Nr. 8.— 1915. Unterhaltungsblatt öes vorwärts Smwkt, 10. Innuar. St. Mihie! im Kriegsfthrecken. Armand Feheri, der Kriegsberichterstatter der„Neuen Freien Presse" im Westen, schreibt: (Stoßes Hauptquartier, 29. Dezember. Die unrnhige Nacht war vorüber; es kamen und gingen die sich ablösenden Bataillone. Tie sterbende Stadt richtete sich auf; die Einwohner, alt und jung, ziehen nach der Feldküche, um sich dort rbr Frühstück zu holen. Die ganze Bevölkerung wird von den Deutschen ernährt. Frühmorgens, mittags und abends kommen sie niil ihren Gefäßen; diejenigen, die noch über einen Haushalt verfügen, bekommen Lebensmittel, uw sich ibr Essen selbst zuzu- bereiten. Der aber keine dauernde Heimstätte mehr besitzt, der bringt ein Töpfchen mit, um sein Essen, fertiggekocht an der Feld- küche in Empfang zu nehmen. Tie tägliche Verpflegung besteht auS: Dörgens schwarzem Kaffee mit ein loeuig Milch, ein Brötchen dazu; mittags Suppe oder Gemüse niit Fleisch; abends wiederum schwarzer Kaffee mit Milch. Es wird nicht gefragt, ob jemand wirklich bedürftig ist oder nicht: wer sich selbst meldet, dem ivird gegeben. Und ich�kann es mit rtchigem Getvissen behaupten, daß der französische stadteinwohncr nicht weniger bekommt als der deutsche Krieger. Ein kleiner Rundgang durch die Stadt belehrt mich, was die Franzosen hier alles angerichtet haben. St. Mthicl ist eine alte französische Militärstadt, eine der größten unbefestigten Garni- fönen an der französischen Ostgrenze. Es lagen hier und im gegen- über befindlichen Chauvencourt bis fünf Regiurenter Infanterie, Jäger und Artillerie, beide Orte sind mit Kasernen vollgestopft. Nur die militärischen Gebäude sind modern, alles andere sind alte Häuser, welche in ihrer Bauart vielfach italienischen, schon ganz südlichen Charakter aufweisen. Enge, ungcrcgelle Gassen, schmale Hilussranten, die Gebäude mit Jnnenhöfen ausgestattet, auf welche die Fenster hinauslausen. Tie Häuser iind innen manch- tnal �mit Säulengängen ausgestattet, bei den besseren in der Mitte ein Springbrunnen. Fast alle Häuser sind aus Naturstein gebaut, man sieht fast keine aus Ziegeln. Eisen hat beinahe nirgends zum Hausbau Verwendung gefunden. Man kann diese Studien über Innenarchitektur sehr bequem machen, da eine große Anzahl der Häuser durch die französischen Granaten zerschossen ist und man von außen in sie hineinsehen kann. Ein wüster Anblick. Turcb die geborstenen Decken sind die Möbel der obersten Stockwerke heruntergestürzt und bilden nun ein wirres Durcheinander, viel- fach halb verbrannt oder angekohlt. Wertvolle Möbelstücke liegen vermengt mit billigem Kram, teure Vorhänge zwischen gewöhn- lichen Küchengardinen. Alles, was eine Familie jahrzehntelang gefummelt und bersanluiengehalten hat, was sie von ihren Bor- fahr«l ererbt bat, liegt hier vernichtet unter Trümmern. In diesen Ruinen liegt ein großer Teil des französischen Nationalvermögens, da gerade Frankreichs beste und zahlungsfähigste Klasse die große Masse der kleinen Eigentümer bildet, die außer ihrem Besitztum und dessen Ausstattung gerade so viel Vermögen ihr eigen nennen, daß sie bescheiden davon leben und etwaige Ueberschüsse des Jahres- cinkommens in Staatspapieren anlegen tonnen. Waren schon in den Jahren vor dem Kriege die Bedingungen für die Gründung eines eigenen Haushaltes und Eheschließung für die Franzosen nicht besonders günstig, was ja auch zu einer allmählichen?lb- nähme der Bevölkerung geführt hat, so bot der vorhandene Fa- milienhauSbesitz mit seiner ererbreu Einrichtung