Nr. 18.- 1915. Unterhaltungsblatt öes Vorwärts Freitag, 32. Jauuar. Die Deutschen auf Jamaika. !?in Deutscher, der etwa neun Jahre in Äingslon..�ainaika) ansässig war. schreibt den„Hamb. Iiachr.�: Vielleicht dürfte es für �ie und Ihre Leser von Interesse sein. einmal.-u hören, wie es Ihren Landsleuten in Jamaika erging. Unsere deutsche Mosuutc in Jamaika bestand aus nur ungefähr einem Dutzend Herren, die dort meistens seil Jahren ansässig waren. Außerdem befanden sich in Jamaika eine Reibe von Lee. kcutcn. die aus dem einen oder anderen Grunde wohl in jeder Hafenstadt der Welt ju finden sind und die der ständigen Kolonie kaum gugurechnen sind, da ihr Aufenthalt meistens imr kurz ist. Ich möchte vorausschicken, daß die ansässigen Deutschen fast obne Ausnahme sich in den besten Stellungen befanden, wenn sie nicht Inhaber ihrer eigenen Geschäfte� waren. Die meisten gehörten einem oder mehreren der englischen Klubs an, da ein deutscher Klub bei der geringe» Zahl sich nicht hatte bilden können. Das Verhältnis_ zwischen Engländern und Deutschen war stets das denkbar bette und die Deutschen waren angesehen und geachtet. Wohl keiner vvn uns abnie aum nur, wie die Verhältnisse sich lin- dern würden, als unser Vaterland sich gegen den lleberiall der vereinigten Mächte zu verteidigen Satte. Am 4. August morgens wurde ich gegen 6 Uhr geweckt mit der Nachricht, daß;wei Herren mich sofort zu sprechen wünschten und dies wurde auch meinein Vetter mitgeteilt, der bei mir wohnte. Ich begab mich in meinen Pajamaü nach unten und traf einen englischen Offizier in Uniform sowie einen Milizoffizier in Zivil, die mir mirieilten, daß in derselben Nacbl in Jamaika die Nach- richt eingetroffen sei, daß England den Krieg an Deutschland erklärt habe. Ran ersuchte mich, mit ihnen im Auto nach dem Mili- lärlager zu kommen und auf mein Befragen erklärte man mir, daß es sich ivohl nur um Abgabe einiger Erklärungen handele, da wir Deutsche seien. Wir erwarteten daher, im Laufe einer Stunde wieder zurück zu sein. Im Militärlager schien es erst, als ob man niass reckt wußte, was man mir uns anfangen sollte, und wir wurden schließlich nach dem Polizeihauptquartier gebracht, wo uns beiden ein Zimmer zur Verfügung gestellt wurde, in dem uns nach einiger Zeit ein Frühstück serviert wurde. Nachdem wir hier ein paar Stunden zugebracht hatten, verlangte ick den diensttuenden Polizeioffizier zu sehen und verlangte Auskunft, auS welchem Grunde wir zurückgehalten würden. Es wurde mir erklärt, daß wir nickt arretiert wären, sondern nur gehalten würden, um eine Entscheidung des Gouverneurs abzuwarten, der sich zurzeit mit dem General in Konserenz befinde. Ich schickte daraus sofort durch meinen Chauffeur, der draußen mir meinem Auto wartete, eine Nachricht an meine Frau und ersuchte sie, sich sofort zum deutschen Konsul.zu begeben und ihm von unserem Schicksal Nachricht zu geben. Am Nachmittage wurden wir wieder in Begleitung eines Offiziers nach dem Militärlager gebrach: und fanden dort einen anderen Herrn vor, der gleichfalls seit dem Morgen, ohne zu wissen, warum, u.'n«: Aufsicht und Schutz genommen war. Hier wurden wir von einem Major einzeln verhört. Mein Votier wurde ge- passiert. Der Verdacht war nun, daß mem Vetter sich mit diesem Neiervoir befaßt habe, in welcher Weise iit ihm und nur heute noch nicht klar und den Engländern wohl auch nicht. Mir wurde vor- geworfen, daß ich fortwährend mit meinem Auto die ganze Insel bereise und als ich erklärte, daß ich Agenten meines Geschäfts an allen Plätzen hätte, die ich beständig zu besuchen und zu kontrollic- ren hätte, war die Antwort, daß ich zu gut Bescheid wüßte, da mir alle Wege und Liege bekannt sein müßten und daher gefährlich und verdächtig wäre. Wir wurden jedoch nach diesem Verhör wieder entlassen, da es der Behörde nicht möglich war, uns in irgendeiner Weise etwas nachzuweisen. In der Zwischenzeit war auch der deutsche Konsul tätig gewesen und hatte den Gouverneur unserethalben ausgesucht. Wir konnten so dieselbe Nacht in unserem eigenen Bett schlafen, obgleich die Zeitung schon in einer Extraausgabe am gleichen Dago unsere Verhaftung und spätere Entlassung angezeigt hatte. Wir glaubten nun, dieser verlorene GeschäftStag sei der einzige. Am folgenden Morgen borte ich in der Stadt, daß ein Telephon- draht zerschnitten sei. der vom Generalkommando nach einem der Forts führte, und daß ich dieser Tat beschuldigt oder verdächtigt sei. Am Freilag, den'7. August, erhielt ich sowie olle anderen Deutschen und Oesterreicher eine gedruckte deutsche Aufforderung deL General-?, uns am selben Tage um ö Illit abends im Milizhauptquarticr einzufinden, da er uns eine Mitteilung zu machen habe. Wieder glaubten wir, daß es sich vielleicht um gewisse Verhaltungsmaß- regeln bandelte. Wir wurden alle einzeln drei verlumpten Negern vorgestellt, ob es dieser Mann sei. ivelche Frage aber stets von den Schwarzen verneint wurde. Scheinbar hatten die Neger berichtet, daß sie jemanden gesehen hätten, der sich in der Nähe der Forts herumgetrieben hatte und sollten diese Persönlichkeiten nun reit- stellen, wobei man sicher annahm, daß es ein Deutscher sein müsse. Wenn wir aber glaubten, nun entlassen zu sein, so waren wir sehr im Irrtum, denn es wurde uns erklärt, daß wir alle unter Be- gleilung einer Wache nach dem Militärlager gebracht würden und bis zur Beendigung des Krieges interniert wiirdem Wer kann sich unter Erstaunen und unsere liebe rraschung vorstellen? Niemand war auf diese Wendung vorbereitet. Im Geschäft batle ein jeder seine Arbeil vor sich, und keine Zeit gehabt, sie einem