Nr. 21.- 1915. Unterhaltungsblatt öes Vorwärts Dienstag) 26. Iaimar. SET'- Des Zaren Garüe. Des Zaren Garbe ist, wie berichtet wurde, aus der Front zurück- pi zogen worieiu Es heißt, sie sei nach Petersburg zurückgekehrt. Schon daß der Zar seine Garde gegen uns ins Feld gesandt hatte, war sehr ausfallend; denn die Garde zieht fast nie in den Krieg, wird sogar nur ungern, und auch nie mit allen Regimentern gleich- zeitig, in das Manöver entlassen. Sie soll stets in Petersburg bleiben: den Zaren zu schützen, das ist ibr eigentlicher Zweck. Tie Ergebenheit dieser aus durchiveg schönen, groß gewachsenen Männern gebildeten Truppen dem Throne gegenüber soll durch das Perleihen einer vor der ganzen übrigen Armee ausgezeichneten Stellung gewährleistet sein. �0 stehen ihre Ossiziere eine Stufe böher im Range als die des übrigen Heeres, das als Linie, zum Unterschiede von der Garde, bezeichnet wird.$eber Gardeoffizier erhält also, wenn er sich zur Linie versetzen läßt, ein Patent, das um eine Rangstufe höher ist als die, welche er inne batte. Auch die Mannschaft genießt Vorteile. So ist schon das Essen und die Perpflegung überhaupt bei den Garderegimentern eine viel bessere als bei der Linie. Dann bekommen die Mannschaften meist noch von ibren Offizieren persönlich eine oft ganz ansehnliche Zulage zum Gehalt und vom Hof oder sonstiger hoher Stelle Geschenke zu Ostern und an anderen besonderen Feiertagen. Auch Preise für gutes Reiten, Fechten, Schietzen, Tüchtigkeit im Dienste überhaupt, werden der Mannschaft gestiftet. Ter Dienst bei der Garde wird viel strenger gehaichhabt als bei der Linie. Denn die ganze hohe Obrigkeit sitzt ja in Petersburg. Man ist also keine Stunde vor einem Ueberfall sicher. In der Pro- vinz geht es gemütlich zu; das Kommen eines Generals wird lange vorher als feierliches Ereignis angekmüngt. Man hat also Zeit, leine Vorbereitungen zu treffen. Aber hier weiß niemand, wo der Gestrenge herkommt. Er springt in seine Droschke, schreit vom Kutscher zu:»Fahr, fahr!" und da ist er, schimpft furchtbar, behauptet immer: als er noch jung gewesen, da habe man den Dienst ganz anders gekannt! Das Leben, das die Gardeoffizierc führen, ist ein wildes. Früher, als noch das Avancement nach den Vakanzen ging, die das eigene Regiment bot, und nicht wie heute nach denen der Armee, war es für den, der schnelle Karriere machen wollte, dabei über ungeheuere Mittel verfügte, einfache Berechnung, beim Leib- lmsarenregiment einzutreten. Vakanzen wurden immer frei, denn lange aushatten tonnte es hier keiner. Fast jeder zog bald ruiniert diese Uniform aus, um irgendloo, vielleicht im unwirtlichen Kau- kasus, beim ewigen Hammelfleisch der tollen Soupers zu gedenken. Auch der heißen Kartenpartien, denn das Spiel ging manchmal um Millionen, gedenkt der Einsame; welcher Gott er war— und jetzt... Schwamm drüber! Der sündig schöne Netvaitraud hat manchen, der nur auf Gummi fuhr, zum sehr guten Fußgänger gemacht. Aber nicht nur das Leben mit den Kameraden kostet Geld, sondern der ganze Dienst überhaupt. So schenken die Offiziere den Musikbemden, von denen jode Schwadron eine hat, silberne Blasinstrumente. Auch echtes Pelzwerk und vom ersten Militär- schneider angefertigte Uniformen, das alles für die Mannschaft imd naütrlich nicht aus der Staatskasse bezahlt, gewährt einen schönen Anblick und hilft sebr wesentlick dazu, daß die Kritik bei der Besichtigung gut ausfällt. Edle Reimer, jeder Gaul viele tausend Rubel wert, selbstverjiändtich die ganze Schwadron ein- beitlich beritten. Auch das Gewähren von Gehaltszulagen an die Soldaten, Unteroffiziere und Wachtmeister, und das Stiften von Preisen für gute Leistungen im Dienst, alles aus der Privatkasse, ist beliebt. Dieser Zufchnitt des Lebens und des Dieiistes der Husaren macht natürlich auch bei den anderen Garderegimeniern Schute, denn zurückstehen will doch latus. So also ist der To» gegeben. Existenzen vergehen wie Butter an der Sonne. .Früher dienten bei der Garde nur die Sprossen der Adels- geschlechter, aber natürlich nicht die der kleinen, unbedeutenden, sondern ausschließlich die Söhne der goldschweren stolzen Bojaren- Häuser. Tie setzten ihre Ehre darein, in Petersburg, in des Zaren Umgebung, den Offizierscock zu tragen. Doch die Zeiten ändern ssrtr Das Vermögen vieler Hochadelsgeschlechter hat die tolle Vcr- schivendungssucht verschlungen, anderen wieder ist die 1866 erfolgte Aufhebung der Leibeigenschaft der Bauern wirtschaftlich schlecht bekommen, da sie es sogar bis heute noch nicht gelernt haben, ihre riesengroßen Besitzungen auch mit der Hilfe