eine gewisse sichere Unterlage für einen solchen Schritt. Wie aber werden sich diese Verhältnisse in der Zukunft gestalten, wo der größte Teil des Ertrages mühevoller Arbeit und Ersparnisse ganzer Generationen durck den�Krieg verloren gegangen sind? Die Stadt Mihiel, die heute im Sterben liegt, war vor dem Kriege eine lustige Militärnadt. Sie besaß einen Theatersaal, eine "Anzahl Tingel-Tangel nnd Kaffeehäuser, elegantere Lokale, wo die Offiziere und rhve Familien verkehrten. Ter Brückenstadtteil war der vornehmste. In ihm befanden sich die besseren Häuser, am Brückenplatz das Offizierskasino, ein schönes einstöckiges Ge- bäudc. Vor dem Kasino, am Brückeneingang, ein Denkmal für die im Ieldzug 1879 gefallenen Franzosen. Ein marmorner Sockel, darauf eine Figur, die einen sterbenden französischen Soldaten dar- stellt. Das französische Offizierskasino ist jetzt durch französische Granaten vernichtet, der ganze Brückenstadtteil zerschossen und der trübe Blick des sterbenden französischen Soldaten kann auch diesem Bilde der Verwüstung gelten. Ick möchte noch einiges über das Seelenleben dieser Bcvölle- rung berichten, die seit drei Monaten unter Granaten und«vchrap- nells lebt. Die Zahl der dortgebliebcncn Einwohner hat sich zu- nächst verringert, da gar mancher von ihnen durch die einstürzen- den Mauern seines Hauses begraben wurde. Aber auch die Todes- fälle natürlicher Art haben sich vermehrt. Vor allem konnten alte Leute und Kinder nicht die erschwerten Lebens- und Nahrungs- bedingungen ertragen, wie sie der Krieg mit sich brachte. Es kam hier zu Depressionen seelischer Natur, die durch das dauernde Angstgefühl, von der nächsten einschlagenden Granate getroffen zu werden, hervorgerufen wurden. So sah ich in den drei Tagen, die ich in der Stadt zubrachte, ausfallend viel irrsinnig gewordene alte Leute und blöde Kinder. Auch die Lebensgewohnheiten der Men- scheu haben sich geändert. So geben sie nicht mehr mitten aus der «traße, sondern schleichen aii� den Häusern entlang, um dort einigermaßen Schutz vor dem Schrapnellfeuer zu haben oder beim Näherkommen einer Granate schnell in den Keller des nächsten Hauses schlüpfen zu können. Auch ihr Nervensystem ist vollkommen zerrüttet, und das Fallen eines«teinchens genügt, um sie zu der- anlassen, sich zu bücken, als wollten sie einem Geschoß ausweichen. Tie spielenden Kinder sind von der Straße verschivunden. Im Ansang liefen sie ohne Bewußtsein der Gefahren, die sie umgaben, luitig aus der Srraße umher. Viele Kinder hat der Tod in Geiialt eines Schrapnells beim Spiel vor den Augen ihrer eigenen Väter und Brüder hinwcggerasft. Nun haben die Deutschen die Ocfsnung der Schulen angeordnet, um die Kinder zu verhindern, auf den Gassen herumzulaufen. Das wirtschaftliche Leben hat ganz ausgehört und ist einem dumpfen Dahindämmern gewichen. Niemand arbeitet, es ist kein Handel, keine Industrie, keine Landwirtschaft. Niemand denkt an den gestrigen Tag und an den morgigen, nur die Sorge um das Heute und das kümmerliche bißchen Leben hält alle gefangen. Ter Tag erscheint ihnen ohne Ende, er hat keinen Zweck für sie, keiner weiß, was er mit seiner Zeit anfangen soll, ohne Ziel vegetieren sie in absoluicr Stumpfheit dahin wie einer, der in dieser Welt nichts ausznrichtcn hat. kleines Iem'lleton. vZe„Pest" und„Grsps Schotten". Gerechtigkeit gegen den Feind ist eine der Forderungen, die feit Beginn des Krieges in der proletarischen Presse ihren stärksten Ausdruck gefunden haben. Gerechtigkeit auch gegen die Sprache des