Nachfolger zu übergeben, wo ein solcher überhaupt zu beschaffen war. Wir wurden auS alledem, aus unserem Privat- und Geschäfisleben, herausgerissen ohne jede Warnung, obne Gelegenheit zu haben, unsere Angelegenheiten in Ordnung zu bringen und unser Haus instand zu setzen. Nun wurden wir begleitet von einer Wache von Negersoldaten mit aufgepflanztem Seitengewehr im Straßenbahn- wagen unter dem Geheul der begeisterten schwarzen Bevölkerung ins Militärlager gebrächt und am näckiteu Wittag wieder im Straßenbahnwagen nach der Eisenbahnstation und von dort nach der Bahn nach Spanish Town, etwa Iii Meilen von der Hauptstadt Kingston, übergeführt. Hier wurden wir in einein Hotel, das der lltegieruug gehör:, untergcvrackl. Das Hotel war während der Rächt mit einem zehn Fuß hoben«tacheldräht umgeben wurden und die Wache bestand aus schwarzer Polizei unter Führung eines englischen Offiziers, der in den nun folgenden Wochen uns das Leben so angenehm zu machen suchte, wie feine Instruktionen es ihm erlaubten. Fast jeder von uns hatte sein eigenes Zimmer, ein Piano und ein Billard waren vorhanden und die Mahlzeiten waren im ganzen gut. Nach vierzehn Tagen wurde�uns ertiärt, daß die, die in diesem Hotel bleiben wollten, 1 Schilling 7 ck für den Tag aus eigener Tasche zahlen müßten, während die Regierung weitere 1 Schilling ä ä für den Mann und Tag beitrüge, da der PensionS- preis V Schilling per Tag sei. Mcbrere der Seeleute, die teils in Kingston, teils in anderen Küstenscädten Jamaikas von deutschen, englischen, norwegischen und amerikanischen Schissen heruntergeholt waren, mutzten nun das Hotel verlassen und wurden wieder nach Kingston ins Militärlager gebracht, da sie natürlich aus eigener Tasche nicht die Pension bezahlen tonnten. Hier wurden sie in einer leereu Kaserne des Negerregiments untergebracht und eni- spreckcnd vefljflejst. Ich habe von einem derselben gehört, daß die Zustände dort fürchterlich seien, was ich mir wohl denken kann, wenn man die hiesigen Eingeborenen kennt. Unsere tleine Schar belips sich nun auf zehn deutsche Herren und zwei Damen, die freiwillig unsere Gemngcuschasl teilten, da es ihnen infolge der Haltung der Bevölkerung fast unmöglich gemacht war, sich ohne Belästigung frei zu beivegen. Nackdem wir ungefähr sechs Wochen in diesem Hoiel verbracht hatten, erhielten wir die Nachricht, daß wir alle nack dem Militär- lager in Kingston zurückgebracht würden. Inzwischen war der H.-A.-L.-Dampfer„53 ei Hanta" von einem englischen Kriegs- schiffe ausgebracht worden und mit der gesonnen Mannschaft nach .Kingston gebracht. Fast 300 Offiziere und Mannschaften gerieten dadurch in die Kriegsgefangenschaft und wurden zur Hälfte im Militärlager in Kingston und zur anderen Hälfte in Port R o y a:. der Marineitation vor dem Hafen von Kingston, untergebracht. Ich halte inzwischen eine Eingabe an den Gouverneur gemach, und ersuch:, mich auf Parole zu entlassen und mir zu gestatten» mein eigenes Heim in der Nähe von Kingston bewohnen zu dürfen. Dieses wurde mir auch ausnahmsweise gestattet, da ich der einzige Deutsche war, der verheiratet war und sein eigenes Heim veiaß. Die übrigen Herren wurden nun zusammen mit den Offizieren der„BelHania" im Lager in einem besonderen Gebäude untergebracht, wo iie sich auch heute noch befinden. Dieses Ge- bände enihäli nur ein einziges großes Zimmer, da? mit den üblichen Milirärbetten ausgestattet ist und von den etwa 18 oder 20 Herren als Schlafzimmer benutzt wird. Die Mahlzeiten werden auf der Veranda eingenommen, was bei dem dortigen Klima auch an- gängig iit. Die Bewegungsfreiheit ist tiatüplick sehr besckräntk. Tie Mahlzeiten werden von dem Kock des Dampfers„Kaiser Wil- belm der Große" hergerichtet und bie Bedienung bei Tisch von Jungen oder Matrosen geleistet. Die Herren haben so ihre eigene Messe und müssen natürlich wohl den größten Teil der Kosren sellsst traget:, da die Regierung, wie ich glaube, jetzt nur 0 Pente für den Mann Unterhaltungskosten zahlt. Ich vergaß vorher zu erwähnen, daß nur die Deutschen, die als Reservisten gellen und also nur diejenigen unter 45 Jahren von dieser Jnlernwruug betroffen wurden. Ich machte an: Ende des Monats Oktober eine zweite Eingabe an den Gouverneur und ersuchte um die Erlaubnis, die Insel verlassen zu dürfen, da ich geschäftlich nicht mehr tätig sein konnte und das Leben einem der- art unerträglich gemacht wurde, daß man kaum noch sich ans der Straße zeigen konnte, ohne belästigt zu werden, wenn auck nicht mit Taten, so doch mit Worten. Was aber die? für einen Weißen in einem Kegerlmtde bedeutet, können Sie sich wohl kaum vorstellen. Meine Eingaee wurde bewilligt, jedoch wurde mir im Anfang Ns- vember mitgeteilt, daß ich mit meiner Frau bis zum 7. November die Abreise antreten müsse, andernfalls würde ick auch wieder inter- niert. Und so verließ ich denn Jainaica und befinde mich zurzeit in New Aork. Zeit, meinen Haushalt zu ordnen, wurde mir nickt gelassen, und ich werde bei dem Bertauf meines Mobiliars während meiner Abwesenheit lvohl�ichwer verlieren. Aus dem Obigen ersehen Lie, daß alle Deutschen im milinir- Pflichtigen Alter bei Ausbruch des Krieges interniert wurden und an: 8. November nach meiner Abreise wurden auch die älteren Herren, die bis dahin sich nur täglich bei der Polizei zu meiden hatten, gleichfalls interniert oder deportiert. DoS letzte Sckirfi-.A traf drei Herren, soweit mir bekannt ist, und alle waren sei: vielen Jahren in Jamaica ansässig gewesen. Was alles in den Zeitungen in Jamaica nack Ausbruch des Krieges gegen die Deutschen geschrieben wurde, und dies von den besten Klassen