freier Arbeiter nutz- bringend zu bestellen. Das Geld ist, wenigstens bei der großen Mehrzahl der Bojarengeschlechter, ein recht rarer Artikel geworden. Die Leute sind also oft gar nicht mehr in der Lage, ihre Sühne in Petersburg dienen zu lassen. Doch auch die, denen die Möglich. kcit dazu noch vollständig offen stände, tun das vielfach nicht, da die Garde, wie ja der ganze Offiziersstand in Rußland überhaupt, sehr an Ansehen verloren hat. Zivilisten, die mit den Waffenrock- trägem gesellschaftlich gleichberechtigt sind, erivarten gewöhnlich den Grug, grüßen meist nicht zuerst. Die Söhne der reichen Bojarenhäuser ziehen, natürlich wenn sie die Fähigkeiten dazu haben und nicht zu großes Vergnügen an den lärmenden Re- staurantfreuden finden, heute den diplomatischen Dienst weit dem in der Garde bor. Wild sind diese Petersburger Kneipunter- Haltungen. Spiegel zertrümmern die Trunkenen, sägen Palmen ab, damit die im Hof wartenden Kutscher Holz zum wärmenden Feuerofcn haben, oder bestimmen auch Klaviere und wertvolle Möbelstücke zu diesem Zwecke. Tie Hauptsache ist: kaput gehen muß es und viel Geld kosten. Bei der Garde dienen heute hauptsächlich die Söhne reicher Moskauer und anderer Kauf!eutc. Ein paar Jahre die sonst un- zulängliche Hoflust atmen, wertvolle Beziehungen, die sich später gut ausnützen lassen, anknüpfen, das Geld mit vollen Händen hinauswerfen; dann den langen schwarzen Rock, dazu hohe Stiefel anziehen, im väterlichen Geschäft arbeiten, um joden armen Kopeken blutig feilschen, so halten es diese Leute. So lange sie aber bei der Garde stehen, wollen sie auch weiteren Kreisen gegenüber, den Traditionen dieser Truppen gemäß, auftreten; adlig sein, die Blüte der großen Geschlechter vorstellen. Adlig sind sie ja zwar, denn jeder, der das Offizierspatent oder den geringsten Beamten- rang erhält, ist das damit laut Gesetz in Rußland für sich und seine Nacbkommen. Diese Standeserhöhung gewährt einige Vor- teile In Steuersachen und das Rocht, sich, wenn e» einem Spaß macht. Edelmann zu nennen. Nun wird aber jader, der vor oder nach seinem Namen»Edelmann" setzt, sich damit lächerlich machen. da betnahe alle das Recht haben, den Titel zu führen, so daß es keiner tut. Die Gardeoffiziere helfen sich einfach dadurch, daß sie „von" schreiben. Das tun sie und sehr viele Diplomaten des Zaren, besonders natürlich die im Auslände, obgleich der Senat, also der höchste russische Gerichtshof, wiederholt entschieden hat, daß der Titel Edelmann nicht das Reckst gibt, sich„von" zu nennen. „Äutovonisten" werden diese Herreit deshalb scherzhafterwcise genannt. Diesem ganzen Treiben bei den Petersburger Truppen hat die Regierung tatenlos zugesehen, es zugegeben, daß sich der Adel ruinierte, sich vom Gardedicnst immer mehr und mehr zurückzog, daß d:e Söhne der Kaufmannschaft und reicher Unternehmer an seine Stelle traten. Wer kommen will, der ist willkommen, nur Geld, und zwar viel muß er mitbringen, um es in der geschilderten Weise ausgeben zu köniwu. Dafür ist mau auch milde mit den Gardeoffizieren, berlmtgt keine Ueberatsttrengung von ihnen. Zwar den Kaserttsnbofdienst müssen sie leisten, ihre Leute da scharf hernehmen, so daß diese bei Besichtiguiigen gute Figur machen. Doch damit ist die Arbeit ge- tan. So zeitraubende Tinge, wie das viichbsfchäfligen mit taktischen Aufgaben und der edlen Kriegswissenschaft überhaupt� mutet ihnen niemand zu. Auch vor den Unbequemlichkeiten und Strapazen der Manöver werden sie itach Möglichkeit bewahrt. Gerade mit den Gardeoffizieren aber werden, sofern sie nicht diesen Dienst nur ergriffen, um ein paar Jahre Hoflust zu atmen, doch vorzugsweise die wichtigsten Posten der ganzen russischen Armee besetzt. Was wird aus öen gesunkenen Kriegs- schiffen! Waö mag während der kommenden unendlichen Zeiten aus den unglücklichen Kriegsschiffen werden, die in diesen Tagen vom Schicksal ereilt werden und die menschliches Vermögen wohl nie wieder wird heben können? Vor zivci Jahren, als sich das� Schicksal der„Titanic" besiegelte, ließ sich ein junger Geologe F.