Feindes, will sagen: richtige, sinngemäße Wiedergabe feindlicher Auslassungen ist eilte selbstverständliche Erweiterung obigen Ge- botes. Aber nicht selten wird dagegen gefehlt. Mangelhafte Kennt- ms der Sprache und der Einrichtungen des feindlichen Auslandes nicht weniger als die begreifliche Eile, mit der behufs schneller Berichterstattung die Aeuherungen feindlicher oder irentraler Organe übertragen werden, trägt die Schuld an den mancherlei Irrtümern, welche gerade jetzt aus dem in Rede stehenden Gebiet begegnen und wohl geeignet sind, falsche Auffassungen und Urteile bei den Lesern herbeizuführen. Zwei Beispiele mögen genügen. Die empfindlichen Verluste, welche der englischen Flotte durch unsere Unterseeboote bereitet wurden, vercmlaßten die englische Presse, sich mit der Frage zu beschäftigen, wie man der drohenden Gefahr entgegentreten könne. Dabei wurden unsere Untersee- boote— nach der Wiedergabe des Zeitungsartiikels durch die deutsche Presse— als„diese Pest" bezeichnet, einen Ausdruck, der keines- weg» charakteristisch ist und andererseits geradezu läppisch und heuchlerisch erscheint, da doch auch England über eine erhebliche Anzahl von Unterseebooten verfügt und sie auch gebraucht. Ohne Zweifel lautete der englische Ausdruck titele pes» in der M e b r- zahl, nicht pe-t in der Ein zahl, und bedeutet in diesem Zu- sammenhang sowohl wie im gewöhnlichen Sprachgebrauch„Dinge, welche schädlich oder zerstörend wirken"(anything destruetive), war also etwa durch„Zerstorungsmittel", aber nicht durch das sinnlose„diese Pest" wiederzugeben. Tie Seuche selbst wird auch häusiger mit plague als mit pest bezeichnet. Konnte in diesem Falle Eile und das Uebersehen der winzigen Mehrzahlendung„s" in etwas den Irrtum entschuldigen, so er- scheint die Sachlage bei dem nächsten Beispiel weit bedenklicher.— Nach Berichten der deutschen Presse war an den Kämpfen im Westen beteiligt„das schottische Regiment des Ministers Grey". Tie englische Quelle erwähnte the_Scots Greys,„!>:e schottischen Grauen". Ter Uebersetzcr hatte offenbar niemals er- fahren, daß dies die volkstümliche Bezeichnung eines ursprünglich uordbritischcn Dragonerrcgiments ist, welche» diese Benennung dem Umstände verdankt, daß ihm für hervorragende Leistungen in Flandern von seinem König Wilhelm tll.(1689— 1702) Apfelschimmel(grey horses) als Auszeichnung verliehen ivorden waren. Ter Uebersetzer hat sich demnach nicht gescheut, dem Wortlaut Ge- ivalt anzutun; denn da für ihn Keot� Greys keinen Sinn ergab, hat er einfach die Wortstellung geändert und ist so zu Greys Scols, d. i.„Greys Schotten" gelangt, auf diese Weise dem da- durch sicherlich nicht wenig überraschten englischen Minister ein Leibregiinent verleihend. Uebrigens haben die Apselschimmelreiter, wie damals unirr Wilhelm III., auch im spanischen Erbfolgekrieg(1792—>.713) und später bei Waterloo sich ganz besonders ausgezeichnet im Kampfe gegen ihre derzeitigen Waffenbrüder, die Franzosen— und nicht minder im Ärimkrieg bei Balaclawa gegen ihre östlichen Ver- kündeten, die Russen, welch letzteres sie aber nickt gehindert bat, späterhin ein Väterchen Zar zu ihrem Ehrenoberstcn(Honorary Colonelj zu ernennen. Es braucht nicht gesagt zu werden, daß auch in Friedenszciien Mißgriffe und Mißverständnisse der geschilderten Art nicht allzu selten sich nachweisen lassen und daß in Krieg und Frieden im Ausland ebenso sehr gesündigt wird toic im Inland. Die finntänöischen Regimenter. Die Kriegsberichte vom östlichen Kriegsschauplatz erwähnen auch finnländische