der Bevölkerung, spottet jeder Beschreibung. Ein jeder Deutscher war demnach ein Spion und wurde dementsprechend beurteilt. Von den.Klub? erhielten wir Deutschen eine Benack- richtigling, daß wir bis zur Beendigung des Krieges dieselben nickt besuchen dürften, obgleich mehrere von uns Anteilscheine an dem Grundbesitz des ftlufe besaßen. Von den Gerüchten, die über uns im Ilmlauf waren und die von dem größten Teil auch der weißen Bevölkerung geglaubt wurden, will ich nur im allgemeinen er- der Hinrichtung oder Erschießung eines oder des anderen unserer Landsleute. Wir hörten durch die Zeitungen, daß die Spionen kurchl in England geradezu an Wahnsinn grenzt und Janwck wollte jedenfalls nicht weniger„englisch" sein. Jedenfalls war dir Furckt scheinbar groß daß unser Kreuzer„Karlsruhe", vw- dem jeder eine Heidenangst hatte, einmal wieder Jamaica benicken würde und Kingston ein halbes Stündchen unter Feuer nchw. u würde. Von den fast 300 deutschen Seeleuten, die als ÄrieaSgefaua."..' in Kingston und Port Royal interniert sind, kam» ich Ihnen lell r wenig berichten, da diese, wie oben bemerkt, separat untergol' rockt sind und Besuche nicht erlaubt waren, wie denn auch zurzeit dir anderen Herren von Freunden und sogar von Ihren eigenen Ge- schäftSangestelltcn keine Besuche empfangen dürften. Zur Voesesthichte öes Uibelungenlieöes. Das Nibelungenlied, wie es als unser deutsches Rationalepos vorliegt, ist das Ende einer langen Entwickelung, in der silli der Sageristoit langkani gestaltete, lieber diese Vorgeschichte des Nile lungenliedes haben lehr viele Forscher gearbeiict und ein reiches Material zusammengebiacht. das uns einen Einblick in da? Wachieu nnd Werden der Bvlisdichtung gestattet. Eine neue Gliederung der einzelnen Vorstuseu. die der üoerliikerten Form des EpoL voran- gingen, bietet Prof. Andreas Heusler in einer Abhandlung der Sitzungsberichte der Berliner Akademie der Wissenschaften, in der er die Heldenrolleu im Burgundenuntergang zum Gegenstand seince Forschung niacht. Das allmähliche Anwachsen der Heldenreiln! ni: ihm ein Mittel in die Hand, um die einzelnen Phasen,> u den«! der Ribeluugenstoff dichterisch tu die Erscheinung zu prüfen und die Umformungen des StosseS in den einzelntn Liedein zu erkennen. Während die älteste Stufe nur zwei Helden leuut, Gunther und Hagen, gibt es in unierm Nibelungenlied eitle große Anzahl genannttr Helden, sechs auf feiten der Burgunden und zehn auf feilen der Hunnen. Langsam Imen die einzelnen Heldengestalten hinzu,>' nachdem sich neue Zuflüsse anderer-oagenguellen init dem Strom der Hauptsage vereinigen. Am Anfang der Entwickelung, soweit wie sie erkennen können, steht daS ältere Atlllied der Edda mit seinen io Strophen. Aber dieser eddiiche Liedtext konnte ja nicht ohne weiteres den Ausgangspunkt unseres Nibelungenliedes bilden, sondern dazu war ein deutscher Stammvater notwendig, und diescr täßt sich aus dem Atlilied mittelbar erschließen. Diese älteste«stufe der deutschen Ribelungendichtung, das altfränkische Burgundenlied, niim ISj Ueberfluß. Von Martin Andersen Nexö. Frau Hansen schwahte darauflos von den Johannis- beeren, von donen ein Teil als Eingemachtes und Taft Ver- Wendung finden sollte, vor allem aber als Eingemachtes, weil man dann im Winter etwas zu ftblechen habe. Ter Rest sei vom Arzt und Apotbcker in der Stadt zum Tagespreis bestellt, und das beiße in diesem Jahr, wo es überall überreich- lich Obst gebe, so etwas wie eine Krone fürs Liespsund lacht Kilos— damit sei dann gerade daS Abpflücken bezahlt. Dagegen sei der Preis im vorigen Jahre mit seiner schlechten Obsternte drei Kronen sürs Liespsund gewesen; da könne man sehen, wie versckieden die Zeiten seien... Natürlich liege es am Frühjahrs regen! Aber gut sei eS doch, daß eS so viel'Obst gebe,— für die vielen, die es gern äßen und kein Geld hätten."— Er hörte sie verdrossen an, schwang sich zu einigen Ja und Nein auf und ging dann fort, um seinen ge- wohnlichen Morgcnspaziergang am Fjord entlang zu machen. Während er verdießlich in die Luft starrte, mußte er laut lachen: Es klang haarsträubend, aber Rizinusöl bedeutete tatsächlich eine hellere Lebensauffassung! Die Schwermut und seine ganze ästhetische Lebensanschauung waren nichts als Vcrdanungsresultate— schlechte Ergebnisse einer schlechten Verdauung. Als er zurückkehrte, saßen Mutter und Tochter am Früh- stückStisch. Frau Hamen öffnete die Tür und fragte, ob er nicht ein weichgekochtes Ei essen wolle. Er schwankte einen Augenbl'ck, dann nahm er das Anerbieten an und ging mit hinein. Der Frühstückstisch war einfach: für die Familie gab es nur Kaffes und„Hamburger": Weiß- und Roggenbrot auf- cinandergelegt. Aber wie alles im Hause sehr appetitlich— zum Hineinbeißen. Zu seinem Erstaunen sah er, daß schon für ihn gedeckt war, und daß das Ei bereits, in eine Serviette gehüllt, auf seinem Teller lag. Und doch mußte sie geglaubt haben, einen Korb von ihm zu bekommen. Ob das wohl alle die Male, als er es abgelehnt hatte, ebenso gewesen war? Wahrschein- lich. Es tat ihm zugleich weh und wohl, daran zu denken. Man empfand ein eigentümliches Behagen, wenn man so Gegenstand weiblicher, beinahe mütterlicher Fürsorge war, und er scherzte und lachte, mischte sich einen„Kaffee" aus Sabne und Wasser mit ausgerechnet zwei Tropfen wirklichen Kaffees und wollte auch ein„Hamburger" Brot versuchen. Aber dem widersetzte sich die Wirtin entschieden.