«chulze zu einer wissenschaftlichen Abhandlung anregen, die sich„Das geologische Schicksal dar Titanic" betilelt. Als diese Abhandlung erschien, war freilich das Hauptinteresse an der Titanickatastrophe bereits vorbei. Sicherlich wird man nun heute unter dem frischen Eindruck so mcnicher ueiten Ilnglücksbotschast gern etwas von den Ausführungen des Naturforschers erfahren. Nehmen wir also an, wir hätten alle Trauer überwunden und wir forschten nun mit ruhigem Gefühl der gesunkenen Kriegsschiffe nach. Ganz wie wir heutzutage vorweltliche Urtiere in jenen Gc- steinetl vorfinden, die sich zu Zeiten gebildet haben, als die Menschen ihr Dasein noch nicht begonnen hatten, so werden sich vielleicht der- maleillst auch die aesunrenen Dampfer als mächtige Zeugen aus grauer Vorzeit wieder an die Erdoberfläche heben und zu eiliem anderen Geschlecht die Sprache der Vergangenheit sprechen. Werl � doch die großen Dampfer bald von den Sedimenten, Stnlstef' aller Art, eingebettet worden sein, die sich in fast allen Gemäss langsam absetzen. Wie wir nun heute« die Reste von Meerestieren, die vor! zeiten so eingebettet wurden, häufig auf den Gipfeln von Berg. wiederfinden, so dürfte cS sehr leicht auch einmal mit den gewaltig Zeugen unserer stolzen Kultur geschehen. Denn die Erdkriü befindet sich in ständiger Bewegung. Durch den Schrumpfung Prozeß des sich abkühlenden Erdballs bilden sich auf ihm viele g waltige Runzeln. Es entstehen die Gebirge! Aber Wind in. Wasser tragen diese Runzeln, so gewaltig sie auch sein mvg>-. wieder ab und führen ihre Bestandteile in ausgearbeitetem Zustar unaufhörlich den tiefsten Stellen der Erdoberfläche zu: tu l SJJccrs. Nach alledem ist es gar nicht unwahrscheinlich, daß die g sunkenen Schätze, die unsere Dampfer darstellen und in sich bergen. und die menschliches Vermögen nicht wieder zu heben vermn durch„geologische Kräfte" in Jahnnillionen Ivieder ans Sonnen licht gelangen werden. Sie werden sich über den Meeresspicg beben und dort durch Wind und Regen von den zu Stein geworden Absatzprodukten des Meeres befreit werden. lind wie wir he» staunend vor den Resten einer Rieseneidechse stehen, die ganz eben' wieder ans Tageslicbt gelangt ist, so könnte es dermaleinst in den Trümmern der gesunkenen Dampferkolosse geschehen. Nid" hindert uiis an dieser Vorstellung. Das ist also die Art, in der sich unsere Kultur inS„Tagebm' der Erde" einträgt! Werden aber auch— so fragen wir uns— intelligente Wescn da sein, um die geologischen Schichten, dienlich heute bilden, untersuchen?— Jedenfalls würden sie diese Schichten an den vielen Resten unserer Kultur immer wieder erkennen können, ganz w> uns heutzutage die Werkzeuge des Urmenschen zu leiten vermögen. oder wie uns gewisse Pflanzenreste aus der Vorwelt verrat tönueu, ob wir uns bei unseren Untersuchungen irgendwo in d>" Schichten des Kohlenzeitalters oder irgendeiner anderen Erdepock befinden oder nicht. Mancher wird vielleicht einwenden, daß die Stahlmassen, a>. denen doch ein Dampfer im Ivos entlichen besteht, verrosten dürsten. Aber man braucht nur an die gleichfalls luftdicht abgeschlossenen Erzlagerstätten hinzuweisen, um solche Bedenken zu zerstreuen. Ohne allen Zweifel wird also vieles von den gesunkenen Dampfen so gut wie ewig erhalten bleiben! Doppelt wahrscheinlich wird un das, wenn wir uns vergegenwärtige», welche zarten Gebilde un aus der Vorzeit überkommen stud, und zwar allein dadurch, daß f völlig luftdicht abgeschlossen gelagert waren. "Eines mutz noch erwähnt werden. Wer auch immer eimt an die gesunkenen Schifsskolosse stoßen wird, er wird sie chährschein [ich völlig zerdrückt und vielleicht auch verbogen vorfinden. Da- wird jedem einleuchten, der sich die Bewegungen der Erdtrusie vo? zustellen vermag und der sich überlegt, welche gewaltigen Lasten ein sich immer mehr anhöhendeL Gestein darstellt. Wir sehen, die gesunkenen Kriegsschiffe werden vielleicht ein ural den künftigen Geleerten wahre Fundgruben sein. Was bergen. sie ntcht alles in ihrem Innern?-- So dürften auch die Leichen der Menschen sehr gut irgendwie erhalten bleiben! Bielleicht wer den sie als Kohle zutage komme», wie auch die Pflanzenreste am. der Steinkohlenzeit. Oder aber es werben sich nur ihre deformierten „Vetitctnerimgcu", besser ausgedrückt ihre Steinkerne, finden. Ades gibt hier noch viele Möglichkeiten. Kurz und gut, wir körnten sagen, von den ungezählten Schissen. die nun schon dort unten auf dem Meeresgründe liegen, werden sicherlich so manche durch geologische Kräfte wieder geboben werden. Nur fragt es sich, ob dam, Züsch denkende Wesen vorhanden sein wer den, um mit freudigem Forschcrtrieb an diese Trümmer heran- zutreten. Auch der Mensch wird ja einst seine Rolle ausgespict haben. Er wird vom Erdboden ebenso verschwinden wie auch jen' unermeßliche Fülle von Lebewesen, deren Reste uns heute so freute artig anmuten. Aber hier muß der Forscher seine Betrachtung abbrechen, denn hier beainiit das Reich ungezügelter Phantasie und unlösbarer Rätsel._ R- F. Wenn über Dünkirchen die �Tauben stiegen. In einem Briefe vom 10. Januar schildert ein Mitarfieitrr des„Journal de Gen&ve" den jüngsten„Tauben"angrrff auf Tu» kirchen.