und alles war totenstill. Wir stiegen aus dem Schützengraben heraus, liefen hin und her. um uns warin zu machen und spielten schließlich eine Partie Fußball. Als lvir des Spieles überdrüssig waren, überschritten wir unsere Linien und gingen aus die deutschen Gräben zu. Kam« Halle sich der Nebel aufgehellt, so sahen wir. daß die Deutschen das gleich- getan hatten. Bald waren etwa fünf bei uns und begannen eine Nnterhallung. Fast alle sprachen ge- läufig englisch. Nach dem Frühstück verließen unsere Soldaten wieder den Schützengraben, und auch die Deutschen waren in großer Zahl herausgekommen. So war denn bal&_ eine große Gesellschaff zusammen, die untereinander Zigaretten, Süßigkeiten und allerlei andere Dinge austauschte. Dann machten einige deutsche Offiziere photographiichs Ausnahmen von uns, die wir uns malerisch aus dem Rande des Grabens gruppiert hatten. Ich hätte am gestrigen Tage nicht mit dem reichsten Londoner und seinem leckersten Weihnachts- essen tauschen wollen." der polnische«Sraf. man eine rührende Geschichte Es wird beschrieben, wie er Im„Berliner Tageblait" liest vom„polnischen Grasen v. Dukla". aus Rußland flüchtete: „Nach G a l i z i e n reiste er. nach Dukla rettete er sich, dort hat er sein altes Schloß, das einst der aus Schlesien vertriebene ! König Johann Kasimir, der Jagellone, bewohnte, der j Rest der polnischen Ritter versammelte sich damals um den be- : drängten König. Jetzt erlebte der greffe alte Gras ähnliches. 25, e | der Kriegsberichterstatter des„Berliner Tageblatts", Adelt, gestern beiichicte, ist Dukla von den Russen genommen, sein historisches Schloß wahrscheinlich geplündert. Rur die Gemäldegalerie wurde geretlett. Sie soll berühmt sein. Ich habe fic nie gesehen, loeiß aber nur, daß jeder polnische Gras eine„berühmte" Gemälde- sammlung besitzt, die bei näherer Untersuchung gewöhnlich ans ba- rocken, Zeuge aus der E a r a c c i s ch u l e besteht. Der alte Gras stammt aus einem Geschlecht, das berühmte Jesuiten in der Familie hatte, einer davon ist als Märtyrer seiner Btission in Japan er- drosselt worden. Das Schicksal eines polnischen Märtyrers wird auch diesem Grasen v. Dnkla zuteil." Was doch der Verfasser der Schilderung nicht alles weiß. Ivie vertraut er doch mit der Geschichte polnischer Grafengeschlechter ist! Es reizt einen, nachzuprüfen. Zunächst Johann Kasimir. Er lveilic in der Tat in Dukla im Jahre 1650. Nur war er erstens kein„Jagellone", sondern der Sohn Sigismunds III. aus dem schwedischen Hause der W a s a: zweitens war er nicht aus Schlesien vertrieben, sondern hatte im Gegenteil dort Zuflucht gesucht, als sein Rwale Karl Gustav von Schweden in Polen eindrang; drittens haben sich nicht die„polnischen Ritter" ses war um die Mitte des 17. Jahr- Hunderts auch tu Polen mit der„Ritterschaft" vorbei) in Dukla um den„bedrängten König versammelt", sondern er wartete am Dukla- paffe aus 12 000 Mann österreichischer Hilfstruppen und warb wallachische und ungarische Hajduken und Panduren. Interessant mag in den gegenwärtigen Zeitläuften sein, daß noch ein anderes gekröntes Haupt im Schloß von Dukla weilte: Zar Nikolaus I. Er musterte hier seine Armee, die 1849 unter Paschkjewitsch über den Duklapaß zog. um die ungarische Freiheils- belvegung im Blute zu ersticken und den Thron der Habsburger zu retten.... Nun zum„ Grafen v. Dukla." Den gibt es leider nicht! Stadt und Schloß Dukla gehörten im Laufe der Zeit verschiedenen polnischen Magnatengeschlechtern. Seit Ende des 18. Jahrhunderts ist das Schloß im Besitze der Familie Meacinski(sprich MeNlschinjSki). In dieser gab cS allerdings einen jesuitischen Missionar, der 1003 in Japan getötet wurde. Die Gemäldegalerie:„Bei näherer Untersuchung" besitzt sie ein Bild von Rubens„Minerva in der Schmiede Vulkans", j aus dem Nachlaß des Königs Stanislaus August, ferner Bilder von 'Wouwerman, P o u s s i n, Claude L o r r a i n, Ange- lika Kauf mann und anderen. Woher hat der Mann des„Berliner Tageblatt" seine Weisheit über den„Grafen v. Dukla"? Er erzählt, daß der alte Herr mit einem Kammerdiener reiste.... Aha! Schaumkautschut. Die Herstellung eines äußerst merkwürdigen, wegen seiner die!