Regimenter, die auf russischer Seite gegen Deutschland kämpfen. Hierdurch könnte die Meinung entstehen, daß an dein Kriege gegen Teutschland auch die Finuländer teilnehmen, was aber durchaus nicht den Tatsachen entspricht. Diese finnländischen Ne- gimenter. die sich noch 1878 im russtsch-türkiscken Kriege, ganz besonders vor Plewna, so hervorragend als beste Schützen Rußlands durch Mut und Ausdauer auszeichneten und die damals tatsächlich aus Finnländern bestanden, enthalten, wie den„Münch. N. Nachr." geschrieben wird, schon seit längerer Zeit gar keine Finnländer mehr. Sie haben somit nur ihren alten Namen behalten; sie stehen sonst mit Finnland in gar keiner Verbindung mehr. Die Finnländer wollten auch 1878 am russisch-tiirkischen Krieg nicht teilnehmen. Damals meuterte das aus Wassili Ostrow in Petersburg stehende finnländische Regintent. Zur Strafe kam es in das allerschärfsie Tressen, wobei es besonder» vor Plewna so lauge zum Sturm vorgedrängt wurde, bis es so gut wie aufgerieben war. Zurzeit läßt sich über die Finnländer als Soldaten nichts sagen, denn sie sind seit einiger Zeit überhaupt nicht mehr militärpflichtig. Finnland zahlt jetzt an die russische Regierung jährlich eine Summe »ou 10 Millionen Rubel für Befreiung der Finuländer vom Militärdienst.__ Notizen. — Vorträge. Im Institut für Meereskunde spricht Dienstag, den 12. Jan., Dr.'Th. Schuchari über den Außenhandel der Ver- einigten Staate»; Freitag, den 1ö. Jan., Dr. G. Jrmer über den Stillen Ozean und den Weltkrieg.— Am Freitag, den 1ö. Jan., wird Karl Hauptmann auf Einladung der Berliner Freien Studentenschaft im Hörsaal(Dorotheenstr. 6) über„Das alte Sphinxrätsel und der Mensch" sprechen.— Der Berliner T o n-- k ü n st l e r- V e r e i ii beginnt am 16. Jan. in der Hochschule für Musik seine diesjährigen Veranstaltungen mit einem Vortrag des GeneralmusildirektorS Philipp W o l f r u m aus Heidelberg über „Die Reform des Konzertsaals". — Vorlesungen der Freien Hochschule. Am Miit« woch, den 13. Januar, abends 81/- Ufjr, beginnt Felix Linke (Dorothecnsir. 12) eine Reihe von fünf Vorlesungen:„Wa» jeder- mann von der HimmelSkunde wissen muß".— Gartendircktor L e s s e r- Steglitz beginnt am 13. Januar in der Fortbildungsschule Berlin, Friedrichstr. 126, mit einer Vortragsreihe über den„Obst- bau im Hausgarten" abend» Sll2 Uhr. — Die VesaliuS- Ausstellung, die im Kaiser- Friedrich-Haus für da» ärztliche Fortbildungswesen zu Ehren de» -199. Geburtstage» des berühmten Schöpfers der Anatomie veran- staltet ist, hat sich eine» derart starken Interesses zu erfreuen gehabt, daß eine Verlängerung bis zum 15. Januar stattfindet. 8j Ueberfluß. Von Martin Andersen Nexö. Karl konnte sich kaum cmfrechthalten und taumelte zum Bett hin. Es durchzuckte seinen Hinterkopf, als ob alle Nerven sich strafften und plötzlich wieder schlaff wurden; das Zimmer begann, sich in langsamem Rollen auf und nieder zu bewegen, bald nach den Seiten, bald nach vorn und hinten. Die See- krankheit in ihrem zweiten Stadium war's; jetzt saß sie in den Nerven und verließ ihn für die ersten Tage nicht. Und wie krank er auch sonst war! Schmerzen und Uebel- befinden überall: im Herzen, in den Lungen und im Magen. Bon dort aus sickerten die Lebenssäfte, vergiftet und mit An- steckungskeimen behaftet, und wurden durch den ganzen Körper gespritzt. Grüne Galle floß in seinen Adern, bittere, saure Flüssigkeit von den ausgebäuften Exkrementen im Bauche, deren Ausscheidung sein Verdauungsapparat ver- weigerte. Träge war seine Verdauung