„Heute früh", schreibt er,„war schönes Wetter, und der 21) Ueberstuß. Von Martin Andersen Nexö. -Zu Dir und den anderen, die vielleicht gerne umkehren möchten, aber glauben, daß es zu spät sei, sage ich: Seht mich an! Kann wohl jemand tiefer siuken als ich gesunken war? Bis vor zehn Jahren war ich ein Sklave des Alkohols; mit verschweiwerischer Gand verbrachte ich ein Vermögen und machte mein Heim zur Hölle; ich zitterte am ganzen Körper. wenn ich nicht genug Alkohol bekam, und schließlich waren nur Branntwein und Schnaps nicht stark genug, ich mußte reinen Sprit von IL Grad haben. Ich besaß zuletzt kein Hemd mehr auf dem Leibe uitd lebte davon, daß ich andere Trinker aufsuchte und eine Wette mit ihnen einging, wer von uils am meisten trinken könne. Und ich gewann inmler. So wettete ich auch eimnal mit jemaud. Wir legten uns draußen nnt einem Fäßchen Branntwein zwischen die Bäume, und wir tranken ihn wie Wasser, bis das Fäßchen leer war. Dann schlieien wir ein, und als ich wieder aufwachte, befand ich m'ch im Gefängnis. So tief kann ein Mensch sich er- niedrigen. Ich kam ins Verhör und erfuhr, daß ich vierzig Stunden geschlafen hatte, und daß mein Kamerad noch schliefe und zu schlafen fortfahren würde.— er war nämlich tot. Als man mich ausfragte, wieviel wir getrunken hätten und ich er- widerte: achtzehn Pägel, da schrie der Amtsrichter: Schreiben Sie. Kollege, schreiben Sie achtzehn Pägel! Er hatte recht. wenn er so entfetzt war. Es machte zwei Liter und einen Pägel für jeden.„,, Ich gewann damals auch, aber hat wohl einer von Euch diesen Rekord geschlagen, eilten Menschen in die andere Welt, in die Ewigkeit hinüberzutrinken? Und doch glaubt Ihr. es sei zu svät für Euch, umzukehren. �_ Seht noch einmal mich an! Sett ienem Tage habe ich keinen Alkohol genossen, und wie Hiob habe ich alles wieder- bekommen: das tägliche Brot, ein glückliches Heim. Gesund- heit und. was beinahe am meisten bedeutet, die Achtung vor mir selbst. Es war eine teure Kur, sie kostete ein Menschenleben. Aber der Leichnam dieses TrinkcrS düngte den Acker der Abstinenz; nicht nur ich selber wurde geweckt, sondern ich hatte auch das Glück, so manches Heim vom Ruin zu er- retten. Unendlich verschlungen sind die Wege der Vor- sehung." Er ergriff das Gesangbuch und stimmte laut den Absti- nenzlermarsch an. Als der Gesang zu Ende war, stieg er langsam von der Kanzel hinab und ging grüßend durch die Reihen der Zu- Hörer. Für jeden hatte er ein paar freundliche Worte, und Karl sah erstaunt, wie die Leute sich näherten und irgend etwas sagten oder, wenn sie nicht kühn genug waren, den Führer erwartungsvoll ansahen. Er bedeutete für diese Menschen wirklich etwas. Nun näherte sich ihm ein zer- luinpter Bursche mit ziemlich schwankendem Gang; es war jener Trinker, auf den er in seinem Vortrag hingewiesen hatte. Mit der Mütze in der Hand, stand er da. Sörensen sprach eifrig mit ihm und legte ihm die Hand ans die Schulter, während einige Frauen und Kinder einen Kreis um die beiden schlössen. Zuletzt gab Sörensen ihm die Hand und schüttelte sie loiederholt, während eine arme Frau die Augen an ihrer Schürze abtrocknete. Kurz darauf trat der Wirt zu den anderen hin.„Na," wandte er sich an Bänder,„Sie haben sich wohl gehörig ge- langweilt?" „Im Gegenteil, es war sehr interessant— Sie sind ein verwegener Redner, der sich nicht davor fürchtet, den Zuhörern die Meinung zu sagen. In manchen Punkten haben Sie mich an die Leute der Innern Mission erinnert." „Ich habe auch versucht, ihnen die Kunst abzulauschen," sagte Sörensen vergiüigt.„Nur nicht im Faseln. Ich be- mühe mich, klar und nüchtern zu sein." „Das haben S'e auch vollkommen erreicht.— Nur waren Sie vielleicht an einigen Stellen zu wissenschaftlich," fügte Karl mit leichtem Lächeln hinzu. Aber der Äbstinenzlerwirt blieb durch und durch ernst. «Glauben Sie. glauben Sie wirklich?" res er mit erschrockener Miene, aber sichtlich geschmeichelt.„Ja. das ist die ungeheure Schwierigkeit für einen Redner wie ich. Denn muß man aus alle Klassen und Entwicklnngsstufen Rücksicht nehmen, und das ist n'cht leicht, will ich Ihnen sagen.— Aber wo ist denn Ihr Stern geblieben. Herr Kandidat? Er steckte ja vorhin noch an Ihrer Jacke." Rask mackste eine unwillige Bewegung und kehrte den Aufschlag seiner Iovve um. Ter Stern steckte innen. Mit einer Mischung von Vorwurf und Kummer sah der Wirt ihn an.