« fachen Verwendbarkeit �vielversprechenden Stoffes ist der Technik jüngst gelungen. Ter„Schaumkautschuk", über den der„Prometheus" I Mitteilungen macht, ist ein physikalisches Gemisch von Kautschuk und Stickstoff, das unter dem Mikroskop aussieht, wie ein Schwamm. Die Herstellung geschieht auf folgende Weise: Bei gewöhnlichem Drucke löst sich zwar kein Stickstoff im Kaul- schul auf; preßt man aber Stickstoff unter dein gewaltigen Drucke von 4000 Atmosphären in die noch klebrige Kautschuk- masse vor dem Vulkanisieren, so wird eine Menge Gas auf- genommen. Bringt nian nach dem Vulkanisieren das Erzeugnis wieder unter gewöhnlichen Druck, so bläht es sich um das Fünffache auf. denn der Stickstoff trennt sich nun wieder vom Kautschuk, indeij, er unendlich viele, mikroskoplsche kleine Einschlüsse bildet. Der Schaumkautschuk hat wertvolle Eigenschaften, er ist geschmeidig und elastisch, vereinigt also die Eigenschaften von Gas und Kautschuk. Man kann den Lufthohlraum von Pneumatiks mit Schaum- kaulschuk füllen und ba: dann eine Bereifung, die be, Ver- letzungen nicht zusammenklappt. Schaumkautschuk ist ferner außer- ordentlich leicht: je nach der Stickftoffmenge schwank: da? spezifische Gewicht zwischen 0,017 und 0,4. SÄaumkautschuk kam, daher zu Bojen. Rettungsgürteln und anderen Schwimmwerkzeuge!, dienen: seine Leichtigkeit und seine Elastizität machen ihn auch zur Füllung von Kiffen, Polstern und Matratzen geeignet. Schließlich hat Schaumkautschuk auch eine geringe Wärmeleitfähigkeit, die nur die Hälfte von der des gepreßten Korkes beträgt."Dies kommt hauptsächlich für niedere Temperaturen in Frage: man kann Flüssig- keit durch Schaumkautschuk genau so gut gegen Temperatur- Veränderungen schützen, wie durch doppelwandige Flaschen mit luft- leerem Raum. Notizen. — TheaterÄronik. Trianon-Thoater. Die Zensur- schwierigkeiten in dem Schwank„Das LrebeSnest" von Robert Reiner,, welche eine fünftägige polizeiliche Schließung deS Trianon- TheaterS veranlaßt haben, sind behoben. Von heule Sonnabend ab geht das Stück in der alten Besetzung wieder in Szene. Die für die letzten Tage gelösten Einlaßkarten können au der Theaterkasse umgetauscht werden. — Leon Bonne ff gefallen. Der Schriftsteller Leon Bonncff. der dem RedaktionSsiab der„Huntmute" angehörte, ist au einer bei Toul empfangenen Wunde gestorben. Er war mit seine»: jüngeren Bruder Maurice in früher Jugend aus Rußland nach Frankreich gekommen. Mit eisernem gleiße arbeitete sich das Brüder- paar empor. Eine Sammlung eigenartiger sozialer Schilderungen. die unter dem etwas melodramaiischen Titel:„Das tragische Leben der Arbeiter" erschien, erregte Auffehen und erlebte rasch mehrere Aufhagen. Weitere Studien wurden unter dem Titel „Die mörderischen Gewerbe" zusammengefaßt, unter dem Titel„Die Arbeiterklasse" folgte eine Sammlung von Monographien. Die Bonneffschen Darstellungen vereinigen ivisien- schaflliche Genauigkeit mit tiefe», Gefühl, lebhafw», Ausdruck und lebendiger Anschauung. Maurice war wohl die künstlerische Natur. Er ist vor einigen Monaten mit einem Rom aus der Pariser Proletarierwelt,„Didier, der Mann aus dem Volke", hervorgetreten. Sonst veröffentlichten die Brüder ihre in intimem Zusammen- wirken geschaffenen Arbeiten unter dem gen, einsamen Autornamen L. M. Bonneff. — Vorträge. Mittwoch, den 13. Januar, wird Pros. Dr. Hans Delbrück in der Urania sprechen über„Werden und Wachsen des deutschen Volkstums". Am Montag, den 11., hält Dr. Franz Zweybrück aus Wien im Hörsaal einen einmaligen Vor- trag über„Die Entstehung deS deutsch-österreichischen Bündnisses". Stsllwerck.Gold" Schokolaöe Dakeln- Caf clcbea-platt eben Kakao-pulver 12S 250 500©r.-pabetc OQlc kelten zuvor, wurde der große Nähr- und Kraftigungs- wert von Kahao und Schoholade von unseren Cruppcn im feldc anerkannt! Deutsches Erzeugnis! . � ist der schönste Ausflugsort? 0 � Immer noch Pichetswerder, �Heerftrotze" beim Alten Freund. Garmen Sylva- Cigareiten Trnstfrei!"WC! üm zu bedeutend ermäßigten Preisen. Nur kurza Zeit."VS Kostüme...................... m. 61° Ulster....................... von«. 4 an Frauen-Mantel schwarz u. tarbij. von M. 9 an Plüsch- o. Astrachan-Mäntel von«. 27a? Linsen unä Loche....... von«. lU Kinder-Mäntel u.-Kleider«. Oskor Miiirs 58 iL 57 BrunnenstroSe 56 11. 57 Beachten Sie meine 7 erstklassig dekorierten Schaufenster. Kleiderstoffe 4) ndurdi! mit extro isilligen Preisen KOoL zum Teil bis /O unter den bisherigen Verkaufspreisen, trotz Preiserhöhungen aller Waren, während unseres InvenMsverkoufs beginnend am Montag, 11. Januar f Beachten lie untere fchaufenifrj ■& w> Reinickendorfer Str. 9-10, an der Markthalle Wedding iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiüiuiiiiiiiiuiiiiiiüiiiiiiiitii Konfektion w S 1 s G ? s o 3 n 15 M. 0 Lerantwortlicher Redakteur: Alfred Wiclcpp, Neukölln. Für deii Inseratenteil vercmtto.: TH.Glocke, Berlin, Druck u.Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co, Berlin SW.