„Jetzt will ich Ihnen etwas sagen: Sie können zwei Stücke Weißbrot zu- sammenlegen, das ist zur Abwechselung immer amüsanter, als jedes nir sich zu essen." „Wäre es dann nicht noch amüsanter, zur Abwechslung die Butter nach außen zu kehren?" fragte Karl und machte Miene, es zu tun, während Else sich vor Lachen nicht zu lassen wußte. Er trällerte schwach und ohne es zu wissen, als er bald daraus sein Wohnzimmer aufsuchte. 8. Karl stand in der Regel erst gegen acht Uhr aufl den Vormittag verbrachte er gern im Freien. Er ging sehr lang- sam, da er bei jeder Anstrengung in Schweiß geriet. An den ersten Tagen kam er nicht weiter als bis zur Kirchhofsmauer, allmählich aber dehnte er seinen Spaziergang bis zur Wasser- mühle aus. Dann baperte cs damit, nach Hause zu gelangen, und nachher war er für den ganzen Tag erschöpft; aber häusig konnte er zu einem Bauer, der zur Stadt wollte, aufsteigen und mitfahren. Dann begann stets ein Kreuzverhör, woher er sei, wie er heiße, und ob er den und den in der Hauptstadt kenne. Tie älteren Leute erkundigten sich auch immer nach dem König. Aber sobald sie hörten, daß er bei Dortea Hansen wohne, ließen sie seine Person stets ganz aus dein Spiel und fingen an, nach ihr nnd der Tochter zu fragen, ob sie guten Verdienst hätten, gesund seien usw. Alle Leute vom Lande schienen sie zu kennen und sich besonder» für sie zu interessieren. Es mußte an Frau Hansen irgend etwa» Eigentümliches fein; aber was cs war, konnte er nicht er- fahren, denn dieselben Leute, die so schlau im Ausforschen waren, verstummten auf der Stelle, wenn er fragte. Ein alter Bauer, mit dem er eines Tage» fuhr, rief, als Karl ihren Namen nannte:„Das ist ein tüchtiges alte» Mädchen!" „Altes Mädchen?" fragte Karl aufmerksam. Aber der Bauer überhörte die Frage und wandte sich Karls Person zu: „Tann haben Sie wohl studiert, wenn Sie so faulenzen können?" .Ja, ich bin Kand. Phil." „So—? Kann man davon Pastor werden?" „Nein," erwiderte Karl lachend. „Küster vielleicht?" fragte der Bauer wieder. „Nein, nicht mal das." „Dann kann wohl nicht viel dran sein," sagte der Bauer und wackle verächtlich aus. „Professor kann man aber werden." „Verflucht nochmal," sagte der Bauer erstaunt. Er glaubte jedoch nicht daran, und seitdem hieß Karl rings im Lande nicht anders als der„Professor". Es betrübte ihn, daß auf dieser Seite des Fjords tein richtiger Wald lag. Da war nur der kleine Hain dicht am Hause, wo er oft saß, den Insekten lauschte und dem Laube bei seiner Drehung nach dem Lichr folgte: aber man hatte keinen Platz, sich zu regen. Ter Kirchhof war reich an Bäumen, aber dort hielt er sich nicht gern auf, und dann blieb nur noch ein Eichenwäldchen übrig, ungefähr mitten zwischen dem Friedhof und der Wassermühle. Doch da war man emsig damit beschäftigt, die Eichen auszuroden und an ihre Stelle junge Tannen zu setzen. Täglich starrte er zum„Nordwald" jenseits de» Fjords hinüber. Der spiegelte seine laubreichen Bäume im Fjord und breitete sich mit seineu in die Augen fallenden Buchen- und Tannenfeldern auf dem abschüssigen Gelände aus; weit landeinwärt» verlor er sich in bläulichem Nebel. Die Wasser lime betrug wohl nicht mehr als eine Viertelmeile. aber der Weg um den Fjord herum war eine Meile lang, gerade doppelt so weit als bis zur Mühle. Eine» Nachmittags, als er den Weg entlang schlenderte. hörte er einen Wagen hinter sich. Er war von der Hitze zu erschlafft, den Kopf zu heben, als eine bekannte Snurmc rief: „Tag. Kopenhagner!" Ter Wagen hielt neben ihm. Aoae Sorensen war Kutscher, und am dem Rücksitz saßen der Wirt des Abstiuenzlerheims und der Kandidat. „Wollen Sie mitfahren?" fragte Aagc. „Ja, wie weit gellt die Reise?" „Zum Nardwald hinüber." „Ja, vielen Dank," erwiderte Karl froh und kletterte. auf den Platz neben Aage hinauf. „Ist es eine Vergnügungstour?" fragte er und drehte sich auf dem Sitze um. „Nein. Papa Sörenscn soll da» Evangelium predigen. wie sehen, er ist im Ornat," fagie der Kandidat und schlug den Staubmantel des Wirtes zunick.„Wir beiden anderen stiü) als Ehvrknaben mitgefahren,"(Forts, folgtch eine ähuli-ba einfache knappe Anlage gchaüt havcn, wie die Larlage ans der Edda. Eine zwciie Ztufe läizt sick> ebenfalls auS einer nordischen Dicp- tnn.i wiederherstellen. Die Niflungasaga erzählt nämlich um'die i!'!ille des IlZ. Jahrhunderts in norwegischer Prosa den Untergang der Bnrglnidc»; ihr liegt ein älteres, kürzeres deutsches EpoS zn- gründe, das aber bereits nicht mehr in Franken sondern iir Baliern entstanden sein wird. Diese zweite Urform des Nibelungenstoffes, das ältere bailvarische EpoS. setzt also ein Hanptereignis in der Geschichte der Burgundensage voraus: die Einwanderung dieses fränkischen � nicdcrrheinischcn Liedsioffes inS baiwarische Ge- biet, in die Donaulandc. Die Niflungaiaga ist nickt etiva eine reine Uebertragnng des ovcrdenischcn Epos. Es sind Eni- siellnngen eingetreten, die dem nordischen Sammler und Verfasser mit unterliefen. Immerhin hat die nordische Saga ihr ganzes Gerüst, das allermeiste ihres Inhalts, ans dem baiwariichen EpoS übernommen. Aber die Nacherzähler dieses„bayrischen" Epos waren Niederdeutsche, die eine im Sachsenland alteingebürgerte Nibelnngen- tradition kannten. Ein solches Lied in sächsischem Munde wird durch dänische Zeugnisse aus dem Jahre 1131 bezeugt. So traten also sächsische und niederdeutsche Züge hinzu, und auch eine Ortssage aus tsoest wirkte mit ein, die die Vorgänge der Burgundendichtung, so das Gastmahl, Gunthers Tod und Hägens Sturz im Kampfe, in Soest lokalisiert hatte. Die sränlische Sage muß nach HeuZlers Forschungen dielleicht schon im C. Jahrhundert, jedenfalls schon im 8. Jahr- hundert, zu den Baiwaren gekommen sein. Die Annahme einer lateinischen Nibelungendichlung des 10. Jahrhunderts, von der unser