immer gewesen; und si'it er alle Hoffnung aufgab und sich schlaff gehen ließ, stockte sie fast ganz und ließ sich nur noch schwer von irgend etwas beeinflussen. Das Bett war nicht frisch bezogen— die Laken waren zerknüllt und schmutzig vom Gebrauch von einer oder zwei Nächten. Tie Chaiselongue, die an der anderen Wand stand, war mn Kopfende mit einer schwärzlich-blauen Fettkruste bedeckt. Er sank auf einen Stuhl, griff nach dem Tisch und schloß die Augen, wenn das Gefühl des Schlingcrns zu heftig wurde. Die Rede des Wirts brauste ihm noch in den Ohren, wurde auf ihn geworfen wie eine Welle, zog sich zurück imd ließ ein einzelnes Wort liegen, kam wieder angerollt, nahm es mit sich, wenn es sich seiner kaum bemächtigt hatte, und ließ ein anderes an seiner Stelle zurück. Das Wort Frauen beleidigte thn. Konnte dieser Bursche sich denn nicht denken, daß man krank war. ohne selbst schuld daran zu sein? Dieser Mann konnte sich wohl überhaupt keinen Menschen vorstellen, der nicht irgendeinem Laster er- geben war„Das liegt sozusagen in der menschlichen Natur," hörte Karl ihn gedehnt sagen.— Und die Selbstgefälligkeit, mit der er eingestand, daß er ein Trinker gewesen war! Ja, wäre es nur selbstverschuldet gewesen— gleichgültig, auf welche elende Weise! Tie gemeinste, erbärmlichste aller Daseinsforinen aber war es. durch das Laster anderer zu- gründe gerichtet zu werden, bevor man noch das Licht der Welt erblickte, als jämmerlicher Krüppel geboren zu werden und das Leben in unverschuldetem Elettd zu verbringen. Im Vergleich dazu war der unheilbare Syphilitiker oder Alko- holiker als König zu betrachten. Man hätte ihn umbringen sollen, als er klein war. So ehrenhaft war einst ein Staat gewesen, daß er die miß- glückten Individuen vor der Pein bewahrte, sich durchs Leben dnrchzuguälen,— und es würde wieder einmal dahin kommen, davon war er überzeugt. Aber warum tat er nicht selber diesen Schritt, jetzt, wo er volljährig war? Dann wäre doch wenigstens ein zerbrochenes Gefäß weniger in der Welt. Ja, warum hatte er's nicht getan? Es gab ja so viele, die zu stolz dazu waren, sich als Wrack herumzuschleppen, und es vorzogen, selber ein Ende zu machen. Und es war einst so selbstverständlich gewesen, von eigener Hand zu sterben, daß selbst Frauen es verachteten, einen natürlichen Tod zu finden. Doch jene hatten alle gelebt und gefühlt, wie das Leben als Sturm durch ihre Adern brauste; darum war in ihnen nicht die Gier nach seinen kargen Ueberreslen. Er dagegen hatte es nie vermocht, des Lebens Fleisch und Blut mit den Zähnen zu packen. Er war der Schakal unter den Tieren, dem nur das Aas und der Abfall der an- deren zugänglich war, und doch war er der feigste von allen: der das Leben am meisten liebte. Noch eins hatte ihn feig gemacht— die Furcht vor dem Tode. Denn dasselbe Leben, das, vor ihm entfliehend, seinen Willen genommen hatte, mit dem er Widerstand leisten sollte, den letzten Rest von Apppetit und die Fähigkeit, ordentlich Atem zu holen und sein Blut zu reinigen, es hatte ihm auch den letzten festen Grund unter den Füßen fortgeschlagen: d-en Glauben an ein Jenseits. Als er sich erst der Ausdehnung seiner Krankheit bewußt wurde, hatte er sich.in der Angst vor dem Tode unbarmherzig immer wieder die Frage vor- gelegt. Da gab es kein Ausweichen, die Sache mußt» klar- gestellt werden: es kam ja daraus an, etwas zu haben, wenn dies versagte— es wurde zur Lebensfrage in zweiter �Auflage. Und je kränker er wurde, desto klarer trat die Frage hervor: schwarze Leere, Leere