„Herrgott!" murmelte er. „Wollen Sie ihn sofort haben?" fragte Rask und be- gann, den Stern loszumachen. Sörensen zog ihn ein wenig beiseite:„Lieber Freund. es soll doch keinen Skandal geben! Nun ist es so lange gutgegangen..." „Und da wäre es schade, wenn die Sache zum Platze» käute— was? Und obendrein nach einer Portion; Zer störtes Heim, Selbstgeständnis und achtzehn Pägel. Ich hob infame Lust gekriegt, Ihren Rekord zu schlagen." „Wenigstens sollten Sie nicht meinem Vortrag die Schuld geben." sagte Sörensen vorwurfsvoll. „Lieber Freund, das tu ich auch nicht. Aber wollen wir das jetzt nicht lassen?" Sie gingen zu den anderen hin. „Nun," wandte sich Sörensen an Bänder,„ich muß gc wiß Stine beim Verkaufen helfen. Man muß ja auch lebe». und von dem Vortrag werd ich nicht fett, den halt ich gratis. Aber wir sehen Sie wohl heut abend bei uns. Herr Bänder? Zu einem Happen Entenbraten und zu einein Schwätzchen. Der Kandidat kommt auch." „Ich?" fragte Rask erstaunt.„Na ja. warum nicht! Aber lange kann ich nicht bleiben, denn ich habe meiner Frau versprochen, ihr heute abend Gesellschaft zu leisten." „Ja, ich dauke sehr," sagte Bänder,„wenn ich bloß nicht zu müde sein werde. Sie wissen, ich habe nicht viel Kräfte." Sie gingen zusaimnen zu der Handkarre bin. wo Stine eifrig damit beschäftigt war, alle die durstigen Seelen zu ver- sorgen, Als sie den Kandidateil gewahrte, ließ sie los. was sie in den Händen hatte, und lief zu ihm bin. ein Grinsen auf ihrem flachen, ausdruckslosen Gesicht. Sie packte ihn am Ann und zerrte ihn, leicht aufschreiend, wie Affen es tun. wenn sie er staunt sind oder sich gegenseitig auf etwas aufmerksam machen wollen. Der bestürzte Kandidat konnte sich nicht befreien, aber als ihr Herr mit drohender Miene auf sie zustürzte, ließ sie Rask sofort los und floh unter Gemurmel, mit geduckten: Kopf, zum Wagen hin. „So ein verfluchtes Frauenzimmer!" sagte Sörensen und lachte ärgerlich.„Sie will Frau Potiphar spielen." „Zum Glück steht unser heutiger Joseph nicht hinter dem des Alten Testaments zurück," sagte Bauder lachend. Aber der Kandidat hörte nichts, er schaute interessiert über die Versammlung bin. Dann begann Sörensen, Stine zu helfen, und die an- deren drei gingen nack) Hause. (Forts, folgt.) fiimmrr war blau und blar. Jen Strafen wogle crne souniäg- Iich gekleidete Menge auf und ab, aber die Spaziergänger schauten fast cr)ite_ Ausnähme in die Luft: sollten die deutschen Flieger diesen schönen Tag nicht benutzen, um eine ihrer Lieblingsangriffe auszuführen? Etwa um die Mittagszeit entstieg ich einem Straßenbahnwagen; ich kam von St. Pol, wo ich'ein Typhus- lazarett besucht hatte. In der«tadt war alles friedlich gestimmt: nur Jean Bart auf dem großen Platze schwang drohend seinen Degen. Jn� die Saint-Eloi-Kirche ergoß sich eine große Schar andächtig gestimmter Bürger, um die Meise zu hören. Ich befand mich gerade bei einem Barbier, als die«Sturmglocke ertönte. Im Barbierladen herrscht die größte Aufregung. Man blickt hinaus. Tie Leute laufen wie wähnsinnig durch die Straßen, Mütter reißen ihre schreienden Kinder mit sich. Auf der Spitze des Glocken- turmes erscheint die blauweiße Fahne, um anzuzeigen, daß sich cine„Taube" nahe._ lind bald hört man cm ununterbrochenes Schießen. T ie�Geschütze der Festung treten in Tätigkeit, die Be- schießung der stadt durch die„Taube" steht bevor. Im Barbier- Straße� zu gehen. Oben im Luftraum schwebt die„Taube" in metallisch glänzender Weiße. Sie segelt dahin, unbekümmert um die Schrapnells, die garben- und büschelförmig rings um sie explo- dicren und einen Kraus von ivatteweißer Rauchslocken bilden. Es ist ein unvergeßliches Schauspiel! Jetzt befindet sich die„Taube" gerade über meinem Kopse: sie will offenbar zu dem ganz in der t>cähe gelegenen belgischen Kriegsministerium fliegen. Ich sehe, daß es gefährlich wird, diesem Schauspiel als müßiger Zuschauer beizuwohnen, und suche eine Zuflucht. Aber wo eine rinden? Ich habe nur die eine Empfindung: du mußt dich jetzt verstecken, mußt verschwinden, willst dein Leben zu retten suchen. Und ich laufe mit anderen Leuten in einen Keller. Man zündet Streichhölzchen an, um den Ort. der uns Schutz bieten soll, einer näheren Besichtigung zu unterziehen. Von draußen dringt immer heftiger werdender Kanonendonner hinein. Einer erzählt, daß in Malo, von Ivo er eben gekommen sei, eine„Taube" zehn Menschenopfer gefordert habe, und daß auf der Landstraße zwei Tote lägen. Es vergehen ein paar Sekunden: uns dünken sie eine Ewigkeit. Plötzlich gibt es ein furchtbares Getöse; ihm folgt cine Erschütterung, die an ein Erdbeben erinnert. Das ist eine Bombe, jetzt eine zweite, und das geht so zehn Minuten lang. Alles hält den Atem an: wird man in wenigen