Nibelungenlied eine Ucbersetzung darstellen müßte, lehnt er ab. Vielmehr nimmt er an, daß das ältere baiwarische Epos, das der Niflungasage zugrunde liegt, in den Donaulanden noch eine Ivcitere Umformung und Anpassung an die dort übliche Helden- tradition erhielt und so zu einer dritten Vorstufe unseres Nibelungen- liedeS umgebildet wurde, zu dem sogenannten„älteren EpoS".' In ihm erhielt Rüdeger von Bechlaren zuerst eine große Nolle; es war rauher, derber und männlicher als sein höfischer Nachfolger und muß etwa um das Jahr 1160 entstanden sein, noch ein gutes Menschen- alter vor unterem Nibelungenlied. Hier wurde auch das Haupt- motiv völlig umgestaltet, und ans der Bruderrachc KriemhildenS an ihrem Gatten Etzel, wie sie die alte Burgundendichtung schildert, tonrde die Gattenrache KriemhildcnS an ihren Brüdern. Hin 1206 entstand dann die vierte und letzte stufe, die einzige uns unmittel- bar erhaltene, unser Nibelungenlied, in dem die ganze Darstellung stark verbreitert war und die Burgundensage mindestens den doppelten Umfang einnahm von dem im„ätleren Epos". Soweit der Bericht des Professors Heusler. Natürlich ist so eine„Erklärung" etwas rein Aeußerliches, wie die ganze Philologie. Wieso die einzelnen„Stufen" entstanden, woher ihre Abweichungen eigentlich rühren usw.— das sind Fragen, um die sich die Literar- Historiker nicht bemühen. Und die Historiker leider auch nicht, da ihnen der Schlüssel dazu, die Methode des historischen Materialismus, versagt ist. Dabei zeigt gerade das von HeuSler zuletzt angeführte Beispiel sehr klar, wie die Dinge sich entwickeln: Kriemhild rächte in der älteren Soge ihre Brüder an ihrem Gatten Etzel, später rächt sie nur noch ihren ersten Gatten Siegfried an ihren Brüdern, toährend Siegfried früher überhaupt nngerächt blieb. Warum V Weil in jener älteren Zeit das Mutlerrecht noch wirkte, jenes Prinzip der VerwandtschaftSorganisation— in der ökonomischsozialen Struktur verankert—, nach dem die Blutsverwandlschasl weitaus an erster Stelle steht, so daß Tacitus über die Germanen sogar berichtet:„Schivesleriöhne stehen dem Oheim ebenso nahe wie dein Vater, manche hallen dieses Blutsband sogar für heiliger und enger". Wie lange die Ideologie des Mutterrechls stellenweise noch nachwirkte, zeigt auch die Fassung eines anderen Monvs in der Völsunga-Sage, wo Brunhild schlankerhand zur Schwester des Atli (Etzel) gemacht wird, nur damit dieser ihren Tod rächen m u ß. Die christliche Weltanschauung beseiligte dann radikal die ganze Blutrache— aus der ja eigentlich die Sage von den Nibehingen aufgebaut ist, und sie konnte diese Blut- räche überall da beseitigen,>vo die gesellschaftliche Struktur eine andere, nicht mehr auf dem Mutterrechl ruhende getvorden war. Ani längsten behält der Norden, entsprechend seiner geringen Wirtschaft- lichen Entwicklung, auch die alle, schon oben erwähnte Fassung: Krimhild(hier Gudrun genannt) räckr in der nordischen, weniger veränderten Sage den Tod, ihrer Brüder an Atli(Etzel), während sie in der deutschen, ganz umgewälzten Fassung gegen den Willen Etzels ihre Brüder vernichtet, um ihren ersten Gatten Siegfried zu rächen._ Ms emem ZelölaMrett in Rußlünö mit schwer aussprechbarem Namen sendet der ftönigl. Felddivi- sionspfarrer Pater Georg Timpe der Köln. BolkSztg." nachstehende anschauliche Schilderung. ... Unser Quartier ist in einer Arbeiterwohnung der Zucker- fabrik. Zu dreien wohnen wir in einem Zimmer, haben ieder seine Bettstelle mir Strohsack, einen Tisch und drei Stühle, sogar einen Spei fesch rank und einen gemeinsamen Kleiderschrank. Es fehlt uns nicht einmal ein Herd. So ist's gar nicht so schlecht um uns bestellt. Die anderen Arveiterhäuser liegen voll von Ossi- zieren, Mannschaften oder sind als Berbandstelle hergerichtet. In einer solchen Häuserreihe liegen Darmkranke, in einer anderen fit die„Russenstation", wo kranke Gefangene untergebracht sind. Aus der Schule hat man auch so etwas für ansteckende Kranke gc- macht und ein Verwaltungsgebäude wurde Montag in Betrieb gesetzt (so etlvas ist bei den Verhältnissen in Rußland auch für unsere Tapferen eine reine Notwendigkeit, Ivenn ich auch selbst jede Bekannt- schaft damit kraftvoll zurückweise). Neben der eigentlichen Fabrik, wo in den drei Stockwerken die neuen Mannschaften untergebracht sind oder jene, die auf einige Tage abgelöst werden, steht ein großes Lagergebäudc. Im unteren Stockwerk sind die Pferde beheimatet. Große Streitereien dürfen sie nicht anfangen, sonst stoßen sie mit dem Kopfe gegen die Decke. Auf einer kleinen Holztreppe klettert man in den oberen Raum: das Feldlazarett. Gleich rechts so etwas wie Kontor und Apotheke, links dann dehnt sich ein luftiger, duf- iiger Raum— für den Duft sorgen die unten einquartierten Pferde—. hell und weiß gctatkt. Freundlich ist er; ich habe schon andere gesehen, bin schon genug in niedrigen Zimmern gewesen, wo das eine Fenster eben sticht genug hineiinvars, die auf Stroh ausgestreckten Verwundeten zu unterscheiden. Hier aber ist's gut. Ein jeder der Kranken hat seinen Stroh- sack, sein Leintuch und seine wollene Decke. Auch eine Kiste hat jeder neben dem Kopfkissen stehen, in dem er allerhand Klcinig- ketten: Becher. Brot. Paketchen, Zigarren unterbringen kann. Der Lurus ist letzte Woche sogar dahin gestiegen, daß man von Pfeiler zu Pfeiler Bindfaden gespannt und schöne Handtücher daran auf- gehängt bat. Das ist wirklich ein sturus. Denn wer bat sich in den Schützengräben oder auf dem Marsch vorher wohl waschen können? Braun— feldbrau n— sind die Gesichter derer, die da cingelieferr werden, und erst langsam werden