ohne Körper, ohne Licht und ohne Laut! Nicht einmal Uebelkeit, Unwohlsein irgend- welcher Art, nur das Nichts, das Nichts! Lange Zeit war dies am ärgsten von allem gewesen. Es erfaßte sein Herz, wenn er starrte und starrte, packte es, drückte es, drückte schmerzhaft zu pud spritzte das kranke Blut als Angst in seinen Körper. Es schnürte ihm die Kehle zu, wenn er an gleichgültige Tinge dachte oder sich mit jemandem unterhielt, packte zu und preßte, während das Entsetzen vor seinem umnebelten Blick bebte. Das Herz hämmerte in panischem Schreck, und vor seinem Auge vertiefte sich der große, gähnende Abgrund, in den er hinabglitt. Nach und nach nahm die Furcht vor der Leere ab, und das Leiden wurde wieder der alles beherrschende Todfeind. Große und starke Männer sprachen vom Leiden als dem bc- dentendsten Faktor des Daseins— schufen ganz einfach Leben daraus. Doch er unterlag der Unendlichkeit des Leidens, für ihn wurde es ein widerwärtiges Grau in Grau. Für ihn gab es kein Jenseits und auch kein Diesseits; wohin er blickte, war das nichts, das Nichts.— Der Heicker hole das Jenseits! Ob er Lobgesänge im Chore der Seligen sang, als ein unpersönliches Etwas, das weder selbständig fühlte noch litt, sondern nur ein Teilchen in der obligaten Freuds war. oder ob er ganz ausgelöscht wurde und ver- schwand, das war gleichgültig, lächerlich gleichgültig. Aber hier unten loderten die Flammen, hier war er übervorteilt worden. Und über dieses jämmerliche, unbestimmbare Etwas, das man ihm unter dem Namen des Leben» zugeworfen, hatte er sich wie ein Wahnsinniger gestürzt; er hatte es geliebt und wie ein Geizhals bewacht, hatte sich mit geschlossenen Augen darein festgebissen wie ein Schakal, den man von seinem AaS fortprügeln will. Er empfand unendlichen Ekel vor sich selbst, warf sich aus die Chaiselongue und bohrte seine Knöchel gegen die Schläfen, richtete sich auf und stieß mit dem Hinterkopf gegen die Wand. Mechanisch tastend, glitten die Finger über seine Kehle hin, während er aufrecht dasaß und gereizt vor sich hin- starrte, ohne etwas zu sehen. Er'ah fast aus wie ein Schlafender, wie er da io hin und her schwankend'aß, wäh- rcnd er sein seidenes Tuch abnahm, in loser Schlinge um den Hals legte und zuzog. BlitzschnÄ begann fiel) das Zimmer vor seinem Blick hin und her zu bewegenn, wie in einem Stiegel gesehen, der sich ein wenig drehte. Dumpf brauste es vor seinen Ohren, er fühlte unerträglichen Ekel und merkte, wie da» Bewußt- sein ihn verl'eß, während er da» Tuch immer fester zuzog. Tann huschte das Zimmer schräg nach der einen Seite hinauf und verschwand, es ivurde finster um ihn und ihn ergriff namenlose Angst, daß er nicht wieder zum Leben erwachen werde. Seine Finger bewegten sich nach dem Knoten hin, doch in demselben Augenblick verlor er den letzten Rest von Bewußtsein und fiel von der Chaiselongue auf den Fußboden hinunter.(Forts, folgt.) A.WERTHEIM G. M. B. H. leipziger Straße Königstraße Scbriftlicfae Beitellun�en an nnsera Versand- Abteilung Leipziger Straße In fast allen Abteilungen: Rosenthaler Straße Moritzplatz Inventur- Ver Kauf Hausschuhe Satin-Steppschuhe i ß0 ml, niMohi«..............» v V StoK- Mikadoschuhe i mit Lederaohle............. Oamen-Steppschuhe Usttea mit Absatt.......... SmamtV Daaien-Steppschuhe z Meltoa mit Absatz......... wtawty Kleiderstoffe Seidenstoffe Trikotagen Wäsche usw. zumTeil bis zu Prozent ermäßigt Weisswaren Kragenschoner 85„1 05 KnB«t»elde,wel»«.»ehm»l��e#■■Warn »*•40" 55 ?J.rIil?ur.s70"95" Selbstbinder 28» Seide, boat bedrnctt......... eWWM Damen-Paletots Damen-Kleider Kostüm-Röcke Damen-Blusen Unterröcke in verschiedenen Ausführungen.. aus verschiedenen Stoffen.. aus verschiedenen Stoffen.. in vielen AusfOhrungen.. 