Augenblicken nicht ver- iifchtet sein? Man öffnet ein wenig die Kellertür... die 7öcr schießen noch, die Maschinengewehre auch. Man wartet noch ein Weilchen, bis man nichts mehr hört. Nun da die Gefahr vorüber ist, verläßt alles das Versteck, und bald füllen sich die Straßen wieder mit Menschen. Aus der Kirche kommen die Beter, viele Frauen mit rotgeweinten Augen. Man hört im Vorübergehen: „Das dritte Mal seit zehn Tagen... Es war ein ganzes Ge- fchwader... Ach habe zehn gezählt... Das Haus des Dr. X. haben sie vollständig zertrümmert..." Ich begebe mich dorthin und sehe taksächlich, daß das ganze zweistöckige Haus wie aufgc- rissen ist; die Autzenmauer ist zerstört, und von der Straße steht man durch das riesige Loch, das die Explosion gerissen, bis zum ersten Stock sämtliche Zimmer eingestürzt und sämtliche Möbel zersplittert. Alle Nachbarhäuser haben mehr oder weniger gelitten, alle Fensterscheiben sind zerbrochen. Die Familie T. hatte sich noch rechtzeitig in den Keller geflüchtet, und es ist ein wahres Wunder, daß niemand verletzt worden ist. Ich treffe Bekannte, die mir bestätigen, daß in Malo mehrere Tote und Verwundete liegen. Poincare sollte dorthin kommen(er kommt aber echt morgen), und die Deutschen, die immer vorziig- lich unterrichtet sind, haben ihm ihren Gruß entbieten wollen. Des- halb haben sie in Malo das Kasino beschossen, und die Flieger ivarfen Zettelchen hinunter, auf welchen geschrieben stand:„Herz- Iich willkommen, Herr Poincare." Ter Dichter und Volkslieder- sänger Botrel schließt sich uns an. Er. erzählt, daß er in den Schützengräben gewesen sei und selbst an'den gefährlichsten Orten den Soldaten Vaterlandslieder vorgesungen habe. Die Unterhaltung wird immer lebhafter, und wir haben die„Taube" bereits ver- gessen. Sie aber uns nicht. Eine«tunde später, als das Volk ans den immer gut besetzten Speisewirlschaften kam. erdröhnte die Sturmglocke von neuem. Es war wieder eine„Taube" sichtbar, und ich befand mich wieder in der Nähe des belgischen Kriegs- ininisteriums, wo die Lage genau so schlimm war wie vorher, denn das Ministerium war wieder das Hauptziel des deutschen Angriffes. Es gab diesmal aber nur ein paar Explosionen, denn die„Taube" mußte sich bald zurückziehen, da Aeroplane der Verbündeten die Verfolgung aufzunehmen begannen..." kleines Zeuilleton. �rühgermanisihe Kunst. Im Kaiser-Friedrich-Museum, im Saale der Raphael-Teppiche, ist eine sehr interessante Ausstellung fnihgcrmanischer Alterlümer zu sehen. Es Handell sich um Metallarbeiten, um Gewand- nadeln und Waffen, um Schmuck für Hals und Arme, um Salben- gesäßc und dergleichen Gegenstände mebr: auch einige Gläser stehen daneben. Die Funde sind ostgonschen Ursprunges und gehören dem 4. bis 7. Jahrhundert der nachchristlichen Zeit an; sie stammen aus latalombenartigen Gräbern in Südrußland, die bis zu 7 Meter unter der Erdoberfläche liegen. ES ist sehr merkwürdig, angesichts der Meisterioerke der Hochrenaissance, deren ruhige Größe den Saal erfüllt, angesichls der vollkommenen Ausgeglichenheit raphaelischer Kompositionen, die ersten, tastenden Anfänge einer Kunst zu sehen, die ihrem innersten Wesen nach der Antike und allen deren Wand- lungen, der Renaissance und deren Gefolgschaften, feindlich ist. So unangenehm es auch scheinen mag. die Erzeugnisse menschlicher Kindheit mit den reifen Dokumenten einer gealterten Raste zu ver- gleichen, so richtig ist es dennoch, dem Instinkt zu vertrauen, der Gegensätze schon im Keime wittert. Jn�den hier beieinander liegenden frühgermanischen Bronzen pulst spürbar jene geheime Gotik, von der Worringer in seinem geist- vollen Buch.Formprobleme der Gotik" sprich!. Noch hat es Jahr- hunderte gedauert, ehe die gotische Welle nach Gallien gelangte, um dort wiederum in jahrhundertelanger Entwicklung schließlich die gewallige Offenbarung der gotischen Dome zü zeugen: aber schon in den Embryonen, die, von skyttschen Elementen und manchen anderen unbekannten Einflüffen östlicher Zonen durchsetzt, bisher in russischen Felsgräbern ruhten, rekelt sich die gotische Freude an der Unregelmäßigkeit, an der Tier- phanrastik, an einer rnnenbaften Wirrnis, die zugleich sinnlich und mystisch wirkt. Diese Ornamente waren zu einem Teil Beschwörung?