sie wieder weiß, hellfarbig aussehen. Nicht alle. Die da liegen mit verbundenem Kopf— kaum sieht man Mund und Nase. Nur ab und zu ein leises Wimmern, ein- Drehung nach links oder rechts, sonst liegen sie still, wie. sie gekommen, und bleibe» still, bis die ewige Ruhe an sie herantritt. Da sind andere. Man meint, sie wären nicht trank, so frisch liegen sie da, halb ausgerichtet, und lesen und rauchen. Tag und Nackt haben sie in den nassen Schützengräben gestanden, sie merkten nicht mehr, daß die Füße naß waren und kalt, sie merkten überhaupt nichts mcür. Ihre Füße, ihre Beine sind erfroren, und für die Dauer deS Feldzuges dürften sie genug haben. In der mittleren Reihe vorn liegt ein junger Freiwilliger. Er zeigt mir, als ich ibm guten Morgen sage, den Knopf aus seiner Jacke. Sein Stolz. Er ist Gefreiter geworden; er hat die Knöpfe redlich verdient, der liebe bescheidene Mensch. Nicht weit von ihm lag gestern noch ein blonder hochgewachsener Brandenburger. Zehn Tage lag er schon da in den fürchterlichsten Schmerzen. Ter Schuß hatte ibu innerlich verletzt und war weiter durch den Rücken gc- " Verantwortlicher Redakteur: Alfred Wiclcpp, Neukölln. Für dc gangen. Sein einziger Wunsch war, nach der Heimat gebracht zu werden. Als ick ihm die h. Wegzehrung gereicht hatte, tastete er nach meinen Händen, drückte sie, mit Anstrengung hob er den Kopf etwas aus und küßte sie. Sehen konnte er nicht mehr. Aber sein inneres Auge sah klar, immer wieder dankte er den Wärtern, die ihm soviel Gutes in seiner Ungeduld, wie er meinte, getan hatten. Heute morgen habe ich den sogen über sein Grab ausgesprochen: man hatte ihn in seine Heimat gebracht. In der nächsten Reihe lag vor zwei Wochen ein anderer: Landwehrmann tvar er gewesen, von einem Granatstück am Hinter- köpf schwer verletzt. Als ich ibn fragte, ob ick für ihn nach Hanse schreiben sollte, nestelte er an seiner Brusttasche herum und brachte endlich ein Bild heraus:„seine liebe Frau" und die„beiden Kleinen". Sehen konnte er sie nicht mehr, aber er drückte das vcr- grisfene Bild an seine Brust. Und so bar er gebeichtet, so ist er auch wohl gestorben. Von den Paketen, die er die Nackt vorder von Hause bekommen, hat er nickts mehr gehabt. Dock iwck. Er fühlte sie alle einzeln au, und ick las ihm dabei die Briese vor, und dann legte er sie wieder hin. Los ihm die Briefe vor; aber, daß er den Kopf ducken sollte, wenn eine Kugel käme, und daß seine Freunde ihren„lustigen Allo" wieder haben wollten, das konnte ich iom nicht vorlesen, das konnte ich wirklich nickt. Auf der Ecke lag gestern ein Leutnant. Ter Name kommt mir bekannt vor.„Haben Sie nicht einen Bruder, der in London war? Der dort den K. K. B. mit gründete?" Richtig. Und so plaudern wir von London und vom K. K. V. Schließlich gibt er mir ein Dutzend Zigarren, die feucht geworden waren und die ich ihm trocknen solle. Das habe ick getreulich getan. Als ich heute wiederkomme, ist er weiter befördert»nd seine Zigarren, gut ge- trocknet, gab ich weiter an andere zum Verbrennen. Ja, Zi- garren! Wer hat doch gesagt, daß der Weg zum Herzen der Mannes durch den Magen gebe? Ich behaupte, er geht durch die Zigarrenkiste. Wenigstens hier im Feldlazarett, wo sie den ganzen Tag still liegen müssey, wenig lesen können und sich doch die Zeit vertreiben wollen. Nebenbei: lesen. Man hungert ordentlich nach dem Neuesten. Und man ist froh, wenn man die Nummern, zwei, drei, ja vier Wochen alt, zu lesen bekommt. Uebrigens, wer schickt mir etlvas„zum Lesen"? Neue, ganz neue Zeitungen, oder eine Kriegszeitung mit Bildern, oder kleine Erzählungen? Nur keine dicken Bück«. Oberster Grundsatz bei allen Sendungen muß sein: es muß sich lohnen. Für Spielereien oder Leckereien, die nur einen Mundvoll darstellen, habe ick wenigstens keine Verwendung. Wer mir aber Zigarren. Zigaretten, Schokolade in Tafeln und guten Lesestoff schickt, dem bin ich dankbar und die Wer- wmrdeten auck. Heute sind ungefähr 80 noch da; es waren schon an 200. Neben ihnen, durch die Mauer getrennt, liegen die Leichtverwun- deten. Sic begnügen sich mit einem einfachen Strohlager, und wenn sie sich mit ihrem Mantel zudecken, ist's ihnen ganz mollig. Die meisten von ihnen bleiben nur-in paar Tage, dann geht'S zurück ins Feld oder in die Heimat. Nur ein kurzer Weg überS Feld. Kleine Hügel nebeneinander. Kleine Kreuze darauf. Kleine weiße Kreuze. Und auf diesen kleinen Kreuzen kleine kurze Inschriften:„Hier ruht in Gott Wehr- mann N.. Gefreiter N. N. usw. Und dann der Todestag. Jeden Tag zwei oder drei oder mehr, lieber dreißig liegen schon da. Und eben überm Weg auf einer kleinen Anhöhe wieder weiße Kreuze. Schmucklose weiße Tannenkreuze. Mit Tintenstift einige fremde Schriftzeichen darauf: Russengräber. Daneben, unter Tannen grün und weiß: zwei, drei deutsche Gräber, im Tode vereint. Jeden Morgen geh ich diesen Weg, diesen Hügel hinauf, sehe ans den kleinen Friedhof hinab, in das weite weihe Land hinaus. Heimweh kommt mich an. Da drüben die weichen Hügelrücken, die kurzen Tannen, die strohgedeckten Hütten, die stille blaue Ferne, ist das nicht die Lüneburger Heide? Hier steht doch ein Machandelbaum, und da noch einer, und noch einer, und Ginster eine ganze Menge. Rur die Heide fehlt, die braune. Aber der Schnee deckt ja alles zu, alles, nur nicht die gelbe Sandkuhle, wo der Sand immer wieder abrutscht. Rur nicht das dunkle schwarze Lock da drüben. Nur nicht— ja richtig, wir sind im Krieg— nur nicht den schweigsamen Posten in Feldgrau, der vor diesem schwarzen Loch, seinem Unter- stand, auf und ab geht. Eben steht er still, abgewandt nach Osten. Ob