8.75�.12.75 aus verschiedenen Stoffen 5.75 2.25 1.90 1.70 bis bis bis bis 42» 8.25 12.75 6.50 USW. usw. usw. usw. usw. ierbanil der Freien Yolisbihnen 10. Januar nachmittags 2°/, Uhr: TeutscheS Theater: Jedermann. Nachmittags 3 Uhr: ZZalkSbühne, Theater am Biilowplatz: Wenn der junge Wein blüht, Deutsches Opernhaus: Fra Diavolo, Schiller-Theater Charwttcnburg: Uriel Acosta. Lessing-Theater: Llliom. MontiS Operetten- Theater: Der lachende Ehemann. • Abends 8'/. Uhr: Volksbühne, Theater am Bülowplatz Götz von Berlichwgcn. Montag bis Freitag: Götz von Kerlichingen. Sonnabend: Unbestimmt. Wer Ir Sonntag, 10. Januar: Berliner Theater 8 17hr:„Extrablätter!" Dentachea Kttnatler-Th. 8Uhr: Lother. Deutsches Opernhaus, Cbarlottcnb. 3 DTrr: Fr» Dlarolo. 7 üb;: Lohengrln. Friedrich'Wtlhelmstädt. Theater, S Ubr: Heimat. S Ub;: Gaaparone. Gebr. Herrnleld-Theatcr 8 Uhr: Sq Wlf! Zwei leuchtende Punkte. Kleines Theater 3' U.; Jcttchcn Gebert. 8 Uhr: Ernst© Schtvflnkc. KotuttdlenhauH 8Ubr: Sturmidyll. Eesalnjl-Tbeater 3 Ubr: Ollom. 8 ÜTir: Khnlssklnder. Enatsplelhana S'/jÜ.: warf and Stadt. 8'/« IT.: Lentnant»münde I. Hetropol-Tbeatcr Woran wir denken! tHantla Operetten-Theater 8 Ubr: Her lach. Ehemann. 8 Ubr: Der lle be Pepl. Rose-Theater 3 Uhr: Oia Waise von towood. 8 Ubr: Sein ganzes Glück. Residenz-Theater 3 Uhr: Der Raub der Sabinerinnen. 8 Uhr Krümel xor Paris. SchUlev-Thenter O. srhr: llora. Schlller-Th. Cbarlottenbg. 3 Uhr: Frlel Acosta. 8 Uhr: Husarenflelier. Thulia-Theatcr 3 Ubr: Das Glück Im Winkel. 8 Ubr; Kam'rad Bünne. Theater am Xollendorfpl. o1/, U.: Der Verschwender. S'/.U.; Immer feste drall! Theater a. d.Weidendammerbrücke S1/. U.: Verlorene Ehre. Ü'AJbr: Die deutsche Marke. Theater des Westens 8 � Waldmeister. Theater in der KöniggrätzerStraOc s Uhr: Rauseh. Trlnnon-Tlieater o'/s Ü.: Der Httttenbesltzcr. S1/, ü.: Das Eiebesnest. Volksbühne. Theater a. Bülowplatz 3 Uhr; Wenn der junge Wein blüht SV, U.: Götz von Berlichingen. Walhalla-Theater 8'/< IJ-: Die Förster-Christi, Dalsen Theater. 3 Uhr: Vom Glück vergessen. 8-25: Der Stabstrompeter. Montag: Das große Ringen. URANIA Ta5*7o.tr' Sonntag, abends 8 Uhr: Auf den Schlachtfeldern OstpreuSens. Montag, den 11. Januar, nachmittags 4 Uhr(halbe Preise); Die Weichsel u. die masurischen Seen Abends 8 Uhr: Auf den Schlachtfeldern Ostpreußens. Hörsaal 8 Uhr: Pr. �weybrück: Die Entstehung des Deutsch-Oesterreich. Bündnisses. Theater F«Uca Caprice BVs Potscn'Theater Sti Moritz wird energisch. Das Eeatnantsfenster. Eand.wehrlente. Martin Kettner a. G. Heute"WC, 2 Vorstellungen mit Nachm. Z Uhr Grete Wiesenthal Rob.Steldl und dem glänzenden Janaar- Spielplan. SUT Kleine Preise.'WS Kinder zahlen nacbmjttBgs halbe Preise! Äbends 8 Uhr XirUnH Schumann. Sonntag, den 10. Januar: 2 Große Vorstcllnngcn 0 nachm. 3'/, u. abdg. T'/j Uhr. � Nachm. hat jeder Erwachsene 1 Kind unter 13 Jahren frei, jd. weit. Kd. nnt. 12 J. halb.Preis. In beid. Vorstellg. ungekürzt: Ost und West. Großes patriotisches Schaustück ausd. Gegenwart i. 4 Akt. In der Nachmittags-Vorstoll. wird i. d. Schaustück nicht geschassen. Neu! Der(atlende Mensch! sowie Weise's 5 Bären, Urian, der männl. Orang-Utang als Akrobat. E. Barons urkomische Tiger- u. LBwengruppe iParodicj. SARRASANI Heute Sonntag, 3 Ehr: den 10. 