- formeln, zum anderen Umdeuttingen der Natur. Solche Wandlung läßt sich an Adlerköpfen, die irgendwann einmal naturalistisch über- nomnien sein müssen, an Ebergestallen, auch an einigen Blatttormen gut verfolgen._ Mau sieht, wie das Ornameitt eine Verkürzung der Wirkuchkeit leiste:, eine Verkü.'ninernng, die künstlerisch eine Klärung bedeutet. Aus dem Adlerkopf wird schließlich ein runder Akzent, eine Eckbetonung, ein Leuchtpunkl. Auch technische Notwendigkeilen wandeln sich solchen Weges zum ornamentalen Spiel. Die Endstellen einer über die Fibelplatte hinausragenden Federung bleiben formal erhalten, auch nachdem die Federung selbst überflüssig wurde und verschwand; es gesellen sich sogar nach und nach zu den ornamental in Kugeln verwandelten Nadelendungen noch zwei und mehr Schmuckkugeln. Einige der ausgestelllen Stücke find von großem dekorativen Reiz, so eine Halskette aus Goltz und blauen Emailleperlen, eine andere aus Chalcedonperlen und schlanken Goldröhrchen. Es dürste wenige Goldschmiede geben, die gegenwärtig solch ausdrucksstarkes Kunstgewerbe hervorbringen können. Auch die Art, wie Gold- pläilchen weich gehämmert wurden, berichtet von begabten Finger« spitzen._ E. Er. östvegung und Wachstum. . Ter Einfluß, den die Bewegung, d. h. eine Arbeitsleistung, auf das Wachstum des Körpers ausübt, ist lange und allgemein bekannt. Man denkt dabei in erster Linie an die Veränderungen und das Stärkerwerden der Muskulatur nach einem Training. Der prall hervortretende Biceps des Athleten steht im Gegensatz zu der dünn gewordenen Muskulatur des Oberschenkels, die der zu längerem Liegen verurteilte Kranke aufweist lJnakiivitäts- atropbie). Allein diese Veränderungen beziehen sich keineswegs auf die Muskulatur allein, sondern sie betreffen auch die meisten anderen Organe des Körpers. Für das Herz, das einen zu einer Pumpe modifizierten Muskelschlauch darstellt, kennt man diese Er- scheinung aus der Pathologie. Wenn irgendwie im Kreislaufe größere Arbeit zu leisten ist, wird es größer und dicker. Unter sonst normalen Verhältnissen kann man nach Untersuchungen Prof. Külbs ein durch stärkere Arbeit entstehendes Wachsen be- sonders in der Jugend des Individuums beobachten. Hunde, die der genannte Forscher in dem Hundegözel Laufarbeit verrichten fieß, zeigten ein höheres Herzgewicht und stärkere Muskulatur als in Ruhe gehaltene Kontrolltiere. Dasselbe ergab sich bei Schweinen. Dafür hatten die Kontrolltiere einen umso reicheren Fettansatz. An dem Wachstum aber nahm nicht nur das Herz teil, sondern in noch höherem Maße die Leber. Bei der chemischen Analyse fand sich ein höherer Lecithingehalt. Auch das Knochenmark zeigte Ab- weichungen: gelbes, verfettetes beim Kontrolltier, rotes beim Arbeitstier.� Wenn man diese theoretischen Feststellungen in die Praxis umsetzen will, so möge man sich noch des Bewegungs- dranges der jungen wildlebenden Tiere erinnern, die sich in Be- wegungS- und Jagdspielen äußern. Dies wird dazu führen, daß man den instinktiven Bewegungsdrang der heranwachsenden Kinder für etwas physiologisch Zweckmäßiges und Notwendiges schätzen lernt. Jugendspiele, Turnen und Sport sind die Mittel, mit denen den natürlichen Bedürfnissen Rechnung getragen werden kann. Der /fozdgentei! a!s Mchtllngspost. Jedem Zeitungsleser ist es bekannt, daß der Anzeigenteil der Presse oft als verschwiegenes Postamt Dienste zu leisten hat. Während es aber für gewöhnlich nur die heimlich Liebenden sind, die durch Zeitungsanzeigen den ihnen verbotenen brieflichen Ver- kehr miteinander unterhalten, so ist dem Anzeigenteile einer Reihe von holländischen Zeitungen gegenwärtig die weit ernstere Ausgabe zugefallen, den Verkehr flüchtiger belgischer Familien, deren Mit- glieder durch die kriegerischen Ereignisse auseinander gesprengt worden sind, zu vermittelt!. Besonders sind es die R o t t e r- d a m e r Blätter, aus deren Anzeigen man jetzt ganze Romane herauslesen kann. Ein großer Teil dieser eigentümlichen Flücht- lingspost enthält keine weitere Mitteilungen als die, daß die eilt- flohenen Familienmitglieder glücklich angekommen sind, womit sich dann in der Regel Grüße und Küsse aus der Ferne verbinden. Adressen werden angegeben oder erbeten, teure Personen um ein Lebenszeichen ersucht. Zuweilen geben aber die Anzeigen auch Kenntnis von den Schicksalen, die den Flüchtlingen auf ihrer Reise zustießen. So meldet einer„viele Scherereien', ein Zweiter, daß die Reise sich nicht ohne Zwischenfälle vollzogen habe,„über die wir uns jetzt sehr amüsieren". Ernster ist es„Adolf und Jdel" er- gangen, die„trotz großer Gefahr" durchgekommen sind. Wieder ein anderer Flüchtling macht seinen Augehörigen belannk, daß er schreckliches Wetter, im übrigen aber gute Ueberfahrt gehabt habe. E» ist anzunehmen, daß dieser Flüchtling sich nach England ge- wandt hat, welches überhaupt in den Zeitungsmitteilungcn a!s häufiges Ziel dieser belgischen Heimatlosen wiederkehrt, während die