er an die Lieben denkt, in der tosenden Stadt oder aus dem stillen Dorf in der Altmark? Er bat nicht viel Zeit zum Träumen. Es rollt in der Luft. Tann ein Knachen dicht hinter dem Walde. Bald fliegen eiserne Grütze hinüber, herüber. Was werden die Feindlichen unter den Unsrigen anrichten? Nur ein paar Kilometer links ist die Bzuramündung, die um- strittene. Auf der einen Seite die Feldgrauen, ans der anderen die Feldbrauncn, beide eingegraben in festen Stellungen. Wie viele Leben werden noch draufgeben, bis wir sie haben? Leben auf beiden Seiten? Und wieviele Verwundete, mit Wunden in den Händen, in den Füßen, im Leib, durck den Kopf, durch die Brust, werden wieder zu uns gefahren werden? Gefahren auf den Wagen mit dem Roten Kreuz, auf strohbedeckten Leiterwagen, auf dem kleinen niedrigen Karren? Wie ernst ist doch der Krieg! Wiebiel Blut macht er fließen, wieviele Tränen läßt er die Wangen brennen! Wieviele Seufzer treibt er aus entsagenden MännerHerzen heraus, wieviele zuckende Lippen schließt er trampfhast. wieviel Herzensnot, wieviel Opfer- geist, wieviel Heldenmut preßt er in ein todwundes Herz hinein! Ob in der Heimat alle daran denken? Ob sie wenigstens versuchen, denen nachzufühlen, die für sie bluten und verbluten? Schauspieler im Zelöe. Der„Neue Weg" bringt eine Menge Feldpostbriefe von Mit- gliedern der Bühnengenossenschast. Wir geben einige wieder: Bezaporim. Geschrieben den 17. Dezember 1914. Sage der Genossenschaft Deutscher Bühuen-Angehörigen für das freundliche Gedenken zum Weihnachisfeste nieinen herzlichsten Dank. Die Flasche erreichte mich infolge falscher Beiörderung der Post durch Zufall aus einer Dienstreise nach dem Res.-Jnf.-Negiment 32 in Frankreich, wohin ich WeihnaÄtSliebesgaben brachte. Hätte die Post richtig befördert, so bekam ich das Geschenk erst 10 Tage später. Ergebensten Gruß! Müller-Hanno, Sergeant. -i- Geschrieben den 17. Dezember 1914 im BoiS du Chbnat in den Hochvogesen. Liebe Genossenschaft! Vielen und herzlichen Danl für die liebe Weihnachtsgabe, die beute früh eintras und sofort ihrer Bestimmung zugeführt wurde. Nach mancherlei Kreuz- und Queriahrten im lchönen Wasgau und nach vielen bestandenen Fäbrlickkeiten liegen wir jetzt schon sccks Wochen hier in der Nähe des Markirchcr Paßweges, ganz nahe dran bei den Franzosen. Mit allem„Komfort" find unsere Ställe aus- gestaltet, untere Stellung hat olles auszuweisen, was die„Branche" bietet. In edlem Weiteifer mit den Franzmännern zeigen wir unsere Schießkünste. Unverbürgte Gerüchte vermeiden auch manchmal Erfolge: im übrigen geht jetzt alles so regelmäßig wie eine Maschine keinen Gang. Mit besonderem Interesse wird der«Neue Weg" ge- lesen und auch benutzt, was mir angesichts der Umstände die Ge- nossenschaft nickt übel nehmen wird. Vielen Dank auch für die Nachlieferung von Nr. 11, die gestern auf dem Umweg über die vielgerühmte Feldpost eintraf. Mlt nochmaligem herzlichen Dank und vielen Grüßen Ihr Otto Stoll, Osfiziersstellvertrcter. * Tilla, Wald, den 14. Dezember 1914. An das Präsidium der Genossenschaft! Hurra! ich lebe noch, wir leben noch, hurra! Dankend Ihre so lieben Sendungen von Zigarren und Rum erhalten, welcher mir sehr gut schmeckt. Sind nun nach schweren Stunden, welche wir in Belgien verbracht haben, wieder mal vor Verdun gelangt, und zwar nach einer ziemlich ruhigen Gegend, bekommen ab und zu mal ein Jnseraterüeil�ermUw.: Ttz. Gtockc.'Berlln. Druck u. V erlag-Vörwär'l« paar eiserne Portionen von den Franzosen geschickt, bauw direkt in einem Schweinestall, zwischen Ratten und Mäusen, sehr liebe Haus« tiere das. na und Weihnachten gedenke ich auch hier zu verleben oder im Wald im Unterstand, wo wir auch zuweilen liegen. Hoffent- lich kann mau gesilud wieder in die Heimat zurückkehren, dies ist mein Weihnachtswunsch, um mich wieder der schönen Kunst widmen zn können. Mit vielen cchldeutsche» Grüßen an alle liebe Kollegen verbleibt Ihr Otto Klopsch, Gefreiter. Allen ein frohes WeihnachtSsest wünschend! -i- Bei Marzinawolla. 13. Dezember 1914. Aus einem stürmischen Gesechi zurückgekehrt, crbiclt ich von meinem Feldwebel mir der Post auch das Rumfläichchen des „Neuen Weges". Wir kamen tiefernst und abgespannt aus dem Gefecht. Die 3 Bataillonskommandeure und viele brave Leute gc- fallen! Da läßt man den Kopf hängen— aber liebe« Gedenken hilft wieder etwas aus Deck und der Rum diente in natnn! als Kognak dazu, um die Geister wieder auf Deck zu bringen. Gelegener konnte er nichi kommen. Herzlichen Dank und kollegialen Gruß! "_ Dr. Dids-un, Leutnant. Kleines Feuilleton. Krieg unö Geschäft. Im„ F o r n m" schreibt Wilhelm Herzog: Um der Fülle der Gesichte, der Fratzen, der Grimassen, die einem aus den Zeitungen entgegenstarren, zu entfliehen, empfieblr es sich, zuweilen den Blick über jene elyseischen Felder schweifen zu lassen, die aufricklig nur dem redlichen Gewinne gewidmet find. Wen der Inseratenteil der Zeirungen schon im Frieden mehr fesselte als der vordere Text mit Leitartikel nird Feuilleton, wer wußte, daß er von Welt und Menschen meist mehr erfährt durch die Anzeigen hinten als durch die„lichtvollen" Ausführungen der Politiker und Plauderer vorn, wer den ehrlichen Ausdruck der Not und der Freude, des Bedarfs und de« Angebots, der Profilsncht und der Eitelkeit, die auS der Welt der Inserate zu uns sprachen, lieb gewann, verzichtete oft aus die Vorspeisen und hielr sich gleich an das Millclstück und an das Ende. Da« LieblingSkrnd jedes ge- winnsüchtigen Gazetlenbesitzers ist dieser Hintere Teil. Um seiner« willen lreibl er oder läßt er Politik treiben, um seinetwillen be- ichützt