7'/, Januar; Ehr; das ungekürzte Riesen-programm V oigt-Theater. Badsir 58. Badsir. 58. Sonntag, den 10. Januar: „Muttersegen" oder:.016 PEfle VOU Morgen Montag, den 11. Januar: Das Geheimnis der alten Mamsell. Kasfeneröffnung 7 Uhr, Ans. 8 Uhr. essino-Tkestsr. Lothringer Strohe 37. Täglich 8 Uhr. Wieder ein neuer Schlager. Ter größte Erfolg seit Bestehen: Dareü Dick und Dünn. VollS-Luslspiel in_3 Alt. v. Hans Berg. Dazu erstllass. Spez.-Kriegsausnahm. Sonntag 4 Ubr: Deutsche Mütter. Q' usstellung für Verwundeten- und Kranksn-FQrsorge Im Kriege Olenatag. 12. Jsnuar, nachm. 5 Uhr Im Hauptsitzungssaal des Reichstags(Eingang n) »ortrag �""Körting „Ueber Halferinnen" Mittwoch, 13. lanuar, ebenda S>;, Uhr Vortrag d?.' K. Biesalski „Die ethische und wlrtschaitliche Bedeutung tferKrlegs-KrüppellUrsorgt". Eintritt 50 PI. für Aossttllung und Vortrag. Sonnabend, 16. Januar, ebenda S1 ,Uhr »ortrag��ÄKrohne .Krankenpflegeperaensl und Xrankenhauswesen In Preuseen". �ntrittj�l�ffl�asstilluni�n�ifortn� Reiehshallen-Tlieater. Stettiner Sänger. Zum Schluß: „Unser Oskar"! von Mehsel. Bürger-Säle Neukölln j Bergstraße 1 A7 pienstsg. den 12. Januar(sowie| jeden Dienstag), abends 81/, Uhr;[ Konzert des Blöthner-Orchesters uuterLeitung d. Herrn Kapell-] raeisters Faol Donath. Solistin: Frau Brigitta Thielemann. Eintrittspreise: An der Abendkasse 60 n. 40 PI. im Vor- 1 vexkanl 50 u. 30 Pf. Karten in den Bürger-Sälen, j und bekannton Handlungen. IDTS l meiner Detail- Einnahme gewähre ich auf alle Artikel meines Lagers ohne Ausnahme. Teppiche, Gardinen {Steppdecken, Wolldecken (fürs Feld). Deotts Teppita En Lefevre Berlin S Oranienstr. 158 {Spezialkatalog kostenlos und pertofre). üardlnenlians Bernhard Schwartz Berlm C, Wallfir. 13(SpindlerShof) Die bei der Inventur ausrangierten Gardinen. Portieren. Teppiche, Decken k. einfach bis elegant eirteretaJ. dlttle!—»anmtet|. B. Portieren zur ßdlfte der ohnehw Bitbrigst aBSgezeiehnelen Preise. Beide gewonnen unter dauernder tierärztlicher Aufsicht Keiere! G. Bolle Berlin NW. 21. Alt-Moabit 98-103 Femsprecher: Amt Moabit 7912, 7913, 7914. Aeltester und grOBter mllchwlrtschaftlicher GrcBbetrieb 290 Verkaufswagen.— 2500 Angestellte. Eigenes Laboratorium fflr Milch-Untersuchungen. Der Kuf und die Größe der Finna mit ihren zahllosen Angestellten bärgen für unverfälschte Reinheit aller Produkte. Vollmilch. Dieselbe wird durchweg pasteurisiert, d. h. von krankheitserregenden Keimen(Typhns, Tuberkulose u. a.) befreit, braucht daher nicht noch einmal »nfgekocht, sondern nur gewännt, kann aber auch unbedenklich roh genossen werden. Kindermilch von Pachtgfitern, ebenfalls pasteurisiert. Kindermilch aus eigener Kuhhaltung, roh Kefyr, Dr. Axelrods Joghurt. Süße Sahne, saure Sahne, Schlagsahne, prima Butter. Buttermilch, Medizinal-Buttermilch. Käse: Keufchäteler, Frühstückskäse. Kümmelkäse, frischer weißer Käse(Quark), Harzer Käse, Camembert, Kaieerkäse. Bienenhonig, Apfel milch. Erzeugnisse der Bolleschen Obst- u. Gemüse-Anlagen im Sommer frisch zugeführt, im Winter konserviert. Gelees. Marmeladen. Verschiedene Früchte in Zucker. Diverse Gemüse. Säfte und Fruchtweine. Sämtliche Erzeugnisse sind hergestellt unter Verwendung reinster Raffinade und unter Vermeidung irgendwelcher schädlicher Konsenuerungsmittel. Man verlange Preisliste. Verwendet Kreuz-Pfennig- Marken auf Briefen, Karten usw. Dbvwtwortlicher Rehalteur: Alfred Wielepp, Neukölln. Für den Jnjeratenteil veranlw.: TH. Glocke, Berlin. Druck u, Verlag:Lorwärt» Buchdruckeret u, verlassanstalt Paul Singer St Lo, Berlin SW.