Anzeige, daß ein Flüchtling sich nach Frankreich begeben hat, überaus selten ist. Eine andere Gruppe von Anzeigen betrifft Aufträge und Besorgungen, die auf diesem Wege vermittelt und erledigt werden. Mit Befriedigung nimmt man davon Kenntnis, daß Helene, Daan und Ben das Packet mit Wurst erhalten haben und daß es„lecker" schmecke. Das Verlangen nach Geld kehrt bc- grerflicherweise manch liebes Mal in den Fluchtlingsanzeigeu wieder; sehr vereinzelt hingegen steht die Mitteilung, daß der Adressat der Anzeige nächsten Sonnabend dem Zigarrenboten Ivb Mechelner Katechismen in französischer«spräche mitgeben möge. Das Rührende und das Humoristische geht in dieser Flüchtlingspost in wunderlicher Weise durcheinander. Wenn man liest, daß in einer Anzeige der Trauring und„Roberts Bildnis" erbeten oder wenn in einer anderen mitgeteilt wird, daß Jaques jetzt S'A Pfund wiege, so denkt man unwillkürlich an zärtliche Gattinnen und Mütter; ein ganz anderes Bild hingegen empfängt man von jener „Jeanne", die nach dem roten Samtmantel sowie nach dem schwarzen Kleide mit weißen Spitzen und fliederfarbenen Gürtel verlangt. Oft handelt es sich um Papiere, die«rbeten oder ab- gesandt werden, und gerade in diesen Fällen befleißigen sich die Anzeigen oft der größten Vorsicht und absichtlicher Unklarheit. So heißt es z. B.:„Das Paket Steuerrechnungen Bestimmung Haag ist vorsichtshalber ohne Begleirschrift abgegangen." Kurz, man sieht, die Rotterdamer Flüchtlingspost bietet vielerlei interessante Einzelheiten._ Notizen. — Vorträge, lleber den„Krieg in der Luft" wird am Mittwoch abend 8 Uhr Profestor Dr. SpieS an der Hand von Licht- bildern aus Posen einen Vortrag im großen Auditorium der Urania hallen. — Ruhe und Würde haben die Berliner akademischen Körperschaften ininitten des Hasses der Völker bewahrt. Sie haben ihre Btitglieder, die feindlichen Staaten angehören, nicht ausgc- schloffen. Und so sind in dem neuen Mitgliederverzcichnisse der Akademie der Wissenschaften 17 Franzosen, 13 Briten, 3 Russen, 2 Belgier als korrespondierende Mitglieder aufgeführt. Auch die Akademie der Künste führt ihre ausländischen Mitglieder alle weiter. — Ausschreiben zur Erlangung von Künstler- Postkarten. Das Zentralkomitee der Deutschen Bereine vom Roten Kreuz wünscht Entwürfe von Künstlerpostlarten auf Grund solgenden Ausschreibens: Die Zeichnungen sind in eineinhalbfacher Postkartengröße bis längstens 3. Februar an das Zenlralkonritee vom Roten Kreuz, Berlin, Herrenbaus, unter Angabe von Namen und Adresse des Ver- fertigers einzusenden. Für die Herstellung ist die Verwendung von 3 Platten(1 schwarze Platte, 2 Farbplatten) zulässig. Die Dar« stellung mutz in Beziehung zu den Zeitereignissen stehen. Für 20 Zeichnungen, deren Vervielfältigungsrecht auf das Zentralkomitee übergehl, werden Ehrenhonorare von je 50 M. gewährr. — Krieg und Erfinder. Nach dem„Blatt für Patent-, Muster- und Zeichenwesen" betrug die Zahl der Patenlanmeldungen tu der 1. Kriegswoche 287: bis zur 4. Woche sank sie auf 225. stieg in der 6. Woche wieder auf 284, um in der 8. Woche den niedrigsten Stand zu erreichen. Vom Oktober ab ist ein ständiges Ansteigen zu verzeichnen, bis in der 15. Woche 389 Anmeldungen gezählt wurden, also mebr als in der ersten Knegswoche. Der Krieg hat also eine Belebung der erfinderischen Täligkeii bewirkt. Für Gebrauchsmuster- und Warenzeichenanmeldungen liegen die Ver- hältmsse ähnlich. — Neue wissenschaftliche Institute— trotz des Krieg es. Im Senat der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft wurde ein- stimmig beschlossen, die Errichlung der geplanten Äaiser-Wilhelm- Jnstitttte für Physiologie und Hirnforschung alsbald in Angriff zu nehmen. Die dazu erforderlichen Mittel wurden bereit- gestellt. Der Senat nahm ferner von der bevorstehenden Eröffnung des in Dahlem errichteten Kaiser-Welhelm-Jnstituts für Biologie Kenntnis. — Ein Z a h l n n g s w i l l i g e r. In der„Humanite" lesen wir folgende heitere Notiz: Der Soldat L. vom 145. Linienregiment erhielt in der Schlachtlinie die Aufforderung einer Bank, eine gc« schuldere Summe zu bezahlen. Er antwortete mit nachstehendem geistreichen Brief:.Da ich immer meinen Verpflichtungen nach- gekommen bin, halte ich den Betrag dieses Wechsels zu Ihrer Per- fügung. Sie haben also nur Ihren Kassenbolen in die von meiner Kompagnie besetzten Schützengräben zu schicken. Der Weg ist ziem- sich gefährlich und die Deutschen find gute Schützen. Ich gebe also Ihrem Kassenbolen den Rat, seinen Zweisvitz i c n e l'm MiMen überraschend schnell. Nur echt mit Marke Fl. �..Medico"»� Fi. SO Pf.