er die Wisienschasten und die schönen Künste. Er verhätschelt e« sozusagen. Damit es ihm woblergehc, umwirbt er die vor- nehmsten Schriftsteller, kein Name ist ihm zu teuer. Man soll sehen, in was für Kreise sein Kind dringt. Ein Blick aus dieses Goldkind, d. h. in den Annoncenteil, kann jetzt mehr denn je belehrend wirken. Nach wenigen mageren Woche» ist alles wieder in voller Blüle. Ja, nach der anfänglichen Dürre der Jnseratenplantagen fließt jetzt wieder Milch und Honig in deutschen Landen. Ganz neue Industrien haben sich aufgetan. Nie geahnte Geschäfte werden Wirklichkeit. Der Krieg hat auch die Inserenten großzügiger werden lassen. Manchem von unS schwand der Sinn des Lebens; vielen unserer Mitbürger scheint er erst durch den Krieg gekommen. Sie rackern sich ab und machen alles„sofort greifbar". Man liest: Kaure seden Posten Krücken lfeststebend und versiellbarß 600C0 nackte Militärschafpelze, Gulasch la. jedes Quantum, 50 000 000 Zigarren. Sie machen Geschäfte mir Feldkochkisten. Zeltbahnen, Speck, holländischem Dörrgemüie, Streich- hölzern, Spirituskochern, patriotischem Wandschmuck. Militärsocken, Kakaowürselrr, Leibbinden, geräucherten Rücken und Bäuchen— alles sofort greifbor... O Noah, öffne Deine Arche... Aber all' das muß wohl so sein. Woher sollten unsere tapferen Krieger draußen alles so schnell und gut bekommen, wenn sich nicht der Zwischenhandel ihrer angenommen hätte? Zwar hört man manchmal von dunklen Geschäften, von ver- einzelten Kriegswucherern, die— während alle sich einschränlen und ihre Bedürfnisse hernnterschrauben müssen— binnen weniger Wochen zu vielfachen Millionären werden. Auf mehr oder weniger legalem Wege. Jedenfalls nicht greifbar. Aber da« sind ganz gewiß nur Ausnahmen, die aus eine etwa« skrupellose Arr iür Schäslein ins Trockene bringen. Andernfalls müßten die verantwori« lichen Leiter der Finanzministerren sofort darüber nach- sinnen, wie der ungeheuerlichen Verschiebung de« National- Vermögens am wirksamsten zu begegnen wäre: etwa durch eine unverzüglich einzubringende BermögenSzrrwachSsteuer, die einen erheblichen Anteil von dem Gewinn der Kriegslieferanten dein Staate cinlragen müßte. Auf daß er reiche Mittel in die Hand be« komme, um in Not geratene Familien von allzu schwerer Steuer- last zu befreien und den Hinterbliebenen Witwen und Waisen von Kriegern einen weniger kärglichen Zuschuß zu gewähren. So de« grenzt ertrüge man schließlich die Vermischung von Krieg und Gc- schäft, und so gerecht verteilt, könnte man gar von einem Segen der Kriegsindustrie sprechen, der um so schöner wäre, je überraschender er käme. Glasrehrchen von Vivm Millimeter Durchmesser. Zum Aiifhänqcn der spulen besonders empfindlicher Galvano« meier, wie sie zum Nachweisen und Messen äußerst schwacher elel« Irischer Ströme benutzt werden, gebraucht nmn feine Glasröhren, die zugleich als Isolatoren wirken. Die Röhrchen haben einen Durchmesser von'/iooo Millimeter bei einer Wandstärke von '�rocoo Millimeter. Sollen diese GlaSröhrchen für den elettriichen Strom leitend gemacht werden, was zur Ausführung verschiedener Versuche mitunier zweckmäßig ist, so füllt man sie_ em» iveder mit Quecksilber oder überzicbt sie mit einer seinen Silberschicht. Wird beides ausgeführt, so kann das Rohr« chen gleichzeitig zur Siromzu- und-Abfuhr dienen. indem der elektriiche Strom z. B. durch die Rohrfiillung zu- und durch den äußeren Belag obgefübrt wird oder umgekehrt. Die Her- stellung dieser den nalürlichen Faden der Seidenraupe an Feinheit noch übertreffenden Glasröhrchcn erfolgt mit Hilfe eines elektrischen Ofen«, dessen Hauptteil au« einer Platinspirale von etwa 10 Milli- meier Durchmesser und 25 Millimeter Höhe besteht, die in einem Glimmergehäuse angeordnet ist und mittels eine« durch- geleiteten elektrischen Strome« zum Glühen gebracht wird. Ein innerhalb der Spule aufgehängtes, auf gewöhnliche Weise durch Glasbläserarbeil erzeugtes Glasröhrchen mit mög- lichst gleichartigen Wandungen, welche« an seinem nntercir Ende durch ein Gewicht beschwert ist, wird dadurch auf Schmelztemperatur erwärmt. Die Belastung des Glasröhrchens reckt die zum Erweichen gebrachte Glasmasse aus und sinkt gleich« mäßig in ein mit einer Glyzerimniickung gefülltes Rohr abwärt«. dabei das Röhrchen bis aus den gewünschten Feinheitsgcad aus« ziehend. Abgesehen von der Erhitzung der Glasmasse im elcttriickeir Ofen und dem geforderten größeren Maße von Ausmertsamkcit unterscheidet sich also der mechanische Arbeitsvorgang kaum von der gewöhnlickcn Art der Herstellung größerer und kleinerer Glasröhrchen in den Glashürten. Notrze«. — Musikchronik. Im L e s s i n g- M u se u m(Brüder- siraße 13) finden fortan jeden Sonntag Kammermusik« Abende zum volkstümlichen Einheitspreise von 50 Pfennig statt. Sonntag, den 24. Januar, spiel! da« Steiner-Rothstern-Quartett Streichquarretle von Haydn und Mozort. — Borträge. Am Sonnabendabend 8 Uhr wird Professor Schwahn im Hörsaal der Urania einen Vortrag über„Erdbeben" hatten. — H a n-Z Pagav. der»senior unier den Mitgliedern des Deutschen Theaters,"ist in Berlin nach langen Leiden. 71 Jahre alt. gestorben. Vom Qpereitcnkomiker hatte er sich zum tüchtigen Eharalrerdarsteller entwickelt— und wenn er auch nur in kleinen Rollen— den sogeiianirtcn Chargen— mi-Z vertraut wurde, so war seine Darstellung dock nicht minder rnenichlrch wahr und echt. Sern Klosterbruder in LessingS„Nathan" war eine der Rollen, in der er uns zuletzt entgegentrat— bescheiden dem Gesamten dienend und doch da« Eigene gebend._________________ Buchdrückerei u. BerlagSanjtalt Paul Singer& Co, BeriiiTSW.'